Der Lügnerknoten - Rabe und Rose, Band 4 - MA Carrick - E-Book

Der Lügnerknoten - Rabe und Rose, Band 4 E-Book

MA Carrick

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Beschreibung

Auch als offizielles Mitglied von Haus Traementis lebt Hochstaplerin Ren weiter mit der Gefahr, dass ihr Lügengeflecht aufgedeckt werden und ihre wahre Herkunft ans Licht kommen könnte. Wie weit wird sie gehen, um sich zu schützen, und wem kann sie wirklich vertrauen? Derweil taucht ein weiteres Medaillon aus der Amtskette des Tyrannen Kaius Rex auf und erregt die Aufmerksamkeit des Raben. Die Macht dieser numinatrischen Medaillons ist unvergleichlich, und sie dürfen auf gar keinen Fall in die falschen Hände geraten oder gar wieder vereint werden – inzwischen sind jedoch gleich mehrere Parteien hinter ihnen her, und manche schrecken vor nichts zurück. Nach und nach werden immer mehr Geheimnisse gelüftet, Beziehungen überdacht und Bündnisse geschmiedet. Um eine schreckliche Katastrophe zu verhindern, finden sich einstige Feinde plötzlich auf derselben Seite wieder …

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2025

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AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH

M. A. CARRICK:DIE MASKE DER SPIEGEL(Rabe und Rose, Band 1)

ISBN 978-3-8332-4485-8

M. A. CARRICK: STURM GEGEN STEIN(Rabe und Rose, Band 2)

ISBN 978-3-8332-4570-1

M. A. CARRICK: DAS PFAUENNETZ(Rabe und Rose, Band 3)

ISBN 978-3-8332-4571-8

Nähere Infos und weitere fantastische Bände unter:

paninishop.de/phantastik/

Rabe und Rose 4

Ins Deutsche übertragen von Kerstin Fricke

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2021 by Bryn Neuenschwander and Alyc Helms

Cover design by Lauren Panepinto

Cover illustration by Nekro

Cover copyright © 2021 by Hachette Book Group, Inc.

Map by Tim Paul

Titel der Englischen Originalausgabe: »The Liar’s Knot (Rook and Rose 2)« (Part 2) by M. A. Carrick, published December 2021 in the US by Orbit, an imprint of Hachette Book Group, New York, USA.

Deutsche Ausgabe 2025 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Kerstin Fricke

Lektorat: Mona Gabriel

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDCARR004E

ISBN 978-3-7569-9948-4

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, Mai2025, ISBN 978-3-8332-4640-1

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

Für Kyle und Adrienne, die uns Platz gemacht haben

Dramatis Personae

Ren – alias Renata Viraudax alias Arenza Lenskaya, Schwindlerin

ADLIGE

Haus Acrenix

Eret Ghiscolo Acrenix – leitet Haus Acrenix, Caerulet im Cinquerat

Carinci Acrenix – seine Stiefmutter

Sibiliat Acrenix – seine Tochter und Erbin

Fadrin Acrenix – ein Cousin

Haus Coscanum

Faella Coscanum – Schwester des Leiters des Hauses

Marvisal Coscanum – seine Großnichte

Bondiro Coscanum – sein Großneffe

Haus Destaelio

Era Cibrial Destaelio – leitet das Haus Destaelio, Prasinet im Cinquerat

Eutracce Destaelio – eine ihrer vielen Töchter

Haus Extaquium

Eret Sureggio Extaquium – leitet das Haus Extaquium

Parma Extaquium – eine Cousine

Haus Fintenus

Egliadas Fintenus – ein Cousin

Nencoral Fintenus – eine Cousine

Haus Indestor (aufgelöst)

Eret Mettore Indestor – leitete einst das Haus Indestor, ehemaliger Caerulet im Cinquerat

Mezzan Indestor – sein Sohn und Erbe

Breccone Simendis Indestris – eingeheiratet aus dem Haus Simendis (verstorben)

Meppe Indestor – ein Cousin

Haus Novrus

Era Sostira Novrus – leitet das Haus Novrus, Argentet im Cinquerat

Benvanna Ecchino Novri – ihre neueste Gattin

Iascat Novrus – ihr adoptierter Erbe

Haus Quientis

Eret Scaperto Quientis – leitet das Haus Quientis, Fulvet im Cinquerat

Haus Simendis

Eret Utrinzi Simendis – leitet das Haus Simendis, Iridet im Cinquerat

Haus Traementis

Era Donaia Traementis – leitet das Haus Traementis

Leato Traementis – ihr Sohn (verstorben)

Giuna Traementis – ihre Tochter

Letilia Traementis – ihre ehemalige Schwägerin, früher Lecilla genannt

Colbrin – Dienstbote

Suilis Felsi – eine Dienerin

Haus Vargo

Eret Derossi Vargo – Verbrecherboss und geschäftstüchtiger Unternehmer

Meister Peabody – eine ungewöhnliche Spinne

DELTA-OBERSCHICHT

Tanaquis Fienola – Astrologin und Inskriptorin in Diensten des Iridet

Agniet Cercel – Kommandantin der Wache

Ludoghi Kaineto – Leutnant der Wache

Facosse Dimiterro – Oberbefehlshaber der Wache

Rimbon Beldipassi – Emporkömmling

Quaniet Scurezza – Leiterin ihres Hauses

Idaglio Minzialli – ein wohlhabender Gentleman

Orrucio Amananto – allgegenwärtiger Gentleman

DIE STADNEM ANDUSKE

Koszar Yureski Andrejek – einstiger Anführer der Stadnem Anduske

Ustimir Hraleski Branek – sein Rivale und der neue Anführer

Idusza Nadjulskaya Polojny – Andrejek treu ergeben

Ardaš Orsolski Ljunan – Andrejek treu ergeben

Šidjin Drumaskaya Gulavka – Branek treu ergeben

Dmatsos Krasnoski Očelen – Branek treu ergeben

Tserdev Krasnoskaya Očelen – seine Schwester, leitet den Knoten Purpuraugen

VRASZENIANER

Grey Serrado – Hauptmann der Wache

Kolya (Jakoslav) Serrado – Greys Bruder (verstorben)

Alinka Serrado – Kolyas Witwe, eine Kräuterkundlerin

Yvieny und Jagyi – ihre Kinder

Dalisva Mladoskaya Korzetsu – Enkelin des Kiraly-Clananführers

Mevieny Plemaskaya Straveši – eine blinde Szorsa der Dvornik

Ivrina Lenskaya – Rens Mutter, eine Ausgestoßene (verstorben)

DIE STRASSE

Nikory – einer von Vargos Leutnants

Pavlin Ranieri – ein Schutzmann der Wache

Arkady Bones – Boss des größten Knotens in Fleischmarkt

Dvaran – Wirt des Glotzenden Karpfen

Oksana Ryvček – Duellantin

Tess – Rens Schwester

Sedge – Rens Bruder

Ondrakja – ehemalige Anführerin der Finger, auch als Mütterchen Lindwurm bekannt (verstorben)

FREMDE

Diomen – ein Seterin-Inskriptor

Kaius Sifigo – alias Kaius Rex alias der Tyrann, Eroberer von Nadežra (verstorben)

Varuni – soll eine Investition in Vargo beschützen

Der Rabe – ein Gesetzloser

Glossar

Advokat: Individuum mit der Lizenz, Geschäfte innerhalb des Privilegienhauses zu tätigen, im Allgemeinen im Auftrag eines Adelshauses.

Alta/Altan: Titel für Adlige, die ihr Haus nicht leiten.

Argentet: Einer der fünf Sitze im Cinquerat; wird mit »Eure Eleganz« angesprochen. Argentet ist für alle kulturellen Belange der Stadt zuständig, darunter Theater, Feste und die Zensur von Schriftstücken.

Aža: Eine Droge aus pulverisierten Samenkörnern. Zwar wird sie allgemein als Halluzinogen angesehen, doch die Vraszenianer glauben, Aža würde es ihnen ermöglichen, Ažerais’ Traum zu erblicken.

Ažerais’ Traum: Dieser Ort, von den Inskriptoren als »Reich der Gedanken« bezeichnet, ist ein vielschichtiges Spiegelbild der wachen Welt, und zwar sowohl ihrer Vergangenheit als auch dem, wie sie sich metaphorisch in der Gegenwart ausdrücken lässt.

Ča: Titel bei der Anrede von Vraszenianern.

Caerulet: Einer der fünf Sitze im Cinquerat, wird mit »Euer Gnaden« angesprochen. Caerulet ist zuständig für die militärischen Angelegenheiten der Stadt, darunter die Gefängnisse, Befestigungen und die Wache.

Cinquerat: Der Rat aus fünf Mitgliedern regiert Nadežra seit dem Tod des Tyrannen. Jeder Sitz hat einen eigenen Verantwortungsbereich. Siehe Argentet, Fulvet, Prasinet, Caerulet und Iridet.

Clan: Vraszenianer werden traditionell in sieben Clans unterteilt: die Anoškin, die Dvornik, die Ižranyi, die Kiraly, die Meszaros, die Stretsko und die Varadi. Die Ižranyi sind vor Jahrhunderten durch eine übernatürliche Katastrophe ausgestorben. Jeder Clan besteht aus mehreren Kretse.

Durchdringung: Eine Form der handwerksbasierten Magie, die Objekte effektiver werden lässt: Eine durchdrungene Klinge schneidet besser, wird nicht stumpf und rostet nicht, während ein durchdrungener Mantel wärmer, wasserdichter oder verhüllender ist. Es ist zudem möglich, wenngleich weitaus schwieriger, eine Darbietung zu durchdringen.

Era/Eret: Titel für jene, die ein Adelshaus leiten.

Fest des verschleiernden Wassers: Ein jährlich im Frühling stattfindendes Fest in Nadežra, wenn der Nebel die Stadt etwa eine Woche lang einhüllt.

Fulvet: Einer der fünf Sitze im Cinquerat, wird mit »Euer Ehren« angesprochen. Fulvet ist für die städtischen Belange verantwortlich, darunter den Grundbesitz, öffentliche Bauarbeiten und die Justiz.

Gesichter und Masken: Laut der vraszenianischen Religion findet sich die göttliche Dualität, die vielen Glaubensrichtungen gemein ist, in einer einzigen Gottheit, die einen gütigen Aspekt (das Gesicht) und einen böswilligen Aspekt (die Maske) besitzt.

Großer Traum: Ein heiliges Ereignis für Vraszenianer, bei dem sich die Quelle von Ažerais in der wachen Welt manifestiert. Dies geschieht nur alle sieben Jahre während des Fests des verschleiernden Wassers

Illi: Das Numen, das in der Numinatria sowohl mit 0 als auch 10 assoziiert wird. Es repräsentiert Anfänge, Enden, die Ewigkeit, die Seele und das Selbst des Inskriptors.

Inskriptor: Anwender der Numinatria.

Iridet: Einer der fünf Sitze im Cinquerat, wird mit »Euer Heiligkeit« angesprochen. Iridet ist zuständig für die religiösen Belange der Stadt wie die Tempel, Numinatria und die Pilgerfahrt des großen Traums.

Kaius Sifigno/Kaius Rex: siehe der Tyrann.

Kanina: Der »Ahnentanz« der Vraszenianer zu bestimmten Gelegenheiten wie Geburten, Hochzeiten und Todesfällen. Wird er gut genug dargeboten, kann er die Götter der Vorfahren der Tänzer aus Ažerais’ Traum herbeirufen.

Knoten: Begriff aus dem vraszenianischen Brauchtum, der eine Straßenbande in Nadežra beschreibt. Die Mitglieder zeigen ihre Zugehörigkeit mit einem verknoteten Talisman, sind jedoch nicht verpflichtet, ihn offen zu tragen.

Koszenie: Ein vraszenianischer Schal, der die mütterlichen und väterlichen Vorfahren eines Individuums im Muster der Stickerei aufführt. Man trägt ihn üblicherweise zu besonderen Anlässen wie bei der Aufführung der Kanina.

Kretse: (Sing. Kureč) Vraszenianische Abstammungslinie, Untergruppe eines Clans. Der dritte Teil eines traditionellen vraszenianischen Namens kennzeichnet den Kureč, dem das Individuum angehört.

Lihoše: (Sing. Lihosz) Vraszenianischer Begriff für eine Person, die als weiblich geboren wurde, jedoch eine männliche Rolle übernimmt, um seinen Kureč anzuführen. Lihoše-Patronyme enden im Plural und geschlechtsneutralen »-ske«. Ihr Gegenpart sind die Rimaše, die männlich geboren wurden, jedoch die weibliche Rolle übernehmen und Szorsa werden.

Meda/Mede: Titel für die Mitglieder der Deltahäuser.

Muster: In der vraszenianischen Kultur ist »Muster« ein Begriff für das Schicksal und die Verbundenheit der Dinge. Es wird als Geschenk der Ahnengöttin Ažerais angesehen und kann durch die Interpretation eines Musterdecks verstanden werden.

Musterdeck: Ein Deck, das momentan aus sechzig Karten besteht, die in drei Farben, auch Fäden genannt, aufgeteilt werden. Der Spinnfaden repräsentiert das »innere Selbst« (die Gedanken und den Geist), der Wollfaden das »äußere Selbst« (gesellschaftliche Beziehungen) und der durchtrennte Faden das »körperliche Selbst« (den Körper und die materielle Welt). Jeder Faden enthält sowohl freie als auch Aspektkarten, wobei Letztere auf den wichtigsten Gesichtern und Masken aus der vraszenianischen Religion beruhen.

Nacht der Glocken: Ein jährlich stattfindendes Fest, das den Tod des Tyrannen feiert und die Zeremonie der Unterzeichnung des Abkommens beinhaltet.

Ninat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 9 assoziiert wird. Es repräsentiert Tod, Befreiung, Vollendung, Vergötterung und die Grenze zwischen dem Weltlichen und der Unendlichkeit.

Noctat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 8 assoziiert wird. Es repräsentiert Gefühl, Sexualität, Fortpflanzung, Ehrlichkeit, Erlösung und Buße.

Numina: (Sing. Numen) Die Numina sind eine Reihe von Zahlen von 0–10, die in der Numinatria zum Kanalisieren magischer Kräfte verwendet werden. Sie bestehen aus Illi (sowohl 0 als auch 10), Uniat, Tuat, Tricat, Quarat, Quinat, Sessat, Sebat, Noctat und Ninat. Jedes Numen steht in besonderer Beziehung zu Konzepten wie Familie oder Tod und wird zudem mit Göttern, Farben, Metallen, geometrischen Figuren etc. assoziiert.

Numinatria: Eine Form der Magie, die auf heiliger Geometrie basiert. Auf diese Weise entstandene Werke werden Numinata (Sing. Numinat) genannt. Bei der Numinatria wird die Macht der ultimativen Gottheit namens Lumen kanalisiert, die sich in den Numina manifestiert. Um zu wirken, muss ein Numinat einen Fokus besitzen, durch den es die Macht des Lumen bezieht; die meisten Fokusse beinhalten den Namen eines Gottes, der in der uralten Enthaxn-Schrift festgehalten wird.

Prasinet: Einer der fünf Sitze im Cinquerat, wird mit »Eure Barmherzigkeit« angesprochen. Prasinet ist zuständig für die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Stadt, wozu die Steuern, Handelsrouten und Gilden gehören.

Prismatium: Ein schillerndes Metall, das mithilfe der Numinatria hergestellt und mit Sebat assoziiert wird.

Privilegienhaus: Der Sitz der Regierung von Nadežra, in dem sich auch die Büros des Cinquerats befinden.

Quarat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 4 assoziiert wird. Es repräsentiert Natur, Nahrung, Wachstum, Wohlstand und Glück.

Quelle von Ažerais: Das heilige Gebiet, um das man die Stadt Nadežra errichtet hat. Die Quelle existiert in Ažerais’ Traum und manifestiert sich nur während des großen Traums in der wachen Welt. Wenn man von ihrem Wasser trinkt, erhält man das wahre Verständnis des Musters.

Quinat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 5 assoziiert wird. Es repräsentiert Macht, Exzellenz, Führung, Heilung und Erneuerung.

Sebat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 7 assoziiert wird. Es repräsentiert Handwerkskunst, Reinheit, Abgeschiedenheit, Verwandlung und Perfektion im Unvollkommenen..

Seele: In der vraszenianischen Kosmologie besteht die Seele aus drei Teilen: der Dlakani oder »persönlichen« Seele, der Szekani oder »verknoteten« Seele und der Čekani oder »körperlichen« Seele. Nach dem Tod gelangt die Dlakani ins Paradies oder in die Hölle, die Szekani lebt in Ažerais’ Traum weiter, und die Čekani wird wiedergeboren. In der Liganti-Kosmologie steigt die Seele durch die Numina zum Lumen auf, um zur Wiedergeburt wieder herabzusteigen.

Sessat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 6 assoziiert wird. Es repräsentiert Ordnung, Stillstand, Institutionen, Schlichtheit und Freundschaft.

Sonne/Erde: Gegensätzliche Begriffe, die in der Liganti-Kultur für viele Zwecke verwendet werden. Die Sonnenstunden erstecken sich von 6 bis 18 Uhr, die Erdstunden von 18 bis 6 Uhr. Sonnenhänder sind Rechtshänder, Erdhänder Linkshänder. In Sonnenrichtung und in Erdrichtung bedeutet im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn oder, wenn es um Menschen geht, dass ein Mann weiblich oder eine Frau männlich geboren wurde.

Szorsa: Deuterin des Musterdecks.

Tricat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 3 assoziiert wird. Es repräsentiert Stabilität, Familie, Gemeinschaft, Vollendung, Starrheit und Versöhnung.

Tuat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 2 assoziiert wird. Es repräsentiert das Andere, Dualität, Kommunikation, Gegensätze und das Lineal des Inskriptors.

Tyrann: Kaius Sifigno, auch Kaius Rex genannt. Dieser Liganti-Kommandant eroberte ganz Vraszan, doch laut den Legenden endete sein Eroberungszug, weil er seinen diversen Lastern erlag. Der Tyrann galt als untötbar, starb jedoch den Gerüchten zufolge an einer Geschlechtskrankheit. Sein Tod wird während der Nacht der Glocken gefeiert.

Uniat: Das Numen, das in der Numinatria mit der 1 assoziiert wird. Es repräsentiert den Körper, Selbsterkenntnis, Erleuchtung, Zurückhaltung und die Kreide des Inskriptors.

Vraszan: Der Name der Region und des lockeren Bunds aus Stadtstaaten, dem Nadežra früher angehörte.

Wache: Die Wache hält Recht und Ordnung in Nadežra aufrecht und trägt den Spitznamen »Falken« nach ihrem Emblem. Sie ist von der Armee des Stadtstaats unabhängig, überwacht die Stadt und wird von einem Hochkommandanten angeführt, der Caerulet unterstellt ist. Ihr Hauptquartier befindet sich im Horst.

Zeremonie der Unterzeichnung des Abkommens: Ein Ritual im Gedenken an die Unterzeichnung des Friedensabkommens, das den Krieg zwischen den Stadtstaaten Vraszan und Nadežra beendete, wobei Letzterer unter die Kontrolle der Liganti-Adligen fiel. An der Zeremonie nehmen die Ziemetse und die Mitglieder des Cinquerat teil, und sie findet einmal im Jahr während der Nacht der Glocken statt.

Ziemetse: (Sing. ziemič) Die Anführer der vraszenianischen Clans, auch »Clanälteste« genannt. Jeder trägt einen Titel, der dem Namen des jeweiligen Clans entlehnt ist: Anoškinič, Dvornič, Kiralič, Meszarič, Stretskojič, Varadič und (früher) Ižranjič.

Vierter Teil

1

Der beständige Geist

Isla Traementis, die Perlen: 4. Canilun

Ren beschloss, trotz der furchtbar späten Stunde wach zu bleiben, nachdem sie durch ihr Fenster zurück in ihr Zimmer geklettert war. Es schien unmöglich, dass der große Ball erst früher an diesem Abend stattgefunden hatte; seitdem war so viel passiert, dass es ihr wie ein Monat vorkam. Sie musste nachdenken.

Sie zog sich einen Morgenmantel über, setzte sich am Fußende ihres Bettes auf den Boden und ließ zur Belustigung der klugen Natalya die Schärpe herunterbaumeln und über den Boden gleiten – und als sie aufwachte, lag ein dösendes Fellknäuel in ihrem Schoß, und Tess und Suilis schrien besorgt auf.

»Der Brief aus Seteris?«, flüsterte Tess eindringlich, nachdem sie Suilis losgeschickt hatte, um frisches Wasser zum Waschen und Frühstück für das Kätzchen zu holen.

»Zerstört.« Ren zuckte zusammen, als direkt hinter ihrer Tür mehrere laute Geräusche zu hören waren.

»Einige ziehen ein, andere ziehen aus. Uns bliebe einiges erspart, wenn die neuen Cousins und Cousinen in Quientis’ Villa wohnen würden«, sagte Tess forsch, gerade als eines der anderen Dienstmädchen hereinkam und fragte, ob die Alta wünsche, Era Traementis zu verabschieden.

Unten fand Renata eine Szene vor, die trotz der Hektik zu gut organisiert war, um sie als Chaos zu bezeichnen. Colbrin hatte die Aufsicht und leitete eine Ameisenbrigade von Dienstboten an, von denen einige in Quientis-Livree gekleidet waren und Koffer zu einem draußen wartenden Karren trugen. Verwirrt fragte Renata: »Will sich Donaia an der Bucht ausruhen, oder zieht sie nach Seste Ligante?«

»Ich wusste nicht, was sie mitnehmen will.« Sie drehte sich um und sah Giuna in der Nähe stehen und die Hände ringen. »Es schien mir einfacher … nun ja … einfach alles einpacken zu lassen.«

Das Händeringen galt jedoch nicht nur Donaias Abreise. Ruhiger fuhr Giuna fort: »Das Problem, von dem ich dir gestern Abend erzählt habe. Was wollen wir dagegen tun?«

Wir, nicht du. Es fiel Ren noch immer schwer, solche Worte aus dem Mund von jemand anders als Tess oder Sedge zu hören. Zu viele Jahre hatte sie nur diese beiden gehabt. Und Giuna hatte nicht einmal gefragt, was in einem Brief aus Seteris stehen könnte, das man gegen sie verwenden würde.

»Es ist erledigt«, erwiderte Renata, und dann ersparte ihr Alinkas Eintreffen glücklicherweise weitere Worte über das, was in Weißsegel passiert war.

»Bitte verzeiht die Verspätung«, sagte Alinka und scheuchte ihre Kinder vor sich her. Yvieny rannte sofort los und rief nach Klops, während Jagyi in stiller Vorsicht am Daumen lutschte. Alinka richtete ihre Worte gleichermaßen an Colbrin, Giuna und Renata. »Meinem Schwager ging es heute Morgen … nicht gut.«

Während Giuna Yvieny und den Hund einfangen ging, nahm Renata Alinka beiseite. »Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.« Wenn es ihm sehr schlecht ginge, wäre sie sicher nicht hier.

Alinka lachte verlegen. »Nein, nur – Nachwirkungen des Alkohols. Was normalerweise nicht seine Art ist«, fügte sie hastig hinzu. »Er sagte, er hatte letzte Nacht eine … unangenehme Begegnung.«

Erleichterung breitete sich in Ren aus. Er ist wach genug, um reden zu können. Und vielleicht auch lügen. Obwohl sie nicht wusste, was vor dem Herrenhaus zwischen ihm und Vargo vorgefallen war, hätte sie an seiner Stelle alles darauf geschoben.

Doch durch all diese Erleichterung zog sich ein bitterer Faden. Ja, Grey Serrado war ein sehr guter Lügner.

»Er hat mich gebeten, Euch das zu geben«, fügte Alinka hinzu und überreichte ihr einen versiegelten Umschlag.

Renata verstaute den Umschlag in einer Tasche ihres Surcots, bevor ihn jemand bemerkte, als Donaia mit trüben Augen hereinkam. Sie hielt den Kopf so, als sei sie sich nicht sicher, ob er nicht jeden Moment abfallen würde. »Und mich beschuldigt man, mich gestern Abend zu gut amüsiert zu haben«, bemerkte Renata leicht belustigt, während sie Donaia half, sich abseits des Tumults hinzusetzen, und ihr eine Kanne starken Tee holte.

»Du bist ein böser Geist, den man geschickt hat, um mich zu quälen«, brummelte Donaia und beugte sich über ihre Tasse, als enthalte sie ein Lebenselixier. »Wie kannst du so frisch wie eine Blume aussehen, wenn ich mich wie ein zertrampeltes Unkraut fühle?«

»Die Gunst der Jugend«, antwortete Renata lapidar, und Donaia lachte so sehr, dass sie sich an ihrem Tee verschluckte.

»Nein.« Donaia trocknete sich das Kinn. »Du bist eine der Urtümlichen, befreit von den Fesseln der Götter. Geh und tu etwas Nützliches, da du so jung und munter bist. Für Abschiede ist später noch Zeit.«

Renata legte die Finger zu einem Kreis zusammen, wie es die Seterin taten, um das Unglück abzuwehren, das mit dem Erwähnen der Urtümlichen verbunden war – und verschränkte sie wie eine Vraszenianerin, sobald Donaia es nicht mehr sehen konnte. Dann ging sie, um beim Bewältigen des Chaos zu helfen.

Donaia wurde wieder munter, als Scaperto Quientis kurze Zeit später eintraf. Renata schloss daraus, dass er Donaia am Abend zuvor nach oben begleitet hatte … und kurz darauf gegangen war, sobald sich Suilis um sie kümmern konnte. Sein Benehmen, als er sie zur Tür hinaus und zu einer wartenden Kutsche führte, war eine Mischung aus Fürsorge, Höflichkeit und sanftem Necken. Giuna folgte ihnen, um sie am Dock zu verabschieden.

Nachdem die Gruppe zur Villa aufgebrochen war und die neuen Cousins und Cousinen noch erwartet wurden, wirkte das Herrenhaus sehr leer. Als Renata an ihrem Schreibtisch saß und die an diesem Morgen eingetroffenen Nachrichten durchsah, erinnerte sie ein Knistern in ihrer Tasche an den Umschlag, den Alinka ihr gegeben hatte.

Widerstrebend zog sie ihn heraus. Es konnte so vieles darin stecken, und nur weniges davon wollte sie jetzt sehen, solange ihre Gefühle derart durcheinander waren. Grey Serrado war der Rabe; Grey Serrado hatte sie ausgetrickst. Der alte Schmerz stieg in ihr hoch und drohte, sie zu ersticken, aber sie schluckte ihn wieder hinunter. Das sind wahrscheinlich Anweisungen zur Übergabe der Kapuze.

Solange sie sich fragte, was sich darin befand, würde sie keine Ruhe mehr finden. Ren nahm ihren ganzen Mut zusammen, brach das Siegel und faltete den Umschlag auseinander.

Etwas flatterte heraus, und sie fing es reflexartig auf: ein Rechteck aus steifem Papier, auf dessen Rückseite die Spindel, das Schiffchen und die Schere der drei Fäden gemalt waren. Eine Musterkarte. Und als sie sie umdrehte …

Der beständige Geist.

Ren hätte sie beinahe fallen lassen. Diese Karte war kein üblicher Bestandteil eines Musterdecks, jedenfalls nicht mehr. Sie war eine der sieben Clan-Karten, die nach der Vernichtung der Ižranyi nicht länger verwendet wurden – als den Legenden zufolge sämtliche Ižranyi-Karten leer gewesen waren. Danach hatten die meisten Szorsas die Clan-Karten überhaupt nicht mehr benutzt.

Dies war nicht die Ižranyi-Karte. Es war die Karte der Meszaros, die die Tugenden und Schwächen dieses Clans repräsentierte. Sie waren die Kinder des Pferds: stur und begriffsstutzig, behaupteten ihre Kritiker, aber auch fleißig …

… und ehrlich.

Die Nachricht im Umschlag bestand aus nur drei Worten.

Wenn du bereit bist.

* * *

Eisvogel, Unterufer: 4. Canilun

Alinka war eine begabte Kräuterkundlerin. Dank der Stärkungsmittel, die sie ihm vor ihrem Aufbruch gegeben hatte, verspürte Grey nur noch die Erinnerung an die Kopfschmerzen, als ihn ein leises Klopfen zur Tür lockte.

Seine Muskeln schmerzten – sogar seine Knochen –, und ein roter Fleck auf seiner Brust stach wie eine Verbrennung, an die er sich nicht erinnern konnte. Aber er war am Leben und irgendwie vor Alinkas Tür gelandet, wo sie ihn in den frühen Morgenstunden entdeckt hatte. Er trug ungewohnte Kleidung und stank nach Zrel, als hätte man ihm kurzerhand eine Flasche über den Kopf geschüttet.

Er hatte so viele Fragen. Doch sie alle gerieten in Vergessenheit, sobald er die Tür öffnete und Ren – als Arenza – gegenüberstand.

Sie blieb steif, als er sie stumm hereinwinkte, und nickte knapp, als er ihr einen Tee anbot. Er spürte ihren Blick in seinem Rücken, während er Stücke eines Teeziegels zermahlte und daraus etwas braute, das fast zu stark war, um trinkbar zu sein. Sie sah aus, als könnte sie es brauchen, und bei den Masken, ihm ging es genauso.

Auch als er die Tassen auf den Tisch stellte, hatte sie noch keinen Ton gesagt. Warum sollte sie auch? Du bist derjenige, der mir Ehrlichkeit versprochen hat.

»Du hast meine Nachricht verstanden«, stellte er fest und schüttelte dann den Kopf über diese dämliche Einleitung. »Ich …«

»Das hättest du bestimmt gern zurück«, fiel sie ihm ins Wort und legte die Kapuze des Raben wie einen Vorwurf auf den Tisch.

Grey schob die Kapuze beiseite. »Ich wollte sicherstellen, dass es dir gut geht. Letzte Nacht …« Sie saß zu weit weg, als dass er sie hätte berühren können, und wäre vielleicht auch nicht gerade erfreut, wenn er es tun würde. Sie waren sich in ihren verschiedenen Rollen – Hauptmann Serrado und Renata, Grey und Arenza, der Rabe und die Schwarze Rose – nahegekommen, und er kannte sie gut genug, um ihre Gedanken zu erraten.

Vargo hatte sie ausgetrickst. Er hatte sie an die Möglichkeit einer Freundschaft glauben lassen, während er sie die ganze Zeit benutzt hatte. Im Augenblick würde sie sich fragen, ob Grey dasselbe getan hatte.

Hatte sie die Bedeutung der Karte verstanden? Sie war eine Szorsa, allerdings wurden die Clan-Karten inzwischen nicht mehr genutzt. Grey holte tief Luft und sagte: »Ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich es dir nicht früher verraten habe. Ich bin eine Verpflichtung eingegangen. Aber … ich hatte nie vor, dich zu verletzen. Und ich bin ehrlich gesagt froh darüber, dass du es endlich weißt. Es gefällt mir nämlich gar nicht, dich anzulügen.«

»Ich glaube dir.«

Ihre Antwort war so leise, dass er sich fragte, ob er sich die Worte, die er hören wollte, nur eingebildet hatte. Doch dann verwandelte sich ihr ernster Gesichtsausdruck in etwas, das kein richtiges Lächeln war, aber auch keine Verbitterung widerspiegelte. »Du hast mir ein Kätzchen geschenkt«, fuhr sie fort. »Wegen meiner Albträume, nicht wahr?«

Grey nickte. Es war ein alter vraszenianischer Aberglaube, ebenso wie der rote Faden, der die Zlyzen fernhielt. Katzen schützten vor Albträumen, indem sie sie wie Mäuse jagten.

Sie fuhr mit dem Daumen über den Rand ihrer Teetasse. »Der Rabe wusste nicht, dass ich Albträume hatte. Grey Serrado schon – aber er konnte Arenza keine Katze schenken, weil er sie später im Traementis-Herrenhaus sehen würde. Du hast mir so geholfen, dass ich nie davon erfahren würde.« Sie schnaubte. »Das passiert mir in letzter Zeit häufiger.«

Bevor er fragen konnte, was sie damit meinte, begegnete sie seinem Blick und fügte hinzu: »Obwohl ich sehr misstrauisch bin, kann ich darin nichts anderes als Freundlichkeit erkennen.«

Ihre Worte klangen aufrichtig, und unverhofft schnürte es ihm die Kehle zu. Hatte es in ihrem Leben so wenig spontane Freundlichkeit gegeben, dass ein Kätzchen gegen ihre Albträume eine solche Bedeutung bekam?

»Hat das Kätzchen denn geholfen?« Er konnte es sich nicht vorstellen. Sie sah fast ebenso erschöpft aus wie nach der Nacht der Höllen. Wie lang die Nacht für ihn auch gewesen sein mochte, ihre schien noch länger gewesen zu sein.

Jetzt hellte sich ihre Miene auf. »Ja. Allerdings nur, wenn ich tatsächlich schlafe, was letzte Nacht kaum möglich war. Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?«

Grey hätte lieber einen ruhigen Moment lang ihre tröstliche Vergebung genossen, denn solche Augenblicke waren ihm selten vergönnt. Er zwang sich, den Blick von ihrem Lächeln abzuwenden und die Kapuze zu betrachten, und trank einen Schluck Tee – zu heiß und zu bitter. »Ist Beldipassi in Sicherheit? Hatte er … irgendetwas vorzuweisen?«

»Er ist in Sicherheit und besitzt ein numinatrisches Medaillon. Etwas, das der Rabe erkannt hat.« Rens Stimme klang angespannt. »Genau wie ich.«

»Du hast schon mal eins gesehen? War es das Tricat-Medaillon?« Er hatte dies ursprünglich vermutet, bis er erfahren hatte, dass sie gar nicht wirklich Letilias Tochter war. Aber wenn sie es die ganze Zeit besessen hatte …

Grey stieß seine Tasse um, als er nach ihrem Handgelenk griff. »Sag mir, dass du es noch hast.«

Seine heftige Reaktion ließ Ren zurückweichen, wobei sie sich ihm entzog. »Nicht mehr. Ich habe es verloren. Und … gehe ich recht in der Annahme, dass dieses Medaillon der Grund für den Fluch auf Haus Traementis ist?«

»Ja.« Seine Angst breitete sich ebenso kalt in seinem Inneren aus wie der verschüttete Tee auf dem Tisch. Wenn eine Familie ihr Medaillon erst einmal verloren hatte, gab es keine Hoffnung mehr; die Auswirkungen würden sich ungehindert ausbreiten und jeden im Register treffen. So etwas hatte in Nadežras Geschichte bereits mehrere Adelshäuser zu Fall gebracht – und jetzt geschah dasselbe beim einstigen Haus Indestor.

Als er die Kapuze übernahm, hatte er die Wahrheit über das Unglück von Haus Traementis erfahren. Dennoch war er hilflos und unfähig gewesen, den Untergang zu verhindern. Renatas Adoption schien für die Traementis’ eine Wende herbeigeführt zu haben. Aber wenn sie das Tricat-Medaillon gehabt und es dann verloren hatte …

Mit zitternden Händen wischte er den Tee auf. Der Albtraum fing von Neuem an. Nicht Ren. Bitte, bei der Gnade der Masken – nicht auch noch sie.

Bevor er etwas sagen konnte, zuckte Rens Hand in seine Richtung. »Aber wir wurden vom Fluch befreit! Tanaquis konnte ihn entfernen. Frag mich nicht, wie sie das geschafft hat; ich weiß nur, dass sie die Karten als Fokus nutzte, die mir den Fluch offenbart hatten.«

»Den Gesichtern sei Dank!« Er schloss die Augen und nahm die nicht ganz angebotene Hand, wobei sich seine Haut an ihren warmen Fingern kalt anfühlte. Bis zu Leatos Tod hatte er gehofft, die Traementis’ hätten nun genug Pech gehabt. Die Vorstellung, der Fluch könnte durch einen zweiten Verlust von Tricat erneuert worden sein, war herzzerreißend. Aber nachdem er sein Leben lang Scharlatane und unbegabte Frauen mit guten Absichten verabscheut hatte, kannte er nun endlich eine Szorsa, die wahrhaftig von Ažerais gesegnet war. Und es schien, dass Muster zu vollbringen vermochten, was die Numinatria allein nicht konnte.

Wenn die Muster doch auch alle Probleme Nadežras lösen könnten. »Wo hast du das Tricat-Medaillon verloren? Und wann? Wir müssen es finden. Es ist …«

Er zögerte. Sie hatte die Kapuze getragen. Sie hatte etwas über die Bedeutung der Medaillons erfahren. Aber die Erinnerungen des Raben zu begreifen, fiel selbst dem auserwählten Träger schwer und erst recht einem Ersatz – vor allem, da man mehr von sich selbst in die Rolle einbringen musste, um an diese Erinnerungen zu gelangen. »Die Medaillons sind mit Kaius Sifigno verbunden. Du kennst die Geschichten, dass man ihn nicht aufhalten oder töten konnte … Das war keine Übertreibung. Seine Amtskette bestand aus einer Reihe von Medaillons, eins für jedes Numen, die alle miteinander verbunden waren. Diese Kette besaß genug Macht, um ihm zu ermöglichen, ganz Vraszan einzunehmen, aber der Uniat-Teil – die Kette selbst – zerbrach bei seinem Tod. Die Adligen aus seinem inneren Kreis stahlen die restlichen Stücke.«

Hatte es sich für Ryvček so angefühlt, als sie endlich die Gelegenheit bekam, die Last dieses Geheimnisses mit jemandem zu teilen? Rens Augen wurden immer größer, je länger er weitersprach. »Seitdem wird wegen der Medaillons gekämpft und getötet. Die Frau, die den Raben erschaffen hat, wusste, dass diese Macht Nadežra weiterhin vergiften würde. Sie führte ihren eigenen Untergang herbei, als sie versuchte, diese Teile zurückzuholen und zu zerstören, aber der Rabe … machte weiter.« Nicht ganz Geist, nicht ganz Gespenst – alle drei Teile ihrer Seele waren im Gewebe der Kapuze gefangen. Indem sie zum Raben wurde, tat sie mehr, als nur die Bestandteile einer Verkleidung zu erschaffen; sie schuf eine Identität, eine Persönlichkeit. Und sie durchdrang sie derart mit ihrer Leidenschaft, dass danach nichts mehr von ihr übrig blieb – nicht einmal ein Körper.

Zumindest mussten all jene, die die Kapuze später trugen, keinen so hohen Preis bezahlen.

»Dessen hast du mich also verdächtigt«, sagte Ren leise. »Zu Recht, wie sich herausstellt. Aber ich – ich wusste wirklich nicht, was das war. Das Medaillon befand sich bei dem Schmuck, den ich Letilia gestohlen habe, bevor ich Ganllech verließ. Sie muss es vor ihrer Flucht den Traementis entwendet haben.«

Genau das hatte Ryvček schon immer vermutet. Der Niedergang des Hauses setzte mit der Flucht einer verwöhnten Göre ein.

»Wo ist es jetzt?«, fragte Grey. Zwei Medaillons in Reichweite zu haben … »Und wo ist Beldipassi? Was ist letzte Nacht passiert?«

Ren zog eine Augenbraue hoch, und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Das sind ja gleich drei Fragen auf einmal. Welche soll ich zuerst beantworten?«

»Du hättest statt dieser kecken Erwiderung schon zwei davon beantworten können.« Er unterdrückte ein Grinsen. »Wo ist Beldipassi?«

»Bei Ryvček.« Als Grey die Schultern lockerte, nickte Ren. »Dann habe ich richtig geraten. Ich wusste, dass sie deine Lehrerin war, und – raus mit der Sprache: Trug sie nach der Flucht aus dem Gefängnis die Kapuze?«

»Weißt du überhaupt, wie schwer es war, das einzufädeln? Trotz meiner Bemühungen, es zu verbergen, hast du es vermutet. Wir haben uns große Mühe gegeben, um dich von der Fährte abzubringen – nur damit zwei Wochen später doch alles auffliegt.« Grey ließ sie los und fuhr sich seufzend mit der Hand durchs Haar. »Beldipassi ist also bei Ryvček. Was ist mit seinem Medaillon? Und Tricat?«

»Seins sah für mich aus wie Illi in seinem Nullaspekt. Er hat es noch bei sich – mir gefiel die Vorstellung nicht, es an mich zu nehmen. Aber wer auch immer das letzte Nacht eingefädelt hat, schickte einen falschen Raben, um mit ihm zu sprechen – Fontimi, den Schauspieler vom Agnasce-Theater.« Ein leises Lachen ließ ihre Schultern beben. »Er war grauenhaft. Ich kann nur hoffen, dass ich nicht so albern aufgetreten bin. Er hat Beldipassi begleitet; ich konnte ihn davon überzeugen, dass die Alternative darin bestünde, von seinem Auftraggeber getötet zu werden. Und was Tricat betrifft … Mütterchen Lindwurm hat es mir während der Nacht der Höllen entrissen. Es fiel herunter, als ich ihr im Amphitheater den Knotenzauber abnahm. Ich …« Ren verzog das Gesicht. »Ich bin nicht auf die Idee gekommen, es aufzuheben.«

Das konnte er ihr kaum verdenken. Sie war ohne das Medaillon ohnehin besser dran.

Für alle anderen wäre es allerdings schlimmer, wenn es in Ažerais’ Traum verloren ginge.

Kurz breitete sich Stille aus. Gestern hatte Grey die Ruhe in diesen Räumen ohne Alinka und die Kinder, die ihn ablenkten, gefürchtet, doch nun fühlte sie sich warm und sanft an, und die Einsamkeit der letzten Jahre machte sich nicht mehr so deutlich bemerkbar.

Wegen Ren.

Das konnte er ihr nicht gestehen, jedenfalls noch nicht. Stattdessen fragte er: »Wie kommt es, dass ich noch lebe? Dieser Fluch hätte mich töten müssen.«

Rens Teetasse landete klappernd auf dem Tisch, anstatt zu ihren Lippen geführt zu werden. Sie öffnete den Mund, fing sich dann aber wieder; er konnte ihren inneren Zwiespalt erkennen, als sie zögerte. Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Ich … kann mich nicht zu einer Lüge durchringen. Dies ist unser erstes ehrliches Gespräch; es wäre falsch, es zu trüben. Aber … ich kann es dir auch nicht verraten.«

Ihre Weigerung steigerte seine Neugier. Was hätte ihn retten können, das sie nicht zugeben wollte? Kein Medaillon; Tricat war verschwunden, und Beldipassi besaß seines noch. Tanaquis Fienola hatte sich mit dem Traementis-Fluch auseinandergesetzt; vielleicht war Ren erneut zu ihr gegangen? Oder der Fluch war nicht so schlimm gewesen, wie er gedacht hatte – immerhin hatte er ihn beschädigen können. Aber in diesem Fall hätte es keinen Grund gegeben, etwas zu verbergen. Hatte es etwas mit Mustern zu tun? Womöglich beherrschte sogar Tess irgendeine geheimnisvolle Ganllechyn-Stichhexerei.

Grey unterband derartige Gedanken. Selbst wenn er richtig riet, würde sie es ihm nicht sagen, und allein durch derartige Überlegungen bedrängte er sie bereits – und das hatte er schon viel zu oft getan.

Zumal hinter ihren Worten eine unausgesprochene Frage steckte. Vertraust du mir?

Er war bereit, ihr seine Mission und sein Leben anzuvertrauen. Das hatte er letzte Nacht entschieden.

»Dann werde ich dich nicht drängen«, gab Grey nach.

Ren spielte mit ihrer Teetasse. »Dein Wachmantel – ich habe vergessen, ihn mitzubringen. Ich lasse ihn dir bringen. Und …« Sie zögerte, griff dann in ihre Tasche und holte die Karte der beständige Geist heraus.

Er legte seine Hand auf ihre. »Sie war als Geschenk gedacht. Behalte sie.«

»Wie bist du an diese Karte gekommen?«

Es war faszinierend, den subtilen Veränderungen in ihrer Ausdrucksweise zu lauschen. Sie war als Arenza verkleidet, sprach aber als Ren: Ihr Akzent wurde schwächer und nahm immer wieder Anwandlungen der vraszenianischen Sprache an. Wenn sie von Mustern sprach, wurden diese Elemente stärker – und seine Stimme reagierte darauf und löste sich vom nadežranischen Akzent, den er in letzter Zeit nur allzu leicht übernahm. »Sie gehörte meiner Mutter.«

»Deine Mutter war …«, entwich es Ren.

»Eine Meszaros? Ja, in den Adern dieses Kiralys fließt das Blut eines Arbeitspferds.« Er lächelte bei ihrer sichtlichen Verlegenheit. »Aber ich weiß, was du meinst. Ja, sie war eine Szorsa, wenngleich sie nicht über deine Gabe verfügte.«

»Eine Szorsa? Aber du …« Ren presste die Lippen aufeinander.

Ihre Diplomatie war mehr, als er verdiente, da er aus seiner Verachtung keinen Hehl gemacht hatte. Grey rieb sich die Erschöpfung aus dem Gesicht. »Ich habe kein Problem mit Szorsas, sondern mit Betrügern. Ažerais’ Geschenk sollte gewürdigt werden.«

Verbitterung schwang in diesen Worten mit – den Worten seiner Großmutter. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um Ren mit seiner Vergangenheit zu belasten. Er zwang sich, entspannter fortzufahren. »Dieser Tee ist kaum genießbar. Was hältst du von etwas Besserem?«

Zum Glück hatte sie keine Einwände gegen den Themenwechsel. Und ihr belustigtes Lächeln erfreute ihn ebenso sehr wie das Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel. »Etwas Besseres? Ist es klug, so früh am Tag schon Alkohol zu trinken?«

»Wer hat denn was von Alkohol gesagt?« Er holte das Päckchen hervor, das Alinka für ihn zurückgelassen hatte, denn er wusste ganz genau, mit wem er es sich ihrer Meinung nach teilen sollte. Rasch nahm er die Tassen und fragte: »Magst du gewürzte Schokolade?«

* * *

Isla Traementis, die Perlen: 4. Canilun

Ren hatte noch immer die süße Wärme der Schokolade auf der Zunge, als sie Eisvogel verließ, die Rolle wechselte und ein Boot nach Oberufer nahm. Doch es war mehr als nur der Geschmack; es war das seltsame und ziemlich ungewohnte Gefühl, an Grey Serrados Küchentisch gesessen zu haben, ohne dass Masken zwischen ihnen standen.

Irgendwie kam es ihr so vor, als hätte sie sich zum ersten Mal vor einem Geliebten entblößt. Nur dass er die Wahrheit über sie offenbar schon seit Monaten kannte, seit der Nacht, in der der Rabe in ihre Küche eingedrungen war. Und er akzeptierte sie. Die ganze Zeit hatte sie befürchtet, er würde sich gegen Arenza wenden, wenn er wüsste, wer sie wirklich war … dabei hatte er es längst gewusst.

War es ihm ebenso gegangen? Hatte er befürchtet, sie könnte ihn wegen seiner Lüge hassen? Ren konnte allerdings verstehen, warum er sich so verhalten hatte. Während sich der verletzte Teil ihrer Seele immer wieder dagegen wappnete, dass etwas anderes wehtun würde, hatte sie sich Zentimeter für Zentimeter, Atemzug für Atemzug entspannt und dieses neue Gefühl genossen, sie selbst zu sein, wenn sie mit jemand anders als Tess und Sedge zusammen war.

Wäre mit dem Lüften seiner Geheimnisse nur nicht auch die Kunde von einem uralten Gift einhergegangen, das Nadežra zerfraß.

Die Maske der Würmer in ihrem Muster für den Raben. Kaius Rex’ Amtskette, in Stücke zerbrochen, aber jedes davon barg noch ein Fragment der ursprünglichen Macht. Sibiliat hatte behauptet, das Medaillon, das Ren Letilia gestohlen hatte, sei ein Familienerbstück der Acrenix, was Ren bezweifelte und Grey bestätigt hatte. Die Acrenix wiesen keine Hinweise auf einen Niedergang auf, der mit einem solchen Verlust einhergegangen wäre. Tatsächlich verdächtigte er das Haus jetzt, das Quinat-Medaillon zu besitzen – und möglicherweise auch Sessat, das beim Untergang von Haus Indestor verloren gegangen war.

Auf halber Höhe der Flusstreppe blieb sie stehen und stützte sich mit einer Hand auf den feuchten Steinen ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Untergang von Haus Indestor.

Meppe.

Die Leute starrten die schöne Alta an, die durch die Straßen eilte, was sie nicht weiter scherte. Renata stürmte durch die Eingangstür des Herrenhauses und rief: »Meppe!«

Suilis erschien. »Er ist in Era Traementis’ Arbeitszimmer, Alta.«

Dorthin hatte Renata ihn geschickt, um mit der Arbeit an den Hauptbüchern anzufangen. Meppe war bei dieser Aussicht geradezu ins Schwärmen geraten; er schien die schlichte Langeweile der Büroarbeit wirklich zu genießen. Als sie ins Arbeitszimmer platzte, stieß er vor Schreck das Tintenfass um. »Renata …«

»Du begleitest mich nach Weißsegel.«

* * *

Isla Stresla, Eisvogel: 4. Canilun

Grey hätte sich nur zu gern wieder in sein Bett verkrochen, nachdem Ren gegangen war, doch diesen Luxus konnte er sich nicht leisten. Er nahm sich nur die Zeit, um sich zu waschen und zu rasieren, bevor er vorsichtig die Kapuze zusammenfaltete und in den Teil von Eisvogel eilte, in dem Oksana Ryvček lebte.

Die mittäglichen Straßen waren seltsam ruhig, sogar auf den Marktplätzen herrschte wenig Betrieb. Er kam an Ladenbesitzern vorbei, die vor ihren Türen Ausschau nach nicht vorhandener Kundschaft hielten, und erwiderte das vorsichtige Nicken einiger Fuhrleute, die ihn sogar ohne Uniform erkannten, aber das in Eisvogel übliche Gedränge und geschäftige Treiben schien zum Erliegen gekommen zu sein. Seit der Dockmauer-Flucht patrouillierte die Wache mit mehr Nachdruck als sonst am Unterufer, und die Ordo Apis drang immer wieder in Gebäude vor, um nach den verschwundenen Gefangenen zu suchen. Angeblich ging sie Hinweisen nach, aber Grey vermutete, dass es sich dabei zumindest zur Hälfte um zufällige Übergriffe handelte, um die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen, damit niemand Andrejek Unterschlupf gewährte.

Was rein gar nichts brachte. Grey war nicht besonders erfreut darüber, das Anduske-Trio in Vargos Händen zu wissen, aber er wusste besser als manch anderer, welche Vorsichtsmaßnahmen der Mann traf. Niemand würde sie in absehbarer Zeit finden. Und das war gut so, denn Koszars neue Verletzungen hatten seine Pläne, Branek zu konfrontieren, fast wieder auf den Stand nach dem Fest des verschleiernden Wassers zurückgeworfen. Das einzig Positive war, dass Branek Prazode beschuldigte, Gulavka nicht beschützt zu haben, und Prazode Branek vorwarf, Ažerais geschmäht zu haben. Die daraus resultierenden internen Streitigkeiten würden die Stretsko noch eine Weile beschäftigen. Was Rens Werk war, wie sie beim Schokoladetrinken zugegeben hatte.

Ein schiefes bewunderndes Lächeln umspielte seine Lippen, als er die Stufen zu Ryvčeks Stadthaus hinaufstieg. Seine Lehrerin musste eine ihrer Cousinen damit beauftragt haben, Wache zu halten, denn kaum hatte er den Türklopfer mit dem Fuchskopf losgelassen, ging die Tür auch schon auf.

»Sie ist im Trainingsraum«, sagte das Mädchen, als wäre Ryvček nicht immer dort. Mit einem dankenden Nicken ging Grey in den hinteren Teil des Hauses.

»Ihr hattet eine aufregende Nacht«, sagte Ryvček zur Begrüßung, ohne ihr übliches Training zu unterbrechen.

»Beldipassi?«

»Hat sich in meinem Dachboden eingerichtet. Und Fontimi befindet sich im Keller, allerdings weniger bequem und gefesselt. Beim Frühstück fing er bereits an, seine Kooperation zu hinterfragen.« Sie verneigte sich vor ihrem imaginären Gegner, bevor sie ihre Übungsklinge ablegte und sich das schweißnasse Gesicht mit einem Handtuch abtrocknete. »Nach zwei Jahrzehnten, in denen ich nichts Nennenswertes erreicht habe, bin ich froh, aber auch überrascht, daran teilzuhaben. Warum habt Ihr sie zu mir geschickt?«

Grey schloss die Tür, damit sie nicht belauscht werden konnten. »Ich habe sie ebenso wenig zu Euch geschickt wie unser vermummter Freund. Wer auch immer Fontimi angeheuert hat, überfiel mich mit einem numinatrischen Fluch, der mich beinahe getötet hätte. Es war Ren, die letzte Nacht die Kapuze getragen hat.«

Er kannte Ryvček gut genug, um mit ihrem Lachen zu rechnen, wodurch es sich jedoch auch nicht leichter ertragen ließ. »Nach all der Mühe, die wir …«

»Ich weiß, ich weiß.« Er verschränkte die Arme und starrte sie wütend an. »Nehmt die Sache lieber ernst, denn ich wäre fast gestorben.«

»Heute tanzt niemand die Kanina für Euch.«

Er konnte ihre unbekümmerte Haltung nachvollziehen. Jeder Rabe riskierte den Tod; sie war eine der wenigen, die lange genug überlebt hatten, um in den Ruhestand zu gehen. Wenn er wirklich gestorben wäre, hätte sie um ihn getrauert – aber da er lebte, musste sie sich keine Sorgen machen.

Ryvček hatte diesen Fluch nicht zu spüren bekommen, dieses widerliche, falsche Gefühl, das ihm die Lebenskraft ausgesaugt und sich in seine Knochen gefressen hatte. Es war nicht nur Schmerz gewesen, vielmehr hatte er das Verlangen zu leben mehr und mehr verloren.

Ihr Lachen verstummte, als er erklärte, wie er dem Netz entkommen war. »Du hast dich dem Raben ausgeliefert? Grey …«

»Es war der einzige Weg. Er wollte weitermachen. Ich … nicht. Aber als er mich befreit hatte, gewann ich die Kontrolle zurück.« Er begegnete ihrem Blick und ließ sie nach einem Hinweis auf den Schatten des Raben suchen. Vielleicht würde sie etwas finden.

Die meisten Menschen dachten, dass sich eine Durchdringung nur auf das Handwerk, die Herstellung physischer Dinge, bezog. Manche konnten stattdessen auch Darbietungen durchdringen und übernatürliche Kraft oder Geschicklichkeit an den Tag legen. Ryvček hatte ihm das Durchdringen beim Fechten beigebracht.

Die Verbindung zwischen dem Raben und seinen Trägern ging sogar noch darüber hinaus. Zwar konnten sie ihn nicht derart durchdringen, wie es einst seiner Schöpferin gelungen war – das mussten sie auch nicht, da das Gerüst bereits stand –, aber sie fügten ihm mit jeder Person, die die Kapuze trug, eine neue Schicht hinzu. Und anders als bei der Numinatria wurde die Kraft der Durchdringung nicht von außen bezogen. Sie kam von innen, war ein Geistfaden, der in das eingewebt wurde, was sie schufen. Deshalb war es tödlich, die Inskription eines Numinats zu durchdringen. Und zu viel von sich selbst in den Raben zu übermitteln …

Andere Träger hatten sich in der Kapuze verloren, sie nie abgenommen, sich nie ausgeruht. Oder sie dachten wie der Rabe, während sie ihr normales Leben weiterführten, bis von der ursprünglichen Person nichts mehr übrig war. Ryvček hatte ihn immer wieder gewarnt, dass er einen Teil von sich zurückhalten müsse.

Letzte Nacht hatte er das nicht getan.

Andernfalls wäre er jetzt wahrscheinlich tot. Doch seine Entscheidung hatte Konsequenzen.

Was Ryvček sah, musste sie zumindest für den Moment beruhigt haben. »Dann hast du Renata einfach die Kapuze gegeben? Und der Rabe …«

»Hat sie toleriert«, sagte Grey. »Aber nicht akzeptiert.« Der Rabe wählte seinen Nachfolger selbst und schuf Bande, die über den Tod hinaus Bestand hatten. Ryvček hatte ihm einmal gesagt, dass sie vermute, der Rabe nähme sich die Szekani der Träger der Kapuze – den Teil der Seele, der in Ažerais’ Traum übergehen sollte.

Das war in Ordnung. Schließlich würden ihn seine Verwandten ohnehin nicht mit der Kanina beschwören.

Ryvček zog die Augenbrauen hoch. »Um wirklich etwas zu erreichen, scheint sogar unser vermummter Freund Kompromisse einzugehen. Wen wollt Ihr zuerst einschüchtern, den Schauspieler oder den Narren?«

»Den Schauspieler. Je länger wir ihn festhalten, desto unwahrscheinlicher wird sein Überleben, sobald wir ihn gehen lassen.« Fontimi war ein ahnungsloses und, wie Grey vermutete, ein entbehrliches Werkzeug in den Machenschaften des Adels. Das war kein Verbrechen, das den Tod verdiente.

Ryvček grinste. »In diesem Fall ist wohl ein bisschen Bühnenkunst angebracht.«

Grey erwiderte das Lächeln. Ren hatte recht; einige Aspekte des Lebens als Rabe machten definitiv Spaß. »Auf dem Dach?«

»Auf dem Dach.«

Er verabschiedete sich ostentativ und ging hinaus, um in die schmale Lücke zwischen Ryvčeks Haus und dem ihrer Nachbarin zu huschen. Dort zog er die Kapuze heraus, strich widerstrebend die Wolle glatt … und zwang sich dann, sie aufzusetzen.

Schattenhafte Eindrücke der vergangenen Nacht bestürmten ihn. Keine klaren Erinnerungen, aber ein widerwilliges Gefühl der Duldung, als Ren die Kapuze aufsetzte. Belustigung, als sie einem zweiten Betrüger gegenüberstanden. Triumph, als Beldipassi ihnen das Medaillon zeigte.

Und schwelendes Misstrauen, als Ren die Ähnlichkeit mit einem Medaillon erkannte, das sie einmal besessen hatte. Auch wenn sie nicht gewusst hatte, was es war, und es nicht einmal bewusst eingesetzt hatte, war sie von dieser Macht befleckt worden.

Ja – und dann hat sie es zurückgelassen. Nicht freiwillig, nicht beim ersten Mal, aber sie hatte es während der Konfrontation im Amphitheater einfach so aufgegeben. So sehr sich ein Teil von ihm wünschte, sie hätte es nicht getan – wie sollten sie es zurückbekommen? –, hasste der Rabe vor allem die Anstrengungen, die die Leute für diese Macht auf sich nehmen würden. Dass sie ihm den Rücken zugewandt hatte, sprach trotz ihrer Unwissenheit für sie.

Er verdrängte die Gedanken an Ren, stemmte sich gegen die Wände und kletterte am Schornstein aufs Dach.

Das Flachdach war als nächtlicher Zufluchtsort vor der stickigen Sommerluft gebaut worden. Heute wirbelten vom Dežera herüberwehende Böen, die den ersten Hauch der Herbstkälte mit sich brachten, die Rockzipfel des Raben auf. Einen Moment später stieß Ryvček einen Mann mit verbundenen Augen durch die Dachluke – der immer noch mit den Überresten dessen bekleidet war, was offensichtlich die Verkleidung des Raben darstellen sollte.

»Ihr hättet auf Eurer üblichen Bühne bleiben sollen, Fontimi«, sagte er, als Ryvček den Mann auf die Knie drückte. »Ich bin nicht besonders freundlich im Umgang mit Hochstaplern.«

Er kniete nieder, bevor er die Augenbinde abnahm, damit der Schauspieler als Erstes in die tiefen Schatten unter der Kapuze blickte. Fontimis unterdrückter Schrei klang wie das Quaken eines Frosches.

»Danke für Eure Hilfe, Duellantin«, wandte sich der Rabe an Ryvček und stand auf, richtete die Aufmerksamkeit aber weiterhin auf Fontimi. »Jetzt könnt ihr ihn mir überlassen.«

»Sorgt nur dafür, dass ich hinterher nicht groß vor meiner Tür saubermachen muss«, entgegnete Ryvček mit einem bedeutungsvollen Blick hinunter zur Straße.

Der Rabe ließ seine Stimme gespielt bedrohlich klingen. »Das hängt ganz von der Kooperation meines Nachahmers ab.«

»Ich werde kooperieren! Ich werde kooperieren!«, rief Fontimi, während Ryvček das Dach verließ. »Wobei kooperiere ich?«

Um Leute zum Reden zu bringen, war Einschüchterung viel wirksamer als Schmerz. Einschüchterung und das Versprechen von Hilfe, wenn sie mitspielten. »Ihr werdet mir verraten, wer Euch angeheuert hat und wozu. Antwortet ehrlich, und ich werde Euch beschützen.«

»Nillas Marpremi! Er hat mich engagiert. Er hat mir auch dieses Kostüm gegeben. Es ist viel besser als mein normales Bühnenkostüm. Ihr glaubt ja nicht, wie dünn das Ding ist, es ist nicht einmal gefüttert. Und niemand würde mich für den echten Raben halten, wenn ich meinen Oberkörper entblöße …« Fontimi stockte und schwitzte immer stärker. »Das interessiert Euch sicher nicht. Marpremi hat mich engagiert, um eine Art Medaillon zu besorgen. Er sagte, ich müsse Beldipassi überreden, es mir auszuhändigen oder mich dorthin zu bringen, wo er es versteckt hat, falls er es nicht bei sich hätte. Dabei deutete er auch an, dass ich ihn verprügeln soll, wenn er nicht kooperiert, aber ich war mir nicht sicher, ob ich das wirklich tun würde. Marpremi hat mich nicht so gut bezahlt, und außerdem kenne ich mich nur mit dem Bühnenkampf aus.«

»Und weiter?«

»Sobald es sich in meinem Besitz befände, sollte ich zum Brunnen auf der Plaza Giotraia gehen und es Marpremi übergeben. Inzwischen wird er wissen, dass etwas schiefgelaufen ist.«

Ohne den Todesfluch hätte der Rabe dies vielleicht als recht unspektakulär abgetan. Das Illi-Medaillon mit Null-Aspekt war nahezu unmöglich aufzuspüren; es wechselte zu oft den Besitzer und verfluchte jene, die es zurückließ. Seine Vorgänger hatten seinen Weg nur anhand der Verwüstung zurückverfolgen können, die es hinterließ.

Doch der Hinterhalt war viel zu ausgeklügelt gewesen für einen Mann, der darauf aus war, der nächste Träger des Medaillons zu werden. Er vermutete, dass Marpremi als Mittelsmann für jemand anders arbeitete. Aber für wen?

Vargo besaß Illi-Null also doch nicht – aber vielleicht wollte er es haben. Der Mann war auf jeden Fall ein begabter Inskriptor. Begabt genug, um den Fluch zu ersinnen, der den Raben erwischt hatte?

Weitere Fragen ließen erkennen, dass Fontimi nichts Nützliches wusste, und die Ungeduld des Raben, der als Nächstes Beldipassi befragen wollte, ließ ihn schroff werden. »Herrin Ryvček wird Euch ein paar Münzen und Kleidung zum Wechseln geben«, sagte er. »Ich schlage vor, Ihr heuert bei den nächsten Schaustellern an, die Nadežra verlassen, und kehrt … für eine Weile nicht zurück – oder nie.«

»Aber …« Fontimi verzog ebenso desorientiert wie schockiert das Gesicht. »Meine Karriere ist hier in Nadežra. Mein Leben!«

Im Großen und Ganzen waren die Verluste dieses Mannes vernachlässigbar. Aber so verlief der Kampf um die Medaillons nun einmal: Er ruinierte das Leben vieler Menschen, und das auf viele verschiedene Arten.

»Wenn Ihr hierbleibt, lebt Ihr nicht mehr lange.« Der Rabe legte ihm erneut die Augenbinde um. »Die Entscheidung liegt bei Euch.« Er klopfte an die Dachluke und wartete, bis Ryvček Fontimi weggebracht hatte.

Bei Beldipassi war eine andere Taktik gefragt. Ryvčeks Dachboden war eine ihrer Unterkünfte für ihre scheinbar endlose Reihe von Cousins und Cousinen, die abwechselnd im Haus ein- und ausgingen. Es gab ein einziges Fenster, das gerade groß genug war, um hindurchzuklettern, aber der Rabe hatte sich schon durch kleinere gezwängt. Dass seine Arme ob der Anstrengung vor Schwäche zitterten, musste Beldipassi ja nicht wissen.

Der Mann saß dösend in einem Lesesessel, gekleidet in einen reich verzierten Morgenmantel, ein offenes Buch im Schoß. Beldipassi schreckte hoch, als der Rabe das Buch nahm und sich auf den Schemel setzte.

»Zehn Sommer in Seteris«, las der Rabe und betrachtete die Titelseite, bevor er das Buch beiseitelegte. »Mögt Ihr Poesie, Mede Beldipassi?«

»Ich ziehe Geschichte vor, aber es war das einzige Buch, das ich hier finden konnte.« Beldipassi rieb sich den Schlaf und das Erstaunen aus den Augen und etwas Sabber vom Kinn. »Ihr seid zurückgekehrt.«

»Ihr habt etwas, das mich sehr interessiert.«

»Das hier?« Beldipassi griff in die Tasche seines Morgenmantels und zog ein abgenutztes Medaillon heraus. »Wenn Ihr es wollt, dann nehmt es. Nach letzter Nacht will ich nichts mehr damit zu tun haben.«

Die goldene Scheibe kam ihm zugleich vertraut und unbekannt vor – etwas, das der Rabe gesehen hatte, Grey jedoch nicht. Bei dem Anblick wurde ihm übel, und er kämpfte gegen den Drang an, davor zurückzuweichen. Nur zwei Jahrhunderte Gelassenheit ließen seine Stimme ruhig bleiben. »So leicht könnt Ihr Euch bedauerlicherweise nicht davon trennen.«

Beldipassi erschauderte und legte die Finger schützend um die Scheibe. Hätte er sie wirklich losgelassen, wenn der Rabe danach gegriffen hätte? Was auch immer den Medaillons ihre Macht verlieh, sie war verführerisch. Je häufiger man sie benutzte, desto schwerer fiel es, sie aufzugeben, als müsste ein Süchtiger von seiner Droge lassen. »Was ist das? Ich habe Euch auf Essuntas Feier gesehen und wusste – ich bin mir nicht einmal sicher, wieso – ich wusste, dass Ihr mir diese Frage beantworten könnt.«

Es stand außer Frage, dass Beldipassi das Medaillon verwendet hatte, ob nun wissentlich oder nicht. »Es verleiht einem Einblicke in die Menschen um einen herum und führt zu den Dingen, die man benötigt, um seine Ziele zu erreichen.«

Beldipassi betrachtete das Medaillon, als sähe er es zum ersten Mal. »Ah. Ich dachte, es bringt einfach Glück, aber das ergab bei einem Illi-Medaillon keinen Sinn. Glück ist Quarats Domäne.«

»Es hat nichts mit Glück zu tun. Mit einem ausreichend tiefen Verständnis der Numinatria könnt Ihr die Menschen um Euch herum sogar dazu bringen, das zu begehren, was Ihr wollt.« Der Rabe nickte, als Beldipassi erbleichte. »Ihr sagtet, Ihr würdet die Geschichte der Poesie vorziehen, dann könnt Ihr mir gewiss verraten, was Haus Persater, Contorio, Taspernum und Adrexa gemeinsam haben?«

Beldipassi schloss die Finger fester um das Medaillon und flüsterte: »Sie sind alle tot.«

»Sie alle haben ein Medaillon aus der Amtskette des Tyrannen benutzt – und es dann verloren. Ein Medaillon wie das in Eurer Hand.«

Beldipassi ließ das Medaillon los.

Dann schrie er auf und schnappte es sich wieder. »Nein! Das habe ich nicht so gemeint! Ich habe es nur fallen lassen – sagt mir, dass das nicht dasselbe ist wie es zu verlieren!«

Ein Lachen entrang sich der Kehle des Raben. »Wenn dem nur so wäre. Ich hätte die Kapuze schon vor Ewigkeiten ablegen können, wenn die Leute die Medaillons immer bei sich tragen müssten. Nein, Besitz ist mehr als bloßer Kontakt. Tut mir einen Gefallen und legt es wieder auf den Boden.«

Beldipassi gehorchte eifrig, wich dann aber noch schneller zurück, als der Rabe die Klinge zog. Die Wahrscheinlichkeit, dass das funktionierte, war verschwindend gering … aber er musste es einfach versuchen.

Dies war nicht das erste Medaillon, das der Rabe in seinen jahrhundertelangen Bemühungen fand. Alle vorherigen Versuche, sie zu zerstören, waren jedoch gescheitert. Er hatte zwei Theorien dazu: Entweder konnten sie nur zerstört werden, wenn sie alle zusammengebracht wurden, oder man musste am Anfang beginnen. Bei Illi-Null.

Er nahm das Schwert in beide Hände und rammte die Spitze in das Medaillon.

Gewöhnliches Gold hätte nachgegeben. Eine gewöhnliche Klinge wäre zerbrochen. Nichts davon geschah: Das durchdrungene Schwert des Raben bog sich durch und sprang zurück, und das Medaillon wies nicht einmal einen Kratzer auf.