Die Maske der Spiegel - MA Carrick - E-Book
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Die Maske der Spiegel E-Book

MA Carrick

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Beschreibung

Was ist echt in einer Stadt der Masken? Ren ist eine Betrügerin und Hochstaplerin, die nach Nadežra gekommen ist, um sich den Weg in eine Adelsfamilie zu erschleichen und sich deren Vermögen zu sichern. Doch als sie das Haus Traementis erreicht, muss sie schnell feststellen, dass die Familie nicht das ist, was sie vorgibt zu sein. Eine dunkle Magie der Albträume beginnt sich durch die Stadt zu winden, und Ren ist schnell darin gefangen. Sie muss sich mit den Intrigen der Aristokraten und den Machenschaften der Unterwelt auseinandersetzen, um zu überleben. Doch auch Ren hat ein Geheimnis, das sie vor der Welt verborgen hält. Kann sie die Stadt vor dem Untergang retten und ihr eigenes Herz vor den Dämonen der Vergangenheit bewahren?

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Seitenzahl: 632

Veröffentlichungsjahr: 2024

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AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH

M. A. CARRICK: DIE MASKE DER SPIEGEL (Rabe und Rose, Band 1)

ISBN 978-3-8332-4485-8

M. A. CARRICK: STURM GEGEN STEIN (Rabe und Rose, Band 2)

ISBN 978-3-8332-4570-1

M. A. CARRICK: DAS PFAUENNETZ (Rabe und Rose, Band 3)

ISBN 978-3-8332-4571-8

Nähere Infos und weitere phantastische Bände unter:

paninishop.de/phantastik/

Rabe und Rose 1

Ins Deutsche übertragen von Kerstin Fricke

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2021 by Bryn Neuenschwander and Alyc Helms

Excerpt from The Ranger of Marzanna copyright © 2020 by Jon Skovron

Cover design by Lauren Panepinto

Cover illustration by Nekro

Cover copyright © 2021 by Hachette Book Group, Inc.

Map by Tim Paul

Titel der Englischen Originalausgabe: »Mask of Mirrors (Rook and Rose 1« by M. A. Carrick, published January 2021 in the US by Orbit, an imprint of Hachette Book Group, New York, USA.

Deutsche Ausgabe 2024 Panini Verlags GmbH, Schloßstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Kerstin Fricke

Lektorat: Mona Gabriel

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDCARR001E

ISBN 978-3-7569-9966-8

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, Mai2024, ISBN 978-3-8332-4485-8

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

Für Adrienne, die uns unbeaufsichtigt gelassen hat

PROLOG

In der Herberge gab es verschiedene Arten von Stille. Da gab es die Stille des Schlafes, wenn die Kinder Schulter an Schulter auf den fadenscheinigen Teppichen der diversen Räume schliefen und nur hin und wieder ein Schnarchen oder Rascheln ertönte. Dann gab es die Stille des Tages, wenn das Haus so gut wie verlassen war, denn dann waren sie keine Kinder, sondern Finger, die losgeschickt wurden, um so viele Vögel wie nur irgend möglich zu rupfen und erst nach Hause zu kommen, wenn sie Geldbörsen, Fächer, Taschentücher und mehr vorweisen konnten.

Dann gab es da noch die Stille der Angst.

Jeder wusste, was passiert war. Dafür hatte Ondrakja gesorgt: Falls irgendjemandem die Schreie entgangen sein sollten, hatte sie Sedges blutige, entstellte Leiche an ihnen allen vorbeigeschleift, während Simlin Ren zwang, mit leerem Blick hinter Ondrakja herzustaksen. Als sie einige Zeit später zurückkehrten, waren Ondrakjas fleckige Hände leer, und sie stellte sich mitten in den schimmeligen Flur der Herberge, während die restlichen Finger aus den Türöffnungen und durch das zersplitterte Treppengeländer zusahen.

»Das nächste Mal«, sagte Ondrakja mit leiser und freundlicher Stimme, von der sie alle wussten, dass sie Gefahr bedeutete, zu Ren, »schlage ich an einer weicheren Stelle zu.« Danach ließ sie den Blick mit zielsicherer Bosheit zu Tess wandern.

Simlin gab Ren frei, Ondrakja ging nach oben und danach breitete sich Stille in der Herberge aus. Nicht einmal die Bodendielen knarrten, weil die Finger sich Ecken suchten, in die sie sich kauern konnten, und dort blieben.

Sedge war nicht der Erste. Es hieß, Ondrakja würde sich hin und wieder rein zufällig jemanden herauspicken, damit die anderen nicht aus der Reihe tanzten. Sie war die Anführerin ihres Knotens, daher war es auch ihr Recht, jemanden rauszuwerfen.

Allerdings wussten diesmal alle, dass es nicht zufällig geschehen war. Ren hatte Mist gebaut und Sedge den Preis dafür bezahlt.

Weil Ren zu kostbar war, um vergeudet zu werden.

Drei Tage lang blieb es so. Drei Tage der Schreckensruhe, in denen sich keiner sicher war, ob sich Ondrakja wieder beruhigt hatte, und Ren und Tess sich aneinanderklammerten, während die anderen Abstand hielten.

Am dritten Tag wurde Ren aufgefordert, Ondrakja ihren Tee zu bringen.

Sie trug ihn vorsichtig die Treppe hinauf, und das mit einer Anmut, die für den Großteil der Finger unmöglich war. Ihre Schritte waren derart geschmeidig, dass die Innenseite der Tasse noch unbefleckt aussah und die Oberfläche des Tees so ruhig und glatt wie ein Spiegel war, als sie Ondrakja die Tasse reichte.

Ondrakja nahm die Tasse nicht sofort entgegen. Sie fuhr mit der Hand über den Talisman in Form einer verknoteten Kordel an Rens Handgelenk und dann über ihren Kopf, und ihre lackierten Fingernägel strichen über das dichte dunkle Haar, als würde sie eine Katze streicheln. »Kleine Renyi«, murmelte sie. »Du bist clever … aber nicht clever genug. Aus diesem Grund brauchst du mich.«

»Ja, Ondrakja«, flüsterte Ren.

Der Raum war leer, nur sie beide hielten sich hier auf. Keine Finger hockten auf dem Teppich, um Ondrakjas Auftritt zu bestaunen. Hier gab es nur Ren und die fleckigen Bodendielen in der Ecke, in der Sedge gestorben war.

»Habe ich nicht versucht, es dir beizubringen?«, fragte Ondrakja. »Ich sehe Vielversprechendes in dir und deinem hübschen Gesicht. Du bist besser als die anderen; eines Tages könntest du so gut sein wie ich. Aber nur, wenn du zuhörst und gehorchst – und nicht länger Dinge vor mir versteckst.«

Ihre Fingernägel bohrten sich in Rens Haut. Ren hob den Blick und sah Ondrakja mit trockenen Augen an. »Verstehe. Ich werde nie wieder versuchen, etwas vor dir zu verstecken.«

»Braves Mädchen.« Ondrakja nahm den Tee entgegen und trank einen Schluck.

* * *

Die Stunden vergingen quälend langsam. Zweite Erde. Dritte Erde. Vierte. Die meisten Finger schliefen, bis auf jene, die Nachtdienst hatten.

Ren und Tess waren weder draußen noch schliefen sie. Sie hockten unter der Treppe und lauschten. Ren umklammerte den Talisman an ihrem Handgelenk. »Bitte«, flehte Tess, »wir können doch einfach …«

»Nein. Noch nicht.«

Rens Stimme blieb ganz ruhig, wenngleich ihr Innerstes zitterte wie ein kleiner Finger beim ersten Taschendiebstahl. Was machen wir, wenn es nicht klappt?

Sie wusste, dass sie weglaufen sollten. Wenn sie es nicht taten, würden sie ihre Chance verpassen. Sobald herauskam, was sie getan hatte, gäbe es in ganz Nadežra keine Straße mehr, die ihr Zuflucht gewähren würde.

Aber sie war Sedge zuliebe geblieben.

Ein Knarzen auf dem Flur über ihnen ließ Tess aufquietschen. Die Schritte auf der Treppe wurden zu Simlin, der um die Ecke kam. Er verharrte, als er sie im Alkoven bemerkte. »Da seid ihr ja«, sagte er, als hätte er sie schon seit einer Stunde gesucht. »Rauf mit euch. Ondrakja will euch sehen.«

Ren stand auf, ohne den Blick von Simlin abzuwenden. Mit seinen dreizehn Jahren war er nicht so groß wie Sedge, aber sehr viel gemeiner. »Wieso?«

»Keine Ahnung. Hat sie nicht gesagt.« Bevor Ren die Stufen hinaufstieg, fügte er hinzu: »Sie will euch beide sehen.«

Das nächste Mal schlage ich an einer weicheren Stelle zu.

Sie hätten weglaufen sollen. Aber da Simlin jetzt ganz in ihrer Nähe stand, konnten sie das vergessen. Er zerrte Tess aus dem Alkoven, ignorierte ihr Wimmern und schob sie beide die Treppe hinauf.

Das Feuer im Salon war runtergebrannt und die Schatten rückten von der Decke und den Wänden immer näher. Ondrakja hatte ihren großen Sessel mit der Rückseite zur Tür aufgestellt, sodass sie um ihn herumlaufen mussten, um ihr ins Gesicht zu sehen. Tess umklammerte Rens Hand so fest, dass es wehtat.

Ondrakja war der Inbegriff an Spitzenwasser-Eleganz. Trotz der späten Stunde hatte sie sich ein feines Kleid angezogen, einen Surcot im Liganti-Stil über einem feinen Leinenunterkleid – das Ren eigenhändig von einer Wäscheleine gestohlen hatte. Ihr Haar war hochgesteckt, und mit der hohen Lehne hinter sich sah sie aus wie einer der Cinquerat auf ihren Thronen.

Einige Stunden zuvor hatte sie Ren noch gestreichelt und für ihre Fähigkeiten gelobt. Nun sah Ren jedoch das mörderische Glitzern in Ondrakjas Augen und wusste, dass so etwas nie wieder passieren würde.

»Verräterische kleine Schlampe«, zischte Ondrakja. »Ist das deine Rache für dieses Stück Scheiße, das ich rausgeworfen habe? Tust mir etwas in den Tee. Es hätte ein Messer in den Rücken sein müssen – aber dafür hast du nicht den Mumm. Das Einzige, was schlimmer ist als ein Verräter, ist einer ohne Rückgrat.«

Ren stand wie gelähmt da. Tess kauerte hinter ihr. Sie hatte exakt die Menge an Herbstzeitlose hineingegeben, die sie sich leisten konnte, und den Apotheker mit den Münzen bezahlt, die ihr, Tess und Sedge eigentlich dabei helfen sollten, Ondrakja für immer zu entkommen. Es hätte wirken müssen.

»Dafür wirst du büßen«, drohte Ondrakja ihr mit vor Gift sprühender Stimme. »Aber diesmal wird es nicht ganz so schnell gehen. Jeder wird wissen, dass du deinen Knoten verraten hast. Sie werden dich festhalten, während ich deine kleine Schwester hier bearbeite. Ich werde sie tagelang am Leben lassen und du wirst jedes noch so kleine …«

Sie erhob sich beim Reden und überragte Ren wie eine urtümliche Dämonin, doch dann taumelte sie plötzlich. Kurz legte sie sich eine Hand an den Bauch und erbrach sich ohne Vorwarnung auf den Teppich.

Als sie den Kopf wieder hob, erkannte Ren, was ihr im Schatten des Sessels verborgen geblieben war: Das Glitzern in Ondrakjas Augen beruhte nicht auf Zorn, sondern kam vom Fieber. Ihr Gesicht sah krank und fahl aus, ihre Haut war mit kaltem Schweiß bedeckt.

Das Gift hatte doch gewirkt. Und es war noch lange nicht fertig mit ihr.

Ren tänzelte nach hinten, als Ondrakja nach ihr griff. Ondrakja ballte die Finger zur Faust, schwankte und sackte auf ein Knie. Schnell wie eine Schlange trat Ren ihr ins Gesicht und Ondrakja fiel nach hinten.

»Das ist für Sedge«, spie Ren ihr ins Gesicht und sauste vor, um Ondrakja in den geplagten Magen zu treten. Die Frau übergab sich erneut, war jedoch noch weit genug bei Sinnen, um Rens Bein zu packen. Ren entwand sich ihr und Ondrakja umklammerte keuchend ihre Kehle.

Mit einem Zerren am Talisman an Rens Handgelenk war die Kordel zerrissen und sie ließ sie ins Erbrochene fallen. Tess tat es ihr sogleich nach. Mit einem Mal waren sie keine Finger mehr.

Ondrakja streckte abermals die Hand aus, und Ren trat auf ihr Handgelenk, wobei der Knochen brach. Sie hätte noch weitergemacht, doch Tess zerrte Ren am Arm zur Tür. »Sie ist doch schon tot. Komm jetzt, sonst …«

»Komm wieder her!«, fauchte Ondrakja, deren Stimme jedoch nur noch ein heiseres Röcheln war. »Das wirst du mir verdammt noch mal büßen …«

Ihre Worte gingen in erneutes Würgen über. Endlich riss sich Ren los, öffnete die Tür und rannte gegen Simlin, der auf der anderen Seite stand und hinfiel, bevor er reagieren konnte. Schon ging es die Treppe hinunter zum Alkoven, wo sich unter den lockeren Bodendielen zwei Taschen verbargen, die ihren gesamten Besitz enthielten. Ren nahm eine heraus und warf Tess die andere zu, und im nächsten Moment preschten sie aus der Tür der Herberge auf die schmalen, stinkenden Straßen von Spitzenwasser und ließen die sterbende Ondrakja, die Finger und ihre Vergangenheit hinter sich zurück.

ERSTER TEIL

1

DIE MASKE DER SPIEGEL

Isla Traementis, die Perlen: 1. Suilun

Nachdem sie seit fünfzehn Jahren die Hausprivilegien der Traementis regelte, erkannte Donaia Traementis, wenn ein Angebot zu gut aussah, als es das vermutlich in Wirklichkeit war. Das Angebot, das momentan auf ihrem Schreibtisch lag, ließ sich nur als unglaublich beschreiben.

»Er könnte wenigstens versuchen, es seriös aussehen zu lassen«, murmelte sie. Hielt Mettore Indestor sie etwa für eine ausgemachte Närrin?

Er glaubt, du bist verzweifelt. Und damit hat er recht.

Sie schob die besockten Zehen unter den riesigen Hund, der unter ihrem Schreibtisch schlief, und presste sich die kalten Finger an die Stirn. Die Handschuhe hatte sie ausgezogen, um Tintenflecken zu vermeiden, und der Kamin in ihrem Studierzimmer brannte nicht, da sie Brennstoff sparen wollte. Abgesehen von Klops waren die Bienenwachskerzen – eine Ausgabe, auf die sie nicht verzichten wollte, um den Rest ihres Augenlichts nicht auch noch zu verlieren – die einzigen Wärmespender. Sie rückte ihre Augengläser zurecht, überflog das Angebot ein weiteres Mal und machte sich zwischen den Zeilen erboste Notizen.

Dabei erinnerte sie sich an eine Zeit, zu der das Haus Traementis ebenso mächtig wie die Indestor-Familie gewesen war.

Sie hatten einen Sitz im Cinquerat gehabt, dem aus fünf Personen bestehenden Rat, der über Nadežra herrschte, und Privilegien, die es ihnen erlaubten, Handel zu treiben, Söldner anzuwerben und Gilden zu kontrollieren. Jede in Nadežra denkbare Art von Wohlstand, Macht und Prestige hatte ihnen zur Verfügung gestanden. Doch trotz Donaias Bemühungen und jener ihres verstorbenen Ehemannes vor ihr war es so weit gekommen: Sie mühte sich mit einem Handelsprivileg an der Abenddämmerungsstraße ab, als könnte sie genug Blut aus dem Stein quetschen, um damit alle Traementis-Schulden zu bezahlen.

Schulden, die sie fast ausschließlich bei Mettore Indestor hatten.

»Und Ihr erwartet, dass ich meine Karawane Euren Wachen anvertraue?«, grummelte sie und bohrte die Feder so fest in das Angebot, dass das Papier beinahe zerriss. »Ha! Und wer beschützt sie vor ihnen? Werden sie überhaupt auf Banditen warten oder die Wagen gleich selbst plündern?«

Wodurch Donaia nicht nur diese verloren hätte, sondern sich auch mit einigen wütenden Investoren und Schulden, die sie nicht länger begleichen konnte, herumschlagen müsste. Dann würde Mettore wie einer seiner dreifach verdammten Falken herbeistürzen, um das zu verschlingen, was vom Haus Traementis noch übrig war.

Doch sosehr sie es auch versuchte, sie sah einfach keine andere Option. Sie konnte die Karawane nicht ungeschützt losschicken – vraszenianische Banditen waren eine ständige Sorge –, aber die Indestor-Familie hatte den Caerulet-Sitz im Cinquerat inne, was bedeutete, dass Mettore über militärische und Söldner-Angelegenheiten entschied. Niemand würde es riskieren, mit einem Haus zusammenzuarbeiten, gegen das Indestor einen Groll hegte – nicht wenn man dadurch ein Privileg verlieren konnte oder Schlimmeres erlitt.

Klops hob den Kopf und jaulte. Einen Augenblick später klopfte es an der Tür des Studierzimmers und Donaias Majordomus erschien. Colbrin wusste genau, dass er sie nicht zu stören hatte, wenn sie sich um Geschäftsbelange kümmerte, doch diese Angelegenheit hielt er offenbar für sehr wichtig.

Er verbeugte sich und reichte ihr eine Visitenkarte. »Alta Renata Viraudax?«, fragte Donaia und schob Klops’ feuchte Schnauze aus ihrem Schoß, der an der Karte schnuppern wollte. Sie drehte die Karte um, als könnte sie auf der Rückseite etwas über den Zweck des Besuchs erfahren. Viraudax war kein hiesiges Adelshaus. Handelte es sich um jemanden, der zu Besuch in Nadežra weilte?

»Eine junge Frau, Era Traementis«, sagte der Majordomus. »Mit guten Manieren. Gut gekleidet. Sie sagte, es ginge um eine wichtige Privatangelegenheit.«

Die Karte segelte zu Boden. Donaias Pflichten als Leiterin des Hauses Traementis verhinderten, dass sie ein ausschweifendes gesellschaftliches Leben führen konnte, was man allerdings nicht von ihrem Sohn behaupten konnte, und in letzter Zeit hatte sich Leato mehr und mehr wie sein Vater verhalten. Möge Ninat ihn holen – wenn ihr Sohn jetzt auch noch Spielschulden bei dieser Besucherin gemacht hatte …

Colbrin hob die Karte auf, bevor der Hund sie fressen konnte, und reichte sie Donaia erneut. »Soll ich ihr sagen, dass Ihr nicht zu Hause seid?«

»Nein. Führe sie herein.« Falls die Ausflüge ihres Sohnes in die zwielichtigeren Gefilde von Nadežra zu Ärger führten, wollte sie diesen zumindest im Keim ersticken, bevor sie sich ihren Sprössling zur Brust nahm.

Irgendwie. Mit Geld, das sie nicht besaß.

Wobei es schlauer wäre, dieses Treffen nicht in einem eiskalten Studierzimmer abzuhalten. »Warte«, bat sie, bevor Colbrin hinausgehen konnte. »Bring sie in den Salon. Und serviere uns Tee.«

Donaia reinigte ihre Feder von Tinte und versuchte vergeblich, die Hundehaare von ihrem Surcot zu wischen. Nachdem sie diesen Versuch aufgegeben hatte, streifte sie sich die Handschuhe über und richtete die Papiere auf ihrem Schreibtisch. Während sie ihre Umgebung in Ordnung brachte, versuchte sie, sich zu sammeln. Sie blickte an ihrer Kleidung hinab – ausgeblichener blauer Surcot über einer Hose und Hauspantoletten – und wog den Wert des Umkleidens gegen den Preis dafür ab, ein potenzielles Problem warten zu lassen.

Heutzutage wird alles anhand seines Wertes bemessen, dachte sie bedrückt.

»Sitz, Klops«, befahl sie, als der Hund ihr folgen wollte, und ging in den Salon.

Die junge Frau, die dort auf sie wartete, hätte nicht besser zu ihrer Umgebung passen können, wenn sie es darauf angelegt hätte. Ihr rotgoldenes Unterkleid und der cremefarbene Surcot harmonisierten hervorragend mit der golddurchwirkten pfirsichfarbenen Seide der Couch und der Sessel, und die dicke Locke, die aus ihrem hochgesteckten Haar herausfiel, entsprach der Farbe der hölzernen Wandvertäfelung. Diese Locke hätte unbeabsichtigt wirken können, als hätte sich eine Haarsträhne gelöst – aber alles andere an dieser Besucherin war derart elegant, dass es sich nur um eine absichtliche persönliche Note handeln konnte.

Sie betrachtete die Bücher, die hinter der Glasscheibe aufgereiht waren. Als Donaia die Tür schloss, drehte sich die Besucherin um und machte einen tiefen Knicks. »Era Traementis. Danke, dass Ihr mich empfangt.«

Ihre höfliche Verneigung war ebenso Seterin wie ihr scharfer Akzent und sie bewegte eine Hand elegant zur gegenüberliegenden Schulter. Bei ihrem Anblick wurden Donaias Bedenken noch viel größer. Die junge Frau musste etwa im Alter ihres Sohnes sein und war mit ihren zarten Gesichtszügen und der makellosen Haut so wunderschön wie ein Porträt von Creciasto. Demzufolge war es durchaus denkbar, dass Leato beim Kartenspiel mit ihr den Kopf verloren hatte. Und ihr Erscheinungsbild – der üppig bestickte Brokat, die Ärmel aus eleganter Seide – trug erst recht nicht dazu bei, Donaias Ängste zu besänftigen. Vor ihr stand eine Frau, die es sich leisten konnte, zu spielen und ein Vermögen zu verlieren.

Diese Art von Frau würde eine einzufordernde Schuld weder vergeben noch vergessen … es sei denn, diese Schuld diente als Druckmittel für etwas anderes.

»Alta Renata. Bitte verzeiht meine Ungezwungenheit.« Donaia deutete auf ihre einfache Kleidung. »Ich hatte keine Besucher erwartet, doch es klang, als wäre diese Angelegenheit ziemlich dringlich. Bitte setzt Euch doch.«

Die junge Frau ließ sich so leicht wie eine Nebelschwade über dem Fluss im Sessel nieder. Bei ihrem Anblick war leicht nachzuvollziehen, warum die Einwohner von Nadežra Seteris als Quelle für alles Stilvolle und Elegante betrachteten. Seteris war der Geburtsort der Mode. Bis sie in den Süden zum Seteris-Protektorat Seste Ligante und dann noch weiter südlich über das Meer nach Nadežra gelangte, war sie bereits alt und überholt und in Seteris längst etwas anderes angesagt.

Die meisten Seterin-Besucher benahmen sich so, als wäre Nadežra nicht mehr als eine rückständige Kolonie von Seteris auf dem vraszenianischen Kontinent, wo sie sich schon mit dem Schlamm des Dežera befleckten, wenn sie nur einen Fuß auf die Straßen setzten. Renatas Reaktion erschien jedoch eher wie ein Zögern als wie Herablassung. »Es ist nicht dringend. Bitte entschuldigt, falls ich diesen Eindruck erweckt haben sollte. Ich muss gestehen, dass ich nicht genau weiß, wie ich diese Unterhaltung angehen soll.«

Sie hielt inne und musterte Donaia mit bernsteinfarbenen Augen. »Ihr erkennt meinen Familiennamen nicht wieder, oder?«

Das hörte sich irgendwie unheilvoll an. Seteris mochte auf der anderen Seite des Meeres liegen, aber die wahrlich mächtigen Familien konnten den Handel in jedem bekannten Teil der Welt beeinflussen. Falls das Haus Traementis unwissentlich eine davon verärgert hatte …

Donaia ließ sich die Besorgnis nicht anmerken. »Bedauerlicherweise hatte ich noch nicht sehr oft mit den großen Häusern von Seteris zu tun.«

Das Mädchen atmete leise aus. »Das dachte ich mir. Zwar hatte ich angenommen, dass sie Euch wenigstens ein Mal geschrieben hat, aber dem ist offenbar nicht so. Ich … bin Letilias Tochter.«

Selbst wenn sie erklärt hätte, von der vraszenianischen Göttin Ažerais höchstpersönlich abzustammen, wäre Donaia nicht verblüffter gewesen.

Ihre Fassungslosigkeit war zu gleichen Teilen Erleichterung und Sorge: Sie war weder als Gläubigerin noch als Tochter einer unbekannten Macht hier, sondern gehörte zur Familie – gewissermaßen.

Da es ihr die Sprache verschlagen hatte, musterte Donaia die junge Frau, die ihr gegenübersaß. Gerader Rücken, gerade Schultern, gerader Hals und dieselbe edle, schmale Nase, dank der Letilia Traementis zu ihrer Zeit als die Schönste in Nadežra galt.

Ja, sie konnte in der Tat Letilias Tochter sein und somit Donaias Nichte.

»Letilia hat nach ihrer Abreise nie geschrieben.« Das war der einzige Punkt, in dem dieses verwöhnte Balg der Familie gegenüber jemals Rücksicht genommen hatte. Während der ersten Jahre hatten sie tagtäglich damit gerechnet, einen Brief zu erhalten, in dem stand, dass sie in Seteris gestrandet sei und dringend Geld benötige. Stattdessen hatten sie nie wieder von ihr gehört.

Angst wallte in Donaia auf. »Ist Letilia hier?«

Die Tür wurde geöffnet, und einen schaurigen Moment lang befürchtete Donaia schon, den vertrauten Schwall an Launenhaftigkeit und Arroganz hereinstolzieren zu sehen. Doch es war nur Colbrin mit einem Tablett. Entgeistert stellte Donaia fest, dass zwei Kannen darauf standen, eine flache, runde für Tee und eine höhere. Selbstverständlich hatte er den Seterin-Akzent ihrer Besucherin bemerkt und ging davon aus, dass Donaia ihr Kaffee servieren wollte.

Wir sind noch nicht so tief gesunken, dass ich mir keine anständige Gastfreundschaft leisten könnte. Aber Donaias Stimme klang dennoch scharf, als er das Tablett zwischen ihnen abstellte. »Danke, Colbrin. Das wäre dann alles.«

»Nein«, antwortete Renata, nachdem sich der Majordomus verbeugt hatte und gegangen war. »Nein, Mutter weilt noch zufrieden in Seteris.«

Anscheinend hatte das Glück das Haus Traementis noch nicht völlig verlassen. »Tee?«, fragte Donaia vor Erleichterung etwas zu beschwingt. »Oder lieber Kaffee?«

»Ich hätte gern einen Kaffee. Danke.« Anmutig nahm Renata Tasse und Untertasse entgegen. Alles an ihr war anmutig – allerdings nicht so künstlich und erzwungen elegant, wie Letilia in Donaias Erinnerung immer gewirkt hatte.

Renata nippte an ihrem Kaffee und gab ein leises, zufriedenes Schlürfen von sich. »Ich muss zugeben, dass ich mich schon gefragt hatte, ob ich hier überhaupt einen Kaffee bekommen würde.«

Ah. Da war das Echo von Letilia, dieser leise Spott, der aus etwas, das ein Kompliment sein konnte, eine Beleidigung werden ließ.

Wir haben sogar Holzböden und Stühle mit Rückenlehne. Donaia schluckte die schnippische Erwiderung hinunter. Der bittere Geschmack, den sie noch im Mund hatte, bewog sie jedoch dazu, sich ebenfalls einen Kaffee einzuschenken, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht mochte. Aber sie würde nicht zulassen, dass ihr dieses Mädchen das Gefühl gab, eine Bäuerin aus dem Delta zu sein, nur weil Donaia ihr ganzes Leben in Nadežra verbracht hatte.

»Ihr seid also hier, Letilia aber nicht. Dürfte ich den Grund dafür erfahren?«

Das Mädchen senkte den Kopf und drehte die Kaffeetasse, als wäre die perfekte Ausrichtung zur Untertasse von entscheidender Bedeutung. »Ich habe tagelang überlegt, wie ich am besten an Euch herantreten soll, aber … nun ja.« In ihrem Lachen schwang ein Hauch Nervosität mit. »Es ist unmöglich, es auszusprechen, ohne zuzugeben, dass ich Letilias Tochter bin … und doch ist mir bewusst, dass ich Euch allein dadurch auf dem falschen Fuß erwische. Daran lässt sich bedauerlicherweise nichts ändern.«

Renata holte tief Luft, als würde sie sich für einen Kampf wappnen, und sah Donaia in die Augen. »Ich bin hier, weil ich herausfinden möchte, ob ich möglicherweise eine Versöhnung zwischen meiner Mutter und ihrer Familie herbeiführen kann.«

Donaia musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht loszulachen. Eine Versöhnung? Sie hätte sich eher mit den Drogen versöhnt, die ihrem Gatten Gianco in seinen letzten Jahren den Verstand geraubt hatten. Wenn sie Giancos finsteren Kommentaren Glauben schenken konnte, hatte Letilia das Haus Traementis ebenso zerstört wie das Aža.

Zu ihrem Glück stand ihr dank der Gebräuche und Gesetze eine andere Antwort zur Verfügung. »Letilia ist nicht länger Teil dieser Familie. Der Vater meines Gatten hat ihren Namen nach ihrem Weggang aus dem Register streichen lassen.«

Zumindest war Renata schlau genug, nicht die Überraschte zu spielen. »Das kann ich meinem Groß… Eurem Schwiegervater nicht verdenken«, sagte sie. »Ich kenne nur die Version dieser Geschichte, wie meine Mutter sie erzählt, aber ich kenne auch sie, daher kann ich mir vorstellen, welchen Beitrag sie zu dieser Entfremdung geleistet hat.«

Donaia glaubte, sich ausmalen zu können, wie viel Gift Letilias Version enthalten haben musste. »Es ist mehr als nur eine Entfremdung«, erklärte sie brüsk und stand auf. »Es tut mir sehr leid, dass Ihr das Meer umsonst überquert habt, aber das, worum Ihr da bittet, ist schlichtweg unmöglich. Selbst wenn ich daran glauben könnte, dass Eure Mutter auf eine Versöhnung aus ist – was ich nicht tue –, habe ich nicht das geringste Interesse daran.«

Ein verräterisches Stimmchen in ihrem Kopf flüsterte: Nicht einmal, wenn sich dadurch eine neue Geschäftsgelegenheit ergeben könnte? Ein Weg, um Indestors Falle zu entrinnen?

Selbst dann nicht. Eher hätte Donaia das Traementis-Herrenhaus niedergebrannt, als Hilfe von Letilia anzunehmen.

Die Salontür wurde abermals geöffnet. Diesmal war es jedoch nicht ihr Majordomus.

»Mutter, Egliadas hat mich zu einem Segelausflug auf dem Fluss eingeladen.« Leato streifte sich die Handschuhe über, als wäre es zu viel verlangt, dass er sich vor Verlassen seiner Gemächer vollständig anzog. Doch er hielt inne und hatte eine Hand noch im Aufschlag, als er die Besucherin erblickte.

Renata erhob sich, wie eine Blüte, die sich öffnete, und Donaia fluchte innerlich. Wieso musste Leato von allen Tagen ausgerechnet heute früh auf sein? Nicht dass vierte Sonne für die meisten anderen Leute früh wäre, aber für ihn war später Vormittag so etwas wie Sonnenaufgang.

Die höflichen Worte kamen wie von selbst aus ihrem Mund, als sie die beiden einander vorstellte, wenngleich sie eigentlich nichts lieber wollte, als dieses Mädchen aus ihrem Salon zu entfernen. »Leato, du erinnerst dich bestimmt an die Geschichten über deine Tante Letilia? Das ist ihre Tochter Alta Renata Viraudax aus Seteris. Alta Renata, das ist mein Sohn und Erbe Leato Traementis.«

Leato nahm Renatas Hand, bevor sie damit erneut ihre Schulter berühren konnte, und küsste die behandschuhten Fingerspitzen. Als sie die beiden zusammen sah, wurde Donaia das Herz schwer. Sie war es gewohnt, ihren Sohn als heranwachsenden Spitzbuben anzusehen, der ihr hin und wieder arge Kopfschmerzen bereitete. Dabei war er ein erwachsener Mann, dessen Schönheit es mit Renatas aufnehmen konnte: Sein Haar glich antikem Gold und war auf modische Weise zerzaust, dazu seine elfenbeinfarbene Haut und seine markanten Gesichtszüge. All das zeugte von seiner Zugehörigkeit zum Haus Traementis, ebenso wie der elegante Schnitt seiner Weste und des maßgeschneiderten langen Mantels darüber, dessen Stoff im platinfarbenen Glanz des herbstlichen Deltagrases schimmerte.

Und die beiden lächelten einander an, als wäre soeben im Salon die Sonne aufgegangen.

»Letilias Tochter?« Leato hielt Renatas Hand nur so lange fest, dass es nicht peinlich wurde. »Ich dachte, sie hasst uns.«

Donaia unterdrückte den Impuls, ihn zu schelten. Das hätte den Eindruck erweckt, sie wolle Renata verteidigen, was ihr nun wirklich nicht in den Sinn kommen würde.

Das Mädchen lächelte kurz verlegen. »Ich mag vielleicht ihre Nase geerbt haben, doch auf alles andere habe ich zu verzichten versucht.«

»Also ihre Persönlichkeit? Dann danke ich Katus.« Leato zuckte zusammen. »Entschuldigung, ich hätte Eure Mutter nicht beleidigen sollen …«

»Es gibt keinen Grund, sich zu entschuldigen«, erwiderte Renata gelassen. »Die Geschichten, die Ihr über sie gehört habt, müssen furchtbar gewesen sein, und das aus gutem Grund.«

Es schien, als würde die Strömung des Flusses sie mit sich reißen und weitertreiben, und Donaia musste dazwischengehen, bevor es zu spät war. Als Leato von Renata wissen wollte, was sie in die Stadt führte, schaltete sich Donaia ein, wenngleich das wenig schicklich war. »Sie ist eben …«

Doch Renata fiel ihr seidenglatt ins Wort. »Ich hatte gehofft, Euren Großvater und Vater kennenzulernen. Was wirklich töricht von mir war; da Mutter keinen Kontakt gehalten hat, wusste ich bis zu meiner Ankunft hier nichts von ihrem Ableben. Meines Wissens steht sie auch nicht länger im Register, daher gibt es keine Verbindung mehr zwischen uns und ich bin bloß eine Fremde, die sich hier Zutritt verschafft hat.«

»Oh, ganz und gar nicht!« Leato drehte sich Bestätigung suchend zu seiner Mutter um.

Zum ersten Mal empfand Donaia Renata gegenüber einen Hauch von Dankbarkeit. Leato hatte Letilia nie kennengelernt; er war noch nicht einmal auf der Welt gewesen, als sie weggelaufen war. Er hatte zwar die Geschichten gehört, aber zweifellos wenigstens einige davon als Übertreibung abgetan. Hätte Renata die Versöhnung sofort angesprochen, wäre er vermutlich ganz dafür gewesen.

»Wir sind von Eurem Besuch gerührt«, sagte Donaia und nickte dem Mädchen höflich zu. »Es tut mir nur leid, dass die anderen keine Gelegenheit bekommen haben, Euch kennenzulernen.«

»Dein Besuch?« Leato schnaubte. »Nein, das darf noch nicht alles gewesen sein. Ihr seid schließlich meine Cousine – zugegeben, nicht vor dem Gesetz, wie mir bekannt ist. Aber das Blut zählt hier auch sehr viel.«

»Wir sind Nadežraner, Leato, keine Vraszenianer«, schalt Donaia ihren Sohn, nicht dass Renata noch auf den Gedanken kam, sie hätten sich völlig den Gebräuchen des Deltas angepasst.

Er sprach weiter, als ob er sie nicht gehört hätte. »Meine Cousine, von deren Existenz wir nicht einmal etwas wussten, kommt über das Meer, plaudert einige Minuten lang mit uns und verschwindet dann wieder? Das kann ich nicht zulassen. Giuna – das ist meine jüngere Schwester – konnte Euch noch nicht einmal kennenlernen. Warum bleibt Ihr nicht einige Tage bei uns?«

Donaia konnte nicht verhindern, dass ihr ein leises Wimmern entfleuchte. Auch wenn Leato sein Möglichstes tat, um die finanziellen Schwierigkeiten, in denen das Haus Traementis steckte, zu ignorieren, wusste er doch davon. Ein Hausgast war das Letzte, was sie sich leisten konnten.

Doch Renata lehnte mit leichtem Kopfschütteln ab. »Nein, nein … Ich kann mich unmöglich derart aufdrängen. Allerdings werde ich noch eine Weile in Nadežra bleiben und bekomme vielleicht die Gelegenheit, Euch zu zeigen, dass ich nicht wie meine Mutter bin.«

Zweifellos wollte sie weiterhin versuchen, eine Versöhnung herbeizuführen. Zwar war Renata älter und selbstbeherrschter, doch etwas an ihrem gesenkten Blick erinnerte Donaia an Giuna. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie Giuna Letilia in Seteris mit demselben unmöglichen Ansinnen aufsuchte.

Wenn sich das Haus Traementis denn die Seepassage leisten könnte, was nicht der Fall war. Und wenn Donaia ihr die Reise gestattete, was nie passieren würde. Falls diese undenkbare Situation jedoch eintrat … Ihr widerstrebte die Vorstellung, wie Letilia Giuna abblitzen lassen und vermutlich voller Feindseligkeit empfangen würde, wenn sie das Mädchen denn überhaupt vorließ.

Daher sagte Donaia so warmherzig, wie sie konnte: »Selbstverständlich seid Ihr nicht Eure Mutter. Und Ihr solltet auch nicht gezwungen sein, die Last ihrer Vergangenheit auf Euren Schultern zu tragen.« Sie ließ ein Lächeln durch ihre Maske hervorblitzen. »So wie mein Sohn die Stirn runzelt, vermute ich, dass er gern mehr über Euch wissen würde, und ich schätze, Giuna würde ebenso empfinden.«

»Herzlichen Dank«, erwiderte Renata höflich. »Aber das müssen wir verschieben. Tut mir sehr leid, Altan Leato.« Ihre Worte ließen seinen Protest verstummen, bevor er ihn aussprechen konnte, und sie blieb dabei tadellos formell. »Meine Zofe will mir heute Nachmittag ein neues Kleid anpassen, und sie pikst mich mit den Nadeln, wenn ich zu spät komme.«

Das war nun wiederum so untypisch für Letilia, wie es nur irgend möglich war. Nicht die Besorgnis hinsichtlich ihrer Kleidung – darin waren sich die beiden ähnlich, nur dass Letilia weniger geschmackvolle Resultate erzielte –, sondern der anmutige Rückzug, mit dem sie Donaias Wunsch entsprach, sie aus dem Haus zu bekommen.

Doch es gelang Leato, noch eine letzte Frage anzubringen. »Wo können wir Euch erreichen?«

»Auf der Isla Prišta, Via Brelkoja Nummer vier«, antwortete Renata. Donaia presste die Lippen aufeinander. Für einen Aufenthalt, der einige Wochen oder gar einen oder zwei Monate dauerte, hätte ein Hotel ausgereicht. Da sie ein Haus gemietet hatte, schien sie hingegen länger bleiben zu wollen.

Diese Angelegenheit konnte jedoch bis später warten. Donaia griff nach der Glocke. »Colbrin bringt Euch hinaus.«

»Das ist nicht nötig.« Leato reichte Renata die Hand. Als sie Donaia ansah, anstatt sie zu nehmen, fragte Leato: »Du nimmst es mir doch nicht übel, wenn ich noch etwas mit meiner neuen Cousine plaudere, Mutter?«

Das war typisch für Leato, dass er stets um Vergebung bat, statt um Erlaubnis zu bitten. Aber Renatas angedeutetes Lächeln versprach ihr stillschweigend, ihn nicht zu ermutigen. Donaia nickte nachsichtig und Renata ließ sich von ihm aus dem Raum führen.

Sobald sie gegangen waren, ließ Donaia Colbrin kommen. »Ich bin wieder im Studierzimmer und möchte höchstens bei einer Flut oder einem Brand gestört werden.«

Colbrins bestätigende Worte hallten ihr auf dem Weg die Stufen hinauf hinterher. Als sie den Raum betrat, erhob sich Klops mit einem gewaltigen Gähnen und hoffnungsvollem Blick, legte sich jedoch wieder hin, als er merkte, dass keine Leckerchen zu erwarten waren.

Der Raum kam ihr kühler und dunkler vor als zuvor. Sie musste an Renatas gute Manieren und feine Kleidung denken. Selbstverständlich trug Letilias Tochter die neueste Mode, die es noch nicht aus Seteris nach Nadežra geschafft hatte. Natürlich war sie reich genug, um ein Haus in Westbrück nur für sich allein zu mieten, ohne sich etwas dabei zu denken. Hatte Gianco nicht immer gesagt, Letilia hätte bei ihrem Weggang das Glück von Haus Traementis mitgenommen?

Gekränkt entzündete Donaia das Feuer im Kamin, trotz der Kosten dafür. Sobald die Wärme das Studierzimmer durchdrang, kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück. Erneut schob sie die Zehen unter den Hund und verfasste im Kopf eine Nachricht, während sie die Schreibfeder anspitzte und die Tintenwanne füllte.

Das Haus Traementis mochte bis zum Hals in Schulden stecken und immer tiefer darin versinken, aber sie verfügten noch immer über die Privilegien, die ihnen der Adelsstand ermöglichte. Zudem war Donaia keine solche Närrin, dass sie auf einen Köder ansprang, ohne ihn vorher von allen Seiten begutachtet zu haben.

Sie senkte den Kopf und schrieb einen Brief an Kommandantin Cercel von der Wache.

Ober- und Unterufer: 1. Suilun

Renata rechnete damit, dass Leato Traementis sie zur Haustür brachte, doch er geleitete sie bis ans Ende der Stufen und hielt sogar noch ihre Hand, als sie dort stehen blieben. »Ich hoffe, Mutters Reserviertheit hat Euch nicht beleidigt«, sagte er. Eine Brise zerzauste sein helles Haar und ließ ihr den Geruch nach Karamell und Mandeln in die Nase steigen. Ein starker Geruch, der zu seiner Kleidung und seiner Kutsche ebenso passte wie die dünnen Linien aus Goldfarbe an seinen Wimpern. »Sehr viele tote Zweige wurden aus dem Traementis-Register getilgt, seitdem mein Vater – und Eure Mutter – Kinder waren. Heute gibt es nur noch Mutter, Giuna und mich. Da macht sich oft ihr Beschützerinstinkt bemerkbar.«

»Ich fühle mich nicht im Geringsten beleidigt.« Renata schenkte ihm ein Lächeln. »So närrisch, dass ich mit einem herzlichen Empfang gerechnet hätte, bin ich beileibe nicht. Zudem bin ich bereit, mich in Geduld zu üben.«

Der Wind frischte auf und sie erschauerte. Leato trat vor, um sich zwischen sie und den Wind zu stellen. »Man sollte doch annehmen, Nadežra wäre wärmer als Seteris, nicht wahr?«, meinte er mitfühlend. »Das liegt nur am Wasser. Es schneit hier zwar so gut wie nie, aber die Winter sind so feucht, dass einem die Kälte bis in die Knochen dringt.«

»Ich hätte mir einen wärmeren Mantel anziehen sollen. Aber da ich keinen herbeizaubern kann, nehmt ihr es mir hoffentlich nicht übel, wenn ich nun rasch nach Hause gehe.«

»Natürlich nicht. Ich rufe Euch eine Sänfte.« Leato hob eine Hand, um die Aufmerksamkeit mehrerer Männer zu erregen, die auf der anderen Seite des Platzes warteten, und bezahlte die Träger, bevor Renata auch nur die Geldbörse zücken konnte. »Um Euch ein wenig zu besänftigen«, fügte er lächelnd hinzu.

Sie dankte ihm mit einem Knicks. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.«

»Das hoffe ich auch.« Leato half ihr in die Sänfte und schloss die Tür, damit ihre Röcke geschützt blieben.

Als die Träger auf den schmalen Zugang zum Platz zuhielten, zog Renata die Vorhänge zu. Das Traementis-Haus lag in den Perlen, einer Aneinanderreihung von Inseln entlang des Oberufers des Flusses Dežera. Hier war das Wasser sauber und klar dank des Numinats, das den Ostkanal schützte, und die schmalen Straßen und Brücken wirkten gepflegt; die Familien mit dem Privileg, die Straßen frei von Unrat zu halten, würden nicht einmal im Traum daran denken, diesen in der Nähe der Reichen und Mächtigen zu dulden.

Aber der Felskeil, der den Dežera in den Ost- und Westkanal teilte, war eine ganz andere Angelegenheit. Denn die Alte Insel beherbergte nicht nur zwei der wichtigsten Institutionen von Nadežra – das Privilegienhaus am Morgendämmerungstor, das den Regierungssitz darstellte, und den Horst am Abenddämmerungstor, wo die Wache beheimatet war, die für Ordnung sorgte –, sondern auch jede Menge Arme und solche von schäbiger Eleganz. Jede Person in einer Sänfte forderte Bettler förmlich dazu auf, sich vor den Fenstern zu versammeln. Womit es aber noch immer besser war als in Unterufer, wo eine Sänfte stets Gefahr lief, umgestoßen und ausgeraubt zu werden.

Glücklicherweise lag ihr gemietetes Haus auf der Isla Prišta in Westbrück – im Grunde genommen noch in Unterufer und weit vom modernen Bezirk entfernt, aber es war eine angesehene, aufsteigende Gegend. Tatsächlich hatte man die Gebäude an der Via Brelkoja erst vor derart kurzer Zeit renoviert, dass der Mörtel aufgrund der feuchten Luft noch gar nicht ausgehärtet war. Die frisch gestrichene Haustür von Nummer vier wurde geöffnet, kaum dass Renata einen Fuß auf die unterste Stufe gesetzt hatte.

Tess sah in dem gestärkten grau-weißen Surcot und dem Unterrock wie ein ernstes nadežranisches Hausmädchen aus, doch ihre kupferfarbenen ganllechynischen Locken und die Sommersprossen boten einen so angenehmen Anblick, dass sich Renata gleich wie zu Hause fühlte. Knicksend murmelte Tess leise »Alta«, als Renata an ihr vorbeiging, und nahm die Handschuhe und Handtasche ihrer Schwester entgegen.

»Nach unten«, murmelte Renata, bevor die Tür zufiel und sie in der schwach erleuchteten Eingangshalle standen.

Tess nickte und schluckte ihre Frage herunter. Gemeinsam gingen sie in die halb unter der Erde liegenden Kellerräume, in denen sich die Dienstbotenzimmer befanden. Sobald sie die sichere Küche erreicht hatten, fragte Tess: »Und? Wie ist es gelaufen?«

Ren gab ihre Haltung auf und nahm erneut den kehligen Ton ihres eigentlichen Akzents an. »Für mich so gut, wie ich nur hoffen konnte. Donaia hat eine Versöhnung direkt ausgeschlagen …«

»Der Mutter sei Dank«, hauchte Tess. Hätte Donaia Kontakt zu Letilia aufgenommen, wäre ihr ganzer Plan sofort zum Scheitern verurteilt gewesen.

Ren nickte. »Angesichts der Aussicht, mit ihrer ehemaligen Schwägerin sprechen zu müssen, fiel ihr kaum auf, dass ich einen Fuß in die Tür bekommen habe.«

»Das ist doch ein guter Anfang. Und jetzt runter mit dem feinen Fummel, und zieh das hier an, bevor du dich noch erkältest.« Tess reichte Ren einen dicken Umhang aus grob gesponnener Wolle, der mit unbehandeltem Filz gefüttert war, und drehte sie wie eine Anziehpuppe, um ihr den mit wunderschönen Stickereien verzierten Surcot auszuziehen.

»Ich habe die Sänfte gesehen«, sagte Tess und zerrte an den seitlichen Verschnürungen. »Du bist damit doch nicht etwa den ganzen Weg von der Isla Traementis hergekommen, oder? Wenn du jetzt anfängst, ständig Sänften zu nehmen, muss ich das Budget noch einmal anpassen. Dabei hatte ich ein wunderschönes Stück Spitze bei der Stoffrestehändlerin im Auge.« Tess seufzte sehnsüchtig, als müsste sie sich von einem Liebsten verabschieden. »Dann werde ich wohl selbst welche anfertigen müssen.«

»In deiner vielen Freizeit?«, spottete Ren. Der Surcot rutschte herunter und sie legte sich stattdessen den Umhang um die Schultern. »Der Sohn hat die Sänfte bezahlt.« Sie ließ sich auf die Küchenbank sinken und zog sich leise fluchend die Schuhe aus. Modische Schuhe waren alles andere als bequem. Der schwerste Teil ihres Schwindels bestand darin, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr andauernd die Füße wehtaten.

Allerdings folgte das Trinken von Kaffee direkt im Anschluss.

»Hat er das?« Tess setzte sich neben Ren auf die Bank, und das so nah, dass sie sich die Wärme unter dem Umhang teilen konnten. Abgesehen von der Küche und dem vorderen Salon waren die Möbel in den Räumen noch unter schützenden Laken verborgen. Die Öfen waren kalt, ihre Mahlzeiten einfach und sie schliefen zusammen auf einer Pritsche in der Küche, damit sie nur einen Raum des Hauses heizen mussten.

Denn sie war nicht etwa Alta Renata Viraudax, die Tochter von Letilia Traementis, sondern Arenza Lenskaya, halb-vraszenianische Flussratte, und selbst mit einer gefälschten Bankbürgschaft war es nicht gerade billig, sich als Seterin-Adlige auszugeben.

Tess zückte eine kleine Klinge und machte sich daran, die Säume von Rens wunderschönem Surcot aufzutrennen, um ihn anzupassen. »War das nur eine müßige Tändelei?«

Der spekulative Unterton von Tess’ Frage ließ erkennen, dass sie nicht annahm, Ren würde jemals müßig tändeln. Ob das nun auf Leato zutraf oder nicht, so hatte Ren Grenzen, die sie niemals überschritt, und dazu gehörte, dass sie ihren Körper nicht verkaufte.

Das wäre der leichtere Weg gewesen. Sich gut genug zu kleiden, um die Aufmerksamkeit eines Sohns aus der Oberschicht des Deltas oder gar eines Adligen zu erregen und durch Heirat zu Geld zu kommen. Sie wäre nicht die erste Person in Nadežra, der so etwas gelang.

Aber sie hatte fünf Jahre in Ganllech verbracht – fünf Jahre als Dienstmädchen unter Letilias Knute, in denen sie sich ihre Beschwerden über ihre furchtbare Familie anhören musste und wie sehr sie von einem Leben in Seteris träumte, dem gelobten Land, das sie nie erreicht hatte. Als Ren und Tess dann nach Nadežra zurückgekehrt waren, hatte Ren sich etwas vorgenommen: kein Herumhuren und kein Mord. Stattdessen fasste sie ein höheres Ziel ins Auge: Sie wollte ausnutzen, was sie erfahren hatte, um sich als verschollene Verwandte Zutritt zum Haus Traementis zu verschaffen … und zu all dem Wohlstand und gesellschaftlichen Ansehen, das damit einherging.

»Leato ist nett«, gab sie zu, hob das andere Ende des Kleides hoch und machte sich mit ihrem Messer am Saum zu schaffen. Tess traute ihr beim Nähen nichts Komplizierteres als einen Saum zu, aber Fäden herausreißen? Dafür war sie qualifiziert. »Und er hat mir dabei geholfen, Donaia ein schlechtes Gewissen zu machen, damit sie zugestimmt hat, mich erneut zu empfangen. Aber sie ist in der Tat so übel, wie Letilia behauptet hat. Du hättest sehen müssen, wie sie gekleidet war. An ihren schäbigen alten Fummeln hingen lauter Hundehaare. Als wäre es ein moralischer Makel, auch nur eine einzige Centira unnötig auszugeben.«

»Aber der Sohn ist gar nicht so übel?« Tess wackelte auf der Bank herum und stieß Ren mit der Hüfte an. »Vielleicht ist er ja ein Bastard.«

Ren schnaubte. »Wohl kaum. Donaia würde ihm die Sterne vom Himmel holen, wenn er sie darum bittet, und er sieht ebenso nach Traementis aus wie ich.« Nur dass er keine Schminke brauchte, um das zu erreichen.

Ihre Hände zitterten bei der Arbeit. Diese fünf Jahre in Ganllech waren auch fünf Jahre, in denen sie aus der Übung gekommen war. Zudem waren alle vorherigen Schwindel kurzlebig gewesen – und nicht mit einem Plan dieses Ausmaßes zu vergleichen. Wenn sie zuvor mal erwischt worden war, hatten die Falken sie für einige Tage ins Gefängnis gesteckt.

Flog sie jedoch jetzt dabei auf, sich für eine Adlige auszugeben …

Tess legte eine Hand auf Rens und ließ sie innehalten, bevor sie sich noch mit dem Messer verletzte. »Es ist nie zu spät, um etwas anderes zu versuchen.«

Ren rang sich ein Lächeln ab. »Sollen wir bergeweise Stoff kaufen, weglaufen und uns als Schneiderinnen verdingen? Du könntest das durchaus schaffen. Ich eigne mich gerade mal als Schneiderpuppe.«

»Du würdest sie vorführen und verkaufen«, erklärte Tess entschieden. »Wenn du das möchtest.«

Ein solches Leben hätte Tess glücklich gemacht. Aber Ren wollte mehr.

Diese Stadt schuldete ihr mehr. Sie hatte ihr alles genommen: ihre Mutter, ihre Kindheit, Sedge. Die reichen Schnösel von Nadežra bekamen, was immer sie haben wollten, und stritten sich dann noch um den Besitz ihrer Rivalen, wobei sie alles andere unter ihren Füßen zertraten. In der ganzen Zeit bei den Fingern hatte Ren nie mehr als die allerkleinsten Fetzen von den Säumen ihrer Mäntel abbekommen.

Aber jetzt war sie dank Letilia in einer Position, um mehr zu erhalten.

Die Traementis gaben das perfekte Ziel ab. Heutzutage war die Familie so klein, dass nur Donaia Renata als Hochstaplerin entlarven konnte, und isoliert genug, um jede Ergänzung ihres Registers willkommen zu heißen. In den ruhmreichen Tagen, in denen sie Macht und Ansehen besaßen, waren sie für ihre abgeschottete Lebensweise berüchtigt gewesen und hatten sich geweigert, anderen Adligen in Zeiten der Not zur Seite zu stehen. Seitdem sie ihren Sitz im Cinquerat verloren hatten, vergalten es ihnen alle anderen mit gleicher Münze.

Ren ließ das Messer sinken und drückte Tess’ Hand. »Nein. Das sind nur die Nerven und vergeht wieder. Wir machen weiter.«

»Wie du willst.« Tess drückte auch ihre Hand und nahm ihre Arbeit wieder auf. »Als Nächstes brauchen wir einen öffentlichen Auftritt, nicht wahr? Ich muss wissen, wann und wo dieser stattfinden soll, damit ich dich entsprechend ausstaffieren kann.« Die Seiten des Surcot fielen auseinander, und sie machte sich daran, das Bandeau am oberen Teil des Mieders zu lösen. »Die Ärmel sind das Entscheidende, ist dir das aufgefallen? Es geht immer um die Ärmel. Aber da ist mir etwas eingefallen … Falls du bereit bist, dass Alta Renata einen neuen Modetrend setzt, statt nur welchen zu folgen.«

Ren warf ihr einen Seitenblick zu und ihr Misstrauen war nur halb gespielt. »Was genau schwebt dir vor?«

»Hmm. Steh mal auf und zieh alles aus.« Sobald Ren im Hemd vor ihr stand, spielte Tess mit verschiedenen Strumpfhaltern und Falten herum, bis Rens Arme vom langen Hochhalten schmerzten. Aber sie beschwerte sich nicht. Tess hatte ein gutes Auge für Mode, konnte ihre Ideen gut umsetzen und schaffte es, die Bestandteile dreier Outfits zu neun neuen zu machen, was für diesen Schwindel ebenso entscheidend war wie Rens manipulatives Geschick.

Sie schloss die Augen und ging in Gedanken durch, was sie über diese Stadt wusste. Wohin sie gehen, was sie tun konnte, um die Art von Bewunderung zu erlangen, mit der sie den erwünschten sicheren Stand finden konnte.

Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihren Zügen aus.

»Tess«, sagte sie. »Ich habe die perfekte Idee. Und du wirst sie lieben.«

Der Horst und Isla Traementis: 1. Suilun

»Serrado! Kommt her. Ich habe einen Auftrag für Euch.«

Kommandantin Cercels Stimme hallte laut durch den Horst und übertönte den üblichen Lärm. Hauptmann Grey Serrado gab seinen Schutzleuten den Befehl, ihren Gefangenen in die Einfriedung zu bringen, drehte sich um und bahnte sich durch das Chaos einen Weg zum Amtssitz seiner Kommandantin. Dabei ignorierte er das Grinsen und die leisen Bemerkungen der anderen Offiziere, denn anders als ihnen war ihm nicht der Luxus vergönnt, herumzusitzen, Kaffee zu trinken und seine Schutzmänner aus dem bequemen Horst heraus zu befehligen.

»Kommandantin Cercel?« Er schlug die Hacken seiner Stiefel zusammen und salutierte zackig – diesen Salut hatte er während der vielen Stunden in Habachtstellung bei Sonnenschein, Regen und Wind perfektioniert, während die anderen Leutnants in der Kantine oder Kaserne weilten. Cercel war nicht derart auf Disziplin bedacht, wie man es von ihren Vorgängern kannte, aber da sie der Grund dafür war, dass er das Hexagrammabzeichen mit dem Doppelstrich eines Hauptmanns führte, wollte er ihr Ehre erweisen.

Sie las einen Brief, doch als sie den Kopf hob, um ihm zu antworten, riss sie die Augen auf. »Wie sieht denn der andere aus?«

Er sah die beiläufige Frage als Erlaubnis an, die Haltung zu lockern, und warf einen Blick auf seine Uniform. Seine Patrouillekleidung war von oben bis unten mit Schlamm bespritzt und auf den Knöcheln seiner Lederhandschuhe trocknete Blut. Etwas vom Kanalschlamm an seinen Stiefeln war beim Salutieren abgeblättert und verschmutzte Cercels Teppich mit dem Dreck aus den Eisvogelslums.

»Er ist benommen, aber atmet noch. Ranieri bringt ihn gerade in die Einfriedung.« Ihre Frage klang wie eine Einladung zu einer munteren Unterhaltung, doch da die Tür ihres Büros noch offen stand, tat er sicher gut daran, sich die überschlauen Bemerkungen zu verkneifen.

Sie reagierte auf seine kurze Antwort mit einem ebenso knappen Nicken. »Dann säubert Euch mal lieber. Ich habe einen Brief aus einem der Adelshäuser erhalten, das die Unterstützung der Wache erbittet. Das werdet Ihr übernehmen.«

Grey biss die Zähne zusammen, während er darauf wartete, dass sich sein Magen wieder beruhigte. Es war durchaus möglich, dass es sich bei dieser Bitte um einen legitimen Hilferuf handelte. »Um was für ein Verbrechen geht es?«

Cercels ruhiger Blick gab ihm zu verstehen: Das solltet Ihr doch besser wissen. »Eines der Adelshäuser ersucht die Wache um Unterstützung«, wiederholte sie. »Dafür wird es schon einen guten Grund geben.«

Wer immer den Brief geschickt hatte, ging zweifellos davon aus, dass der Grund gut war. Das taten jene aus den großen Häusern immer.

Aber Grey hatte den Schreibtisch voller echter Probleme. »Es sind noch mehr Kinder verschwunden. Das macht schon elf bestätigte Fälle allein diesen Monat.«

Dieses Gespräch hatten sie in den letzten Wochen schon mehrmals geführt. Cercel seufzte. »Bislang gab es keine Berichte …«

»Weil es bisher alles Flussratten waren. Wer bringt schon genug Interesse für sie auf, um ihr Verschwinden zu melden? Aber der Mann, den ich eben verhaftet habe, weiß etwas darüber; er verspricht den Kindern in Eisvogel eine gute Bezahlung für eine nicht näher genannte Aufgabe. Ich habe ihn wegen Verunstalten öffentlichen Eigentums verhaftet, doch er wird heute Abend bestimmt wieder freikommen.« Pinkeln in der Öffentlichkeit war kein Vergehen, das die Wache üblicherweise ahndete, es sei denn, es passte ihr in den Kram. »Gehe ich recht in der Annahme, dass dieser ›gute Grund‹ eines Adligen wichtiger ist, als herauszufinden, was mit diesen Kindern passiert?«

Cercel stieß die Luft durch die Nase aus und er verspannte sich. War er zu weit gegangen?

Nein. »Euer Mann sitzt vorerst fest«, sagte sie. »Lasst ihn von Kaineto erfassen – alle beschweren sich immer, er wäre so träge wie Flussschlamm. Bis Ihr zurück seid, wird er bereit sein, mit Euch zu reden. Derweil schickt Ranieri los, damit er sich in Eisvogel umhört und vielleicht jemanden findet, der mit diesem Mann zusammenarbeitet.« Sie legte den Brief auf den Tisch und zog einen anderen aus einem Stapel, was darauf hindeutete, dass er gleich entlassen werden würde. »Ihr wisst, wie es läuft, Serrado.«

Die ersten Male hatte er sich dumm gestellt, damit sie es ihm klar und deutlich sagte. Damals hatte er es sich auf keinen Fall leisten können, einen vorgesetzten Offizier falsch zu verstehen.

Doch diese Spielchen hatten sie inzwischen hinter sich. Solange er kuschte und tat, was immer dieser Adlige von ihm verlangte, würde ihm Cercel keine Fragen darüber stellen, wie er die Zeit und die Ressourcen der Wache für eigene Zwecke nutzte.

»Ja, Kommandantin.« Er salutierte und knallte erneut die Fersen gegeneinander, was mehr Deltaschlick auf ihren Teppich fallen ließ. »Welches Haus hat um Hilfe ersucht?«

»Traementis.«

Wäre er nicht derart auf sein Benehmen bedacht, hätte er ihr einen schiefen Blick zugeworfen. Wieso hat sie das nicht gleich gesagt? Aber Cercel wollte ihm begreiflich machen, dass die Reaktion auf solche Anfragen auch zu seinen Pflichten gehörte, und verlangte, dass er sich beugte, bevor sie den Silberstreif am Horizont präsentierte. »Verstanden. Ich breche sofort zu den Perlen auf.«

Ihr letzter Befehl hallte ihm beim Verlassen des Büros hinterher. »Wagt es ja nicht, in diesem Aufzug vor Era Traementis’ Tür aufzutauchen!«

Stöhnend änderte Grey die Richtung. Er schnappte sich einen Krug mit Wasser und einen Boten und schickte Letzteren mit den neuen Befehlen zu Ranieri.

Im Horst gab es ein Badezimmer, doch damit wollte er keine Zeit vergeuden. Nach einem Schnüffeltest landete jedes Teil seiner Patrouillenuniform im Wäschekorb, abgesehen vom Kaffee, der zu den wenigen Vorteilen seines Rangs gehörte, die er schamlos ausnutzte. Wenn sein Beruf schon erforderte, dass er durch die Kanäle watete, dann konnte die Wache wenigstens dafür zu sorgen, dass er nicht auch entsprechend stank. Er wusch sich rasch in seinem winzigen Büro, um den noch an seiner Haut und in seinen Haaren haftenden Gestank restlos zu entfernen, bevor er seine Ausgehuniform anzog.

Dabei musste er wieder einmal zugeben, dass die Truppe einen guten Schneider hatte. Die braune Hose war im Liganti-Schnitt gefertigt und lag eng an Oberschenkeln und Hüften an, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Sowohl die Brokatweste als auch der Mantel aus saphirblauer Wolle saßen wie eine zweite Haut, wobei Letzterer bis hinab zu seinen polierten, kniehohen Stiefeln reichte. Auf seiner Patrouillekleidung war der abtauchende Falke auf den Schulterblättern nur Flickwerk, hier war er jedoch mit goldenen und braunen Fäden gestickt worden.

Grey neigte nicht zu Eitelkeit, liebte jedoch seine Ausgehuniform. Sie war ein eindeutiger Beweis dafür, dass er eine Stellung innehatte, von der die meisten Vraszenianer nur träumen konnten. Sein Bruder Kolya war sehr stolz gewesen, als Grey darin nach Hause gekommen war.

Da seine Hände unverhofft zitterten, bohrte sich die Anstecknadel am Kragen in seinen Daumen. Grey unterdrückte einen Fluch und saugte das Blut aus der Wunde, und anschließend vergewisserte er sich mit einem winzigen Handspiegel, dass nichts an die Kleidung gelangt war. Diese sah zum Glück unversehrt aus, und es gelang ihm, sich ohne weitere Verletzungen fertig anzukleiden.

Danach brach er mit langen, ausholenden Schritten vom Abenddämmerungstor gen Osten auf. Er hätte eine Sänfte nehmen und den Trägern sagen können, dass sie es der Wache in Rechnung stellen sollten, so wie es viele andere Offiziere taten, die genau wussten, dass eine solche Rechnung niemals bezahlt werden würde. Doch sie betrogen nicht nur die Träger, sondern bekamen auch die Stadt nicht auf dieselbe Art und Weise zu sehen wie Grey.

Aber die meisten von ihnen interessierte es auch nicht. Sie waren Liganti oder hatten zumindest eine derart durchmischte Ahnenreihe, dass sie das von sich behaupten konnten; für sie war Nadežra nur ein Außenposten von Seste Ligante und halb gezähmt vom Liganti-General Kaius Sifigno, der sich vor zwei Jahrhunderten nach der Eroberung von Vraszan zu Kaius Rex umbenannt hatte. Andere bezeichneten ihn als Tyrannen, und nach seinem Tod eroberten die vraszenianischen Clans ihre restlichen Ländereien wieder zurück. Aber jeder Versuch, ihre heilige Stadt für sich zu beanspruchen, scheiterte, bis die Erschöpfung auf beiden Seiten zur Unterzeichnung eines Abkommens führte. Darin wurde Nadežra zum unabhängigen Stadtstaat erklärt – unter der Herrschaft seiner Liganti-Elite.

Es war ein bestenfalls wackliges Gleichgewicht, das noch dazu von radikalen vraszenianischen Gruppen wie den Stadnem Anduske gefährdet wurde, deren Ziel es war, die Stadt wieder in vraszenianischen Händen zu sehen.

Auf den geschäftigen Märkten von Sonnenkreuz im Herzen der Alten Insel machte man Grey beim Anblick seines leuchtend blauen Mantels und des aufgestickten braunen Falken Platz, warf ihm allerdings finstere Blicke zu. Für die Reichen und Mächtigen war die Wache nur ein Werkzeug, während gewöhnliche Nadežraner die Wache als Werkzeug der Reichen und Mächtigen ansahen. Zwar galt das nicht für alle Mitglieder der Wache – Grey war nicht der einzige Falke, dem etwas am gewöhnlichen Volk lag –, aber doch genug, sodass er den Leuten die Feindseligkeit nicht verdenken konnte. Einige der schlimmsten Blicke kamen von Vraszenianern, die ihn ansahen und einen Wankelknoten erblickten: einen Mann, der sein Volk verraten und sich auf die Seite der Nachfahren der einstigen Invasoren gestellt hatte.

Grey war an die Blicke gewöhnt. Er hielt nach Ärger Ausschau, als er an den Marktständen vorbei zu den krummen und schiefen Stadthäusern ging, und auch an einem derben Puppenspiel, bei dem die einzigen Kinder unter den Zuschauern Taschendiebe waren. Sie tröpfelten wie Wasser davon, bevor er ihre Gesichter erkennen konnte. Einige Bettler beäugten ihn misstrauisch, aber Grey hegte keinen Groll gegen sie; die gefährlicheren Elemente würden erst gegen Abend herauskommen, wenn die nutzlosen Söhne und Töchter der Oberschicht des Deltas auf der Suche nach Unterhaltung durch die Straßen schlenderten. Eine Musterleserin hatte ihren Stand an der Ecke in der Nähe des Privilegienhauses aufgebaut und wartete darauf, ihre Kunden mit armseligen Lügen übers Ohr zu hauen. Er machte einen großen Bogen um sie und ballte den Lederhandschuh zur Faust, weil er gegen den Drang ankämpfte, sie wegen Betrugs zurück zum Horst zu schleifen.

Sobald er unter der verrottenden Masse des Morgendämmerungstors hindurchgegangen war und die Sonnenaufgangsbrücke überquert hatte, wandte er sich gen Norden in Richtung der schmalen Inseln, die die Perlen bildeten, wobei es auf dem Weg von unzähligen Sänften wimmelte. Zwei ältere Damen, die von ihrer eigenen Wichtigkeit überzeugt waren, versperrten die Becchiabrücke gleich ganz und stritten sich wie Möwen kreischend darüber, wer von ihnen der anderen Platz machen sollte. Grey merkte sich die Haussiegel, die an den Türen der Sänften prangten, für den Fall, dass später im Horst Beschwerden eintreffen sollten.

Seine Schultern juckten, als er die Linien des komplexen Mosaiks in der Mitte der Traementis Plaza überquerte. Dabei handelte es sich nicht nur um Fliesen, sondern um ein Numinat: geometrische Liganti-Magie, die dafür sorgte, dass der Boden trocken und fest blieb, während der Fluss entschlossen versuchte, alles in Schlamm zu verwandeln. Nützlich … aber der Tyrann hatte die Numinatria bei seinem Eroberungsfeldzug in eine Waffe verwandelt, und Mosaike wie dieses waren zu Emblemen der andauernden Liganti-Kontrolle geworden.

Auf den Stufen vor dem Traementis-Herrenhaus zog Grey seine Uniform ein letztes Mal glatt und läutete. Nach wenigen Augenblicken öffnete Colbrin die Tür und schenkte Grey ein Lächeln, was man bei ihm nur selten sah.

»Der junge Meister Serrado. Wie schön, Euch zu sehen; es ist viel zu lange her. Altan Leato ist bedauerlicherweise nicht zugegen, um Euch zu empfangen …«

»Ich bin jetzt Hauptmann.« Grey berührte das Hexagrammabzeichen an seiner Kehle. Das Lächeln, das er aufsetzte, fühlte sich gequält an, da er in letzter Zeit viel zu selten lächelte. »Und ich bin nicht hier, um Leato zu sehen. Era Traementis hat um die Unterstützung der Wache ersucht.«

»Ah, ja.« Colbrin ließ ihn mit einer Verbeugung herein. »Wenn Ihr im Salon warten würdet, teile ich Era Traementis mit, dass Ihr eingetroffen seid.«

Grey war nicht überrascht, als Colbrin kurz darauf zurückkehrte und ihn ins Studierzimmer führte. Weswegen Donaia die Wache auch immer angeschrieben hatte, so handelte es sich dabei um etwas Geschäftliches und keinen Privatbesuch.

Dieser Raum war viel dunkler und wies abgesehen von der hellen Seide nur wenig Warmes auf – doch Wärme gab es auch in anderer Form. Donaias ergrauter Wolfshund kroch von seinem angestammten Platz unter dem Schreibtisch hervor, und seine Krallen schabten über den Holzfußboden, als er zur Begrüßung näher kam. »Hallo, alter Mann«, sagte Grey und kraulte ihn genüsslich.

»Klops. Platz.« Der Hund kehrte an Donaias Seite zurück und blickte auf, als sie den Raum durchquerte, um Grey zu begrüßen.

»Era Traementis.« Grey verbeugte sich über ihrer Hand. »Man sagte mir, Ihr würdet Unterstützung benötigen.«

Die silbernen Strähnen, die sich durch ihr Haar zogen, gewannen langsam gegen das Kastanienbraun, und sie sah müde aus. »Ja. Ich möchte, dass Ihr Euch über jemanden erkundigt – eine Besucherin dieser Stadt, die vor Kurzem aus Seteris eingetroffen ist. Renata Viraudax.«

»Hat sie ein Verbrechen gegen das Haus Traementis begangen?«

»Nein«, antwortete Donaia. »Sie nicht.«

Ihre Worte erregten seine Neugier. »Era?«

Ein Muskel an Donaias Kiefer zuckte. »Mein Gatte hatte einst eine Schwester namens Letilia – eigentlich Lecilla, aber sie war von Seteris und der dortigen Hochkultur besessen, daher brachte sie ihren Vater dazu, den Namen im Register zu ändern. Vor dreiundzwanzig Jahren beschloss sie, lieber in Seteris zu leben als hier … Daher stahl sie etwas Geld und Schmuck und lief davon.«

Donaia führte Grey zu einem Sessel vor dem Kamin. Die Wärme des Feuers hüllte ihn ein, als er sich setzte. »Renata Viraudax ist Letilias Tochter. Sie behauptet, schlichten zu wollen, aber ich habe da so meine Zweifel. Daher möchte ich, dass Ihr herausfindet, was sie hier in Nadežra wirklich vorhat.«

Sosehr Grey es auch verabscheute, wenn die Adligen die Wache für private Zwecke missbrauchten, so hatte er dennoch Verständnis für die ältere Dame. Als er noch jünger und sich der Unterschiede zwischen ihnen weniger bewusst gewesen war, hatte er sich manchmal gewünscht, Donaia Traementis wäre seine Mutter. Sie war streng, aber fair. Sie liebte ihre Kinder und beschützte ihre Familie. Anders als andere gab sie Leato und Giuna nie einen Grund dafür, an ihrer Liebe zu ihnen zu zweifeln.

Die Mutter dieser Viraudax hatte ihrer Familie geschadet, und die Traementis waren dafür berüchtigt, sich zu rächen.

»Was könnt Ihr mir über sie erzählen?«, fragte er. »Hat sie Euch einen Grund gegeben, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln, abgesehen davon, dass sie die Tochter ihrer Mutter ist?«

Donaia trommelte kurz mit den Fingern auf der Armlehne. Ihr Blick wanderte in eine Ecke des Kamins und verharrte dort so lange, dass Grey ihren innerlichen Zwiespalt spürte und schwieg.

Endlich ergriff sie abermals das Wort. »Ihr seid mit meinem Sohn befreundet, und noch viel wichtiger, Ihr seid kein Narr. Es kann Euch nicht entgangen sein, dass das Haus Traementis heute weder hinsichtlich des Wohlstands, der Macht oder der Anzahl der Mitglieder das ist, was es einst war. Wir haben viele Feinde, die unseren Untergang herbeisehnen. Und jetzt taucht diese junge Frau auf und versucht, sich in die Familie einzuschleichen? Möglicherweise sehe ich ja nur Gespenster … aber ich muss die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass dies nur ein Schachzug ist, der dazu dient, uns vollständig zu zerstören.« Sie lachte verbittert auf. »Ich bin mir nicht einmal sicher, dass dieses Mädchen wirklich Letilias Tochter ist.«

Sie musste sich große Sorgen machen, wenn sie derart viel zugab. Ja, Grey hatte es längst vermutet – man wäre selbst dann auf die Idee gekommen, wenn der Wachenklatsch nicht hin und wieder zu Spekulationen neigte –, dass das Haus Traementis in größeren Schwierigkeiten steckte, als nach draußen drang. Aber er hatte sich nie an den Gesprächen beteiligt und auch Leato nie danach gefragt.