19,99 €
Wie viele Platonow-Helden hat auch Firs, der makedonische Offizier, nicht aufgehört, über das Leben zu staunen. Er ist ein Suchender, der die Schrecken der Existenz am eigenen Leibe erfährt und seine untergründige Traurigkeit nicht los wird. Im geheimen Auftrag Alexanders des Großen lebt er seit einigen Jahren in einem fernen asiatischen Reich. Es erstreckt sich in einem gewaltigen blauen Tal, eingeschlossen von einem »Himmelsgebirge«, dessen Wände »undurchdringlich sind für den Wind und für die Freiheit«. Statt das Bewässerungsprojekt für den dortigen Despoten durchzuführen, bereitet er einen Aufstand gegen ihn vor.
»Nicht zur Veröffentlichung bestimmt«, heißt es in einer Akte des sowjetischen Geheimdiensts über Andrej Platonow und sein Romanprojekt »Der makedonische Offizier«. Zwischen 1932 und 1936 entstanden, blieb es Fragment und wurde erst Mitte der neunziger Jahre in Russland veröffentlicht. Der dichte Text enthält nicht nur die schärfste Kritik an Stalin, die Platonow jemals formulierte, sondern auch seine Vorahnung einer von Menschen verursachten globalen Katastrophe.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2021
3Andrej Platonow
Der makedonische Offizier
Prosa
Aus dem Russischen übersetzt, mit Kommentaren und einem Nachwort versehen von Michael Leetz
Suhrkamp
Die Übersetzung folgt der Textfassung, die in dem ForschungsbandTvorčestvo Andreja Platonova. Issledovanija i materialy. Bibliografija(Sankt-Peterburg : Nauka 1995) publiziert wurde.Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds e. V. Berlin für die Unterstützung seiner Arbeit.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2021
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2021.
© Suhrkamp Verlag Berlin© 2019 by Anton Martynenko, represented by FTM Agency Ltd. Russia, 2019Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.
Umschlagabbildung: Maria Iakunchikova, Porträt eines Mannes, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Foto: (c) Christie's Images / Bridgeman Images
Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
eISBN 978-3-518-76967-6
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Der makedonische Offizier Roman aus einem längst vergangenen Leben
[Kutemalensische Nacht]
Anhang
Texte aus dem Umkreis
Aus den Notizbüchern 1932-1936
Erste Begegnung mit Gorki
Stenogramm des Werkstattabends mit Andrej Platonow im Gesamtrussischen Verband sowjetischer Schriftsteller am 1. Februar 1932
Anmerkungen
Der makedonische Offizier. Roman aus einem längst vergangenen Leben
Aus den Notizbüchern 1932-1936
Erste Begegnung mit Gorki
Stenogramm des Werkstattabends mit Andrej Platonow im Gesamtrussischen Verband sowjetischer Schriftsteller am 1. Februar 1932
Platonows geheimer Briefstab von Michael Leetz
CHRONIK ZU LEBEN UND WERK
Danksagung
Biographische Notiz
Fußnoten
Informationen zum Buch
Hinweise zum eBook
3
157
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
43
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
63
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
145
146
147
148
149
150
151
152
153
155
In alter Zeit war Asien dicht bevölkert; lebendiges Grün bedeckte seine Fluren bis hin zu den Bergen und den Ufern ferner Meere, und die in Asien siedelnde Menschheit empfand sich ebenso als Avantgarde der Natur wie die Menschen späterer Jahrhunderte.
Über die Straßen, festgestampft vom Gewicht der Tiere und Reisenden, zogen überall Menschen dahin zwischen Städten, die mitunter solche Ausmaße annahmen, dass die Wege zwischen ihnen nur sehr kurz waren und ein Kamel sie in einem halben Tag zurücklegen konnte. Wenn ein freier neugieriger Mensch auf einen Berg hinaufstieg, so mochte es ihm von dort aus scheinen, dass das Leben in Asien sorglos und glücklich sei – derart üppig blühten die Pflanzen, derart eifrig reiften die Früchte, und die Menschen waren unterwegs mit der Beschwingtheit wahrhaftigen Lebens, gehüllt in dichte, farbige Gewänder, die Anmut und Kraft des Körpers vor den toten Strahlen des Mondes schützten; das Mondlicht, so glaubte man damals, trifft am Himmel auf die Strahlen der Sonne, und die Sonnenkraft tötet die Mondstrahlen und bringt sie tot von oben in die Herzen der Menschen herab – und macht sie traurig oder wahnsinnig.
Der freie Mann, der auf einem Berg des Himmelsgebirges stand, welches das gewaltige blaue Tal des asiatischen 8Reiches umschloss, stammte selbst aus einem weit entfernten Land. Vor mehr als dreißig Jahren wurde er in der kleinen griechischen Republik Megara geboren, und seit vier Jahren schon lebte er hier, auf geheimen Befehl des Königs Alexander von Makedonien. Doch dieser Mann verhehlte seinen Namen nicht und nannte sich vor dem ganzen Volk Kutemalias offen Firs aus Megara.
Firs war seit langem mit seinem Schicksal ausgesöhnt, denn er hatte nie aufgehört, sich über das Leben zu verwundern, obwohl seine Jugend schon hinter ihm lag. Jeder Schrecken des Daseins, der gewöhnlich alle Menschen von Zeit zu Zeit trifft, setzte Firs anfangs in Verwunderung über eine solch sonderbare Fügung der Umstände – die Betrübnis darüber kam erst später.
Der Megarenser betrachtete an jenem Tag lange die, von oben aus gesehen, glückseligen Weiten seiner neuen Heimat. Fast zwanzig Tage braucht ein Fußreisender, um das kutemalensische Land der Länge nach und zehn Tage, um es der Breite nach zu durchmessen. Rings um Kutemalia jedoch – entlang dem dunstigen Rund des Horizonts – steht die tote Armee der hohen Berge, die Himmelsgrenzen bedeckt mit uraltem Schnee, und an ihrem Fuße liegt nebelgleich das geschwächte, rote Licht der Sonne; der Himmel in Kutemalia ist fast immer klar, in seiner Wolkenlosigkeit wirkt er stumm und traurig, obwohl ihn bald das ewige Licht der Sonne, bald das Schimmern der Sterne erfüllt. Von allen Seiten beschirmt das Himmelsgebirge Kutemalia und schützt das Werk von Millionen Kutemalensern vor der feindlichen Welt, die sich im unendlichen Erdenraum hinter den Bergen ausbreitet. Nur 9von zwei Seiten her stehen schmale Wege nach Kutemalia offen – von Südosten und von Nordwesten –, wo der Fluss Tschu in das Land eintritt und wo er es wieder verlässt. Dort erheben sich zwei steinerne Türme, in jedem leben zweitausend Soldaten, die vor zehn Jahren den letzten Angriff eines verirrten Bergvolkes abgewehrt hatten. Seit dieser Zeit waren die Soldaten nicht ausgewechselt worden: Hatte das Heer einmal gesiegt, wurde es in Kutemalia niemals wieder nach Hause entlassen. Wenn aber die Kutemalenser besiegt worden waren, so wurden die unversehrten Soldaten unverzüglich nach Beendigung des Krieges heimgeschickt – als Leichname, in die sie die Garde des Herrschers von Kutemalia verwandelt hatte; die kutemalensische Garde selbst jedoch stellte sich niemals in offener Front einem ausländischen Feind entgegen.
Die kutemalensischen Soldaten, die nur die Wahl hatten zwischen dem lebenslangen steinernen Turm, abgeschieden vom geringsten Lebensglück, und dem ewigen Grab – wenn sie einen Feind auch besiegten, sie taten es gleichgültig und nicht heldenhaft, und viele der Soldaten stürzten sich von ihren Posten in die Bergschluchten hinab, damit die Wehmut in ihnen verstummte und sie die ferne Freiheit nicht mehr spürten, die der warme Wind herwehte und die hinaufdrang mit den vergessenen Geräuschen aus dem kutemalensischen Tal.
[Der Megarenser, ein ehemaliger Offizier des makedonischen Königs, verstand anfangs den Nutzen einer solchen Heeresordnung nicht, und nur]
Der Megarenser suchte oft die Hänge des kleinen Berges Ak-Su auf, der einsam inmitten der Tallandschaft des 10kutemalensischen Reiches liegt. Am Fuße jenes Berges befand sich ein großer Seidenbetrieb, dem ein besonderer königlicher Verwalter vorstand, denn die Regierung Kutemalias hatte eine besondere Leidenschaft für Seidenstoffe und Schönheit, dieser Umstand verwunderte Firs ebenso und er wusste keine Erklärung dafür.
Auf den Seidenplantagen von Kutemalia arbeitete die Perserin Ophria, eine gefangene Sklavin, verdammt zur Arbeit mit den Seidenraupen bis zum Tod. Als der Megarenser einmal in der Umgebung von Sobsa, der Hauptstadt Kutemalias, unterwegs war, hatte er die junge Frau gesehen – sie war so bleich, als wäre sie in einem Land geboren, wo ewig die Mitternacht über dem unbeweglichen Eis steht. Damals fragte Firs diese Frau, deren liebliches Gesicht ihn gleich anzog: was ihr denn so Trauriges widerfahren sei, wo ihr Körper doch voll unverbrauchter Liebe ist, das ganze Leben kann unter Leid verschüttet sein, wenn man es nicht besiegt, sondern sich ihm ergibt?
Die Frau erhob sich.
»Sieh, wie ich gehe«, sagte sie. »In der Heimat besaß ich die Freiheit, ich war eine Bürgerin, ich konnte nachdenken über ferne Dinge und liebte einen Philosophen. Aber jetzt bin ich eine Sklavin und die Liebe ist in mich eingeschnürt und eingeknotet – sieh nur, edler Mann!« – die Frau hob ihr Gewand, und Firs erblickte Seidenbänder, die das Organ der Liebe fest verschlossen und mit mehrfachen, geheimen Knoten über dem Schoß und auf dem Bauch verschnürt waren; diese Knoten wurden, wie der Megarenser erfuhr, von einer eigens dafür bestimmten Alten geknüpft – man konnte sie nur zerschneiden oder ver11heddern, aber nicht aufknüpfen und genauso wieder verknoten. Firs kam eine solche Bewahrung der Keuschheit sonderbar vor, er irrte sich aber – es war keine Sorge um die Jungfräulichkeit, es war eine gewerbliche Einrichtung: unter den Seidenbändern, die das lebendige Wesen der Liebe in eine Mumie verwandelten, befand sich ein besonderes Säckchen, das tief ins leibliche Geheimnis hineingelegt worden war, und in diesem Säckchen waren Seidenraupen untergebracht, die vermöge der Feuchtigkeit, der Wärme und der Reizung, die von den Bewegungen der Frau herrührten, schnell heranwuchsen und erstarkten – dann krochen sie aus der Umschnürung hervor. In dem Moment wurden die Seidenraupen eingesammelt, und man legte der Frau ein neues Säckchen mit jungen Raupen hinein. Dank dieses Verfahrens trat keine Sterblichkeit auf unter den Raupen, und die Raupen waren wesentlich leistungsfähiger, so dass es der staatlichen Wirtschaft dienlich war, wenn die Frauen die Raupen austrugen.
Als die Perserin anfing zu gehen, empfand Firs Scham, denn ihre Bewegungen waren derart leidenschaftlich und anstößig, als wolle sie unverzüglich Liebe.
»Warum bist du so bleich?«, fragte der Megarenser. »Hast du etwa mit einer Salbe die persische und kutemalensische Sonne besiegt?«
[»Ich habe die Sonne mit meinem Leid besiegt«, antwortete die Frau. »Ich war dunkel, doch jetzt bin ich bleich.«]
»Ich bin vor Leid bleich geworden, und seitdem erfreut die Sonne mein Gesicht nicht mehr«, sagte die Perserin.
Am selben Tag küsste der Megarenser sie an dem öden Ort, wo sie sich begegnet waren. Die Frau erklärte sich da12mals dazu bereit, ihn zu lieben, nachdem sie erfahren hatte, dass auch Firs zur Hälfte ein Gefangener sei und dem Verlies irgendwo in den Bergen nur deshalb entronnen, weil er Hydrauliker ist, ein Wassergelehrter – in Kutemalia gibt es nicht genügend Wasser.
Seit dieser Zeit treffen sich Firs und die Perserin Ophria zur festgesetzten Stunde und lieben sich, indem sie sich umarmen, ohne die Seidenbänder anzurühren, welche die Jungfräulichkeit und die Seidenraupen bewahren.
So kam der Megarenser auch heute zum Berg Ak-Su. Doch Ophria gelang es nicht immer, den Seidenbetrieb heimlich für eine Stunde zu verlassen – auch heute war sie nicht gekommen.
Firs wusste, dass Ophria ihn nicht tief und qualvoll liebt, sie selbst hatte ihm gesagt: »Ich will meine Seele mit dir betäuben, damit mein verfehltes Leben wie im Traum vergeht und ich so schnell wie möglich sterbe.« Den Megarenser kränkte das nicht, denn er hatte ein ungestaltes, grobes Gesicht – seine Nase war so riesig, dass sie nur zu einem großen Tier passte, seine Ohren wuchsen immerfort und seine Augen waren von einer unbekannten asiatischen Krankheit vereitert, wenn er auch mit ihnen weit sehen konnte. Seiner äußeren Beschaffenheit wegen war es dem Megarenser immer schwer gewesen, eine Frau für sich zu gewinnen, deshalb war er bereit, Ophria zu lieben, die mit Raupen vollgepackt war – mit einer Frau ließ sich das unfreie Leben in Kutemalia leichter ertragen.
Nachdem Firs ergebnislos den Berg Ak-Su verlassen hatte, begab er sich in die staatliche hydraulische Kanzlei, wo ständig seine Arbeit zur Erkundung neuer Wasser13stellen und zur Wiederinstandsetzung der alten auf ihn wartete.
In der Kanzlei saßen vier Suigiben – Wassermeister; sie waren zu Firs mit der Nachricht gekommen, dass die Erkundungsgrabungen in der Erde bei der Stadt Gescha zu keinem Wasser geführt hatten – sie stießen nur auf totes Kristall, das viele tausend Tage Arbeit in der Erde liegt. Als er die Suigiben angehört hatte, entließ er sie schweigend; er wollte kein Wasser suchen im ewigen Kristall, im tiefen Dunkel der Erde.
Die hydraulische Kanzlei war in einem uralten Bauwerk untergebracht – ein anderes Volk, das sich im Himmelsgebirge vor der Ankunft der Kutemalenser verborgen hatte, errichtete dieses Kalksteingebäude einst für ein Leben, das sich für dieses untergegangene Volk nicht erfüllt hatte. Vor dem großen Fenster, das mit einem silbrigen Seidenvorhang bedeckt war, hörte man, wie feiner Sand, hergetragen aus unbekannten wachsenden Wüsten, auf die Blätter des Buchsbaums prasselte und damit seine weite Wanderschaft beendete. Der Megarenser dachte über das Schicksal Kutemalias nach und das jener Länder, die in den offenen Ebenen jenseits des Himmelsgebirges lagen. Irgendwo in Kleinasien oder auch in Ägypten ging jetzt seinen Armeen der König von Makedonien Alexander voran – immer gleich jung, offenherzig und in seinen Träumen die geeinte, eiserne Welt der Menschheit schauend, ausgesandt in den Kampf gegen den tödlichen Ansturm der Naturgewalten. Natur! Viele Male hatte der Seeoffizier Firs mit König Alexander über die große Frage der alles bezwingenden Natur gesprochen, die da wütet unter den Gestirnen seit den 14Tagen ihrer Erschaffung. Alexander sagte zu ihm: »Firs, in zehn bis fünfzehn Jahren ziehe ich mit meinen Heeren durch die ganze existierende Welt, ich stelle Wachschiffe auf alle Meere hin und schaffe ein Reich eines Willens und eines Glaubens. Dann sammle ich um mich Philosophen, Wüstenweise, Dichter, Sternkundige und sage zu ihnen – eure Wahrheit diene dem Wohl eines jeden menschlichen Herzens, meine Armeen schützen eure Macht!« Kallisthenes, der Staatsphilosoph, sagte damals zum König, dass der griechische Gedanke, nachdem die asiatische Sonne auf dem griechischen Speer erloschen ist an der letzten Grenze der eroberten Welt, – der griechische Gedanke der Menschheit dann den Weg erleuchten wird, die vergebens aus den kummervollen Tiefen der Zeiten zur Ruhe strebt – den Weg hin zum Ende des Lebens, wenn die Erde, wie Kallisthenes glaubte, sich in einen Kristallstern verwandelt und aufsteigt in die Sphären ewiger Ruhe inmitten der anderen Kristalle des strahlenden Himmels; Kallisthenes hielt aber auch ein anderes Schicksal der von den Menschen beseelten Erde für möglich – wenn die Menschen ihre Heldentaten nicht vollbringen bis zum Sieg – in diesem Fall verwandelt sich die Erde in stinkendes Gas, und ein alter Wind, der sich erhebt aus der uranfänglichen Ebene, woraus alles hervorgeht, verweht ohne Spur den letzten glücklosen Atemzug der Erde und hinterlässt von ihr nicht einmal einen Schatten in den unverrückbaren Gestirnen, die heldenhaft ihr Schicksal erfüllt haben und verstummt sind in der klaren Höhe.
Damals war König Alexander mit Kallisthenes einer Meinung und bat ihn, die Chronik seiner heroischen Feld15züge zu führen, damit der künftige Erdenstern, nachdem er zu dem kristallenen Leuchten gekommen ist, eine Spur des makedonischen Königs in seinem Gedächtnis bewahre. Kallisthenes sagte zum König, dass Glückseligkeit, einmal erreicht, namenlos macht und dass Alexander Kallisthenes’ philosophischen Gedanken nicht verstanden habe; Alexander erwiderte Kallisthenes nichts, doch kurz verfinsterte sich sein junges, von Pockennarben etwas entstelltes Gesicht. »Firs!«, sagte der König. »Die Zeit der Philosophen ist noch nicht gekommen, doch die soldatische Zeit stürmt schnell voran … Zieh durch Baktrien, vorbei an Babylon, vorbei an Ekbatan, durchquere mein künftiges Reich bis zum Himmelsgebirge – ist es wahr, dass sich der Mond in jenen fernen Reichen niedersenkt zu den Gipfeln der Berge und Mondbewohner kommen, die Erde zu besiedeln … Ein Inder sagte mir, das sei wahr – er hatte am Berg des Erloschenen Gestirns eine Mondfrau gefangen, traurig wie ein Geist, und wollte mit ihr leben, doch sie starb an seiner ersten Liebe. Ich befahl, ihn zu töten, weil er mir die Frau nicht gezeigt hat …«
Kallisthenes stimmte dem König, was die Mondmenschen betraf, nicht zu – der Mond war, seiner Ansicht nach, ein sterbender Stern, kurz vor seiner Umwandlung in verwehenden Rauch, der heroische Geist des Lebens hat ihn längst verlassen, da er das ihm bestimmte Schicksal nicht besiegt hat.
»Der Inder war mein Soldat«, sagte der König. »Und der Soldat sieht mit seinen Augen besser als der Philosoph … Geh, Megarenser. Du findest das Himmelsgebirge und stößt auf die Reiche, die sich in geheimen Tälern ver16bergen vor einem Schwert, dessen Namen sie noch nicht kennen … Dort erwartest du mich, ich werde kommen, und du empfängst dann, die Tore fremder Hauptstädte öffnend, deine Kameraden … Bis dahin wirst du mir, wenn du hörst, dass ich komme, Nachrichten entgegensenden über die Soldaten und Wege jener Reiche, die uns erwarten.«
Der Megarenser verbeugte sich vor dem König und verabschiedete sich traurig von Kallisthenes, den er für seine angestrengten, unverständlichen Gedanken verehrte – sie waren wohl wirklich wahr, wenn sie oftmals selbst mit dem König nicht übereinstimmten. Den Abschied erwidernd, schloss Kallisthenes den makedonischen Offizier fest in die Arme und küsste seine Lippen mit solcher Trauer über die Trennung, dass Firs dachte – liebt Kallisthenes einige Menschen vielleicht doch mehr als philosophische Kristallsterne.
Seit jenem Tag waren mehr als sechs Jahre vergangen …
Wie ehedem blühte und tönte in Kutemalia das Leben – ein glückliches und leichtes, wenn man es von der Höhe des Himmelsgebirges aus betrachtet, doch Firs hat es in sechs Jahren aus der Nähe kennengelernt.
Die Nacht bricht an. Über den Bergwänden, undurchdringlich für den Wind wie für die Freiheit, geht der Mond auf, wie eine unerschütterliche Leuchte der toten Sternenheere; er beleuchtet das abgeschiedene Land, das schlafend liegt in Fieberträumen und in Tränen – man muss es nicht erobern, sondern zerschmettern. Firs ging aus der hydraulischen Kanzlei in das benachbarte Zimmer, in dem er nächtigte, und holte unter Zeichnungskopien ein Blatt 17
