Der Mann der Armut - Martina Kreidler-Kos - E-Book

Der Mann der Armut E-Book

Martina Kreidler-Kos

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Beschreibung

Franziskus – ein Papst auf Augenhöhe. Franz von Assisi stand Pate bei seiner Namenswahl. Doch was kann der gelehrte Petrusnachfolger vom einfachen Bruder aus Assisi tatsächlich lernen? Was ist franziskanischer Geist für die Weltkirche heute? Kann sich die Spitze der Kirche mit Blick auf einen Mystiker an ihrer Basis neu orientieren? Was hat ein Mann des hohen Mittelalters der Kirche des dritten Jahrtausends zu sagen? Dieses Buch lässt Bruder Franz zu Papst Franz sprechen – hoffnungsvoll, nachdenklich und ermutigend. Es zeigt, wie der Heilige den Papst tatsächlich inspiriert – und erschließt damit zugleich zu großen Teilen das Selbstverständnis des Papstes. Und es geht der spannenden Frage nach, wie ein Charisma überleben kann, wenn es den Regeln des Amts unterworfen ist.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2014

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NIKLAUS KUSTERMARTINA KREIDLER-KOS

DER MANN DER ARMUT

Franziskus –ein Namewird Programm

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2014

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Zitate von Papst Franziskus:

© Libreria Editrice Vaticana

Umschlaggestaltung: wunderlichundweigand

Umschlagmotive: Roberto Stuckert Filho/GNU (Papst); Archiv Herder (Franziskus)

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80143-3

ISBN (Buch) 978-3-451-33481-8

INHALT

Einleitung

Kapitel 1:»ein neuer Stil«

Begegnungen auf Augenhöhe

Kapitel 2:»vergiss die Armen nicht«

Kirche mit allen

Kapitel 3:»Marta und Maria«

Engagierte Gottesfreundschaft

Kapitel 4:»euer aller Bruder«

Geschwisterliches Menschenbild

Kapitel 5:»in den Fußspuren Jesu«

Ökumene unter Geschwistern

Kapitel 6:»ecclesia semper reformanda«

Mut zur verbeulten Kirche

Kapitel 7:»wo auch immer auf Erden«

Vielfalt der Ortskirchen

Kapitel 8:»von Gott inspiriert«

Im Dialog mit Welt und Politik

Kapitel 9:»pilgernd zu Wahrheit und Frieden«

Begegnung der Religionen

Kapitel 10:»mit allen Geschöpfen«

Ökologische Sorge für die Welt

Ausblick

Quellen und Literatur

Anmerkungen

EINLEITUNG

So ist mir der Name ins Herz gedrungen:

Franz von Assisi

»Manche wussten nicht, warum der Bischof von Rom sich Franziskus nennen wollte«, verrät der Argentinier Jorge Mario Bergoglio drei Tage nach der Papstwahl in seiner ersten Audienz für Medienvertreter. »Einige dachten an Franz Xaver, an Franz von Sales und auch an Franz von Assisi.« Verschmitzt erklärt er seine Namenswahl:

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Bei der Wahl saß neben mir der emeritierte Erzbischof von São Paulo …, Claudio Hummes, ein großer Freund, ein großer Freund! Als die Sache sich etwas zuspitzte, hat er mich bestärkt. Und als die Stimmen zwei Drittel erreichten, erscholl der übliche Applaus, da der Papst gewählt war. Und er umarmte, küsste mich und sagte mir: »Vergiss die Armen nicht!« Und da setzte sich dieses Wort in mir fest: die Armen, die Armen. Dann sofort habe ich in Bezug auf die Armen an Franz von Assisi gedacht. Dann habe ich an die Kriege gedacht, während die Auszählung voranschritt bis zu allen Stimmen. Und Franziskus ist der Mann des Friedens. So ist mir der Name ins Herz gedrungen: Franz von Assisi. Er ist für mich der Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt.1

Franziskus: Allein dieser Name genügte am Abend des 13. März 2013, um von der Segensloggia über dem Petersplatz in Rom eine Woge der Hoffnung ausgehen zu lassen. Dieser Name war eine Botschaft, die sofort und überall auf der Welt verstanden wurde. Es war neu, dass ein Papst sich nach dem populären Heiligen aus Assisi nennen wollte, und zugleich lag es auf der Hand. Viele fragten in den kommenden Tagen: Warum eigentlich erst jetzt?

Seit dem hohen Mittelalter steht Franziskus von Assisi wie kaum ein anderer Heiliger für die große Liebe zu Gott, die sich mit einer großen Liebe zur Welt verbindet. Er steht für die radikale Liebe zum Evangelium, für ein Leben in den Fußspuren des armen und menschenfreundlichen Jesus Christus. Er steht für eine nicht minder radikale Solidarität mit allen Menschen. Er steht für die Verständigung zwischen den Religionen, ja für einen mutigen und friedlichen Dialog mit Andersgläubigen. Er steht für einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung und nicht zuletzt für ein geschwisterliches Zusammenleben aller Menschen. Vor allem aber hat dieser Heilige bis heute einen festen Platz in den Herzen der Menschen. Er verbindet Generationen und Nationen, genießt über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinaus breiten Respekt, und selbst die schärfsten Kirchenkritiker zollen ihm Lob. Franz von Assisi bleibt bis heute – was nicht ganz selbstverständlich ist – ein viel geliebter Heiliger.

Zwanzig Jahre bevor der erste Lateinamerikaner zum Papst gewählt wurde, schrieb der deutsche Kabarettist Hanns Dieter Hüsch ein nachdenkliches Gedicht mit dem engagierten Titel Bemühung um Franziskus. In seinem Anfang steckt eine aufregende Idee:

Alle kennen ihn / Na sagt doch jeder / Das ist doch der mit den Tieren / Klar das ist doch der mit den Spatzen / Der Franz / Der hat sich tatsächlich mit denen unterhalten / Der Franziskus / Der Franz von Assisi / Alle kennen ihn / Alle lieben ihn / Ja wenn der Papst wäre / Sagen viele / Dann würde ich gerne wieder meine Kirchensteuer zahlen / Dann sähe heute vieles anders aus …2

Was vor Jahren eine verrückte Gedankenspielerei war, klingt seit dem Frühjahr 2013 nicht mehr ganz abwegig. Selbstverständlich ist Franz von Assisi nicht Papst geworden. Aber das mächtige Papstamt in Rom und der arme Heilige aus Umbrien sind eng zusammengerückt. Der erste Jesuit auf dem Petrusstuhl überrascht, indem er sich am heiligen Franziskus orientieren will – und von Anfang an ernst damit macht: Bereits bei seiner Präsentation auf der Segensloggia fällt der schlichte Auftritt des Neugewählten auf. Er verzichtet auf Prunk, auf Zeichen des Reichtums und der Macht. Er wünscht ein einfaches, menschliches»GutenAbend!« allen »Brüdern und Schwestern« und spricht von einem geschwisterlichen Weg, der gemeinsam zu gehen sei. Bevor er die Menge segnet, bittet er um das Gebet der Versammelten und Zuschauenden in der ganzen Welt. Der neue Pontifex grüßt die Menschen freundlich und lebensnah, wie es Franz von Assisi in Roms Straßen auch getan hätte. Und er verabschiedet sich herzlich, wünscht allen eine gute Nacht und »angenehme Ruhe«!

Der neue, erfrischend unkomplizierte Stil strapaziert in den folgenden Wochen und Monaten Sicherheitskräfte und Kurie: ein Papst auf Augenhöhe, ein Bruder der Kleinen, ein Freund anderer Religionen. Franz von Assisi lässt grüßen! Doch was kann der gelehrte Petrusnachfolger vom einfachen Bruder aus Assisi tatsächlich lernen? Kann sich die Spitze der Kirche mit Blick auf einen Mystiker an ihrer Basis neu orientieren? Was hat ein Mann des hohen Mittelalters der Kirche des dritten Jahrtausends zu sagen?

Das vorliegende Buch lässt Bruder Franz – und nicht nur ihn, auch seine Schwester Klara – zu Papst Franziskus sprechen – hoffnungsvoll, nachdenklich und ermutigend. Es setzt bei grundlegenden Einsichten und Haltungen der beiden Heiligen aus Assisi an, die den ersten Petrusnachfolger mit Namen Franziskus in seinem unkonventionellen Stil, in der Zuwendung zu den Armen, in der Begegnung der Geschlechter, bei der Erneuerung und Dezentralisierung der Kirche, in der Ökumene, auf der politischen Bühne und im Dialog mit der Welt und den Weltreligionen bestärken können.

Am Ende des oben zitierten Gedichtes spricht der deutsche Barde Hüsch den heiligen Franziskus selbst an:

Ach komm wieder, Franz von Assisi / Mit Deiner Musik / Froh und feierlich / Heilig und heiter / Glücklich und gnädig / Wir sind so bereit, uns berühren zu lassen.3

Die ersten Reaktionen auf den neuen Papst scheinen gerade diesen letzten Satz zu unterstreichen: Zahllose Menschen sind so bereit, sich berühren zu lassen! Wellen der Sympathie schlagen dem neuen Kirchenoberhaupt entgegen, nicht nur innerhalb der katholischen Welt. Monatelang verfolgen die Massenmedien auf allen Kontinenten wohlwollend seine Auftritte. Ob Kirchenferne oder Kirchennahe, der neue Papst und sein neuer Stil scheinen alle etwas anzugehen. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes erklärt ihn bereits im Herbst zum viertmächtigsten Mann der Welt. Im Dezember 2013 wählt das New Yorker Magazin Time Papst Franziskus zum »Menschen des Jahres«. Er habe das Potential, die Welt zu verändern, lautet die Begründung. Wohl keinem anderen Oberhaupt der katholischen Kirche ist es gelungen, in so kurzer Zeit so viele Hoffnungen zu wecken. In den ersten Monaten seiner Amtszeit entsteht eine riesige Erwartung: Was wird der neue Papst tun, und was wird er lassen? Was wird sich ändern?

Mit Blick auf seinen Namenspatron Franz von Assisi und dessen Gefährtin Klara leuchtet in all dieser Aufbruchsstimmung eine Einsicht unmittelbar auf: Kirche ist niemand allein – auch nicht der Papst. Kirche, das sind die Gläubigen nur gemeinsam. Deshalb geht es in diesem Buch nicht nur um Beobachtungen und Einschätzungen zu dem neuen Pontifikat. Es geht weit darüber hinaus um Ermutigung, Anstiftung und Befähigung, die Impulse aus Rom in das eigene christliche Leben aufzunehmen. Es geht darum, sie zu entdecken, umzusetzen und weiterzutragen. »Ein Papst sucht neue Bündnispartner«, titelt im Sommer 2013 eine große deutsche Sonntagszeitung4 und meint damit das ganz normale Kirchenvolk. Hier findet sich in säkularer Sprache ausgedrückt, was Papst Franziskus nur wenig später allen Gläubigen in seinem ersten Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium ans Herz legt: »Dieses Volk, das Gott sich erwählt und zusammengerufen hat, ist die Kirche. Jesus sagt den Aposteln nicht, eine exklusive Gruppe, eine Elitetruppe zu bilden. Jesus sagt: ›Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern‹«(EG 113).5 Und im Bischofspalais von Assisi sagt er am Franziskusfest: »Die Kirche sind wir alle! Alle! Angefangen beim ersten Getauften sind wir alle Kirche.«6

Franz von Assisi war kein einsamer Heiliger und Klara von Assisi keine einsame Schwester. Sie haben nicht allein gelebt, gehofft, geliebt und geglaubt, sondern viele Frauen und Männer haben gemeinsam mit ihnen ein Leben in der Nachfolge Christi gestaltet. Und sie versuchen dies bis heute – überall auf der Welt in den verschiedensten Kontexten und Lebensformen. Der neue Papst ist gewählt, um eine weltweite Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen. Auch dieser Franziskus braucht dazu Brüder und Schwestern. Er braucht uns.

KAPITEL 1

»ein neuer Stil«

Begegnungen auf Augenhöhe

Die Bilder vom Abend des 13. März 2013 gehen um die ganze Welt: Auf dem regennassen Petersplatz und in der Via della Conciliazione warten etwa 200.000 Menschen auf den neuen heiligen Vater, der vier Wochen nach dem Rücktritt Benedikts XVI. die Kirche weiter führen soll. Der erste Auftritt auf der Loggia der Peterskirche überrascht. Der neu gewählte Papst beeindruckt durch eine Schlichtheit, die ebenso elektrisiert wie seine Namenswahl. Freunde barocker Pracht und monarchischer Macht werden dies bald als fortschreitende »Entzauberung des Amtes«7 beklagen, während Millionen von Menschen weltweit begeistert auf Franziskus von Rom schauen. Vatikanische Insider berichten noch vor der Amtseinsetzung vom humorvoll entschlossenen Nein des Gewählten zur purpurnen Mozetta samt Hermelin, roten Lederschuhen und Goldkreuz: In der Kleiderkammer des Konklave lehnt der argentinische Primas die Würdezeichen des Pontifex ab, die unter seinem Vorgänger wieder gebräuchlich geworden sind.8

Doch nicht nur das persönliche Erscheinungsbild des neuen Bischofs von Rom liebt größtmögliche Einfachheit. Es gelingt Papst Franziskus bereits mit den ersten Worten, die Distanz zwischen Loggia und Petersplatz zu überbrücken und das Gefälle zwischen oben und unten zu überwinden. Tausende haben den neuen »heiligen Vater« erwartet. Dieser betet zuerst ein Vaterunser mit dem Gottesvolk, um danach vom geschwisterlichen Weg zu sprechen, auf den er die ganze Kirche einlädt.9»Einer ist euer Vater, der im Himmel, ihr alle aber seid Geschwister«, so hat Jesus seine Jüngerinnen und Jünger gelehrt (Mt 23,9). Dasselbe macht Franz von Assisi in seiner öffentlichen Enterbung deutlich, wenn er vor den versammelten Schaulustigen und Würdenträgern seiner Stadt erklärt: »Hört mich an und versteht mich gut… Von nun an sage ich: Unser Vater, der du bist im Himmel.«10

Menschennähe

Mit feinem Gespür wird Papst Franziskus auch in den folgenden Wochen und Monaten täglich »Augenhöhe« herstellen und jede Form von Überhöhung unterlaufen. Indem er am Tag nach der Wahl in einer Priesterherberge an der Via della Scrofa die Hotelrechnung persönlich bezahlt, schafft er es in die Nachrichtensendungen der Welt.11 Als Papst trägt er auch weiterhin die Straßenschuhe, mit denen er in Argentinien durch die Favelas ging. Er bleibt im Gästehaus des Vatikans wohnen und zieht nicht in den Apostolischen Palast. Am Gründonnerstag, nur wenige Tage nach seiner Amtseinführung, wäscht er nicht Priestern oder ausgewählten Gästen, sondern kriminellen Jugendlichen in einem römischen Gefängnis die Füße. Im Frühling öffnet er die schwer zugänglichen Gärten des Vatikans für ein Picknick mit den Obdachlosen Roms, und im Dezember feiert er seinen 77. Geburtstag mit drei Clochards.12 Bei der Rückkehr vom Weltjugendtag in Brasilien im August antwortet er Journalisten auf die Frage, warum er mit seiner Ledermappe aus dem Flugzeug steige: Jeder andere Fluggast trage doch auch sein Handgepäck mit sich. Anders als Staatsoberhäupter und Prominente der Welt will der Petrusnachfolger nicht durch Begleittross und Privilegien auffallen. Er fordert seine Bodyguards, indem er auf Panzerglas verzichtet, Schranken ignoriert und in jeder Situation neu die unmittelbare Nähe der Menschen sucht.

Der eben noch privilegierte Kaufmannssohn und Modeexperte steht entkleidet vor seinem irdischen Vater, dem Bischof und der Stadt. Was die mittelalterliche Gesellschaft in Stände gliederte und voneinander abhob, erscheint unter der Hand des himmlischen Vaters auf derselben Ebene: Reiche und Einfache, Bürger und Adelige, Kleriker und Laien, Bischof und Volk.

Enterbung des Franziskus im Tribunal des Bischofs

Giottoschule, Oberkirche von San Francesco, Assisi

Herzliche Begegnungen

»Augenhöhe« kennzeichnet im Vatikan die Treffen mit Regierungs- und Staatschefs sowie mit höchsten Vertretern anderer Kirchen. Als »herzlich« wird sowohl die Begegnung mit Kanzlerin Angela Merkel im Mai beschrieben wie auch das Zusammentreffen mit Wladimir Putin im November.13 Herzlich sind auch hochrangige ökumenische Begegnungen: mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EDK),14 oder mit dem koptischen Papst Tawadros II. im Mai.15 Ebenso auf Augenhöhe, aber durchaus kritisch fallen die Botschaften aus, die an die Supermächte – etwa in Fragen militärischer Interventionen und europäischer Flüchtlingspolitik – oder an den Gewaltherrscher in der sich über den Sommer akut zuspitzenden Syrienkrise gerichtet sind. In Evangelii gaudium schließlich mischt sich Papst Franziskus mit scharfen Worten in gesellschaftliche Debatten ein: »Wir müssen heute ein ›Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‹ sagen. Diese Wirtschaft tötet« (EG 53).

Liebevolle Tuchfühlung sucht Franziskus dagegen mit Kranken und gezeichneten Menschen, die er bei jeder der mittlerweile überfüllten Mittwochsaudienzen auf dem Petersplatz trifft. Im Oktober geht das Bild eines entstellten Mannes um die Welt, dessen Gesicht voller Tumore Franziskus an seine Brust drückt.16 Für Schmunzeln sorgt dagegen ein Handyfoto, das eine Jugendliche aus Norditalien knipste und auf dem sie und ihre Freunde die Köpfe mit dem Papst zusammenstecken. Dieses Foto schaffte es gar auf die Titelseite des großen Jahresrückblicks 2013 der Süddeutschen Zeitung. Als messdienende Kinder aus Aarau Anfang Oktober die Stadt Rom besuchen und dem Papst schreiben, ob sie die Morgenmesse in der Casa Santa Marta mitfeiern könnten, dürfen zwei kleine Schweizer prompt ministrieren und erleben, wie großväterlich Franziskus sich der Kinder in der ungewohnten Umgebung annimmt.17 Ende Januar 2014 begleiten ihn zwei Kinder mit ans Fenster des Apostolischen Palastes, um während des päpstlichen Angelus Friedenstauben fliegen zu lassen.18 Das Magazin Publik Forum schreibt nach dem Weltjugendtag im August 2013 euphorisch: »Franziskus überzeugt durch eine ungewohnte Körperlichkeit. ›Der zärtliche Papst‹ schrieb ein brasilianisches Magazin. Er wirke wie ein Großvater, den sich jede Familie wünsche. Warmherzig, ungefährlich, gutmütig. Ein Familienoberhaupt.«19

Kontaktfreude

Ganz Italien verfolgt im Sommer, welchen Weg der Briefwechsel und die Telefonate zwischen dem Papst und dem Agnostiker Eugenio Scalfari nehmen. Der Mitgründer der linksliberalen Tageszeitung La Repubblica hatte im Juli einen offenen Brief mit »Fragen eines Nichtglaubenden an den Jesuitenpapst, der sich Franziskus nennt« geschrieben. Der Papst lässt Anfang September in derselben Zeitung eine respektvoll-offene Antwort abdrucken unter dem Titel »Wahrheit ist nie absolut«20. Sie ermutigt zu aufrichtiger Diskussion zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Das erste Telefongespräch endet ergriffen mit dem Wunsch Scalfaris: »Kann ich Sie per Telefon umarmen?« Franziskus antwortet: »Natürlich, auch ich umarme Sie. Das werden wir dann auch wirklich tun, wenn wir uns sehen!« Wenig später empfängt der Pontifex den greisen Publizisten, der nicht an eine Seele glaubt und dem Bergoglio dennoch Geist und eine begnadete Seele zuspricht.21

Mario Palmaro und Alessandro Gnocchi werden im Oktober von Radio Maria entlassen, nachdem sie in der Zeitschrift Foglio einen Artikel mit dem Titel »Dieser Papst gefällt uns nicht« geschrieben haben. Über den Blog Vinonuovo.it wird ihr Schicksal publik, worauf der Papst den einen Journalisten persönlich anruft, nicht um die öffentliche Kritik zu diskutieren, sondern um Palmaro in seinen gesundheitlichen Problemen einfühlsame Nähe zu zeigen.22 Im November drückt die deutsche Zeitung Die Welt unter dem Titel »Das Dilemma des Papstes« ein Unbehagen aus, das manche mittlerweile beschlichen hat: »Er verzichtet auf Pomp und Prunk, er ist wie du und ich«, wodurch er »am Ende der Kirche schaden« könnte, weil »das Amt des Papstes seine Aura verliert und die Kirche vollends und auf Kosten ihrer Besonderheit in dieser Welt ankommt«.23 Solche Schlagzeilen machen auf eigene Weise deutlich, wie klar sich mit diesem Pontifikat Veränderungen abzeichnen.

Nicht nur schlichte Begegnungen vor Ort überraschen, sondern auch die Reichweite der päpstlichen Gesten – und seines Telefonanschlusses: Stefano Cabizza, ein Student aus Padua, schreibt dem neuen Papst im August einen Brief über seine Glaubenszweifel, und Franziskus ruft ihn zu Hause an. »Wer spricht?«, fragt der 19-Jährige. – »Sono Papa Francesco, diamoci del tu (Ich bin Papst Franziskus, sag ruhig du zu mir)« – die Jünger Jesu hätten sich schließlich auch geduzt.24 Dass es sich bei diesem Anruf nicht um eine päpstliche PR-Strategie, sondern um die Anteilnahme eines Seelsorgers und echtes Interesse handelt, zeigt eine Nebenbemerkung Bergoglios im ersten großen Interview, das er der Jesuitenzeitung Civiltà Cattolica gewährt:

Ich habe gesehen, dass das Telefongespräch, das ich mit einem Jungen geführt habe, von den Zeitungen aufgegriffen wurde. Ich habe angerufen, weil er mir einen sehr schönen Brief geschrieben hatte, ganz einfach. Das war für mich ein Akt der Fruchtbarkeit. Ich habe mir bewusst gemacht, dass ein heranwachsender Junge einen als Vater gesehen hat und ihm etwas von seinem Leben erzählt. Der Vater kann nicht sagen: »Darauf pfeife ich!« – Diese Fruchtbarkeit tut mir sehr gut.25

Stadt und Erdkreis

Fasziniert berichten Menschen überall in der lateinischen Welt von weiteren überraschenden Direktkontakten dieser Art. Von einem Polizisten vergewaltigt, schildert die Argentinierin Alejandra Pereyra ihre Not in einer Mail an den Papst, der mit der ihm unbekannten 44-jährigen Landsfrau daraufhin eine halbe Stunde telefoniert.26 Der 77-jährigen Rosalba Ferri aus Pesaro sucht Franziskus per Telefon in ihrem Schmerz über die Ermordung ihres Sohnes beizustehen, nachdem dessen Bruder dem Papst die Not der Familie brieflich geschildert hat.27 Dass auch diese Anteilnahme keineswegs eine Eintagsfliege ist, zeigt ein weiterer Anruf kurz vor Weihnachten.28 Im Spätherbst erfährt der Papst von der seltenen Krankheit eines Gymnasiasten in Tezze sul Brenta bei Vizenza und ruft ihn an. Die Frucht des Gesprächs ist die Gründung einer Gesellschaft, welche Sammys Krankheit Progerie näher erforscht.29 Ein Obdachloser, der dem Papst aus Venedig schreibt, wird zu seiner Überraschung nach der Messe vom Pfarrer seiner Gemeinde angesprochen und erhält 200 Euro zugesteckt: von Papst Franziskus. Dieser hatte dem Priester den Geldbetrag samt Antwortbrief auf seine Rückreise in die Lagunenstadt mitgegeben. Tief beeindruckt und voller Freude gibt Don Nandino Capovilla der Presse den folgenden Kommentar:

Der Papst wird nicht müde, uns zu verblüffen. Seine Zeichen sagen uns, dass die Einzelpersonen und ihre individuellen Geschichten im Zentrum unseres Denkens und Handelns stehen müssen. Die Geste des Schecks, den ich im Vatikan für den bedürftigen Pfarreiangehörigen erhalten habe, ist nicht nur des Geldes wegen wichtig, nicht nur als materielle Hilfe in einer konkreten Not, sondern als Einladung des Papstes, jeder einzelnen Person aufmerksam zu begegnen.30

Als Franz von Assisi im Mai 1209 mit elf Gefährten erstmals vor Innozenz III. stand, erlaubte der mächtigste Papst des Mittelalters diesen zwölf Laien, das Evangelium überall auf Erden ermutigend zu verkünden.31 Die Brüder verließen die urbs (Stadt) und wandten sich dem orbis (Erdkreis) zu, den sie in den nächsten Jahren auf allen bekannten Kontinenten durchwanderten. Sie zogen ihre Kreise weit. Papst Franziskus sagte bei seiner Vorstellung auf der Segensloggia, dass er »vom Ende der Erde nach Rom gekommen sei«. Seine vielfältigen Kontakte mittels Social Media oder Telefonaten zeigen, dass er von Rom aus auch als Seelsorger eine globale Aufmerksamkeit zu wahren sucht. Er setzt mit einfachen Gesten Zeichen, die überall auf der Welt verstanden werden und in der gesamten Gesellschaft zur Nachahmung anspornen.

Dabei erinnert die kreative Fantasie des Pontifex an jene des Spielmanns aus Assisi, der die Aufmerksamkeit der Menschen als »Gaukler Gottes« mit beispielhaften Szenen auf sich zog, um seine Zuschauer zu berühren, aufzurütteln und betroffen zu machen: So lud Franz von Assisi ungeniert hungernde Ritter ein, gemeinsam mit seinen Brüdern in einem Dorf um Almosen zu bitten.32 Traurig über den Schmutz in den Kirchen am Weg nahm er selbst den Besen zur Hand,33 und wann immer er einem Ärmeren begegnete, schenkte er ihm seinen eigenen Mantel – mit der Begründung, er habe diesen doch nur von ihm geliehen.34 Auch Papst Franziskus schlägt mit seinem Tun Wellen, die im ganz normalen Alltag neue Maßstäbe setzen: Ein junger deutscher Priester, der seine Ausbildung in Rom ergänzen will, sagt im Sommer – halb lächelnd, halb nachdenklich – am Kaffeetisch zu befreundeten Ordensfrauen: »Es wird nun gar nicht so leicht, in Rom eine Bleibe zu finden. Man sollte ja nicht luxuriöser wohnen als der Papst selbst.«35

In einer frühen Audienz ließ Franziskus durchscheinen, dass es in den höfisch-monarchischen Strukturen des Vatikans nicht einfach sei, die Nähe zu den Menschen zu wahren. Es gelte, auch gegen Widerstände der eigenen Linie treu zu bleiben und für eine menschennahe Kirche einzustehen.36 Anfang Oktober erzählt er in einer Ansprache vor Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien in Assisi anschaulich und sehr engagiert, wie konkret sich für ihn dieses Anliegen darstellt:

Wenn ich an die Pfarrer von früher denke, die noch die Namen ihrer Pfarrkinder kannten, sie noch besucht haben; oder – wie einer von ihnen einmal zu mir sagte: ›Ich weiß von jeder Familie, wie ihr Hund heißt.‹ Das muss man sich einmal vorstellen: sie wussten sogar, wie die Hunde ihrer Pfarrkinder hießen! Das war doch schön! Gibt es etwas Schöneres?37

Wer ist Jorge Mario Bergoglio?

Im August 2013 gibt Papst Franziskus das bereits erwähnte erste ausführliche Interview. Es wird im Internet am 19. September freigeschaltet und kann von da an überall auf der Welt eingesehen werden. Über mehrere Stunden – verteilt auf drei Tage – befragt der Herausgeber von La Civiltà Cattolica im Auftrag aller Chefredakteure und Chefredakteurinnen38 der europäischen Jesuitenzeitschriften Papst Franziskus in ausführlichen Gesprächen. Die Themen waren zuvor gemeinsam gesammelt worden. Der Jesuit Antonio Spadaro erzählt in seiner kurzen Einleitung warmherzig von einer vertrauensvollen Atmosphäre, von unprätentiösen Gesten und Gedanken und schließlich von einem »sprudelnden Dialog«.39 Und tatsächlich, in der deutschen Druckfassung ist das Interview 53 Seiten lang.

Während das Interview im Netz erscheint und erste Reaktionen die Welt in Atem halten, sind die Autorin und der Autor dieses Buches gemeinsam bei einer interfranziskanischen Veranstaltung in der Schweiz. Gespannte Neugier herrscht bezüglich der Ankündigung aus Rom, und noch in der Nacht wird das Interview ausgedruckt und gelesen. Eine engagierte Teilnehmerin erzählt am Frühstückstisch: »Ich konnte einfach nicht aufhören! Das ist nicht nur ein Interview, das ist ein wirkliches Gespräch. Manchmal nicht ganz glatt, aber es klingt so anders, so lebensnah. Man erfährt, welche Musik der Papst hört, welche Literatur ihn beeinflusst hat, man erfährt so viel, was ihm wichtig ist! Oh, man lernt ihn kennen!« Ein anderer Gast ergänzt schmunzelnd: »Ja, und das Interview steckt voller Überraschungen.« Ganz ähnlich scheint es dem Fragesteller selbst ergangen zu sein. Das Gespräch beginnt schon anders als geplant: »Ich habe Fragen vor mir«, erzählt Antonio Spadaro, »aber ich beschließe, nicht dem von mir vorbereiteten Entwurf zu folgen, und frage den Papst etwas unvermittelt: ›Wer ist Jorge Mario Bergoglio?‹ Der Papst blickt mich schweigend an. Ich frage ihn, ob man ihm eine solche Frage stellen darf. Er gibt mir ein Zeichen, dass er die Frage akzeptiert.« Nachdenklich lautet seine Antwort: »Ich weiß nicht, was für eine Definition am zutreffendsten sein könnte … Ich bin ein Sünder. Das ist die richtige Definition. Und es ist keine Redensart, kein literarisches Genus. Ich bin ein Sünder … Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat. Und er wiederholt: Ich bin einer, der vom Herrn angeschaut wird.«40

Christus auf Augenhöhe

Dieser schonungslos ehrliche und zugleich liebevolle Satz erinnert nicht nur an die Erste Woche der ignatianischen Exerzitien41, sondern – im franziskanischen Kontext – auch an eine Metapher, die Klara von Assisi besonders liebte. Sie verwendet das im Mittelalter hoch geschätzte spirituelle Bild des Spiegels oft und gern. Christus, sagt sie, ist ihr ein Spiegel. An ihre Freundin Agnes von Prag schreibt sie: In diesen Spiegel schaue täglich und spiegle stets in ihm dein eigenes Gesicht.42 Will heißen: Begib dich immer und immer wieder ausdrücklich in die Gegenwart Gottes. Lass dich von ihm anschauen, und schau auch du ihn an.

Die Heiligen aus Assisi lebten in einer Zeit, die nicht derart durch Bilder geprägt war wie die unsere. Wir können aber ein »Spiegelbild« Christi erkennen, das Franziskus und Klara tatsächlich gesehen haben: In der kleinen Kapelle vor den Mauern der Stadt Assisi, in die Klara und ihre ersten Gefährtinnen einzogen und die sie mit tatkräftiger Hilfe von Brüdern zum kleinen Kloster San Damiano ausbaute, gab es ein bemaltes Tafelkreuz, eine Ikone byzantinischer Schule. Heute kann das sogenannte Kreuz von San Damiano überall auf der Welt und in unendlich vielen Reproduktionen bestaunt werden. Das Original ist seit 1953 für Pilgernde aus aller Welt in der Basilika Santa Chiara, Klaras Grabeskirche in Assisi, zugänglich.43

Das Kreuz von San Damiano beeindruckt auf vielerlei Weise. Christus schaut die Betrachtenden mit weit offenen Augen an. Tatsächlich sind diese Augen proportional etwas zu groß geraten. Das ist kein Versehen des Künstlers, sondern birgt seine theologische Absicht: Christus nimmt die Betenden hellwach wahr, er hört, was sie zu sagen, zu bitten, zu klagen haben. Man erkennt neben den aufmerksamen Augen auch ein freies Ohr. Dieser Christus hat buchstäblich offene Ohren für Freud und Leid der Menschen. Klara und ihre Schwestern muss dieses Bild von San Damiano im Laufe vieler Jahre geprägt haben, nicht weniger als Franz von Assisi, der davor – durch einige Monate hindurch – gebetet und noch als junger Einsiedler einen tiefen Durchbruch erfahren hatte.44

Menschen aller Zeiten, beider Geschlechter und mit unterschiedlichsten Erfahrungen begegnen Christus und einander auf diesem Kreuzbild.

Ikonenkreuz von San Damiano

Kreuzkapelle der Basilika Santa Chiara, Assisi

Nachfolgegemeinschaft

Franz war – etwa um das Jahr 1206 – in diesem Kreuz seinem Herrn und Meister begegnet, der nicht fern im Himmel thront, sondern sich menschlich nahe zeigt; der nicht – und das war neu am Ende der Romanik – als Herrscher dargestellt wird und als allmächtiger Regent, dem selbst Sonne und Mond zu Diensten sind, sondern als nahbarer Mensch Gewordener, der seine Arme weit ausbreitet und alle birgt, die sich unter seinen Schutz stellen. Wir finden tatsächlich die ganze Nachfolgegemeinschaft auf diesem Kreuzbild: symbolisiert in Maria, der Mutter Jesu, im Freund und Lieblingsjünger Johannes, in Maria von Magdala, in einer weiteren Maria, die Jesus unterstützt hat, und in einem namenlosen Hauptmann mit Gefolge. Auch eine Menge himmlischer Wesen, Engel in Menschengestalt, sind auf dem Bild zu finden, sowie Gesichter zu Füßen Christi, die meisten abgegriffen und unkenntlich geworden im Laufe der Jahrhunderte. Vermutlich stellen sie die Heiligen des alten Bundes dar, jene, die die Schriften des Ersten Testamentes als Gerechte kennen. Menschen aller Zeiten, beider Geschlechter und mit den verschiedensten Erfahrungen kommen einander auf diesem Kreuzbild nahe.