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In der Braunschweiger Innenstadt wird eine nackte männliche Leiche in den frühen Morgenstunden entdeckt. Sie liegt bäuchlings auf dem Ringerbrunnen im fließenden Wasser. Die alarmierten Polizisten denken zuerst an einen Unfall unter Alkoholeinfluss. Bis sie beim vorsichtigen Bewegen des Toten an seinem Bauch eine frische Wundnaht bemerken. Kriminalhauptkommissar Wolfgang Stein und Kriminalkommissarin Inka Flamm werden mit der Ermittlung betraut.
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Das Buch:
In der Braunschweiger Innenstadt wird eine nackte männliche Leiche in den frühen Morgenstunden entdeckt. Sie liegt bäuchlings auf dem Ringerbrunnen im fließenden Wasser.
Die alarmierten Polizisten denken zuerst an einen Unfall unter Alkoholeinfluss. Bis sie beim vorsichtigen Bewegen des Toten an seinem Bauch eine frische Wundnaht bemerken.
Kriminalhauptkommissar Wolfgang Stein und Kriminalkommissarin Inka Flamm werden mit der Ermittlung betraut.
Der Autor:
Hermann Lühr, Jahrgang 1953, verheiratet, zwei erwachsene Töchter.
Wohnt in Schöningen, Niedersachsen.
Er hat bisher sieben Romane veröffentlicht, die von Ungewöhnlichem handeln, in einer spannenden Mischung aus Realität und Fiktion, mit mehr oder weniger Krimi-Antei len.
Dieses Buch ist sein erster reiner Kriminalroman. Weitere Informationen finden Sie am Ende des Buches.
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Mittwoch, 5. Juni 2024
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Donnerstag, 6. Juni 2024
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2022
„Inka“, Hauptkommissar Stein schwenkte sein Telefon, „wir müssen sofort los.“
„Okay“, sie stand so schwungvoll auf, dass ihr Stuhl etwas zurückrollte. Sie schnappte sich ihre Jacke vom Ständer und eilte zu ihm. „Brauchen wir eine Waffe?“
„Nein.“ Stein registrierte die Enttäuschung in ihrem Blick und amüsierte sich innerlich darüber. Inka war so energiegeladen und ehrgeizig, wie er es auch in ihrem Alter niemals gewesen war.
„Wo müssen wir hin?“
„Zum Ringerbrunnen.“
„Dann könnten wir ja zu Fuß gehen. Hast du deshalb nur deine Anglerweste an?“, ihre blauen Augen blitzten spöttisch.
„Nicht frech werden. Wir fahren selbstverständlich mit Blaulicht zum Fundort.“
Sie hatten die Treppe erreicht und schritten nebeneinander hinunter. Inka musste natürlich ihre schnellere Gangart dem langsameren Stein anpassen. Immerhin hätte er mit seinen 54 Jahren auch ihr Vater sein können. „Was ist passiert?“
„Nackte männliche Leiche auf dem Brunnen. Wie üblich kursieren schon Bilder davon im Internet.“
„Echt?“ Inka zog sofort ihr Handy hervor, um danach zu suchen.
„Nicht jetzt!“ Stein hielt nichts von diesen angeblich sozialen Medien, die meistens sensationsgeil und menschenverachtend waren. Außerdem hatte er es sowieso nicht so mit Computern, Handys und Internet. Er gehörte wohl einer aussterbenden Gattung an. Obwohl sich sehr viele in seinem Alter bestens mit diesen modernen Informationskanälen auskannten.
Inka überspielte ihren Unmut. „Also wurde der Tote schon eher entdeckt.“
„Ja. Von einer Zeitungsausträgerin. Die alarmierte den Notruf. Eine Streife war rasch vor Ort und sperrte den Brunnen ab. Da die natürlich keinen Sichtschutz dabei hatten, sorgte das für viele Schaulustige und Handygaffer. Die Kollegen dachten wohl zuerst an einen Unfall unter Alkoholeinfluss, bis sie dann am Bauch eine frische Naht und etwas Blut entdeckten.“
„Die haben die Leiche bewegt?“, Inka sah ihn missbilligend an.
„Notgedrungen. Um festzustellen, um was es sich handelte. Wie gesagt, die rechneten zuerst nicht mit einem Gewaltverbrechen.“
Sie hatten ihren Dienstwagen erreicht, Inka betätigte den Türöffner. „Soll ich wieder fahren?“
„Ich bitte darum. Aber nur mit Blaulicht, ohne Sirene.“
„Wie du möchtest, Wolfgang!“, betonte Inka, schwang sich hinters Lenkrad, schloss die Tür und wartete auf ihren etwas behäbigen Chef.
Schon von weitem sahen sie, dass der Ringerbrunnen jetzt vollkommen von weißen Sichtschutzelementen abgeschirmt wurde. Es sah makaber aus, dass die Beine der Figur, die von der anderen hochgehoben wurde, oben drüber ragten.
Inka fuhr im Schritttempo durch die Fußgängerzone und näherte sich der Menschenansammlung, die sich bis vor das Absperrband drängte, ungefähr drei Meter vor dem Sichtschutz. Durch das Blaulicht wurden die Leute aufmerksam und drehten sich um.
Eine Sirene wäre noch wirkungsvoller gewesen, bedauerte Inka und hielt hinter einem Streifenwagen an. Sie stellte das Blaulicht und den Motor ab.
„Dann wollen wir mal“, Stein zog eine Leidensmiene. Sie stiegen aus und gingen zum Brunnen. Die Menge teilte sich bereitwillig vor ihnen, die Leute starrten sie neugierig an. Sie zeigtem einem der uniformierten Kollegen am Absperrband ihre Dienstausweise. Er nickte ihnen zu und hielt für sie das Band hoch.
Der schmale Eingang in diese weiße Umrandung befand sich auf der gegenüberliegenden Seite. Sie grüßten dort den Streifenpolizisten, hielten ihre Ausweise hoch und betraten diesen unwirklichen hellen Innenraum.
„Guten Morgen allerseits!“, sagte Stein laut und musterte die Anwesenden, von denen er mehrere erkannte. Allerdings waren die von der Spurensicherung in ihren weißen Overalls mit Kapuze und Mundschutz nicht immer so einfach zu identifizieren. „Ich bin Kriminalhauptkommissar Stein, und das ist Kriminalkommissarin Flamm. Wir wurden mit den Ermittlungen betraut. Obwohl wir anscheinend die letzten am Fundort sind“, er verzog einen Mundwinkel.
„Oder ist es sogar der Tatort?“, fragte Inka wissbegierig.
„Eindeutig nicht“, antwortete der leitende Rechtsmediziner Dr. Grenke, der neben dem Kopf des Toten kniete. Seine buschigen Augenbrauen, die fast die Brille überwucherten, waren unübersehbar. „Dem Opfer wurde durch einen Eingriff im Bauchraum etwas entfernt oder hinzugefügt. Mittels Spiegel konnte ich die frische Wundnaht sehen.“
„Hinzugefügt?“, Stein warf ihm einen ratlosen Blick zu.
„Mit der Lösung musst du dich noch etwas gedulden, Wolfgang“, Grenke beugte sich wieder runter und untersuchte den Hals der Leiche mit einer Lupe. „Er wurde mit einem Elektroschocker betäubt. Hier sind die typischen Brandmarken.“
„Also muss der Täter dicht dran gewesen sein“, sagte Stein nachdenklich.
Inka war fasziniert von dem skurrilen Anblick: Oben befanden sich die beiden wuchtig muskulösen Ringer. Der untere hatte seinen Gegner kopfüber hochgehoben, um ihn über seine Schulter zu werfen. Diese gegossene Skulptur stand auf einem halbrunden Steinpodest, von dem das Wasser herunter sprudelte und über eine abschüssige Fläche aus immer größeren Steinkreisen schließlich in einer tieferen, ebenfalls runden Rinne abfloss. Das Opfer lag auf dem Bauch lang ausgestreckt auf dieser nassen Schräge, der Kopf war zur Seite gedreht.
„Nun, die Identifizierung wird sich bei einem Nackten ja schwierig gestalten“, sagte Stein.
„Gar nicht“, erwiderte Ute Zink von der Spurensicherung, „sein Personalausweis steckte in seinem Anus.“
„Was?“, entfuhr es Stein und Inka gleichzeitig.
Ute nahm einen kleinen Asservatenbeutel mit dem Ausweis vom Klapptisch und las vor: „Ein gewisser Ingo Röttger. Geboren 1981. Ist hier in Braunschweig gemeldet.“
„Also 43 Jahre alt“, sagte Inka.
Ute warf einen weiteren Blick drauf. „Nein. Er ist am 14. 9. geboren. Also 42 Jahre. Älter wird er nicht mehr.“
„Darf ich mal kurz?“, Inka zeigte auf den Beutel.
„Klar.“
„Danke.“ Inka holte ihr Handy hervor, fotografierte den Ausweis von beiden Seiten und gab den Beutel zurück.
„Aber wer macht denn so was mit dem Ausweis?“, Stein schüttelte mit gerümpfter Nase den Kopf.
Ein ihm Unbekannter im weißen Overall zuckte mit der Schulter und sagte: „Vielleicht eine Rachetat aus dem Sch..., aus dem Homosexuellenmilieu.“
„Zum Beispiel“, meinte Ute.
„Na ja“, Stein konnte mit diesen ganzen in Mode gekommenen sexuellen Orientierungen nichts anfangen.
„Dr. Grenke“, Inka lächelte ihn an, „können Sie uns schon etwas über den Todeszeitpunkt sagen?“
Er stand auf und warf Stein einen Seitenblick zu. „Bis auf die Extremitäten ist die Leichenstarre schon voll ausgebildet. Die Totenflecken kann ich erst beurteilen, wenn wir ihn umgedreht haben. Außerdem liegt er auf kaltem fließendem Wasser. Momentan gehe ich von zwei bis vier Uhr morgens als Todeseintritt aus.“
„Vielen Dank, Doktor“, Inka nickte ihm zu.
„Für die Ablage hier gibt es ja wohl keine Zeugen, wie?“, erkundigte sich Stein.
„Bis jetzt nicht“, antwortete Ute.
„Also müssen wir die Anwohner befragen lassen.“
„Wobei hier gar nicht so viele wohnen“, sagte Inka. „Im Erdgeschoss sind jedenfalls nur Geschäfte, Lokale und so.“
„Leute, wir könnten die Leiche jetzt mal gemeinsam umdrehen“, sagte Grenke, bückte sich runter und hielt den Kopf fest. Vier Mitarbeiter der Spurensicherung halfen ihm beim vorsichtigen Umdrehen. Anschließend fotografierte einer von ihnen die neue Ansicht aus verschiedenen Perspektiven.
Der Polizist von der Eingangskontrolle kam herein und meldete: „Der Leichenwagen ist da.“
„Das dauert noch etwas“, erwiderte der Rechtsmediziner gedankenversunken, weil er nur Augen für die Vorderseite des Toten hatte. Genau wie alle anderen.
„Alles klar“, der Polizist ging wieder raus.
Obwohl es Aufsehenerregenderes gab, fiel Inka als erstes die Intimrasur des Opfers auf. Erst danach hob sie etwas ihren Blick. Über den gesamten Bauch verlief quer eine grob vernähte rote Narbe. Mehrere Ecken und gerade Flächen zeichneten sich unter der violetten Haut ab. Der Oberkörper war unversehrt, die Augen geschlossen.
„Der Täter hat richtig viel Arbeit gehabt“, sagte einer von der Spurensicherung.
„Aber warum?“
„Was ist denn da drin?“, fragte Stein.
Dr. Grenke tastete die Haut mit seinen blauen Handschuhfingern ab, folgte behutsam dem Verlauf der Kanten. „Etwas Festes, Geometrisches. Ich tippe auf Holzklötze.“
„Was?“, Stein starrte entsetzt auf die Verformungen der Haut.
Die Anwesenden verursachten ein vielstimmiges Raunen.
„Warum macht jemand so etwas?“, fragte Inka fassungslos.
„Wir werden es rauskriegen“, sagte Stein.
„Mehr kann ich hier nicht sagen“, Grenke erhob sich, warf einen Blick in die Runde und wandte sich an Ute Zink: „Die Leiche kann jetzt in die Pathologie gebracht werden. Aber natürlich mit Abdeckung.“
„Klar“, sie nickte ernst und ging hinaus.
Als Inka und Stein in ihr Büro kamen, stieß sich Gitta Oberhaus von ihrem Schreibtisch ab und rollte den beiden erwartungsvoll entgegen. Sie war auch Kommissarin, 35 Jahre alt und seit einem Kletterunfall auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie leistete hier im Innendienst hervorragende Arbeit bei Recherchen aller Art und beim Organisieren von externer Unterstützung, außerdem kannte sie sich mit elektronischen Medien bestens aus.
„Ich bin schon echt neugierig“, sagte sie mit glänzenden Augen. „Was ist das für ein Fall?“
„Ein sehr ungewöhnlicher“, antwortete Stein und fragte: „Möchten die Damen einen Tee?“
Inka schüttelte den Kopf. „Ist mir zu gesund.“
„Ich hätte gerne einen Fenchel-Anis“, Gitta strahlte ihn an.
„Wird erledigt.“
Während Stein den Tee zubereitete, begaben sich die Frauen an den Pausentisch. Inka informierte ihre sechs Jahre ältere Kollegin über alle wichtigen Detai ls und schickte ihr die Fotos vom Personalausweis des Opfers aufs Handy.
„Bitte sehr, Gitta“, Stein stellte den Becher vor ihr hin.
„Vielen Dank.“
„Verwöhnst du deine Frau auch so?“, fragte Inka listig.
„Wenn es so einfach ist, dann schon“, er setzte sich den Frauen gegenüber.
„Aha.“
„Also, Gitta. Jetzt ist es schon vorbei mit meinen Nettigkeiten“, er grinste. „Ich habe jede Menge Aufgaben für dich.“
„Brauche ich einen Zettel?“
„Besser wär’s.“
„Gut.“ Sie rollte flott zu ihrem Schreibtisch und holte einen. Schon seit langem hatten sich ihre Kollegen abgewöhnt, für sie irgendwelche Handreichungen zu erledigen, da Gitta sie jedesmal angefaucht hatte, dass sie keine Hilfe benötige. Auch jetzt war sie schneller wieder an ihrem Platz, als Stein es gewesen wäre. „Kannst loslegen.“
„Zuerst musst du überprüfen, ob die Adresse von diesem Ingo Röttger noch aktuell ist, wie sein Familienstand ist und ob eine Vermisstenanzeige vorliegt. Wir müssen heute noch die Angehörigen über seinen Tod unterrichten. Dann geht es um eventuelle Einträge im Strafregister. Beim zuständigen Polizeirevier bittest du um Hilfe für die Befragungen der Anwohner rund um den Ringerbrunnen.“
„Das kann ich doch übernehmen“, sagte Inka.
„Meinetwegen. Wenn du diese Punkte erledigt hast, Gitta, kannst du ja mal schauen, was es für Fotos vom Opfer in den angeblich sozialen Medien gibt. Da wurde heute Morgen, vor dem Eintreffen der Polizei, bereits fleißig fotografiert.“
„Ist das schon alles?“, fragte sie schmunzelnd.
„Erstmal ja.“
„Das hätte ich mir auch so merken können.“
„Angeberin“, stichelte Inka.
Gitta streckte ihr die Zunge raus, klemmte belustigt den Teebecher und den Notizblock zwischen ihre Oberschenkel und rollte zu ihrem Schreibtisch.
„Und ich muss jetzt etwas essen“, Stein beugte sich vor, um seine Brotdose zu erreichen. „Ich bin schließlich nicht so ein Hungerkünstler wie ihr.“ Er öffnete die Dose, begutachtete die geschmierten Brote und biss dann in das auserwählte.
„Na toll, wir Frauen müssen arbeiten, und der Herr macht Pause“, lästerte Inka, stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch.
„Es soll ja Männer geben, die diese Aufteilung für gottgewollt halten. Ich gehöre selbstverständlich nicht zu denen. Aber ohne Kalorienzufuhr kann ich nicht mehr denken.“
„Du Armer!“
„Hallo!“, meldete sich Gitta. „Die Adresse des Opfers stimmt noch. Er ist ledig, kinderlos und wohnt bei seiner Mutter in Volkmarode. Es gibt keine Vermisstenanzeige.“
„Mit 42 Jahren noch bei Mutti?“, Inka verzog das Gesicht.
Vielleicht ist doch was dran an dieser Homo-Sache, dachte Stein. Da er den Mund aber ziemlich voll hatte, sagte er nichts.
Er überlegte gerade, ob er sich noch eine dritte Stulle gönnen sollte, als sein Telefon klingelte. Er sah aufs Display und verdrehte die Augen, weil es sein Vorgesetzter war: Kriminaldirektor Keller. Er verschloss seine Brotdose und nahm den Anruf an. „Stein.“
„Keller. Haben Sie schon diese skandalösen Bilder im Netz gesehen?“
„Nein. Ich gucke mir diesen Mist nicht an.“ Er bekam Blickkontakt mit Inka, die am Bericht über den heutigen Einsatz schrieb. Sie rümpfte die Nase und zeigte nach oben. Er nickte gequält.
„Wir müssen uns ja schließlich darüber informieren, was in der Öffentlichkeit gerade so geschieht.“
„Ich nicht. Aber ich habe das Original gesehen.“
„Auf einigen Fotos konnte man sogar erkennen, dass dem Nackten offenbar eine Scheckkarte im After steckte.“
„Das war sein Personalausweis.“
„Das ist ja widerlich!“
„Aber sehr hilfreich bei der Identifizierung.“
„Sie scheint diese perverse Zurschaustellung ja nicht zu stören, Herr Stein.“
„Lassen Sie die Bilder doch löschen.“
„Das geht nicht so einfach und schnell.“
„Tja.“
„Auf mich wirkt diese Inszenierung sehr homoerotisch.“
„Daran haben wir natürlich auch schon gedacht.“
„Ach, ja?“
„Wir ermitteln in alle Richtungen.“
„Was wissen Sie denn bis jetzt?“
„Das Opfer heißt Ingo Röttger, ist 42 Jahre alt, ledig, kinderlos und wohnt bei seiner Mutter hier in Volkmarode. Er wurde mit einem Elektroschocker betäubt und hat eine frische Naht über dem gesamten Bauch. Dr. Grenke vermutete am Fundort, dass sich Holzklötze darin befinden könnten.“
„Wirklich?“, entfuhr es Keller. „So etwas Skurriles hatten wir ja noch gar nicht in der Braunschweiger Kriminalstatistik.“
„Wir werden sehen.“
„Ich will von Ihnen alle neuen Fakten umgehend erfahren. Haben wir uns verstanden, Herr Stein?“
„Ja.“
„Gut.“ Keller hatte das Gespräch abrupt beendet.
Stein legte das Telefon hin und stöhnte: „Ich kann diesen Typen einfach nicht ab.“
„Wer kann das schon“, sagte Inka.
„Der wirkte richtig begeistert über die Holzklötze im Bauch. Wahrscheinlich hofft er auf ein größeres Medieninteresse.“
„Wer weiß, was der noch für Ambitionen hat?“
„Hallo, ihr beiden!“, rief Gitta. „Könnt ihr mal herkommen? Ich hab hier einen Volltreffer im Strafregister.“
Sie stellten sich hinter Gitta und sahen auf dem Monitor ein älteres Foto des Opfers.
„Dieser Röttger war ein verdammter Kinderschänder.“
„Echt?“, Inka beugte sich weiter runter, Stein blieb gerade stehen.
„Die erste Anzeige gab es bereits, als er fünfzehn war. Guckt mal hier“, Gitta wechselte die Ansicht, „was der für eine lange Liste von Strafverfahren hat. Er wurde mehrfach rechtskräftig verurteilt, am Anfang leider oft zur Bewährung. Mit 18 Jahren bekam er zum ersten Mal zwei Jahre Jugendhaft. Danach saß er zweimal im Gefängnis, zusammen über sieben Jahre. Er wurde aber auch sechsmal aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Wenn er zum Beispiel ein Kondom benutzt hatte und keine DNA von ihm gefunden wurde. Oder bei Aussage gegen Aussage.“
„Das kennt man ja“, Inka nickte mehrmals. „Im Zweifel für den Angeklagten.“
„Hat er Jungs oder Mädchen missbraucht?“, fragte Stein. „Oder beide?“
„Nur Jungs“, Gitta sprang auf eine andere Seite. „Und zwar im Alter von vier bis neun Jahren.“
„So ein Schwein“, Inka richtete sich wieder auf.
„Vielleicht war es Rache von einem früheren Opfer oder dessen Familienangehörigen“, sagte Stein. „Die Karte im Anus deutet bestimmt auf Analvergewaltigung hin.“
„Richtig“, stimmte Inka zu. „Außerdem wollte der Täter, dass wir sofort wissen, um wen es sich handelt. Und das tun wir ja jetzt.“
„Kannst du mir die wichtigsten Seiten ausdrucken, Gitta?“
„Klar.“
„Und dann brauchen wir natürlich sämtliche verfügbaren Akten. So schnell wie möglich.“
„Ja. Das wird aber eine umfangreiche Aufstellung von Verdächtigen über all die Jahre.“
„Und dann habe ich noch eine Bitte an dich. Würdest du die Info und möglichst so einen Link zu dem Strafregister von Röttger an Keller schicken? Aber nicht sofort, sondern erst kurz vor deinem Feierabend.“
„Wird erledigt“, Gitta grinste verschwörerisch.
„Wir fahren jetzt zu der Mutter, um sie über den Tod ihres Sohnes zu unterrichten.“
„Hoffentlich kann ich mich da beherrschen“, Inka war aufgebracht, wie immer bei Pädophi len.
„Das solltest du“, Stein klopfte ihr auf die Schulter.
Inka parkte direkt vor dem unscheinbaren Reihenhaus. Der kleine gepflegte Vorgarten war umgeben von einem dunkelbraunen Jägerzaun. Sie stiegen aus, Stein hielt Inka die Pforte auf, die sich durch eine Spannfeder selbstätig schloss.
Inka klingelte. Hinter der Fenstergardine links von ihr meinte sie eine Bewegung gesehen zu haben. Nach einigen Sekunden drückte sie erneut auf den abgenutzten Knopf.
Die Haustür wurde geöffnet. Eine hohlwangige Frau mit strengen Gesichtszügen stand da, durch ihre Kittelschürze und ihre Frisur wirkte sie älter, als sie wahrscheinlich war. „Sie wünschen?“
„Guten Tag, Frau Röttger. Wir sind von der Kriminalpolizei. Ich ...“
Die Frau unterbrach ihn einfach: „Hatte mein Sohn einen Autounfall? Ach, nein, dann wären ja Uniformierte hier.“ Ihr wachsamer Blick sprang hin und her.
„Ich bin Hauptkommissar Stein, und das ist Kommissarin Flamm.“ Beide hielten ihre Dienstausweise hoch.
„Darf ich mal?“, sie nahm beide Karten und überprüfte sie aufmerksam, besonders die Fotos. Dann gab sie ihnen die Ausweise zurück. „Heutzutage kann man gar nicht vorsichtig genug sein.“
„Wie gesagt, wir kommen von der Kriminalpolizei und haben eine schlimme Nachricht für Sie. Dürfen wir hereinkommen, Frau Röttger? Drinnen können wir das besser besprechen.“
Nach einer winzigen Verunsicherung fing sie sich wieder und sagte ungehalten: „Bitte. Ich gehe vor.“
Inka schloss die Tür. Die beiden folgten der Frau in ein dunkles altmodisches Wohnzimmer.
„Sie können sich da aufs Sofa setzen“, sie schob sich einen Sessel zurecht und nahm ihnen gegenüber Platz. „Was ist meinem Ingo denn passiert?“
Stein holte tief Luft. „Ich muss Ihnen leider mittei len, dass Ihr Sohn heute in den frühen Morgenstunden Opfer eines Gewaltverbrechens mit Todesfolge wurde.“
„Was? Wie?“ Ihr Blick irrte hilflos herum, ihre Finger verkrallten sich in ihrer Schürze.
„Mein Bei leid.“
„Von mir auch“, schloss sich Inka an.
„Er ist tot? Wie wurde er denn …?“, sie verstummte, weil sie sich bestürzt den Mund zuhielt.
Inka sah sich in diesem anachronistischen, aber sauberen Wohnzimmer um. Selbst bei ihren Großeltern sah es um Jahrzehnte moderner aus. Auf einer Anrichte standen viele eingerahmte Fotografien. Eine mit Trauerflor zeigte einen übergewichtigen Mann, alle anderen bildeten ihren Sohn in verschiedenen Altersstufen ab.
Als Frau Röttger wieder gefasster wirkte, sagte Stein: „Darüber können wir Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Angaben machen.“
„Ich will ihn sehen.“
„Wenn das möglich ist, werden Sie von der Rechtsmedizin informiert.“
„Wird er da jetzt aufgeschnitten und so?“, sie presste die blassen Lippen zusammen.
„Eine offizielle Obduktion ist in so einem Fall vorgeschrieben.“
„Muss ich ihn nicht identifizieren?“
„Das ist nicht nötig, weil wir ihn anhand seines Personalausweises einwandfrei erkennen konnten.“
„Also hatte er noch seine Brieftasche?“
„Nein. Nur sein Ausweis befand sich am Körper.“
„Was bedeutet das?“
„Einzelheiten kann ich Ihnen noch nicht sagen.“ Stein tauschte einen Blick mit Inka aus, die daraufhin ihr Notizbuch auf den niedrigen Tisch legte, einen Kuli zur Hand nahm und fragte: „Wann haben Sie Ihren Sohn denn zuletzt gesehen?“
„Gestern Abend. Er wollte noch mal weg zu einer Verabredung.“
„Hat er ein Auto?“
„Natürlich.“
„Ist er damit weggefahren?“
„Ja.“
„Hat es Sie nicht gewundert, dass er bis jetzt nicht wieder aufgetaucht ist?“
„Keineswegs“, Frau Röttger sah Inka herablassend an. „Mein Sohn ist ein erwachsener, ungebundener Mann in den besten Jahren. Da ist es doch ganz normal, dass er mal woanders übernachtet.“
Der Ausdruck 'normal' für das abartige - auch ihr bekannte - Sexualleben ihres Sohnes ließ Inkas Blutdruck steigen.
„Oder hat er Sie noch mal telefonisch kontaktiert?“, fragte Stein, der Inkas Zorn spürte.
„Nein.“
„Sie wissen auch nicht, wen er treffen wollte?“
„Nein.“
„Oder wo?“
„Nein. Aber wo wurde mein Sohn denn aufgefunden?“
„In der Braunschweiger Innenstadt. Auf dem Ringerbrunnen.“ Stein überlegte, ob er es sagen sollte, denn im Internet waren die Bilder ja schon präsent. „Er lag auf dem Bauch und war vollkommen nackt.“
„Was?“, Frau Röttger starrte ihn entsetzt an. „Wer macht denn so etwas?“
„Das versuchen wir ja herauszubekommen.“
„Das ist obzön. Die Sitten verwahrlosen immer mehr.“
Inka verdrehte die Augen und dachte sich ihren Tei l.
„Können Sie uns vielleicht ein Foto Ihres Sohnes überlassen?“, fragte Stein. „Wir haben nur das von seinem Ausweis.“
„Ja“, Frau Röttger stemmte sich hoch, ging zu der Anrichte und suchte in einer Schublade herum. Dann kam sie zurück, überreichte Stein ein Foto und nahm in ihrem Sessel Platz. „Das will ich aber wiederhaben.“
„Selbstverständlich“, Stein steckte das Foto ein.
„Stand Ingos Auto auch da in der Nähe?“, fragte sie.
„Wissen wir noch nicht. Können Sie uns das Kennzeichen nennen?“
„Nein. Aber es ist ein silberfarbiger Golf.“
„Dürfen wir uns das Zimmer Ihres Sohnes mal anschauen?“
„Muss ich das zulassen?“
„Nein“, Stein schüttelte den Kopf.
„Dann nicht.“
„Aber wir können einen Durchsuchungsbeschluss beantragen und wiederkommen.“
„Tun Sie das. Eigentlich dachte ich, mein Sohn sei das Opfer.“
Inka konnte sich nicht mehr zurückhalten. „Er war aber auch ein verurteilter Täter, der jahrelang kleine Jungs missbraucht hat und deshalb im Gefängnis saß.“
Frau Röttger sah Inka erst überrascht und dann hasserfüllt an. „Gehen Sie jetzt! Verlassen Sie mein Haus!“ Sie stand auf, in ihrem versteinerten Gesicht glänzten die dunklen Augen.
Stein und Inka erhoben sich ebenfalls und folgten ihr zur Haustür. Nur er sagte: „Auf Wiedersehen.“
Als sie wieder im Auto saßen, schlug Inka ihre Hände aufs Lenkrad und sagte: „Tut mir leid. Ohne ein Kontern hab ich das nicht mehr ertragen. Sonst wäre ich geplatzt.“
„Ich verstehe dich. Auch mein Wutpegel stieg immer höher. Aber wir müssen uns beherrschen, weil wir so bei unserer Arbeit mehr erreichen. Jetzt hat die erst mal dichtgemacht. Dadurch erfahren wir weniger.“
„Diese Alte ist ja schrecklich! Macht einen auf Moralapostel und tut so, als ob ihr Söhnchen ein normaler, netter Mann gewesen wäre und kein Kinderschänder.“
„Jetzt beruhig dich und fahr los“, sagte Stein.
„Jawohl, Chef“, Inka sah auf ihr Handy, steckte es dann in die Freisprechvorrichtung, startete den Wagen und fuhr los.
Stein starrte vor sich hin und dachte an die alte Frau. Vielleicht war es normal, dass man als Mutter dem Kind alles verzieh und unbeirrt zu ihm hielt, selbst wenn es ein verurteilter Verbrecher war, der kleine Jungs vergewaltigt hatte. Wahrscheinlich suchte eine Mutter immer nach Erklärungen und der Schuld von anderen, auch wenn man sich das wirklich nicht schön reden konnte.
Er selber konnte da nicht mitreden, sie hatten keine Kinder und wussten nicht, wie man sich als Eltern fühlte. Lange hatten sie auf Nachwuchs gehofft, aber nie spezielle Untersuchungen oder Schritte eingeleitet. Sie hatten es einfach so hingenommen.
Oft hatten sie Familien mit Kindern beneidet, aber manchmal waren sie auch froh gewesen, dass sie nicht die ganzen Probleme, Sorgen und Enttäuschungen ertragen mussten. Sicherlich war ihnen vieles erspart geblieben, aber ebenso mussten sie auf unzählige Erlebnisse und Glücksmomente verzichten.
Inkas Handy klingelte.
„Das ist Gitta.“ Sie nahm das Gespräch an.
„Hallo, ihr beiden.“
„Bist du noch auf der Arbeit?“, wunderte sich Inka.
„Nein. Ich bin zuhause. Ich hab euch einiges zu berichten.“
„Was gibt’s denn?“, fragte Stein.
„Der Keller kam ins Büro und hat mich zur Schnecke gemacht.“
„Warum?“
„Weil ich ihm einfach den Link zu Röttgers Strafregister geschickt habe und nicht du ihm das persönlich mitgeteilt hast“, erklärte Gitta.
„Der spinnt doch.“
„Du sollst gleich morgen bei Dienstbeginn bei ihm antreten.“
„Tut mir leid, dass du jetzt den Anschiss abgekriegt hast. Schließlich habe ich dir ja den Auftrag dazu erteilt.“
„Du kannst ja nichts dafür, dass unser Amtsleiter offenbar ein Choleriker ist.“
„Auf jeden Fall werde ich ihm morgen meine Meinung dazu sagen.“
Inka warf ihm einen besorgten Seitenblick zu.
„Außerdem sollt ihr morgen vormittag zu Dr. Grenke kommen“, sagte Gitta. „Er meinte, ihr würdet staunen.“
„Gut. Hast du mir die Liste mit den Strafverfahren von diesem Röttger zusammengestellt?“
„Natürlich. Liegen auf euren Schreibtischen. Alle Akten sind digital einsehbar, müssen also nicht hierher gekarrt werden.“
„Prima“, erwiderte Stein, obwohl er immer noch lieber durch richtige Akten blätterte, als über den Bildschirm zu scrollen.
„Das war’s dann. Bis morgen, ihr Zwei.“
„Ja. Vielen Dank. Und ärgere dich nicht mehr über diesen Typen.“
„Tschüss, Gitta. Und schönen Feierabend.“ Inka drückte sie weg. „Und du sei bloß vorsichtig bei dem.“
„Kann ich nicht versprechen.“
„Aber versuch es wenigstens. Ich hab keinen Bock auf einen neuen Vorgesetzten.“
„Wenn er mich suspendiert, übernimmst du die Leitung.“
„Traust du mir das zu?“, fragte Inka überrascht.
„Auf jeden Fall.“
„Ich kann mich manchmal auch nicht beherrschen. Genau wie Keller.“
„Na, dann würdet ihr doch gut miteinander auskommen“, Stein grinste sie hämisch an.
„Du bist gemein“, Inka boxte ihm auf den Oberarm.
„Beide Hände ans Lenkrad, Frau Kommissarin!“
Sie neckten sich noch etwas, dann schaute Stein aus seinem Seitenfenster und sah die bekannten Straßenzüge und Gebäude an sich vorbeiziehen, mit denen ihn viele Erinnerungen verbanden.
„Vielleicht hat der Doktor etwas Irres gefunden“, sagte Inka dann.
„Wie?“
„Wenn er meinte, wir würden staunen.“
„Was denn zum Beispiel?“
„Eine Botschaft des Täters im Enddarm des sogenannten Opfers.“
„Pfui!“
Als sie wieder in ihrem Büro waren, erkundigte sich Inka telefonisch beim Polizeirevier nach eventuellen Ergebnissen der Nachbarbefragungen, während sich Stein der Aufstellung von Röttgers Strafverfahren in Kurzform widmete.
Gitta hatte Recht gehabt: Wenn der Kinderschänder aus Rache von jemandem aus diesem Umfeld ermordet worden war, würde es eine sehr umfangreiche Liste von ehemaligen Opfern und Familienangehörigen ergeben.
Normale Straftaten wie Diebstahl, Sachbeschädigung oder Drogendelikte, die unters Jugendstrafrecht fielen, wurden nach einiger Zeit gelöscht. Aber intern nicht so bei weiterhin aktiven Sexualstraftätern. Und das war auch gut so.
Die erste Anzeige war von 1995, weil der 14-jährige Ingo einen 6-jährigen Jungen dazu zwingen wollte, ihn mit der Hand zu befriedigen. Er kam mit einem Verweis und 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon. Die leistete er ausgerechnet in einem Kindergarten ab, wo er in einem Spielhäuschen einem Vierjährigen die Hose herunterzog und ihn unsittlich berührte. Zum Glück musste er diesmal seine verhängten Stunden in Städtischen Grünanlagen ableisten.
„Das habe ich Ihnen doch gerade gesagt!“, donnerte Inka ins Telefon. Stein sah zu ihr rüber, vor Wut rollte sie mit den Augen.
1999, mit 18 Jahren, wurde Ingo zu zwei Jahren Jugendhaft verurteilt, weil er einen 7-jährigen Jungen anal vergewaltigt hatte.
„Ja, ja“, Inka beruhigte sich wieder.
Sicherlich musste Röttger während der Jugendhaft an Therapiemaßnahmen teilnehmen.
„Ich weiß. - Entschuldigung“, sagte Inka nun deutlich leiser.
Gebracht hatte es jedenfalls nichts, denn schon 2002 wurde er von einem Gericht wegen sexueller Nötigung von Minderjährigen aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Trotz seiner pädophilen Neigung und seinen bekannten Verfahren und Verurteilungen gelang es Röttger irgendwie immer wieder, bei Sport- und Schwimmvereinen als ehrenamtlicher Trainerassistent mit Jungs in seinem Beutealter zu arbeiten.
Er musste sich natürlich die digitalen Akten komplett durchlesen, um alle Einzelheiten und die Namen der Opfer und der Therapeuten zu erfahren. Aber nicht mehr heute.
„Was war denn los gewesen?“, fragte er Inka.
„Ach, da war so ein Trottel am Apparat, dem man alles zigmal erklären musste.“
„Hast du Ärger gekriegt?“
„Er hat das Telefon an seinen Vorgesetzten weitergegeben, der mir dann die Meinung geigte.“
„Und?“
„Nichts.“ Sie lächelte mit freundlichster Miene. „Ich hab mich doch schließlich entschuldigt.“
„Hab ich gehört. Konnten die Kollegen denn Zeugen ausfindig machen?“
Inka schüttelte den Kopf. „Keinen einzigen.“
„Schade.“
„Wie gesagt, da beim Ringerbrunnen wohnen auch nur wenig Privatpersonen.“
Stein sah auf seine Armbanduhr. „Dann schlage ich vor, dass wir jetzt Feierabend machen.“
„Sehr gute Idee, Chef.“
Für den Weg zur Arbeit benutzte Stein immer die Straßenbahn. Dabei konnte er gut abschalten und nachdenken, wenn er die gewohnte Umgebung sah und die vielen unterschiedlichen Menschen beobachtete. Außerdem hatten sie nur ein Auto, und das brauchte seine Frau. Sie war Altenpflegerin, arbeitete im Schichtdienst und an jedem zweiten Wochenende.
Das schwache Ruckeln der Straßenbahn beruhigte ihn irgendwie. Er dachte an Röttgers erstes offizielles Vergewaltigungsopfer, für das er zwei Jahre Jugendhaft absitzen musste. Ziemlich wenig, wenn man bedachte, wie diese massive Schändung das Leben des 7-jährigen Jungen grundlegend verändert hatte. Die Eltern waren garantiert maßlos enttäuscht gewesen über diese milde Strafe. Nach dieser Tat war ihr Junge zweifellos nie wieder so wie vorher gewesen, alle kindliche Leichtigkeit wurde für lange Zeit vernichtet. Wahrscheinlich für die ganze Jugend. Womöglich für immer.
Heute war das damalige Opfer 32 Jahre alt. Wie hatte sich dieser Mann entwickelt? Wie viele Jahre musste er regelmäßig zu einem Psychologen gehen, um den Missbrauch durch Gespräche und Therapien aufzuarbeiten, um ihn irgendwann zu bewältigen, damit abzuschließen. Konnte man das überhaupt? Oder befand er sich immer noch in Behandlung?
Mit 32 Jahren war er bestimmt verheiratet oder in einer eheähnlichen Beziehung. Wie hatte diese brutale Vergewaltigung die Entwicklung seiner Sexualität beeinflusst? Welche Auswirkungen hatte es auf das Liebesleben mit seinen Partnerinnen gehabt?
War er vielleicht sogar Vater? Wie konnte er mit der ständigen Angst umgehen, dass seinem Kind auch so etwas Schreckliches passieren könnte?
Stein zuckte zusammen, weil jemand gegen sein Knie stieß. Er war so in Gedanken gewesen, dass es wie ein Auftauchen war. Diese vielen Fragen.
Auf jeden Fall konnte so ein Missbrauch ein starkes Rachemotiv für diesen Mord sein. Dieser 32-jährige Mann war immerhin zehn Jahre jünger als das jetzige Opfer und ihm körperlich sicherlich überlegen.
Aber selbst dessen Eltern konnten in ihrem Alter sicherlich so eine Tat ausführen.
Sie könnten auch 54 sein, so wie er. Stein musste schmunzeln.
Dann wurde seine Haltestelle durchgesagt.
„Warum schiebst du den Jungen denn raus?“, Frau Röttger will sich gerade ins Bett legen.
„Damit du nicht wieder die gleiche Ausrede wie beim letzten Versuch hast“, antwortet ihr Mann.
„Aber da im Flur ist er ganz allein.“
„Er steht direkt hinter der Tür. Wenn er schreit, hören wir ihn sofort.“
„Trotzdem.“
„Du machst viel zu viel Theater mit dem Jungen.“ Der Mann schließt die Tür. „Es dreht sich alles nur um deinen kleinen Ingo.“
„Das ist doch normal für eine Mutter.“
„Aber du hast auch Ehepflichten gegenüber deinem Mann. Das ist auch normal.“
Die Frau presst die Lippen zusammen und schweigt.
„Du warst doch vor der Schwangerschaft nicht so abweisend.“
„Ich wollte eben unbedingt ein Kind. Jetzt hab ich ja eins.“
„Und nun willst’e mich gar nicht mehr ranlassen?“
Die Frau sieht ihn schweigend an, aber da ist keine Angst in ihrem Blick.
„Ich hab ein Recht auf ehelichen Beischlaf.“
„Wi llst du mich etwa vergewaltigen?“
„Das ist nicht strafbar in einer Ehe.“
„Mach’s dir doch selber“, sagt sie schnippisch.
Er wird wütend. „Dafür hab ich nicht geheiratet, dass ich jetzt immer noch wichsen muss.“
„Dein Problem.“
„Und jetzt dein’s.“ Er lässt seine Schlafanzughose einfach runterfallen, steigt heraus und geht mit seiner Erektion bedrohlich auf sie zu.
Stein saß in der Straßenbahn Richtung Innenstadt. Und mit ihm nicht nur viele Unbekannte, sondern auch mehrere Personen, die er besonders morgens oft sah. Mit ein paar von ihnen hatte er auch mal einige Worte gewechselt.
Als er gestern nach Hause gekommen war, wusste seine Frau Anna natürlich schon von der nackten Männerleiche auf dem Ringerbrunnen, auch das mit der Karte im Hintern. Sie hatte davon im Lokalradio gehört und sich dann im Internet die verstörenden Fotos angesehen.
Eigentlich war sie überrascht gewesen, dass er den Fall bekommen hatte, weil ihr ja sein schlechtes Verhältnis zu Kriminaldirektor Keller bekannt war. Mit den Einzelheiten musste sie sich allerdings noch etwas gedulden, weil sich Stein immer erst eine halbe Stunde aufs Sofa legte, um zu entspannen und abzuschalten. Manchmal schlief er auch ein, was er erst merkte, wenn Anna ihn zum Essen rief.
Selbstverständlich hätte er als Polizist mit niemandem in seinem privaten Umfeld ein Wort über dienstliche Belange wechseln dürfen, erst recht nicht über laufende Ermittlungen. Aber Stein vertraute seiner Frau hundertprozentig, und sie ihm ebenfalls. Auch Anna durfte als Altenpflegerin keine Interna weitergeben.
Sie hatten schon recht früh in ihrer Ehe entschieden, sich alles über ihre Arbeitsstellen zu erzählen, meistens bei den Mahlzeiten. Wie hätten sie es auch sonst aushalten sollen? Ihre Dienstverhältnisse machten nun mal den Hauptteil ihres Lebens aus. Sollten sie das in ihrer Freizeit vollkommen ausblenden und darüber schweigen? Nein, das hätten sie nie ausgehalten.
Sie konnten sich absolut aufeinander verlassen, dass kein Wort dieser Unterhaltungen nach außen drang. Allerdings musste Stein bei manchen Gesprächen mit Kollegen aufpassen, dass ihm nichts über Annas Heimalltag herausrutschte.
Er klopfte an die Tür von Keller und ging gleich hinein.
„Morgen. Sie wollten mich sprechen?“
„Allerdings, Herr Stein“, mit finsterer Miene deutete er auf den Stuhl ihm gegenüber.
„Was war denn gestern Ihr Problem?“, erkundigte er sich beim Hinsetzen.
Er merkte, dass sein Vorgesetzter um Beherrschung rang. „Ich hatte Sie gestern angewiesen, mir alle neuen Fakten umgehend mitzuteilen.“
„Das habe ich doch auch gemacht.“
„Ich hatte ausdrücklich betont, dass ich von Ihnen informiert werden will und nicht zum Beispiel über einen anonymen Link zum Strafregister des Opfers.“
„Ich denke, Sie sind ein Freund der neuen digitalen Kommunikationswege.“ Innerlich amüsierte sich Stein prächtig.
Keller taxierte ihn kurz, bevor er weiter redete: „Das bin ich auch. Und Sie sollten es auch werden. Doch in diesem Fall geht es um Ihre Dienststellen-Verantwortung und Informationen aus erster Hand an mich als Ihrem Vorgesetzten.“
„Aber ich habe eine ungewöhnliche Ermittlung zu leiten und bin auch selber viele Stunden außer Haus. Ich sitze nicht den ganzen Tag an meinem Schreibtisch.“
Kellers Augen funkelten gefährlich, aber er schwieg.
„Wie wünschen Sie sich denn die persönlichen Informationen von mir?“
„Telefonisch reicht völlig. Diese Info-Pflicht ist eine Dienstanweisung.“
„Gut. Nur zur Kenntnisnahme: Ich habe meiner Kollegin Kommissarin Oberhaus empfohlen, sich bei unserer Inklusionsbeauftragten über Sie zu beschweren.“
„Wie bitte?“
„Sie war den Tränen nahe nach Ihrem Rumgezeter.“
„Wollen Sie mir etwa drohen?“, fragte Keller mit einer wölfischen Mimik.
„Nur informieren. War das dann alles?“
„Nein!“ Er fixierte ihn wirklich wie eine ausgesuchte Beute.
„Was noch?“
„Ich habe für heute um 17 Uhr eine Pressekonferenz einberufen, weil wir ja jetzt wissen, wer das Opfer ist. Das müssen wir an die Öffentlichkeit weitergeben. Sie und Kommissarin Flamm sitzen dabei neben mir. Das ist verpflichtend. Verstanden?“
„Ja.“
„Wenn es bis 15 Uhr noch Neuigkeiten zu dem Fall gibt, erwarte ich telefonische Auskunft darüber. Von Ihnen, Herr Stein. Damit ich das in die Präsentation noch einarbeiten kann. So, jetzt können Sie gehen.“
„Gut.“ Stein erhob sich. „Bis später dann.“
Von Keller kam kein Ton mehr, bis er die Tür hinter sich zugezogen hatte.
Als Stein ihr Büro betrat und die beiden Frauen begrüßte, kam Gitta gleich angerollt und stellte sich zu ihnen.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte Inka.
Er zuckte mit der Schulter. „Wir werden wohl keine Freunde mehr werden.“
„Wer will das schon“, Gitta verdrehte die Augen.
„Übrigens, ich habe Keller vorgeflunkert, dass du nach seiner Standpauke den Tränen nahe warst und ich dir empfohlen habe, sich bei unserer Inklusionsbeauftragten über ihn zu beschweren.“
„Aber ...“, auf Gittas Stirn erschien eine Sorgenfalte. „Das will ich doch gar nicht.“
„Ich weiß. Ich wollte ihm nur einen Denkzettel verpassen, damit er sich in Zukunft vernünftig verhält. Du kriegst da keinen Ärger. Du musst meinem Vorschlag ja nicht nachkommen.“
„Okay“, sagte Gitta gedehnt, und ihre Miene hellte sich wieder auf.
„Der soll sich nur merken, dass er uns nicht ungestraft herunterputzen kann.“
„Du siehst so harmlos aus, aber du kannst ganz schön hinterlistig sein“, Inka nickte anerkennend.
„Tja“, er verzog den Mund. „Und für dich hab ich noch eine schlechte Nachricht.“
„Was denn?“
„Keller hält heute um 17 Uhr eine Pressekonferenz ab. Und wir müssen neben ihm sitzen.“
„Ach, du Heiliger!“, Inka warf den Kopf in den Nacken.
„Ihr habt mein Mitgefühl“, Gitta schmunzelte.
„Vielen Dank.“
„Und ich muss ihm bis 15 Uhr melden, ob es Neuigkeiten im Fall gibt, damit er das noch berücksichtigen kann. - Ist eigentlich noch Kaffee da?“
„Na klar“, sagte Gitta.
Sie setzten sich an den Pausentisch, tranken Kaffee und lästerten über Keller. Stein verkündete, dass sie anschließend in die Rechtsmedizin fahren würden. Gitta bekam den Auftrag, beim Straßenverkehrsamt das Kfz-Kennzeichen von Röttger zu erfragen und eine Fahndung nach dem Auto zu veranlassen.
Für Inka war es immer noch beklemmend, den Obduktionssaal zu betreten. Dieser Raum hatte einen ganz bestimmten Geruch, den man nicht mehr vergessen konnte. Noch schlimmer war es natürlich, wenn sie direkt neben einer Leichenöffnung stehen mussten. Heute war nur einer der drei wuchtigen Edelstahltische mit einer abgedeckten Gestalt belegt.
„Hallo?“, rief Stein viel zu laut. „Ist jemand hier?“
Inka fand, dass man hier leise sein sollte wie in einer Kirche.
Dr. Grenke erschien kauend in einer geöffneten Tür. „Ihr seid es schon. Guten Morgen.“
Inka und Stein erwiderten seinen Gruß. „Sind wir zu früh?“
„Nein, nein.“
„Du hast uns schließlich neugierig gemacht.“ Stein brachte ihn auf den neuesten Stand, dass Ingo Röttger ein vorbestrafter Kinderschänder war und es heute deshalb eine Pressekonferenz gab.
„Lagst du mit deiner Vermutung denn richtig?“, erkundigte er sich dann.
„Nein.“
„Keine Holzklötze?“, fragte Inka.
Grenke schüttelte nur den Kopf, mit einem Hauch von Ironie.
„Und was befand sich nun im Bauch? Du machst es ja spannend.“
„Das da“, der Doktor zeigte zu einem Metalltisch, auf dem man zahlreiche quadratische Steine gestapelt hatte.
„Kleine Pflastersteine?“, entfuhr es Stein verwundert.
Inka schaute stirnrunzelnd auf die hellgrauen Würfel.
„Richtig. Und davon 13 Stück. Sie bestehen aus Granit, haben eine Seitenlänge von fünf x fünf x fünf Zentimeter und wiegen ziemlich genau um die 660 Gramm. Jedenfalls kommen wir auf ein Gesamtgewicht von 8,60 Ki logramm.“
„Ich hätte mehr vermutet“, sagte der Hauptkommissar.
Inka ging näher an die Steine heran und betrachtete sie. „Das ist ja ...“, sie verstummte.
„Was denn?“
„Es erinnert mich an ein Märchen.“
„Ein Märchen?“, wiederholte Stein irritiert.
„Ja. Das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein. Als der Wolf seinen Verdauungsschlaf hält, schneidet die Mutter ihm den Bauch auf und die verschlungenen Geißlein kommen lebendig heraus. Dann packt sie Wackersteine hinein und näht den Bauch wieder zu.“
Stein starrte sie mit offenem Mund verblüfft an.
„Sehr interessant“, Grenke rückte seine Brille zurecht.
Inka nickte. „Auch bei Rotkäppchen kriegt der Wolf Steine in den Bauch. Aber bei den sieben Geißlein hat er solchen Durst, dass er sich zu einem Brunnen schleppt, da reinfällt und ertrinkt. Was rumpelt und pumpelt in meinem Bauch?, wundert er sich vorher.“
„Das gibt’s doch nicht, Inka! Steine im Bauch! Und der Ringerbrunnen! Du hast die Erklärung für diese bizarre Besonderheit gefunden. Ein Märchen! Ich könnte dich drücken!“, rief Stein mit ausgestreckten Armen.
„Lass mal lieber.“
„Das ist großartig“, sagte Grenke. „Dieses Märchen muss der Grund für diesen Aufwand des Täters gewesen sein. Alle Achtung, Frau Kommissarin“, er verneigte sich etwas.
„Danke.“
„Das ist wirklich toll, Inka! Dass du da sofort drauf gekommen bist. Unglaublich!“
„Ich mag Märchen immer noch. Da ist die Trennung zwischen Gut und Böse so schön einfach.“
„Jetzt müsst ihr nur noch herauskriegen, was dieses Märchen für das Opfer und seinen Mörder für eine Bedeutung hatte. Das passt natürlich genau für die Vorgehensweise von Pädophilen, die Kinder mit Märchen anzulocken oder abzulenken.“
„Aber warum 13 Steine?“
„Keine Ahnung, Wolfgang.“
„Passten nicht mehr in den Bauchraum?“
„Doch.“
„Oder wegen des Gewichts?“
„Ein paar Steine mehr wären wohl kein Problem gewesen.“
„Haben Sie eigentlich noch etwas anderes gefunden?“
„Nein. Nichts“, der Doktor schüttelte den Kopf. „Woran dachten Sie denn?“
Stein suchte vergeblich den Blickkontakt mit Inka, um sie von ihrer Idee abzubringen.
„Ach, nichts Bestimmtes. Nur so.“
„Vielleicht die Nachricht eines Serienkillers? Oder der Name des nächsten Opfers?“, fragte Grenke mit einem spöttischen Lächeln.
Stein war schon wieder überrascht.
Inka spürte, wie sie errötete. Sie ärgerte sich über sich selbst und diesen Doktor, der sie bestimmt für einen oberflächlichen Fan von US-Serienthri llern hielt. Und das so kurz nach seinem dicken Lob.
Stein kam ihr zu Hilfe. „Hast du im Blut des Toten noch etwas entdeckt?“
„Ja. GHB. Die üblichen K.o.-Tropfen. Sogar einen sehr hohen Wert. Aber das ist nicht verwunderlich: Es wurde nicht oral eingenommen, sondern subkutan gespritzt. Ich habe an jedem Oberschenkel eine Injektionsstelle gefunden. Gefesselt wurde er natürlich auch.“
„Also wurde er zuerst mit dem Elektroschocker betäubt, damit ihm der Täter in aller Ruhe das Zeug spritzen konnte.“
„Und nach einer halben Stunde konnte er ihm dann den Bauch aufschneiden und ausräumen.“
„Keine Details bitte, Herr Doktor“, bat Inka und hielt ihr Handy hoch. „Darf ich die Steine fotografieren?“
„Meinetwegen. Aber ihr könnt den Obduktionsbericht mitnehmen. Da sind mehrere Fotos von denen dabei.“
„Gut. Aber ich habe immer gerne alles auf meinem Handy.“
„So sind die jungen Leute“, sagte Grenke. „Kannst du eigentlich Handyfotos machen, Wolfgang?“
„Hab ich schon mal. Aber ich wechsele lieber das Thema: Frau Röttger wollte ihren Sohn so schnell wie möglich sehen. Geht das nun?“
„Ja. Aber sie soll vorher hier anrufen und einen Termin ausmachen.“
„Werd ich weitergeben.“
„Hat sich bei dem Todeszeitpunkt etwas verändert?“, fragte Inka.
„Ich habe mich jetzt auf null bis zwei Uhr früh festgelegt.“
„Todesursache?“
„Massiver Blutverlust.“
Ein jüngerer Mann kam herein, er trug auch so einen Overall wie Grenke. „Guten Morgen. Hier ist ja volle Bude.“ Er warf Inka einen abschätzenden Blick zu.
„Hallo, Mike. Ich bin gleich so weit. Du kannst ja schon mal alles vorbereiten.“
„Geht klar.“ Er ging zu dem Tisch mit der abgedeckten Gestalt und stellte dann allerhand Utensilien auf die seitliche Ablage.
„Dann werden wir jetzt verschwinden“, sagte Stein. „Das mit den Steinen im Bauch und den Übereinstimmungen mit dem Märchen sollten wir selbstverständlich bei der Pressekonferenz noch für uns behalten. Aber das entscheidet natürlich Kriminaldirektor Keller.“
„Einen Moment noch. Ich hole den Bericht.“ Grenke verschwand im Nebenraum.
Inka beobachtete den gut aussehenden Mann, doch als er eine große Zange und eine Knochensäge bereit legte, wandte sie sich wieder an Stein. „Die Medien würden schon allein auf das Märchen kommen. So wie ich. Wir sollten ihnen zuvorkommen.“
Grenke kam zurück und überreichte einen Schnellhefter an Stein. Dann verabschiedeten sie sich und gingen. Inka war erleichtert.
Sie saßen am Pausentisch, zwischen ihnen lag die Mappe mit dem Obduktionsbericht. Inka hatte Gitta gerade von den Pflastersteinen erzählt und zeigte ihr jetzt ihre Handyfotos, die sie interessiert beäugte und mehrmals vergrößerte.
„Und Inka kam gleich auf den genialen Einfall, dass es sich genau wie in dem Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein verhält. Sogar ein Brunnen spielt in unserem Fall eine Rolle.“
„Das ist ja toll!“, Gitta gab das Handy zurück und strahlte.
„Durch Inkas Verdienst haben wir eine heiße Spur. Da könnte eine Beförderung drin sein, Frau Flamm“, Stein streckte einen Daumen hoch.
„Jetzt übertreib mal nicht. So viel Lob bin ich nicht gewohnt.“
„Also hat Röttger dieses Märchen für seine Schandtaten benutzt“, sagte Gitta. „Und der Mörder verbindet damit das Schlimmste, was ihm oder seinem Angehörigen angetan wurde und rächt sich damit.“
„Genau“, Stein strich sich über die Stirn. „Jetzt müssen wir nur noch den Fall finden, in dem das Märchen eine Rolle spielte. Dazu wird jeder von uns einen bestimmten Bereich der Akten durchsuchen. Ich fange vorne an, Gitta nimmt die Mitte und Inka den Rest. Und dann müssen wir beim Abhaken auf einer Liste natürlich vermerken, was war, wie alt das ehemalige Opfer jetzt ist, wie der Psychologe hieß und wie die Familienverhältnisse waren.“
„Können wir das nicht irgendwie zeitlich eingrenzen?“, überlegte Inka.
„Das ist schwierig“, erwiderte Stein. „Ich habe zum Beispiel gestern daran gedacht, dass das erste offizielle Vergewaltigungsopfer, für das Röttger 1999 zu zwei Jahren Jugendhaft verurteilt wurde, inzwischen 32 Jahre alt ist. Er könnte die Tat selber begangen haben. Die Opfer der letzten Verfahren sind jetzt sicherlich noch Jugendliche, da könnten die Eltern Rache genommen haben. Oder ein älterer Bruder. Wir müssen uns jeden Fall genau ansehen.“
Die beiden Frauen nickten synchron.
„Gitta, würdest du als erstes Frau Röttger anrufen und ihr mitteilen, dass sie jetzt ihren Sohn sehen kann? Und gib ihr die Telefonnummer und die Adresse. Sie muss da einen Termin ausmachen.“
Inka verkniff sich jede Bemerkung.
„Verstanden“, Gitta rollte zu ihrem Platz.
„Und ich werde gleich Keller anrufen und ihm die vielen Neuigkeiten melden.“
„Jetzt schon?“, wunderte sich Inka.
Stein schwenkte den Kopf hin und her. „Bevor er das mit 15 Uhr sagte, bekam ich die Dienstanweisung von ihm, dass ich alle neuen Fakten umgehend telefonisch an ihn weitergeben soll.“
„Oha! Immerhin musst du ihn dabei nicht ansehen.“
„Ein echter Vorteil. Ich werde es aber nicht vermeiden können, dich lobend zu erwähnen. Soll ich dich auch gleich für eine Beförderung vorschlagen?“, er grinste listig.
„Wehe!“
Ungefähr eine Stunde später legte Stein das Telefon erleichtert wieder weg. Noch nie hatte er so lange mit dem Kriminaldirektor gesprochen. Und noch nie so konstruktiv. Keller war regelrecht begeistert von den Steinen im Bauch und Inkas Verknüpfung mit dem Märchen. Er war voll des Lobes für sie und fragte Stein für alle möglichen Entscheidungen nach seiner Meinung. Das wurde ihm zusehens peinlich und lästig. Die spitzfindige oder offene Konfrontation gefiel ihm besser. Aber vernünftiger war es selbstverständlich so.
Inka und Gitta hingen am Bildschirm und waren vertieft in die Akten. Und das würde er auch jetzt machen. Zu seiner Überraschung landete er schnell und problemlos in der Liste der Strafverfahren. Er begann mit dem Fall von 1999, über den er ja bereits mehrfach nachgedacht hatte. Als er gerade die Akte öffnen wollte, klingelte sein Telefon.
Er sah aufs Display. Es war schon wieder Keller. Der wurde ja richtig anhänglich. „Ja? Stein.“
„Keller noch mal. Brauchen Sie eigentlich mehr Unterstützung? Sie sind ja nur drei Personen.“
„Etwas Verstärkung könnten wir schon gebrauchen. Wir müssen schließlich sehr viele Akten durcharbeiten, um einen Hinweis auf dieses Märchen zu finden.“
„Verstehe. Ich kümmere mich darum.“
„Gut.“
„Den Obduktionsbericht habe ich mir auch gerade angesehen.“
Stein nutzte die Gunst der Stunde. „Ich bräuchte noch einen Durchsuchungsbeschluss für das Haus von Frau Röttger.“
„Das wird schwierig, weil ihr Sohn immerhin das Opfer ist. Auch wenn er lange Täter war.“
„Aber wir müssen doch in alle Richtungen ermitteln. Vielleicht hatte er auch volljährige Männer als Sexualpartner und wir finden Hinweise auf eine Eifersuchtstat.“
„Aber das mit dem Wolf und den sieben Geißlein passt so perfekt.“
„Trotzdem. Zur Absicherung.“
„Gut. Ich spreche mit der Staatsanwaltschaft. Bis später.“ Er hatte ihn weggedrückt.
Stein steckte das Telefon in die Ladestation und widmete sich wieder dem Bildschirm. Er öffnete die Akte, las zuerst einen Zusatz und war geschockt.
„Scheiße!“, entfuhr es ihm.
„Was ist denn?“, fragte Inka.
Stein sah sie kopfschüttelnd an, sagte aber nichts.
„Wolfgang! Was ist los?“
„Dieses erste offizielle Vergewaltigungsopfer ... Den ich jetzt für 32 Jahre gehalten habe ...“
Inka wunderte sich, dass er die Sätze nicht vollendete. „Was ist denn mit dem?“
„Der hat sich umgebracht.“
„Wann denn? Erst vor kurzem? Dann könnte das der Auslöser gewesen sein“, Inka kam zu ihm rüber.
„Nein. Er hat sich schon vor elf Jahren aufgehängt.“
„Ach, so. Und dass er tot ist, stand nicht im Register von Röttger?“
Er schwenkte nur den Kopf hin und her, starrte ins Leere.
Inka hatte ihn selten so betroffen erlebt. „Da hat also jemand geschlampt.“
Stein nickte schweigend.
„Los, wir machen jetzt ’ne Pause. Ich setze Kaffee auf.“ Anschließend ging sie zu Gitta rüber, tuschelte mit ihr und kam mit ihr zurück. Gitta hatte ein Blatt Papier dabei.
Nach einer halben Stunde und dem Kaffee hatte sich Stein wieder gefasst. Um auf andere Gedanken zu kommen, hatte er den Frauen von seinem langen, positiven Gespräch mit Keller erzählt und dessen lobende Worte für Inka. Auch das über den beantragten Durchsuchungsbeschluss und die eventuelle Verstärkung.
„Ihr werdet wohl doch noch Freunde“, sagte Inka.
„Mal sehen.“ Stein begutachtete den Ausdruck, den Gitta mitgebracht hatte. „Oh, da hast du ja eine prima Liste erstellt.“
„Als erstes der Name, dann das aktuelle Alter des Opfers, die Familienverhältnisse, der behandelnde Psychologe und eine breitere Spalte für Besonderes. Nur an eine Rubrik fürs Todesdatum hab ich natürlich nicht gedacht“, sie sah Stein mitfühlend an.
„Das macht nichts“, erwiderte er. „Das notieren wir dann unter Besonderes.“
„Das ist wirklich tragisch“, sagte Gitta.
„Gibt’s schon was über das Auto?“
„Nein.“
Stein war so weit, wieder über den Fall sprechen zu können. „Was mich gerade so umgehauen hat, ist der Umstand, dass ich mir gestern und heute viele Gedanken über diesen unbekannten Mann gemacht habe: Dass er jetzt 32 Jahre alt ist, vielleicht verheiratet ist, womöglich Kinder hat und so weiter. Dabei ist er gerade mal 21 geworden und hatte sicherlich nicht viel Schönes in seinem kurzen Leben.“
„Nur weil dieses Schwein ihn mit sieben Jahren vergewaltigt hat“, sagte Inka verbittert. „Und da ist er nie drüber hinweg gekommen. Das hat ihn zerstört und letztlich getötet.“
„Wenn sein Selbstmord nicht schon elf Jahre zurückliegen würde, wären seine Eltern jetzt die Hauptverdächtigen. Aber so?“, Stein zuckte mit der Schulter.
„Das ist echt sehr unwahrscheinlich“, bestätigte Inka. „Warum sollten die mit ihrer Rache so lange gewartet haben?“
„Oder es gibt noch einen jüngeren Bruder, der erst jetzt im richtigen Alter ist“, sagte Gitta. „Der es jetzt nicht mehr ausgehalten hat und seinen Bruder unbedingt rächen musste. Vielleicht hat er sich erkundigt und wurde vor Wut rasend, weil Röttger frei herum lief und sich weiterhin kleine Jungs schnappte.“
„Sehr wichtige Gedanken“, Stein nickte. „Ich werde auf jeden Fall die Akte weiter durchlesen.“
