Der Maulkorb - Heinrich Spoerl - E-Book

Der Maulkorb E-Book

Heinrich Spoerl

0,0

Beschreibung

Ein scheinbar harmloses Gerücht über eine Rede des Landesherrn entfacht in einer rheinischen Stadt zur Kaiserzeit einen Sturm der Entrüstung. Am nächsten Morgen trägt das Denkmal des Herrschers plötzlich einen ledernen Maulkorb – ein Streich, der die Justiz in Bewegung setzt. Staatsanwalt Treskow muss den Fall wegen Majestätsbeleidigung untersuchen und gerät dabei in ein Netz aus übertriebener Bürokratie, missverständlichen Aussagen und skurrilen Figuren. Heinrich Spoerl entfaltet in "Der Maulkorb" eine pointierte Satire über die Empfindlichkeiten der Obrigkeit und die Eigenheiten des deutschen Rechtswesens. Mit scharfem Witz und feiner Ironie zeigt er, wie aus einer kleinen Provokation ein großer Skandal wird. Dieses Werk ist ein zeitloses Vergnügen für alle, die Humor und Gesellschaftskritik in literarischer Form schätzen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



DER MAULKORB

HEINRICH SPOERL

INHALT

Der Maulkorb

In der Nacht zum zweiundzwanzigsten August geschah jenes absonderliche Bubenstück, das noch heute allen Gutgesinnten eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

Am Tage vorher war noch alles in Ordnung. Hart und eckig in den silbrigen Morgenhimmel schnitt die Silhouette des Denkmals, das die dankbare Stadt ihrem derzeitigen Landesherrn errichtet hat. Auf wildsprengendem Streitroß stemmt sich steil und stolz die eherne Gestalt mit Helm und Harnisch und achtet nicht des grimmigen Drachen, der sich unter den Hufen des Hengstes zu Tode rollt und das traditionelle Aufsatzthema der Unterprima bildete.

Um das Denkmal brodelt der Wochenmarkt. Breite Bäuerinnen mit bunten Kopftüchern hocken an ihren Ständen und wärmen die roten Finger an bauchigen Kaffeetassen. Hochbusige Frauen und steif gestärkte Mädchen drängen sich durch die Reihen der Obst- und Gemüsekörbe, fragen Preise, handeln und gehen weiter. Dazwischen schlanke Offiziersfrauen mit hinterdrein trottenden Burschen, anspruchsvolle Junggesellen mit verschämten Lederköfferchen, wacklige Mütterchen mit kartoffelgefüllten Netztaschen, und über dem Ganzen ein weicher Wind vom Rhein und ein bunter Geruch von Gurken, Lauch, Äpfeln, Kohl und Sellerie.

Soweit war alles wie sonst.

Aber es lag etwas in der Luft. Die Bauern mit Schirmmützen und schwarzen Strickjacken, die sonst die Körbe schleppten und die Kartoffeln abwogen, kümmerten sich nicht um Karren und Bäuerin und standen in Flüstergruppen mit hochgezogenen Schultern, streckten die hageren Hälse vor und knautschten mit sandigen Fingern in einer Zeitung. Mitunter zeigten sie mit dem Daumen über die Schulter auf das Denkmal, hielten die Hände an den Mund und tuschelten aufeinander ein.

Woraus der Kundige ersieht, daß es um die hohe Politik ging.

Die Volksseele kochte, hier und allerorten. In den Büros steckten sie die Köpfe zusammen, auf den Bierbänken rückten sie enger zusammen, am Kaffeetisch rissen sie sich den Generalanzeiger aus der Hand.

Was steht in der Zeitung?

Nichts steht in der Zeitung.

Eben das ist es, was die Gemüter erregt. Wenn der Landesvater eine Rede hält, will man wissen, was er gesagt hat. Und wenn daran etwas nicht in Ordnung ist, wenn ihm beim Reden wieder einmal das Temperament durchgegangen sein sollte, will man erst recht wissen, wieso und warum. Darauf hat man ein verfassungsmäßiges Recht.

Die Zeitungen schweigen: Also stimmt etwas nicht. Der Flüstertelegraph arbeitet mit unheimlicher Fruchtbarkeit. Was man nicht erfährt, muß man erfinden. Aus Möglichkeiten werden Vermutungen, aus Vermutungen Tatsachen.

Morgens: Was wird er schon gesagt haben? Vielleicht wieder einmal etwas gegen die Kritik oder die Witzblattdichter.

Mittags: Haben Sie schon gehört? Gegen die ewigen Nörgler hat er gewettert, und auch von einem Dichter war die Rede.

Abends: Wie, das wissen Sie noch nicht? Stänker hat er gesagt, und auf ein gewisses Goethe Wort hat er angespielt.

Stänker gilt für alle. Hier fühlt sich jeder getroffen. Niemand hat ein reines Gewissen. Aber ist man darum ein Stänker? Ist das ›die Freiheit, die ich meine‹?

Und was ist mit dem gewissen Goethewort? Goethe hat man auf der Schule gehabt, in kleinen, sorgfältig ausgesuchten und gereinigten Portionen. Was mag noch alles in diesem Goethe stehen? Goethe ist immer verdächtig. Die Buchhändler verkaufen ihre verstaubten Klassiker und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Und die Wirte haben ihren großen Tag. Die engen Beziehungen zwischen Politik und Alkohol sind wissenschaftlich noch nicht erforscht, aber unbestreitbare Tatsache. Es ist auch durchaus gleichgültig, ob die politische Betätigung den großen Durst und die großen Gemäße nach sich zieht, oder ob die großen Gemäße erst die politischen Begabungen wecken und ins Ungemessene steigern. Vielleicht ist es auch eine gegenseitige Wechselwirkung, eine Art Rückkoppelung. Jedenfalls sind die bevölkerten Holztische von jeher die Pflegestätte geräuschvoller Untertanenpolitik. Die besseren Herren trinken Wein und wissen es besser.

Kleine Städte sind wie kleine Kinder. Sie werden zeitig zu Bett geschickt.

Als es auf Mitternacht ging, war die Erregung abgeklungen. Der »Ührige«, wo Fuhrleute und Regierungsräte im Stehen ihr Obergäriges trinken, hatte schon zugemacht, und auch die »Kanon« entließ ihre letzten Gäste und leierte die knarrenden Rolläden herunter. Der städtische Mann mit der Stange hatte bereits die Gaslaternen gelöscht; nur auf dem Markt und an den Straßenecken brannten noch einsame Lampen für die Späten. Ein herbstlicher Nachtnebel lag spiegelnd über dem Pflaster, und irgendwo zuckelte eine Droschke um die Ecke.

Polizeisergeant Drahtschnauz ging seine Runde.

Er hatte auch einen richtigen Namen, genau wie seine Kollegen Pulverkopp und Mittenmang. Aber den wußte niemand; vielleicht stand er im Adreßbuch. Das waren keine sehnigen Gestalten mit ehernen Gesichtern und unbestechlicher Sachlichkeit, sondern gutgenährte Leute mit roten Aufschlägen auf blauem Tuch und blitzenden Pickelhauben, Individualitäten, vielleicht auch Originale, jedenfalls aber unentbehrliche Inventarstücke ihres Reviers.

Drahtschnauz schritt wie immer auf der Mitte der Straße. Nicht aus Platzmangel. Er wollte sehen – und gesehen werden. Mit sanftem Machtbewußtsein hörte er das harte Klingen seiner Stiefel durch die Nachtstille Stadt.

Am Marktplatz stand noch ein Lichtspalt. Er kam aus der Weinstube Tigges am Treppchen, wo man wie gewöhnlich Überstunden machte. Diesmal recht lebhafte Überstunden; ein Gewirr heftiger Stimmen drang auf die Straße und fing sich zwischen den schallverstärkenden Häuserfronten.

Polizeisergeant Drahtschnauz gab sich alle Mühe, aber das konnte er nicht überhören. Er wollte es auch gar nicht, sondern zog seinen blauen Rock strammer über den Bauch und ging hinein. Ein Gemisch von Licht, Lärm und Rauch schlug ihm entgegen, und dann steht er vor einem runden Tisch, sieht wohlachtbare, angeregte Herren und volle Aschenbecher und leere Weinflaschen und hat den Herd der Übertretung ermittelt. »Verzeihen die Herren, aber ich muß doch dringend bitten … pardon, Herr Staatsanwalt, ich habe nicht gewußt, ich wollte natürlich –« Staatsanwalt von Treskow wendet den Kopf und sieht an den blanken Knöpfen empor. »Ich hoffe nicht, Herr Sergeant, daß die Rücksicht auf meine Person Sie in Ihrer Amtshandlung hindert.«

»O nein, gewiß nicht.«

Aber nun weiß der Polizeisergeant doch nicht, was er tun oder lassen soll. Dafür weiß es Frau Tigges. Sie weiß vor allem, warum der Herr Sergeant gekommen ist, und bringt ihm einen breiten Pokal grünen Mosels. Der Beamte schüttet ihn mit soldatischem Ruck in sich hinein, wischt die glitzernden Weinperlen aus dem drahtigen Schnauzbart, salutiert und hat seine Amtshandlung beendet.

Der runde Tisch will noch etwas von ihm wissen: Was er zum Beispiel tun würde, wenn jemand »Stänker« zu ihm sagte?

Der Polizist weiß es nicht. Er weiß vor allem nicht, ob man ihn aufzieht oder ihm eine Falle stellt, und lächelt dünn und vorsichtig. »Gewiß – ja – das heißt, wie man's nimmt – es käme natürlich ganz darauf an, wer das gewissermaßen sagte.«

»Volkesstimme!« brüllt der Tisch.

Als der Beamte fort ist, entflammt der Disput von neuem; gedämpfter, verbissener. Über den »Stänker« käme man noch hinweg, das ist wenigstens klar und eindeutig. Aber das ›große Goethewort‹ kann man nicht schlucken. Es gibt Ausgaben von vier, zehn und fünfundvierzig Bänden; viele Worte stehen darin, und alle sind groß. Welches ist gemeint? Und warum nennt er es nicht?

Das wilde Rätselraten geht weiter. Etwa: »Mehr Licht?« Wieso mehr Licht? Ist man ein Dunkelmann? Oder vielleicht: »Knurre nicht, Pudel?« Wer knurrt denn? Ist man ein Hund? Oder meint er am Ende – um es geradeheraus und mit Verlaub zu sagen – das Zitat aus dem »Götz«, das berühmte mit den Pünktchen?

»Meine Herren, ich bitte Sie! Das ist doch unmöglich, das kommt bei einem so hohen Herrn doch gar nicht in Frage, das wäre ja –« Aber wozu dann Goethe?

Also!

Sie lachen und hauen auf den Tisch und verschlucken sich vor Freude und Empörung.

Staatsanwalt von Treskow sitzt dazwischen und sagt kein Wort. Mißmutig zieht er das narbengeschmückte Kinn hinter den Stehkragen und preßt die geraden Lippen und blickt steil an den Leuten vorbei; seine grauen Augen versuchen härter zu tun, als sie können.

Ein Staatsanwalt hat es schwer. Andere können am Abend ihren Rock ausziehen und als Mensch unter Menschen gehen. Staatsanwalt bleibt Staatsanwalt, der frostige Hauch seines Amtes hängt ihm nach. Andere dürfen eine Meinung haben und sie sogar äußern. Seine Meinung ist amtlich vorgeschrieben und erscheint im Ministerialblatt. Demzufolge fühlt er sich verpflichtet, seinen Landesherrn in Schutz zu nehmen. Man brüllt ihn nieder. Er fühlt selbst, seine Verteidigung klingt hohl. Er muß innerlich zugeben, ›Stänker‹ ist ein unpassender Ausdruck. Und gar die Pünktchen in Allerhöchstem Munde –

Aber darum brauchen sie doch nicht zu schreien, daß man es bis auf die Straße hört! Sie sollten wenigstens Rücksicht auf ihn nehmen. Eben darum scheint es ihnen besonders Spaß zu machen. Es ist überhaupt keine Gesellschaft für ihn.

Es ist besser, man geht. Frau Tigges kommt und streicht sich den braunen Scheitel zurecht: »Eine Wehlener eins achtzig, eine Hasensprung zwei zehn –«

»Schau – schau, dem Herrn Staatsanwalt wird es brenzlig!«

»Der Herr Staatsanwalt hat wohl sein Quantum?«

»Und das gute Frauchen wartet!«

»Tja, und ein bißchen Angst hat er wohl auch.«

Ein Staatsanwalt hat keine Angst. Niemals!

Und sein Quantum sieht anders aus. Und was Elisabeth angeht – »Frau Tigges, eine Johannisberger Spätlese!«

Die Hänselei ist im Gang, jetzt reißt sie nicht mehr ab; die Spätlese kann daran nichts ändern. Es ist ein billiger Spaß. Mit den Flaschen wächst ihnen Mut und Geist, und der alte Doktor, der schon den ganzen Abend seinen neuesten Sprechstundenwitz anbringen will, gibt es auf und tut mit.

Treskow wahrt Haltung. Das ist seine Stärke. Er sitzt unbeweglich, sein Gesicht wird zu Stein, nur die Narben röten sich. Er steht wie auf Mensur. Manches im Leben hat er herunterwürgen müssen, Nase von oben, Renitenz von unten. Er schluckt auch dies und spült mit Spätlese nach.

Viel hat er an diesem Abend schlucken und sehr viel nachspülen müssen. Schon baut sich die vierte Flasche vor ihm auf, und sein illuminierter Blick kehrt sich nach innen. Was wollen sie von ihm? Er ist verdammt kein Musterknabe. In Greifswald und Rostock erzählt man heute noch von ihm, er denkt mit Respekt und Schrecken an sich zurück. Er würde denen schon zeigen, wer der Duckmäuser ist – wenn er dürfte, wie er wollte.

Aber er darf nicht und tötet sein Wollen mit einer fünften, schwersten Flasche.

Die Runde hat sich gelichtet. Der Zahnarzt redet schon langsam und beschränkt sich auf Worte, die er noch aussprechen kann. Und das werden immer weniger. Schließlich krümelt er ab, Arm in Arm mit dem Medizinalrat, der nun seinen aufgespeicherten Witz loswerden könnte, aber nicht mehr zusammenbringt. Treskow sieht leere Stühle; er wird nicht schlau daraus, wer noch da ist und wer nicht. Und dann ist es still. Er ist mit seiner Flasche allein. »Scheißkerle! Reißen das Maul auf bis hinter die Ohren, und dann sind sie auf einmal nicht mehr da.«

Große Kreszenzen sind anspruchsvoll und verlangen einen Mann für sich, ohne Geschwätz und Gefolgschaft. Frau Tigges hat Verständnis für solche Weihestunden. Sie baut keine Stühle auf den Tisch, sammelt keine Aschenbecher, veranstaltet keinen Durchzug. Sie sitzt in ihrer Ecke und schreibt die Speisekarten für morgen und tut, als sei sie nicht da.

Der einsame Zecher stiert vor sich hin. Er hat das Feld behauptet. Was heißt Quantum? Aber nun überkommt ihn ein Gefühl der Verlassenheit. Weltschmerz dämmert auf.

Da erinnert er sich seines Genossen.

»Komm mal raus, altes M-Mistvieh.«

Schwerfällig kraucht die mächtige Dogge unter dem Tisch hervor, blinzelt mit verschlafenen Augen ins Licht, reckt den rechten, reckt den linken Hinterlauf, streckt den langen Rücken, gähnt bis hinter die Ohren und setzt sich breitbeinig auf.

»Sollst nicht l-leben wie ein Hund«, spricht Treskow und gießt dem Tier einen Aschenbecher voll Wein. »Aber m-mit Verstand, August. Geisenheimer Mäuerchen Trockenausbeerlese – L-Leerausbese – B-Beerauslese kriegen wir n-nicht alle T-Tage. – P-Prost, verdammter Sch-Schweineköter!«

August schnalzt und schleckt und legt die Ohren schief und säuft den geräumigen Aschenbecher leer. Er darf das öfter, wenn Herrchen guter Laune ist; aber so lecker war es selten. Und hört dankbar und geduldig den einseitigen Dialog, den sein hoher Herr mit ihm führt.

»August, w-wir sind anständige K-Kerle, wir b-beide. Anständige Kerle, und wenn wir auch m-manchmal das M-Maul halten müssen. Dann sind wir doch anständige K-Kerle! Aber d-das lassen wir uns n-nicht gefallen! August, w-was meinst du dazu?« August ist der gleichen Ansicht, er tut einen tiefen Seufzer und senkt gedankenvoll die schweren Lefzen.

»Wir sind k-keine Stänker, August, und wir l-lassen uns keinen M-Maulkorb vorbinden – vorbinden. W-Wie wir gebaut sind! Das l-lassen wir uns n-nicht bieten, wir b-beide nicht! Und G-Goethe lassen wir uns erst recht nicht b-bieten: – Und w-was die P-Pünktchen anbetrifft –«, Treskow erhebt sich drohend in seiner knochigen Länge – »die P-Pünktchen – die verbbitten wir uns – bbitten wir uns!«

Treskow ist mit der Stimme übergeschlagen und fällt auf seinen Sitz zurück. Herr und Hund schweigen sich eine Weile an. Das hat er schön gesagt, und außerdem ist dabei sein Glas umgefallen. Man könnte jetzt aufbrechen.

Unvermutete Hindernisse stellen sich entgegen. Die Trockenbeerauslese hat ganze Arbeit getan. Verblüfft schauen sich die beiden Zecher an und wundern sich. Treskow glaubt auf Wolken zu schweben und findet keinen Boden unter den Füßen. August fühlt sich mit Blei ausgegossen und verheddert sich in seine zahlreichen Beine. Das B-Biest hat einen s-sitzen, konstatiert Treskow, der soll sich sch-schä-men! Der hohe Herr ist besoffen, denkt August, ich muß g-gut auf ihn aufp-passen!

Edle Weine spenden edle Räusche. Aber der Wille siegt. Treskow merkt sehr wohl, daß der Kleiderhaken ihm ausweicht. Er überlistet ihn und legt sich auf die Lauer; mit einem plötzlichen harten Griff schnappt er sich Mantel, Hut und Maulkorb, steht wie eine Säule und stakert mit der nie versagenden Direktion eines sturmerprobten Semesters gegen die Tür, auf die Straße, in die Nacht.

Hinter ihm schließt Frau Tigges zu und löscht das Licht.

* * *

Die Nacht vom Samstag zum Sonntag ist nicht wie die anderen Nächte. Sie fängt später an, manchmal auch, wenn sie fast vorüber ist. Dafür ragt sie in den hellen Sonntagmorgen hinein. Da sind keine Arbeiter, die mit Eßkesselchen auf Frühschicht gehen, keine Straßenkehrer, die ihre Besen schwingen, keine Ulanen, die im Morgengrauen zur Heide ausrücken. Nichts stört den frühen Feiertag. Sechs Tage lang hat man das Recht erworben, sich am siebenten auszuschlafen. Man versäumt nichts.

Mitunter versäumt man doch etwas.

Auch der Marktplatz darf heute länger schlafen. Er liegt öde und still, während das erste Frühlicht über die Dächer gleitet. Im weiten Raum steht einsam und vergessen das Denkmal und ragt als dunkle Silhouette in den fahlen Morgen.

Langsam, mit steigendem Licht, zerfließt der Dunst. Ein Bäckerjunge auf dem Rade trudelt über den Platz, bremst, springt ab und gafft. Eine alte Frau, die zur Frühmesse will, bleibt erschrocken stehen und guckt. Ein Milchmann mit seinem Hundewägelchen hält an und stellt sich breitbeinig auf. Langsam erwacht die Stadt, und alles, was über den Platz kommt, gesellt sich zu der Gruppe, die fassungslos an dem Denkmal emporstarrt. Das flüstert und kichert und feixt und gluckst und hält sich die Hand vor den Mund, sieht sich scheu um, gafft abermals und will schier ersticken am unterdrückten Lachen.

Was ist geschehen?

Am Denkmal ist etwas geschehen. Es ist von unberufener Hand wirksam, aber nicht zu seinem Vorteil verändert worden.

Nicht, daß man etwas zerstört, eine lebenswichtige Zier meuchlings abgebrochen hätte. Schlimmeres: Man hat etwas hinzugefügt. Vor das eherne Antlitz des Landesherrn ist ein Maulkorb geschnallt, ein richtiggehender, großer, lederner Maulkorb.

Gelbe Frühsonne liegt wie Scheinwerferlicht auf dem Standbild und beleuchtet rücksichtslos das ernste, kluge Gesicht, das stolz in die Weite blickt und ob des seltsamen Schmuckes keine Miene verzieht.

Immer neue Menschen kommen, starren und staunen, schämen sich und wollen wegblicken und schauen wieder hin. Ein fürsorglicher Vater will seinen Kindern die Augen zuhalten und ihnen den Anblick ersparen, hat aber nur zwei Hände; er will in eine Seitengasse biegen, die Buben biegen nicht mit und sind in der gaffenden Menge verschwunden.

Als hinreichend Leute da sind, erscheint der übliche Schutzmann. Er kommt gemessenen Schrittes; ein laufender Schutzmann verliert an Würde. Die Menge weicht respektvoll auseinander. Einige Patrioten verdrücken sich; sie fürchten, durch das Anschauen mitschuldig zu werden.

Der Schutzmann reibt sich die Augen. Das Gesicht bleibt ihm stehen. Seine Schnurrbartspitzen zittern.

Wird er das Ärgernis entfernen, den Fall kurzerhand erledigen? – Er tut es mitnichten; er fühlt sich nicht berufen, das ist nicht seines Amtes. Außerdem ist der Fall in der Dienstanweisung nicht vorgesehen. Er umschreitet das Denkmal und stellt den Tatbestand fest. Schreibt in sein Buch und geht.

Die Menge wächst. Es erweist sich als überaus praktisch, daß man das Denkmal mitten auf dem Platz errichtet hat. So ist Raum für alle.

Der Schutzmann kommt mit einem Kollegen zurück. Er hat sich Verstärkung geholt. Es ist zuviel für einen. Sie dampfen beide vor Entrüstung. Vier Schnurrbartspitzen zittern. Werden sie jetzt das Ärgernis entfernen?

Keineswegs. Das ist nicht ihres Amtes. Sie stellen gemeinsam den Tatbestand fest, schreiben in ihre Bücher und spalten sich. Der eine geht und holt weiteren Nachschub. Der andere bleibt und wacht.

Die Menge wächst weiter. Es hat sich rundgesprochen. Der Marktplatz ist schwarz. Alle Fenster sind offen und voller Köpfe, und an den Laternenpfählen hängen Trauben von großen und kleinen Kindern.

Dann kommt ein Wagen mit viel Gebimmel und viel Polizei. Ein zweiter, ein dritter. Der Inhalt ergießt sich auf das Denkmal. Man hat gar nicht gewußt, daß es soviel Polizisten gibt, und ist stolz auf seine Vaterstadt.

An den Maulkorb hat man sich inzwischen gewöhnt. Jetzt interessiert die Polizei.

Das Denkmal ist bereits sachgemäß umstellt und abgesperrt; Leitern und Gerüste werden aufgeschlagen, wichtige Leute mit wichtigen Instrumenten sind an der Arbeit und untersuchen, messen, mikroskopieren und photographieren den bemaulkorbten Bronzekopf. Die Wissenschaft hat das Wort.

Die Menge wächst immer noch. Die ganze Stadt ist versammelt. Das Gedränge wird bedrohlich. – Weitergehen!

Die Menge ist gehorsam und setzt sich in kreisende Bewegung. Sie wird dadurch nicht weniger.

Achtung! Berittene Polizei sprengt heran und drängt die Menschen zurück. Die enttäuschte Menge johlt und weicht. Der Marktplatz wird gesäubert, der umliegende Stadtteil kunstgerecht abgeriegelt.

Die Polizei ist durchaus Herr der Lage.

Inzwischen spielt der Behördenapparat einer geordneten Staatsführung. Telephone klingeln, Telegraphen rattern, Boten hasten. Alle beteiligten Stellen sind aus ihrer Sonntagsruhe aufgescheucht und in höchste Alarmstufe versetzt:

Polizeiverwaltung,

   Staatsanwaltschaft,

      Kriminalinspektion,

         Oberstaatsanwaltschaft,

            Justizministerium,

               Regierungspräsident,

                  Ministerium des Innern,

                     Hofmarschallamt.

Die Allerhöchste Stelle wird geschont. Um sie ist ein schallsicherer Schutzwall gelegt.

* * *

Seht! Der Herr Staatsanwalt schläft noch.

Frau von Treskow kommt auf Zehenspitzen die Treppe herunter und sagt es in der Küche. Die Billa soll leise sein und nicht mit dem Geschirr klappern.

Auch Trude muß ihren siebzehnjährigen Übermut dämpfen, darf nicht trällern, nicht durchs Haus rufen, nicht über die Treppen stürmen. Pappi muß schlafen. Er hat gestern lange arbeiten müssen, der arme Papa. – Das Haus geht wie auf Samt.

Der Milchmann kommt. Jetzt wird August bellen. August denkt nicht daran. Er liegt wie ein Toter, hat alle Viere von sich gestreckt und schnarcht rau und tief.

Frau von Treskow macht sich in der Garderobe zu tun. Der Mantel liegt auf dem Boden und ist zerknautscht, der Hut hat eine Beule. Es ist nicht nötig, daß die Billa es sieht. Auch Trude geht es nichts an.

Dann geht Frau Elisabeth in den Wintergarten, füttert ihre Aquarien und besorgt die Palmen. Trude ist um sie herum; nicht weil sie helfen will, sondern weil sie Hunger hat. Muß man wirklich mit dem Frühstück warten?

Man muß.

Das Telephon schrillt durch das Haus. Schon ist Billa am Apparat. »Bitte, wer ist da?«

Sie knickst und läuft die Treppe hinauf. »Gnädige Frau, der Herr Oberstaatsanwalt.«

Frau Elisabeth ist schon da und nimmt den Hörer. »Mein Mann? – Er ist eben zum Hause hinaus – Wie bitte? – Ich will sehen, vielleicht kann ich ihn noch – Einen Augenblick bitte.« Sie huscht ins Schlafzimmer.

»Herbert!«

Antwort: Rrr-ch rrr-ch –

»Herbert, das Telephon!«

Rrr-ch rrr-ch –

Sie schüttelt den Schläfer, zieht ihm das Kissen fort, wälzt ihn hin und her. – Ergebnis: Rrr-ch rrr-ch –

Sie greift zum nassen Schwamm. Dem Träumer tut die Kühle gut, er kugelt sich auf die andere Seite und schläft erfrischt weiter.

Frau von Treskow ist der Verzweiflung nahe. »Herbert, der Oberstaatsanwalt«, fleht sie.

»Oberstaatsanwalt« ist ein Stichwort. Der Mechanismus schnappt auf der Stelle ein. Treskow springt hoch, reißt wild die Augen auf, greift um sich und stolpert in den Flur ans Telephon. Hoffentlich sieht die Billa den Herrn Staatsanwalt nicht im Nachthemd. »Verzeihung, Herr Oberstaatsanwalt … o nein, ich war bereits … Wie meinen? … Danke, nur etwas erkältet … Wie bitte? … Ich verstehe Maulkorb? … Wo? Am Denkmal? … Aber das ist ja un-glaub-lich … Jawohl, selbstverständlich … Ich komme sofort.«