Gesammelte Werke - Heinrich Spoerl - E-Book

Gesammelte Werke E-Book

Heinrich Spoerl

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Beschreibung

Heinrich Spoerl, Meister des feinsinnigen Humors und der pointierten Gesellschaftssatire, entfaltet in seinen "Gesammelten Werken" ein Panorama voller Witz, Charme und zeitloser Lebensweisheiten. Ob die unvergessliche "Feuerzangenbowle", die mit augenzwinkernder Nostalgie den Schulalltag aufs Korn nimmt, oder "Der Maulkorb", das mit scharfer Beobachtungsgabe menschliche Schwächen entlarvt – jedes Werk besticht durch Leichtigkeit und Tiefgang zugleich. Mit "Wenn wir alle Engel wären" und "Man kann ruhig darüber sprechen" zeigt Spoerl seine Fähigkeit, Moral und Alltag in köstliche Dialoge zu verwandeln, während "Der Gasmann" und "Die Hochzeitsreise" mit sprühendem Humor und liebenswürdigen Figuren begeistern. Diese Sammlung vereint Klassiker, die Generationen zum Lachen gebracht haben, und ist ein Muss für alle, die intelligente Unterhaltung und literarische Lebensfreude schätzen. Inhaltsverzeichnis: - Die Feuerzangenbowle - Der Maulkorb - Wenn wir alle Engel wären - Man kann ruhig darüber sprechen - Der Gasmann - Die Hochzeitsreise

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Seitenzahl: 880

Veröffentlichungsjahr: 2026

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GESAMMELTE WERKE

HEINRICH SPOERL

INHALT

Die Feuerzangenbowle

Eine Lausbüberei in der Kleinstadt

Der Maulkorb

Wenn wir alle Engel wären

Man kann ruhig darüber sprechen

Heitere Geschichten und Plaudereien

Der Tiefstapler

Warte nur, balde –

Norderney am Rhein

Die Leute, die die Eide schwören

Der gute Ton am Telephon

Der Stift

Man muß es richtig machen

Spielendes Licht

Die feine Flasche

Vom Großen Heiligen Trunk

Ferien vom Du

Päng

Vom Gelde

Man soll es nicht tun

Der Pulverkopf

Bücher haben ihr Schicksal

Kuss in Großaufnahme

Der Willi und ich

Vom Schlafen

Hilfe – Musik

Mädchen ohne Singular

Angina geht als Engel

Ich fahre in die Hölle

Veränderlich

Vom Tanzen

Straßenbahn

Man gibt sie die Ehre

Zeit ohne Zeit

Verjährt

Der Gasmann

Ein heiterer Roman

Die Hochzeitsreise

DIE FEUERZANGENBOWLE

EINE LAUSBÜBEREI IN DER KLEINSTADT

Dieser Roman ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, daß die Schule es nicht merkt.

Eine blutrote, dampfende Flüssigkeit.

Männer hocken um sie herum.

Der eine, der Älteste, hat in eiserner Zange einen dicken, kristallweißen Klumpen und hält ihn über das Gefäß.

Der zweite hat eine verstaubte Flasche in der Hand und gießt eine helle Flüssigkeit über den Klumpen.

Der Dritte setzt ihn in Brand. Eine gespenstische blaue Flamme züngelt hoch. Der weiße Klumpen knistert und fängt an zu schmelzen; dicke, zähe Tropfen lösen sich und fallen zischend in die rote Flut. Und ein leiser, betäubender Dunst zieht durch den Raum, steigt ins Gehirn.

Der vierte rückt die Gläser zurecht, der fünfte öffnet eine Kiste Brasilzigarren. Der sechste rührt das Gebräu.

Der siebente, der Jüngste, darf einschenken.

Geheimrat Froebel erhebt sich.

„Wir haben heute nachmittag unsern lieben, guten Pavian begraben. — Bitte lachen Sie nicht, meine Herren. Der Pavian hieß eigentlich Schmitz und war unser alter Lateinlehrer. Er hat uns mit Cäsar und Horaz gefüttert, wir haben ihm dafür Maikäfer mit in die Klasse gebracht oder die Tafel mit Fett eingerieben — kennen Sie das nicht? Das ist herrlich: Eine Tafel, die es nicht tut, die sich in schwarzes Schweigen hüllt. — Jetzt hat er seine wohlverdiente Ruhe und keine bösen Buben mehr, die ihn quälen. Hoffentlich fehlt es ihm da oben nicht. Auf sein Wohl!“

Die schweren, dampfenden Gläser klacken aneinander. Der Ventilator surrt, die Kerzen flackern; Rauchwolken ziehen über den Tisch.

„Auf sein Wohl!“

„Übrigens, was das anbelangt; er war keiner von denen, die hineinspuckten. Das kann ihm keiner nachsagen. Montags war er manchmal etwas müde; dann schlich er aufs Katheder, ließ uns irgendwas schreiben, nahm den Kopf zwischen die Hände und pennte. Aber wir Schwefelbande hatten dafür kein Verständnis, eines Tages haben wir uns verschworen und sind roh und herzlos einer nach dem andern ausgekniffen. Als er wach wurde, saß er vor leeren Bänken. — Meine Herren, Sie lachen zu früh. Die Sache endet tragisch, unser Pavian hat sich den Fall zu Herzen genommen, ist ein paar Tage nicht zur Schule gekommen — und hat sich das Saufen abgewöhnt.“

„Wir hatten auch so eine komische Kruke“, mischt sich der Justizrat ein, „der hatte nie ein Taschentuch und putzte sich seine Brille mit der Zunge ab. Als das einer von uns mal nachmachte, wurde er furchtbar böse und ließ uns einen Aufsatz schreiben über das Thema: Quod licet Jovi, non licet bovi.“

„Wir hatten einen, das war ein mißtrauisches Luder. Er ließ die Klasse nicht eine Sekunde aus den Augen, er kam sich vor wie ein Dompteur vor seinen Raubtieren. Sogar wenn er etwas an die Tafel schrieb, behielt er Front zu uns und schrieb mit seitlich ausgestrecktem Arm. Bei dem war nicht viel zu machen. Aber einmal haben wir ihn drangekriegt. Wir hatten uns verabredet und stierten die ganze Stunde unentwegt auf den Klassenschrank. Erst nahm er keine Notiz davon, er guckte nur von Zeit zu Zeit mißtrauisch nach dem Schrank hinüber, konnte aber nichts entdecken. Allmählich wurde er nervös, manövrierte sich unauffällig an den Schrank heran; es war nichts zu sehen. Schließlich wurde ihm die Sache unheimlich; vielleicht vermutete er eine Höllenmaschine, Blitzschnell riß er die Schranktür auf: Nichts. Ließ den Schrank ausräumen: Nichts.“

„Und was war mit dem Schrank?“ fragt harmlos Dr. Pfeiffer.

Ein dröhnendes Gelächter war die Antwort.

Warum sind Lehrer Originale? Die Frage wird aufgeworfen und beantwortet: Erstens sind sie gar keine, die Phantasie der Jungens und die Übertreibung der Fama macht sie dazu. Zweitens müssen sie Originale sein. Kein Mensch, kein Vorgesetzter ist so unerbittlich den Augen einer spottlustigen und unbarmherzigen Menge ausgesetzt wie der Magister vor der Klasse. In dem Bestreben, seine Würde zu wahren und sich keine Blöße zu geben, wird er verbogen und verschroben. Oder er stumpft ab und läßt sich gehen.

„Wie zum Beispiel unser Mathematiker“, fügt der alte Etzel ein. „Er kam meistens halbangezogen in die Klasse. Einmal ohne Schlips, einmal mit verschiedenen Schuhen, manchmal auch ungenügend zugeknöpft. Wir feixten und hielten das Maul. Und ihm war es Wurst.“

„Wir hatten einen in Gesang, der hatte den merkwürdigen Ehrgeiz, uns bei jeder Schulfeier mit einem unendlichen Klaviervortrag zu beglücken. Einmal, zu Kaisers Geburtstag, legte er los mit der Pathetique. Die Aula ist mäuschenstill. „Pirr-pirr“, macht der Flügel; „pirr-pirr, pirr-pirr-pirr“. Es klang keineswegs pathetisch.“

„Ah, da habt ihr eine Kette über die Saiten gelegt? Es geht auch mit Seidenpapier. Wir haben mal —“

„Kennen Sie das: Wenn man Kreide in die Tinte tut, dann schäumt das über und gibt eine grandiose Schweinerei.“

„Wir haben mal einen nassen Schwamm auf den Kathederstuhl gelegt. Unser alter Heimendahl war außer sich über seine nasse Hose.“ Eine zweite Frage wird aufgeworfen: Warum quält man die Magister? Aus Bosheit, Notwehr, Langeweile, Unverstand, Instinkt? Der alte Etzel hat die Antwort: Weil es Spaß gibt.

Es gibt sogar heute noch Spaß, wenn man nur davon erzählt. Und unsere Lehrer haben es mit ihren Lehrern ja auch so gemacht.

Jetzt sind sie wieder im Zuge. Jeder hat einen Beitrag, über den er selbst am meisten lacht, und jeder weiß noch etwas Schöneres und nimmt dem anderen das Wort aus dem Mund. Am liebsten möchten sie alle gleichzeitig erzählen. Sie freuen sich wie die Schulbuben, die würdigen Herren, von denen jeder sein halbes Jahrhundert auf dem Rücken hat. Sie lachen, daß ihnen die Tränen über die Backen kullern und die große Bowle sanfte Wellen schlägt.

Rauchschwaden ziehen durch den Raum; der Ventilator surrt; die Kerzen flackern. Der Küfer drückt sich im Hintergrund herum und wundert sich.

„Träumen Sie auch schon mal von der Schule?“

Oh, das taten sie alle. Besonders die Älteren.

„Vor kurzem habe ich geträumt, ich ging mit meinem Jungen zusammen aufs Pennal. Aber nur zum Spaß. Ich hatte natürlich keinen Schimmer mehr; der Bengel mußte mir alles vorsagen. Ich hatte aber auch keine Angst; wenn es brenzlig wurde, brauchte ich nur aufzustehen und zu sagen: Was wollt ihr überhaupt? Ich bin nur aus Jux hier. Ich habe doch längst mein Abitur.“

„Ich träume immer nur, ich hätte mein Geschichtsbuch vergessen. Besonders dann, wenn ich abends schwer gegessen habe.“

„Sie Kümmerling. Ich hatte überhaupt nie die Bücher. Das Geld war mir zu schade; das wurde versoffen. Und wenn dann mal —“

„Habe ich Ihnen das schon erzählt? Es war der i. April, da hat sich einer von uns —“

„Bei uns war immer April!“

„Wir hatten einen —“

„Wir haben mal —“

Sie gönnten sich gegenseitig nichts. Sie übertrumpften sich; Dichtung und Wahrheit flössen ineinander. Und die sechs Herren, Väter studierender Söhne und verheirateter Töchter, verjüngten sich zusehends.

Längst war der Küfer geflüchtet. Auch der Wirt hatte sich taktvoll verzogen. Jeden Augenblick mußte man darauf gefaßt sein, daß die entfesselten Herren anfingen, sich mit Papierkugeln zu werfen oder in die Beine zu pieken.

Nur einer sitzt trübselig guckend dabei. Es ist Dr. Hans Pfeiffer, der Benjamin der Gesellschaft. Er hat als junger Schriftsteller bereits einen großen Namen; der alte Etzel hat seine ersten Bücher finanziert, um die sich heute die Verleger reißen. Seine humoristischen Schriften sind weltberühmt, und mit den alten Herren kam er sonst prächtig zurecht.

Aber heute kommt er nicht mit. Er versteht nicht, was sie erzählen, begreift nicht, worüber sie lachen, er findet das alles ein wenig albern. Denn was ein richtiges Pennal ist, das weiß er nur aus Büchern, die es nicht gibt. Er selbst ist nie auf einem Gymnasium gewesen. Zum Abitur wurde er auf dem Gute seines Vaters von einem alten Hauslehrer vorbereitet, und mit dem konnte man keinen Fez machen, weil er ein so armes Luder war.

Hans Pfeiffer ist ganz niedergeschlagen und voll Neid. Es muß doch etwas Herrliches sein, so ein Pennal mit richtigen Magistern, richtigen Klassen und richtigen Kameraden. Mit seinen vierundzwanzig Jahren kommt er sich gegen die älteren Herrschaften wie ein Greis vor.

Und jetzt fangen sie auch noch an, ihn zu bedauern.

„Ach, Sie haben ja keine Ahnung, Pfeiffer.“

„Im Ernst, Pfeiffer, da haben Sie was versäumt. Das Schönste vom Leben haben Sie nicht mitgekriegt.“

„Weiß Gott, das Schönste vom Leben! Und das können Sie auch nicht mehr nachholen. Prost Pfeiffer!“

Das kann er nicht mehr nachholen.

Die Feuerzangenbowle fängt an, kalt zu werden. Man redet zu viel und trinkt zu wenig. Pfeiffer schenkt ein. Die Brasilkiste geht rund.

Plötzlich schwirrt ein Gedanke durch den Raum. Ein kleiner, dummer Gedanke. Man weiß nicht, wer ihn aufgebracht, von wannen er kommt. Vielleicht aus der Feuerzangenbowle. Es ist auch nur ein Scherz, ein fauler Witz. Aber er ist da. Hakt sich in den Köpfen fest und läßt nicht mehr locker.

Man lacht darüber und schüttelt den Kopf; dann spricht man wieder von etwas anderem. Aber immer wieder taucht dieser Gedanke auf und ist nicht mehr umzubringen.

„Wie wär’s, Pfeiffer, haben Sie Mut?“

Wozu Mut? Was kann ihm schon passieren? Er kann jeden Tag wieder gehen, wenn es ihm nicht mehr paßt. Oder läßt sich hinausschmeißen, wenn er es zu bunt treibt. Sein Abitur hat er ja.

Pfeiffer hat Bedenken. Gewiß, es wird ein famoser Jux, vielleicht auch Stoff zu einem Roman oder Film. Und das Abenteuer reizt ihn gewaltig, ihn, den geheimen Romantiker. Aber⁠—.

Kein Aber! Von allen Seiten stürmen sie auf ihn ein.

„Gewiß, Pfeiffer, Ihren Benz können Sie nicht mitnehmen.“

„Auch Ihre Marion nicht.“

„Und ein paar Monate ohne jeglichen Lebenswandel müssen Sie schon überstehen.“

Sie besprechen bereits die Einzelheiten, die Technik. Er sieht ja noch ziemlich jung aus; man kann auch nachhelfen. Die ganze Tafelrunde ist eine Begeisterung.

Der Ventilator surrt. Die Kerzen flackern. Rauchschwaden ziehen um die erhitzten Köpfe. In zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage steigt die Feuerzangenbowle.

„Auf Ihr Wohl, Pfeiffer!“

„Wann geht’s los?“

„Verdammt! Man möchte mitfahren.“

„Mensch! Ermorden könnte ich Sie!“

Wieder klacken die schweren Gläser aneinander. Werden nachgefüllt, klacken abermals.

Und langsam, aber sicher tut die Feuerzangenbowle ihre Schuldigkeit.

Eine Feuerzangenbowle hat es in sich. Nicht wegen des Katers; das ist eine Sache für sich. Eine Feuerzangenbowle ist keine Bowle. Sie ist ein Mittelding zwischen Gesöff und Hexerei. Bier sackt in die Beine. Wein legt sich auf die Zunge, Schnaps kriecht ins Gehirn. Eine Feuerzangenbowle aber geht ans Gemüt. Weich und warm hüllt sie die Seelen ein, nimmt die Erdenschwere hinweg und löst alles auf in Dunst und Nebel.

Aber der Gedanke blieb. Die Idee siegte. Und ein Wunschtraum wird zur Tat.

* * *

Es waren einige Vorbereitungen zu treffen. Zunächst zum Friseur. „Schnurrbart abnehmen und Haare schneiden, hinten kurz, und vorne zwei Zentimeter.“

„— Wie, bitte?“

Dann zum Konfektionshaus. „Zwei Anzüge von der Stange. Jünglingsmodell, außerdem Hosen und Ärmel kürzen.“

„— Wie, bitte?“

Dann zum Optiker. Die Schildpattbrille wird durch ein trauriges Nickelgestell ersetzt.

Nun die Papiere, Geburtsschein, Taufschein, Impfschein, und telegraphisch die Schulbücher. Er hat vom Abitur noch viel behalten; die Aufnahmeprüfung für Prima wird er schon schaffen.

Dann gepackt. Jeglicher Luxus wird verworfen. Ade, ihr Hemden aus Schantungseide! Ade, ihr englischen Socken, Lavendelsalz und Importen! Ade, Berlin WW mit Smoking, Frack und Pumps! Ade, Papierkorb, Majolikaschalen und ihr anderen kunstgewerblichen Gebilde!

Und ade, Marion!

Das Schwerste hatte er sich für zuletzt aufgespart. Marion war seine richtige Braut. Wenn man vier Jahre älter ist als der berühmte und preisgekrönte Bräutigam, und wenn man an den Vereinigten Werkstätten für Vaterländische Heimkunst arbeitet, dann ist man schon eine richtige Braut, eine seriöse Braut.

Schon einmal hatte sie ihm eine Reise verpatzt, damals, als ihn sein Verlag an den Nil schickte und sie durchaus mitfahren wollte. Ob sie jetzt auch —?

Als er daran dachte, ließ er das Auto kehrtmachen. Lieber telephonieren. Das war ungefährlicher.

„Ach, Hans, bist du da?“

Wie er ihre ernste Stimme hörte, war es mit ihm vorbei.

„Ja — nein, ich bin es nicht.“ Hing ein. Nicht einmal telephonisch reichte sein Mut. Lieber schreiben.

Er fing an, warf den Bogen weg, fing von neuem an, warf ihn wieder weg. Als das Briefpapier zu Ende war, entschloß er sich, auf jeglichen Abschied zu verzichten. Das mit seiner Braut würde der alte Etzel schon in Ordnung bringen.

Endlich saß er im Zug. Nun konnte nichts mehr passieren. Im beschleunigten Personenzug nach Babenberg.

* * *

Bellebemm — bellebemm — bellebemm — bellebemm — bemm — bemm.

Da steht nun Hans Pfeiffer auf dem weiten Schulhof und hört zum ersten Male den blechernen Ton des Armsünderglöckchens, das bis auf weiteres den Rhythmus seines Lebens bestimmen wird.

Seine Oberlippe ist rasiert; auf dem blassen Gesicht sitzt kalt und fremd die Nickelbrille. Der Jünglingsanzug ist zu eng in Brust und Schultern und kneift unter den Armen. Hinten über dem niedrigen Rockkragen lugt das Kragenknöpfchen hervor. Und aus den gekürzten Ärmeln stehen überlebensgroß die Handgelenke. Er sieht richtig drausgewachsen aus. Nur die funkelnagelneue Pennälermütze ist etwas zu groß und sitzt ungemütlich und steif wie die Dienstmütze eines Stationsvorstehers auf dem bürstenförmig gestutzten Haar.

Hans Pfeiffer steht einsam herum und ist sichtlich enttäuscht. Das hatte er sich aber ganz anders vorgestellt. Gewiß war er hier nicht mehr Berlins gefeierter Schriftsteller; immerhin aber war er doch der neue Schüler und für das Babenberger Gymnasium die große Sensation. Bildete er sich ein. Jetzt mußten doch alle im dichten Kreise um ihn herumstehen, ihn begaffen, bestaunen, ausfragen. Er hatte sich sorgfältig zurechtgedacht, was er ihnen alles erzählen wollte.

Aber leider fragt ihn niemand. Leider beachtet ihn niemand. Sie tun so, als wäre er gar nicht da.

Das hatte er sich wirklich ganz anders vorgestellt.

Inzwischen haben die kleineren Jungens ihre Balgereien unterbrochen und wimmeln kolonnenweise in die Türen. Die großen schlenkern gemächlich hinterdrein. Nur die Lehrer gehen auf und ab. Für sie gilt erst das zweite Glockenzeichen.

Ob es nicht doch besser wäre, noch rechtzeitig umzukehren und auf die Folgen der Feuerzangenbowle zu verzichten?

Aber der Strom nimmt ihn auf, und ehe er es weiß, ist er schon im Klassenzimmer.

Zum ersten Male sieht er einen solchen Raum von innen. Da sind die drei großen, sachlichen Fenster, in der unteren Hälfte mit Milchglas gedeckt, damit niemand hinausschaut — oder hereinblickt. Da sind die Schulbänke in zwei Reihen aufmarschiert, in der Mitte einen Gang lassend. In respektvollem Abstand davor ragt das hohe, engbrüstige Katheder, darüber der Alte Fritz in Gips. In der einen Ecke der Ofen mit einem schiefen Rohr und einem mächtigen Kohlenbecken; davor die große Schultafel, auf der noch Stücke der letzten Algebrastunde vor den Ferien stehen. In der anderen Ecke der große, eintürige Klassenschrank und unter dem ersten Fenster die Papierkiste. Ringsherum kahle Wände in grüngrauer Ölfarbe, verziert durch ein Thermometer und einige Tintenspritzer. Alles etwas verbraucht, etwas angestaubt, und vor allem unsagbar nüchtern.

Über Nichtbeachtung kann sich Hans Pfeiffer jetzt nicht mehr beklagen. Er steht verlegen an der Wand herum und fühlt vierzehn Augenpaare, die an ihm herumgucken, ihn abtaxieren. Einige feindselig, die meisten mit einer spöttischen Überlegenheit. Hihi, der Neue! Wie sieht denn der aus?

Hans Pfeiffer fühlt, er hat sich doch etwas zu stark verpennälert. Die genähte Krawatte — der harte, etwas zu weite Kragen — der im Wachstum zurückgebliebene Rock — das hochstehende Bürstenhaar — er sieht aus, wie aus den Fliegenden Blättern entlaufen. Es ist Lärm in der Klasse, aber Hans Pfeiffer versteht nirgendwo ein Wort; offensichtlich reden sie über ihn. Ihm ist, als höre er zwischendurch leises Gelächter. Hans Pfeiffer fühlt, wie er rot wird. Er kommt sich vor wie auf der Bühne; er hat plötzlich zwanzig Arme und weiß nicht, wohin er blicken soll. Er weiß auch nicht, ob er stehenbleiben oder sich auf irgendeinen leeren Platz setzen muß. Wenn er nur schon wieder draußen wäre! Er könnte ja so tun, als hätte er sich verlaufen.

Da erheben sich plötzlich die Schüler. Der Lärm bricht ab. Einer macht die Türe zu. Professor Crey ist eingetreten.

„Sätzen Sä sech!“

Hans Pfeiffer weiß nicht recht, ob er jetzt vortreten soll.

„Sä sollen sech sätzen!“

Hans Pfeiffer drückt sich in einen leeren Platz. Da sitzt er nun und weiß nicht, wie er sich als Schüler zu benehmen hat. Er lugt verstohlen nach rechts und nach links — muß man die Arme in bestimmter Weise legen — offenbar nicht — darf man die Beine übereinanderschlagen? — Er kommt sich vor wie jemand, der sich in die Kirche einer fremden Konfession geschlichen hat und alle Zeremonien mitmachen möchte, um nicht aufzufallen.

Inzwischen hat Professor Crey ihn bemerkt. „Sä send der neue Schöler?“

Aber warum spricht er durch die Nase? Und warum sagt er „Schöler“?

„Ech heiße Sä em Namen onserer Lehranstalt ond em Namen der Oberprema herzlech willkommen. Ech hoffe, Sä werden sech recht wohl bei uns fohlen. Sätzen Sä sech da vorne, da kann ech Sä besser beobachten. — Sä heißen?“

„Pfeiffer, Johann.“

„Met einem oder met zwei äff?“

„Mit drei, Herr Professor.“

„??“

„Eins vor dem ei und zwei hinter dem ei.“

Die Klasse gluckst. Professor Crey aber sieht ihn mitleidig an.

„Sä send etwas albern. Sä waren noch auf keiner Anstalt? Das spört man. Sä werden sech an strenge Scholzucht gewöhnen mössen.“

Im Anschluß daran hält er einen Vortrag über die von ihm befolgten Grundsätze klassischer Pädagogik, die in dem Satz gipfelt: „Met der Schole est es wie met einer Medizin — sä moß better schmecken, sonst nötzt sä nechts.“

Hans Pfeiffer hat sich langsam wieder gesetzt. Er hat nun Muße, seinen dicht vor ihm stehenden Lehrherrn aus der Froschperspektive des sitzenden Schülers näher zu inspizieren. Ganz dicht vor seiner Nase wölbt sich ein graziöser Spitzbauch, von einer blütenweißen Pikeeweste überzogen, und garniert mit einer kompliziert geschlungenen goldenen Uhrkette. Weiter oben kommt die taubengraue, kunstvoll gebauschte Krawatte mit einer offensichtlich echten Perle, und im Anschluß daran ein gepflegtes rosiges Gesicht, das sich vergeblich bemüht, seine Gutmütigkeit hinter einem steilen Spitzbart und einem hochgewölbten Zwicker zu verbergen. Aus der äußeren Brusttasche des tadellosen mausgrauen Taillenrockes aber flutet ein mächtiges elfenbeinfarbenes Seidentuch, das häufiger als notwendig zum Betupfen des Gesichtes und der Nase verwendet wird.

Das Merkwürdigste allerdings war die Aussprache. Darüber kam Hans Pfeiffer nicht hinweg. Imitiert der Mann wirklich den Professor Heinzerling aus Ecksteins „Besuch im Karzer“? Oder will er nur seiner Stimme einen volleren Ton geben?

Inzwischen ist Professor Crey zum Ausgang seiner Betrachtung zurückgekehrt und spricht abermals von der „strängen Scholzocht“ — da macht es plötzlich „päng“: Ein wohlgezieltes nasses Papierkügelchen ist dem Pädagogen an die Stirn geknallt.

Diese Freveltat wäre nicht erfolgt, wenn man sich vor dem Neuen nicht hätte aufspielen wollen.

„Wär est das gewäsen?“

Übrigens war es der erste Vormittag nach den Osterferien.

„Wär est das gewäsen?“

Selten ist es in einer Klasse so still wie bei derartigen rhetorischen Fragen.

„Aus welcher Rechtung est das gekommen?“

Von den vorderen Bänken schreit es: „Von hinten!“ Die hinten Sitzenden brüllen: „Von vorn!“

Einige verdächtigen das offenstehende Fenster. Die Meinungen sind durchaus geteilt.

Da erhebt sich der lange Rosen, der Nachbar von Pfeiffers Hintermann: „Herr Professor, fragen Sie doch mal den Luck.“

Wie ein Pfeil schießt der kleine Luck in die Höhe. Er ist leichenblaß und kann vor Entrüstung nichts sagen.

„Rosen, haben Sä gesähen, daß das der Lock gewäsen est?“

„Ich habe nur gesagt, Sie möchten ihn fragen. Der ist so klug, der weiß doch immer alles.“

Die Klasse quietscht. Aber Professor Crey ist traurig. „Rosen, Sä send albern. Ehnen fählt die settliche Reife.“

Aber dann kommt Crey auf den Gedanken, das Papierkügelchen auseinanderzufalten und sorgfältig zu untersuchen. Ein listiges Lächeln geht über sein Gesicht. „Das Stock Papier est aus einem Scholheft geressen. Zeigen Sä Ehre Hefte!

Die ersehnte Untersuchung beginnt. Es sind vierzehn Schüler, mit Hans fünfzehn. Jeder hat fünf Hefte. Jedes Heft hat vierundzwanzig Seiten. Als Crey beim elften Schüler angelangt ist, ertönt das ersehnte Bellebemm — bellebemm — bellebemm. Die symbolische Handlung ist zu Ende.

„För die nächste Stunde wederholen Sä, was wir heute durchgenommen haben.“

Während er hinausschreitet, schießt ihm zum Abschied noch eine Papierkugel nach. Sie saust einen Zentimeter über seinen Kopf hinweg. Den Luftzug muß er gespürt haben.

Hans Pfeiffer ist begeistert. Daß es sowas noch gibt!

Er wurde sogar mutig und bahnte mit Ernst Husemann, seinem Banknachbarn, ein Gespräch an.

„Bitte sehr, was hatten wir eigentlich eben?“

„Geschichte.“

„Aha. Und das war wohl unser Ordinarius?“

„Ja. Das ist der Schnauz.“

„Danke schön.“

Also das war der Schnauz.

* * *

In der nächsten Stunde lernte Hans das genaue Gegenstück kennen. Ein kleiner, forscher Herr kommt hereinmarschiert. Bleibt vor dem Schüler stehen. Strammt sich vor ihm auf. Schnarrt etwas.

„Wie bitte?“ fragt Hans mit gutgespielter Schüchternheit.

„Brett ist mein Name.“

Pfeiffer reißt sich zusammen und stellt sich ebenfalls vor. Beinahe hätte er „Doktor Pfeiffer“ gesagt.

Brett pflanzt sich vor der Klasse auf. Kommandiert:

„Aufstehn! Aus den Bänken treten! Achtung! Arme — beugt! Arme — streckt! Knie — beugt! Knie — streckt!

Er hat das Fenster geöffnet und macht mit dem Rücken zur Klasse die Übungen vor. Er machte das täglich mit seinen Schülern. Wenigstens bildete er sich das ein. Die Klasse dachte nämlich gar nicht daran, mitzumachen. Lässig lehnten die Jungen in den Bänken und betrachteten grinsend ihren Lehrer, wie er turnte, daß die Gelenke krachten.

„Arme — streckt! Arme — beugt! Hüften — rollt!“

Auch Hans Pfeiffer, der anfangs mitgetan hatte, läßt es bald sein und wundert sich, warum die anderen so ernst bleiben. Offenbar sind sie diese ungewollten Solodarbietungen ihres Erziehers gewohnt.

Nur der kleine Luck turnt mit. Es ist rührend, wie er die schmächtigen Arme schleudert, sich vor-und rückwärts beugt. Er erregt aber dadurch mitnichten das Wohlwollen seiner Kameraden. Jedesmal, wenn er sich nach vorne beugt, zwickt ihn der Theo Schrenk in den hierfür besonders geeigneten Körperteil. Der kleine Luck scheint es für selbstverständlich zu halten.

Dr. Brett ist fertig. Er wendet sich triumphierend zur Klasse. Er strahlt. Und konstatiert: „So, jetzt sehen Sie schon ganz anders aus. Wie neugeboren. Mens sana in corpore sano! — Warum lachen Sie?“

Hans Pfeiffer sucht krampfhaft nach einer Ausrede: „Ach — ich muß eben an einen Witz denken, den Herr Professor Schnauz erzählt hat.“ Die Klasse freut sich unbändig. Dr. Brett verzieht keine Miene. Hans blickt mit scheinheiligem Erstaunen um sich:

„Ich bin erst seit heute hier. Ich kann doch nicht wissen, wie Herr Professor Crey richtig heißt.“

Brett überhört alles das. „Was war das für ein Witz? Erzählen Sie. Ganz schnell bitte. Ich werde beweisen, daß es kein Witz war, sondern eine Ausrede.“

Bums, sitzt Hans Pfeiffer fest. Er soll ganz schnell einen Witz erzählen. Natürlich fällt ihm keiner ein. Folglich muß er einen erfinden. Dafür ist man ja Schriftsteller.

„Ich weiß aber nicht, ob er geeignet ist, und ob er gut ist.“

„Wenn Kollege Crey ihn erzählt, ist er gut und geeignet. Also bitte!“

„Tja, also — es war einmal ein Mann. Und dieser Mann hatte drei Söhne.“

„Weiter!“

„Der erste Sohn war entsetzlich dumm. Der zweite war so mittel. Und der dritte war phantastisch begabt.“

„Weiter!“

„Ja, und die mußten doch nun alle drei etwas werden. Der erste, der Dumme, wurde Schafhirt. Der zweite, der mittelmäßig Begabte, wurde — Trichinenbeschauer.“

„Und der dritte?“

„Der dritte? Der ist Oberlehrer geworden.“

„So? — Und wo steckt da der Witz?“

„Das habe ich auch erst später gemerkt, daß das ein Witz ist.“

Einen Augenblick Totenstille. Dann dröhnt die Klasse los. Dr. Brett lacht laut mit. Dann zwingt er sich zum Ernst. Und schaut dem neuen Schüler scharf in die Augen:

„Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Nach ein paar Jahren begab sich der Oberlehrer zu seinem Bruder, dem Schafhirten, und sagte: Du, wir wollen tauschen. Ich möchte lieber Schafe hüten.“

Diesmal lacht die Klasse nicht, und Hans hielt es für geraten, sich bescheiden auf seinen Sitz zu klemmen.

„Bleiben Sie stehen, Pfeiffer. Zeigen Sie Ihren Kameraden, daß Sie nicht nur Witze erfinden können, sondern auch etwas von sphärischer Trigonometrie verstehen.“

Hans muß an die große schwarze Tafel und der Klasse etwas vorrechnen. Er reißt sich gewaltig zusammen. Er fühlt, wie seine vierzehn Kameraden fieberhaft aufpassen und sich schon im voraus auf den Reinfall freuen. Vielleicht ist es nur gewöhnliche Schadenfreude. Vielleicht sind sie auch schon ein bißchen neidisch auf ihn. Er wird unsicher. Es geht ums Ganze; dessen ist er sich bewußt. Der Neue kann nichts. Nein, der Neue kann nichts? Oho, der Neue kann wohl was.

Studienrat Brett fühlt mit ihm. Unmerklich hilft er. Er wittert jedes leichte Schwanken, jede Unklarheit. Er springt dazwischen mit harmlosen, doch sorgfältig überlegten Fragen, und so steuert er gewissermaßen aus dem Hintergrund die Lösung der Aufgabe immer wieder in die richtige Bahn.

Hans ist fertig. Voller Stolz hält er Umschau. Dreizehn Schüler heucheln Gleichgültigkeit und blicken in die Luft oder in die Bücher. Der kleine Luck beißt sich aufgeregt die Unterlippe und freut sich mit Hans.

Auch Dr. Brett lächelt den Neuen an.

* * *

Große Pause. Das Läuten der Glocke wird vom Primaner Ackermann besorgt, der auch noch einen zweiten Vertrauensposten innehat: Er darf die Milch austeilen; die meisten Schüler haben ihren halben Liter abonniert. Direktor Knauer sorgt für genügenden Vorrat an Strohhalmen, und auch die Strohhalme werden von Ackermann verteilt.

Das Wetter war schön. Die Schüler quirlten auf dem Schulhof durcheinander und packten ihr Schulbutterbrot aus. Hans stand einsam. Ein Schulbutterbrot hat er nicht. Daran hat er nicht gedacht, daß zum richtigen Pennäler auch das Schulbutterbrot gehört. Und merkwürdig, jetzt hat er sogar Hunger.

Inzwischen hatte die Oberprima beschlossen, den Neuen zu beschnuppern. Der lange Rosen bekam den Auftrag. Seine überlegene Stellung in der Klasse verdankte er dem Umstand, daß er eine sehr hübsche und kokette Schwester hatte. Das war wohl die einzige Eigenschaft an ihm. Aber sie genügte. Man riß sich um seine Freundschaft. Der zweite Mann der Abordnung war Rudi Knebel. Er galt als der Stärkste in der Klasse. Und man konnte ja nicht wissen.

Die beiden also, eine Art Pat und Patachon, denn Rudi war nur 1,44 groß, diese beiden promenierten mit gesuchter Unauffälligkeit an Hans Pfeiffer vorbei und warteten, ob er sie anspricht. Hans denkt nicht daran. Nun gerade nicht. Darum macht der lange Rosen den Anfang.

„Sie waren noch nie auf einem richtigen Pennal?“

„Nein.“

„Sie wollen hier bloß rasch Ihr Abitur machen?“

„Ja“

„Da werden Sie sich aber wundern.“

„Och —“

Das Gespräch versickert. Hans mag diese Art von Beschnüffelung nicht.

Der lange Rosen nimmt einen neuen Anlauf.

„Gefällt es Ihnen bei uns?“

Ob es ihm gefällt? Hans überfliegt den Schulhof, eine mit spärlichem Kies bestreute Oberfläche mit vereinzelten Kastanien. Straßenwärts eine zweimannshohe Mauer mit Eisentor. Im Winkel um den Hof der rote Backsteinbau. Die kleinen Jungens spielen Nachlaufen oder balgen sich. Die größeren trotten zu fünf oder sechs mit langen Schritten auf und nieder, die Hände auf dem Rücken wie Lehrer. Trotz strengen Verbots liegt hier und da Butterbrotpapier auf dem Kies. Oberlehrer Müller 2, der die Aufsicht führt, winkt einen Sextaner heran. Der Sextaner hat sofort ein schlechtes Gewissen, freut sich dann aber doppelt über den ehrenvollen Auftrag und sammelt, vor Diensteifer platzend, das Papier.

Ob es ihm hier gefällt? Hans zuckt die Achseln.

Pat und Patachon haben den Neuen nicht aus den Augen gelassen.

„So, es gefällt Ihnen also nicht?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Och, wir machen aber viel Fez.“

„Wohl hauptsächlich mit dem kleinen Luck?“

„Haben Sie was dagegen?“

„Geschmackssache.“

„Dann sind Sie wohl auch so eine Art Musterknabe?“

„Kann schon sein.“

„Vielleicht petzen Sie auch?“

„Vielleicht.“

Der lange Rosen versetzt dem kleinen Dicken einen Puff in die Seite. „Rudi, hast du gehört?“ Daraufhin greift Rudi Knebel ein. Er pflanzt sich dicht vor Hans Pfeiffer auf, fast in Tuchfühlung.

„Sie, wenn Sie petzen, dann kriegen Sie aber Freude bei uns.“ Und fuchtelt ihm mit seiner rundlichen prallen Faust unter der Nase herum.

Hans Pfeiffer will die Faust mit einer lässigen Bewegung beiseite schieben. Diese körperliche Berührung wird von Rudi Knebel mißverstanden. Er versetzt dem Neuen einen wohlgezielten Boxhieb zwischen die Rippen und — legt sich, einer überirdischen Macht gehorchend, platt auf den Boden. Es war ein Jiu-Jitsu-Griff, den Hans Pfeiffer angewendet hatte. Derlei Griffe haben die wunderbare Eigenschaft, daß man zuerst die Wirkung sieht und hinterdrein die Ursache.

Die übrigen Primaner stehen im Kreise und kommen sich mitgetroffen vor. Man läßt sich nicht so gerne handgreiflich imponieren. Und anderseits imponierte es einem doch.

Der lange Rosen tut, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an, und schlendert von dannen. Rudi erholt sich von seiner grenzenlosen Verblüffung und erhebt sich langsam.

Jetzt geht’s los, denkt Hans und bringt seinen Füllhalter in Sicherheit. Aber es geschieht nichts Böses. Rudi lächelt den Neuen etwas mühselig an. „Du, das hast du fein gemacht. Den Griff mußt du mir mal zeigen.“

Hans erklärt den Griff und noch einige andere und macht sie dem kleinen Rudi vor. Die Oberprima ist begeistert. Rudi Knebel und Hans Pfeiffer aber legen den Grundstein zu einer Freundschaft.

* * *

Nach der Pause wurde Hans Pfeiffer zum Direktor befohlen.

Wenn ein Schüler zum Direktor muß, so ist das immer eine Sensation — nicht anders, als wenn ein friedlicher Bürger von der Polizei oder gar vom Finanzamt vorgeladen wird. Der Mensch hat selten ein reines Gewissen. Ein Primaner nie. Und auch dann nicht, wenn er, wie Hans Pfeiffer, erst seit zwei Stunden auf der Schule ist.

Von Direktor Knauer, allgemein „der Zeus“ genannt, ist zu vermelden, daß er ein freundlicher Herr war, undefinierbaren Alters, bartlos, leise in jeder Beziehung und von unbestreitbarer Vornehmheit. Sein rundes, nur durch eine Brille unterbrochenes Gesicht war schwer zu behalten. Ein böser Quartaner hatte einmal einen großen Kreis an die Tafel gezeichnet und darin nebeneinander zwei kleine Kreise; die Karikatur wurde erkannt, und der Quartaner angemessen bestraft.

Direktor Knauer hatte alte und neue Sprachen studiert, war ein anerkannter Spezialist auf dem Gebiete der Shakespeare-Forschung und bereits seit langer Zeit Leiter des Gymnasiums von Babenberg. Er war das Gegenteil eines Schultyrannen; seine Größe bestand darin, alle überflüssigen Konflikte — und nach seiner Ansicht waren Konflikte immer überflüssig — zu vermeiden und die kleine Anstalt mit Wohlwollen und Sanftmut im Gleise zu halten. Außerdienstlich führte er ein vorbildliches Familienleben und besaß eine beachtliche Hühnerzucht. Dienstlich aber hatte er eine kleine Schrulle. Diese Schrulle bestand in einer kleinen Mappe, die er stets und ständig unter dem Arm trug. Die ältesten Schüler konnten sich nicht entsinnen, ihn jemals ohne diese blaue Mappe gesehen zu haben. Wahrscheinlich nahm er sie auch mit ins Bett. Aber das war leider nicht festzustellen. Diese Mappe schien das Symbol seiner Macht und der Inbegriff seiner Tätigkeit. Was sie enthielt, wußte kein Mensch. Vielleicht die Impfliste oder eine Statistik der elterlichen Berufe. Oder ein Verzeichnis der Freischwimmer oder der vom Singen Dispensierten. Bestimmt war es etwas höchst Belangreiches. Und wenn böse Zungen behaupteten, die Mappe sei leer, so war das bestimmt übertrieben.

Nun stand Hans Pfeiffer vor dem Gewaltigen.

„Sie kennen doch die Schulordnung, Pfeiffer?“

„Sie ist mir ausgehändigt worden.“

„Dann dürfen Sie auch wissen, daß meine Schüler nach 9 Uhr abends daheim zu bleiben haben.“

„9 Uhr schon?“

„Sie sind gestern abend gegen 10 Uhr im Gasthof Axmacher gesehen worden.“

„Natürlich. Ich wohne doch da, Herr Direktor.“

Direktor Knauer konnte fürs erste nichts erwidern. Er klappte nur den Mund auf und zu. „Das fängt ja gut mit Ihnen an.“

„Herr Direktor, ich hatte gedacht —“

Sobald man sich einem Vorgesetzten gegenüber erfrecht, etwas zu denken, bekommt man nach einem unabänderlichen Naturgesetz die Antwort: „Sie haben nicht zu denken.“ Auch Hans Pfeiffer bekam diese Antwort.

„Ganz recht, Herr Direktor, ich will es mir abgewöhnen. Ich dachte nur, weil Axmacher ein hochanständiges Hotel ist —“

„Er denkt schon wieder.“

Das war keineswegs das friderizianische „Er“, sondern eine hilfesuchende Anrede an eine nicht vorhandene Zeugenschaft.

„Und dann dachte ich auch, weil da lauter bessere Herren verkehren — die Herren Professoren und der Rauchklub ,Blaue Wolke’ —“

„Er denkt ja immer noch.“

„Verzeihung, ich hatte nur gemeint —“

„Jetzt hat er auch noch eine Meinung.“

„Ich wollte sagen, ich hatte geglaubt —“

Das Glauben kann man keinem Menschen verbieten, dachte Hans.

„Nun schweigen Sie mal stille. Ich will nichts gegen den Gasthof Axmacher gesagt haben. Er wurde Anno 1750 von Friedrich dem Großen der eben gegründeten Stadt als Amtswirtshaus geschenkt und 46 Jahre später zum Rathaus umgewandelt. 1820 wurde er dann wieder Gasthof. Dies nebenbei. Im übrigen müssen Sie das richtig verstehen, Pfeiffer. Zunächst ist es viel zu kostspielig für Sie.“ Hans Pfeiffer hat die Augen niedergeschlagen; aber er fühlt den prüfenden Blick über seinen Anzug. „Vor allen Dingen aber ist es ungehörig. Schüler einer höheren Lehranstalt können doch nicht in einem Wirtshaus wohnen. Was macht das für einen Eindruck? Und was sollen die Leute denken?“

„Daran habe ich allerdings nicht gedacht.“

„Sie sollen aber denken! Dafür sind Sie ein gebildeter Mensch.“

„Schön, dann will ich es mir wieder angewöhnen. Und dann gehe ich heute nachmittag auf Budensuche.“

„Budensuche? Was ist das nun wieder für ein Ausdruck? Eine Bude ist etwas Ungehöriges, ich möchte fast sagen Unmoralisches. Ein Schüler einer höheren Lehranstalt hat keine Bude, sondern, sofern er nicht zu Hause wohnt, eine ordentliche Kammer bei anständigen und rechtschaffenen Leuten. So, jetzt wissen Sie Bescheid.“

* * *

Am Nachmittag ging Hans Pfeiffer auf die Budensuche.

Der Gasthof Axmacher, den er jetzt verlassen mußte, war das schönste und größte Gebäude am Markt. Es war weithin erkenntlich durch seinen rosafarbenen Bonbonanstrich und durch die großen, kugelförmigen Lorbeerbäume am Portal. Daneben war die Post. Neben der Post die Apotheke. Vor der Post hielt der Omnibus, der zweimal am Tage fuhr; niemand wußte, woher und wohin. Aus der Tür der Apotheke roch es nach Aloe, und im Schaufenster wurde Knoblauchsaft gegen Arterienverkalkung empfohlen. Der Apotheker betrieb nebenbei eine Limonadenfabrikation und hieß Mäusezahl. Mäusezahl hieß übrigens auch der Schreinermeister, bei dem die Babenberger sich ihre Betten, Küchenschränke, Vertikos und Särge anfertigen ließen. Und Mäusezahl hieß auch das große Geschäft an der Ecke zur Mühlengasse, wo man Sensen, Türschlösser und Milchzentrifugen kaufen konnte. Hans Pfeiffer hatte in dem Adreßbuch, das so dick war wie ein Lokalfahrplan, festgestellt, daß nicht weniger als sechzehn Einwohner auf den Namen Mäusezahl hörten. Und das Merkwürdigste: sie waren alle etwas, diese Mäusezahls. Sie waren gewissermaßen die oberen Zehntausend des Städtchens oder, vielleicht besser gesagt, eine Art bürgerliche Dynastie. Nur einer war Kellner; aber er schrieb sich Mäusezal ohne h. Offenbar eine degenerierte Seitenlinie.

Es war noch früh am Nachmittag. Der Schutzmann Trommel, der mitten auf dem Markt den sogenannten Verkehr zu bändigen hatte, befand sich in Mittagsruhe. Denn solange er unter der Normaluhr stand, fuhren die Wagen, Karren und Radfahrer säuberlich die Ecken des Marktes aus. Wenn Trommel aber zu Tisch war, fuhren sie quer darüber weg.

Hans sog mit Behagen die Luft der kleinen Stadt in die Nase. Es roch hier nicht nach Asphalt und Benzin; aber es gab sehr viele Pferde und noch viel mehr Spatzen, denen die Säuberung des kugeligen Pflasters oblag. Außerdem wurde auffallend viel radgefahren. Junge Frauen spazierten, ihren Kinderwagen schiebend, durch die Sonne. Andere standen hinter den Gardinen. An vielen Fenstern befand sich ein Spion. Die Häuser waren meist ein-oder zweistöckig und hatten breite Toreinfahrten, vor denen Männer in Hemdsärmeln standen. Alle hatten furchtbar viel Zeit. Niemand war eilig. Sogar die Fliegen schienen hier langsamer zu fliegen. Alles schwang seinen langsamen Pendelschlag.

Die einzige Ausnahme war der Herr Purz, wenn er in seinem Barbiersalon seine Kunden mit übertriebener Geschäftigkeit bediente. Hans ließ sich gern bei ihm rasieren; denn es tat ihm wohl, dort sozusagen wie ein Erwachsener behandelt zu werden. Der Laden war düster. Deshalb brannte Gas. Die Wasserleitung bestand in einem Reservoir an der Decke, das der Lehrling am Tage mehrmals vollpumpen mußte. Rasieren kostete mit „Kolonj“ 20 Pfennig. Die Journale des Lesezirkels Petrusckke waren ein Vierteljahr alt. Viel gekauft wurden Schnurrbartbinden.

„Guten Tag, Herr Pfeiffer. Wie geht’s — wie steht’s? Schon gut eingelebt? — Famoses Frauenzimmer, was?“

Er meinte damit ein Bild in der „Eleganten Welt“, in der Hans Pfeiffer herumblätterte.

„Famoses Frauenzimmer, was? Na, wenn man verheiratet ist, sind das alles platonische Dörfer. Ja, ja, meine Frau war mal ganz ähnlich in ihrer Jugend. Schönheit vergeht, Tugend besteht. Das heißt, heute gibt’s keine Tugend mehr. Zu meiner Zeit war das anders, junger Herr. Als ich verlobt war, mußte immer der jüngere Bruder mitgehen. Meine Frau stammt nämlich aus einem besseren Hause. Alfons hieß ihr Bruder. Hat ganz nett dabei verdient. — Zufrieden mit dem Messer? — Von den Eltern bekam er jedesmal einen Groschen, daß er mitging, wenn ich mit seiner Schwester ausging. Und von mir einen Groschen, daß er nicht mitging. — Am Halse nicht gegen den Strich? Ganz wie Sie befehlen. — Aber dann verlangte Alfons zwei Groschen. Nun, man läßt sich nicht lumpen. Dann fünf Groschen. Was blieb mir anders übrig? Aber als er dann unverschämt wurde und eine Mark verlangte — wissen Sie, was wir dann gemacht haben? Da haben wir geheiratet. Heute ist Alfons ein wohlhabender Mann. Oben in der Gegend von Danzig. Sprit und so. — Kollonj angenehm? Bitte sehr.“

Am selben Nachmittag zog Hans Pfeiffer um. Und zwar zu Frau Windscheid, die ihm von Purz auf das wärmste empfohlen war.

Frau Windscheid wohnte in der Schrottgasse. Es war ein altertümliches Haus mit viel Efeu und einem schmalen Vorgarten. Im Erdgeschoß wohnte Sanitätsrat Steinhauer. Auf einem runden, halbkugelig vertieften Messingschild spiegelte sich ein Klingelknopf, den man waagerecht herausziehen mußte. Wenn man gezogen hatte, kam er einem mindestens einen halben Meter entgegen, und innen jammerte eine Schelle, die sich gar nicht beruhigen wollte.

Das kann ja lieblich werden, dachte Hans.

Aber es war nicht so schlimm. Sanitätsrat Steinhauer hatte seine Patienten streng erzogen. Sie wurden nachts nicht krank. Und wenn es ernst war, gingen sie zum jungen Dr. Vogel.

Hans durchschritt einen lächerlich breiten Flur mit alten Truhen, ausrangierten Schränken und einer großen Kiste mit leeren Weinflaschen. Hier im unteren Teil des Hauses roch es nach Doktor, oben bei der Witwe Windscheid nach Seife und Malzkaffee. Die breiten Treppenstufen krachten rebellisch unter den fremden Tritten.

Frau Windscheid zeigte Hans das Zimmer und redete unaufhörlich. Aber ihr Reden war sanft und angenehm; man konnte es stundenlang anhören, ohne zuzuhören. Hans besah sich die weißgescheuerten, sandbestreuten Dielen, das große, kastenförmige Bett, die wurmstichige, mit Intarsien verzierte Kommode und das an Wollkordeln aufgehängte Bücherbrett. Die drei eng aneinanderhegenden Fenster hatten Mullgardinen. Als er eins öffnete, schlug ihm frisches Grün entgegen; er sah in einen herrlich verwilderten Garten.

Am besten gefiel ihm freilich Frau Windscheid. Es war eine mollige, lebhafte Frau, Ende Vierzig, mit einem runden, rosigen Gesicht. Sie hatte glattes Haar, blond mit weißen Streifen. Man muß schon sagen, daß Hans Pfeiffer bei ihr gut aufgehoben war. Die wackere Frau erdrückte ihn fast mit ihrer mütterlichen Fürsorge. Zu melden hatte er nichts. Sie räumte seine Siebensachen aus dem Koffer und ordnete sie ein. Sie bestimmte, daß er morgens keinen Kaffee trank, sondern Kakao. Dazu mußte er zwei Spiegeleier mit Bratkartoffeln vertilgen. „Kinder in den Entwicklungsjahren haben das nötig. Besonders wenn sie so tüchtig wachsen wie Sie. Meiner wollte nicht. Und dann hat er es bereut.“ Und wehe, wenn er von den mächtigen Butterbroten eines wieder mit heimbrachte!

Seine Lieblingsgerichte kochte sie ihm so oft, daß sie rasch aufhörten, Lieblingsgerichte zu sein. Nach Tisch mußte er schlafen, und dann durfte er nicht eher etwas tun, als bis er ausgiebig Kaffee getrunken hatte. Und abends erhielt er wiederum ein Leibgericht oder Grießpudding mit Himbeersoße.

„Das essen alle Kinder gern. Meiner bekam es jeden Tag.“

Wenn das so weitergeht, dachte Hans, werde ich hier fett wie ein Eunuch.

Aber er spreizte sich nicht, sondern ließ alles über sich ergehen. Er war eine Marionette. Er war eine Folge der Feuerzangenbowle.

Hans hatte nur einen bescheidenen Bruchteil seiner Bibliothek mitgenommen. Aber Frau Windscheid hörte nicht auf, sich zu wundern. „Was die Kinder heute alles lernen müssen! Meiner hat auch die halbe Nacht durch gesessen. Es ist schrecklich mit den modernen Schulen.“ Natürlich war sie neugierig. Allerdings auf sympathische und mütterliche Weise.

„Wer ist denn die Dame? Sicher Ihre Frau Mama? Und noch so jung! Und die Ähnlichkeit. Eine aparte Frau. Bloß ein bißchen ernst. Sicher macht sie sich viel Sorge um Sie.“

„O ja“, brummte Hans.

Es war Marions Bild.

Wenn Hans Pfeiffer glaubte, bei Frau Windscheid wenig unter Aufsicht zu stehen, war er im Irrtum. Frau Windscheid wachte mit mütterlichem Auge über seinen Lebenswandel und warnte ihn vor schlechter Gesellschaft.

„Mit dem Herrn Knoll von nebenan, der das große Zimmer hat, mit dem müssen Sie sich gar nicht abgeben. Das ist kein Umgang für Sie. Keinen Abend kommt er vor halb elf nach Hause. Und denken Sie nur: der hat sogar ein Verhältnis.“

Aber Hans durfte es nicht mit ihm verderben. Denn Herr Knoll hatte eine schätzenswerte Eigenschaft. Obwohl sie keine Eigenschaft war, sondern ein Gegenstand. Er besaß den Hausschlüssel! Und Hans war keineswegs darauf erpicht, sich wie ein zwölfjähriges Baby abends um 9 Uhr ins Bettchen zu legen, wie es die Schulordnung und Frau Windscheid vorschrieben. Das war die Zeit, wo er in Berlin allmählich seinen Smoking zurechtlegte, um sich von der tanzwütigen Marion durch die Dielen und Bars schleifen zu lassen. Oder er begann um diese Zeit ernsthaft zu arbeiten; denn wie viele sensible Naturen war er ein ausgesprochener Nachtarbeiter.

Nun suchte er einen Vorwand, um Frau Windscheid zu entschlüpfen. Zunächst probierte er es mit Asthma; er müsse an die frische Luft. Frau Windscheid war anderer Ansicht und kochte ihm aus vielerlei Blättern einen Tee. Es war sicher ein sehr gesunder Tee; denn er schmeckte schauderhaft. Er half auch auf der Stelle; schon nach ein paar Schlücken gab Flans das Asthma auf und kroch schleunigst ins Bett — um sich etwa nach einer Stunde mit Hilfe des geborgten Hausschlüssels von dannen zu schleichen.

Wohin?

Selbstverständlich hatte er Pennälermütze, Brille und Anzug gegen seine gewohnten Sachen vertauscht. Aber er fürchtete, trotzdem erkannt zu werden. So wichtig kam er sich vor. Und er wollte einen vorschnellen Schluß seiner neuen Laufbahn durchaus vermeiden.

Das Wandertheater, eine gutgemeinte Edelschmiere, hatte vor ein paar Tagen „Flachsmann als Erzieher“ gespielt. Die Plakatreste hingen noch. Es würde erst in ein paar Wochen mit „Alt-Heidelberg“ wiederkommen. Der Zirkus Gerani war in Aussicht, aber noch nicht da.

In den anständigen Kneipen würde er Magister treffen. Aber Herr Knoll hatte ihm ein kleines Café genannt, das von Magistern und anderen Honoratioren gemieden wurde. Dort bediente ein weibliches Wesen in einer seidenen Bluse, eine sogenannte Kellnerin. Hans Pfeiffer setzte sich trübselig an einen der runden, etwas angeschmuddelten Marmortische, trank klebriges Bier und spielte stumpfsinnig mit durchweichten Bierfilzen. An den Wänden herum saßen Liebespärchen, die sich langweilten. Von Zeit zu Zeit opferte jemand einen Groschen und ließ das elektrische Klavier laufen.

Auf diese Weise versah er sich einige Abende mit der erforderlichen Bettschwere.

Lange währte die Herrlichkeit nicht. Eines Abends, als er wiederum auf Strümpfen die große Treppe hinaufschlich, fiel ihm vor lauter Behutsamkeit auf der obersten Treppenstufe sein schwerer eichener Spazierstock aus der Hand und donnerte mit einem höllischen Gepolter die Treppe hinunter. Die weiten Räume des alten Hauses gaben ein vielseitiges Echo. Man konnte es der wackeren Frau Windscheid nicht übelnehmen, daß sie darob erwachte. Hans Pfeiffer bekam eine regelrechte Gardinenpredigt. Das nahm dem jungen Schriftsteller die Lust an weiteren nächtlichen Ausschweifungen.

Ein fast noch größeres Problem als das Zubettgehen war das Aufstehen. Jeden Morgen, wenn um Viertel vor sieben der grelle Weckerton seinen Schlaf zerriß, wunderte er sich und brauchte geraume Zeit, um wieder zu wissen, wo und wer er war. Und wenn er dann unter dem ungeduldigen Klopfen der Frau Windscheid aufstehen mußte, mitten in der Nacht, wie er es nannte, bekam er jedesmal eine höllische Wut auf die Feuerzangenbowle und überlegte, ob er nicht den ganzen Krempel wieder hinhauen sollte. Aber während er sich wusch und anzog, legte sich das jedesmal, und allmählich merkte er, daß auch der frühe Morgen eine ganz brauchbare und lebenswerte Tageszeit sei. Er setzte sich an den Tisch, ließ sich von Frau Windscheid mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln vollstopfen, während er seine griechischen Vokabeln repetierte; schließlich nahm er seine Bücher unter den Arm und von Frau Windscheid eine wahre Säule von gut belegten Butterbroten in Empfang, schlug sich seine Pennälermütze, die ihm schon viel besser paßte, auf den Kopf und trollte davon.

* * *

Inzwischen hatte Hans Pfeiffer auch die übrigen Magister des kleinen Gymnasiums kennen-und mehr oder weniger liebengelernt. Es stellte sich heraus, daß es keineswegs lauter Originale waren, wie Hans das aus den Feuerzangenbowlenerzählungen erwartet hatte. Selbst das zu diesem Zweck besonders ausgesuchte Gymnasium in Babenberg war nicht das erwartete Museum für pädagogische Raritäten. Und erst recht kein Zoologischer Garten. Hans war sich darüber klar: Es ist im Leben alles nur halb so schlimm — und halb so schön.

Einer der Lehrer, er hieß Müller 2 und gab Geschichte und Englisch, war sogar das genaue Gegenteil eines Originals. Man konnte ihm aber auch nicht die allergeringste Verschrobenheit nachweisen. Nach keiner Richtung hin. Seine hervorstechende Besonderheit war es, keine Besonderheit zu haben. Er war angezogen wie alle Menschen. Nicht zu lässig und nicht zu sorgfältig. Er sprach ganz genau wie gewöhnliche Sterbliche; er machte keine Witze — weder freiwillige noch unfreiwillige — und duldete keine. Er war farblos wie ein Glas Wasser. Seine Stunden flössen in ermüdender Sachlichkeit dahin. Und wenn sie vorüber waren, hatte man wohl mitunter die Empfindung, etwas gelernt, nicht aber, einen Lehrer gehabt zu haben.

Das war nun auch nicht das Richtige.

Nicht einmal einen Spitznamen hatte er; dieser Ehre wurde er nicht teilhaftig. Er hieß nur Müller 2, und er hieß auch weiterhin so, obgleich Müller i bereits vor zwei Jahren gestorben war.

Dafür entschädigte allerdings der Bommel. Wie er richtig hieß, wußte kein Mensch; man hätte schon im Jahresbericht nachlesen müssen. Es war schon lange her, daß Bommel von seiner niederrheinischen Heimat nach Babenberg verschlagen wurde. Inzwischen war er alt geworden, trug immer noch denselben schwarzen Rock, und sein Bart, der schwarz und krollig war wie Matratzenfüllung, begann sich leise zu versilbern. Seinen niederrheinischen Dialekt hatte er beibehalten, gewissermaßen als einziges Andenken an seine Heimat. Bommel gab Physik. Aber er hielt nicht viel von verstiegener Wissenschaft, er war mehr für einfache, plastische Begriffe und für eine volkstümliche Darstellung. Außerdem hatte er leidende Füße und pflegte sich zu Beginn jeder Stunde hinter dem Katheder die Schuhe auszuziehen. Das hatte er schon seit unvordenklicher Zeit so gemacht. Man hatte sich daran gewöhnt und hielt es beinahe für selbstverständlich. Nur Hans wunderte sich das erstemal darüber. Er wunderte sich noch mehr über die Lehrmethode.

„Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später.“

Hans Pfeiffer konnte es nicht begreifen, daß die Klasse nicht losbrüllte. Auch daran war man offenbar gewöhnt.

Der Physiker aber fuhr fort:

„Und wenn de jroße schwarze Raum Räder hat, dann es et en Lokomotiv. Vielleicht aber auch en Lokomobil.“

Hans hatte längst hinter seinem Vordermann Deckung genommen — diese taktische Maßnahme hatte er schon gelernt — und schrieb alles fein säuberlich mit. Er hoffte, es einmal literarisch verwerten zu können.

Inzwischen wurden die Einzelheiten der Dampfmaschine erklärt. „Wat is e Ventil? Da stelle mer uns wieder janz dumm. E Ventil is, wo wat erein jeht, aber sein Lebjottstag nix erauskömmt — Du, wat schreibs du da? Zeich dat emal her!“

Hans Pfeiffer war gemeint. Er hatte bereits gehört, daß Bommel seine Schüler bis in die Oberprima hinein duzte; nur wenn er ernstlich böse war, sagte er „Sie“ und sprach hochdeutsch. Hans zeigte sein Schreibwerk und machte ein scheinheiliges Gesicht. Er habe es mitgeschrieben, um es zu Hause lernen zu können.

„Bist du aber ne fleißige Jung! Damit du dat aber janz jenau behälts und dein Lebjottstag nit verjiß, da schreibste dat zu Haus fünfundzwanzigmal ab. Haben Sie mich verstanden?“

Pfeiffer hatte verstanden. Das Mitschreiben ließ er bleiben, um den Umfang der Strafarbeit nicht noch zu erhöhen.

Als dann schließlich die herrliche Stunde zu Ende war und Bommel sich wieder in seine Schuhe begeben will — da ist nur noch einer da. Der andere ist weg.

Weg.

Bommel läßt sich zunächst nichts merken und sucht mit den Augen, während er weiterredet.

Der eine Schuh bleibt verschwunden.

„Hat einer von euch de Schuh gesehn?“

Nein, keiner hat ihn gesehen.

„Wenn ich de Saujung krieg, de mich de Schuh verstoche hat —!“

Aber er bekam ihn nicht. Weder den Saujungen noch den Schuh.

Allmählich wird Bommel ernstlich böse. Er fängt an, hochdeutsch zu reden, und will zum Direktor. Aber der fehlende Schuh hindert ihn. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als eigenhändig die Bänke zu durchsuchen. So hopst er denn auf einem Schuh durch die Klasse und droht mit allen irdischen Strafen; der andere Fuß mit der grau und rosa geringelten Socke ist Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Die Jungens toben vor Vergnügen. Hans Pfeiffer möchte Mitleid haben mit dem alten Mann; aber es gelingt ihm nicht. Die Sache ist zu komisch.

Endlich, als die Pause beinahe herum ist, findet sich der vermißte Schuh. Im Schwammkasten.

Bommel zieht ihn keuchend an und faßt seine Gefühle in die Worte: „Bah, wat habt ihr für ne fiese Charakter.“

Worin man ihm durchaus beipflichten muß.

Damit war der Zwischenfall zur allseitigen Befriedigung erledigt.

Nur Hans Pfeiffer hatte seine Strafarbeit weg. Als er zu Hause saß und sie zum vierten Male abschrieb, fand er sie gar nicht mehr komisch. Bommel wußte genau, was er wollte. Und als er beim sechsten Male war, knallte er das Heft in die Ecke und lief zum Druckereibesitzer Opitz. Und ließ die Sache fünfundzwanzigmal hektographieren. Auf Zureden des Druckers fünfzigmal. Weil es dasselbe kostete.

Aber Hans hatte Pech. Als er in der nächsten Stunde die hektographische Strafarbeit abliefern wollte, hatte Bommel sie längst vergessen. Jedenfalls fragte er nicht danach. Hans meldete sich und will sie abliefern. Bommel winkt ab. Hans will sie ihm aufdrängen. Bommel bleibt unerbittlich. Er ist nicht zu bewegen, auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Hans zieht beschämt ab. Sein erster großer Vorstoß gegen die Schulzucht hatte ins Leere getroffen. Oder war Bommel klüger, als man ahnte?

* * *

Mit Dr. Brett verstand sich Hans ausgezeichnet. Sie hatten voreinander Achtung. Sie waren gleichwertige Geister auf verschiedenen Ebenen: Er der Schöngeist, Dr. Brett der Mathematiker.

Brett gehörte zu den Lehrern, die es nicht nötig haben, den trockenen Lehrstoff durch gequälte Witze schmackhaft zu machen. Er bezog das Interesse aus der Materie selbst und zeigte seinen Jungens nicht nur die atemraubende Zwangsläufigkeit einer mathematischen Beweisführung, sondern auch die ästhetische Schönheit eines solchen logischen Gebäudes. Seine Entwicklungen und Lösungen erschienen wie gotische Kathedralen von unerhörter Architektur. Wenn er sprach und mit verhaltener Stimme auf die entscheidende Wendung hinsteuerte, hätte man das Fallen einer Stecknadel hören können. Die Spannung war so stark, daß man meinte, in den Köpfen das Knistern der Gedanken zu vernehmen.

Brett hatte allerdings einige Arbeit gehabt, bei seiner Klasse das wieder wettzumachen, was sein Vorgänger in der Mittelstufe versaut hatte. Der alte Eberbach war jetzt glücklich in den Ruhestand getreten und verschollen; aber der Sagenkreis, der sich um ihn gebildet hatte, lebte fort. So erzählte man, daß Direktor Knauer den alten Mann angewiesen hatte, seine mathematischen Aufgaben mehr dem modernen Leben zu entnehmen. Dieser studierte daraufhin die Sportzeitung und formulierte in seiner Tertia folgende Aufgaben:

Erstens: Bei einem Wettrennen legt ein Jockei die Strecke in 2 Minuten 32 Sekunden zurück. Er wog 96 Pfund. In welcher Zeit würde er gesiegt haben, wenn er 827 Pfund gewogen hätte? — Zweitens: Ein Engländer durchschwimmt den Ärmelkanal in sechzehn Stunden vierunddreißig Minuten und legt dabei achtundvierzig Kilometer zurück. Wieviel Zeit würde er brauchen, um von Dresden zum Nordpol zu schwimmen? — Drittens: Jemand wirft einen zwei Pfund schweren Stein dreiundzwanzig Meter weit. Wie weit würde er einen Stein von 0,3 Gramm werfen?

Hans Pfeiffer bedauerte, den tüchtigen Mann nicht mehr persönlich zu erleben. Dafür lernte er aber bei Dr. Brett das Hantieren mit Differentialquotienten, Abszissen, Nullpunkten, Parabeln, Tangenten, Hyperbeln und Schnittpunkten halber Nebenachsen. Er, der preisgekrönte Dichter. Als wenn er nie etwas anderes im Leben getan hätte.

Was ihn nicht hinderte, bei Dr. Brett eine Erfindung von bedeutender Tragweite zu machen: den Vorsagespiegel.

Obwohl er nicht unmittelbar am Fenster saß, hatte er schon mehrfach mit seinem Taschenspiegel kecke Sonnenstrahlen aufgefangen und spielend an die Wand oder die Decke geworfen. Als nun eines Tages der dicke Rudi Knebel schweißtriefend an der Tafel beschäftigt war, eine überaus wichtige Hilfslinie zu ziehen: da erschien plötzlich ein scharfer Lichtfleck und wies der hilflosen Kreide in Rudis hilfloser Hand den rechten Pfad. Wie weiland der Halleysche Komet den Königen aus dem Morgenland den Pfad gen Bethlehem wies.

Rudi Knebel wußte nicht recht, ob er dem Irrlicht trauen dürfte. Er tat es schließlich aus Verzweiflung. Als er merkte, daß das gefürchtete Hohngelächter der Klasse ausblieb, faßte er Zutrauen. Glücklicherweise saß Brett wie immer auf dem Katheder schräg hinter der Tafel und verfolgte den Gang der gestellten Aufgabe mit seinem phänomenalen Gedächtnis. Infolgedessen konnte Hans ungestört den rettenden Lichtstrahl geistern lassen und malte auf der Tafel nicht nur die Zeichnung, sondern auch die algebraische Ausrechnung vor. Rudi Knebel folgte blindlings und löste die Aufgabe mit geradezu atemberaubender Präzision. Begeistert rief Brett: „Bravo, Knebel! Es freut mich, daß Ihnen endlich ein Licht aufgegangen ist.“

Er ahnte nicht, warum die Klasse auf seinen Ausspruch in unterdrücktes Glucksen ausbrach. Denn er hatte sich längst abgewöhnt, den Heiterkeitsausbrüchen seiner Jungens nachzuspüren. Aber er war immer auf der Hut.

Mit Hilfe des Lichtschreibers steigerten sich die Leistungen der Klasse ins Aberwitzige. Wenigstens solange die Sonne schien. War der Himmel bewölkt, so war es mit der Weisheit vorbei. Und der Zusammenhang zwischen Wetter und Leistungen blieb dem klugen Mathematiker nicht verborgen. Er erklärte ihn auf seine Art: „Sonne ist die Urkraft jeglichen Lebens. Auch die Schüler werden vom Sonnenschein günstig beeinflußt. Wir werden die Klassenarbeiten nur noch bei gutem Wetter schreiben.“

Der Erfolg bestätigte seine Hypothese.

Mit der Erfindung des Vorsagespiegels war Elans Pfeiffer zum Diktator der Klasse geworden. In seiner Hand schlummerten Gut, Mangelhaft, Genügend oder Ungenügend eines jeglichen Mitschülers im wörtlichsten Sinne. Der lange Rosen samt seiner hübschen Schwester war entthront. Pfeiffers Freundschaft hatte mehr Gewicht.

Es war klar, daß die Herrlichkeit über kurz oder lang ihr Ende finden mußte. Und das kam so:

Aus Gründen, die an späterer Stelle näher erläutert werden sollen, ließ Hans Pfeiffers Lerneifer nach einiger Zeit nach. Er war überhaupt kein Mensch, der sich lange Zeit auf eine Sache konzentrieren konnte. Eines Tages war er wieder schlecht vorbereitet. Oder er paßte nicht richtig auf. Kurzum, sein Sonnenspiegel schrieb den blanken Unsinn an die Tafel. Und Joachim Schrader, der gerade an der Reihe war, wurde durch die falschen Vorspiegelungen verwirrt.

Als Schrader sich völlig festgefahren hatte, wurde er von Dr. Brett unterbrochen. Schlicht und einfach sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: „Pfeiffer, passen Sie besser auf, sonst müssen wir die Vorhänge zuziehen.“

Hans Pfeiffer wurde rot bis hinter die Ohren, steckte zerknirscht seinen Spiegel ein und setzte sich in der nächsten Stunde vom Fenster fort, um nicht mehr in Versuchung zu fallen. Er setzte sich neben den kleinen Luck.

Dr. Brett lächelte unmerklich. Man hatte einander verstanden.

* * *

Übrigens merkte Hans Pfeiffer allmählich, daß auch bei Professor Crey ernstlich gearbeitet wurde. Keineswegs wurden sämtliche Stunden durch pädagogische Erörterungen und kriminalistische Untersuchungen ausgefüllt. Es mag allerdings zugegeben werden, daß der Ernst bisweilen sich etwas einseitig auf seiten des Professors befand.

Die Kenntnisse in der deutschen Literatur pflegte er ungefähr so zu prüfen: „In welchem Stock, in welchem Aufzog und in welcher Szäne steht, und wer spricht zu wäm die Worte: ,Ich kenne meine Pappenheimer’?“

Daß die Aufsatzthemen größtenteils mit dem klassischen „Inwiefern“ anhuben, hatte Hans nicht anders erwartet. Manchmal wurde die Inwiefernung sogar verdoppelt: „Inwiefern gleichen sich Wilhelm Teil und Götz von Berlichingen, und inwiefern bestähen wäsentliche Onterschiede zwischen ehnen?“

Hans fand die Antwort:

„Den Teil darf man zitieren, den Götz aber nicht.“

So erweiterte der Schriftsteller Pfeiffer seine Kenntnisse in der deutschen Literatur in ungeahnter Weise und hoffte inständig, daß es seiner künftigen Laufbahn zustatten komme.

Crey dagegen war nicht mit ihm zufrieden. „Pfeiffer, Sä send en allen Fächern genügend oder got, nur em Deutschen stähen Sie mangelhaft. Sä haben einen unmöglichen Stil. Was wollen Sie eigentlich mal werden?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Sochen Sä sich einen Berof, bei dem Sä wenig zu schreiben haben. Am besten werden Sä Zahnarzt.“

Hans gelobte es feierlich.

* * *

Auch im Singen war Hans nicht auf der Höhe.

Singen ist der Ausdruck seelischen Empfindens.

Singen gab Fridolin. Das war nicht sein Spitzname, sondern er hieß wirklich so und brauchte daher keinen Spitznamen.

Fridolin fragte nicht danach, ob Singen der Ausdruck seelischen Empfindens ist. Bei ihm wurde gesungen, weil es im Stundenplan steht.

Das Singen war entsprechend.

Die Schuld lag nicht an Fridolin. Das spärliche Männlein mit dem zwirndünnen Schnurrbärtchen und dem ebenso dünnen Stimmchen gab sich die größte Mühe, aus der trägen Masse seiner schläfrigen Schüler so etwas wie „Sangeslust schwellt die Brust“ herauszuholen. Aber je wilder er mit übersteigendem Temperament und gigantischen Armbewegungen dirigierte, desto matter und mürrischer schleppte sich der Gesang. Das Traurigste war — wenigstens in der Meinung der vereinigten Oberklassen —, daß die Sangeskunst grundsätzlich im Stehen ausgeübt wird. Man konnte die Zeit weder zum Anfertigen von Schularbeiten noch zum Schlafen benutzen.

Der einzige, der sich beim Singen anstrengte, war Hans Pfeiffer. Er brüllte aus Leibeskräften. Er brüllte mit Hingabe. Und hatte dafür seine privaten Gründe. Er brüllte daneben.

Auf die Dauer konnte dies selbst dem an Mißklänge gewöhnten Ohr Fridolins nicht verborgen bleiben.

„Das müssen Sie doch vielleicht hören. Da singt doch jemand unrein.“

Aus dem Hintergrund brummte einer: „Dem Reinen ist alles rein.“

Fridolin reagierte schon längst nicht mehr auf Zwischenrufe. Aber der unreine Tannhäuser war wirklich nicht zu ertragen.

„Pfeiffer, kommen Sie mal vor. Sind Sie das vielleicht, der so falsch singt?“

„Ausgeschlossen.“

„Sind Sie musikalisch?“

„Das weiß ich nicht. Das habe ich noch nicht probiert.“

„Singen Sie vielleicht mal diesen Ton.“

Fridolin schlägt auf dem Flügel das mittlere F an. Hans knurrt im tiefstem Strohbaß ein undefinierbares Geräusch.

Fridolin ist nicht zufrieden.

„Singen Sie bitte mal nach: Aaaah —“

Hans bemüht sich, noch musikalischer zu grunzen. Dies gelingt ihm auch zu seiner Zufriedenheit.

„Sie singen zu tief. Hören Sie vielleicht mal zu: Aaaaaaah —“

Hans gibt einen jaulenden Fistelton von sich, daß der Chor entsetzt zusammenfährt.

„Nein, Pfeiffer, nicht so hoch. Mehr in der Mitte dazwischen: Aaaaaaaaaaah —“

Hans setzt abermals an und bringt einen Ton zum Vorschein, so mehr in der Mitte und mehr dazwischen, daß er dauernd zwischen Brust-und Fistelstimme hin-und herkickst. Er hört sich an wie das Geschrei eines wild gewordenen Esels.

Der Chor beneidet ihn. Fridolin denkt einen Augenblick nach und konstatiert:

„Sie sind noch im Stimmbruch. Aber trösten Sie sich, das wächst sich aus. Vom Singen sind Sie natürlich dispensiert.“

Fortan durfte Hans Pfeiffer mittwochs und sonnabends bereits um 12 Uhr nach Hause.

* * *

Einige Wochen waren ins Land gegangen.

Hans Pfeiffer hatte sich schon recht gut eingelebt. In der Schule und außerdienstlich. Er hatte die ganze Konzentration seines dichterischen Einfühlungsvermögens dazu benutzt, um bis zur letzten Fingerspitze in die bescheidene Bravheit eines kleinen Babenberger Primaners zu schlüpfen. Und man muß sagen, es war ihm einigermaßen geglückt.

Das Problem der langen Abende hatte er überwunden. Da er früh aufstand und sich tagsüber viel herumtummelte, war er abends rechtschaffen müde, legte sich halb zehn in die Klappe und schlief wie ein gesunder Junge traumlos bis zum Weckerrappeln. Und da er früh zu Bett ging und gut schlief, konnte er morgens auch gut aufstehen. Auch an Grießpudding und Himbeersaft hatte er sich gewöhnt, und an Kakao mit Bratkartoffeln, und an Schulbutterbrote und Streuselkuchen. Er bekam frische rote Bäckchen wie ein Kind, und die Schülermütze stand ihm prächtig zu Gesicht.

Auch die Bemutterung durch Frau Windscheid nahm er geduldig hin, ebenso ihre mütterliche Neugierde. Mochte sie in seinen Büchern und Schubladen herumkramen, er hatte nichts zu verbergen.