Der Messias - Olaf Dietrich - E-Book

Der Messias E-Book

Olaf Dietrich

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Beschreibung

Vom Nichtnutz zum Halbgott und dann?? Ja, und es wird mystisch, spannend, romantisch, abenteuerlich, sexy, politisch, tragisch, ökologisch, klinisch, lustig, musikalisch, visionär, menschlich, spannend, utopisch, am Ende furios. Mit Soundtrack. Nicht Denken, lesen!

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der Messias

Olaf Dietrich

Kamerafahrt durch eine Schwingtüre hinein in eine Disco.

Musik, (Love, Sex, Intellegence, Donna Summer)

klare Luft, obwohl Einige rauchen, dunkle Beleuchtung

Das Publikum ist chic aber nicht Snob, ab 30.

Schwenk einmal v. links durch den ganzen Laden, endend auf einem

Mann, Ende 30, der gerade reingekommen ist, sich umsieht und

sichtbar zwischen zwei Tresen entscheidet, um sich dann, wenn

man reinkommt rechts, an den Tresen zu stellen.

Die Bardame ist jung und blond, bemerkt ihn und nickt ihn an.

Ohne Gesprächston wird eine Bestellung erledigt, Getränk kommt, der

Mann nippt, stellt ab und checkt erneut den Raum.

Von der Tanzfläche löst sich eine junge Frau, Anfang

30, braunes, langes Haar, lange Beine, höllisch knappe

Jeans, Spaghettiträgertop schwarz, kein Schmuck ausser einem

breitem goldenen Armreif links, halbhohe Pumps und gesellt sich

zu einer Freundin am Tresen gegenüber. Nippen, Zigarette, Witz

über irgendeinen Tänzer, man hört das helle Lachen der Beiden.

Zurück auf den Mann: Er, völlig durchschnittliche Erscheinung,

schwarze Buntfalte, weisses Hemd, keinen Schmuck. Sein Gesicht

wirkt auffallend wach, aber ganz entspannt, als er den Raum

scannt. Er reagiert auf das sichtbar helle Lachen der zwei

Freundinnen am Tresen gegenüber, beobachtet die beiden kurz aber

intensiv. Wir sehen in einem Umschnitt seine hellwachen Augen

in einer Totalen, wie sie sich nach gegenüber einloggen und fast

lächeln.

Die Musik wechselt. Prince: "Kiss"

Aus leicht erhöhter Sicht erkennt man den Kerl, wie er sich vom

Tresen löst, auf die Tanzfläche geht und anfängt, äusserst sexy

und begabt zu tanzen.

Wir zoomen in Richtung der Bar wo u. a. die zwei Freundinnen

stehen und man erkennt so gerade, wie sie verstummen, beider Blick

über die Tanzfläche schweift und dann stehenbleibt.

Wir gucken mit, es beginnt gerade ein neues Stück. Genuwine: "The

Pony". Er legt noch einen drauf, es wirkt ganz leicht, wie er

tanzt, und nach zwei weiteren Nummern schlendert er zurück zu

seinem Glas.

Schnitt auf die Brünette: Augen

Schnitt auf ihn: Augen

Sie gucken sich an ohne es zu bemerken.

Es passiert, während beide noch fest in ihrer Welt verankert

scheinen. Er in der Musik und sie bei den Worten der Freundin.

Wie ferngesteuert geht er einfach hin, stellt sich neben die

Freundin, guckt die Auserkorene einfach tief an und lächelt.

Sie kann den Blick nicht abwenden, ist verunsichert bis

hypnotisiert und achtet auch nicht mehr auf die Ansprachen ihrer Freundin.

Die es jetzt auch bemerkt. Steht einer neben Ihr, und nichts ist

wie es war. Dann macht der Typ noch zwei Schritte an ihr vorbei

und beginnt, ohne ein Wort zu sprechen, an der Brünetten zu

schnüffeln, genauer gesagt, an ihrem Haaransatz. Ein-, Zweimal

schnuppern, dann Rückzug und gucken, dann wieder schnüffeln.

Und die Brünette wehrt sich nicht. Im Gegenteil.

Die Freundin ist fassungslos, als die Beiden ein Spiel für Nasen,

Augen und dann irgendwann auch Hände beginnen.

Wie Hunde.

Und dann schiebt er ihr irgendwann den Finger in die

Achselhöhle, zieht ihn wieder raus und hält ihn sich lächelnd

unter die Nase. Woraufhin sie, da sie etwas kleiner ist, gleich

mit der ganzen Nase in Richtung der Seinen steuert, noch mal

schüchtern zu ihm hochguckt, dann die Arme um ihn legt und ihre

Gesicht unterhalb seiner Schultern eingräbt.

Die Freundin steht daneben wie ´ne Ampel und kurz vor einem

hysterischen Anfall dreht sie sich einfach um und geht.

Die zwei Frischverliebten haben immer noch kein Wort gewechselt.

Die Umarmungen werden nach und nach intensiver und die Pausen

erotischer, weil sie sich eben einfach immer nur ansehen und

lächeln.

Dann wechselt die Musik. "Hot in here". Er greift ihre Hand

und sie hoppelt hinter ihm her wie eine Zehnjährige, die laut

"Au Ja!!! " ruft.

Jetzt treiben sie ihr Spiel auf der Tanzfläche. Es sieht aus

wie geübt. Ein Reigen. Ein Pas de Deux.

Und je länger das geht, um so mehr gleicht "Dirty Dancing"einem

Krippenspiel. Mittlerweile machen andere Tänzer Platz und einige

verlassen, völlig genervt, den Innenraum der Dische.

Am Ende des dritten Stückes ist sie an ihm hochgeklettert,

versucht scheinbar ihn mit ihrem Bauchnabel zu ersticken und

lässt sich dann, Zentimeter für Zentimeter, an ihm runterrutschen.

Kaum auf den Füssen küsst sie Ihn das erste Mal, nur kurz, mit

spitzem Mund, greift dann seine Hand und zerrt ihn zum Ausgang.

2

Gut zehn Jahre davor:

Beim Italiener: Wir reisen mit dem Auge durch´s Restaurant.

Arno, so heisst unser Held, sitzt mit Sabine zu Tisch. Man

bemerkt, dass der Dialog freundlich aber distanziert ist, er macht

ein paar Gesten der Unterwürfigkeit. Sie ist das, noch nicht

pummelige, häusliche Modell, das sich nach der zweiten

Schwangerschaft ein hübsches Doppelkinn wachsen lassen

wird. M&M-Täschchen und Accessoires unterstreichen den

Eindruck, dass Sie sich wahrscheinlich ständig wäscht und nachts

lauter schnarcht als er. Auffallend ist, dass er einige Male zu

einer bildhübschen Tante am Nachbartisch ´rüberschielt, immer,

wenn er denkt, dass seine Sabine nicht guckt.

Dann verlassen die Beiden das Lokal und biegen nach links auf

den Bürgersteig ab.

Die Zwei laufen, Richtung Auto, U-Bahn, was weiss ich. . . .

Er versucht charmant zu sein:

-Und, hab´ ich Dich satt bekommen?

-Jaaa.

-Und wie kann ich Sie jetzt noch verwöhnen,

meine Teuerste ??

-In dem du einmal aufhörst nach anderen

Frauen zu gaffen.

-Hab ich doch gar nicht!

Sie bleibt stehen

-Das gibt´s doch gar nicht! Da erzählst du

mir den ganzen Abend belangloses Zeug,

schielst dir die Augen aus dem Gesicht nach dieser Tussi da

hinten und und bist auch noch so dreist zu glauben, ich hätte

das nicht bemerkt.

-Ich hab´ ein, zwei mal. . .

Sie IST sauer.

-Ach halt doch das Maul! Wie lange sind wir

zusammen, hä ?? ´Ne Woche ?? ? Glaubst du, ich

bemerke nicht, dass du ständig nach anderen

Weibern guckst ? Ich bin´s leid. Glaubst du, mir tut das nicht weh ??

-Aber Schatz. . .

Eigentlich will er sich versöhnen, aber ihm fehlt die Kraft, oder

die Einsicht, oder der Wille. . . .

-Du willst mich gar nicht.

Sie wird langsam hysterisch, beginnt dafür wieder langsam

loszulaufen. . .

ER leicht genervt hinterher.

-Sabine, das ist doch nicht wahr. Mann, ey, ich

schwör´ Dir, das ist mir gar nicht bewusst. Ein

Reflex halt, aber das hat doch mit Dir. . . .

-Ein Reflex!!! Du bist doch. . . . . .

Jetzt rastet sie ganz aus.

-Ich werd´dir zeigen was ein Reflex ist!

Sie schlägt mit der Handtasche nach ihm, trifft seine Schulter.

-Das ist so gemein, zu Hause hängst du nur

vor der Glotze und wenn wir ausgehen gaffst

du jedem Arsch hinterher!

Er täuscht endlich Reue vor.

-Aber Mausbärchen. . . .

Sie rastet endgültig aus. . . . .

-Scheisse, Mausbärchen, Du bist so ein

verlogener, verdammter Schleimscheisser. Lass

mich bloss in Ruhe! Du und Deine Sprüche!

Liebe, für immer, ich, die schönste, Pah, Du brauchst doch nur eine

die stillhält, einen verdammten Arsch ohne Gesicht brauchst du, an

dem du Dich jucken kannst. Ach, hau´ doch ab, du . . . Wichser!!

Ich will Dich nicht mehr sehen!!!

Sie dreht sich um, geht mit gesenktem Kopf Richtung andere

Strassenseite los. Auf dem Mittelstreifen dreht sie sich halb

um und ruft mit verheulter Stimme:

-Und ich hab´ Dir geglaubt. . . . .

Er schaut ihr nach. Als sie schon weiter auf dem anderen

Bürgersteig ist, hört er noch

-Nie wieder!!!

Er schaut immer noch. Ohne jede andere Geste holt er einen

Tabaksbeutel aus der Tasche, entnimmt eine Selbstgedrehte,

macht sie an und geht langsam weiter, die ursprüngliche

Richtung. . .

3

Eine Kneipe von aussen. Marke Rock ´n Roller-Treff. Ein paar

Fahrräder und Bikes auf dem Bürgersteig. Von schräg gegenüber

beobachten wir Arno, der am Horizont erscheint, rauchend, dann

den Spliff wegwirft und mit hochgezogenen Schultern die Kneipe

betritt.

In der Kneipe geht Arno direkt zum Tresen und ordert.

-Zwei Grosse.

Neben Ihm steht u. a. ein pseudo-cooler, Bomber-Filzjacke mit

Lederärmeln und Heavy-Metal-Bestickung, und mustert Arno.

Man nickt sich zu.

Zoom in den Rücken der Beiden.

Die Biere kommen. Arno setzt an und trinkt 0, 5 in einem Zug.

Macht sich ´ne Zigarette und zündet sie an. Noch gibt´s kein Rauchverbot.

Trinkt das Nächste halb aus. Der Coole hat sonst nix zu tun, mustert unseren Arno

erneut.

-He, Arno, durstig, was ??

Arno knurrt

-Yepp!

der Andere ist auf ein Gespräch aus.

-Ärger ?? ?

Arno lässt sich drauf ein. Mit einer fast schon schüchtern sich

entschuldigenden Bewegung. . .

-Weiber!

-Die Blonde ?

-Der Horror. Franz noch Zwei! . . . Du auch ??

mit Geste

-He Franz, mach´ drei!!

Schweigen bis die Biere kommen, anstossen....

Weiterschweigen. Arno grübelt. Der Profi will weiterlabern.

-Ey, ist doch kein Grund sich hängenzulassen.

Arno hat sich scheinbar zu einem Entschluss durchgerungen.

-Hast du was da?

-Ah, wer sagt´s denn. ´N Halbes?

-Zwei, morgen is Charlie im Crown

-Mit "Bone" ??

-Mmh.

-Au weia.

-Du sagst es. . . .

-Und mal wieder Paadi, was ??

-Ey, ist ´n alter Kumpel, das mach ich gern.

-Der kriegt´s doch für lau.

-Und ich steh da wie ´n armer Arsch.

-Du bist ´n armer Arsch!

Unterm Tresen wird derweil gejodelt. Arno holt zwei Hunderter

aus so einem Asi-Klapp-Portemonnaie.

-Ja, Ja, und du redest und redest. . Danke.

-Vielleicht sollte ich da morgen mal

aufschlagen ??

-Kann nicht schaden. . .

Steckt´s vorne in die Jeans, trinkt das dritte Halbe aus, quält

sich vom Hocker, verschwindet. Der Coole macht sich ´ne WEST-LiTE

an, Zeitschnitt, Arno kommt wieder.

-Und ??

-Ist Ok.

-Macht nicht so wach. . . .

Arno klaut Ihm eine

-Besser isses.

zündet sie an, zieht voll, zweimal ohne auszuatmen. Trinkt

das letzte Glas halbleer, raucht weiter. Dann:

-Ich hau´ ab!

drückt die Kippe aus, trinkt aus, kommt erstaunlich schnell vom

Stuhl und klopft dem Pseudo auf die Schulter.

-Bis morgen und Danke!

-Hey, nix zu danken, man sieht sich. . .

Dreht sich um und verschwindet im Halbdunkel.

Draussen aus der Vogelperspektive sehen wir Arno den Laden

verlassen und auf einen Kiosk zusteuern, der ein Stück die Strasse

runter ist.

Schwenk vom Kiosk aus über die Nacht. Musik setzt ein. Prince:

"Joy in Repetition". Der Schwenk endet mit einem Blick in das

Fenster von Arno´s Wohnung, ein Zimmer mit grosser Küche, und

man sieht auf seinen Rücken, wie er auf einem Sofa sitzt, vor

ihm auf dem Tisch das ganze Arsenal, einen Porno guckt und wichst.

4

Der nächste Morgen.

An einer Kreuzung mit Uhr hält um 20 nach 7 ein 12-Tonnen-

Getränkelaster der Firma Schnubendubel. Wartet.

5 vor Halb kommt Arno angerannt und springt in die Fahrerkabine.

Schnitt in die Kabine. Am Lenkrad sitzt Frank, 45, superschlax.

Supergenervt.

-Mojn.

-Hi!

Frank sagt nix, setzt den Truck in Bewegung, guckt auf die Strasse.

Arno

-Ey, das waren nur 5 Minuten!

Frank

-Is ja gut. . .

-Und sonst?

-Die Kleine hat die ganze Nacht geheult.

Zähne! .

-Verstehe!

Sie fahren weiter.

Irgendwann stehen sie wieder und liefern aus. Wir sehen eine

Strasse hinunter. Links steht der Truck, die Beiden werden gerade

tätig. Rechts am Ende der stark befahrenen Strasse befindet sich

eine Metzgerei. Schwenk auf den Bürgersteig. Arno quält sich

sichtbar ab, der Andere nicht so. Schnitt.

Dann sind die Beiden fertig. Das Fallkissen für die Fässer wird

noch auf die Ladefläche geworfen, die Klappe zu, die Handschuhe

aus. . .

Arno hat Hunger

-Frank, ich geh mal zum Pfeiffer, willste

auch?

-Nee, mir is schon schlecht.

-Oh, keee. . . .

Arno rennt ums Führerhaus ´rum, auf die Strasse, direkt vor einen

Müllwagen. Beide bremsen. Zu spät.

Alles wird schwarz.

5

Ein Krankenhausflur. Am Ende eine Tür, die sich öffnet und es

erscheinen Doktor Weber und Arno´s Eltern, die Leanders.

Dr. Weber sieht erfahren aus aber sonst eben nur weiss. Die

Leanders sind ein bürgerliches, älteres Paar, dezent und teuer

gekleidet, dementsprechend distinguiert im Verhalten und bewegen

sich sichtbar auf fremdem Terrain.

Der Arzt berichtet.

-Also er liegt noch im Koma. Und wenn er

wieder aufwacht, werden wir ihn sobald wie

möglich wieder in ein Koma versetzen. Andernfalls würde er

die Schmerzen nicht ertragen können. (Sie gehen langsam den Flur

hinunter und biegen dann irgendwie rechts oder links ab)

-Ja, Ja. . .

-Ihr Sohn hat Glück gehabt. Der Riss in der

Leber war relativ leicht zu beheben. Und

dadurch, dass der Notarzt sehr schnell am Unfallort eingetroffen

ist, war das Gehirn nach dem Herzstillstand nicht zu lange ohne

Sauerstoff. Man kann noch nicht genau sagen, ob es bleibende

Schäden geben wird, aber aus Erfahrung bin ich sehr

optimistisch. Sie werden verstehen, dass zum jetzigen Zeitpunkt

(er zögert) , na ja, sagen wir es hängt auch sehr von ihm ab.

Die Mutter ist Ende Fünfzig und eigentlich gut in Schuss, wenn

da nicht die nackte Angst um ihren Sohn wäre.

-Was meinen sie?

-Na ja, sehen sie, was auch immer während

so eines Komas passiert, ist relativ

unerforscht. Wir kennen, ehrlich gesagt, nicht die Grenze an der

Schlaf endet und Koma beginnt und auch nicht die Grenze, an der

Koma endet. (Er rudert um Verständnis)

Klar ist aber, dass er für sein Alter in einem ziemlich, ahem, schlechten Zustand ist.

Vater Gerhard Leander ist schon älter und schneeweiss.

-Was soll das heissen?

-Nun, wir haben eine nicht geringe Menge

Drogen in seinem Blut gefunden, darunter

hauptsächlich Cannabis und Kokain, aber auch Spuren von

Aufputschmitteln und LSD.

Mama hatte keine Ahnung. . . .

-WAS ?? ?

Papa hat schon Schlimmeres gesehen. . .

-Ruhig Charlotte!

-Ich will Sie nicht beunruhigen. Das heisst

nicht unbedingt dass er depressiv war. Fakt

ist aber, dass nicht nur die Drogen einen Menschen

beeinflussen, sondern vor allem auch die Gründe, sie zu nehmen.

Na ja, (Er wiegelt ab) darüber zu spekulieren wäre aber

jetzt müssig. Das wird sich zeigen wenn er aufwacht und dann in die Rehabilitation

kommt.

Der Vater:

-Gibt es denn auch irgendwelche guten

Nachrichten ??

-Nun, er wird sich einige Monate lang

besonders über einen intakten rechten Arm freuen.

Die Eltern wissen nicht wie sie auf den Spruch reagieren sollen.

Schnitt. . .

Ein paar Tage später:

Intensivstation. Ein Bett, tausend Geräte. Wir gucken aus einer Ecke

des Raumes über das Fußende des Bettes hinweg auf ein Fenster

zum Flur.

Eine Schwester ist zu sehen, zierlich, schwarze Haare unter einer

Op - Haube. Sie betreut gerade die Infusion. (was sonst ?? )

Im Fenster erscheint das Trio von eben. Pantomimisch erkennen

wir die Frage der Mutter ob man hineinkönne und das abwehrende

Verhalten des Arztes. Daraufhin nimmt der Vater seine Frau in

den Arm und führt sie weg. Dr. Weber nickt kurz der Schwester

zu, die, wie wir, Richtung Fenster gespäht hat und geht dann

ebenfalls. Wir müssen Geduld haben.

In diesem Fall noch zwei weitere Wochen.

Dann zieht es uns wieder auf die Intensivstation. Um´s Bett

herum steht die ganze Blase, unter anderem ein grossgewachsener Glatzkopf, wohl der Chef vom Ganzen, nur ein Stift im Kittel, dann Dr. Weber und die kleine

Schwester, Petra.

Schnitt auf´s Bett, Arno´s Oberkörper im Mittelpunkt des

Interesses. Er ist massiv eingegipst, Beine und linker Arm, ausserdem

am Kopf rasiert und bandagiert. Sie haben den künstlichen Schlaf

beendet und warten dass er aufwacht. Was er dann auch tut. Er

blinzelt, hat von nichts ´ne Ahnung und bringt dann auch den

Klassiker:

-Wo bin ich ??

Das Wort ergreift ein typisch aussehender Professor.

-Das ist die Intensivstation der Polyklinik,

Herr Leander, willkommen im Leben.

Arno staunt, Dr. Weber spricht:

-Sie haben sich ziemlich massiv mit einem

Müllwagen angelegt und wir hatten die Ehre

Sie zusammenzuflicken. Was zugegebenermassen nicht einfach

war, aber ich denke wir waren ganz gut.

Arno versucht sich zu bewegen, ganz vorsichtig, merkt aber, dass

das nicht ohne Schmerzen gehen würde.

Der Prof:

-Vorsicht, junger Mann. Sie verdanken es einer

grossen Portion Glück, dass sie überhaupt noch unter uns weilen.

A propos. . . (er zwickt in Arno´s Füsse) spüren Sie das ??

Arno nickt. Er beginnt zu begreifen. . . . .

Ein dritter Doc hat die Liste:

-Um es klar auszudrücken, Sie hatten einen

akuten Herzstillstand, verursacht durch den

Aufprall, ebenso einen Riss in der Leber und diverse kleinere

innere Blutungen. Sie haben immer noch sechs gebrochene

Rippen, einen multiplen Bruch des linken Oberarmes und des

Schulterblattes, glatte Brüche beider Unterschenkel, einen

Kreuzbandriss im linken Knie und eine bereits abheilende

Fleischwunde am Kopf.

Arno lässt Luft ab.

Der Prof tröstet ihn, schon fast väterlich. . .

-Nur die Ruhe mein Freund, das wird schon

wieder. Wenn alles glattgeht, stehen Sie in

3-4 Wochen so langsam auf und dann geht´s schon ab in die Reha.

Wir haben Ihnen alle möglichen Schrauben und Platten eingebaut, das wird die Sache entsprechend erleichtern.

Arno blickt hilfesuchend in die Runde. Sein Blick landet bei

Schwester Petra, die ihm mit einem Lächeln Mut macht.

-War mal jemand hier?

Dr. Weber:

-Ja, Ihre Eltern und einmal eine junge

Frau, das ist wohl die Freundin ??

Arno murmelt

-Die Ex.

-Wir konnten feststellen das Sie aufregende

Zeiten hinter sich hatten.

Arno schämt sich.

-Stimmt. . .

Dr. Weber:

-Na ja, das ist jetzt nicht so wichtig. Wir

werden Ihre Eltern benachrichtigen, dass

Sie aufgewacht sind. Und nach ein Paar kleinen Tests lassen wir

Sie auch gleich wieder schlafen. Und zwar ohne Medikation. (er

lächelt) Und wenn Ihnen etwas fehlt, klingeln Sie einfach den

Room-Service.

Schwester Petra lächelt extramüde zurück und die ganze Blase

schickt sich an den Raum zu verlassen.

Arno senkt den Kopf noch tiefer:

-Danke

Der Prof. :

-Gern geschehen, Herr Leander, gern

geschehen. . .

Sie gehen alle bis auf Schwester Petra und Dr. Weber, die sich

einem Tisch voller Tests zuwenden. Arno lässt den Kopf ins Kissen

fallen und seufzt. (Musik setzt ein. wieder: Joy in Repetition)

Wir verlassen den Raum auch, aber durch die Wand. . .

6

Der Flur vor Arno´s Zimmer. Die Zimmertüre öffnet sich und

Arno´s Eltern verlassen das Zimmer. Sie geht leicht gebeugt, er

nimmt sie in den Arm. Sie schliessen die Türe und wenden uns

den Rücken zu. Aus der Richtung unseres Blickes kommt Schwester

Petra den Gang hinunter und betritt Arno´s Zimmer. Sie schliesst

die Tür, dreht sich um, geht zum Tischchen.

Und murmelt

-Und, war´s schlimm.

Arno ist überrascht.

-Was?

-Na mit Ihren Eltern. Das war ja wohl die

Beichte.

-Sie ha ´m wohl Erfahrung mit schwarzen

Schafen?

-Da reicht Intuition.

-Wie man´s nennt. . .

-Und?

-Was und?

-Na, das Ergebnis!

Arno wird nachdenklich:

-Ach wissen Sie. . . .

-Soll ´n wir uns nicht duzen, ich meine, Sie

werden ja noch ´ne Weile hier sein und ich

auch. . . .

Er guckt sie an, freut sich:

-Klar. Ich bin Arno.

Sie verbeugt sich:

-Petra.

Er, ehrlich. . .

-Du bist nett!!

-Lenk nicht ab. Also, das Ergebnis.

Er sucht Worte

-Ey, das ist nicht leicht, weisste, (Pause)

Ich mein´ das mit den Drogen. Das war jahrelang kein Problem,

also, ich mein´ , isses auch jetzt nicht. äääh..... Also nicht wirklich.

Aber in letzter Zeit war wirklich alles Scheisse, egal, was ich gemacht

hab. (Er denkt nach. . . ) Nur irgendwann denkste dir einfach, was

soll´s und schenkst dir ein. Vielleicht DAMIT mal was

passiert, womit Du nicht rechnest. Hätte ja auch mal was Gutes

sein können. . . .

-Isses auch.

-Was meinste ??

-Ist nicht wichtig. Ja und deine Eltern ??

-Ach die sind total lieb. Inzwischen. Früher

war ich echt der Arsch in der Familie. Aber

sie haben sich damit abgefunden, dass ihr Baby nichts Grosses

geworden ist. Früher gab´s nur Stress, weil ich dieses ganze

Getue, von wegen, unser Sohn soll´s mal besser haben, einfach zum

Kotzen fand. Wir hatten´s schon gut. Aber da war irgendwie keine Liebe. Nur diese glatte Oberfläche und für die hiess es sich gefälligst zu opfern.(Pause)

Na, ich hab´ ihnen eben einfach verklickert dass ich´s jetzt im Griff hab. Is ja auch nicht schwer nach so ´ner Kur.

Petra grinst.

-Tja, Not macht ehrlich.

Sie wendet sich ihm zu, tritt zum Bett.

-Sonst alles klar? Was macht der Rücken ??

-´s gibt schlimmeres.

-Was?

Er lächelt verlogen.

-Ach nichts, hab´ ich nur so gesagt. ´s ist

nur dass ich es einfach gemein finde. Wenn

sowieso schon alles Scheisse ist, kommt´s gleich noch dicker.

Und jetzt häng´ ich hier. Und kann nichts machen.

-Ist vielleicht ganz gut so, oder ??

Kannste wenigstens keinen Mist mehr bauen.

Er nickt genervt.

-Haste wohl recht. (und seufzt)

Sie sammelt noch was ein, bemerkt auf dem Nachttisch bei den

Blumen ein Buch.

-Von Deinen Eltern?

-Ja. Ich hab´ ja noch einen Arm zum umblättern

-Darf ich?

Sie guckt es sich an.

-Irgendsone Schote. Über Südafrika.

-Lieste gern?

-Kommt drauf an. Eigentlich schon. Ist nur

schwer, was Vernünftiges zu finden.

-Und was ist vernünftig?

-Na Thriller, Spion und Spion, Sex and Crime,

so ´n Zeug.

-Also eher NICHT sowas hier.

Sie legt es weg

Arno lacht

-Nee, eher nicht.

Petra packt zusammen. . .

-Ich guck´ mal ob ich was habe.

-Mach dir keinen Stress deshalb.

-Nee.

Sie dreht sich zur Türe.

-Bis später. . .

-Ciao.

Er schliesst die Augen. Rückt sich zurecht, stöhnt leicht.

Und schläft sicher bald.

7

Arno´s Zimmer, immer noch Intensiv. 10 Uhr morgens, Arno hört Musik

über Kopfhörer. Schwenk auf die Tür, die sich öffnet und Schwester

Petra erscheint. In der Hand drei Taschenbücher. Ihr Outfit ist

wie immer, aber sie hat heute Kajal aufgetragen. Er bemerkt sie

und nimmt den Kopfhörer ab.

-Hi!

Sie ist beschäftigt, legt die Bücher ab und wuppt ihre Routine.

-Morgen. Wie isses uns heute?

Er ist ganz gut gelaunt.

-Reif für die Tanzstunde.

-Was hörste?

-Prince, also The Artist oder auch Symbol

genannt.

-Aha.

Er schwärmt, sie klopft das Kissen auf.

-Ey, der Typ ist genial. Nur eben nicht auf

den Ersten Blick.

-Och ´n paar Sachen find´ ich auch gut.

À propos. . . .

Sie gibt ihm die Bücher.

-Hier.

-Was ist das?

-Illuminatus!

-Aha.

Er guckt sich eins an.

-Und worum geht´s?

-Tja, schwer zu sagen. Auf ´n ersten Blick

isses ´ne ziemlich verworrene Story, also bis Seite 100, 150 musste

echt Geduld haben. Auf den zweiten Blick isses ´n Krimi, aber

auch nur zum Spass. Dann isses die Story von verschiedensten

abgedrehten Typen, die alle irgendwie miteinander zu tun haben.

Wirste schon sehen. Aber eigentlich geht es um weisse Magie.

-Wie meinste das?

-Na ja, Magie, also die echte, weisse Magie,

ist die Lehre der Selbstgestaltung eigenen Persönlichkeit

und wie man so dasteht, also. . . . , du nimmst ja nur Dich selbst

wahr, also durch dich selbst, klar?

Arno zuckt mit den Achseln.

-Äh, klar!

-Und weisse Magie ist so quasi angewandtes

positives Denken. Weiss wegen Positiv. Du

entdeckst Dich selbst, erkennst Deine Prägungen und lernst nach

und nach, sie zu verändern. Zu verändern welche schlechte Angewohnheit Dich krank macht, zum Beispiel. Du übernimmst praktisch Deine Erziehung

selbst, noch mal neu, mit allen Erfahrungen die Du gemacht hast, aber auch mit

aller Verantwortung für Dich selbst und Andere.

-Klingt gefährlich. . . .

Sie zeigt auf die Bücher.

-Ich find´s superlustig. Versuch´s mal.

-Wenn Du meinst.

Sie guckt ihn an, dass uns allen ein bisschen warm wird. Sie kennt ihn schon

auswendig.

-Ja, tu ich. Du musst es nur mit Humor nehmen.

Er schlägt mit der flachen Hand auf den Stapel.

-Gut! Ich versuch´s.

Sie bricht auf.

-Super. Bis später dann.

-Ciao.

Sie geht zur Türe raus, er setzt sich einhändig den Kopfhörer

auf, fummelt am iPod rum, beugt sich dann langsamst ´rüber, um zu trinken und lehnt sich genauso langsam mit Hilfe des Galgens zurück und schlägt von den Büchern, die noch auf seiner Decke liegen, das Erste auf.

Vorne drin zuerst ihr Stempel. Petra Schlüter, Strasse, etc.

Er blättert weiter bis es richtig losgeht: "Der erste Trip,

oder Kether". Musik setzt ein, die erste Strophe von Anastacia:

"Not that kind".

Umblättern. . .

8

Schwester Petra, auf dem Flur, nachdem sie gerade das Zimmer

verlassen hat. Sie strahlt, sie hat sichtbar einen Sieg errungen.

Beschwingt läuft sie den Flur hinunter, auf uns zu, und macht

noch so ´ne Art Becker-Säge, sehr weiblich. Sie geht an uns vorbei

und wir sehen eine Kollegin, Rosie, ebenfalls den Flur betreten.

Die Zwei kennen sich.

-Und?

-Was, und?

-Was gibt´s neues vom Helden?

-Ach sooo. . . . Der macht sich!

-Was heisst das?

Petra schmunzelt.

-Er nimmt Nahrung an.

Rosie winkt ab.

-Du und deine Mission.

Petra wehrt sich.

-Ey, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass

Menschen durchaus, und vor allem nach schweren

Unfällen oder einschneidenden sozialen Zwischenfällen, in der

Lage sind, frühkindliche Prägungen zu verändern. Das ist schon

soweit beobachtet worden, dass Leute sich völlig von ihrem

früheren Leben verabschiedet haben, so ´ne Art Midlife-Krise in

vier Wochen erledigt haben. (Bei diesem Satz schmunzelt sie

wieder. . . . ) Ich kann das eigentlich auch nicht glauben, deshalb

will ich das mal Live erleben.

-Und du meinst der schnappt an?

Hach, dieses Lächeln!

-Fertig genug ist er. Wenn du mich fragst, der

ist nur vor ´n Laster gelaufen, weil er ´ne

Auszeit brauchte. Und überhaupt, "vor ´n Laster gelaufen", lass

dir das doch mal auf der Zunge zergehen, da weisste doch

Bescheid, oder ??

-Also ICH glaube, du träumst.

-Kann ja sein aber jeder braucht irgendein

Hobby. Ausserdem stell´ ich mir den ganz süss

vor, wenn er wieder heil ist. . . . (Sie kichert). Das einzig Blöde

ist, dass er nächste Woche auf die Orthopädische kommt, zum

Bewegungstraining, und dann müsste ich vor oder nach der Schicht

hin.

Rosie ernst, mit Zeigefinger. .

-Hobby heisst ja auch: Nach Feierabend!!

Die Beiden lachen und gehen weiter den Flur entlang. . .

Wir sehen einen Schwenk über das entsprechende Krankenhaus,

unterlegt mit der Schrift: "10 Tage danach".

Der Schwenk endet mit dem Blick auf den Grünstreifen zwischen

zwei Krankenhausgebäuden. Wir sehen Petra "in Zivil", d. h. kurze

dunkle Jacke, ausgewaschene aber heile Jeans, halbhohe schwarze

Pumps. Falls ich noch nicht darauf hingewiesen habe, Petra ist

ca. 160 , Ende Zwanzig, hat dunkelbraune, kurze Locken, einen leicht

gebräunten Teint mit Sommersprossen.

Eine kleine Schönheit.

Auf jeden Fall überquert sie die Wiese diagonal und betritt

das andere Gebäude.

9

Das Zimmer auf der orthopädischen Station. Zwei Betten, das eine

leer, aber zerwühlt, in dem anderen liegt Arno, das linke Bein

auf einer elektrischen Schiene, bandagiert. Der Rest unseres

Freundes sieht schon recht munter aus. Er liegt indem Bett am Fenster

und schreibt irgendwas. Die Sonne scheint, es klopft.

Er hebt gerade den Kopf als Petra schon hineinkommt.

-Aah, Schwester, Schwester!

-Hallo!

Und flirtet gleich los.

-Fehlt Dir Dein knackigster Patient?

Sie spielt den Ball.

-Niemand hat mich je schöner den Flur

´runtergejagt, als Du, Blödkopp!

-Dann hast Du Dir eine Pause verdient.

Setz´ Dich!

Sie zieht einen Stuhl ans Bett.

-Eigentlich wollte ich gucken ob Du den

Illuminatus fertig hast.

-Aber Hallo! (Er strahlt) Guter Tip.

-Hat Dir gefallen ??

-Ja, total.

Er legt sein Zeug weg.

-Ich hab´s gefressen. Was soll ich sagen ??

Sie freut sich auch.

-Ja Geil!

Da wird er ernst. . .

-Trotzdem keine Literatur für´n Kranken.

Entweder wurde ich mega-geil oder ich hatte

tierischen Bock auf ´nen Joint. Das ist Folter!

Sie grinst. . .

-´Tschuldigung, das war nicht meine Absicht

aber du hattest ja noch den einen Arm. . .

Er schmunzelt mit.

-Seeehr witzig...

-Und, wie geht´s den Knochen ??

-Ok soweit. hab´ nur die Liegerei

satt. Du glaubst nicht, wie ich mich die Entlassung freue. Wann auch immer.

-Und dann?

-Tja, auf jeden Fall ´raus hier. Aber sonst,

(Er zuckt mit den Achseln. . . ) keine Ahnung. Je

mehr ich so ´rumliege, umso weniger kann ich mir vorstellen, weiter

den Scheiss von Früher zu machen. Reizt mich überhaupt nicht

mehr.

Petra hat sich an sein Fussende gesetzt und lehnt sich zurück.

-Kann passieren.

Er zieht sich mit dem Galgen hoch.

-Ja, (pause) . . . und dann das Buch.

Sie weiss es.

-Was ist mit dem Buch?

-Ich weiss auch nicht, aber ich hatte die

ganze Zeit beim Lesen das Gefühl, dass da einer mit mir spielt

der mich gut kennt, der meine Sprache spricht. Einer der mich

auch total verarscht und alles, weisste. Und man kriegt das Gefühl

das Leben wäre so einfach, kinderleicht zu managen und so. Und

so wie die das schreiben, kann das alles jeder. Da liegste dann

hier und stellst dir das vor, diese Leichtigkeit, diese Frechheit,

wie geil das Leben sein könnte. (Er macht ´ne Pause. . . ) Voll Gemein. In der Wirklichkeit brauchste nur einmal mit wachem Auge rumzugucken, dann willste dir aus Hoffnungslosigkeit die Kugel geben.

Er guckt sie an. Er sieht gar nicht mehr so froh aus, nein, er ist

depressiv. Er ist zu stolz zu weinen, aber nicht mehr lange.

Sie guckt zurück.

-Stimmt.

Er beugt sich vor.

-Und wie kommst DU zurecht ?? Du sagst

"Stimmt", aber so hoffnungslos siehst du

gar nicht aus. Hmm? Was tun Frau Schlauschwester gegen den Frust??

Sie bewegt sich nicht.

-Frau OBER - Schlauschwester kümmert sich

um ihren eigenen Arsch.

-Was soll das heissen?

-Na ja, ich lass mich halt zum Ersten schon mal nicht frusten

von Sachen, die mich nix angeh´n. Das ist das Eine. Wenn sich welche

in Bangla Desh den Kopf einschlagen, is mir das egal. Ich sortiere

die Information die ich wahrzunehmen gedenke. Und ich stelle

klar, dass nicht ich von der Umgebung abhänge, sondern meine

Umgebung hängt von mir ab. Ganz wichtig. Schliesslich bin ICH doch der, der entscheidet, ob irgendas für mich gut oder böse ist. Oder wie die da kyptisch sagen: Gott.

Arno ist etwas verblüfft von dieser Antwort. Er schweigt.

Sie fährt fort.

-Ach, weisste, ich hatte coole Eltern. Die waren

ziemliche Freidenker. ´68 und so. Auf jeden

Fall war immer die Maxime, dass man selbst sein eigener Gott

ist, damit man nichts auf andere schiebt. Und noch so ein Paar

andere Sachen. Hart aber gerecht. Wenn einer tot umfällt: Sein Problem. Das christliche Konzept ist eigentlich unnatürlich, fällt aus der Natur. Und ich hab´ halt sehr früh gelernt, wie der Mensch funktioniert. Es gibt keine Trennung zwischen Körper und Seele und Leben. Wirste krank isses nur ein Zeichen dafür dass irgendwas bei Dir geregelt werden will. Unfälle genauso. Ich mein´ guck Dich an: Alles am Arsch, da rennste mal schnell vorn Laster. Ist doch kein Zufall sondern eigentlich ´ne ziemlich geile Mechanik. Na ja, fasziniert mich halt. Und so ging´s auch weiter. Ich hatte immer schon Bock, zu erfahren, was mit uns Menschen so vorgeht. Hab´ dann auch den Job hier gelernt und viel Fortbildung gemacht, Atmen und Joga und so.

Er lebt wieder hier und jetzt. . .

-Und du glaubst an so was.

-O ja, unbedingt.

Jetzt richtet sie sich auf und wird ernst.

-Du glaubst doch nicht dass das Leben

die totale Spassbremse sein muss. Und nur daraus besteht, sich

in Lügengeflechte zu verwickeln, weil man den Mumm nicht hat, zu sagen was man denkt. Und weil man es allen Recht machen will.

-Sondern?

-Also ich glaube, dass ich über alles der

Bestimmer bin und einfach nur die Pflicht

habe, das Beste aus mir zu machen. Von mir aus im Sinne der

Evolution. Und bestmögliche Gene weitergeben. Denn nur dann, glaube ich, halbwegs entspannt sterben zu können. Und das will ich. Und muss ich dann wohl auch. Zurück in die Verbindung. Bis ich das nächste mal Bock auf ein Leben habe.

Sie lehnt sich zurück, seufzt. Arno sitzt nickend im Bett. Er

guckt auf seine Hände, dann zu Petra.

-Klingt gut. Ich wünschte ich könnte auch

so denken. Nur wenn, dann ginge es mir noch

schlimmer, weil ich mir das alles selbst eingebrockt habe.

Sie schüttelt den Kopf.

-Neiiin. Du bist unschuldig, du wusstest es nicht. Hier ist Deine grosse Chance.

Er ironisch. . .

-Ooh Danke. Und jetzt?

-Ich denke Du wirst Dir was überlegen.

Er nickt. Dann

-Warum tust du das?

Sie lacht.

-Was?

-Na irgendwie riecht´s doch ein bisschen

nach Missionar hier. Du gibst mir die

Bücher, guckst immer so allwissend und hast auf alles ´ne

Antwort. Und Du wirst dich nicht in einen haufen Mullbinden

verliebt haben. . . .

Sie ist ein klein wenig verunsichert.

Lächelt aber über seinen Spruch, zuckt mit den Achseln und

wechselt das überzuschlagende Bein.

-Ok, ein bisschen Missionar schon. Ich hab´

mal gelernt dass gerade Schwerverletzte

in der Genesungsphase die Möglichkeit haben, ihre Prägungen zu

überwinden und das möchte ich eigentlich mal austesten. Und, äh, so

richtig Scheisse bist du auch nicht.

-Danke. Und du glaubst Du kriegst einen

Schwerverletzten mit ´nem Buch zurück auf

den richtigen Weg ??

Petra ist etwas sauer.

-Nee. Das Buch ist der Einsteiger. Zum

Gespräch. Wie du siehst. Aber, hey, ich mach

das nicht mit Hintergedanken. Wir kommen immer so auf das Thema, schon

gemerkt.

Arno hebt die Hand.

-Sorry war nicht so gemeint

-Nicht schlimm. Ich liebe solche Gespräche.

Gehirnjogging. Zehnmal besser als jeder Small-talk.

Arno nickt.

-Hast Recht. Du bist aber auch seit Jahren

die Erste, die sowas draufhat. Und weisste

was, also ich weiss nicht, ob es das trifft was Du so sagst, aber

ich denk´ in den letzten Wochen immer mehr so, wie Du´s da gerade

beschrieben hast. Wenn ich sage, dass ich den alten Scheiss nicht

mehr will, heisst das unter anderem auch, dass ich mich selber

auch nicht mehr so will wie früher. Vielleicht kannst Du Dir

denken was ich meine, aber wenn ich so zurückdenke. . . . . . , meine

Freunde, das waren keine richtigen Freunde, weisst du, so, wo man

hinkommt, die Füsse hochlegt und einfach so rumhängt, ohne das

Gefühl zu haben, man müsste irgendwas tolles sagen oder

tun. Genauso meine Freundin, also die EX, das gleiche

Spiel. Irgendwann fühlst du dich gejagt und willst nur noch in

Ruhe gelassen werden. Deshalb auch die ganze Dröhnerei. Und das

musste aufhören, vielleicht nicht so radikal, aber ich hätte auch echt nicht

gewusst wie sonst.

Er seufzt, sinkt wieder etwas tiefer ins Bett. Petra nimmt seine immer noch bandagierte Linke und tätschelt sie.

-Willkommen im Club

Er lächelt, gerührt.

-Du wirst lachen, ich hab´ schon angefangen

aufzuschreiben, was mir stinkt und wie es

eigentlich sein müsste. Wenn´s nach mir ginge, sozusagen.

-Sehr gut.

Er zieht seine Hand weg.

-Ja, ja, aber wie geht´s weiter? Hat Eure

Allwissenheit eine Idee?

Sie räumt auf. Innerlich.

-Noch nicht.

Sie überlegt.

-Kommt auch darauf an, ob ich Dich weiterhin

heimsuchen darf.

Arno ist ernst.

-Du wärest weiterhin die Einzige. Ich

würde mich sehr freuen.

Petra steht auf. Geht um´s Bett ´rum.

-Ok, ich überleg´ mal, auf jeden Fall hab´ ich

noch das eine oder andere schlaue Buch zu

Hause. Warte mal. . . . Eins hätte ich da, sozusagen als erste Hilfe.

-Hä?

-Na ja, wenn´s mal wieder hoffnungslos

wird und Du nicht weisst, was tun. . .

Sie nähert sich seinem Kopfteil.

-Und das wäre?

-Kreisatmung.

Sie legt ihre Rechte auf seinen Kopf.

-Du atmest einfach ganz bewusst, ohne zwischen

dem Ein-und dem Ausatmen eine Pause zu

machen. Pass´ auf...

Sie steht jetzt über ihm und schaut ihn an, wie eine Mutter, die

gerade ihr Kind stillen will.

-Leg dich zurück, ja so, und jetzt den

Unterkiefer locker lassen, ja, . . . lass ihn ruhig

bis auf die Brust fallen. . . und jetzt lass den Atem wie einen

Wind hinein und hinausfahren. (Er macht es, bemüht sich) Jaaa, schon

ganz Ok. Achte darauf, dass Du die Pause wegkriegst, und dann auf

alle Reaktionen. Das ist Dein Körper, der sich entspannt. Und wenn

Dir unwohl wird, nimmste einfach einen ganz tiefen Seufzer, am

besten mit Ton, so: (Sie macht es vor. . . ) Dann kannst Du Dich

entscheiden, ob du aufhörst oder weitermachst.

Aber ganz wichtig: Zwing´ Dich zu nichts und hab´ Geduld.

Geduld wirst Du eh am meissten brauchen.

Arno hat mitgemacht und seufzt jetzt, mit Ton.

-Fühlt sich gut an.

-Ist es auch. Aber wie gesagt, mach´ langsam.

Wenn Du willst, komm´ ich ab und zu mal mit ´n bisschen mehr

Zeit. Zum Fachsimpeln. . . .

Da ist es wieder, dieses Schmunzeln. . .

Arno rafft sich hoch.

-Ja, klar, ich bin noch mindestens drei Wochen

hier. Würde mich echt freuen.

-Ok, ok, aber jetzt muss ich!

Er gibt ihr die Bücher.

-Und Danke, ne!

-Nichts zu Danken, pass´ auf Dich auf!!

Sie schütteln sich die Hände. Irgendetwas verbindet sie jetzt.

Das wissen sie. Lächelnd sagen sie sich Tschüss und das Auge

folgt Petra hinaus auf den Flur, wo wir sie noch bis zum

Treppenhaus begleiten.

10

Arno´s Zimmer auf der Orthopädischen. Sein Bettnachbar, ein Mann

ca. 45, herber Typ liest. Arno ist eingeschlafen. Es klopft.

Der Nachbar bittet herein und es erscheint: Sabine, Arno´s Ex.

-Arno, Besuch für Dich!

Arno wacht auf, streckt sich so gut es geht und blinzelt Sabine an.

-Sabine ??

-Ja, Hallo!

Er ist noch nicht wach. . .

-Was. . . . . . . . . führt Dich hierher?

-Ja, ich wollt´ sehen wie´s Dir geht.

Hab´s von Victor gehört. Aber vorher konnte

man ja nicht zu Dir. Darf ich?

Sie nimmt einen Stuhl. Arno richtet sich im Bett auf und bedeutet

ihr an sein Bett zu kommen. Zu seinem Nachbar sagt er

-Hey , Bobbes, haste nicht Lust eine rauchen

zu gehen?

Er nickt.

-Schon klar.

Und erhebt sich.

-Super. Komm, setz´ Dich.

Sabine fummelt an einer Plastiktüte ´rum.

-Hab Dir auch was mitgebracht.

Sie zeigt ein Buch, "Der Medicus".

-Einmal, was zum Lesen, hast ja soviel Zeit, und

zweimal(Sie bringt einige CD´s ans Licht)

hier, die hatt´ste noch bei mir.

Er legt die Sachen zur Seite.

-Danke.

-Und, wie geht´s Dir. Du siehst ja eigentlich

voll gesund aus.

-Ja, es geht voran. Nächste Woche darf ich

wahrscheinlich zum ersten Mal aufstehen.

Sie ist verlegen, klar. . .

-Und, tut´s noch weh?

-Nee, weh tut´s nicht mehr so. Manchmal merk´

ich noch was, aber ich glaube, das wird noch

´ne Weile so gehen. Und grosse Sprünge gibt´s wohl erst wieder

im Herbst.

Sie ringt nach Worten. . .

-Na Ja. . . . Schade.

Er bleibt sachlich.

-Tja, Schade.

Ein Satz wird geboren.

-Du. . . . . . . ich wollte mich entschuldigen

für die Szene neulich, das war sicher nicht

richtig von mir. . . .

-. . . . Weil ich am nächsten Tag vor´s Auto

gelaufen bin.

-Neeiin. . . .

Sie heuchelt, quält sich. . .

-Aber ich hatte so ´n scheiss Gefühl, als

ich das gehört hab, Abends. Und ich. . . .

Arno winkt ab. . .

-He, he. Entspann´ Dich. Weisst Du. . .

Er wird ernst.

-Abgesehen davon, dass auch Frischverletzte

Besuch empfangen dürfen, muss ich Dir auch

noch was sagen. Du hattest Recht. Die Frau in dem Laden fand ich

klasse, und viele andere davor auch. Und es werden hoffentlich

noch viele kommen. Es tut mir Leid, dass ich Dir jahrelang was

vorgemacht habe, aber ich gucke echt nach je-dem Arsch. Immer

schon. Und, vor allem, gerne. Das hat gar nichts damit zu tun, ob

ich Dich liebe, oder nicht. Aber ich hätte es halt auch sagen

müssen. Und noch was: Du hattest öfter Recht als Du denkst.

Immer, wenn Du mir vorgeworfen hast, es ginge mir nur ums

Ficken, lag mir ein grosses "Ja!! " auf den Lippen. Als Du

sagtest, mich interessiere nur Dein Arsch um mich an Dir zu

jucken(er lächelt, hebt die Arme) . . . . . ebenso. Und, Und, Und. . . .

Dabei macht er mit rechts eine rotierende Handbewegung.

Sie staunt und schluckt.

-Aber. . . . . . .

-Ja, sorry, aber ich muss es mal sagen.

Natürlich hab´ ich hier viel Zeit zum

Nachdenken und da wird einem Manches klar, verstehst Du.

Sie schluckt und schnieft.

-Aber es war doch auch so schön mit uns. Denk

doch mal. . . .

Er ist reserviert.

-Ja, ja, es war schön. Aber auch nur weil ich

mich ständig angepasst habe, an das, was Du

wolltest. Immer schön kuschelig und so. Ich meine, zum Pornos gucken

musste ich immer nach hause und von den anderen schönen Sachen

wolltest Du auch nie was wissen.

Sie wehrt sich. . .

-Scheiss Pornos und so. So stell ich mir

halt die Liebe nicht vor. Ich wollte nur

gut zu Dir sein. Ich dachte wirklich zwischendurch, wir würden

gut zusammenpassen. Auch für später. Und vielleicht mal

zusammenziehen und so.

Arno versteht.

-Ja klar. Ich weiss. Aber ich hatte zu so was

nie ´ne Meinung. Was ich von Dir eigentlich

wollte, waren echt nur die schönen Stunden. Weil Du gut aussiehst.

Die grosse Liebe hab´ ich mir immer anders vorgestellt.

Sie resigniert.

-Aber nie was gesagt. . . .

-Tja, leider wahr, sorry. Aber ehrlich, ich

hab´s auch selber so gar nicht gemerkt. Ich

sag das jetzt so, weil ich halt viel darüber nachgedacht habe.

Vorher. . . . . ich meine, ich hab´ mir nie ´n Kopf darüber

gemacht, dass ich mir nach ´nem Wochenende bei Dir erstmal einen

´runterholen musste. Also, entschuldige meine Ehrlichkeit, aber

genau so war ´s. Und ich war so froh, dann wieder für mich alleine

zu sein. Das war dann wie Urlaub. Aber ich dachte das ist immer

so.

Sie hebt schlapp die Hand. . .

-Und jetzt?

-Jetzt glaub ich das nicht mehr. Inzwischen

glaub ich, dass es halt sehr anstrengend

und lusttötend von mir selber war, mich dauernd so zu verstellen.

Aber das hab´ ich damals immer gemacht, wie ein Automat! Sorry. . .

Eigentlich war ich nach der Szene froh, dass das zu Ende war.

War zwar auch schade, aber auf jeden Fall besser so.

-Dachtest Du, ja. Auf jeden Fall war ich´s

auch gründlich Leid. Aber dann war mir halt die ganze Zeit nicht

klar, ob das hier nicht vielleicht doch auch mit uns zu tun hatte.

-Nein, nein. Mach dir keine Sorgen.

Er will das Thema beenden.

-Das ist hier meine Kiste.

Er klopft auf sein Bein.

-Aber erzähl doch mal, wie´s Dir geht.

-Eigentlich ging´s mir ganz gut, aber Deine

Erkenntnisse geben mir jetzt echt zu denken.

Sie ringt mit den Händen, es kämpfen Hysterie gegen weibliche

Souveränität, 17. Runde....

-. . . . . . . . . Ich weiss nicht ob ich noch Mitleid

habe oder schon wieder stocksauer werde

Er hebt die Achseln.

-Könnte ich Beides verstehen. Aber bitte

sei mir nicht böse. Ich muss irgendwas

ändern, und, mal die Wahrheit zu sagen, auch wenn´s weh tut, ist

der Anfang. Ausserdem denk ich, ein bisschen Wahrheit sind wir

uns schon schuldig.

Sie resigniert erstmal endgültig.

-Na ja, kann sein. Wenn´s Dir hilft. Ich hab´

niemanden belogen. . . . . . . . . Ach scheisse!!

Sie steht auf.

-Ich wollte Dich echt nicht mehr sehen. Aber

eigentlich bist Du ganz nett und ich dachte

vielleicht renkt sich´s noch ein. Aber dann auch wieder nicht. . .

Ach ich weiss nicht. . . .

Sie geht zum Fenster, guckt raus.

-Ich denke ich sollte jetzt gehen. . . . .

Haste mal was von den Anderen gehört ??

von Victor, Charlie B oder Tanja.

-Nee.

-Keiner mal hiergewesen ?? Säcke!

-Stimmt. Nee, keiner hiergewesen, ausser meinen

Eltern und einmal der Frank, mein Kollege.

-Na ja, kein Wunder. . . .

-Was, dass ich die nicht seh ´n will, oder

dass die nicht kommen?

-Beides wahrscheinlich. Na ja. . . .

Sie wendet sich wieder Arno zu.

-Ich muss jetzt. Vielleicht guck´ ich noch mal

vorbei. Was ist eigentlich mit Deiner Wohnung.

-Zahlt die Kasse. Ich krieg´ zum Glück

Tagegeld.

-Schwein gehabt.

Sie wird noch mal ernst.

-Arno, ich geh jetzt. Ich muss das erstmal

verdauen, was Du hier auftischt. Wie

gesagt, vielleicht melde ich mal.

-Kein Problem, Hey, Ja?!

Sie geht zur Türe.

-Nee, keine Sorge. Mach´s gut, ja!

-Du auch, tschö!

-Tschö!

Sie schliesst die Türe hinter sich. Arno fällt zurück ins Bett.

Starkes Ausatmen seinerseits. Augen zu, einatmen, dann wieder

ausatmen, mit Ton, mit grossem Seufzer. . .

Irgendwann kommt sein Nachbar zurück. Durch die Türe sehen wir

ins Zimmer und hören den Nachbarn

-Und, Stress?

Arno winkt ab.

-Nee, Nee. Trotzdem danke.

Wir sehen ihn noch lächeln, dann schliesst sich die Türe.

11  

Krankenhausflur. Arno an Krücken von Hinten, nah. Am Ende des

Ganges, den wir Arno hinuntergehen sehen, öffnet sich die Türe

und Petra erscheint. Wie immer sieht sie fantastisch aus. Rotes

Minikleid, die schwarze Lederjacke, Turnschuhe.

Plastiktüte.

Sie wirkt ein bisschen abwesend, das erkennen wir daran, dass

sie nicht richtig strahlt, als sie da so langsam auf Arno zugeht.

-Hi, Petra!

-Hi!

Sie guckt ihn sich von oben bis unten an. . .

-Und?

-Wie Du siehst, ich arbeite daran.

-Schön. Das trifft sich.

Arno dreht sich um und beide gehen den Gang runter.

-Stress gehabt?

-Ja. Letzte Woche war hart. Zuerst war eine

Kollegin zuviel krank, also Extraschichten. Und

dann hatte ich einen Rohrbruch in der Wohnung. Da ist ganz

einfach irgendwann Wasser aus der Deckenleuchte getropft. Abends

um Neun. Klasse!! (Sie fuchtelt mit den Armen. . ) Eimer drunter, dann

gucken wen du anrufst. Ganze Nacht nicht gepennt, weil ich immer

den Eimer auskippen musste und dann lief es auch noch die Wände

im Flur runter. Irgendwann um Sieben, (Sie grinst schlussendlich. . )

hab ich einfach die Haustür aufgemacht und die Brühe mit der

Gummilippe ins Treppenhaus geschoben. Um Acht kam der Klempner.

Diagnose: Super-GAU!! Eine Woche Grossbaustelle bei Schlüter.

Klasse, wa ??

Arno lacht.

-Au Scheisse. . . .

-Kannste sagen.

Inzwischen sind die beiden bei Zi. 23 angekommen, haben die Tür

geöffnet und Arno steht neben dem Bett. Das Bett seines Nachbarn

ist frisch gemacht und unbenutzt.

-Ich hab´ mich schon gewundert, dass du dir

so lange Zeit gelassen hast. Da ist mir

aufgefallen, wie wenig ich über Dich weiss. Zumal ich wieder viel

Ruhe hatte. .

Er nickt in Richtung des Nachbarbettes, setzt sich dann auf sein

Eigenes, dreht sich in Fahrtrichtung und lässt sich dann in

die Kissen zurückfallen.

Petra greift sich ´nen Stuhl und setzt sich rechts von ihm.

-Puuh! (sie lächelt schüchtern)

Er richtet sich wieder auf und ergreift ihre Hand.

-Schön dass Du da bist. Ich weiss zwar immer

noch nicht, womit ich das verdient hab, aber

Ich freu mich total über Deinen Besuch!

Sie braucht Trost, sagt aber nichts.

Dann steht sie auf, setzt sich auf die Bettkante und ergreift

auch Arno´s andere Hand. In der Bewegung fällt sie auf Arno

drauf, der aber nichts macht, ausser sie zu halten. Und dann zu

drücken.

Irgendwann hebt sie den Kopf und beide lächeln sich an. Und

drücken sich und seufzen noch ein-, zweimal. Arno will eigentlich

was sagen, aber sie merkt das und legt ihm einen Finger auf

die Lippen.

Sie guckt ihn an, lange und tief, beugt sich vor und küsst ihren

Finger, der immer noch auf Arno´s Lippen liegt, um ihn dann

wegzuziehen. Dann beginnt sie ganz vorsichtig Arno zu küssen. Als

er sich von der Überraschung erholt hat und beginnt seinen Mund

zu öffnen, hält sie inne. Sie guckt ihn wieder an, ganz ernst, und

beginnt hörbar tief zu atmen. Dann küsst sie ihn wieder,

tiefer, wilder, offener. Währenddessen beginnt auch Arno heftiger

zu atmen. Wir hören beider Atem wie sie sich langsam, unter tiefen

Küssen, aneinander anpassen. Dann lösen sie sich voneinander. Petra

guckt ihn wieder ernst an und atmet sichtbar weiter. Er begreift

und auf einmal sitzen sie sich stark atmend gegenüber. Dabei

streicheln sie sich gegenseitig einzelne Gesichtspartien,

hauptsächlich Augenbrauen, Wangen und Hals.

Plötzlich zieht Arno sie wieder zu sich hin, küsst sie mit seiner

Nase überall, im Haar, am Hals, an ihrer Nase während seine rechte

Hand ihre Taille umfasst. Sie fährt daraufhin mit ihrer Rechten

in den Ausschnitt seines Bademantels um ihn nach unten hin

aufzuziehen. Als sie seinen Schwanz erreicht, stöhnt Arno leicht

auf und drückt sie zurück. Ganz Zärtlich. . .

-Heee. . .

Sie ist ganz klar.

-Was? Angst?

Er lächelt. . .

-Ja, vor der Schwester.

-Und wenn schon. . . . .

Sie macht einfach weiter. Er küsst sie und lacht. Da lacht sie

auch, während er ihr Kleid langsam nach oben schiebt und sie

beide atmen, lachen, stöhnen.

Und, unter uns, es ist niemand ins Zimmer gekommen. Zumindest eine

ganze Zeit lang nicht. Erst dann, als Petra zufällig im Bad ist

kommt eine Kollegin mit dem Kaffee. Sie bemerkt nicht das rote

Kleid, das Arno schnell unter die Decke gezogen hat, dafür aber

ihren Slip, der auf dem Boden liegt. Lächelt und zieht ab.

Dann schleicht Petra wieder aus dem Bad, zu Arno ins Bett.

Sie kichert. Arno ist völlig weggetreten. Er krempelt sie ein

und küsst sie.

-Zieh doch hier ein.

-Guter Plan.

Beide seufzen und kuscheln sich noch mehr ineinander.

-Irre!

Sie ist ganz Realo.

-Ja!

-Nein Du!

-Ja! Und du!!

Er streckt sich und packt dann an ihren Arsch.

-Ich könnt schon wieder. . . . .

Sie räkelt sich mit.

-Dann aber schnell, ich muss bald los!!

Irgendwann später steht sie im Zimmer und schlängelt sich in

ihr Kleid.

-Scheiss Handwerker, scheiss Krankenhaus. .

-Du könntest bei mir hausen, solange.

-In Deiner Wohnung ??

-Ja. . . . ich mein´, da sieht´s sicher auch

schlimm aus. Aber wenigstens kein Staub und

keine Handwerker, morgens um sieben.

-Wo iss ´n das?

-Von Stetten Str. , am Südpark.

-Hm.... Ich weiss nicht. Einfach so?

-Hey, du kannst es Dir ja mal ansehen.

Ist wohl nicht mehr aufgeräumt worden, das

heisst, da liegt noch viel Sünde, ´rum, aber das wäre ´ne

Gelegenheit, dass das mal jemand entsorgt. Oder zumindest aufräumt.

Sie guckt ihn zweifelnd an. So von unten, mit Humor. . .

-Du bist ja mutig....

Er bleibt ernst.

-Also ich denke, das Gras könnte man aufheben,

die Porno´s brauch ich wohl erstmal nicht

mehr und das Koks muss weg. Dann müsste wohl das Bettzeug mal

gewaschen werden. Und du musst einkaufen. Wenn ich demnächst

heim darf, muss der Eisschrank voll sein. . . .

Sie mustert ihn.

-Ich weiss nicht. . .

Er hebt die Arme und guckt ganz warm zurück.

-Na guck´s Dir halt an. Hey, ich würd´ dir

sicherlich alles mögliche erklären wollen,

aber irgendwie vertrau ich Dir. Wie ´nem Bruder. Und das nicht

erst seit heute.

Sie geht zum Bett, setzt sich und küsst ihn, leidenschaftlich. Ihre

rechte Hand sucht schon wieder.

-Schlüssel her!

Er ächzt.

-Oh Keeee. . . .

12

Wir sehen Arno´s Wohnungstür von innen. Ein Schlüsselbund

rasselt und die Türe geht auf. Arno erscheint, auf Krücken, Petra

hinter ihm, mit einer Sporttasche. Kaum steht er in der Türe sagt

er

-Wow!

und humpelt weiter.

Petra folgt ihm, lässt gleich die Tasche fallen und schliesst

die Tür hinter sich.

Die Wohnung ist eine typische Singlebude, 1 Zi. /K/D/B aus den 70ern.

Eigentlich mal weiss gestrichen, aber mit viel Prüll vollgestellt,

vor allem in den Ecken.

Das Zimmer ist quadratisch, 5x5, mit einem grossen Fenster, dass aber vom Rouleau halb verschlossen ist, Couchbett, niedriger Tisch und ein bequemer

Sessel. Ein kleines Regal beherbergt unendlich viel Kleinkram, aber

auch eine nicht ganz billige Anlage. Das Ganze serviert auf

marineblauem Teppichboden. Ein grosser Spiegel natürlich. An der Wand...

Die Küche ist aus Einzelteilen vom Sperrmüll und mit einem Tisch

und vier Stühlen ausgestattet.

Das Bad eher ranzig, aber frisch geputzt. Im Flur hängt eine

überfüllte Garderobe.

Die Beiden gehen in die Küche.

-Kaffee ??

-Gerne. Hast ja echt gerackert, was?

Sie werkelt. . .

-Sah´ ja auch aus wie Hund. Wenn ich hier

unter anderen Umständen ´reingekommen

wäre, wär´ ich gleich wieder raus. Also: Das Koks ist ins Klo, die

Video´s in der Kiste und das Gras wieder im Döschen.

-Du bist perfekt.

-Ich weiss.

Arno steht auf und humpelt in den Flur. Man sieht ihn dann mit

der Sporttasche ins Zimmer gehen. Er packt aus, sie hantiert in

der Küche. Dann kommt er zurück, ein Heft in der Hand.

-Kommt mir völlig fremd hier vor. Ääh, . . .

nicht, weil´s so sauber ist, nee, einfach so. War

schliesslich auch fünf Monate nicht hier.

Sie steht am Eisschrank.

-Schon klar. Milch?

-Nee, nur Zucker.

Auf dem Herd steht eine Italienische "Bialetti" 6 tazze.... , der original Aluminium - Espressokocher für den einfach gestrickten Geniesser. Das Original. Niemals Spüli... ´ne Wolke!

Vergesst diese Edelstahldinger... schmecken nicht!

Er wedelt mit seinem Heft.

-Mal was lesen ??

-Was ist das?

Er steht am Tisch, mit nur einer Krücke.

-Ich hab´ Dir doch erzählt, dass ich manchmal

in langen Nächten so aufgeschrieben hab´ , was

mir so durch den Kopf ging. Ist manchmal ganz lustig.

-Ja, zeig mal.

Er gibt es Ihr und wackelt zurück ins Zimmer.

Aus der Bialetti steigt, mit entsprechendem Röcheln, Wasserdampf

auf, eine weibliche Hand nimmt sie vom Herd, stellt sie ab, rührt

kurz um und giesst zwei Henkelbecher voll.

-Arno, Kaffee!

-Komme!

Er kommt auch gleich angehinkt. Petra sitzt schon, Kaffee und

das Heft vor sich. Er kommt um den Tisch ´rum und steht vor Ihr.

guckt sie an.

-He, danke! (Pause) Für alles.

Sie guckt hoch, lächelt.

-Komm, setz´ Dich.

Es setzt sich über Eck, beugt sich vor und dann küssen sie sich.

Ein bisschen. Als sie fertig sind, klopft sie mit der Hand auf

das Heft.

-Spannend! Zeitung ??

-Ok.

Sie zeigt auf einen Stapel. Er kommt mit langem Arm dran und

beginnt zu blättern. Sie liest auch. Der Kaffee dampft. Bis sie

das Heft irgendwann zuschlägt und zur Tasse greift.

-Nicht schlecht! Wusste gar nicht, dass Du

so albern sein kannst.

Er guckt hoch, grinst.

-Ich auch nicht. Was haste gelesen. Das mit

der Bank?

-Nee, das mit dem Funkstrom. Hihi. . . . Völlig

Pelle!

Sie macht Kussmäulchen, trinkt einen Schluck und liest dann

weiter. Er macht Pause mit der Zeitung und schlürft.

-Schlürf nicht so!

Er grinst frech zurück.

-Ja, Mama!

Sie guckt skeptisch hoch, daraufhin machen beide Kussmäulchen

und gehen dann schmunzelnd ihren Texten nach. Irgendwann steht

Arno auf und geht wieder nach nebenan. Petra liest weiter.

Später sitzt Arno auf dem Couchbett, das gerade seine Bettform

angenommen hat und sortiert irgendetwas. Petra erscheint im

Türrahmen bleibt da stehen und guckt nur. Irgendwann bemerkt

er sie. Sie löst sich aus dem Rahmen, kommt langsam auf ihn zu

und zieht gleichzeitig ihr Top aus. Kein BH. Sie steht dann am

Bett und öffnet ihre Jeans. Rauchige Stimme. . . .

-Willkommen zu Hause.

Er erinnert sich, da war doch was. . .

-Ooh, Jaa. . .

Setzt sich auf, zieht sie zu sich heran und beginnt sie vom Nabel abwärts zu küssen.

Dabei zieht er ihr die Jeans, mitsamt Schlüpfer, ´runter und hilft