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Dieser spannungsgeladene Thriller spielt während des 2. Weltkriegs in der Schweiz, direkt an der Grenze zum damaligen Deutschen Reich. August Golaz, ein skurriler Einzelgänger mit Klumpfuss und auf dem einen Auge blind, betreibt ein heruntergekommenes Fahrradgeschäft. Ab und zu ist er für einen ominösen Auftraggeber als Spitzel tätig. Eines Tages dringt er unbemerkt in ein Haus ein, das er nur von aussen zu beobachten hat, und belauscht dort heimlich zwei Deutsche, die einen Plan besprechen. Es geht um Gelder, die konspirative Kreise illegal in die Schweiz bringen wollen, als Putschfond für und nach einem möglichen Sturz Hitlers. Das Geld soll in mehreren Teilen in Basel über die Grenze gebracht werden, in Säcken unter einem Laster versteckt, wobei der Fahrer nichts von der wertvollen Fracht weiss. In einem weiteren Schritt sollen diese Gelder – Millionenbeträge – in einer Schweizer Bank in Gold umgetauscht werden. Golaz witterte das grosse Geschäft. Doch unvorhergesehene Ereignisse treiben ihn in eine verzweifelte Suche nach dem Geld. Er wird zum gefährlichen Täter, der meuchelnd seine Spuren hinterlässt. Unter seinem langen, schwarzen Ledermantel versteckt eine selbstgefertigte Waffe – eine stabile und vorne zugespitzte Fahrradspeiche, an der er unten einen hölzernen Griff befestigt hat. Doch er verstrickt sich mehr und mehr in einem Netz von Zusammenhängen, die er immer weniger durchschaut und wird so vom gnadenlosen Jäger zum Gejagten von undurchsichtigen Personen, die selber zu allem bereit sind …
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Jon Pan
Der Meuchler
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Impressum
Kapitel 1
Der Feldweg war vom Regen aufgeweicht, und die Dunkelheit stahl den vielen Pfützen den Glanz. Kein Licht, nichts, nur das Geräusch von zwei Rädern, die sich unruhig ihre Bahn im matschigen Untergrund suchten. Weiter oben saß, mit krummem Rücken, den Kopf eingezogen, ein Mann auf dem Sattel und trat schnell und kräftig in die Pedale. Der Regen prallte gegen seinen schwarzen Ledermantel, der durch die Nässe an Festigkeit verloren hatte. Die wollene, mit Wasser vollgesogene Mütze, die der Radfahrer auf dem Kopf trug, hing ihm vorne ins Gesicht, war schwer wie dicker Brei. Aber er kam gut voran, sehr gut sogar.
Etwa zehn Kilometer hatte August Golaz nun hinter sich. Es musste nach acht Uhr sein. Fünf Kilometer lagen noch vor ihm. Das war in einer Viertelstunde zu schaffen. Er durfte einfach nicht stürzen. Und niemandem begegnen.
Wie immer hatte er die Anweisung an der vereinbarten Stelle abgeholt. Ein Zettel, auf dem in knappen Worten der Auftrag stand, dazu eine Zwanzigfrankennote, alles durch ein Stück Zeitung geschützt. Man schien inzwischen Vertrauen zu ihm zu haben. Sie wussten eben, dass sie sich auf August Golaz verlassen konnten!
Der Regen verstärkte sich. Windböen fegten in die Wasserfäden, peitschten sie auseinander. Golaz schnaubte vor Anstrengung. Die Beine bewegten sich in gleichmäßigem Tempo, immer an der Grenze zur Hast. Er tauchte in gefährlicher Schräglage in ein kleines Waldstück ein, trat weiter in die Pedale, obwohl der Weg nun abwärts führte. Die Lenkstange vibrierte durch die Erschütterungen, die der nun härtere Boden verursachte. Golaz hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Was er einmal in den Händen hatte, ließ er nicht mehr so schnell los.
Schon befand er sich wieder auf einem freien Feld. Er kannte die Strecke genau. Von hier aus hätte er nun die Lichter der Ortschaft, in die er unterwegs war, sehen können. Doch kein Schimmer drang zu ihm durch. Und das lag nicht am Unwetter. Es war Krieg, was ohne Verdunkelung der Fenster, nahe an der deutschen Grenze auf Schweizerseite des Rheins, kritisch hätte werden können.
Golaz erreichte die ersten Häuser. Er hatte absichtlich einen kleinen Umweg gemacht, um nicht bei zwei Bauernhöfen vorbeifahren zu müssen. Dort gab es Hunde, und er durfte um nichts in der Welt auffallen. Wie ein Schatten schoss er durch Nacht und Regen. Bremste ab. Schob das Rad hinter eine Mauer, wo er es auf den Boden legte. Dann richtete er sich auf und blieb stehen, lauschte, trat hinter der Mauer hervor.
Kein Mensch war zu sehen. Die Fenster der Häuser verschmolzen mit der Nacht, verdunkelt, sollte hinter ihnen Licht brennen. Golaz machte einige Schritte. Das eine Bein zog er leicht nach, die Folge eines Klumpfußes, unter dem er seit seiner Geburt litt. Seine Hand griff in die Tasche des Ledermantels und umschloss die Pistole vom Kaliber 6,35 Millimeter.
Golaz schlich die Friedhofsmauer entlang, verließ sie, überquerte einen Schulhof. Noch immer regnete es.
Das Haus lag seitlich des Dorfausgangs. Eine hohe Hecke zäumte es ein. Es handelte sich um eine Villa. Wer hier wohnte, war nicht arm. Doch wer wohnte hier? Golaz wusste es nicht. Das gehörte nicht zu seinem Auftrag.
Noch immer hielt er die Pistole in der Manteltasche umschlossen. Jetzt wurde genaues Beobachten von ihm gefordert, was ihm nicht leicht fiel, denn Golaz war auf dem einen Auge fast blind, das ebenfalls seit seiner Geburt. Er schaute sich um, suchte eine geeignete Stelle, die ihm Schutz, aber auch eine gute Aussicht bot. Er entschloss sich, hinter einem der auf der anderen Straßenseite stehenden Kastanienbäume Posten zu beziehen.
Sein Auftrag lautete: Haus observieren ab 20.30 Uhr. Genaue Uhrzeit, wann männliche Person, vermutlich mit Wagen unterwegs, das Haus verlässt. Auch andere Vorkommnisse wie zusätzliche Personen, die kommen oder gehen, musste er aufschreiben. Diese schriftliche Anweisung hatte Golaz natürlich längst verbrannt.
Es konnte eine lange Nacht werden, das war er sich bewusst. Warum bekam er nicht endlich bessere Aufträge, vor allem welche, die mehr Geld einbringen würden? Doch gab es solche Aufträge überhaupt? Golaz zog sich die Nase hoch, schob sich die klatschnasse Wollmütze aus der Stirn. Warum tat er das hier? Weil er sein Land von den Nazis beschützen wollte? Weil er ein Patriot war, einer, dem etwas an seinem Vaterland lag? Oder tat er es bloß wegen des Geldes? Ja, es ging ihm finanziell nicht gut. Sein kleines Fahrradgeschäft brachte kaum etwas ein. Die Zeiten waren eben schlecht. Doch allein daran lag es nicht. Schon als er vor acht Jahren aus seiner Geburtsstadt Genf hierher an den Rhein gezogen war, hatte er nichts als Schulden gehabt. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, zwei Jahre später ein eigenes Fahrradgeschäft zu eröffnen und bis heute zu behalten. Wie lange noch? Die Generalmobilmachung hatte ihn nicht erfasst. Und trotzdem arbeitete er nun für sein Land.
»Merde!«, fluchte er, was er immer auf Französisch tat. Mit der einen Hand stützte er sich am Kastanienbaum ab. Das Haus schien zwischendurch gar nicht vorhanden zu sein. Und wenn sich seine Umrisse für Golaz Auge aus dem Regendunkel herausschälten, wirkte es unbewohnt.
Zwei Stunden verstrichen. Golaz hatte zwischendurch einige wenige Schritte zur Entlastung seiner Beine unternommen, vom einen Kastanienbaum zum anderen und wieder zurück. Sollte er denn die ganze Nacht hier stehen? Für zwanzig Franken! Er wusste ja nicht einmal, um was es hier ging! Wenn schon, dann wollte er weiterkommen, mehr wissen, um mehr unternehmen zu können. Ewig den kleinen Spitzel zu spielen, lag ihm nicht. Er war doch kein Idiot, den sie für ein paar lumpige Franken ausnützen konnten und den sie dann im entscheidenden Moment so oder so fallen ließen.
Golaz trat hinter dem Kastanienbaum hervor und schritt auf die Hecke zu. Dort angekommen, bückte er sich. Der Ledermantel gab mit wässerigem Knirschen nach. In geduckter Haltung schlich er die Hecke entlang, was mit seinem Klumpfuß nicht einfach war. Mit der einen Hand tastet er ins Gebüsch hinein und suchte nach einer Stelle, an der er durchschlüpfen konnte. Als er eine Öffnung fand, zwängte er sich auf die andere Seite.
Jetzt musste er besonders vorsichtig sein. Einen Moment lang zögerte Golaz sogar, überlegte, ob er nicht besser zurückkriechen sollte. Seine Hand holte jedoch die Pistole aus der Tasche. Er entsicherte sie. Es war nicht auszuschließen, dass hier ein Hund zur Bewachung des Hauses gehalten wurde. Nur hätte der sich längst bemerkbar machen müssen! Golaz zielte mit der Pistole in die Dunkelheit, verharrte in gebückter Stellung, horchte die Gegend nach einem verdächtigen Geräusch ab. Dann erhob er sich und eilte mit schnellen Schritten auf das Haus zu, presste sich dort gegen die Wand.
Direkt neben ihm war ein Fenster. Golaz kauerte sich darunter, ging mit dem Kopf höher, suchte nach Ritzen, durch die Licht schimmern könnte. Dunkelheit. Sofort beschäftigte er sich mit weiteren Fenstern, die im Parterre alle vergittert waren. Auch hier: Dunkelheit. Golaz kam auf die hintere Seite des Hauses und wandte sich dort den unteren Fenstern zu. Es gab auch eine große Veranda, der er sich besonders vorsichtig näherte. Vom Garten her führte keine Treppe in sie hinein. Verdammt verlassen wirkte das alles. Golaz störte es nicht, dass er bei seiner Sucherei in die Rosenbeete trampelte. Die Pistole hielt er schussbereit in der Hand.
Warum versuchte er nicht, ins Haus zu gelangen? Das entsprach zwar nicht seinem Auftrag. Doch wieso sollte er stundenlang im Regen stehen und auf etwas warten, das möglicherweise gar nicht passierte.
Golaz bog um die Hausecke und entdeckte die freistehende Garage, zu der von vorne die Einfahrtsstraße führte. Er schlich sich näher heran. Auf dem Vorplatz stand kein Wagen. In der Seitenwand der Garage ertastete Golaz eine kleine, vergitterte Öffnung, die als Lüftung diente. Er bückte sich, und hob einen leichten Kieselstein auf. Nachdem er sich nochmals vergewissert hatte, dass alles um ihn herum still war, warf er den Stein zwischen dem engmaschigen Gitter ins Innere der Garage, wo er gegen Blech traf, das ganz nach der Karosserie eines Autos klang. Genau das hatte Golaz wissen wollen. Es befand sich also ein Wagen in der Garage.
Nachdem er sich wieder dem Haus zugewandt hatte, drückte er mit der Hand gegen eines der Kellerfenster, zuerst schwach, dann stärker. Es gab etwas nach, ließ sich aber nicht öffnen. Vielleicht sollte er versuchen, es mit den Schuhen aufzustemmen. Auf jeden Fall würde das weniger Lärm als das Einschlagen der Scheibe machen. Golaz holte aber sein Taschenmesser hervor und schob die stabile Klinge zwischen die Rahmen der beiden Flügel, wo er das Schloss vermutete. Zu seiner Überraschung schnappte das Fenster auf, die Flügel klappten seitlich weg. Golaz schaute hinter sich, wartete einige Sekunden, steckte dann den Kopf durchs Fenster und horchte. Stille, und das offenbar im ganzen Haus. Also stieg er ein.
Der Raum roch nach Waschküche, Golaz schloss das Fenster hinter sich zu. Er hatte Streichhölzer bei sich, in der Brusttasche seines Hemdes, unter Ledermantel und Wollpullover, also bestimmt trocken. Aber er zündete keines an. Ohne große Mühe fand er die Tür, drückte die Klinke. Sie war unverschlossen.
Sollte er wirklich weitergehen? Das gehörte längst nicht mehr zu seinem Auftrag. Er könnte Schwierigkeiten bekommen. Nein, das interessierte ihn nicht. Was er jetzt tat, gehörte zu seiner Mission. Er war entschlossen, die Sache nun selber in die Hand zu nehmen. Hier bot sich ihm eine Chance, die er ergreifen musste. Vielleicht hätte er sich vorher darüber informieren sollen, wer hier wohnte. Doch das hatte ja nicht zum Auftrag gehört.
Einzig die Uhrzeit aufzuschreiben, wann eine Person das Haus verlässt, und sonst ein bisschen den Wachhund spielen! Mehr wurde von ihm nicht erwartet. Merde! Dazu brauchte er doch nicht die halbe Nacht im Regen zu stehen. Jetzt nahm er die Dinge selber in die Hand. Und das gleich richtig.
Golaz zündete ein Streichholz an, um sich zu orientieren. Er befand sich dicht vor einer hölzernen Treppe, die nach oben führte. Vorsichtig setzte er den einen Schuh auf die erste Stufe und entlockte dieser damit ein leises Knarren. Als sein ganzes Gewicht folgte, ging ein unüberhörbares Ächzen durchs Holz. Er ließ sich davon nicht verunsichern und stieg die Treppe hoch.
Die nächste Tür war ebenfalls nicht verschlossen. Golaz schob sie etwas auf und zog sie gleich wieder zu, weil ihm Licht entgegen fiel. Die Tür verband die Kellertreppe mit dem Flur. Er richtete seine Pistole nach vorne, öffnete mit der anderen Hand die Tür wieder einen Spalt breit. Nichts war zu hören. Doch er wartete einige Sekunden ab, um dann plötzlich die Tür ganz aufzumachen und hinauszutreten.
Er war im Flur. Und er fixierte schon die nächste Treppe, die ins Obergeschoss führte. Mehrere geschlossene Türen kreisten ihn ein. Warum diese ihn nicht interessierten, wusste er nicht. Die Treppe zog ihn an. In der Mitte der Stufen lag ein Läufer, persischer Stil, mit dünnen Messingrohren der Unterlage angepasst. Trotzdem knarrte das Holz, wie Golaz mit leicht hinkendem Gang eine Etage höher stieg.
Er würde sofort schießen. Da räumte er sich keine Verzögerung ein, keine Sekunde, nichts. Einfach abdrücken. Die Gefahr war zu groß, um sich auf einen Kompromiss einzulassen. Golaz hatte zwar noch nie einen Menschen getötet. Das bedeutete für ihn aber nichts. Es war eben nie nötig gewesen, sonst hätte er es schon lange getan.
Da war eine Stimme. Da sprach jemand. Ein Mann. Undeutlich, weil nicht nah genug. Golaz blieb auf den letzten Stufen stehen. Im oberen Stockwerk brannte ebenfalls das Licht im Flur. Fünf Türen zählte Golaz, zwei davon halb offen. Er wusste sofort, von wo die Stimme kam. Keinesfalls durfte er sich selber eine Falle stellen. Der Rückweg musste offen bleiben. Schießen und dann fliehen, so sah für ihn der Notfall aus. Die Frage lautete also, ob sich im Parterre niemand aufhielt, der ihn während der Flucht behindern könnte? Sicher, er würde auch hier nicht zögern, seine Waffe abzufeuern. Die Vorstellung, im entscheidenden Moment noch unerwartet aufgehalten zu werden, behagte ihm trotzdem nicht.
Was sprach diese Stimme? Mit wem sprach sie?
Golaz löste sich aus seiner starren Pose und näherte sich der halb offenen Tür, hinter der Licht brannte. Der Fußboden knarrte einige Male schwach. Golaz drückte sich gegen die Wand, die Pistole auf den Türspalt gerichtet.
Nun konnte er jedes Wort verstehen. Die Stimme gehörte keinem Schweizer, sondern einem Deutschen.
»Das Risiko dürfen wir nicht unterschätzen«, sagte dieser, »aber es bleibt uns schlussendlich nichts anderes übrig, als diesen Weg zu gehen. Das Netz ist gespannt. Wir brauchen im Grunde nur noch die Beute einzuholen.«
»Wenn uns nichts durch die Maschen schlüpft«, sagte eine andere Stimme, die ebenfalls einem Deutschen gehörte.
Golaz atmete kaum und lauschte angestrengt.
»Was oder wer soll uns durch die Maschen schlüpfen?«, fragte der erste Deutsche. »Wer sich in unseren Kreisen für die Konspiration gegen Hitler entschlossen hat, steigt nicht mehr aus. Wesentliche Stellen sind von uns durchsetzt, wir haben einen entscheidenden Mann aus der Berliner Zentrale im Rücken, ohne den die geplante Transaktion undurchführbar wäre. Da schlüpft uns nichts und niemand durch die Maschen.«
»Und von Aesch?«, wurde gefragt.
»Der weiß ja nicht, was wirklich gespielt wird.«
»Liegt nicht gerade in dieser Tatsache ein Risiko?», fragte der zweite Deutsche.
»Von Aesch darf nicht wissen, was wir mit dem Geld wirklich vorhaben. Eine größere Sicherheit gibt es für uns nicht. Als ehrgeiziger Bankier ist er der ideale Partner für unser Vorhaben. Zudem arbeitet er ja ohnehin schon als Mittelsmann für die deutsche Abwehr und verschiebt in deren Auftrag Gelder ins Ausland.«
»Und wenn er Wind von unserem Plan bekommt, alarmiert er gleich Berlin.«
»Nein. Von Aesch ist ein eingefleischter Opportunist. Er wird sich hüten, unnötig Staub aufzuwirbeln, solange es ihm selber gut geht.«
»Hoffen wir, dass du Recht hast.«
»Die Sache ist bestens vorbereitet. Am nächsten Dienstag kommt die erste Lieferung, die wir bei Basel über die Grenze bringen.«
Golaz wäre am liebsten näher getreten, um einen Blick durch die halb offen stehende Tür zu werfen. Er wollte die beiden Männer sehen, hielt sich aber zurück.
»Außer uns beiden weiß nur noch Bosse und Reitzel von der Transaktion jenseits der Schweizergrenze», fuhr der eine Deutsche weiter. »Es war für Reitzel nicht leicht, Weidl, dem die geheimen Fonds unterstehen, zu überzeugen, dass wir Geld für einen Reservefond von zwei bis drei Millionen Dollars in der Schweiz anlegen wollen.«
»Das kann ich mir vorstellen«, stimmte der andere zu und vergewisserte sich dann: »Am Dienstag ist es also endlich soweit?«
»Ja.. Das Geld wird per Kuriersack direkt zu von Aesch gebracht. In US-Dollars. Von Aesch wechselt dann natürlich in Gold, was am sichersten ist.«
»Und du allein kannst bei Bedarf eine entsprechende Summe – oder auch alles – abrufen?«
»Richtig, nur ich als Abwehrsonderführer habe einen Zugriff auf diesen geheimen Fond.«
»Schön eingefädelt, dass muss man dir lassen«, lobte der zweite Deutsche.
»Das Lob gehört Reitzel.«
»Und wer bringt die Kuriersäcke über die Grenze?«
»Eine kleine Speditionsfirma aus Basel«, erklärte dieser Abwehrsonderführer.
»Du hast doch nicht etwa vor, eine Speditionsfirma in die Sache einzuweihen?«
»Nun hör mal, wofür hältst du mich! Das geschieht natürlich ohne das Wissen dieser Speditionsfirma. Ich habe alles bestens arrangiert. Der Fahrer hat keine Ahnung, dass er zusätzlich drei Kuriersäcke mit über einer halben Million Dollar mitführt.«
»Und das Risiko?«
»Ohne Risiko geht in diesen Zeiten nichts«, meinte der Abwehrsonderführer. »Aber ich halte es möglichst gering.«
Mehr als eine halbe Million Dollars sollte am nächsten Dienstag illegal über die Grenze geschafft werden! Golaz lehnte staunend an der Wand und konnte kaum glauben, was er hörte.
»Und die Einzelheiten?«, fragte der zweite Deutsche.
»Bosse bringt das Geld persönlich von Berlin nach Lörrach«, wurde ihm erklärt. »Wir verfügen über genaue Informationen, wann und wo der Fahrer der erwähnten Speditionsfirma seine übliche Fracht in Deutschland abholt. Bosse wird die Kuriersäcke in einem Hohlraum unter der Ladebrücke verstecken. Die Gewohnheiten des Fahrers helfen uns dabei, denn er besucht in Lörrach am Dienstagnachmittag immer eine Prostituierte. In dieser Zeit versteckt Bosse die Säcke. Gegen Abend, etwa um sieben Uhr, erreicht der Laster die Schweiz, genauer gesagt, er steht dann vor der öffentlichen Badeanstalt im St. Johanns Quartier, einem Stadtteil von Basel in der Nähe der französischen Grenze. Dort erfrischt sich der Fahrer jeweils eine gute Stunde im Bad und wäscht sich vermutlich die Sünden des Nachmittags vom Leib. Das gibt unserem Kurier hier in der Schweiz die Möglichkeit, die Säcke unbemerkt unter der Ladebrücke hervorzuholen. Er wird das Geld anschließend gleich nach Zürich zu von Aesch bringen.«
»Diese Fahrt übernimmt wohl Stämpfli?«
»Ja, Stämpfli macht den Kurier nach Zürich. Auf ihn ist Verlass.«
«Und woher hast du die Informationen über den Fahrer der Speditionsfirma?«, wollte der zweite Deutsche wissen.
«Eine Büroangestellte gab den Tipp, was aber völlig risikolos ist, da sie absolut nichts über unser weiß. Sie glaubt, es handle sich um eine private Angelegenheit des Fahrers, wegen der Gewohnheit, die Prostituierte zu besuchen – na ja, du kannst dir ja vorstellen, was ich meine.«
Kurzes Schweigen.
»Wir werden den Putschfond zusammenbekommen», sprach dieser Abwehrführer weiter. »Wie ich die Situation abschätze, lässt sich über von Aesch ein gewisser Spielraum schaffen. Das Gold muss in Zürich deponiert bleiben, damit es uns im entscheidenden Moment, nach Hitlers Sturz, zur Verfügung steht. Die neue Regierung wird Geld brauchen. Aber auch in der Vorbereitungsphase sind wir auf Finanzmittel angewiesen.«
Golaz, der die ganze Zeit mit starrem Blick und zielgerichteter Pistole dagestanden hatte, entdeckte plötzlich die Wasserlache, die sich um seine Füße gebildet hatte. Seitlich des Flurbodens gab es nämlich keinen Teppich, und das versiegelte Parkett saugte das Wasser nicht auf. Er versuchte, seine klobigen Schuhe, einer nach dem anderen, hochzunehmen, als würde sich dadurch die Lache auflösen. Doch weiteres Wasser tropfte vom Ledermantel herunter. Mit einer schnellen Bewegung holte sich Golaz die klatschnasse Mütze vom Kopf und steckte sie in die Manteltasche. Dabei knarrte der Boden leicht.
»Was war das?«, hörte Golaz einen der Deutschen fragen. Sein Herz pochte heftiger. Die Hand mit der Pistole zitterte nicht mehr. Er war bereit, und er würde abdrücken!
Das Geld! Mehr als eine halbe Million US-Dollars! Sollte sich Golaz ein solches Geschäft entgegen lassen! Er wusste doch längst, was er zu tun hatte. Wenn er nun also die beiden Deutschen umlegte, dann fand der illegale Geldtransport wohl nicht mehr statt.
»Mach dich nicht verrückt!«, sagte der Abwehrführer. »Da kommt niemand rein. Das Haus ist ringsum dicht.«
Und doch, Golaz vernahm nun Schritte.
Merde! Weg von hier! Wohin? Und die Wasserlache! Golaz handelte blitzschnell und verschwand in der anderen, halb offen stehenden Tür. Einige Sekunden lang war er überzeugt, dass man ihn nun gehört haben musste. Abwartend stand er in einem dunklen Zimmer, den hellen Türspalt vor sich.
»Mach dich nicht verrückt!«, wiederholte der Abwehrführer.
Golaz hielt es nicht mehr aus und neigte sich zum Türspalt vor. Er sah, dass die beiden Männer nun im Flur standen. Der eine hatte die Hand am Kinn und wirkte nachdenklich. Er hatte dunkles, dichtes Haar mit einigen grauen Strähnen und trug einen schmalen, gepflegten Oberlippenbart. Der andere Mann war schmächtiger, mit blondem, sehr kurzem Haar, dessen Ansatz in der Stirn zu weit hinten lag. Beide Männer waren etwa um die vierzig. Sie stiegen die Treppe nach unten und fingen wieder miteinander zu sprechen an, wobei Golaz sie nicht mehr sehen konnte.
Ohne richtig hinzuhören, zog er die Tür weiter auf und blickte prüfend in den Flur. Die Deutschen befanden sich inzwischen im Parterre. Ihre Stimmen drangen nur noch schwach zu Golaz hinauf, der seine Mütze aus der Tasche holte und sie über dem Topf eines Gummibaumes ausrang. Dabei achtete er darauf, kein Wasser zu verspritzen. Dann bückte er sich über die Lache und wischte sie mit der Mütze auf, rang sie nochmals aus und steckte sie in die Manteltasche zurück. Ganz trocken bekam er den Boden allerdings nicht. Doch das Licht im Flur war nicht so hell, dass dies sofort bemerkt werden würde.
Er trat an den Treppenanfang. Unten wurde die Haustür geöffnet. Golaz konnte wieder verstehen, was die Deutschen sprachen.
»Ich komme noch bis zur Garage mit«, sagte der eine.
»Der Regen hat aufgehört«, stellte der andere fest.
Die Stimmen wurden schwächer, die Männer entfernten sich. Die Haustür schnappte ins Schloss und schnitt den letzten Laut ab.
Golaz stieg die Treppe hinunter, erreichte den unteren Flur und bog zur Kellertür ab. Dort blieb er stehen. Sollte er warten, bis der eine Mann zurückkam? Wozu? Weg von hier, ungesehen, das war für ihn wichtig. Und er durfte keinerlei Spuren hinterlassen, die verraten könnten, dass jemand ins Haus eingestiegen war. Sonst könnten die Männer die Sache mit dem illegalen Geldtransport abblasen. Schon stand Golaz bei der Haustür. Wenn er sie öffnete, drang Licht in die Nacht hinaus. Was war zu tun! Nein, durchs Kellerfenster wollte er nicht aussteigen, oder doch? Merde! Es blieb ihm nichts anderes übrig. Aber von außen würde er es nicht verschließen können.
Draußen summte ein Automotor. Golaz schaute hastig auf seine Uhr: zehn Minuten vor Mitternacht. Er musste von der Tür weg. Hinunter in den Keller. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, das Fenster von außen zu verschließen. Und wenn nicht, so konnte er dort unten abwarten, bis der Bewohner des Hauses sich schlafen gelegt hatte.
Das Fenster ließ sich von außen nicht verriegeln, das sah Golaz sofort. Als Fahrradmechaniker war er in solchen Dingen nicht unbegabt. Er blies das Streichholz aus und horchte in die Dunkelheit. Das Auto draußen war längst weggefahren. Golaz verriegelte das Fenster von ihnen, wozu er kein Licht brauchte. Dann zündete er nochmals ein Streichholz an und schlich nach oben. Im Flur brannte kein Licht mehr. Stille im ganzen Haus. Golaz erreichte die Haustür. Der Schlüssel steckte. Golaz drehte ihn langsam um, wobei sich ein schnappendes Geräusch nicht vermeiden ließ. Er zog die Tür gegen sich auf. Kühlfeuchte Nachtluft schlug ihm ins Gesicht. Er trat hinaus, brachte die Tür hinter sich leise ins Schloss. Abzuschließen war sie von außen nicht mehr.
Je weiter sich Golaz vom Haus entfernte, umso schneller wurden seine Schritte. Schnell atmend kam er bei seinem Fahrrad an, holte es hinter der Mauer hervor, stieg auf den Sattel und fuhr los. Über dem freien Feld rissen die Wolken auf. Mondlicht schwebte dazwischen, das eine helle Insel mit ausgeprägten Konturen in den Nachthimmel formte. Golaz stürmte mit dem Rad voran und schaffte den Rückweg in einer Zeit, die ihn selber erstaunte.
Kapitel 2
Am nächsten Morgen öffnete Golaz pünktlich um halb acht Uhr sein Fahrradgeschäft. Neben der Werkstatt, die in einem Hinterhof lag, hatte er vorne an der Straße noch einen kleinen Laden, beides durch einen schmalen Flur verbunden. Seine Wohnung – zwei dürftige Zimmer und eine kleine Küche – befand sich über dem Laden im ersten Stock. In der wenig geräumigen Werkstatt herrschte ein ziemliches Durcheinander. An einem von Wand zu Wand gespanntem Seil hingen alten Fahrräder, die er wegen Platzmangel in die Höhe gezogen hatte. Der Hausmeister, dem die ganze Liegenschaft auch gehörte, verbot Golaz nämlich, die Räder im Hof abzustellen. Das lag sicher daran, dass es darunter mehr Schrott als brauchbares Zeug gab. Die Konkurrenz im Ort war einfach groß, das redete sich Golaz jedenfalls ein. Dazu kam, dass die Leute hier ihn nicht besonders mochten. Aus Genf kommend, war er für manche doch schon ein halber Ausländer. Und sie durchschauten ihn nicht, weil er unverheiratet für sich lebte und nicht in den Wirtshäusern anzutreffen war.
Um neun Uhr betrat eine Person den Laden, die er erwartete. Er kannte sie zwar nicht, hatte nicht einmal gewusst, ob es sich dabei um eine Frau oder um einen Mann handelte. Es war eine Frau, die einen grauen Wollmantel trug. Sie trat selbstsicher ein, schaute sich um, warf einen Blick durchs Schaufenster und wandte sich dann Golaz zu. »Eine Tube Gummilösung«, verlangte sie. »Mit Quittung und genauem Datum.«
Das waren die Stichworte, alle drei: Gummilösung, Quittung, Datum. Golaz holte eine Tube vom Regal und händigte sie der Frau aus. Dabei vermied er es, sie anzuschauen. Auf einer Ablage, die als Schreibunterlage an der Wand angebracht war, stellte er eine Quittung aus. Anstelle des Datums schrieb er die Uhrzeit hin, zu der gestern Nacht einer der beiden Deutschen das von ihm observierte Haus verlassen hatte. Sehr wenig Information, dacht er sich, doch er wusste ja viel, viel mehr! Die Frau zahlte die Gummilösung, steckte die Quittung ein
und verließ den Laden. Golaz trennte das Doppel vom Quittungsblock und schob es in die Tasche seiner Arbeitsschürze. Er musste es später unbedingt verbrennen.
Im Hof begegnete er dem Hausmeister, der ihn gleich auf die fällige Miete ansprach. Golaz versuchte sich zu rechtfertigen, versprach dann, das Geld aufzutreiben.
»Es gibt eine Menge Leute, die nur darauf warten, die Räumlichkeiten hier, insbesondere den Laden, zu mieten«, drohte der Hausmeister und zündete sich eine Zigarette an.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Golaz nochmals, »aber die Zeiten sind einfach schlecht. Die meisten Männer stehen an der Grenze und – «
»Wir leben hier an der Grenze«, unterbrach ihn der Hausmeister, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. »Damit müssen Sie mir also nicht kommen! Überhaupt, ihre Schwierigkeiten gehen mich nichts an. Wenn Sie es nicht verstehen, ein Geschäft zu führen, so ist das ihr Problem. Aber nicht auf meine Kosten, verstanden, nicht auf meine Kosten!«
Es war nicht das erste Mal, dass Golaz die Miete nicht pünktlich zahlte. Eigentlich geschah das regelmäßig, seit Jahren, und bisher hatte ihn der Hausmeister nicht rausgeworfen. Diesmal klangen die Drohungen aber massiver als sonst. Golaz musste aufpassen.
Der Hausmeister schritt davon. Golaz blickte ihm kurz nach und betrat dann die Werkstatt. Draußen wurde es täglich kälter, der Winter nahte. Nichts funktionierte in diesem Haushalt richtig. Schlechte Öfen, zu wenig Kohle, überall zog der Wind durch, selbst in der Wohnung. Golaz setzte sich auf eine Holzkiste und stützte den Kopf auf beiden Händen ab. Zwei Fahrräder hatte er heute zu reparieren. Vielleicht kam noch etwas dazu, ein, zwei Kunden im Laden. Alles Kleinigkeiten, die er in zwei Stunden erledigen könnte. Aber er blieb sitzen und dachte nach. Er hatte nun doch ein großes Ding an der Angel, ein verdammt großes Ding! Wenn er damit durchkam, war alles gewonnen, dann konnten sie ihn alle mal! Er würde nicht auffallen und plötzlich verschwunden sein. Keine Nacht und Nebelaktionen mehr, bei denen er sich für ein Trinkgeld die Knochen abfror. Es konnte nichts schief gehen. Es kam einzig auf die richtige Planung an. Und auf den Mut, die Sache durchzuführen. Nur widerwillig erhob sich Golaz, stellte eines der Räder auf das erhöhte Brett, wo er jeweils die Reparaturen ausführte, und begann zu arbeiten.
»Sie?«, sagte der Mann in der Tür und griff sich an die Nickelbrille. Und gleich in einen gereizten Ton fallend: »Sie wissen doch, dass Sie nicht herkommen sollen!«
»Ich muss mit ihnen reden«, sagte Golaz.
Der Mann mit der Nickelbrille schaute an ihm vorbei zur Wohnungstür, die gegenüber auf derselben Etage lag. »Kommen Sie schon rein«, forderte er Golaz dann auf. »Wir müssen das ja nicht im Flur draußen besprechen.«
Golaz betrat die Wohnung. Der Mann mit der Nickelbrille verriegelte die Tür. Er trug einen kimonoartigen Seidenmantel, und sein streng nach hinten gekämmtes Haar glänzte, als wäre es nass. In der Wohnung schwebte ein süßlicher Duft. Im Raum nebenan brannte gedämpftes Licht.
»Sie sind ein Idiot«, sagte der Mann und musterte Golaz scharf. »Kommen einfach her. Das ist schlecht. Hat Sie wenigstens niemand gesehen?«
»Hören Sie, Herr Manz!« Golaz sprach mit gedämpfter Stimme. »Ich weiß schon, was ich tue.«
»Hoffen wir's«, erwiderte Manz leicht spöttisch und schritt in den Raum nebenan. Dort setzte er sich in einen Sessel, der ihn fast verschluckte. Golaz folgte ihm bis zur Tür und blieb in seinem Ledermantel steif stehen.
»Und?«, fragte Manz aus dem Sessel heraus. »Was wollen Sie?«
»Andere Aufträge«, antwortete Golaz.
»Darüber habe ich nicht zu entscheiden.« Manz zündete sich eine Zigarette an, die er elegant zwischen den Fingern hielt. Dabei hatte er für seinen unerwünschten Gast keinen Blick übrig.
»Für wen arbeite ich eigentlich?«, fragte Golaz.
»Das wissen Sie doch«, kam unfreundlich die Antwort.
»Ich will es konkret wissen«, verlangte Golaz.
»So läuft es nicht«, erwiderte Manz gereizt. »Das Wasser fließt von oben nach unten und niemals zurück. Selbst wenn ich ihnen mehr sagen wollte, könnte ich es nicht. Wir tun nur alle unsere Pflicht. Daher bitte ich Sie, nun zu verschwinden und in Zukunft die Vorschriften einzuhalten.«
»Der Überwachungsauftrag gestern«, fing Golaz an, doch der Mann im Sessel fiel ihm ins Wort und sagte ohne Aufregung: »Was reden Sie da für einen Unsinn! Sie hatten nie einen Überwachungsauftrag. Also kümmern Sie sich nicht um Dinge, die sie nichts angehen!«
»Ich möchte mehr tun können, Herr Manz. Dazu bin ich fähig.«
»Spielen Sie nicht den Helden, Golaz! Das liegt ihnen nicht. Wir müssen, gerade in diesen Zeiten, alle auf dem Boden der Realitäten bleiben. Tun Sie, was von ihnen verlangt wird. Und den Rest überlassen Sie Leuten, die davon auch etwas verstehen!«
»Und wenn ich Informationen hätte, die für die Schweiz nützlich sein könnten.«
»Hören Sie, Golaz!« Nun richtete sich Manz im Sessel auf und schaute seinen Gast an. »Es ist gut, wenn Sie Augen und Ohren offen halten. Und was Sie wissen, haben Sie zu melden. Keine Extratouren, nichts, sonst fliegen Sie raus. Was wir brauchen, sind pflichtbewusste Bürger und keine Spinner, die sich als Helden aufspielen wollen. Nur so kann ein Land wie die Schweiz überleben. Unsere Männer stehen Tag und Nacht an der Grenze. Auf sie ist Verlass. Nehmen Sie sich also ein Beispiel daran! Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.«
»Sie könnten es wenigstens mit mir versuchen.« Golaz gab nicht auf. »Vertrauen Sie mir irgendeine Sache an, bei der ich mein Können unter Beweis stellen kann.«
»Das liegt nicht in meiner Macht«, antwortete Manz unbeteiligt.
»Sie wollen mir also nicht weiterhelfen?«, fragte Golaz.
»Raus jetzt!« zischte Manz.
Als Golaz draußen auf der Straße war, wusste er: seine Chance bestand gerade darin, dass ihm Manz und all die anderen, die er nicht kannte, nichts zutrauten. Er war froh über den Ausgang des Gesprächs. Sie würden nie auf ihn kommen, dessen war er sich nun sicher.
Mitten in der Nacht schoss Golaz hoch und setzte sich im Bett auf. So ging das nicht! Er musste herausfinden, was Manz – oder wer auch immer – über die beiden Deutschen wusste. Vielleicht war Golaz nicht der einzige, der das Geheimnis von der illegalen Geldtransaktion kannte? Was würde das bedeuten? War es auszuschließen, dass das Geschäft von der schweizerischen Seite aus heimlich beobachtet wurde? Golaz könnte den eigenen Landsleuten dabei ins Netz gehen. Das musste er vermeiden. Es galt, sich vorher abzusichern. Nur wie? Sollte er nochmals Manz besuchen und ihn direkt ausfragen? Golaz erhoffte sich auf diese Weise keine Antwort. Dann musste er den parfümierten Pinkel eben härter anpacken, die Pistole an den Kopf und raus mit der Sprache!
Golaz spürte, wie ihm diese Gedanken gefielen. Er stieg aus dem Bett und trank in der Küche ein Glas Wasser. Dann schritt er unruhig auf und ab, blieb ihm Wohnzimmer am Fenster stehen und schaute in die Nacht hinaus. War sein Plan überhaupt durchführbar? Er durfte nicht anfangen zu zweifeln. Eine halbe Million US-Dollars – eine solche Chance bot sich nur einmal im Leben. An sich war die Sache ja ganz leicht. Er brauchte nur hinzugehen, den Mittelsmann – diesen Stämpfli – niederschlagen und ihm die Kuriersäcke abnehmen. Wäre da eben nicht die Ungewissheit, die ihn schon seit einer halben Stunde plagte.
Die einzige Möglichkeit, mehr zu erfahren, hieß Manz. Und bis Dienstag waren es nur noch vier Tage. Golaz musste sich also beeilen.
Am nächsten Tag blieb das Fahrradgeschäft geschlossen. Golaz hatte das Haus früh am Morgen verlassen und wartete nun schon über zwei Stunden in der Nähe von Manz Wohnung. Obwohl es noch nicht richtig kalt war, trug er wieder seine Wollmütze, ebenso den Ledermantel, den er immer bis obenhin zuknöpfte.
Kurz vor neun verließ Manz das Haus. Wie Golaz wusste, hatte der Mann sein Büro ganz in der Nähe. Er betrieb irgendwelchen Handel, hatte sogar zwei Angestellte. Vielmehr war über ihn nicht zu erfahren gewesen. Golaz hatte ihn vor knapp zwei Jahren kennen gelernt. Eine Zufallsbekanntschaft. Vielleicht war Manz aber auch ganz gezielt vorgegangen. Eines Tages tauchte er jedenfalls im Fahrradgeschäft auf und brachte ein Fahrrad zur Reparatur. Als er es wieder abholte, verwickelte er Golaz, der mit seinen Kunden sonst wenig redete, in ein Gespräch. Es ging um die Deutschen, um das Nazi-Regime. Golaz hatte dazu eigentlich keine Meinung. Politik interessierte ihn nicht, auch jetzt nicht, wo der Feind gewissermaßen vor der Tür stand. Was wollte der Mann von ihm? Er sah irgendwie wohlhabend aus, zumindest gepflegt, ja, und er benahm sich affektiert. Dazu roch er nach einem süßlichen Parfüm, hielt zwischendurch, vor allem wenn er sprach, den Kopf schräg, wie eine kokettierende Frau, und blinzelte lebhaft durch seine Nickelbrille. Golaz mochte diesen Manz von Anfang an nicht. Da aber die Reparatur sehr teuer war, ließ er sich auf ein Gespräch ein, nickte ab und zu unbeteiligt. Einige Tage später meldete sich Manz wieder und fragte Golaz, ob er nicht Interesse daran hätte, für die Landesverteidigung zu arbeiten. Kleine Botengänge sollten es sein. Golaz ärgerte sich zuerst, weil er annahm, der parfümierte Typ würde falsche Rücksicht auf seinen Klumpfuß nehmen. Da hätte er ihm aber sofort das Gegenteil beweisen können, mit dem halbblinden Auge dazu! Für wen Manz arbeitete, wusste Golaz heute noch nicht. Vielleicht war der Mann nur ein Spinner, der sich wichtigmachen wollte. Und doch – die Sache mit den beiden Deutschen – war das ein Zufall? Oder verfügte Manz wirklich über Informationen, die entscheidend sein konnten?
Golaz schritt auf das Haus zu, in dem Manz seine Wohnung hatte. Die Eingangstür zum Flur war unverschlossen. Golaz trat ein und stieg die Treppe hoch. Er versuchte zwar leise zu sein, übertrieb es damit aber nicht. Als er ein Geräusch hörte, blieb er stehen, über ihm, auf halber Treppe, kam jemand aus dem Klo. Golaz konnte durch das Treppengeländer die Beine einer Frau sehen, einer älteren Frau, den Wollstrümpfen und Schuhen nach. Er wartete ab, bis sie in ihrer Wohnung verschwunden war. In der einen Manteltasche hatte Golaz die Pistole, in der anderen steckten, in ein Taschentuch eingewickelt, einige Dietriche. Bei Manz Wohnungstür angekommen, machte sich Golaz gleich am Schloss zu schaffen. Er besaß ein gutes Gefühl für so etwas und es gelang ihm in weniger als einer Minute, die Tür zu öffnen. Er betrat die Wohnung.
Ohne zu zögern, fing Golaz zu suchen an. Die Wohnung hatte vier große Zimmer, ein ebenfalls großes Bad und eine Küche. Teilweise waren die Vorhänge zugezogen. Golaz schaltete das Licht ein. Besonders ein massiver Schreibtisch aus Eichenholz, dessen Schubladen alle verschlossen waren, interessierte ihn. Für Golaz kein Problem. Er öffnete eine nach der anderen mit einem geeigneten Dietrich. Seine Hände wühlten sich ins Papier hinein, hoben ganze Stapel davon hoch, die er auf der Schreibfläche ausbreitete. Briefe, Rechnungen, Verträge, Quittungen, leere Umschläge, alles war darunter, nur das nicht, was Golaz suchte. In der untersten Schublade fand er einige pornographischen Fotografien von jungen Frauen. Er steckte sie ein, ohne sie richtig anzuschauen. Immer hastiger werdend, holte er weitere Papiere aus dem Schreibtisch. Sollte er den ganzen Kram hier nun einzeln durchsehen? Er nahm einige Blätter, fing zu lesen an, legte sie weg. Vielleicht führte Manz ein Dossier, das Aufschluss über seine geheimdienstlichen Aktivitäten gab.
Der Tresor an der Wand! Golaz entdeckte ihn plötzlich. Langsam näherte er sich dem eisernen Ding. Da nützten ihm seine Dietriche nichts. Aufsprengen müsste man diesen Kasten! Und womit? Wenn ein Dossier oder sonstige Aufzeichnungen existierten, so bewahrte Manz sie garantiert in diesem Tresor auf.
Golaz bückte sich leicht, fasste den Tresor seitlich mit den Händen und versuchte ihn von der Stelle zu rücken. Er saß fest, wie eingemauert. Nichts zu machen. Merde! Golaz trat mit seinem klumpigen Schuh dagegen, hinkte zum Schreibtisch und fegte die vielen Papiere vom Tisch. Er musste etwas finden, verdammt, auch ohne Tresor. Suchen, suchen, suchen! Im Schlafzimmer riss er Schranktüren auf, warf Bettwäsche, Handtücher, Hemden und Anzüge auf den Boden, stemmte die Matratze hoch, tastete das Bettgestell ab. Nichts, Merde, nichts! Dieser parfümierte Hund! Vielleicht arbeitete Manz gar nicht für die Schweiz, sondern für die Deutschen?
Golaz wuchtete seinen Schuh in den Nachttisch. Holz splitterte, ein Nachttopf rollte mit ungleichmäßigen Drehungen davon. Ruckartig riss Golaz die obere, schmale Schublade des Nachttischs auf. Zwei Fläschchen mit Tabletten, ein verklebtes Taschentuch und weitere pornografische Fotos einer jungen Frau kamen zum Vorschein. Golaz zog die Schublade ganz heraus und warf sie samt Inhalt aufs Bett.
Er ging ins Wohnzimmer zurück und begann dort, die Bücherregale auszuräumen. Einzelne Bücher klappte er mit seinen klobigen Fingern soweit auf, dass die Bindung mit einem dumpfen Geräusch aufplatzte. Die Bücher lagen überall auf dem Boden, teilweise in einzelne Blätter zerlegt. Dann holte Golaz sein Taschenmesser hervor und schlitzte die Polstersessel auf.
Suchte er überhaupt noch? Oder war es nur Zerstörung? Das Geld – eine halbe Million US-Dollars – darum ging es doch!
Golaz erreichte die Küche, wo er, ohne Rücksicht auf das Geschirr, weiter suchte. Er riss sogar die Tablare aus den Schränken. Anschließend ging er ins Bad und ließ auch dort keinen Winkel aus.
Es klingelte an der Tür! Golaz kam aus dem Bad, holte die Pistole aus der Tasche und blieb bewegungslos in einigem Abstand zur Tür stehen. Es klingelte ein zweites Mal. Sollte er gleich durch die Tür schießen?
»Herr Manz?«, vernahm Golaz eine dünne Frauenstimme durch die Tür. »Sind Sie in ihrer Wohnung?«
Golaz stand nur da. Er musste sich beherrschen, sein Finger war bereit, die Pistole abzufeuern. Einfach durch die Tür das Problem erledigen!
