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Nino Pauly, ein kleiner Angestellter in einem Fitness-Klub, findet eines Tages ein Paket in einem Abfallkorb und nimmt es mit nach Hause. Er glaubt, es befände sich möglichweise Geld darin, doch es kommt nur ein Stapel beschriebener Blätter zum Vorschein. Achtlos lässt er die auseinandergerissenen Papiere im Wohnzimmer liegen. Paulys clevere Freundin Kim interessiert sich für die Papiere. Es scheint sich um ein Romanmanuskript zu handeln, einen Thriller. Sie liest die Story, ist davon fasziniert und hat eine Idee. Durch einen befreundeten Journalisten schafft sie es, das Manuskript veröffentlichen zu lassen – allerdings unter den Namen ihres Freundes, den sie allerdings von allem fernhält, da er mit einer solchen Situation völlig überfordert wäre. Die Wahrheit kennt niemand. Das Buch wird verfilmt und verkauft sich als Bestseller. Doch da wird Paulys Leben massiv bedroht. Er glaubt, seine Freundin stecke dahinter, um allein an das nun verdiente, große Geld heranzukommen. Oder gibt es in dem Buch Informationen, die einen unsichtbaren Feind auf dem Plan gerufen haben? Pauly wird zum Verfolgten und verirrt sich mehr und mehr in undurchschaubare Situationen, die ihn unaufhaltsam in den Abgrund treiben. Plötzlich wird sein eigenes Leben zum alptraumhaften Thriller, bis sich alles – als letztes Kapitel – in einem überraschenden und tödlichen Showdown auflöst …
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Jon Pan
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Das letzte Kapitel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 (Das Manuskript)
Kapitel 2 (Das Manuskript)
Kapitel 3 (Das Manuskript)
Kapitel 4 (Das Manuskript)
Kapitel 5 (Das Manuskript)
Kapitel 6 (Das Buch)
Kapitel 7 (Das Buch)
Kapitel 8 (Das Buch)
Kapitel 9 (Das Buch)
Kapitel 10 (Das Buch)
Kapitel 11 (Höhenflug)
Kapitel 12 (Höhenflug)
Kapitel 13 (Höhenflug)
Kapitel 14 (Höhenflug)
Kapitel 15 (Höhenflug)
Kapitel 16 (Auf der Linie der Todes)
Kapitel 17 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 18 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 19 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 20 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 21 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 22 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 23 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 24 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 25 (Auf der Linie des Todes)
Kapitel 26 (Das letzte Kapitel)
Kapitel 27 (Das letzte Kapitel)
Kapitel 28 (Das letzte Kapitel)
Epilog
Impressum
Kapitel 1 (Das Manuskript)
Nino Pauly joggte durch den Park. Hauchfahnenschießend pumpte seine Lunge den Rhythmus des Spurts, zu dem er immer auf der Geraden zwischen der kleinen Fichtengruppe und dem hohen, sechsarmigen Lampenmast ansetzte. Der muskulöse Körper federte, die Beine traten maschinenmäßig, die angewinkelten Arme bewegten sich synchron dazu. Ab und zu überholte Pauly Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit waren.
Mit den Spitzen seiner Turnschuhe bremste er den rasanten Schwung ab und ruderte mit den Armen, bevor er sich mit beiden Händen am Lampenmast abstützte, den Kopf vornübergebeugt, breitbeinig.
Am Lampenmast hing ein Abfallkorb. Mit einem flüchtigen Blick entdeckte Pauly die Umrisse eines Pakets, das mit Zeitungspapier umwickelt war. Er schaute genauer hin. Merkwürdig, dachte er, es sieht völlig sauber aus. Vielleicht ist da ja Geld drin.
Pauly griff instinktiv zu und nahm das Bündel heraus. Eine verfaulte Bananenschale klebte an der Unterseite. Er zögerte kurz, aber dann sagte er sich: Es gibt Zufälle, die keine sind. Schnell schob er das Paket unter den Arm und rannte weiter.
Nino Pauly wohnte mit seiner Freundin Kim im dritten Stock eines modernen Miethauses. Vom Park bis dorthin brauchte er etwa zehn Minuten. Er holte den Schlüssel aus der Tasche seines rot leuchtenden Trainingsanzugs, schob die gläserne Eingangstür auf und eilte die Treppe hoch. In der Wohnung angekommen, warf er das Paket in einen Sessel, schlüpfte aus der Trainingsjacke und massierte mit beiden Händen seinen Oberkörper.
Kim war noch nicht aufgestanden. Rücksichtslos stieß Pauly die Tür zum Schlafzimmer auf und sagte laut: »He – es ist Zeit!«
»Was ist?«, fragte Kim verschlafen aus dem Bett.
»Es ist Zeit«, wiederholte Pauly, ging zum Fenster und kurbelte übertrieben schnell die Jalousie hoch.
Das Tageslicht drängte sich ins Zimmer, wurde von den weißen Wänden reflektiert, an denen modische Graphiken hinter rahmenlosen Gläsern hingen.
»Hör auf«, stöhnte Kim und zog sich das Kissen über den Kopf.
»Aufstehen, mein Schatz«, sagte Pauly mit leicht veränderter Stimme, die aber keineswegs liebevoll klang, und trat zu seiner Freundin ans Bett. Mit der Hand fuhr er unter die Decke und lachte dann laut, weil Kim seinen Berührungen auszuweichen versuchte.
»So, ich muss unter die Dusche.« Pauly wandte sich ab. Im Wohnzimmer holte er das Paket vom Sessel und riss es auf. Die Zeitungen, mit denen es eingewickelt war, warf er auf den Tisch. Eine Pappschachtel kam zum Vorschein, die er ebenfalls auffetzte. Dann hielt er einen Bund Papier in den Händen, drehte ihn nach allen Seiten, bevor er ihn auf den Sessel fallen ließ.
»So ein Mist!«, fluchte Pauly, ging ins Bad und duschte. Er drehte nur das kalte Wasser auf. Die Seife glitsche über seine Haut. Er genoss es, im kühlen Schauer zu stehen, ohne darauf empfindlich zu reagieren. Auch seine kurzen Kopfhaare schäumte er ein, presste die Augen zusammen und hielt das kantige Gesicht direkt unter die Brause. Anschließend drehte er den Hahn zu und fegte den Plastikvorhang zur Seite.
Kim stand unter der Badzimmertür und schaute ihn mit verschlafenen Augen an.
»Noch ganz schön weggetreten, was?« Pauly grinste und verspritzte kaltes Wasser. »Wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu spät zur Arbeit.«
»Was ist eigentlich im Wohnzimmer los?«, fragte Kim, und es klang schlecht gelaunt.
»Hab' ich heute Morgen gefunden«, antwortete Pauly, der sich kräftig abfrottierte.
»Gefunden?«, fragte Kim erstaunt.
»Hätte ja Geld drin sein können, oder?«, sagte er. »Geld aus dem Abfallkorb.«
Im Wohnzimmer stellte sich Pauly vor den Sessel und schaute auf das auseinandergefallene Papierbündel.
»Das ist ein Manuskript oder so was Ähnliches«, sagte Kim, die völlig verschlafen herumtrödelte. »Ich glaube, ich melde mich heute krank«, meinte sie dann.
»Schon wieder?« Pauly schlüpfte in einen engen Slip und zog ihn kräftig hoch.
»Seit wann kramst du eigentlich im Abfall herum?«, fragte Kim. »Damit schleppst du uns noch eine Krankheit ins Haus.«
Pauly zog sich an, griff nach seiner Lederjacke und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss von seiner Freundin. Draußen auf der Treppe prüfte er, ob sein Haar bereits trocken war. Dann fuhr er mit dem Aufzug in die Tiefgarage hinunter. Er setzte sich in seinen alten Triumph und machte sich auf den Weg.
Heute wollte Pauly einmal pünktlich sein. Seit zwei Jahren arbeitete er in einem Fitness-Center. Doch wie jeden Morgen hielt ihn der Verkehr auf. Als er im Center ankam, waren Leo und Frau Kuval schon da. Pauly klopfte gegen das Glas, hinter dem sich die Anmeldung befand. Frau Kuval hob kurz den Kopf. Die Tür zu Leos Büro war zugeschlossen.
Durch einen breiten, gut beleuchteten Flur, in dem viele Bilder mit muskelzeigenden Männern hingen, gelangte Pauly zu einem kleinen Raum mit Neonbeleuchtung. Dort zog er sich um, denn zum Arbeiten trug er eine dünne Stoffhose, ein T-Shirt und Turnschuhe – alles in Weiß.
Auf dem Weg zum großen Geräteraum rief ihn Leo.
»Was ist?«, fragte Pauly.
Leo kam den Flur herunter geschlendert. Sein Gesicht wirkte nachdenklich, was bei ihm nichts zu bedeuten hatte.
Pauly wartete ab, bis sein Chef vor ihm stand.
»Um zehn kommt Bacher«, sagte Leo. »Leg volles Gewicht in die Hackenschmidt.« Die Hackenschmidt war eine Trainingsmaschine, bei der man – in Rückenlage gegen eine verstellbare Polsterung gelehnt – mit Schultern, Armen und Beinen ein Gewicht hochziehen konnte.
»In Ordnung.« Pauly wollte sich umdrehen.
»He!« Leo tippte ihm kurz gegen den Oberarm. »Unten in der Sauna sieht's nicht gerade ordentlich aus!«
»Was abends nach meinem Weggang geschieht, geht mich nichts mehr an.«
»Du weißt genau, dass am Dienstag die Sauna blitzblank sein muss.« Leo strich sich über sein schwarzes Haar, das er mit Gel nach hinten gekämmt hatte.
»Überstunden sind nicht drin«, sagte Pauly.
»Okay, wir haben ein bisschen Schwierigkeiten, Nino.« Leo lächelte kalt.
»Ich mache meine Arbeit gut«, rechtfertigte sich Pauly.
»Dann ist ja alles bestens«, sagte Leo und schritt in seiner selbstgefälligen Art davon.
Das Telefon auf dem Nachttisch klingelte. Kim wurde aus einem kurzen Schlaf gerissen. Sie hatte sich, nachdem Pauly zur Arbeit gegangen war, wieder ins Bett gelegt. Ihre Hand tastete nach dem Hörer und holte ihn hinunter ins weiche Kissen. »Hallo?«, murmelte sie in die Sprechmuschel.
»Frisch und munter klingt das ja nicht gerade«, sagte eine aufgeweckte, leicht schrille Stimme.
»Ach, du bist es, Astrid«, begriff Kim.
»Sag bloß, du liegst noch im Bett!«
Kims Blick blieb am Wecker hängen. Es war schon nach neun.
»Ich bin krank«, sagte sie. »Daher kann ich heute nicht ins Büro kommen.«
»Lehner sucht dich überall.« Astrid lachte.
»Lehner kann mich mal«, erwiderte Kim.
»Ruf ihn besser an«, sagte Astrid. »Du weißt ja, wie er ist.«
»Schon gut«, seufzte Kim und legte auf.
Zehn Minuten später stand sie auf. In der Küche setzte sie Kaffeewasser auf, begab sich dann ins Bad, wo sie mit ihrer ausgiebigen Körperpflege begann, die sie nur kurz unterbrach, um sich eine Tasse Kaffee zu holen.
Als sie nach etwa einer halben Stunde das Wohnzimmer betrat, fiel ihr der auseinandergefallene Papierbund auf dem Sessel wieder auf. Der zerfetzte, flache Pappkarton lag daneben. Kim hatte Mühe damit, dieses gefundene Zeugs anzufassen. Besonders ekelte ihr vor dem Zeitungspapier auf dem Esstisch. Zögernd griff sie nach einigen Blättern. Sie waren einseitig mit Schreibmaschine vollgetippt.
Eine gewisse Neugier befiel Kim. Als halte sie einen giftigen Gegenstand in den Händen, schaute sie sich einige Seiten an. Ein leeres Blatt kam zum Vorschein, auf dem nur oben stand:
ABSTIEG INS DUNKEL
Roman
Was hatte Nino da gefunden? Es musste ein Manuskript sein. Das Romanmanuskript eines Schriftstellers? Nur, wer warf so etwas weg? Möglicherweise war es wertlos, eine Kopie, die nicht gebraucht wurde. Allerdings konnte Kim sehen, dass mit Kugelschreiber in dem Manuskript herum korrigiert worden war.
Sie stand da, überlegte. Warum sollte sie das Manuskript wegwerfen? Vielleicht handelte es sich um eine spannende Geschichte? Sie las gerne spannende Geschichten.
Sie fing zu lesen an und wurde schon nach wenigen Seiten von der Geschichte, die erzählt wurde, gefesselt. Die Spannung trieb sie dazu, das Manuskript nicht aus den Händen zu legen. Es schien sich um einen Thriller zu handeln.
Sie las über hundert Seiten, lehnte sich dann im Sessel zurück, rieb ihre ermüdeten Augen. Schon nach wenigen Minuten nahm sie das Manuskript wieder zur Hand und ließ sich vom Strudel der Handlung weiter mitreißen.
Am Nachmittag fuhr Kim in die Innenstadt. Nachdem sie einige Einkäufe erledigt hatte, entschloss sie sich, bei Robert, einem Fotografen, für den sie ab und zu als Model arbeitete, vorbeizuschauen. Robert hatte sein Atelier in einem Hinterhaus, dessen unterstes Stockwerk er für seine Arbeit benützte.
Kim passierte den Durchgang, schritt die drei Stufen hoch, die zur Eingangstür des Ateliers führten, und trat ein. Robert stand in der Mitte des Raums, eine Hand nachdenklich am Kinn. Durch die Geräusche, die Kim beim Eintreten machte, aufmerksam geworden, drehte er sich langsam um. Als er sah, wer kam, breitete sich ein Lächeln über sein gebräuntes Gesicht aus.
»Störe ich?«, fragte Kim.
»Hallo«, sagte Robert. Entschlossen schritt er auf sie zu. Da er großgewachsen war, musste er sich vornüberbeugen, um Kim auf beide Wangen zu küssen. Sie erwiderte diese Geste mit spitzem Mund, ohne Berührung.
»Gut siehst du aus«, sagte Robert.
Kim stand da, die Hände in den Taschen ihrer modischen Jacke vergraben. »Hast du viel Arbeit?«, fragte sie und warf ihr langes, blondes Haar zurück.
»Setz dich doch«, bot ihr Robert an. Und: »Willst du etwas trinken?«
»Hast du eine Cola?«
»Aber klar.«
Kim schlenderte zu der Sitzgruppe, die sich in der einen Ecke des nicht besonders großen Ateliers befand. Robert servierte das gewünschte Getränk mit Flasche und Plastikhalm.
»Vielleicht habe ich nächsten Monat einen Job für dich«, sagte Robert, holte eine Packung Zigaretten hervor, bot Kim eine an, die dankend ablehnte. »Ich rauche lieber meine eigene Marke«, erklärte sie.
Robert setzte sich auf die Lehne eines anderen Sessels, eine brennende Zigarette im Mundwinkel. »Was treibst du so?«, wollte er wissen.
»Ich bin momentan krank.«
»Krank?« Robert schaute sie ungläubig an.
»Nun ja, nicht direkt krank«, verbesserte Kim. »Ich brauch einfach mal einen Tag zum Ausruhen.«
»Ach so.« Er lächelte. »Warum machst du diesen mühsamen Bürotrott überhaupt mit?«, fragte er dann wesentlich ernsthafter.
»Ja, warum?« Kim zündete sich eine ihrer eigenen Zigaretten an.
»Das hat eine Frau wie du doch nicht nötig«, meinte Robert. »Oder lässt du dich noch immer von diesem Nino beeinflussen?«
»Fang nicht wieder damit an!«, bat sie ihn. »Du weißt doch selber, wie schwierig es ist, als Fotomodel Karriere zu machen.«
»Du musst es nur wollen, Kim. Und sei doch mal ganz ehrlich: Davon hält dich dieser Typ ab.«
Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Du schätzt Nino falsch ein.«
»Arbeitet er noch immer in diesem Fitness-Center?«
»Ja, aber nicht mehr lange«, antwortete Kim spontan, obwohl sie nicht recht wusste, warum sie das sagte. Nino hatte ja keineswegs vor, die Arbeit im Fitness-Center aufzugeben. Was hätte er sonst auch tun sollen? Also schämte sie sich für ihn – oder zumindest für seine Beschäftigung als Hilfskraft.
»Es ist echt schade um dich«, sagte Robert.
»Hör doch auf!« Kim klang ein wenig erregt.
»Schon gut.« Robert winkte ab und zerdrückte dann die Zigarette im Aschenbecher. »Ich kenne übrigens Leo«, sagte er und setzte sich auf Kims Sessellehne.
Sie löschte aufgeregt die Zigarette aus.
»Komm schon!« Robert fiel in einen weichen Ton und versuchte, Kims Wange zu berühren. Sie ließ sich von ihm mit unbeteiligtem Gesicht streicheln. »Ich will doch nur das Beste für dich«, flüsterte er.
»Lass mich!«, sagte sie.
»Warum hast du damals überhaupt mit mir geschlafen?«, fragte Robert. Er stand auf und schritt, die Hände in den Hosentaschen, hin und her.
»Es ist eben passiert«, antwortete sie gereizt.
»Und – weiß Nino davon?«
»Nein, verdammt noch mal!«, brauste Kim auf, erhob sich und ging auf die Tür zu.
»Nun sei nicht beleidigt!« Robert versuchte sie zurück zu halten. »Es hat mir eben schon lange unter den Nägeln gebrannt, mit dir über deine Zukunft zu reden. Da musste es raus. Und einen guten Rat wird man wohl noch geben dürfen!«
Kim blieb stehen, drehte sich um und schaute Robert durchdringend an. »Ich komm' auch ohne deine Ratschläge zurecht, ich meine, die von dieser Sorte. Und wegen Nino – da mach dir mal keine Sorgen!«
Robert trat dicht vor sie hin, legte ihr die Hände auf die Schultern. »Bist du jetzt sauer?«, fragte er.
»Bis bald«, erwiderte sie und streckte ihm teilnahmslos die Wange zum Abküssen hin. »Wenn du mich für Fotos brauchst, weißt du ja, wo du mich erreichen kannst.«
»In Ordnung.« Robert lächelte, doch diesmal wirkte er sehr gezwungen. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit begleitete er Kim noch bis vor die Tür hinaus.
Kapitel 2 (Das Manuskript)
»Jetzt liegt dieser Mist noch immer im Wohnzimmer«, sagte Pauly und betrat die Küche.
Kim war gerade dabei, zwei Eier zu kochen. Pauly stellte sich dicht hinter sie, umfasste ihre Hüften.
»Ach ja, das wollte ich dir noch sagen.« Kim drehte sich um, wobei Pauly seine Hände nicht von ihren Hüften nahm. »Dieser Mist, wie du das nennst, ist äußerst interessant.«
»Komm schon!« Er grinste etwas verunsichert.
»Du hast ein Romanmanuskript gefunden«, erklärte sie ihm.
»So.« Mehr hatte er dazu nicht zu sagen.
»Hat das einfach so in einem Abfallkorb gelegen?«, wollte Kim wissen.
»Ja.«
»Nicht schlecht.« Sie unterdrückte ein Schmunzeln.
»Komm, küss mich lieber!«, forderte Pauly sie auf.
Kim ging nicht darauf ein, sondern sagte: »Mal angenommen, derjenige, der dieses von dir gefundenen Manuskript geschrieben – «
»Nicht jetzt«, fiel ihr Pauly ins Wort und küsste sie dann auf den Mund, zog dabei ihren Unterkörper mit beiden Händen kräftig gegen den seinen.
»Lass mich ausreden!« Kim befreite sich von seiner plötzlichen Attacke. »Zudem sind die Eier fertig gekocht.«
»Was essen wir heute eigentlich?«, fragte Pauly. »Es ist schon bald acht Uhr.«
»Wie du siehst: gekochte Eier.«
»Sehr lustig.« Er imitierte ein knappes Lachen. »Wir könnten aber eine Pizza essen gehen.«
»Darauf habe ich jetzt keine Lust«, sagte Kim. »Ich will in diesem Manuskript weiterlesen.«
»Das muss ja eine ungeheure Sache sein, die ich da angeschleppt habe!« Und grinsend fügte er an: »Vielleicht sollte ich öfter meinen Kopf in Abfallkörbe stecken!«
Kim nahm den Topf von der Herdplatte.
»Nun hör mir bitte mal zu«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob die Idee gut ist, aber eine Überlegung ist sie auf jeden Fall wert.«
»Was für eine Idee?«
»Dieses Manuskript – übrigens ein spannender Thriller – ist vielleicht noch unveröffentlicht.«
»Woher willst du das wissen?«
»Weil es viele Korrekturen in dem Text gibt.«
»Das beweist doch gar nichts«, sagte Pauly. »Vermutlich ist es ganz einfach Scheiße – da hat einer etwas zusammen geschrieben, was dann im Abfall landete. Und du lässt dich davon auch noch begeistern. Du liest sonst nie viel, also wie willst du das überhaupt beurteilen?«
»Auf jeden Fall verstehe ich mehr davon als du.« Kim wurde energischer. »Doch wenn es dich nicht interessiert, dann lässt du es eben bleiben.«
»Was soll mich daran schon interessieren?«
»Jetzt überleg doch mal, Nino! Dieses Manuskript ist jetzt in unserem Besitz.«
»Wirf den Mist weg!«
»Romane werden von Schriftstellern geschrieben.« Kim ließ nicht locker und schaute ihrem Freund in die Augen. »Aber das hier wurde von demjenigen, der es geschrieben hat, weggeworfen. Warum versuchen wir nicht, damit etwas anzufangen?«
»Womit?«, fragte Pauly erstaunt. Und dann begriff er: »Du willst es irgendwie verkaufen.«
»Das wäre zumindest eine Idee. Vor zwei Jahren haben wir doch im Urlaub diesen Angeber mit dem ewigen Sonnenbrand auf der Nase kennen gelernt. Und der hat gross erzählt, dass er Journalist ist und dazu auch noch Geschichten für Zeitschriften schreibt.«
»Was willst du von dem?«
»Nichts. Aber er hat mich auf eine Idee gebracht.« Sie pausierte, erzeugte damit aber keinerlei Spannung bei Pauly.
»Die Eier werden kalt«, sagte er.
Kim winkte ab. »Ich kenne mich da ja nicht aus. Aber warum informieren wir uns nicht darüber, was zu machen ist, wenn man ein Buch geschrieben hat?«
»Hör mit diesem Unsinn auf!«
»Niemand braucht zu erfahren, dass wir das Manuskript gefunden haben«, sagte Kim weiter. »Und wer könnte uns das auch beweisen?«
»Derjenige, der es geschrieben hat.«
»Es steht kein Name auf dem Manuskript. Bloß der Titel: Abstieg ins Dunkel.«
»Vergiss es!«, sagte Pauly, näherte sich seiner Freundin und schob ihr das Haar aus dem Gesicht. »Wir verstehen von dieser Sache doch nichts.« Er versuchte sie zu küssen, doch sie wich ihm aus.
»Kapierst du denn nicht?«, sagte sie erregt. »Was haben wir zu verlieren?«
»Du spinnst doch!« Pauly ging zur Küchentür.
»Wie lange willst du noch für diesen eingebildeten Leo als billiger Gehilfe herumrennen?«
Pauly drehte sich langsam nach seiner Freundin um. »Was soll das heißen?«, fragte er.
»Was kann es schaden, wenn ich mich mal ein wenig umhöre?«, fragte Kim.
»Wer hat dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?«
»Niemand. Ich versuche nur, logisch zu kombinieren. Es könnte ja nichts schaden, wenn es uns ein bisschen besser ginge.«
»Mit diesem lächerlichen Papierstapel aus dem Abfallkorb?«
»Wir könnten es ausprobieren.«
»Dann probier mal schön!«, sagte Pauly abschätzig. »Ich gehe eine Pizza essen.« Damit verließ er die Wohnung.
»Der begreift doch nichts«, sagte Kim zu sich selbst, warf einen Blick auf die Eier, die sie nun sowieso nicht mehr essen wollte. Dann setzte sie sich ins Wohnzimmer und las in dem Manuskript weiter.
Der Entschluss war gefasst. Kim fand die Adresse und rief diesen Journalisten an, den sie aus den Ferien flüchtig kannte. Rolf Hoerning hieß er.
»Kim? – warte mal! – Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Vor zwei Jahren, Nizza, oder genauer, Cap Ferrat, Beach-Club.«
Sie sagte ihm natürlich nicht, was sie von ihm wollte.
Zwei Tage später trafen sie sich in einem Café. Kim kam gleich zum Thema.
»Ich suche jemanden, der ein Buch veröffentlichen möchte«, sagte sie.
»Ein Buch veröffentlichen?« Hoerning schien erstaunt. »Um was für ein Buch handelt es sich denn?«
»Um einen Thriller.«
»Den du geschrieben hast?«, wollte er wissen.
»Ein Bekannter von mir hat ihn geschrieben«, antwortete sie, was sie zu ihrem eigenen Erstaunen ganz locker aussprach.
»Und du willst diesen Thriller für ihn verkaufen?«
»Ja.«
»Wird nicht einfach sein«, meinte Hoerning. »Ohne Beziehungen läuft eigentlich nichts. Dazu kommt, dass ein solcher Thriller auch eine gewisse Qualität haben muss.«
»Der ist Spitzenklasse«, sagte Kim.
»Also, ich kann dir da schlecht weiterhelfen.«
»Schreibst du nicht selber Geschichten für Zeitschriften?«
»Das lief nicht besonders. Wenn du willst, kann ich dir aber die Adresse eines Agenten geben.«
»Eines Agenten?«
»Vielleicht hat der Interesse daran, die Sache zu vertreten und sie den entsprechenden Verlagen anzubieten.«
»Ja, warum nicht?« Kim lächelte. »Nett von dir. Ich verstehe von diesem Geschäft ja nichts.«
»Warum versucht dein Bekannter es nicht selber?«, fragte Hoerning.
»Es macht mir Spaß, so etwas zu versuchen«, sagte Kim.
»Du musst es wissen.«
»Ist der Autor ein Freund von dir?« Hoerning wollte es doch genauer wissen.
»Ja«, antwortete Kim.
»Aber nicht etwa dieser – wie hieß er schon wieder?«
»Erraten – Nino hat das Buch geschrieben.« Jetzt war die Katze aus dem Sack.
»Also, den hätte ich eher für einen Sportler gehalten«, sagte Hoerning.
Kim fühlte sich erstaunlich sicher. Natürlich war es gewagt zu behaupten, Nino hätte ein Buch geschrieben. Aber Hoerning kannte Nino ja kaum.
»Will dein Freund das professionell machen?«
»Mal schauen, wie die Sache anläuft.«
»Dieser Agent, von dem ich sprach, heißt Anton Rozeck und hat sein Büro in München«, sagte Hoerning. »Die genaue Adresse musst du dir selber beschaffen.«
Kim notierte sich den Namen und fragte: »Kennst du den Mann persönlich?«
»Nein.«
Kim bedankte sich für die Auskunft und hatte es dann plötzlich eilig, das Café zu verlassen.
Sie betrat die Wohnung. Pauly saß in seinem roten Trainingsanzug vor dem Fernseher. Sein Haar war vom Duschen noch feucht.
»Hallo«, begrüßte sie ihn und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
»Du bist spät«, sagte Pauly, ohne seinen Blick von der Mattscheibe zu nehmen.
»Ich hatte noch eine Verabredung.« Sie ging zum Tisch, holte eine Zigarette aus der Handtasche und fing zu rauchen an.
Pauly starrte unentwegt auf den Bildschirm, wo ein Actionfilm lief.
»Ich sagte, dass ich noch eine Verabredung hatte«, betonte Kim etwas lauter. »Oder interessiert dich das nicht?«
Pauly drehte seinen Kopf in Kims Richtung, doch da aus dem Lautsprecher des Fernsehers gerade ein krachendes Geräusch kam, fixierten seine Augen gleich wieder das flimmernde Viereck.
Kim schritt zum Gerät und schaltete es aus.
»He, was ist los?«, regte sich Pauly auf.
»Ich muss mit dir reden«, sagte Kim. »Und da will ich, dass du mir zuhörst!«
Pauly legte den Kopf zurück, zog die Beine auf den Sessel, gähnte mit weit geöffnetem Mund.
»Meine Verabredung hatte mit diesem Manuskript zu tun«, erklärte Kim.
Pauly setzte sich im Sessel auf. »Was soll das?«, fragte er. »Das bringt doch nichts.«
»So, meinst du?« Ihre Augen musterten Pauly mit prüfendem Blick. »Willst du mir nun zuhören?«, fragte sie dann.
»Also, lass es schon raus, wenn es unbedingt sein muss!«, erwiderte er.
»Ich habe mit jemandem über das Manuskript gesprochen«, verriet Kim.
»Und?« Pauly wirkte völlig uninteressiert. Er zupfte mit den Fingern an seinem Trainingsanzug herum.
»Ich gehe am Montag zu einem Agenten«, sagte sie, »und werde ihm das Manuskript anbieten.«
»Anbieten?«, fragte er. »Was soll das heißen?«
»Vielleicht kann es veröffentlicht werden.«
»Du spinnst doch«, meinte er spöttisch.
»Lass mich nur machen, Nino! Wenn derjenige, der dieses Manuskript geschrieben hat, es nicht mehr will und wegwirft, dann komme eben ich und mache etwas damit.«
»Der wird sich freuen, wenn er sein Buch plötzlich irgendwo sieht.«
»Vorausgesetzt, er kommt dahinter«, erwiderte Kim.
»Der wird doch sein eigenes Geschreibsel erkennen.«
»Dazu muss er es zuerst gedruckt lesen«, sagte Kim und drückte die Zigarette aus. »Es erscheinen laufend neue Bücher. Wenn wir also den Titel ändern, dazu einen erfundenen Namen als Autor angeben, besteht kaum eine Chance, dass der richtige Verfasser dahinterkommt.«
»Was dir so durch den Kopf geht!«, stellte Pauly fest. »Gut, die Idee ist ja soweit nicht schlecht. Aber mal angenommen, du schaffst es wirklich, dass dieses Manuskript veröffentlicht wird – «
»Was ist dann?«, fragte Kim neugierig.
»Betrug ist das.«
Sie schwieg.
»Und wer soll bei deiner Idee das Manuskript denn geschrieben haben?«, wollte Pauly wissen. »Etwa du selbst?«
»Es muss ein Mann sein«, antwortete sie.
»Und wieso?«
»Weil es von einem Mann geschrieben wurde.«
»Wenn ich dich so reden höre.« Pauly grinste. »Wie damals, als dir dieser Robert die große Karriere als Fotomodel eingeredet hat.«
»Stimmt, Nino. Nur wirst du mich diesmal nicht davon abbringen.«
»Mir kann es ja egal sein. Ich habe die Sache zwar gefunden, aber was du nun damit machst – es hat offenbar keinen Sinn, dagegen anzugehen.«
»Wir müssen die Sache nur gut planen«, sagte Kim.
»Wir? Lass mich da bitte raus!«
»Und für wie lange?«, fragte sie. »Ich nehme an, wenn es Geld einbringt, wirst du garantiert dabei sein!«
»Wenn, wenn, wenn!«, reagierte Pauly und fuchtelte mit der Hand herum. »Wenn der Kram wirklich was taugt und du dich auf die Socken machst – ja, ich traue dir sogar zu, dass du eventuell was rausholen kannst. Aber wie viel wird es sein? Reich können wir damit bestimmt nicht werden.«
»Wenn es nur einige Tausender bringt.« Sie warf ihm einen verständnisheischenden Blick zu. »Das ist doch schon etwas, oder?«
»Von mir aus.«
»Rolf Hoerning hat mir den Tipp mit dem Agenten gegeben«, sagte Kim.
»Wer ist das?«
»Der Journalist aus Nizza.«
»Ach der«, sagte Pauly abschätzig.
»Ich habe Hoerning übrigens gesagt, du hättest den Roman geschrieben.
Paulys Gesicht erstarrte vor Fassungslosigkeit. »Was hast du?«
Kim trat auf ihn zu und blieb dicht vor ihm stehen.
»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, was?«, sagte Pauly. »Das kauft dir doch niemand ab!«
»Nino.« Kim kniete sich zu ihm herunter und legte ihre Hand auf sein Knie. »Lass mich nur machen!«, sagte sie leise. »Ich weiß, was ich will und werde es diesmal auch erreichen.«
»Ich und ein Buch schreiben!«, rief Pauly.
»Die Sache muss unter uns bleiben«, sagte Kim. »Du hast das Manuskript geschrieben, und ich werde alles andere erledigen.«
»Warum erfindest du nicht einen Namen?«
»Lass es uns mal so versuchen!«
»Das haut nie hin«, versicherte Pauly.
»Machst du nun mit, Nino?« Kim griff nach Paulys Hand und drückte sie.
»Ich kenne ja nicht einmal den Inhalt«, sagte er.
»Du musst es eben lesen.«
»Sagen wir, ich werde es mir mal vorsichtig ansehen. Lesen war nie meine Stärke.« Pauly beugte seinen Oberkörper vor, um Kim zu küssen. Sie kam ihm entgegen, legte ihre Arme um seinen kräftigen Hals. Zwei Hände zogen sie auf den Sessel. Sie spürte den muskulösen Körper unter dem ihren. »Du bist ein verrücktes Weib«, flüsterte ihr Pauly ins Ohr. »Jetzt habe ich so richtig Lust auf dich.«
»Du darfst niemandem davon erzählen«, flüsterte Kim.
»Ich schwörs dir, Kleine«, sagte Pauly, der nur noch das eine wollte.
Kim lächelte. Dann verfing sie sich, schon halb ausgezogen, in seinen Umarmungen. Jetzt konnte sie sich gehen lassen.
Kapitel 3 (Das Manuskript)
»Wie war das Wochenende?«, fragte Astrid wie jeden Montagmorgen.
»Nichts besonderes«, antwortete Kim, die lustlos an ihrem Schreibtisch sass und zum Fenster hinausschaute. Draußen regnete es in Strömen.
Das Telefon auf Astrids Schreibtisch klingelte. Sie hob ab. Kim hörte sie sprechen, achtete aber nicht darauf, was ihre Arbeitskollegin sagte. Am liebsten wäre sie wieder nach Hause gegangen, um von dort aus diesen Agenten anzurufen. Doch das konnte sie sich nicht leisten. Sie hatte schon letzte Woche einen Tag gefehlt.
»Kim – wir sind hier bei der Arbeit!« Astrid, die das Telefongespräch beendet hatte, holte sie aus den Gedanken. Und in einem ernsthafteren Ton kam dann die Frage: »Hast du Probleme mit Nino?«
Kim schaute Astrid an. »Mit Nino?«, sagte sie, als gäbe es da etwas nachzudenken. »Nein, mit Nino ist nichts.«
Die Tür ging auf, und Lehner, der Personalchef, trat ein. Wie immer war er korrekt in einem dunkelgrauen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte, gekleidet. »Guten Morgen«, grüßte er mit klarer, fester Stimme.
Kim erwiderte dies mit Murmeln und Kopfnicken. Astrid gab sich mehr Mühe.
Lehner blieb neben Kims Schreibtisch stehen, bemüht, mit der einen Hand in der Hosentasche locker zu wirken.
Kim fing auf der vor ihr liegenden Tastatur zu tippen an und warf ab und zu einen Blick auf den Bildschirm.
»Ich möchte Sie später sprechen«, sagte Lehner. »Um zehn in meinem Büro.«
»Ja«, sagte Kim knapp und ohne die Tipperei zu unterbrechen.
Lehner verließ den Raum.
»Der geht aber ganz schön forsch mit dir um«, sagte Astrid. Kim stützte ihren Kopf auf beiden Händen ab. Nun fühlte sie sich erst recht schlecht.
»Du hättest ihn damals eben nicht so kalt abblitzen lassen sollen.«
Kim reagierte nicht darauf. Da Astrid das Thema auch nicht weiter verfolgte, wurde einige Zeit konzentriert gearbeitet.
»Ich geh mal schnell zur Haselmann rüber«, sagte Astrid nach einiger Zeit.
Kaum war Astrid draußen, überkam Kim eine eigenartige Unruhe. Natürlich: die Sache mit diesem Anton Rozeck. Jetzt hatte sie doch Gelegenheit, ihn anzurufen. Schon holte sie ihr Notizbuch aus der Handtasche. Aufgeregt wählte sie die Nummer, presste den Hörer ans Ohr.
»Agentur Rozeck«, meldete sich eine Frauenstimme.
Kim verlangte, mit Herrn Rozeck zu sprechen, und wurde weiterverbunden.
»Rozeck«, sagte eine tiefe Stimme.
Kim nannte ihren Namen und erklärte dem Mann ihr Anliegen. Er hörte ihr aufmerksam zu – zumindest hatte sie diesen Eindruck. Als sie ihm vorschlug, in den nächsten Tagen bei ihm vorbeizukommen, reagierte er zurückhaltend. Er sei an neuen Stoffen zwar grundsätzlich interessiert. Daher solle sie ihm das Manuskript zur Prüfung zusenden. Das ganze Gespräch dauerte kaum zwei Minuten.
Als Kim aufgelegt hatte, schlich sich ein Lächeln um ihren Mund. Das war doch nicht schlecht gewesen! Zumindest wollte sich der Agent die Sache mal ansehen. Doch Kim begriff plötzlich, dass das auch mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte. Das Manuskript, so wie es momentan vorlag, durfte sie ihm keinesfalls zuschicken.
Sehr schnell wurde Kim klar, was sie zu tun hatte: Den ganzen Roman neu einzutippen. Und einen neuen Titel musste sie finden.
Astrid kam zurück.
»Vielleicht werde ich ein paar Tage Urlaub nehmen«, sagte Kim.
»Urlaub?«, fragte Astrid erstaunt. »Bei diesem Wetter?« Sie nickte in Richtung Fenster. Draußen regnete es.
»Ich habe viel zu erledigen«, erklärte Kim. »Private Dinge, die mir sonst über den Kopf wachsen.«
Astrid schmunzelte. »Arbeitest du wieder als Model für diesen Fotografen?«, wollte sie neugierig wissen.
»Ja, da steht auch noch ein Termin an«, flunkerte sie, weil sie wusste, dass ihre Kollegin auf diesen Nebenjob immer ein wenig eifersüchtig war.
»Dann bring das mal Lehner bei!«, sagte Astrid.
Punkt zehn Uhr klopfte Kim an die Tür des Personalchefs. Lehner reagierte mit einem kräftigen »Herein!«
Kim trat ein. Lehner spielte den Arbeitenden, hob dann den Kopf und meinte: »Ach, Sie sind's.«
»Sie wollen mich sprechen«, sagte Kim und ging auf den Personalchef zu.
»Richtig.« Lehner fuchtelte kurz mit dem Kugelschreiber vor sich herum und hielt ihn dann wie eine Zigarette zwischen seinen Fingern. »Und zwar geht es um ihre Versetzung nach Freising.«
»Davon weiß ich ja noch gar nichts.« Kim fühlte sich überrumpelt.
»Ja, es ist ein kurzfristiger Entscheid, aber unumgänglich«, sagte Lehner.
Wollte er sie loswerden? Oder hatte man auch in der Direktion bemerkt, dass er sich zu viel um Kim kümmerte – zuerst im Guten und dann im Schlechten – und daraus die Konsequenzen gezogen?
»Ab wann soll ich versetzt werden?«, fragte Kim.
»Vom nächsten Monat an.« Er dachte nach, ließ den Kugelschreiber fallen. »Ja, es ist schade, dass wir uns nicht besser verstanden haben.«
»Ich benötige dringend einige Tage Urlaub«, sagte Kim. »Möglichst bald, wenn das ginge?«
Lehner nahm zuerst wieder den Kugelschreiber in die Finger, bevor er darauf reagierte. »Warum tragen Sie den gewünschten Urlaubstermin nicht ein?«, fragte er. Nur, er hatte sie schon richtig verstanden. Und doch setzte er hinzu: »Sie sind doch lange genug bei uns, um zu wissen, wie das funktioniert.«
»Ich will die Tage gleich einziehen, ab sofort.«
»Ab sofort?«, wiederholte er. »Das ist gar nicht üblich. Wir sind momentan ziemlich im Druck.«
»Es ist sehr wichtig für mich«, betonte sie.
»Fototermine?«, fragte er, wobei er ein teilnahmsloses Gesicht machte.
»Nein, natürlich nicht«, antwortete sie. »Es geht um eine Familienangelegenheit.«
»Gut«, sagte er zu ihrem Erstaunen. »Wenn Sie sich mit Frau Seiler absprechen können, von mir aus.« Frau Seiler war Astrid.
Wieso verhielt sich Lehner plötzlich so? Hatte das mit Kims Versetzung zu tun? Gab er auf, endlich, nach all den Jahren? Lehner, der Mann, der ihr anfänglich viel mehr Freiheiten eingeräumt hatte als allen anderen Mitarbeiterinnen. Der dann schon bald einmal damit anfing, auch sein persönliches Interesse an ihr zu zeigen. Der versteckte Einladungen ausgesprochen und schließlich versucht hatte, sie in seine Wohnung zu locken!
Kim war nie auf ihn eingegangen. Typen wie Lehner konnte sie nicht ausstehen.
»Teilen Sie es mir mit, wenn Sie sich mit Frau Seiler einigen konnten!«, fügte Lehner hinzu.
Für Kim war die Sache schon klar. Trotz der angekündigten Versetzung. Nun fühlte sie sich gut.
Montag und Freitag widmete sich Pauly immer einem ausgiebigen Krafttraining. Er blieb dann jeweils noch ein bis zwei Stunden länger im Fitness-Center.
Heute war Montag. Pauly lag in der Bauchpresse, drückte die Knie gegen die gepolsterte Rolle. Sein nackter, muskulöser Oberkörper glänzte vor Schweiß. Die enge Turnhose schnitt in die durch die Anstrengung aufgeblähten Oberschenkel ein. Sein Puls raste an der Grenze von hundertsiebzig Schlägen in der Minute – für sein Alter die optimal bevorzugte Trainings-Frequenz. Durch die zusammengebissenen Zähne drückte er Luft, vermischt mit einigen kurzen Lauten, aus sich heraus. Die gut geölten Ketten der verchromten Maschine rollten über fast widerstandslose Zahnräder. Gewichtplatten hoben und senkten sich. Muskeln und Adern schwollen an.
Der Raum, in dem er trainierte, war groß. An der einen Wand gab es eine ganze Spiegelfront. Das Klima wurde gleichmäßig gehalten. Rote Backsteine und dunkelbraunes Holz sollte beruhigend wirken. Fenster gab es keine.
Hier trainierte jeder für sich. Hände umfassten gummierte Holme. Bizeps und Trizeps wurden entwickelt, Brustmuskeln verhärteten sich unter Belastung.
Pauly holte nochmals aus, stürzte sich in die erschwerten Kniebeugen, die seine Trainingsmaschine verlangte. Er wechselte oft willkürlich das Gerät, wollte sich einfach erschöpfen. »Ich werde mich besiegen«, schien sein Wahlspruch zu sein.
Plötzlich stand Kim vor Pauly, der seine Bewegungen unterbrach. »Was willst du?«, fragte er.
Sie trug eine weite Hose aus dünnem Stoff, dazu ein gelbes T-Shirt, einen roten Seidenschal und eine graue Jacke aus feinem Leder. Sie hatte sich eine schwarze Tasche über die Schuler gehängt.
»Was willst du?«, fragte er nochmals, denn es war nicht üblich, dass Kim im Fitness-Center auftauchte.
»Ich will dich abholen«, sagte sie. »Wir können ja etwas essen gehen.«
Pauly stieg von der Plattform herunter, rieb sich mit dem Handtuch das Gesicht ab. »Essen ist immer gut«, bemerkte er.
Kim machte einige Schritte und schaute sich um.
»Muss das denn sein?« Pauly regte sich plötzlich auf. »Ich habe dir doch schon mal gesagt, dass Leo es nicht gerne sieht, wenn du mit deinen hohen Absätzen den Boden ruinierst.«
»Entschuldige!« Sie schüttelte verständnislos den Kopf. »Ich habe ja ganz vergessen, wie heilig hier drinnen alles ist.«
»Was trägst du mit dir herum?«, fragte Pauly.
»Ein Laptop«, antwortete Kim.
»Wozu?« Pauly legte sich das Handtuch um den Nacken. Er hatte für Kim nur einen verständnislosen Blick übrig. »Ich gehe mich duschen«, sagte er und ging davon.
Kim verließ den Raum ebenfalls und wartete im Flur, gleich neben der Anmeldung, auf Pauly.
Die Tür neben ihr wurde geöffnet, und Leo trat heraus. Vermutlich hatte er Kim durch das Sichtfenster der Anmeldung gesehen. Die beiden kannten sich kaum, duzten sich aber.
»Wartest du auf Nino?«, fragte Leo.
Kim nickte.
»Und – wie geht's dir so?«
»Gut«, erwiderte Kim mit abwesendem Gesichtsausdruck.
»Schön.« Leo grinste. »Dann grüß mal Robert von mir«, sagte er, grinste nochmals und war weg.
Kim begriff sofort: Leo wusste, dass sie mit Robert, dem Fotografen, geschlafen hatte. Sie ging nach draußen an die frische Luft.
Zehn Minuten später kam Pauly. »Was ist? Gehen wir jetzt essen?«, fragte er.
»Natürlich«, antwortete Kim leicht gereizt.
»Mit dem neuen Laptop?« Pauly wollte sie provozieren.
Sie schwieg.
»Sag mal, willst du nicht endlich ins Bett kommen?« Pauly stand, nur mit einem engen Slip bekleidet, unter der Schlafzimmertür und blickte vorwurfsvoll zu Kim, die am großen Tisch im Wohnraum saß. Sie hatte den neuen Laptop vor sich, umgeben von Manuskriptseiten.
»Stör mich nicht!«, sagte Kim, ohne die Tipperei zu unterbrechen.
»Wozu schreibst du die ganze Sache ab?«
Kim unterbrach und schaute ihren Freund an. »Es wäre viel zu riskant, das gefundene Manuskript original an Rozeck zu schicken«, erklärte sie. »Also schreibe ich es ab, ändere auch den Titel und gebe dich als Autor an.
»Mal angenommen«, sagte Pauly, der noch immer dastand, »dieser Agent will denjenigen sehen, der den Mist hier angeblich geschrieben hat. Ich meine damit: mich!«
Kim zündete sich eine Zigarette an. »Daher braucht es eben einen guten Plan«, sagte sie. »Vor allem musst du den Mund halten und nichts rumerzählen.«
»Das passt mir nicht«, sagte er. »Du verlangst etwas, das ich mir erst gründlich überlegen möchte. Was du vor hast, ist sowieso Betrug.«
»Wieso soll es Betrug sein, wenn man sich um etwas bemüht, das derjenige, der es ursprünglich geschaffen hat, nicht mehr haben will? Das kann dem dann egal sein. Sonst hätte er es ja nicht wegzuschmeißen brauchen.«
»Gut, die Sache hat tatsächlich im Abfall gelegen. Aber so einfach ist es auch wieder nicht. Es ist ein Ausdruck auf Papier. Das wurde sicher auf einem Computer geschrieben, also wird es auch irgendwo gespeichert sein. Früher oder später kommt man uns auf die Schliche. Und was dann?«
Sie schwieg, wollte von einer solchen Möglichkeit nichts wissen.
»Warum tust du das?«, fragte Pauly mit einer Ernsthaftigkeit, die bei ihm selten war. »Bestimmt nicht wegen des Geldes. Du weißt ja nicht einmal, ob damit überhaupt was zu holen ist.«
Die Zigarette im Mundwinkel, blickte Kim ihn an. Ja, warum tat sie das? Seit sie das Manuskript gelesen hatte, war in ihr viel aufgebrochen. Immer in der Gewissheit, dass es zu ihrer Verfügung stand, dass sie damit etwas in die Wege leiten konnte. Ehrgeiz? Hatte es damit zu tun? Wie sehr drängte es sie zum Ausbruch aus der Normalität. Als Fotomodel hätte sie diese Möglichkeit gehabt. Was war davon geblieben? Sie konnte doch nicht ihr Leben lang in einem Büro sitzen und Rechnungen, Offerten und dergleichen schreiben! Oder sollte sie Nino heiraten – einen Mann mit dem Lohn eines Hilfsarbeiters!
»Was ist los?«, fragte Pauly, weil Kim ihn nur anstarrte.
»Du glaubst nicht, dass man damit was machen kann, oder?«, fragte Kim und zeigte auf die Papiere auf dem Tisch.
»Keine Ahnung«, antwortete Pauly. »Zudem schreiben wir beide keine Bücher.«
»Das wissen nur wir«, erwiderte sie. »Aber das hier, dieses Buch, haben wir zu unserer Verfügung.«
»Mach, was du willst!« Er gab wieder mal auf. »Doch halte mich da raus!« Damit drehte er sich um und wollte ins Schlafzimmer zurück.
»Nino!«
Er wandte sich ihr wieder zu.
»Ich will nun ganz klar von dir wissen, ob du bei meinem Plan mitmachst«, sagte sie.
»Ich weiß es noch nicht.«
»Aber du vertraust mir doch?«
»Ja, sicher.«
»In Ordnung, Nino.« Sie versuchte zu lächeln, doch die Art, wie sie die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte, verriet, wie nervös sie war.
Wenig später lag Pauly im Bett. Das leise und doch eindringliche Geräusch der Tipperei auf der Tastatur des Laptops dauerte noch die ganze Nacht.
Kim arbeitete die ganze Woche ununterbrochen an der Abschrift des Manuskripts. Sie war über sich selbst erstaunt, denn so viel Selbstdisziplin hatte sie sich nicht zugetraut. Sie tauchte dabei in den Stoff des Thrillers ein, was sie immer mehr von ihrem Vorhaben überzeugte.
Am Sonntagabend war es fast soweit. Was nun noch fehlte, war ein neuer Titel.
Pauly betrat das Wohnzimmer. Kim tippte, stoppte, tippte weiter und bemerkte erst jetzt, dass Pauly neben ihr stand. Er griff nach dem Stapel des neuerstellten Manuskripts, das neben dem Drucker lag, hob die Blätter am Rand mit dem Daumen hoch und ließ sie durch rascheln.
»Du hast noch keine Zeile davon gelesen«, hielt ihm Kim vor.
Als sie den Kopf wieder senken wollte, um sich der restlichen Arbeit zuzuwenden, spürte sie Paulys Finger unter ihrem Kinn. Er beugte sich langsam vornüber und flüsterte: »Fleißiges Mädchen.«
»Morgen bringe ich die Sache zur Post«, sagte Kim und schrieb auf das Deckblatt:
AUF DER LINIE DES TODES
Roman
von
NINO PAULY
Etwas gefiel ihr nicht. Sie starrte auf den Bildschirm und las die Worte immer wieder durch. AUF DER LINIE DES TODES. Dann bereicherte sie den Namen des Autors um einen – wie sie fand – entscheidenden Zusatz: Nicht mehr NINO PAULY, sondern NINO DE PAULY.
Ja, das klang gut, das war es, was sie gesucht hatte. Sie lehnte sich zurück.
»Und?«, fragte Pauly. »Was ist?«
Sie lächelte zufrieden und gab ihm keine Antwort.
Kapitel 4 (Das Manuskript)
Drei Wochen später.
Robert hatte sich mit Kim verabredet. Sie trafen sich nachmittags in einem großen Café in der Innenstadt. Nach einigen belanglosen Sätzen fragte Robert: »Weiß Nino, dass du dich hier mit mir triffst?«
»Wozu ist das wichtig?«, fragte sie zurück.
