Der neue Dr. Laurin 12 – Arztroman - Viola Maybach - E-Book

Der neue Dr. Laurin 12 – Arztroman E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Die sensible Nina Erichsen war erst vierzehn, als sie ihre noch sehr­ junge Mutter Valerie durch Krebs verloren hat. Seitdem ist sie mit ihrem Stiefvater Per, den ihre Mutter erst drei Jahre vor ihrem Tod geheiratet hatte, allein. Sie haben sich immer gut verstanden, aber jetzt, sechs Jahre später, verändert sich ihre Beziehung. Eines Tages begreift Per, dass seine Gefühle für Nina nicht länger väterlicher Natur sind. Sie ist ernster als andere ihres Alters; wenn er mit ihr zusammen ist, vergisst er regelmäßig, dass sie so viel jünger ist als er. Seine Erkenntnis macht ihn unglücklich. Was soll aus dieser Liebe werden? Nina sieht den Vater in ihm, was auch sonst? Er bittet sie, sich eine eigene Wohnung zu suchen – eine Bitte, die sie zutiefst verletzt. Sie fühlt sich weggestoßen und im Stich gelassen. Er ahnt nicht, dass Nina sich mit ähnlichen Gedanken plagt wie er. Bei einem Besuch in Leon Laurins gynäkologischer Sprechstunde bricht die Wahrheit aus ihr heraus. Leon bleibt ruhig und fragt sie, was an dieser Liebe so schlimm wäre. Doch ausgerechnet jetzt tritt eine frühere Freundin wieder in Pers Leben. "Ich frage meinen Vater, ob wir mal zu dritt Urlaub in unserer Ferienhütte machen dürfen", sagte Lukas Martin. "Oder würden eure Eltern das nicht erlauben?" "Ohne Erwachsene?", fragte Kevin Laurin. "Klar, sonst macht es doch gleich viel weniger Spaß." "Ich würde vielleicht erzählen, dass ein Erwachsener dabei ist", überlegte Mike Brönner. "Aber ich lüge nicht", erklärte Kevin. "Ich frage und versuche zu erklären, dass wir ja nur mal unter uns sein wollen. Aber am besten fragst du zuerst deinen Vater, Lukas. Wird der denn nichts dagegen haben?" Lukas lächelte heiter. "Er ist so verknallt in Charly, dass er nur noch Augen für sie hat. Das ist gut für mich. Im Augenblick erlaubt er mir fast alles." Kevin und Mike wussten, wer ›Charly‹ war: Charlotte Behr, die neue Freundin von Lukas' Vater. Sie hatten sie bereits kennengelernt und waren sehr beeindruckt von ihr gewesen. Sie sah nämlich nicht nur toll aus, sodass Mike, für weibliche Reize seit einiger Zeit sehr empfänglich, beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen waren bei ihrem Anblick, sondern sie war auch richtig nett.

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Leseprobe: Theater auf Waldenburg?

Sie ist jung, sie ist schön, und sie ist stolz – ihr Vater, der alte Graf und Patriarch Benno von Waldenburg, weiß genau, warum er seine Lieblingstochter dazu auserkoren hat, die Herrin auf Schloss Waldenburg zu werden. Es ist die große Überraschung, die er auf der herrlichen Feier anlässlich seines 60. Geburtstags verkündet. Sie führt zum Eklat – denn sein maßloser, ungeratener Stiefsohn Ingo denkt gar nicht daran, auf seine Ansprüche zu verzichten. Er will vor Gericht klagen. Die gräfliche Familie wird unruhige Zeiten erleben. Aber Die junge Gräfin geht unbeirrt ihren Weg – ihr natürlicher Charme, ihre Ausstrahlung, ihr Esprit machen sie zu einer wundervollen, von der Männerwelt umschwärmten Frau. Niemand kann ihr widerstehen, während sich Die junge Gräfin herzensgut, doch auch sehr wählerisch zeigt. Denn sie weiß, was sie will – und auch, wen sie will. Die junge Gräfin ist eine Familiensaga, die ihresgleichen sucht. Die Erfolgsschriftstellerin Michaela Dornberg, bestens bekannt als Autorin der beliebten Serien Die Fahrenbachs und Der neue Sonnenwinkel, zieht alle Register. Die junge Gräfin ist eine weit herausragende Figur, ein überzeugender, zum Leben erwachender Charakter – einfach liebenswert.

Der neue Dr. Laurin – 12 –

Böser Verdacht

Verleirt Charlotte ihre große Liebe?

Viola Maybach

»Ich frage meinen Vater, ob wir mal zu dritt Urlaub in unserer Ferienhütte machen dürfen«, sagte Lukas Martin. »Oder würden eure Eltern das nicht erlauben?«

»Ohne Erwachsene?«, fragte Kevin Laurin.

»Klar, sonst macht es doch gleich viel weniger Spaß.«

»Ich würde vielleicht erzählen, dass ein Erwachsener dabei ist«, überlegte Mike Brönner.

»Aber ich lüge nicht«, erklärte Kevin. »Ich frage und versuche zu erklären, dass wir ja nur mal unter uns sein wollen. Aber am besten fragst du zuerst deinen Vater, Lukas. Wird der denn nichts dagegen haben?«

Lukas lächelte heiter. »Er ist so verknallt in Charly, dass er nur noch Augen für sie hat. Das ist gut für mich. Im Augenblick erlaubt er mir fast alles.«

Kevin und Mike wussten, wer ›Charly‹ war: Charlotte Behr, die neue Freundin von Lukas’ Vater. Sie hatten sie bereits kennengelernt und waren sehr beeindruckt von ihr gewesen. Sie sah nämlich nicht nur toll aus, sodass Mike, für weibliche Reize seit einiger Zeit sehr empfänglich, beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen waren bei ihrem Anblick, sondern sie war auch richtig nett. Sie arbeitete beim Sozialamt, lebte in einer eher kleinen, aber sehr gemütlichen Wohnung und verdiente nicht besonders viel Geld – das hatte Lukas ihnen erzählt. Außerdem war sie fast zehn Jahre jünger als sein Vater.

Insofern fand er, dass sie eigentlich nicht zu ihm passte, denn Fabian Martin war ein hochrangiger und natürlich auch hochbezahlter Manager bei einem Automobilkonzern. Deshalb hatte er zunächst befürchtet, Charly könnte es eher ums Geld gehen als um seinen Vater, aber so war es eindeutig nicht. Es traf wohl eher das Gegenteil zu: Sie hatte sich erst gar nicht auf ihn einlassen wollen, weil sie selbst gefunden hatte, seine Lebenswelt und ihre seien nicht gut miteinander vereinbar. Aber die Liebe war offenbar stärker gewesen, denn jetzt waren sie ein richtig glückliches Paar.

»Sie haben meinen Segen«, hatte Lukas vor kurzem einmal ganz ernsthaft gesagt und Kevin und Mike damit zum Lachen gebracht.

Lukas war noch nicht lange in ihrer Klasse, aber sie hatten sich schnell mit ihm angefreundet. Er war liebenswürdig und umgänglich, für jeden Spaß zu haben und kein allzu eifriger Schüler. Er kam gut mit, aber ernsthaftes Arbeiten war seine Sache nicht.

Einen Spitznamen hatte er auch schon: Engel – den hatte er wegen seines Aussehens bekommen. Er hatte goldblonde lockige Haare, die er fast schulterlang trug, dazu ein ebenmäßiges Gesicht, das man nur als schön bezeichnen konnte. Blaue Augen, eine gerade Nase, hohe Wangenknochen. Er hätte einem alten Gemälde entstiegen sein können. Alle Mädchen der Klasse waren in ihn verliebt, und auch Mädchen aus anderen Klassen verfolgten ihn in den Pausen mit verklärten Blicken – und, wie Kevin inzwischen bemerkt hatte, nicht nur Mädchen.

Lukas nahm das nicht so wichtig, da war er anders als Mike, dessen Gedanken schon seit einiger Zeit vorwiegend um alles kreisten, was mit Liebe und Erotik zu tun hatte. Darüber war mehr als einmal seine lange Freundschaft zu Kevin in Gefahr geraten, der diese Veränderungen bei seinem besten Kumpel noch immer nicht nachvollziehen konnte. Erst ein Gespräch mit seiner Mutter über die Pubertät, die bei Mike schon ausgebrochen war, bei ihm selbst aber noch auf sich warten ließ, hatte Verständnis für Mike geweckt, und so rauften sie sich bislang jedes Mal wieder zusammen. Nun brachte ohnehin Lukas neuen Schwung in ihre Freundschaft …

»Ich frage meinen Vater gleich heute Abend«, sagte er jetzt.

»Wir könnten ja vielleicht mit einem Wochenende anfangen und nicht gleich mit einem ganzen Urlaub«, schlug Kevin vor. »Ein Wochenende würden mir meine Eltern wahrscheinlich erlauben.«

»Gute Idee«, fand Mike, »dann müssen wir auch nicht bis zu den nächsten Ferien warten, sondern können schon bald hinfahren.«

Die Hütte lag in den Bergen, es war eher ein sehr gut ausgestattetes Haus als eine Hütte. Der Walchensee war in der Nähe. Lukas hatte ihnen schon Bilder gezeigt und davon geschwärmt, wie schön es dort war.

»Aber jemand muss uns fahren«, gab Kevin zu bedenken.

»Charly würde das sofort machen«, sagte Lukas. »Und sie und mein Vater wären garantiert froh, wenn sie unser Haus mal ein Wochenende nur für sich hätten.« Er lächelte wieder sein heiteres Lächeln, bei dem ihm immer sofort alle Herzen zuflogen. Wenn er solche Bemerkungen machte, klangen sie nie anzüglich.

»Also gut«, sagte Kevin. »Wir alle fragen unsere Eltern, und dann sehen wir weiter.«

»Ich hoffe, es klappt. Um diese Jahreszeit ist es ziemlich einsam da, aber ich mag das, und ich wette, euch gefällt es auch.«

Ihre Wege trennten sich, Lukas musste nach links, Kevin und Mike nach rechts abbiegen.

»Er ist echt nett«, meinte Mike. »Ein richtig guter Freund.«

»Sein Vater und Charly sind auch nett«, stellte Kevin fest. »Über ihn steht jetzt dauernd was in der Zeitung, weil er doch neuen Schwung in den Konzern bringen soll. Die haben im letzten Jahr zu wenig Autos verkauft.«

»Er schafft das bestimmt«, sagte Mike zuversichtlich. »Ein Mann, der eine Frau wie Charly erobert, bringt auch einen Konzern wieder in Schwung.«

Kevin musste lachen. »Du bist ein Spinner, Mike. Das hat doch nichts miteinander zu tun.«

Mike beharrte auf seiner Meinung. »Das finde ich aber doch. Er hat sie von seinen Qualitäten überzeugt, obwohl sie am Anfang skeptisch war, das hat Lukas uns selbst erzählt. Und wenn er sie überzeugen kann, kann er auch Autokäufer überzeugen. So einfach ist das.«

Kevin gab zu, dass diese Argumentation schlüssig klang, und so legten sie den Rest ihres gemein­samen Weges in einträchtigem Schweigen zurück.

*

»Du siehst besser aus«, sagte Antonia Laurin zu ihrem Vater, Professor Joachim Kayser, der nach einem Herzinfarkt in der von ihm gegründeten Klinik lag

Der Infarkt hatte Vater und Tochter einander endlich wieder zusammengebracht, obwohl sie es nach wie vor vermieden, über die Themen zu sprechen, bei denen ihre Meinungen weit auseinandergingen: Vor allem war das Antonias Rückkehr in den Beruf, für den ihr Vater kein Verständnis aufbrachte. Er fand, eine Frau mit vier Kindern gehörte ins Haus. Und er fand außerdem, sein Schwiegersohn hätte ›durchgreifen‹ und Antonia ›verbieten‹ müssen, wieder als Kinderärztin zu arbeiten.

Sie gingen vorsichtig miteinander um, beide wollten den Streit nicht wieder aufflammen lassen. Aber beide wussten auch, dass sie sich irgendwann noch einmal damit würden auseinandersetzen müssen. Nur eben noch nicht jetzt, wo Joachim von dem Infarkt geschwächt war und möglichst keine Aufregung haben sollte.

»Ich fühle mich auch besser«, erwiderte er. »Ich kann schon wieder ganz gut laufen und hoffe, dass ich bald entlassen werde. Aber sie wollen mich noch nicht gehen lassen. Ich will wieder nach Hause.«

»Aber zuerst gehst du noch in eine Reha-Klinik.«

»Ich überlege, mir das zu sparen. In unserem Haus und mit Teresas Hilfe komme ich schneller wieder auf die Beine als in einer Klinik.«

»Was sagt denn Teresa dazu?«, erkundigte sich Antonia, obwohl sie das genau wusste. Sie hatte in letzter Zeit viele ausführliche Gespräche mit ihrer Stiefmutter geführt, da Teresa sich nach Kräften bemüht hatte, Vater und Tochter wieder zu versöhnen. Das hatte dann aber nicht sie, sondern der Infarkt geschafft.

Letzten Endes war Antonia froh darüber. Sie fand die Ansichten ihres Vaters zwar noch immer rückständig und war über seine Äußerungen sehr verletzt gewesen, aber sie konnte Unstimmigkeiten mit Menschen, die ihr nahestanden, nicht gut ertragen. Der Streit hatte sie belastet, sie brauchte Harmonie, um sich wohlzufühlen.

Das Gesicht ihres Vaters hatte sich verfinstert. »Sie will auch, dass ich in eine Reha-Klinik gehe«, sagte er. »Sie meint, die wissen dort besser, welche Übungen ich machen muss, um wieder fit zu werden als sie.«

»Und damit hat sie Recht«, stellte Antonia fest. »Ich muss los, Papa, aber du bist ja nie lange allein, wie ich weiß.«

»Teresa müsste eigentlich schon hier sein.«

»Sie kommt bestimmt bald. Bis morgen.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging.

*

»Da kommt einiges auf uns zu«, erzählte Inga Matthes ihrer Freundin und Kollegin Charlotte Behr.

Die beiden Frauen tranken nach der Arbeit noch einen Kaffee, wie sie es oft taten. Beide, die rothaarige Charlotte und die blonde Inga, waren attraktive Frauen, auf sehr unterschiedliche Art, so wie sie sich auch in ihren Temperamenten unterschieden. Charlotte war quirlig, immer in Bewegung, sie lachte gern. Das tat Inga auch, dennoch war sie viel ruhiger und gelassener.

Inga arbeitete mit Drogenabhängigen, sie war eine der Erfahrensten auf diesem Gebiet. Charlotte hörte ihr immer mit einer Mischung aus Schaudern und Faszination zu, wenn sie sich über ihre Arbeit austauschten.

»Stell dir vor«, fuhr Inga fort, »hier hat sich eine neue ›Familie‹ niedergelassen, die offenbar den Markt in München erobern will. Es scheint so, dass sie schon überall ihre Fühler ausstrecken, um festzustellen, wen sie für sich arbeiten lassen können. Also ist erhöhte Wachsamkeit von unserer Seite gefordert. Niemand kann ein Inte­resse daran haben, dass die Zahl der Drogensüchtigen in München sprunghaft ansteigt, aber das ist natürlich das Ziel dieser Mafia. Wir haben von der Polizei gehört, dass die neuen Bosse sehr aggressiv mit Niedrigstpreisen neue Kunden zu gewinnen versuchen.«

»Werbt ihr deshalb neue Leute an?«, fragte Charlotte.

»Ja, wir brauchen jede verfügbare Frau und jeden Mann. Wir haben auch ohne einen neuen Großdealer schon genug Probleme mit Drogen in München, wir brauchen wahrhaftig nicht noch mehr. Und deshalb müssen wir alle mithelfen, damit sich diese neuen Strukturen gar nicht erst bilden können.«

»Aber es ist doch Aufgabe der Polizei, dafür zu sorgen, dass das nicht passiert.«

»Ja, die starten eine richtige Großoffensive. Unsere Chefs beraten sich ja regelmäßig mit der Polizei, sonst wüssten wir ja auch nichts von dieser neuen Gefahr. Im Augenblick herrscht jedenfalls große Aufregung.«

»Kann ich mir vorstellen.«

»Ich hoffe, die Polizei stellt genügend Leute ab, damit endlich mal die richtig großen Tiere erwischt werden und nicht nur die kleinen Laufburschen, die das Zeug durch die Gegend transportieren. Ein großer Schlag gegen die Drogenmafia gelingt ja nicht nur, weil wir jetzt alle die Augen offenhalten.«

»Na ja, wenn die Polizei auch fest entschlossen ist, von Anfang an hart durchzugreifen …«

Inga seufzte.

»Ich habe ein bisschen Angst«, gestand sie.

»Du?«, fragte Charlotte ungläubig. »Du hast doch nie Angst.«

»Ich zeige es nur nicht, aber ich habe durchaus Angst. Manchmal, wenn an einem Tag alles so richtig mies gelaufen ist, denke ich, wir schaffen das einfach nicht. Es wird immer schlimmer, irgendwann werden wir aufgeben, dann übernehmen die Mafiabosse die Macht, und wir …«

»Das wird nicht passieren, so lange es Leute wie uns gibt«, erklärte Charlotte entschieden.

Inga nickte langsam. Dann sagte sie: »Behalte für dich, was ich dir erzählt habe. Wir rüsten sozusagen auf, aber wir machen das nicht öffentlich, um niemanden vorzuwarnen. Die sollen sich möglichst sicher und unbehelligt fühlen, dann sind die Chancen größer, dass sie Fehler machen.«

»Du liebe Güte«, sagte Charlotte. »Und die Polizei?«

»Wird ebenfalls im Stillen ihre Vorbereitungen treffen.«

Sie trennten sich nach einer liebevollen Umarmung. Auf dem Heimweg ließ Charlotte das Gespräch noch einmal Revue passieren. Sie selbst betreute Jugendliche aus kaputten Familien, dabei hatte sie natürlich auch oft genug mit Drogensucht zu tun. Mehr allerdings noch mit Alkoholabhängigkeit und daraus folgender Gewalt. Sie hatte sich keinen leichten Job ausgesucht, aber das war ihr von Anfang an bewusst gewesen. Sie sah viel Elend, manchmal zu viel. Da ging es ihr wie Inga. Aber es gab eben auch immer wieder diese kleinen Momente des Glücks, wenn es dann doch gelang, jemandem zu helfen, das Elend hinter sich zu lassen. Und letzten Endes, dachte sie, waren diese Momente gar nicht einmal so selten.

Bei der Arbeit mit Drogenabhängigen war es sicherlich anders, die Erfolgsquote war nicht besonders hoch. Inga würde sich ihre kleinen Momente des Glücks also woanders holen müssen, meistens jedenfalls.

Fabian fiel ihr ein, und sofort verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln. Wenn sie mit ihm zusammen war, handelte es sich eher um große, überwältigende Glücksmomente, über die sie auch etliche Wochen, nachdem sie sich kennengelernt hatten, immer noch nur staunen konnte.

Inga, dachte sie, müsste sich auch verlieben, dann würde sie ihren schweren Job besser aushalten.

*

»Ein Wochenende in den Bergen – ihr drei Jungs ganz allein?«, fragte Antonia Laurin, als Kevin beim Abendessen seine Bitte vortrug. »Und der Herr Martin ist einverstanden?«

»Das weiß ich noch nicht«, antwortete Kevin wahrheitsgemäß, »Lukas hatte ja heute erst die Idee, aber er muss seinen Vater noch fragen.«

»Und wie kommt ihr dahin?«, erkundigte sich Leon Laurin, nachdem er einen kurzen Blick mit seiner Frau gewechselt hatte.

»Na ja«, sagte Kevin ein wenig verlegen, »jemand müsste uns fahren, glaube ich. Mit dem Zug wäre es vielleicht etwas umständlich.«

»Ich glaube«, beschloss Leon, »ich rede mal mit Lukas’ Vater. Was wollt ihr denn da machen, jetzt, um diese Jahreszeit?«