Der neunte Tod - Ralf Kramp - E-Book + Hörbuch

Der neunte Tod E-Book und Hörbuch

Ralf Kramp

4,3

Beschreibung

Der Auftrag klingt wirklich einfach: Über die Weihnachtstage soll Herbie Feldmann das Haus seiner reichen Tante Hetti hüten. Doch dann begeht er einen folgenschweren Fehler, von dem ihn auch sein allgegenwärtiger Begleiter Julius nicht abhalten kann. Beseelt vom Geist des Weihnachtsfestes, gewährt er einem Obdachlosen Unterschlupf und Schutz vor dem frostigen Eifelwinter. Der geheimnisvolle Fremde nennt sich Mikesch. "So, wie der Kater", lacht er, und genau so wie ein Kater glaubt er auch neun Leben zu haben. Aber irgendwann sind auch diese neun Leben einmal verbraucht. Und plötzlich sehen sich Herbie und Julius erneut einer Leiche gegenüber ...

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Seitenzahl: 334

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Zeit:3 Std. 40 min

Sprecher:Kalle Pohl

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Ralf Kramp

Der neunte Tod

Fast jeder zwischen Euskirchen und Bad Münstereifel kennt das ungleiche Paar: Seit dem Klinikaufenthalt vor vielen Jahren wandelt an Herbie Feldmanns Seite ein großer, fetter Kerl namens Julius, der jedoch für alle anderen unsichtbar ist. Gemeinsam kämpfen die beiden gegen die Widrigkeiten des Lebens und nicht zuletzt gegen Tante Hetti, Herbies Vormund, die kleinlich und unnachgiebig über sein nicht unbeträchtliches Erbe wacht.

Ralf Kramp, geboren 1963, arbeitet als freischaffender Karikaturist, Krimiautor und Veranstalter von Krimi-Erlebniswochenenden in Mechernich-Glehn, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen die Freuden des beschaulichen Dorflebens genießt. Nach „Tief unterm Laub“, für den ihm 1996 der Eifel-Literaturförderpreis verliehen wurde, „Spinner“ und „Rabenschwarz“ ist „Der neunte Tod“ sein vierter KBV-Krimi.

Ralf Kramp

Der neunte Tod

1. Auflage Juli 1999

2. Auflage Oktober 1999

3. Auflage Oktober 2005

© KBV-Verlags- und Mediengesellschaft mbH,

Hillesheim

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Umschlagillustration: Ralf Kramp

Redaktion: Norbert Metzger

Satz: Bernd Kreuer, Bornheim

ISBN 3-934638-44-9

E-Book-ISBN 978-3-95441-059-0

Tybalt:

Was willst du von mir?

Mercutio:

Guter Katzen-König,

 

nichts als eins von deinen neun Leben,

 

um ein bißchen lustig damit zu machen,

 

und je nach dem ihr euch künftig

 

aufführen werdet, euch auch die

 

übrigen auszuklopfen.

 

William Shakespeare,

 

Romeo und Julia,

 

3. Akt, 1. Aufzug

„Ond laß se Wejhnachten in Minsterejfel fejern.Jarantiert der totale Horror.“

Gisbert Haefs,Liebe, Tod und Münstereifel

Erstes Kapitel

Harry kippte die grün schimmernde Flasche ein paar Zentimeter vor seiner blau durchäderten Nase mit dem Hals nach unten. Ein letzter Tropfen Rotwein bildete sich an der Flaschenöffnung, aber bevor sein zittriger Finger ihn auffangen konnte, tropfte er zu Boden und verschwand im Schnee. Der entstandene kleine Tupfer zu seinen Füßen sah im Dämmerlicht des Winterabends aus wie Blut.

Er war unterwegs nach Trier. Die letzte Nacht hatte er im Vellerhof bei Blankenheim verbracht, und jetzt standen ihm ein paar gemütliche Nachtstunden unter der Brücke der B51 über die Kyll bevor. Er seufzte und schleuderte die leere Ein-Liter-Flasche linker Hand in den Fluß. Während er weiter auf seine zukünftige Behausung zustolperte, knackte er beiläufig den Drehverschluß einer weiteren Weinflasche. An der nächsten Wegkehre setzte er an und tat ein paar kräftige Schlucke. Zufrieden rülpste er in den Abendhimmel hinein. Eine weiße Dampffahne bildete sich und wurde, als Harry sich wieder in Bewegung setzte, auseinandergewirbelt.

Vielleicht, so dachte er, würde er schon in zwei oder drei Tagen bei Mutti sein. In Trier, im Warmen, mit richtigem Essen und mit Muttis ollem Plastikweihnachtsbaum. Vielleicht sogar mit Spekulatius und Printen. Eigentlich hatte er die Sachen heute selber an der Tanke in Stadtkyll kaufen wollen, nachdem er zuvor sein spartanisches Nachtlager hoch oben auf dem Brückenpfeiler, direkt unter dem Brückenkopf, aufgeschlagen hatte. Mutti wäre bestimmt ganz jeck vor Freude gewesen. Oder vielleicht auch ganz traurig. Printen konnte sie nämlich schon ewig nicht mehr beißen.

Das Problem hatte sich von selber gelöst, da ihm plötzlich, angesichts der beiden preiswerten Weinflaschen, das Gebäck vollkommen unnütz erschienen war. So war das, wenn man schon so lange auf Achse war. Da wertete man Nahrungsmittel nur noch nach ihrem Alkoholgehalt. Wer im Freien übernachtete, der mußte sich wärmen, und wer derart, gewissermaßen lebendig in Alkohol eingelegt, durch die Gegend wankte, vergaß die Kälte für ein paar Stunden.

Als er durch Hammerhütte, eine idyllische kleine Ansammlung alter Bauernhäuser, torkelte, betrachtete er versonnen die winzigen Lichterketten, die die Bewohner von innen an den Fensterrahmen entlang drapiert hatten.

›Nur noch ein paar Wochen‹, dachte Harry und rülpste erneut heftig. ›Dann bin ich bei Mutti. Und dann ist Weihnachten. Und dann bin ich weg. Da findet mich keiner.‹

Er erinnerte sich an einen alten Weihnachtsschlager von Roy Black und lallte: »Weihnachten, Weihnachten bin ich zu Haus ...«, während er die Häuser von Hammerhütte hinter sich ließ und auf die Brücke zuwankte, die sich schwarz und drohend gegen den klaren Abendhimmel abzeichnete.

Als er wenige Meter vor der Brücke erneut stehenblieb, um einen weiteren Schluck aus der Flasche zu nehmen, sah er das gelbe Fahrzeug zum ersten Mal. Zuerst glaubte er, es handele sich um eine Wahnvorstellung. Es geschah häufig, daß er Dinge sah, die gar nicht da waren. Wirklich nichts Ungewöhnliches, wenn plötzlich Scharen von Mäusen durch das Vorzimmer des Sozialamts flitzten oder wenn irgendwelche Käfer durchs Zimmer surrten, aber das hier ...

Ein kadmiumgelber Dreier-BMW, das war die Zuhälterkarre schlechthin. Das paßte zu ihnen.

Seine Rechte verkrampfte sich um den Hals der Flasche, und instinktiv machte er die ersten zaghaften Schritte rückwärts. Sie hatten ihn gefunden! Und wenn sie ihn hier aufgetrieben hatten, dann hatten sie ihn lange und gründlich gesucht. Es war nicht klug gewesen, sich mit ihnen anzulegen. Er hätte es besser wissen müssen. Er hätte wissen müssen, daß diese Typen sich nicht auf der Nase rumtanzen ließen.

»Harry, alte Filzlaus!« ertönte eine dunkle Stimme hinter ihm, und eine Pranke klopfte ihm donnernd auf die Schulter. Entsetzt fuhr er herum. Die Flasche entglitt seiner Hand und zersplitterte auf dem verschneiten Asphaltweg. Der Rotwein verspritzte ringsherum. Wenn er eben noch über einen einzelnen Blutstropfen nachgesonnen hatte, dann war das jetzt ...

Eine Reihe schiefer Zähne grinste ihn breit an. Sie leuchtete ihn gelblich aus einer unrasierten Gesichtslandschaft an, die zu einem affenähnlichen Grinsen verzogen war.

Harry war stumm. Alles, was er jetzt sagen würde, würde das Grinsen nur noch wachsen lassen, bis es das häßliche Gesicht zu einer angsteinflößenden Maske verzerren würde. Der Kerl steckte zwei Finger in den Mund und schickte einen grellen Pfiff zur Brücke, wo sich daraufhin am Auto etwas regte. Eine weitere Gestalt schälte sich aus dem Dunkel und kam auf sie zu.

»Wir haben dich vermißt, mein Schatz«, säuselte Harrys Gegenüber. »Warum bist du nur so schnell abgehauen? Wir wollten dich doch zu unserer Weihnachtsfeier einladen. Dich und ... Oder bist du etwa allein?« Er grinste wieder. Dieser Kerl würde grinsen, bis die ersten Schmerzen kamen und weit darüber hinaus. Erst wenn Harry die ersten heißen Tränen aus den Augen schossen, würde es zu seiner vollen Größe herangewachsen sein.

So lange wollte er nicht warten.

Harry versuchte, an ihm vorbei in den kleinen Ort zurückzulaufen, aber der massige Kerl machte nur eine müde Bewegung zur Seite und versperrte ihm den Weg. Er beschloß, es über das Feld zu versuchen. Seine Schritte in das schneebedeckte, kniehohe Gras am Wegesrand waren ungelenk, er strauchelte und war froh, nicht sofort der Länge nach in den Schnee zu fallen.

»Aber Harry!« ertönte die dunkle Stimme hinter ihm. »Du wirst uns doch keinen Korb geben wollen! Wir sind doch gekommen, um dich abzuholen. Ein nettes Gespräch unter Freunden! Ein Plausch bei Glühwein am Adventskranz. Du weißt doch, wen wir suchen ... Willst du uns denn nicht helfen?«

»Adventskranz«, dachte Harry panisch, während er hechelnd nach vorne stolperte. Er sah vor seinem geistigen Auge, wie sie seine Hände ganz dicht an die Flamme der roten Stumpenkerzen heranführen würden. Sie würden nicht warten bis zum vierten Advent, bevor sie vier Kerzen anzünden würden. Vier Kerzen ... Viermal Schmerzen.

Er stürzte, als sein rechter Fuß an irgend etwas hängenblieb, das unter dem Schnee verborgen lag. Und mit einem Mal hörte er auch das Keuchen seiner Verfolger ganz nah hinter sich. Er rappelte sich auf, rutschte mit der Linken auf dem Schnee weg und vergrub beim erneuten Sturz sein Gesicht in den Schnee. Die Kälte erfrischte ihn, ließ seine Gedanken klarer werden, und seine Panik wuchs.

Als er wieder auf den Beinen war, hatten sie ihn beinahe erreicht. Der dickere von beiden schnaufte angestrengt. Mit einem hektischen Blick über die Schulter erkannte Harry, daß er nun nicht mehr grinste.

Dann übersah er den Zaun und stürzte erneut. »Das ist das Ende!« schoß es ihm durch den Kopf, als sie ihn erreichten. »Ich glaube fast, du magst uns nicht«, sagte der eine keuchend und grinste schon wieder. Der andere sagte gar nichts, sondern hob nur einen Knüppel, den er eben noch nicht in der Hand gehabt hatte. Harry hatte recht behalten. Das war das Ende!

Der Knüppel sauste ein paar Mal auf ihn nieder, und Harry ließ nicht viel mehr vernehmen als das Wimmern eines geprügelten Hundes. Dann war da plötzlich Blut, und es sah in der Tat nicht anders aus als der billige Rotwein von der Tankstelle. Dann war Harry tot.

Sie standen ein wenig ratlos vor dem leblosen, zerlumpten Haufen zu ihren Füßen, von dem eine unangenehme Duftmischung aus warmem Blut und Alkohol in die Winterluft aufstieg. Der eine kratzte sich am Kopf und betrachtete den Knüppel. »Scheiße«, murmelte er. »Das ist irgendwie mit mir durchgegangen.«

»Jetzt haben wir natürlich wieder nix rausgekriegt«, brummelte der andere. »Und überhaupt, Nagolny, du Arsch, jetzt haben wir diese Scheißleiche am Hals.« Sein Gegenüber sagte plötzlich, schon wieder bestialisch grinsend: »Du, ich glaub, ich weiß, was ...« Dann begann er, mit den Händen eine Schneekugel zu formen, und rollte sie schließlich über das schneebedeckte Feld. Sie wuchs und wuchs.

»Ich mach den Bauch, und du machst den Kopf!«

*

Der Schnee zaubert in der Eifel die unterschiedlichsten Szenarien. Er macht Wiesen und Weiden zu blütenweißen Teppichen und deckt, wenn es ihm gefällt, in Minutenschnelle die Spuren von Mord und Totschlag zu. Über Löcher, die warmes Blut in seine kalte Kruste frißt, deckt er im Nu den weißen Mantel der Jungfräulichkeit.

An anderer Stelle, nicht weit entfernt, raubt er hingegen der Landschaft den letzten Rest von Farbe, läßt Grau noch grauer erscheinen und umrahmt die Finsternis dunkler Fenster, so daß sie aussehen wie tote Augen in einem blutleeren Gesicht.

Ein bißchen wirkte es hier so, als sei nach dem zweiten Weltkrieg noch nicht richtig aufgeräumt worden. Die Häuser am Rande der Hauptstraße sahen teilweise aus wie ausgebombt. Hohle Fensterschächte und zerborstene Dächer kündeten von Brand und Verfall. Es war dämmerig. Ein unappetitlicher Schneeregen hatte eingesetzt. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Lasters sprengten weißgleißendes Licht auf die Frontscheibe des Ferrari. Wassong trat auf die Bremse. Hinter ihm betätigte jemand hektisch die Lichthupe.

Ein rascher Blick aus den Augenwinkeln zum Beifahrersitz entlockte Wassong die Andeutung eines Lächelns, das er sich sofort wieder verkniff. Lässig bleiben. Immer hübsch lässig bleiben. Wenn sie aufgeregt war, sah Vera Meincke fast noch ein wenig rassiger aus. Und er hatte durchaus vor, sie aufzuregen. Nervös strich sie sich das schwarze Haar aus der Stirne. »Sie bremsen ein bißchen spät.« Sie zog den Kragen des dunklen Wintermantels enger um ihren schlanken Hals. Wassong schwieg. Der Lkw war vorbeigerauscht, und er lenkte den feuerroten Sportwagen nun linker Hand den Berg hinauf, mitten hinein in das kleine Nest mit dem wohlklingenden Namen Hohenfels, seinen unscheinbaren, schmucklosen Gehöften und einer Handvoll Neubauten. Vera Meincke glaubte, in der zunehmenden Dunkelheit eine Beschilderung zu erkennen, die sie ›zur Grotte‹ führte. Sie betrachtete Wassong, der betont lässig hinterm Lenkrad thronte, mit der Linken die Servolenkung betätigte und mit der Rechten einen Sender im Autoradio einstellte. Er war jenseits der Fünfzig, trug sein graues Haar weniger als Bürde, denn als gediegenen Zierat, der in starkem farblichem Kontrast zu seinem dünnen, pechschwarzen Oberlippenbart stand, von dem sie und jeder andere, der mit ihm zu tun hatte, annahm, daß er gefärbt war. Man hätte ihn tatsächlich für einen Südländer halten können, und das war genau das, was Wassong wollte. Seit er in den Sechzigern seine allererste Italienreise angetreten hatte, war er diesem Land verfallen. Er hatte den Italiener in sich entdeckt, richtete sich italienisch ein, aß seither vorzugsweise Teigwaren und andere landestypische Köstlichkeiten, hörte italienische Musik und trank ausschließlich das, was man ihm als italienischen Wein vorsetzte. Aber wenn er ›Chianti Classico‹, ›Valpolicello‹ oder ›Frecciarossa‹ orderte, konnte er nur schwer verbergen, daß er in Wirklichkeit dann doch nur Werner Wassong aus Bad Münstereifel-Kolvenbach war.

Die Sendersuche am Radio war von Erfolg gekrönt. Eros Ramazotti plärrte etwas besonders Verschmustes und spie dabei seine harten Vokale aus, als sänge er ausschließlich für Schwerhörige.

»Warum in alles in der Welt nur hier in diesem Nest?« Beunruhigt betrachtete sie die Bauerngehöfte und den nahen Waldrand. »Warum nicht ein Parkplatz an der Autobahn oder so was?«

Wassong grunzte amüsiert. »Ein Parkplatz ... Autobahn ... Das hat doch alles keine Atmosphäre. Das ist doch Nullachtfuffzehn. Wenn schon Geldübergabe, dann hier.« Wieder blickte er aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber. Er würde ihr zeigen, daß es andere Dinge im Dasein eines erfolgreichen Unternehmers gab als saubere Bilanzen und üppige Renditen. Er war sich sicher, daß Vera Meincke ihm schon noch früher oder später den gebührenden Respekt zollen würde, wenn er ihr erst einmal bewiesen hatte, daß er durchaus eine kreative Ader, ein Gespür für den Nervenkitzel hatte, daß er eben ein ganzer Kerl war. Der ›Padrone‹ hatte sie noch immer alle rumgekriegt.

Geldübergabe – allein mit diesem Wort hatte er schon geglaubt, sie beeindrucken zu können. Aber diese Meincke war ein harter Brocken. Für eine Sekretärin ein bißchen zu hart vielleicht. Trotz alledem glaubte er, daß sie es wert war. Ihre makellosen Formen, ihre vielleicht einen Hauch zu scharf geschwungene Nase. Irgendwie sah sie südländisch aus. Wenn das nicht Grund genug war.

Jetzt ging es also an die Geldübergabe. Im Grunde genommen ein profaner Akt. Jemand brauchte Geld, und er selbst hatte es nun mal. Also konnte man sich schon mal für einen kurzen Zeitraum von ein paar Scheinen trennen, von denen ohnehin niemand wußte, daß sie existierten. Außer ihm und der Meincke. Das war Einstellungsbedingung gewesen. Sie hatte von vornherein durchblicken lassen, daß sie von keinerlei Skrupeln geplagt war, wenn es bei finanziellen Transaktionen auf verschlungenen Pfaden haarscharf an der Legalität vorbei ging. Dies war ihre erste Exkursion, eine Bildungsreise gewissermaßen, und Wassong hatte sich bemüht, es so spannend wie möglich zu machen.

Dabei wartete am Ende ihrer Fahrt doch nur Vielacker auf sie. Der kleine, schäbige Vielacker, der den unscheinbaren Koffer entgegennehmen und weiterleiten würde. Ohne nachzuzählen, anscheinend ohne besonderes Interesse an dem Packen Geldscheine überhaupt. So, wie er es schon einmal getan hatte. Und dann lieferte er es ab, wie abgesprochen noch am selben Abend.

Vielackers Wagen stand schon da. Das Kölner Kennzeichen hing ein wenig schief, so wie überhaupt alles an dem alten Benz ein bißchen schief hing. Im Hintergrund huschte der Schein von Wassongs Scheinwerfern über eine bizarre Szenerie dunkelgrauer, monumentaler Felsbrocken, viele Meter hoch und beängstigend dicht zum Rund des früheren Steinbruchs angeordnet.

Als sie den Ferrari neben Vielackers Karre abstellten, stellte Wassong vergnügt fest, daß sein Kurier all seine Anweisungen geflissentlich befolgt hatte. Anstatt geschützt im Auto zu warten, hatte er sich zu dem Platz begeben, den Wassong ihm angewiesen hatte.

»Kommen Sie! Hier geht’s lang.« Er winkte der Sekretärin zu, die fasziniert vor zwei riesenhaften Mühlsteinen stand, die, dichtbemoost und halb ins Erdreich eingelassen, von dem zeugten, was in früheren Zeiten hier aus dem Fels geschlagen worden war. Überall schmiegte sich ein Hauch von körnigem Pulverschnee in die Winkel des Gesteins und in das Geflecht der Moose.

Sie folgte ihm unsicher die in den Waldboden eingelassenen Stufen hinauf und betrachtete mit einer Mischung aus Neugier und angenehmem Schauer den Mann, der vor ihr ging. Was war los mit diesem Typ? War er wirklich nur der neureiche Eifeler, dem sein Italienspleen zu Kopf gestiegen war?

Es wurde dunkler und dunkler. Das hartgefrorene Laub, über das sie schritten, schickte ein zischelndes Flüstern in die Nacht. In der Ferne war leise der Verkehr der Durchfahrtsstraße zu hören.

Mit einem Mal nieste jemand vor ihnen. Ein gequältes Niesen, das einem jammervoll röchelnden Luftholen folgte.

»Hallo, Vielacker.« Wassong hatte die Hände tief in den Taschen seines dunkelblauen Mantels vergraben und richtete seine Worte irgendwo in das Dunkel vor ihnen. »Gesundheit.«

»Danke!« kam es schniefend zurück, und wenige Schritte später war auch die Person zu erkennen, der der Schnupfen zuzuordnen war.

Vielacker war ein kleines Männlein mit fliehendem, eisgrauem Haaransatz und einem viel zu dünnen Mantel. Seinen grobkarierten Schal hatte er fast bis unter die Nase zusammengezurrt, und er hockte gebückt und bibbernd auf einer der Bänke linksseits des kleinen Waldwegs. Auf der rechten Seite flackerten in einer halbverschneiten, von Stein und Eisen eingefaßten kleinen Zeremonienstätte ein paar Grablämpchen und schickten ihren schwachen Schein die karge Felswand hinauf zu einer schemenhaft erkennbaren Marienstatue, die mit einem Strahlenkranz von an dem Fels befestigten bunten Glasscherben umgeben war.

Damit hatte die Meincke nicht gerechnet. Das war ja eine Art Lourdes für Arme hier. Und dieser Vielacker paßte perfekt in die Rolle des jämmerlichen Sünders. Er erhob sich langsam und gebeugt und kam ihnen mit steifen Schritten entgegen.

»Warten Sie schon lange?« fragte Wassong launig und klopfte dem dürren, kleinen Männlein auf die Schulter. Ein wenig Pulverschnee wirbelte durch die Luft.

»Ach wo, kaum eine halbe Stunde. Ich habe versucht, noch mal ein paar alte Gebete zusammenzubekommen. Hat nicht geklappt. Ist wohl zu lange her.« Er nieste wieder heftig. »Nett hier. Eine Autobahnraststätte hätte es aber auch getan.«

Wassong hielt ihm den Koffer hin. »Ich hab da was für Sie.«

»Darum bin ich ja auch hier.« Vielacker deutete mit einer vagen Kopfbewegung auf Vera Meincke und zog fragend die Stirne kraus.

»Meine neue Sekretärin. Frau Meincke.« Er deutete mit einer lässigen Handbewegung eine Art Vorstellung an. »Frau Meincke, das ist Vielacker. Früher ein gewiefter Rechtsverdreher, heute nur noch ...« Er grübelte. »Heute nur noch Kofferträger.« Er lachte laut und klopfte Vielacker erneut auf die verschneite Schulter. Vielacker quittierte den Scherz mit einem vieldeutigen Schniefen. Seine Hand schloß sich um den Koffergriff.

»Wieder nur ein Fünftel«, erklärte Wassong und legte den Kopf in den Nacken. Während er die Baumwipfel über ihnen betrachtete, murmelte er: »Ich hoffe immer noch, es macht ihm nichts aus. Aber ich finde es einfach mit jedem weiteren Mal noch ein bißchen spannender.«

»Spannender?« Vielacker sah ihn skeptisch durch die Finsternis hindurch an. »Ihm macht es vielleicht nichts aus. Aber fragen Sie mich mal!«

»Ich weiß, ich weiß, Vielacker, Sie sind ein vielbeschäftigter Mann ...« Er bemühte sich, das so ironisch wie möglich klingen zu lassen. »... aber Sie kommen doch gern in die Eifel, oder?«

Vielacker blieb ihm die Antwort schuldig.

»Deshalb dachte ich mir ja auch damals, wir machen diese tolle Übergabe mehrmals. Ich liebe unsere kleinen, geheimen Treffen, verstehen Sie?«

»Aber das Risiko, daß jemand aufmerksam wird, wird nicht eben kleiner. Daran denken Sie doch hoffentlich auch, Wassong, oder?« murmelte Vielacker übellaunig.

»Ich denke an alles.« Er kramte in seiner Manteltasche herum und holte einen handlichen Gegenstand hervor.

Vera Meincke erkannte einen Revolver. Es war erstaunlich, wie gut er zu Wassongs behandschuhten Händen paßte, wie gut zu dem ganzen Mann überhaupt. Vielacker hätte mit einem solchen Ding in der Hand sicherlich nur dämlich ausgesehen, aber Wassong verlieh dieses todbringende Utensil Format.

»Das heißt, ich soll jetzt also noch mal ...«

»Ganz richtig, Vielacker. Und glauben Sie mir: Der Treffpunkt wird auch nächstes Mal keine Autobahnraststätte sein.«

»Das habe ich befürchtet.« Vielacker nieste wieder.

Zu dritt standen sie einen Moment lang schweigend in der Kälte, und Wassong ließ den Blick verächtlich an Vielackers jämmerlicher Gestalt hinauf und wieder hinab wandern. Dann räusperte er sich.

»So, Vielacker, Sie haben nun die Güte, sich wieder zu entfernen, damit wir uns noch ein wenig der Aura dieses heiligen Ortes widmen können.« Vielacker grinste ein schmieriges, kleines Grinsen und klemmte sich den Aktenkoffer unter den Arm. Dann machte er wortlos kehrt und wackelte unbeholfen den hartgefrorenen Waldweg hinunter, bis sich der Anblick seiner gekrümmten Gestalt in der Dunkelheit verlor.

Fröstelnd zog sich Vera Meincke den Mantelkragen hoch. Was kam jetzt? Allein im Wald mit dem Chef, mit dem feurigen Südländer, dem graumelierten Supermacho, der, wenn man den Leuten um ihn herum Glauben schenken durfte, seine Finger nicht bei sich behalten konnte, hier, fernab der Zivilisation, im finsteren Eifelwald.

Wassong drehte sich um. Langsam wandte er sich zu der Gedenkstätte, deren Marienbild vom erneut einsetzenden Schnee umwirbelt wurde. Stumm faltete er seine Hände und beugte den Kopf demütig hinunter. Seine Lippen murmelten Unverständliches und stießen kleine Dampfwölkchen in die Nacht aus. Als er geendet hatte, ließ er seine Rechte mit einem flüchtigen Kreuzzeichen über Kopf, Brust und Schultern huschen. Dann zurrte er seinen Schal zurecht und bot seiner Sekretärin den Arm zum Geleit. Zögernd hakte sie sich ein. Was war das für ein Mann? Ein Revolver, ein Gebet ... Dinge, die nicht zusammenpaßten und doch miteinander harmonierten. Das hatte etwas von Camorra, das war fremdartig und interessant. Wassong war interessant. Ganz plötzlich.

Wassong war zufrieden. Er spürte, wie das brüchige Laub unter seinen Ledersohlen zermalmt wurde, und er spürte, wie Vera Meincke an seiner Seite vor Kälte zitterte. Ihre Hände schlossen sich fester um seinen Arm, und er wußte, daß er auf dem richtigen Weg war.

Zweites Kapitel

Acht Glockenschläge hallten durch die Luft. Sie schwangen von den Türmen der Stiftskirche hinunter, tauchten aus der Schwärze des Winterabends hinein in das Lichtergewirr und die Geräuschkulisse des Münstereifeler Weihnachtsmarkts und gaben sich redlich Mühe, gegen das Synthesizergedudel vom Kinderkarussell und den plärrenden Kinderchor vom Tonband der Marktbühne anzukämpfen. Der Lärm an diesen besinnlichsten Tagen des Jahres war unbeschreiblich.

Und trotzdem war Herbie Feldmann gefangengenommen von der weihnachtlichen Atmosphäre, die ihn umfing. Er schlug den Mantelkragen hoch, lehnte sich, einen frankierten Briefumschlag in den Händen hin und her wendend, rücklings an den Marktstand, nippte an seinem heißen, duftenden Glühwein und blickte mit feuchten Augen gerührt in das Wirrwarr weihnachtshungriger Mitmenschen im Schatten der altehrwürdigen Stiftskirche.

Du bist wirklich schrecklich rührselig, Teuerster, ertönte eine brummelige Stimme zu seiner Rechten. Bisher dachte ich immer nur, alte Lassie-Filme würden dich zum Heulen bringen.

Herbie konnte den Blick nicht von dem Meer heimeliger Lichterketten und glänzender Baumschmuckbuden abwenden. Das brauchte er auch nicht. Er wußte, wen er rechts von sich, ebenfalls an den Stand gelehnt, zu sehen bekäme: Einen großen, fetten, bärtigen Menschen, der sich, in Jackett und Weste gehüllt, vermutlich mit der Kette seiner Taschenuhr spielend, in irgendeiner betont lässigen Haltung zu Herbie herunterbeugte und ihn mit einem geringschätzigen Blick bedachte.

Herbie seufzte. »Ach, Julius. Hättest du nur einen Funken Romantik in deinen Adern, könntest du meine Gefühle nachempfinden.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erschrak er, blickte sich verunsichert um und registrierte mit Erleichterung, daß inmitten des vorweihnachtlichen Trubels niemandem auffiel, daß da in Wirklichkeit niemand war, mit dem er sich hätte unterhalten können. Julius war seit jeher für alle anderen, außer für ihn selbst, vollkommen unsichtbar und würde es vermutlich auch immer bleiben.

Herbie steckte den Briefumschlag in seine Jackentasche, nahm einen Schluck Glühwein und verbrühte sich die Zungenspitze. Hastig atmete er ein und aus. Julius grinste schadenfroh. Eine bunte Lichterkette neben seinem Gesicht ließ seinen grauen Bart in diabolischem Grün schimmern.

›Warum?‹ dachte Herbie, wie schon so oft. Warum gerade er? Seit seinem Nervenzusammenbruch nach dem Tod seiner Eltern wandelte diese überhebliche, hochnäsige Kreatur nun an seiner Seite. Sichtbar nur für ihn, stets darauf aus, ihn in peinliche Gespräche vor den Augen anderer zu verwickeln. Seit Jahren ertrug er die bissigen Kommentare und hatte sich mehr als einmal gewünscht, diese Plage möge endlich verschwinden.

Er seufzte erneut und versuchte wieder, sich den wärmenden Glühwein einzuverleiben. In ein paar Tagen war Weihnachten. Und alles sah so aus, als würde es ein wirklich tolles Weihnachtsfest werden. Da konnte man schon mal Großmut walten lassen.

Du solltest froh sein, daß ich bei dir bin in diesen dunklen Tagen, erriet Julius seine Gedanken.

»Dunkle Tage, dunkle Tage, sieh dich doch nur um! Alles voller Lichterketten. Ich will nicht wissen, wie viele Millionen Watt hier über der Stadt liegen.« Herbie bemühte sich, leise zu sprechen. Mit einem letzten Schluck leerte er den Plastikbecher, und seine Rechte tastete nach dem Stapel Pakete, den er auf dem Tresen des Glühweinstandes zwischengelagert hatte. Julius schnaufte verächtlich. Das konnte alles Mögliche heißen. Vielleicht lag ihm etwas Geistreiches zum Thema Weihnachten, die Konsumorgie, oder etwas Verächtliches in die Richtung ›Kaufrausch und andere Süchte‹ auf den Lippen, vielleicht war es aber auch nur eine Bemerkung zu Herbies Geschmack, den sie vorhin schon ausreichend diskutiert hatten.

Es waren knapp zehn Päckchen verschiedenen Ausmaßes, die Herbie sich jetzt griff und unter das Kinn klemmte. Sie enthielten Baumschmuck und allerlei Dekorationsgegenstände. Nicht einmal an der Lichterpyramide aus dem Erzgebirge hatte Herbie vorbeigehen können. Vor seinem geistigen Auge sah er das riesenhafte Wohnzimmer im Glanz von tausend Kerzen und ihrem Widerschein in all den vielen metallisch glitzernden Christbaumkugeln erstrahlen. Soweit er sich erinnern konnte, wäre dies das erste Mal, daß Tante Hettis Anwesen solcherart geschmückt würde, pflegte doch seine ebenso reiche wie ungnädige Tante stets über die Adventszeit und die Feiertage zu verreisen. Zumeist besuchte sie irgendwelche ähnlich betuchten Freundinnen in Marbella, an der Côte oder auf Fuerteventura. Bei dem Gedanken an ein Weihnachtsfest im Schatten von Palmen schauderte es Herbie.

Warum hast du nicht den Baumschmuck aus deinem Zuhause mitgebracht? Ich fand deine selbstbepinselten Zapfen immer rüüüührend.

Herbie schüttelte den Kopf, was in der oberen Kiste irgendein gläsernes Utensil zart klimpern ließ. »Du weißt ganz genau warum«, knurrte er aus dem Mundwinkel.

Für gewöhnlich wachte während der Abwesenheit der Hausherrin eine elektronische Einbruchsicherung über Tante Hettis kostbare Einrichtung und ihre Preziosen. Aber am zweiten Advent hatte Bärbelchen, das niederträchtigste Pudelvieh, das Herbie je begegnet war, irgendein Kabel angenagt, und seither lag das technische Meisterwerk brach. Betrübt hatte Herbie zur Kenntnis genommen, daß die Pudeldame keinen ernstlichen Schaden davongetragen hatte, wie seine Tante ihm am Telefon berichtete. Dafür hatten bei der nächsten Nachricht seine Augen so freudig gestrahlt, daß Julius ihn neugierig gemustert hatte. Soweit erkennbar, handelte es sich doch um einen Auftrag von der Tante, die seit Herbies Nervenzusammenbruch treuhänderisch und kaltherzig über sein nicht unerhebliches Vermögen wachte. Und waren Tante Hettis Aufträge nicht schon immer mit einer unglaublichen Verkettung von Pannen und Katastrophen einhergegangen? Trotzdem grinste Herbie wie ein Honigkuchenpferd, als er den Hörer auflegte, und als er von selbst nicht mit der Neuigkeit herausrückte, hatte Julius geknurrt: So, du willst also nicht mit der Sprache rausrücken? Wir können auch anders! Wo waren Sie in der Nacht zum 32.6.? Igor, zeig dem Kerl mal unseren Folterkeller. Und vergiß nicht, das Eisen vorzuglühen!

»Nina kommt!« hatte Herbie gehaucht. »Sie wird über Weihnachten hier sein. Das wird das tollste Weihnachtsfest aller Zeiten.«

So hatte Henriette Hellbrecht also ihre Nichte aus München in die Eifel beordert, damit sie auf das Haus in der Bad Münstereifeler Nobelgegend aufpaßte. Nina! Herbies geliebte Cousine, zu der er bei ihrem letzten Besuch, als sie in ein durchaus gefährliches Abenteuer verstrickt worden waren, zarte Bande geknüpft hatte. Nina, die ihm als Kind den letzten Nerv getötet hatte, deren Anwesenheit er aber heute so schmerzlich vermißte.

Allerdings würde Nina erst am Sonntag, also einen Tag nach der Abreise von Tante Hetti, kommen können. Folglich hatte seine Tante in den sauren Apfel gebissen und ihren Neffen damit beauftragt, eine Nacht, nur diese eine Nacht, in der er eigentlich kaum irgendeinen Unsinn anstellen konnte, in ihrem Haus zu verbringen und die lahmgelegte Alarmanlage zu ersetzen. Freudestrahlend hatte Herbie eingewilligt und sofort begonnen, Pläne zu schmieden, um Nina ein herzliches und besonders weihnachtliches Willkommen zu bereiten.

Seine Tante hatte ihm lediglich einen Kanten eingeschweißten Käse und ein paar zierliche Döschen Hundefutter im Kühlschrank hinterlassen, da sie fürchtete, er könne irgend etwas für den eigenen Haushalt abzweigen. Ihrer Nichte hatte sie bereits Geld für die Verpflegung nach München überwiesen. Also hatte Herbie an diesem letzten Tag des Münstereifeler Weihnachtsmarkts seine magere Barschaft zusammengekratzt, um die Festtagsdekoration zu kaufen, mit der er seine Cousine überraschen wollte, und hatte auf Butter, Wurst und Brot verzichtet. Trotzdem baumelte eine Flasche Champagner in einer goldverzierten Tüte an seinem linken Arm. Der Begrüßungstropfen.

Als Herbie sich vergewissert hatte, daß niemand zu ihnen hinübersah, strahlte er Julius über seinen Paketturm hinweg fröhlich an. »Das erste Weihnachtsfest, das ich nicht zu Hause verbringe.«

Wer sagt dir denn, daß dich deine Cousine, wenn sie morgen hier ankommt, überhaupt einlädt, mit ihr zu feiern?

»Oh, keine Sorge, da bin ich mir ganz sicher.«

Wäre ich mir nicht. Wenn sie erst mal sieht, welche Kugeln du dir ausgesucht hast ...

»Weißt du, Julius, die Tatsache, daß ich nicht mit dir verheiratet bin und daß du dich höchstens verbal in meine Entscheidungen einmischen kannst, hat doch einen unschätzbaren Vorteil.«

Nämlich?

»Ich habe niemanden, mit dem es über den Streit wegen Gold- oder Silberlametta zu Handgreiflichkeiten kommen kann.«

Wohl wahr. Allerdings ist mir dein Goldlametta egal. Ich werde es mir ja ohnehin nicht angucken müssen.

Herbie hielt mit seinen Schritten inne und sah Julius entgeistert an.

Der Mann vom Kinderkarussell blickte ungläubig herüber, als Herbie ins Leere zu seiner Linken sprach: »Was soll das bedeuten? Heißt das, du bist nicht da? Du willst mich mit Nina alleine lassen? Du wirst für ein paar Tage verschwinden oder womöglich sogar für ...«

Soll es nicht. Du hast nur nichts, wo du’s dranhängen kannst.

»Was?«

Das Lametta. Dein seltsames, goldfarbenes. Du hast keinen Baum.

Verblüfft schwieg Herbie, und als er weiterging, wäre er beinahe mit einer jungen Frau zusammengestoßen, die vier Plastikbecher voll heißen Glühwein durch das Gewühl balancierte.

Der Baum, natürlich! Er hatte einfach vergessen, einen Baum zu besorgen.

Oder willst du etwa eine der schmucken Douglasien vom Anwesen deiner Tante abholzen? Ein Unterfangen, von dem ich abraten möchte. Und zwar, weil ich zum einen deine Ungeschicklichkeit kenne und zum anderen die Rachsucht deiner Geldgeberin.

»Ist ja schon gut, ist ja schon gut, du hast ja recht.« Kurz entschlossen steuerte Herbie am Rande des Weihnachtsmarktes einen eingezäunten Stand mit Weihnachtsbäumen an.

Herbie hatte seine liebe Mühe, sich, vollbepackt mit Kisten und Kartons verschiedenster Farbe, Form und Größe, durch die Reihen der ausgestellten Nadelgehölze zu schlängeln. Er blieb hier mit der Jacke an den Zweigen hängen und verfing sich dort mit dem roten Geschenkkräuselband in den Nadeln.

Um das ungelenke Prozedere kurzerhand zu beenden, blieb er intuitiv vor einem mittelgroßen Baum stehen und betrachtete ihn, hinter seinem Paketstapel hervorlugend, mit schiefgelegtem Kopf.

»Rechts neben der Sitzgruppe«, murmelte er leise. »Weit genug weg von dem riesigen Gobelin, damit er ordentlich seine Wirkung entfalten kann.«

Und vor allen Dingen so, daß man nicht sieht, daß er hinten ratzekahl ist!

»Findest du? Mich spricht er auf jeden Fall an.«

»Haben Sie sich was ausjesucht? Der da? Schönes Stück! Janz doll jewachsen.« Der herbeischlendernde Verkäufer im Bundeswehrparka tropfte aus der Nase wie ein undichter Wasserhahn und ging dem armen Bäumchen mit seiner kraftvollen, behandschuhten Rechten unversehens an die Gurgel. Er packte es, schüttelte es und rammte es dreimal hart mit dem Schaft auf die Pflastersteine, so, als würde sich dadurch das Geäst zu ungeahnt prachtvollem Anblick entfalten.

»Paßt prima in ne Ecke. Edeltanne. Ich empfehle Silberlametta, aber dat is natürlich Jeschmacksache.« Es klang, als wollte er eine Eckbank anpreisen. »Siebzisch Mark«, kam es ernüchternd hinterher. Herbie schluckte.

Vermutlich bekommt man für den Preis des großen rechts daneben schon ein kleines Einfamilienhaus.

Was Herbie sich allerdings einmal in den Kopf gesetzt hatte, konnte eigentlich nur noch vereitelt werden, indem ihm Julius plötzlich überzeugend zustimmen würde. Also drückte er dem Verkäufer kurzerhand zunächst die Pakete und, nachdem er sein Portemonnaie um die meisten der noch verbliebenen Scheine erleichtert hatte, auch das Geld in die Hand.

»Sie sin ein Mann von schnellen Entschlüssen. Dat hab ich sofort jesehen. Glückwunsch, wirklich schönes Stück. Frohes Fest noch!« Er drehte sich auf dem Absatz um und eilte auf den nächsten Kunden zu. »Haben Sie sich was ausjesucht? Der da? Schönes Stück. Janz doll jewachsen.«

Für einen Augenblick betrachtete Herbie versonnen seine Neuerwerbung, um die Julius unterdessen verächtlich grunzend herumspazierte. Aber dann überkam ihn plötzlich die ärgerliche Gewißheit, daß er ein Problem hatte: Mit Müh und Not konnte es ihm gelingen, seine Paketpyramide bergauf in sein vorübergehendes Domizil zu bringen. Wie er es aber zustande bringen sollte, dazu auch noch ein Tannenbäumchen, und sei es noch so mickrig, zu schleppen, das war eine schwierige Frage, die erst einmal beantwortet werden wollte. Er wandte sich hilfesuchend nach dem Verkäufer um, der aber bereits wieder in verschärfte Verkaufsverhandlungen verstrickt war. »Paßt prima in ne Ecke ...«

»He!« Auf der anderen Seite des Gitterzauns, der das Weihnachtsbaumareal umgab, schälte sich im Schein der Platzbeleuchtung ein Gesicht aus der Dunkelheit. Der Mann mochte ungefähr Mitte Zwanzig sein. Er hatte lockiges schwarzes Haar, das ihm unter der grellgrünen Kapuze des Sweatshirts hervorquoll. Er war unrasiert, trug einen dichten Schnauzbart, zeigte eine Reihe gelblicher Zähne und zwinkerte freundlich mit den Augen. Seine Hände hatte er tief in den Taschen seiner rotkarierten Holzfällerjacke vergraben, die er über dem Sweatshirt trug. Er tänzelte vor Kälte von einem Fuß auf den anderen.

»Probleme, was?« Seine Stimme klang rauh, sein Akzent klang östlich. »Brauchst Hilfe, Kollega?«

Herbie zuckte mit den Schultern, und der Paketturm schwankte bedrohlich. »Bißchen schon. Irgendwie habe ich mir zu spät überlegt, daß ich nur zwei Arme habe.«

Ich würde dir zu gerne helfen. Wirklich, alter Knabe.

Herbie blickte säuerlich zu Julius hinüber, dann wieder zu dem geheimnisvollen Fremden. Doch auf der anderen Seite des Zaunes stand niemand mehr. Gerade als sich Herbie zum Gitter beugte und versuchte, mit neugierigen Blicken das Halbdunkel dahinter abzusuchen, erklang links von ihm wieder die rauhe Stimme zwischen den Tannenbäumen. »Is nich schwer. Is doch kleiner Baum.« Der Fremde tauchte aus dem Schatten einer riesenhaften Nordmanntanne auf und grinste. »Aber mit Händen voll ...« Er zuckte augenzwinkernd mit den Schultern. »Ich helf gern.«

Julius musterte den jungen Mann unverhohlen, ähnlich verächtlich, wie er es vorhin bei dem Tannenbaum getan hatte.

Wenn du mich fragst: Wer sich von dem helfen läßt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Aber der Fremde hatte bereits Herbies Interesse geweckt. »Wie willst du mir helfen? Etwa beim Tragen?«

»Genau. Ich trag dir Baum bis nach Hause. Kostet fünf Mark.«

Lächerlich. Du wirst doch nicht ...

»Oh, aber das ist ein ganzes Stück, bis wir oben an der Windhecke sind.«

»Nix, nix. Schon okay. Fünf Mark.«

»Und du trägst mir den Baum da hoch?«

»Erst fünf Mark.«

Aber, mein Teuerster, ich bitte dich ...

»Klingt gut.« Herbie gab sich einen Ruck und drückte dem Mann seine Pakete in die Hand. Dann holte er sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und fischte einen seiner letzten Zehnmarkscheine heraus. Er wendete ihn nachdenklich und drückte ihn dem überraschten jungen Mann in die Tasche seiner Holzfällerjacke. »Das ist ein weiter Weg. Laß mal gut sein.«

»Nein, nein, nix. Ich gesagt fünf Mark.« Herbie übernahm wieder den Paketstapel, und der Fremde griff beherzt in das Astwerk des Tannenbaums.

»Ach, Moment noch.« Herbie war noch etwas eingefallen. »Der Brief.« Er sah Julius an, und der Fremde registrierte befremdet seinen Blick. »Brief?«

In Herbies linker Jackentasche schlummerte der Briefumschlag, adressiert an Helmut Strecker. Ein Unikat, eine echte Rarität, denn einen Schriftwechsel hatte es bisher stets nur in umgekehrter Form gegeben. Herbies Mitmieter Strecker war eine ganz spezielle Type: Seit Herbie vor Jahren in der nahen Kreisstadt Euskirchen die Wohnung über ihm bezogen hatte, herrschte ein Kalter Krieg, in dem Strecker eindeutig die Rolle des finsteren Ostblocks übernommen hatte. Kaum ein Tag verging seither für den armen Herbie, ohne daß es Beschwerden über Ruhestörung, Beschwerdebriefe wegen fehlsortiertem Müll oder Drohungen wegen Putzstreifen im Treppenhaus regnete.

Jetzt aber war Strecker außer Gefecht. Seit seiner unglückseligen Verstrickung in eines von Herbies zurückliegenden haarsträubenden Abenteuern hatte er eine Reihe von Krankenhäusern durchlaufen und war zu guter Letzt in der Rehabilitationsklinik in Marmagen gelandet, wo er, wie es aussah, auch die Festtage verbringen würde. Die vorweihnachtliche Stimmung hatte Herbie dazu bewogen, seinem ewigen Widersacher zumindest einen Kartengruß in sein Krankenzimmer zu schicken.

»Ja, ein Brief, der noch zur Post muß. So was Blödes. Jetzt, wo ich so beladen bin.«

»Ich mach das!«

»Was?«

»Du gehs nach Haus. Ich Brief zu Post, und dann ich bring dir Baum.«

»Der Brief muß aber auch noch frankiert werden. Marke drauf, verstehst du?«

»Okay, ich Marke drauf. Dann auch zehn Mark okay. Okay?«

Verdutzt suchte Herbie wieder den Blickkontakt zu seinem unsichtbaren Begleiter.

Julius’ Gesichtsausdruck war nahezu versteinert. Ich habe dich immer schon für einen ausgemachten Einfaltspinsel gehalten, Herbert Feldmann, aber du wirst nicht so dumm sein, einen dahergelaufenen, wildfremden Polen alleine mit deinem Siebzig-Marks-Baum loszuschicken. So dumm wirst du nicht sein.

Vom Kinderkarussell her tönte ›Jingle Bells‹ in einer schauerlichen Version geträllert von einer Musikantenstadl-Neuentdeckung. Herbies Blick wanderte nachdenklich von der Tannenspitze bis zum Pflasterboden, dann in das Gesicht des Fremden. »Wie heißt du eigentlich?«

»Bin Mikesch.«

»Ich bin Herbie. Paß auf, ich sag dir jetzt, wo du den Baum hinbringen sollst.«

*

Später wäre Herbie beinahe noch kurz vor dem Tor zu Tante Hettis Anwesen mit Schwung und Eleganz ausgerutscht. Im letzten Moment fing er sich und brachte es zustande, daß sich seine Päckchenpyramide nicht in ihre Bausteine auflöste und im angrenzenden Vorgarten von Dr. Zenkert verteilte. Er verharrte für einen Augenblick und atmete tief durch.

Keine Hektik, mein Alter. Du hast dich zwar endlos in der Stadt verbummelt, aber Eile tut nun wirklich nicht not. Ich sage dir, dieser zwielichtige Gesell verheizt jetzt irgendwo im Kurpark dein Bäumchen, nuckelt an einer Flasche Pennerglück und lacht sich scheckig über deine Gutgläubigkeit.

»Er wird da sein. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß man ihm vertrauen kann.«

Du hattest auch den Eindruck, du hättest deine Geschenke im Griff. Julius schielte mit unverhohlenem Amüsement auf den nun doch langsam in sich zusammenfallenden Paketturm. Irgendwo in einem der größeren Pakete klirrte es verdächtig, als es auf dem von Schnee geräumten Gehsteg aufprallte. Andere Päckchen landeten auf dem dreckgrauen Schneehügel, der von den Räumfahrzeugen am Straßenrand aufgeschichtet worden war. Ächzend bückte sich Herbie und begann, seine Einkäufe wieder aufzusammeln.

Zwei Hände griffen nach dem großen Karton mit dem grünen Geschenkpapier, noch bevor Herbie ihn aufheben konnte. Er zuckte zusammen und blickte auf.

»Hallo, Kollega«, grinste der Ausländer und zeigte seine immer noch nicht schöner gewordenen Zähne. »Hat lang gedauert.« Er half Herbie, die Päckchen wieder in den Griff zu bekommen, und ging wortlos durch das schmiedeeiserne Tor zu Tante Hettis Auffahrt, über den hartgefrorenen Kiesweg, zur Haustüre. Dort wartete, kümmerlich und windschief an der Hauswand lehnend, der Tannenbaum.

Herbie schickte Julius ein triumphierendes Lächeln über seine Pakete hinweg zu.

»Wie lange wartest du schon?« fragte Herbie, während er umständlich versuchte, den Schlüssel zu Tante Hettis schwerem, gußeisernem Eingangsportal aus seiner Jackentasche zu friemeln, ohne dabei das Malheur mit den Päckchen zu wiederholen.

Wenn du nicht bald deine Jonglagenummer mit dem Geschenkkram beendest, werde ich grantig!

»Viertelstunde, halbe Stunde. Wer weiß? Ich kein Uhr.« Der Fremde hielt den Baum, und als er sah, wie Herbie sich abmühte, griff er wie selbstverständlich in Herbies Tasche und förderte den Schlüsselbund zutage. Er grinste freundlich.

»Was, eine halbe Stunde in der Kälte?« murmelte Herbie, leicht verunsichert, und bedeutete dem Mann mit einem Kopfnicken nun, da er ohnehin den Schlüssel in den Händen hielt, auch die Türe zu öffnen. Mikesch tat, wozu er aufgefordert wurde, und drehte den Schlüssel im Schloß, ohne den Tannenbaum loszulassen. »Ach, das nix schlimm. Ich immer draußen. Mir passiert nix. Ich bin Mikesch, der Kater. Neun Leben wie Katze. Verstehst, Kollega?«

Dann sah er sich staunend in Henriette Hellbrechts Eingangshalle um, die Herbie mit einem Ellbogenstoß gegen den Lichtschalter in helles Licht tauchte.

»Ojoj. Du wohns schön. Hätt nich gedacht. Und dann Baum so klein.« Mikesch wedelte geringschätzig mit dem Nadelbäumchen, das sich in der Tat im Vergleich zu Tante Hettis großzügig bemessenen Räumen reichlich mickrig ausnahm.

»Weißt du, ich wohne hier eigentlich nicht. Das Haus gehört meiner Tante. Sie ist verreist, und ich passe drauf auf. Nicht schlecht, was?« Er deponierte seine verpackten Beutestücke auf einem Mahagonisideboard. Wieder schepperte irgend etwas. Dann fischte er das Portemonnaie aus der Gesäßtasche und blätterte zwischen den verbliebenen Scheinen herum. Der arme Teufel tat ihm leid.

»Nee, nee, nix!« wehrte Mikesch ab, nachdem er den Baum auf den Boden gelegt hatte. »Du bezahlt. Das genug!«

Herbie konnte es sich nicht verkneifen, einen neuerlichen auftrumpfenden Blick zu Julius hinüberzuschicken. Der lehnte lässig an der Türe zum Wohnzimmer und betrachtete, betont desinteressiert, seine Fingernägel.

Mikesch hatte bereits einen Schritt aus der Haustüre gemacht, als Herbie rief: »Halt, halt, warte mal! Hast du heute abend noch was Besonderes vor? Ich meine, hast du noch was Zeit? Wir könnten zusammen zu Abend essen.«