Der Omega-Prinz - Lili B. Wilms - E-Book

Der Omega-Prinz E-Book

Lili B. Wilms

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Beschreibung

Ryo Seinen Seelenpartner zu finden, war für Ryo als Prinz, der abgeschieden unter dem strengen Regiment seines Vaters lebt, schon immer unwahrscheinlich. Durch die arrangierte Ehe mit Keke Nurmi wird dieser Traum unmöglich. Seine Rolle in diesem Deal ist klar: Er soll Kinder für das Haus Nurmi zur Welt bringen. Zwar wird die Verbindung zu dem kühlen Keke enger und Ryos Hoffnung auf mehr als eine Zweckehe wächst. Doch nach jedem Schritt auf ihn zu geht Keke zwei zurück. Als Ryo ins Kreuzfeuer von politischen Umsturzbewegungen gerät, ist der Einzige, der ihn retten kann, ausgerechnet sein distanzierter Ehemann. Keke Da seine erste Ehe offensichtlich kinderlos bleibt, muss Keke für den Fortbestand seiner Familie irgendwann eine Lösung finden – das war ihm schon lange klar. Nicht jedoch, dass seine Väter ihn zwingen, einen Omega zu heiraten. Aber auch, wenn sich die politische Lage zuspitzt, kann Keke nicht das Risiko eingehen, seine Familiengeheimnisse durch die Nähe zu einem naiven, jungen, wunderschönen Omega ans Licht kommen zu lassen. Die Erkenntnis, dass sein neuer Omega-Ehemann und ihn ein magisches Band verbindet, macht die Sache nur komplizierter. Doch egal ob übernatürliche Verbindung oder tiefe Zuneigung, als Ryo zum Ziel einer Intrige gegen das Haus Nurmi wird, ist Keke klar: Dieser ist längst die Person, die er über alles liebt und für den er über alle Grenzen geht. Der Omega Prinz ist eine Strangers to Lovers, Trust is earned, Opposites attract, arranged/forced Marriage Geschichte voller tiefer Gefühle, Leidenschaft und Spannung. Omegas und Alphas in Ejdon: Romantasy, Suspense, Fated Mates Male pregnancy ist im Omegaverse der Ejdon-Reihe als Teil der Welt vorgesehen. Sie geschieht in keinem der Bücher on page. Alle Bücher enden mit einem Happy End für die Liebesgeschichte, einem Happy for now in der begleitenden Hintergrundgeschichte und enthalten keine Cliffhanger.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lili B. Wilms

Der Omega Prinz

Alphas und Omegas in Ejdon Band 1

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2025

http://www.deadsoft.de

Für Fragen zur Produktsicherheit

[email protected]

Querenbergstr. 26

D-49497 Mettingen

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: grape_vine – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-831-3

Inhalt:

Ryo

Seinen Seelenpartner zu finden, war für Ryo als Prinz, der abgeschieden unter dem strengen Regiment seines Vaters lebt, schon immer unwahrscheinlich. Durch die arrangierte Ehe mit Keke Nurmi wird dieser Traum unmöglich. Seine Rolle in diesem Deal ist klar: Er soll Kinder für das Haus Nurmi zur Welt bringen.

Zwar wird die Verbindung zu dem kühlen Keke enger und Ryos Hoffnung auf mehr als eine Zweckehe wächst. Doch nach jedem Schritt auf ihn zu geht Keke zwei zurück. Als Ryo ins Kreuzfeuer von politischen Umsturzbewegungen gerät, ist der Einzige, der ihn retten kann, ausgerechnet sein distanzierter Ehemann.

Keke

Da seine erste Ehe offensichtlich kinderlos bleibt, muss Keke für den Fortbestand seiner Familie irgendwann eine Lösung finden - das war ihm schon lange klar. Nicht jedoch, dass seine Väter ihn zwingen, einen Omega zu heiraten. Aber auch, wenn sich die politische Lage zuspitzt, kann Keke nicht das Risiko eingehen, seine Familiengeheimnisse durch die Nähe zu einem naiven, jungen, wunderschönen Omega ans Licht kommen zu lassen.

Die Erkenntnis, dass sein neuer Omega-Ehemann und ihn ein magisches Band verbindet, macht die Sache nur komplizierter. Doch egal ob übernatürliche Verbindung oder tiefe Zuneigung, als Ryo zum Ziel einer Intrige gegen das Haus Nurmi wird, ist Keke klar: Dieser ist längst die Person, die er über alles liebt und für den er über alle Grenzen geht.

Der Omega Prinz ist eine Strangers to Lovers, Trust is earned, Opposites attract, arranged/forced Marriage Geschichte voller tiefer Gefühle, Leidenschaft und Spannung.

Omegas und Alphas in Ejdon:

Romantasy, Suspense, Fated Mates

Vorwort

Siebzig Jahre nach dem Kriegsende in einer Welt, die der unseren gleicht, leben die Nachbarstaaten Ejdons, die nördlich davon hinter einem Gebirge ansässigen Wolfswandler und die östlichen Sitari-Inseln in einem angespannten Frieden.

Doch auch die Bewohner Ejdons, unter der Herrschaft einer Alphaoberklasse, leiden immer noch unter den Folgen.

In Geschichten erzählt man sich, dass es Seelengefährten waren, die unbeherrscht ihren eigenen Interessen nachgegangen sind, um bei ihren Omegas oder Alphas zu sein, und so den schrecklichen Krieg heraufbeschworen hatten.

Jedoch dienen diese Geschichten nur dazu, von den eigentlichen Gründen abzulenken. Orchestrierte digitale Berichterstattung und Geschichtsschreibung ließen die Leute einen eingeschränkten Blick auf die Vorkommnisse einnehmen.

Auch, wenn es immer wieder private Auseinandersetzungen über die Grenzen hinaus zwischen Seelengefährten, die unabhängig von Geschlecht oder Stand von den Göttinnen zusammengewürfelt worden waren, gab, lag der tatsächliche Grund des Beginns in der Gier der Ejdon-Alphas. Diese wollten sich einen wichtigen Teil des nördlich von Ejdon gelegenen Wandlerterritoriums einverleiben. Immer in der Hoffnung, von der Magie der Berge, die die beiden Völker auf dem Kontinent in der Mitte trennte und den Wandlern die Macht gab, ihre Form zu ändern, zu profitieren.

Doch auch die Verwicklung der Omegas auf den östlich gelegenen Sitari-Inseln brachte keine territorialen Veränderungen oder eine Entwicklung der Fähigkeiten der Bewohner Ejdons.

Das Resultat des Krieges waren unzählige Tote, Misstrauen auf allen Seiten, abgeriegelte Grenzen und das Gefühl in ständiger Bedrohung zu leben.

Nichts davon hielt die herrschenden Alphas in Ejdon davon ab, die Schuld für den Zustand, in dem sich die Region befand, den vermeintlich liebestollen und instabilen Omegas zuzuschreiben.

Nun sind alle Seelengefährten per Gesetz gezwungen, sich zu vermählen. Egal, wer die Parteien sind. Einmal verbunden, ist das Band unverrückbar. Wird es vernachlässigt, erleiden Omegas schwere physische und Alphas psychische Schäden. Doch dies wird in Kauf genommen, um die politische Stabilität in Ejdon zu garantieren. Individuelle Schicksale müssen hinter der Sicherheit des Landes zurückstehen.

Egal, ob Hofadel, Militäradel, Kämpfer für Omega-Rechte, Politiker oder Wohnungslose, alle müssen sich den Gesetzen beugen.

Trennungen werden von den Priestern nie durchgeführt.

Die Omegas, die über die östlich der Staatsgebiete Ejdons und der Wandler gelegenen Sitari-Inseln herrschen, haben sich von derartigen barbarischen Praktiken in Ejdon und den verfeindeten Nachbarn abgewandt. Sie leben isoliert auf ihrer Insel.

Die Wolfswandler und die Bewohner Ejdons, getrennt durch ein Gebirge, gehen aber nach wie vor einem Austauschprogramm nach, um den erkämpften wackligen Frieden zu halten. Wichtige Familien aus Ejdon schicken ausgewählte Omega-Kinder zu den Wandlern und diese im Gegenzug Alpha-Kinder als Bodyguards nach Ejdon, um sich gegenseitig zu erpressen und so den Frieden zu erzwingen.

Kontakt über die zugewiesenen Aufgaben hinausgehend oder gar Berührungen zwischen den Austauschmündeln und den Einwohnern Ejdons sind strengstens verboten. Freundschaftliche oder gar Seelenverbindungen sollen so strengstens unterbunden werden.

Doch auch in Ejdon kämpfen alle, die dort leben, um ihre Rechte und ihren Platz.

Der einst gewählte Präsident Kaneda, schwingt sich zum Alleinherrscher auf.

Die Omega-Rechte werden weiter beschnitten, Hof- und Militäradel kämpfen um ihre Stellung im Alpha-Rat, der schweren Eingriffen in die Verfassung Ejdons zustimmen muss, und Kaneda schafft innen- und außenpolitisch Bedrohungen, wo keine wirklichen sind, um seine Macht zu legitimieren.

Während in der Hauptstadt Ejdon City Omega-Rechtler um ihre Rechte kämpfen, versucht eine Gruppe von Traditionalisten in der adeligen ländlichen Gegend des Landes, das Volk in eine ganz alte Zeit zurückzuführen.

Die Fronten verhärten sich.

Die unterschiedlichen Gruppierungen verfangen sich in gegenseitigen Vorwürfen.

Das Pulverfass droht hochzugehen.

Wichtige Personen:

Keke Nurmi: Alpharatsmitglied, Militäradel, Träger von Staatsgeheimnissen

Heta: die Ehefrau Kekes

Pilvi: Bodyguard Hetas

Thor: Wolfswandler, Bodyguard Kekes und Sicherheitschef des Hauses Nurmi

Ryo Nakatsun: Omega-Prinz aus dem Hofadel, IT-Spezialist

Tammo: Wolfswandler im Austauschprogramm und Bodyguard Ryos.

Keiko Sakai: Alphaprinzessin, Mitglied des Alpharates, Vertraute Kekes

Karte

Kapitel 1

Ryo

ὦμέγα–Ω

»Bitte Vater, ich brauche mehr Zeit.«

Das Oberhaupt des Hauses Nakatsun sah mich mit weit geöffneten Augen an.

»Ich habe dich nicht um deine Meinung gebeten. Ich habe dir mitgeteilt, was in den nächsten Tagen passieren wird!«

»Aber Vater«, versuchte ich erneut, zu ihm durchzudringen. Um uns herum konnte man eine Stecknadel fallen hören. Kein Fächer, kein Schwirren der Röcke war zu hören.

Es war, als hätten sich alle Mitarbeitenden des Hofes in Luft aufgelöst.

Mein Vater stand auf und ich schlug die Augen nieder. Aus meinem Augenwinkel sah ich, dass meine drei Alpha-Brüder verschwanden. Ihr gehässiges Lachen ging zum Glück mit ihnen.

Nur noch mein Bodyguard wachte hinter mir. Aber auch Tammo konnte absolut nichts unternehmen, wenn unser Alpha sich entschloss, mich zur Schnecke zu machen. Als Mündel im Austauschprogramm mit unseren verfeindeten Nachbarn konnte er froh sein, nicht selbst zur Zielscheibe meines Vaters zu werden, weil er nicht demütig genug oder mir gegenüber zu vertrauensselig war.

»Ryo, ich habe mir deine Spinnereien und Träumereien nun fünfundzwanzig Jahre lang angehört. Die Alten haben dir den Kopf verdreht, mit Geschichten, die für dich nicht relevant sind. Omega!«

Als ob ich an meinen Status erinnert werden musste. Kein Tag verging, an dem ich nicht auf meine Position hingewiesen wurde. »Es gibt wahre Seelengefährten«, murmelte ich trotzig. Auch wenn meine Chancen ihn zu treffen, immer gering gewesen waren, mit den Plänen meines Vaters wurden sie restlos vernichtet. Den Blick hatte ich weiter auf den Marmor unter mir gerichtet und hoffte, mein Vater hatte mich nicht gehört.

»Darum geht es nicht!«, donnerte er lauthals. »Du bist ein Prinz. Deine Familie ist Hofadel. Du hast eine Aufgabe. Die ist, für Stabilität und Sicherheit deiner Familie zu sorgen. Was glaubst du, wer du bist? Jeder hier hat seine Aufgabe zu erfüllen, ob sie ihm gefällt oder nicht.«

Er kam auf mich zu und ich versuchte, mich nicht kleiner zu machen. Das hätte ihm sicherlich Auftrieb gegeben und beflügelt, seine Macht weiter zu demonstrieren.

»Ich habe dir eine hervorragende Partie mit Prinz Keke arrangiert. Er ist der Alpha-Nachfolger des Hauses Nurmi. Zum ersten Mal in deinem Leben bist du für deine Familie von Nutzen. Die Verbindungen, die uns diese Ehe einbringt! Und du schlägst mir meine Verhandlungserfolge zurück ins Gesicht. Du bist nichts anderes als ein verzogener und undankbarer Omega.«

»Vater. Die Zeiten ändern sich. Bitte sieh dich um. Es gibt andere Möglichkeiten, um zu Einfluss und Erfolg zu kommen.«

Diesmal wartete mein Vater nicht mehr. Seine Hand traf mich mitten im Gesicht. »Ein Omega erklärt mir nicht, wie ich meine Geschäfte zu führen habe. Die Welt ist in Aufruhr. Die Privilegien, die dem Adel nach dem Krieg eingeräumt wurden, werden bedroht. Unsere gesamte Gesellschaftsordnung steht vor einem Umbruch. Wir müssen jetzt handeln, bevor es zu spät ist. Unsere Familie muss ihren Einfluss ausbauen. Und der Berserker ist die ideale Partie. Obwohl er nur aus dem Militäradel stammt, hat er hohes Ansehen. Es würde mich nicht wundern, wenn er in die engere Auswahl zum nächsten Ratsvorsitzenden kommt. Und mit dir wird er auch fertig!«

Ich zitterte am ganzen Körper. Der Berserker.

Prinz Keke galt als gnadenloser Alpha, der jeden Wolfswandler, der ihm angetragen wurde, schnell und rücksichtslos brach. Oder ihre Gehirne wusch. Oder ... ich mochte es mir nicht vorstellen. Ich ertrug es nicht, darüber nachzudenken, was er mit Tammo anstellen würde.

Die Gefahr, die mein Vater für Tammo darstellte, war für mich kaum kontrollierbar. Im Hause des Berserkers hatte ich kaum noch Möglichkeiten, mich um meinen viel zu jungen Freund zu kümmern. Ja, er war ein Alpha. Aber als Wandler – als Teil des Mündelprogramms unserer Staaten – war er in meiner Welt Freiwild und letztendlich wehrlos gegen jeden, der etwas an ihm auszusetzen hatte.

Und warum? Weil mein Vater Angst um seine Scheiß-Privilegien hatte. Nur weil eine Omegarechtsbewegung sich mittlerweile lautstark für Gesetzesänderungen für Omegas einsetzte, sollte ich Keke heiraten. Und Tammo in Lebensgefahr bringen?

Die Bewegung war völlig irrelevant für mich. Ich war nicht herzlos.

So sehr ich mir für alle, die in Ejdon lebten, ein freies, selbstbestimmtes Leben wünschte, egal was diese Bewegung in Gang setzte, für uns als adelige Omegas würde sich nichts ändern. Wir galten als privilegiert. Das waren wir. Doch den Nutzen daraus zogen ausschließlich Alphas. Um weiter wie vor hundert Jahren agieren zu können, durften die royalen Omegas weiter behandelt werden wie ein Stück Vieh.

Für meinen Vater galten nur diese alten Zeiten. Er war Traditionalist durch und durch. Dabei lebte ein Teil unseres Landes bereits ein völlig anderes freies Leben.

»Wir kämpfen um unsere Existenz und du willst von der großen Liebe träumen. Ich hätte dich härter lehren sollen, was es bedeutet, ein Omega zu sein.«

Im Moment war es nicht die Liebe eines Gefährten, die mich beschäftigte. Auch, wenn mich die Geschichten ein Leben lang begleitet hatten, hatte ich jetzt andere Sorgen. Ich schloss die Augen. Als ob seine Schläge und Demütigungen nicht gereicht hätten. Für einen Moment träumte ich von einem anderen Leben. In der Hauptstadt. In der Omegas mittlerweile arbeiten durften. Teilweise sogar alleine leben. Ja. Auch ihr Leben war von Einschränkungen und Entbehrungen geprägt. Das Einzige, das für uns alle galt, war der Ruf der wahren Gefährten. Fanden wir diesen, musste dieser Bund geschlossen werden. Ausnahmslos. Es war mein Traum. Ein Leben voll Vertrauen und Verbundenheit. Was mit dem Berserker nicht möglich war.

»Das weiß ich, Alpha.« Ruhig redete ich, mit gesenktem Kinn. »Doch wie soll ich der Rolle gerecht werden? Keke hat bereits eine Frau.«

»Die ihm keine Nachfolger schenkt. Und da kommst du ins Spiel.«

Keke war mindestens zehn Jahre älter als ich. Genau wie seine Frau. Ein Mensch. Jeder wusste, dass sie seine große Liebe war. Die beiden waren seit ihrer Jugend unzertrennlich. Ich hatte bei ihnen keinen Platz.

Mein Vater legte seine Hand auf meinen Kopf und drückte ihn weiter nach unten. »Du wirst deine Hitzen mit ihm teilen und ihm Erben – Alphas – schenken. Und wir haben einen unschlagbaren Partner in der Familie Nurmi und ihrem Draht zum Präsidenten.«

Und was würde mit mir passieren, wenn Keke und seine Frau hatten, was sie wollten? Was stellten sie dann mit mir an? Wenn sie keinen Nutzen mehr in mir sahen? Die Tränen stiegen mir in die Augen. Wie sollte ich Tammo beschützen? Er war meine Verantwortung. Ich wollte dieses Schicksal nicht. Weder für Tammo. Noch für mich.

Unwirsch schob mein Vater mein Kinn nach oben und zwang meinen Blick zu sich. »Mach dich fertig. Wir treffen die Familie heute Abend im Ratshotel.« Seine Stimme hatte etwas Drohendes angenommen.

Mir blieb nur noch übrig, die Augen zustimmend kurz zu schließen und zu öffnen.

»Vielleicht wird es nicht so schlimm?« Tammo hatte seine Unterlippe eingesogen und sah mich besorgt an.

Ich schnaubte wütend, während ich den breiten Gürtel unserer traditionellen Kleidung ineinanderschlang. »Ich kenne Keke nicht. Wir verkehren definitiv nicht in denselben Kreisen. Aber er wirkt wahnsinnig arrogant und selbstgefällig. Wenn er nicht gerade mit seiner Frau zu tun hat. Und was man von ihm hört, wie er mit den Wandlern umgeht, lässt mir das Blut gefrieren.«

»Wenn ihr euch aber zu Gefährten verbindet, dann muss er dir doch einen Platz einräumen. Und um mich musst du dir keine Sorgen machen. Ich kann mich benehmen. Er wird mich gar nicht bemerken. Die Wandler, die zu ihm kommen, tun das doch aus einem Grund: weil sie Verbrechen begangen haben. Habe ich zumindest gehört. Aber vergiss das mal für einen Moment.«

Ich schüttelte den Kopf. Als ob das so einfach wäre. Aber gleichzeitig wollte ich Tammo nicht beunruhigen. »Einen Platz zwischen seiner Frau, die keine Kinder bekommt und ihm. Einem Alpha, der bisher nicht das geringste Interesse an einem Omega gezeigt hat.«

Doch mein Bodyguard ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Vielleicht findest du heute auf der Feier deinen wahren Seelengefährten und du bist raus aus der Nummer. Dagegen kann sich nicht mal dein Vater wehren. Gesetz ist Gesetz und das würde er nicht so offensichtlich brechen.«

Ein Sekündchen lang ließ ich den Gedanken zu und seufzte. »Das wäre das größte Glück überhaupt. So viel habe ich nicht.«

Tammo drückte mich kurz an sich. Nur für einen Augenblick. Mit einem tiefen Ausatmen schob er sich von mir.

»Es ist niemand da!«, versicherte ich ihm.

Doch Tammo schüttelte den Kopf. »Sicherheitshalber«, murmelte er.

Berührungen zwischen den Wolfswandlern und uns waren nicht erlaubt. Die Wandler und Ejdon, getrennt von einem riesigen Gebirge, schoben auch siebzig Jahre nach Kriegsende ihre Kinder noch als Pfand hin und her, um so den wackligen Frieden zu garantieren. Da wäre es politisch äußerst unpraktisch, wenn sich zwischen den Kriegspfändern und den jeweiligen Einwohnern Liebesbündnisse schlossen. Wie sollten so unsere Erzfeinde bei uns in Schach gehalten werden? Bei Menschen, Omegas, Betas und Alphas, die es verlernt hatten, ihre Form zu wandeln. Oder, um mit den Worten meines Vaters zu sprechen: die sich weiterentwickelt hatten und keine Tiere mehr waren.

Dieser rassistische Nonsens galt aber nicht zwischen Tammo und mir. Nur wissen durfte es niemand, dass mein Wolfswandlerbodyguard mein bester Freund und Vertrauter war. Ein Alpha. Mit nur knapp siebzehn Jahren ein Küken, das seit einem Jahr seine Familie schrecklich vermisste. Also hielten wir unsere Freundschaft geheim.

»Brauchst du noch etwas für dein Gesicht?«, erkundigte sich Tammo.

Ich verneinte. »Die Schwellung lässt schon nach.« Prüfend sah ich in einen Spiegel. Ein bisschen Make-up und ich war so gut wie neu.

Erschöpft ließ ich meine Hände sinken. Würde ich zukünftig mehr Abdeckgrundierung benötigen? Wie zornig war Keke? Würde er seine Wut an mir auslassen? Wie würde er sie an mir auslassen?

Ich wusste nicht viel über ihn. Die politische Position seiner Familie war nicht ganz klar, obwohl er Diplomat war. Aber sein Ruf als gnadenloser Durchsetzer des Wandleraustauschabkommens eilte ihm voraus. Das hatte ihm bereits lange Zeit die Hochachtung meines Vaters beschert. Sonst hätte dieser unseren Bund nicht arrangiert. Das war aber schon das Einzige, das irgendetwas über ihn aussagte.

»Na, komm. Soll ich jemanden holen, der dir beim Ankleiden hilft?« Tammo zupfte an meinem Überwurf.

»Wieso? Sehe ich nicht fantastisch aus?«

»Natürlich!« Grinsend fasste er meine langen Strähnen und hob sie hoch. »Du siehst immer fantastisch aus. Aber schließlich bist du heute der Mittelpunkt der Feier. Wenn ich richtig gehört habe, sind alle adeligen Familien Ejdons da. Der gesamte Hofadel, und die Nurmis haben sicher alle Vertreter des Militäradels eingeladen.«

»Keke, seine Frau Heta und ich werden im Mittelpunkt stehen. Was für ein Trio.«

Tammo verzog sein Gesicht in eine komische Grimasse. »Keke und du. Ich bin zwar erst ein Jahr hier. Aber selbst ich weiß, dass die Verbindung zu einem Menschen oder Beta immer hinter der Verbindung zwischen einem Alpha und einem Omega zurücktritt. Egal wie viele Partner Keke annehmen wird, du wirst sein erster Omega und somit wichtigster Partner in seinem Leben.«

Ich ließ meinen Kopf in den Nacken sinken. »Weil ich die Babys ausspucken soll. Tammo, ich hatte mir so viel mehr von meinem Leben erwartet.«

Tammo sah zur Seite und senkte den Blick. Er sagte nichts. Doch ich bereute meine unbedachten Worte sofort.

Schnell schloss ich ihn in meine Arme. »Es tut mir leid. Ich bin ein sich selbst bemitleidendes Kleinkind. Ich werde an einem angesehenen Hof in Prunk leben und verliere nichts. Was man dir und all den anderen antut, ist einfach schrecklich.«

Ich fühlte, wie er sich unter mir anspannte und sich durchstreckte. »Mein Schicksal könnte viel schlimmer sein. Ich bin ja bei dir.«

»Und das wirst du immer sein. Ich werde auf dich aufpassen. Uns kann nichts trennen. Das ist auch mein Trost in dieser Sache, dass ich dich nicht verlieren werde. Was täte ich denn ohne dich bei Keke?«

»Sex, Sex und noch mal Sex mit deinem heißen Alpha!« Tammo kicherte und ich lachte. Doch der Wahrheitsgehalt seiner Worte schmerzte. Mehr würde zwischen uns auch nicht sein. Im besten Fall.

Kapitel 2

Ryo

ὦμέγα – Ω

Wir stiegen aus der Limousine vor dem Hotel. Es war gewählt worden, um sich auf neutralem Boden zu treffen. Weder bei uns noch bei den Nurmis, sondern in einem Gebäude, in dem die Alphas sich zu Konferenzen trafen und Geschäftstermine wahrnahmen.

Ein Geschäftstermin. Das war ich.

Das Personal nahm uns sogleich in Empfang und führte uns in ein Zimmer. »Sollten Sie sich noch frisch machen wollen.« Die Dame zeigte uns die Einrichtung. »Sobald Ihre Eltern ankommen, werden wir Sie in den Saal bringen. Die Familie Ihres Bündnispartners ist bereits anwesend. Aber das ist alles richtig so.«

Beruhigend. Nicht. Langsam begannen meine Handinnenflächen zu schwitzen. Verdammt. Meine Nervosität ergriff von mir Besitz. Unruhig lief ich zum Fenster und versuchte, es zu öffnen. Ich sah nach unten. Wir schwebten irgendwo in den Wolken. Natürlich ging es nicht auf. Nicht mal einen Spalt.

»Haben die hier Wasser?« Während ich noch sprach, ging ich zur Minibar und Tammo war schon an meiner Seite.

»Soll ich jemanden holen?«

Ich schüttelte den Kopf und öffnete die eiskalte Flasche. In gierigen Schlucken trank ich daraus. Das traditionelle Gewand, das ich eigentlich liebte, fühlte sich in dem Moment schwer an. Die Stofflagen drückten mich zum Boden. Ich hatte das Gefühl, darin zu versinken.

So als könnte er meine Gedanken lesen, griff Tammo meinen Arm. »Na komm. Setz dich. Du musst fit sein. Ich kann dich da drin nicht wie eine Prinzessin herumtragen.«

Wie immer entlockte er mir ein Lächeln. »Keine Sorge.«

»Alles wird gut.« Ich glaubte seinen Worten nicht und nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, er auch nicht.

»Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl, Tammo.«

»Das versteh ich«, murmelte er. »Es tut mir so leid, dass ich nicht ein echter Bodyguard sein und dich wirklich vor allem schützen kann. In meiner Heimat dürfte niemand so mit Omegas umgehen, wie hier.« Der Junge klang wehmütig.

»Die Geschichten, die man sich von den Wandlern erzählt, sind teilweise aber nicht so harmonisch, wie du es immer sagst.«

Tammo zuckte mit den Schultern. »Natürlich gibt es immer Leute, die ihre Macht ausnutzen. Aber in meiner Familie wärst du sicher.«

Ich drückte seine Hand und zog mich wieder daran hoch. Im selben Augenblick ertönte der Türöffner und wir stoben auseinander. Noch mal gut gegangen.

Die Dame, die uns in das Zimmer gebracht hatte, stand vor uns und lächelte unverbindlich. »Ihr Vater ist hier. Ich darf Sie jetzt mitnehmen.«

Ich wagte es nicht, mich nach Tammo umzusehen. Es gehörte sich nicht und unser kurzes Gespräch hatte mir meine Privilegien wieder deutlich gemacht. Er war ein Kind, das aus seiner Familie gerissen worden war. Weil irgendwelche Politiker beschlossen hatten, dass dies das einzige Mittel war, um den Frieden zwischen den Kriegstreibern ihrer Länder zu bewahren. In fremde Clans, Packs, Häuser gesteckt, in denen sie der gegenseitigen Erpressung dienten. Abscheulich.

Im Gegensatz dazu ging das Schicksal mit mir milde um. Und wenn ich meine Rolle als ergiebiger, gehorsamer Omega gut spielte, konnte ich vielleicht das Beste daraus machen.

Mein Vorsatz zerbröselte in winzigen Pulverstaub, als ich vor Keke und Heta stand.

Anders als meine Familie waren sie modern gekleidet. Keke trug einen dunkelblauen Anzug, der ihm mit Sicherheit auf den Leib geschneidert worden war. Heta trug ein silberglitzerndes Kleid, das genauso eine zweite Haut sein konnte. Sie sah makellos aus und beobachtete mich mit einer Mischung aus Furcht, Interesse und Verachtung. In dieser Reihenfolge mit abnehmender Intensität, wie es mir schien.

Bei Keke hingegen überwog eine einzige Emotion, die aus seinen tiefblauen Augen leuchtete. Abscheu. Seine klassische Schönheit, das markante Gesicht, seine Größe, das helle Haar, das seine stechenden Augen unterstrich, war durchtränkt von seiner Verachtung mir gegenüber.

In meinem Leben hatte ich mich schon oft klein gefühlt. Das Gefühl, das mir mein zukünftiger Ehemann jedoch vermittelte, war von einer hoffnungslosen Schwere, der ich kaum standhielt. Nur mit Mühe schaffte ich es, nicht wegzulaufen. Tammos Präsenz nahm ich immer wahr, doch die Anwesenheit meines Freundes konnte mich dieses Mal nicht mehr beruhigen.

Heta und Keke waren fast zehn Jahre älter als ich. Doch sie gaben mir das Gefühl, ein Kind zu sein. Unzulänglich. So als hätte ich mich auf eine Party der Erwachsenen eingeschlichen und war ertappt worden.

Verdammt. Ich hatte ein Recht, hier zu sein. Ergeben schlug ich meinen Blick nieder. Ein missbilligendes Schnauben, ein wegwerfendes Kichern folgte. Von Heta und Keke?

Wie sollte ich mit ihnen zusammenleben?

Ich wagte einen Blick aus dem Augenwinkel.

Kekes Alpha-Vater trat neben die beiden und musterte uns alle mit einer Maske aus Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht. Keine Emotion war für mich daraus ablesbar.

Mein Vater und jetziger Alpha trat neben mich. Und bevor ich ihn hörte, fühlte ich mit seinem Einatmen, wie er seine Stimme erhob.

»Koshaku Nurmi! Ich präsentiere euch Ryo, meinen Omega-Sohn als Gefährten für euren Alpha-Nachfolger Keke Nurmi. Unserem Haus ist die Ehre bewusst, die damit einhergeht. Unsere Freude, dass Ryo in euer Eigentum übergeht, ist ungebändigt. Er wird dem Haus Nurmi voller Dankbarkeit Erben schenken.«

Mir wurde übel. Mein Alpha sagte nichts, was ich nicht wusste. Keines seiner Worte überraschte mich. Doch wurde mir die Tragweite meines zukünftigen Lebens mit einem Schlag bewusst. Eine Gebärmaschine für Keke Nurmi. Und egal, was diese Familie mit mir vorhatte, von meinen Eltern konnte ich keine Hilfe erwarten. Wenn Keke mit mir fertig war, konnte er mich entsorgen, wie es ihm beliebte, und niemand würde ihn daran hindern. Ein Schauer überkam mich.

Wie von einer seltsamen Magie getrieben, hob ich erneut den Kopf. Vielleicht war nicht alles verloren, wenn Keke an mir Gefallen fand, wenn er gütig war oder zumindest gleichgültig.

Doch als ich aufsah, gefror mir das Blut in den Adern. Kekes Blick war auf Tammo gerichtet, den ich hinter mir wahrnahm. Abschätzend, missbilligend musterte er ihn. Der Prinz wandte sich mit einem bitteren Zug um die Lippen ab und sah mir direkt in die Augen. Wir standen nicht mal zwei Meter auseinander und ich konnte seinen Geruch wahrnehmen. Hölzern, warm, ein starker Alphaduft, der meine Sinne betörte. Ich zwang mich, mein gesamtes erlerntes Repertoire, was es ausmachte, ein guter Omega zu sein, aus mir herauszuholen.

Meinen Blick machte ich weich. Meine Haltung leicht vorgebeugt. Untertänig. Den Kopf wendete ich leicht, sodass ich meinen Hals präsentierte. Den Fleck, an dem Keke mich beißen und das Band zwischen uns als Gefährten mit der Bindungsmarke besiegeln würde.

Die Worte, die ich plante zu sagen, wollten sich nicht aus meiner Kehle lösen. Mein Leben lang hatte ich davon geträumt, sie meinem Seelengefährten entgegenzuflüstern. Voller Liebe und gegenseitigem Respekt. Davon hatten meine Großeltern gesprochen, wenn sie von den Verbindungen von wahren Seelengefährten erzählt hatten. Doch rang ich mir die Buchstaben einzeln aus dem Leib, die ein Omega seinem Alpha gegenüber sprach, wenn er seine Unterwerfung zum Ausdruck brachte. »Mein Herr, mein Leben.« Leider klang meine Stimme nicht annähernd so sicher und fest, wie ich es mir wünschte oder so sanft und liebevoll, wie es sich für einen Omega gehörte.

Heta sog scharf die Luft ein und griff nach Kekes Arm. Dessen Brustkorb hob und senkte sich rapide.

»Ich habe dich nicht aufgefordert, mich so anzusprechen«, herrschte er mich voller Zorn in der Stimme an. »Wir gehen.« Er griff nach Hetas Hand. Die beiden drehten sich um und stürmten davon.

Mein Magen zog sich zusammen, so sehr erschrak ich über die heftige Reaktion. Natürlich hatte er mich nicht gebeten, ihn auf diese Weise anzusprechen. Aber es war alte Tradition. Diese formelle Anrede wurde doch von mir erwartet. Selbst wenn er nicht den Alphagruß erwidern wollte, war es völlig irrational einfach auszurasten. Was für Aussichten auf mein zukünftiges Leben!

Die Gäste zerstreuten sich und das Gemurmel wurde größer.

Als sich die Tür hinter Familie Nurmi schloss, wurde das Ziehen in meiner Brust stärker. Verdammt, was war das? Es fühlte sich an, als würde mein Herz in einer Faust zerquetscht. Hektisch sog ich die Luft ein. War das eine Panikattacke?

Mein Vater packte meinen Oberarm und drückte zu. Mein Schrei erstickte im Hals.

»Was hast du getan?«, fauchte er mich an und zog mich hinter sich her.

Ich schwieg. Denn was hätte ich sagen sollen? Ich hatte versucht, alles richtig zu machen, und war doch kläglich gescheitert.

Zurück in unserem Landhaus, hatten sich die Türen noch nicht geschlossen, und Vaters Ausbruch ertönte durch die Hallen. Meine Mutter folgte ihm, dabei musterte sie mich schweigend.

»Du bist zu nichts zu gebrauchen. Was hast du dir dabei gedacht, ihn so zu beleidigen?«

»Aber!« Heiser versuchte ich, mir Gehör zu verschaffen. »Sie hassen mich. Ich habe nichts Verwerfliches getan. Nur meine Ergebenheit erklärt.«

Die Ohrfeige, die folgte, brannte. Aber nicht mehr wie die Tränen, die ich krampfhaft zurückhielt. »Du hast irgendetwas Unanständiges getan. Aber das wird bald nicht mehr mein Problem sein. Ich werde sofort den alten Nurmi anrufen und geradebiegen, was du verderben wolltest.«

»Aber …« Ich schaffte es nicht, mich zu verteidigen.

»Aus meinen Augen!«, schrie mein Alpha und Tammo trat zwischen uns, um mich so aus dem Raum zu drängen.

In meinem Zimmer ließ ich den Tränen freien Lauf. »Ich habe Angst, Tammo.« Wie sollte ich ihn retten, wenn ich mir selbst nicht helfen konnte?

Sofort schloss er mich in seine Arme. »Ich weiß. Du riechst nach purer Panik.«

Na toll. Ich stank also auch noch meinen Bodyguard voll. »Tammo. Ich werde abhauen. Wenn ich weg bin, kommst du in eine neue Familie und bist sicherer als bei Keke.« Da war ich mir absolut sicher.

Erschrocken schob er mich von sich. »Was? Wohin willst du?«

Mein Kopf war ein Gemisch aus Bindfäden, die sich in mir verknoteten. »Weg. In die Hauptstadt. Untertauchen. In einen Omega-Stadtteil gehen.«

»Wird man dich nicht erkennen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht dort.« Durch das Gewirr in meinem Gehirn versuchte ich, meinen Verstand zu finden. »Ich könnte auf die Omegainseln fliehen und Asyl beantragen.«

»Wie willst du das schaffen?« Wütend blitzte mich Tammo an. »Du wirst beim ersten Windhauch ins Wasser fallen und ertrinken, wenn sie dir überhaupt Asyl gewähren. Das sind doch alles Märchen, die Omegas ein Paradies dort versprechen.«

»Na, danke für dein Vertrauen.«

»Wenn du in die Hauptstadt gehst oder weiter westlich, könnte ich mitkommen. Auf den Omegainseln werde ich wahrscheinlich gleich exekutiert.«

Erschrocken griff ich nach ihm. »Du kannst nicht mit.« Seine Gesichtsmimik fiel in sich zusammen. »Das würde eine internationale Krise auslösen. Ganz abgesehen von deiner Familie. Die würde zu allererst bestraft werden. Und bei Keke bist du in keinem Fall sicher.« Die Gewissheit, dass wir uns trennen mussten, zerriss mir das Herz.

Ich konnte die Erkenntnis in seinem Gesicht ablesen. »Aber ich kann dich nicht allein lassen.«

Unschlüssig sah ich ihn an. Auch ich wollte ihn nicht allein lassen. »Ich werde dafür sorgen, dass sich jemand um dich kümmert. Du wirst in eine perfekte Familie kommen.«

Ein, zwei Freunde hatte ich, die mir einen Gefallen schuldeten und von denen ich wusste, dass sie sich gut um Tammo kümmern würden.

»Ryo!« Er sah mich flehend an. »Ist es dir ernst?«

Ich nickte. »Ich befürchte, ich werde diese Verbindung schneller mit dem Leben bezahlen, als mir lieb ist.«

Entschieden nickte er. »Dann helfe ich dir.«

Heftig schüttelte ich meinen Kopf. »Auf keinen Fall. Du gehst in die Küche, holst dir etwas zu essen. Redest mit Yoko, damit du eine Zeugin hast, die bestätigen kann, dass du nichts mit meiner Flucht zu tun hast. Später – nach Mitternacht – gehst du in deine Kammer. Morgen wirst du entdecken, dass ich weg bin.«

Die Tränen stiegen ihm in die Augen. Dieses viel zu groß gewachsene Kind, mit den riesigen Muskeln. Der größte von allem war sein Herz. »Wenn alles anders wäre, dann könnte ich dein Alpha sein und dich retten.«

Durch seine schimmernden Augen sah er mich an. Ein Mundwinkel hob sich und zweifelnd musterte er mich. Gleichzeitig fingen wir an zu lachen. Egal wie verzweifelt ich war, die Ironie dieses Vorschlags verschloss sich gewiss auch ihm nicht. Die Vorstellung von uns beiden war zu absurd.

Wir fielen uns in die Arme. »Ich werde dich vermissen«, murmelte er in meine Haare.

»Ich dich auch.«

Es war bereits nach Mitternacht, als ich, mit meinem Rucksack auf den Schultern, das Fenster in meinem Schlafzimmer öffnete. Ich hatte keinerlei traditionelle Kleidung dabei. Sofort würde man mich daran erkennen und es passte kaum etwas davon in meinen Rucksack.

Sacht ließ ich mich auf das Vordach unter meinem Zimmer sinken. Meine Finger vergruben sich in das Sims. Die Spitzen brannten und ich fühlte einen Krampf in meinen Gelenken, doch noch immer erreichte ich mit meinen Füßen keinen festen Halt. Die Zehen gespitzt, ließ ich meine Hände locker und sackte auf das Dach hinab.

Ein Stein fiel in meinen Magen, als ich tatsächlich lautlos landete. Mit den Armen ruderte ich für eine bessere Balance, bis ich sicher stand.

Ich beobachtete den Grund unter mir. Es war stockdunkel, sodass ich kaum etwas ausmachen konnte. Aber ich wusste, dass die weiche Erde eines Blumenbeets meinen Sprung dämpfen würde.

Ich holte tief Luft, nahm meine letzte Kraft und Mut zusammen und ließ mich die kurze Distanz vom Vordach auf die Füße fallen.

Der Aufschlag war dumpf, doch die Lichter im Haus blieben aus.

Morgen früh würde man meinen Abdruck im Beet finden. Aber bis dahin war ich über alle Berge. Zumindest mit der ersten Fähre in knapp einer Stunde den Fluss abwärts. Meine Spuren würden dann nicht mehr auffindbar sein.

Ich lief die Hecke des Gartens entlang, um mich in deren Schutz vom Grundstück zu machen. Der Weg war unwesentlich länger, aber deutlich geschützter.

Am Ende drückte ich mich um die Kurve und blieb wie angewurzelt stehen.

Ich hätte meinen Vater vorher wahrnehmen können, wäre ich nicht so auf mich konzentriert gewesen. Nun stand er vor mir. Seine Wachen umschlossen uns, so als wäre ich ein Schwerverbrecher.

»Ich wusste, dass dies passiert. Du bist eine Schande und besudelst das Ansehen deiner Familie. Deshalb habe ich Koshaku Nurmi zugesichert, dass die Vereinigung morgen stattfindet. Er hat sich sehr gefreut, dass du es nicht erwarten kannst, Teil deiner neuen Familie zu werden und alles in die Wege geleitet.«

Das, was auf seinem Gesicht war, konnte nicht mit einem Lächeln verwechselt werden.

»Mein Sohn! Ich bin stolz, dass du diesen Weg gehst.« Er sprach so leise, dass ich ihn kaum verstand. Wortlos drehte er sich um und seine Wachen geleiteten mich in die Zelle im Keller des Hauses.

Zitternd stand ich in der Mitte des Raumes.

Mein Leben war vorbei.

Kapitel 3

Keke

ἄλφα – Α

»Heta, es tut mir so leid.«

Sie schlang ihre Arme um mich und atmete schwer. »Es ist nicht deine Schuld.«

Ich stieß die Luft heftig aus. »Ach nein? Ein Alpha, der seine Frau nicht beschützen kann? Ich habe dir Sicherheit versprochen und nichts, was ich anpacke, funktioniert. Stattdessen bringe ich dich in allem, was ich tue, mehr und mehr in Gefahr.«

»Das stimmt doch nicht. Du hast mir mehr geholfen, als irgendjemand es in meinem Leben getan hat. Und es ist nur eine weitere kleine Hürde, die wir gemeinsam meistern werden. So wie wir alles gemeinsam schaffen.«

Frustriert schüttele ich meinen Kopf. »Ich hasse es, nicht zu meinem Wort stehen zu können. Aber ... mein Vater hatte es versprochen. Nur du und ich!«

»Wenn wir es schaffen, Nachwuchs zu produzieren. Das war von Anfang an klar. Und klar war auch, dass das bei unserer Konstellation schwer werden würde.«

»Wenn wir nur mehr Zeit hätten.«

Meine Frau sah auf ihre Hände. »Die Zeit ist nicht auf unserer Seite und ehrlich gesagt …«

Ich schloss sie erneut in meine Arme. »Es tut mir so unendlich leid. Ich hätte dich nie in diese Situation drängen sollen. Die künstlichen Befruchtungsversuche sind eine Qual für dich.«

»Aber ich habe sie gerne gemacht. Für dich.«

»Wir hätten von Anfang an eine andere Lösung suchen sollen.« Anfangs schien unser Arrangement so einfach. So klar. So perfekt. Doch seit einem Jahr zerbrach unser Konstrukt und mir wurde klar, wo wir Lücken in unserem so säuberlich erdachten Plan hatten. Doch verliebt, wie wir gewesen waren, hatten wir uns keine Mühe gemacht, näher hinzusehen. Wird schon klappen, war unser Motto für alles gewesen. Naiv waren wir gewesen. Liebe würde unsere Probleme lösen, hatten wir gedacht. Liebe … was war das überhaupt? Nichts, für was ich sie gehalten hatte.

»Ich habe das Gefühl, ich lasse dich im Stich und von dir zu verlangen, Kinder für diese Familie zu bekommen, war von Anfang an einfach abscheulich.«

»Keke!« Sie sah mich eindringlich an. »Das war nicht deine Idee. Es war unsere Idee. Mit der wir alle einverstanden gewesen waren. Es hätte auch alles klappen können, wenn nicht …«

»Wenn ich nicht …«

»Schluss jetzt!« Entschieden zog sie an meinem Arm und unwillkürlich entwich mir ein Knurren. Ich stand nicht sonderlich darauf, von irgendjemandem herumkommandiert zu werden. Auch nicht von meiner Frau. Obwohl sie die Einzige war, die sich dieses Privileg herausnahm, egal wie oft ich ihr sagte, sie sollte es lassen.

»Es ist nun mal, wie es ist. Wir werden das Beste daraus machen.«

»Das Beste daraus machen!« Ich schnaubte verächtlich. »Hast du ihn gesehen? Er ist ein Traditionalist, wie er im Buche steht. Er wird kein Verständnis für etwas haben, das von der Vorstellung eines klassischen Alphas und seinem Omega-Männchen abweicht. Es war nichts anderes zu erwarten bei seiner Familie.«

»Er ist auf seine Rolle hin gut ausgebildet. Das muss man ihm lassen«, sinnierte Heta.

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Sehr witzig. Er bringt uns alle in Gefahr.«

Sie winkte ab. »Ich werde schon mit ihm fertig. Und vielleicht tut er dir ja gut. Hast du daran schon mal gedacht?«

Ein Wutschrei wollte sich aus mir herausdrängen. Nur mit Mühe hielt ich meinen Zorn zurück. Nicht auf sie. Nicht auf den Omega, der mir heute präsentiert worden war. Sondern auf Bent. Den Verräter und Ursprung allen Übels.

»Was meine, liebe Frau, soll er mir denn Gutes tun? Ein Omega in Hitze als besonderes Leckerli für den Alpha? Die Ergebenheit eines Traditionalisten, der nur meine Rolle und nicht mich sieht?«

Heta trat einen Schritt zurück und sah mich nachdenklich an. »Was passiert ist, schmerzt auch mich, Keke. Dich so zu sehen, tut weh. Du bist mein bester Freund. Ich liebe dich aus ganzem Herzen. Und der Schmerz, den du vor dich herträgst, trifft auch die, die dir nahe stehen.«

Schuldbewusst nickte ich. Rolle hin oder her. Ich hatte eine Familie, um die ich mich kümmern musste. »Ich werde mit Vater reden. Er soll uns noch Zeit geben. Vielleicht findet er einen Omega, der ein bisschen freier denkt. Der offen ist für die Reformbewegung, der irgendeinen Anschein macht, mehr zu wollen, als einem Alpha zu dienen und sich in dieser Rolle zu versenken.«

»Hast du ihn genau angesehen, Keke? Ryo war nicht ergeben. Er war sehr zerrissen.«

Ryo. Erneut zog es in meiner Brust, als ich an ihn dachte. Die dunklen Augen. Seine schwarzen, langen Haare, die wie schwarze Lava über seinen Rücken geflossen waren. Seine zierliche Figur war in dem traditionellen Gewand schier untergegangen. Und dennoch hatte es seine Besonderheit und Zartheit unterstrichen. Noch nie hatte ich etwas Schöneres als Ryo gesehen. Und erneut zog ein unsichtbarer Strang an meinem Herzen. Vermutlich stand ich kurz vor einem Herzinfarkt.

»Wenn ich gesagt hätte, er soll sich vor allen Leuten flach auf den Boden legen, hätte er es getan.«

»Das hätte er wahrscheinlich. Vielleicht ist er deshalb keine schlechte Wahl. Möglicherweise wäre er dir so ergeben, dass er mit unserem kleinen Geheimnis gut leben kann. Wenn du ihm als Alpha gebietest, Stillschweigen zu halten, kann er es vermutlich gar nicht lüften.«

Ich sah Heta an. Meine schöne, starke Heta. Meine engste Vertraute. Meine beste Freundin. Die Person, für die ich alles aufgeben würde. Die auch mich mit allem, was sie hatte, annahm.

»Hast du keine Angst?«, fragte ich sie. Sie redete so leicht daher, als ob es wirklich eine Option wäre, eine dritte Person in unsere Ehe zu lassen.

Sie strich über ihr Schlüsselbein auf ihre Schulter. »Nicht um mich. Aber …«

Ich ahnte, wohin ihre Gedanken wanderten.

»Wir brauchen eine andere Lösung. Das ist zu unsicher.«

»Keke. Gut, dass du hier bist.« Obwohl mein Vater der mächtigste Alpha in unseren Reihen war, verstand er es, sich wie eine Maus anzuschleichen. »Heta. Wie geht es dir?«

Sie lächelte ihr sanftes Lächeln, das ihren Schwiegervater wie immer beruhigte, und nickte. »Wunderbar. Wir haben uns gerade über den Abend unterhalten.«

Er nickte wissend. »Ich kann mir vorstellen, dass ihr Redebedarf habt. Aber ich muss mit Keke kurz allein sprechen.«

Erneut begann meine Wut zu kochen. Mein Vater war ein anständiger Alpha. Er traf keine übereilten Entscheidungen, war fair und hielt nicht grundsätzlich an überholten Traditionen fest. Sonst hätte er der Ehe mit Heta nicht zugestimmt. Aber sie als Mensch hatte nicht dieselben Rechte wie wir. Sie wurde öfter ausgeschlossen, als mir lieb war.

»Sie kann alles hören, was wir besprechen. Heta betrifft diese Sache genauso wie mich.«

Wie nicht anders zu erwarten war, schüttelte er den Kopf. Heta ging bereits auf mich zu, küsste mich auf die Wange, strich über meinen Arm und ging.

»Nakatsun, Ryos Vater, hat angerufen.«

Hoffnung flackerte in mir auf, und mein Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht sagte Ryos Familie die Verbindung ab. So wie ich ihn behandelt hatte, sollte es die einzig logische Konsequenz sein.

»Und? Was wollte er?«, fragte ich so ruhig, wie es mein wilder Herzschlag erlaubte.

»Sie wollen die Vereinigung beschleunigen.«

Natürlich. Eine normal denkende Person würde versuchen, ihren Sohn vor einem Alpha wie mir zu retten. Nicht die Nakatsuns. Sie wollten ihren Omega schneller an mich loswerden.

Mein Vater streckte die Schultern durch und baute sich vor mir auf. »Ich habe zugestimmt.«

Natürlich. »Vater. Heta und ich wollen noch mal einen Zyklus versuchen. Vielleicht finden wir auch dann einen Omega, den wir beide ansprechend finden. Ryo ist zu …« Zu perfekt, dachte mein Gehirn völlig ungefragt und mein Herz klatschte Applaus. Ich wurde noch verrückt. Dieser Tag musste enden. So schnell wie möglich.

Kopfschüttelnd hob mein Vater die Hand und automatisch erstickten meine Worte. »Die Entscheidung ist getroffen. Keke, es geht hier nicht mehr nur um dich oder Heta. Du weißt, ich wünsche euch nur das Beste. Aber dein Onkel wird zu einer unkontrollierbaren Gefahr. Er hat die Geburt seines fünften Alpha-Enkels bekannt gegeben und sich offiziell zum rechtmäßigen Nachfolger des Hauses Nurmi erklärt. Keke, du bist keine zwanzig mehr. Wenn Koto mich herausfordert, könnte das Haus, der Clan, alles, was wir uns seit Jahrhunderten erarbeitet haben, an ihn gehen.«

»Das kann er erst in zwei Jahren. Und so klar ist diese Nachfolgeregelung nicht. Gegebenenfalls gilt diese Nachfolgerfrist gar nicht.«

Mein Vater nickte kaum merklich. »Natürlich nicht. Aber wir müssen Vorkehrungen treffen. Nur ein Nachfolger von dir setzt die Linie fort und Koto hat keinerlei Anspruch. Egal, wie grau die Rechtslage ist.«

»Das verstehe ich. Aber wieso muss das alles sofort passieren?«

Die Mimik meines Vaters verhärtete sich. »Weil sich die Zeiten ändern, Keke. Der Präsident hat in der Hauptstadt alle Mitglieder des Uradels zu sich bestellt. Ich weiß nicht, um was es geht. Aber wenn man seine bisherige Politik verfolgt, verheißt auch dieses Treffen nichts Gutes. Er ist ein Extremist. Ehen wie zwischen dir und Heta wird es nie wieder geben, wenn er mit seinen Ideen im Parlament durch ist. Doch das wäre vielleicht nur das kleinere Übel. Für ihn zählen ausschließlich Alphas. Die Omegas würden wieder zu reinen Besitztümern werden. Niemand wird einen Alpha zur Rechenschaft ziehen, wenn ein Omega verschwindet. Zumindest wird in den Omegas noch ein Nutzen gesehen. Was mit den Wolfswandlern passiert, darüber möchte ich nicht nachdenken. Sie sind nur Geiseln. Die Angst vor ihnen überwiegt jedes rationale Denken dieser Extremisten. Der Präsident hat seine Amtszeit bereits um weitere acht Jahre verlängert. Um Stabilität zu gewährleisten.« Mein Vater schnaubte empört. »Alles, was wir uns nach dem Krieg erarbeitet haben, eine Demokratie, Gleichheit vor dem Gesetz, ist in Gefahr. Kaneda will Alleinherrscher werden. Und Leute wie dein Onkel werden davon profitieren. Hier geht es nicht mehr darum, was in unseren Familiengesetzen zu unserer Nachfolge geregelt ist. Hier geht es um mehr.«

»Und dafür opferst du nicht nur Ryo in eine arrangierte Ehe, sondern auch mein und Hetas Glück. Du verfährst genauso, wie Koto es tun würde, um seinen Willen durchzusetzen.«

Ein Grollen drang aus dem Brustkorb meines Vaters. »Manchmal müssen Opfer für ein höheres Gut gebracht werden. Hättest du gerne Koto als Alpha? Damit er dich zum Tode verurteilt und alle, die dir nahe stehen, quält, bis sie ihren Lebensgeist aufgeben?«

»Natürlich nicht!«, widersprach ich heftig. »Aber es muss doch eine andere Lösung geben …«

»Nicht mehr. Die Zeit ist abgelaufen. Keke, das ist deine Bestimmung. Du tust das nicht für dich oder mich, sondern für all unsere Vorfahren, die in diesem Krieg dafür gestorben sind, um in einer besseren Welt zu leben. Dem Präsidenten ist nicht zu trauen. In diesem Umbruch, der bevorsteht, müssen wir in einer Position sein, die uns erlaubt, zu agieren. Nicht nur zu reagieren. Und dazu benötigen wir die Vorherrschaft in unserer Familie. Morgen findet die Vermählung statt. Ich habe dem Termin zugestimmt.«

Die Worte meines Alphas schnürten mir den Hals ab. Unsere Zeit war abgelaufen. Ich richtete mich auf und nickte. Politik war allgegenwärtig. Und nun würde sie in mein Privatleben einziehen. Es war meine Aufgabe als Alpha, mich den Anforderungen meiner Zeit zu stellen. Zumindest musste ich nicht auf ein Schlachtfeld ziehen. Auch wenn sich der Gedanke an den nächsten Tag so anfühlte.

Kapitel 4

Keke

ἄλφα – Α

Heta und ich standen im Tempel. Vor der großen Glocke und den Räucherstäbchen, die die Unverrückbarkeit unserer Einheit, die Ryo und ich schließen sollten, in den göttlichen Himmel trugen. Göttin, hilf mir. Ich versuchte, an nichts zu denken. Wir würden den Zirkus hinter uns bringen und mit unseren Leben weitermachen. Irgendwie.

Doch so leicht machte es mir mein Kopf nicht. Meine Gedanken schwirrten zu Hetas und meiner Vermählung. Es war ein Freudenfest gewesen. Wir waren so hoffnungsvoll gewesen. Alle unsere Freunde waren dabei gewesen. Wir hatten zwei Tage lang gefeiert, getanzt und gelacht, bis wir schließlich erfüllt von Glück eingeschlafen waren.

Das Leben schien uns zu Füßen zu liegen. Fünf Jahre später standen wir vor einem Scherbenhaufen. Und der kleine Rest, der uns geblieben war, drohte von einem einfältigen Omega zerstört zu werden.

In diesem Moment verdunkelte sich der enge Eingang zum Tempel und automatisch hob ich meinen Blick. Das Licht, das ihn von hinten anstrahlte, verhinderte, dass ich Ryo richtig sehen konnte. Nur seine Umrisse kamen auf mich zu.