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Linda ist ein Zahlenmensch. Eine glücklich geschiedene 50-Jährige, die von Buchhaltung und Übersetzungen lebt. Als sie erfährt, dass ihr Hausarzt seit einem schweren Unfall ein Pflegefall ist, beschließt sie, ihn im Heim zu besuchen. Seine ausweglose Situation macht ihr schwer zu schaffen. Er bittet sie um Sterbehilfe und sie hadert mit sich und ihrer Entscheidung. Aufs Geratewohl probiert sie ein paar Massagegriffe an ihm aus, und plötzlich zuckt sein Zeigefinger. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt. Miteinander erleben sie Fortschritte und Rückschritte, Krisen und schmerzhafte Erinnerungen. Und immer wieder kommt die Frage auf: Warum tut sie das alles für ihn? Welche Rolle spielt sie ihn seinem Leben? Und er in ihrem? Verbindet sie nur Dankbarkeit oder ist es mehr? "Der Patient der Patientin" ist eine Geschichte über eine Begegnung, die zufällig beginnt und vieles verändert.
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Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Christa Burkhardt
Der Patient der Patientin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zitat
Eine zufällige Begegnung
Besuch ihn!
Herr Breitenbach?
Verlässliche Welten
Ein Gefallen
Patrick
Schmerzen
Lebenshilfe
Mach weiter!
Wow!
Im Park
Wohin?
Willkommen zu Hause
Aufgeflogen
Donnerwetter
Feigling
Ausgerechnet Spagetti
Entzug
Ist noch Sommer?
Es geht um Felix
Fortschritte
Keine große Hilfe
Gute Ratschläge
Distanz und Nähe
Glückliche Menschen
Zweifel
Erfahrungen
Albträume
Plätzchenduft
Läuft da was?
Seiltänzer
Hand in Hand
Lisa
Nur ein Anruf
Ein kleiner Schritt
Ein Gefallen
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Impressum neobooks
Menschen begegnen einander wie Billardkugeln auf grünem Filz. Manchmal knallen sie voll aufeinander, manchmal streifen sie sich nur seitlich. Dann wieder verpassen sie einander völlig. Aber nie bleibt eine Begegnung ohne Wirkung für das ganze Spiel.
nach: Isabella Nadolny: Ein Baum wächst übers Dach
Die Brötchentüte raschelte in ihrem Arm, als sie durch die Ladentür in das gleißende Sonnenlicht trat. Frühstück hätten wir. Fehlte noch der Gang zum Briefkasten, und in die Stadtbücherei musste sie auch noch. Verlockend untätig lag der Tag vor ihr. Faul, sonnig und wie für eine Tasse Tee und ein gutes Buch auf dem Liegestuhl im Garten gemacht. Sie bog um die Ecke. Nickte. Nahm kaum wahr, wem sie da gerade halbherzig grüßend begegnet war.
Gleich zum Briefkasten oder später? „Frau Keller?“, fragte eine Stimme. Sie schaute auf. Die Brötchentüte raschelte wieder. Weder Briefkasten noch Stadtbücherei, dachte sie. Hausarzt. „Hallo Frau Jablonski“, lächelte sie. „Auf dem Weg zur Arbeit?“ Unwillkürlich wandte sie den Blick zwei Häuser weiter. Dort lag die Praxis ihres Hausarztes.
Sie hörte Frau Jablonski seufzen und sah, wie sie den Blick senkte. „Nicht mehr“, sagte sie. „Hab‘ mich pensionieren lassen, als es passiert ist.“ Passiert? Pensioniert? Wovon redete diese Frau? Nichts von dem, was sie sagte, passte zu ihrem Plan, einen sonnigen, freien Sommertag mit Nichtstun im Garten zu verbringen. Diese Frau passte nicht in diesen Tag. Diese Frau gehörte hinter den Tresen ihrer Hausarztpraxis. Heute. Schon immer.
Solange sie denken konnte, war Frau Jablonski untrennbar mit der Praxis ihres Hausarztes an der Ecke verbunden. Ebenso wie die blau bezogenen Stühle im Wartezimmer und das Mobile mit den Möwen über der Anmeldung. Ihre großen, wachen Augen hinter der braun umrandeten Brille, die immer lächelten. Das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein, auch wenn man nie wusste, wie lange man würde warten müssen.
Drei Kinder hatte sie mit diesen Augen groß werden sehen. Vorsorgeuntersuchungen, Bronchitis, Mittelohrentzündung, Hautausschlag, Platzwunden, verstauchte Knöchel, Frau Jablonski nahm alles in Empfang, was ihr Chef behandeln würde. Tatsächlich, sie war in den vergangenen 24 Jahren sicher öfter mit einem kranken Kind als mit einer eigenen Krankheit in dieser Arztpraxis gewesen. Sie war Mutter. Sie war berufstätig. Sie war nie krank. Dafür hatte sie keine Zeit gehabt. Sie kannte sich aus mit Hausmitteln, mit der Kraft und Wirksamkeit tröstender, geduldiger Hände, mit der heilenden Wirkung von Zuversicht und Zuwendung. Die Kinder waren aus dem Haus. Der Gang zum Arzt noch seltener.
„Sie arbeiten gar nicht mehr bei Dr. Breitenbach?“, fragte sie. Frau Jablonski schüttelte den Kopf. „Ich hätte gern noch bis 65 gemacht. Das wollte ich eigentlich immer. Aber als es passierte, war alles anders. Die Stimmung. Die Kollegen. Dr. Wels ist eben nicht Dr. Breitenbach. Sie wissen schon, ich hab‘ doch immer für Dr. Breitenbach gearbeitet.“ Sie nickte und wieder raschelte die Brötchentüte. Natürlich wusste sie, dass es sich um eine Gemeinschaftspraxis handelte. Dr. Wels und Dr. Breitenbach. Sie war mit ihrer Familie Patientin bei Dr. Breitenbach gewesen. Dr. Wels kannte sie vom Sehen und von einer Urlaubsvertretung mit ihrer fiebernden Tochter. Und deshalb war auch ihr klar: Dr. Wels war nicht Dr. Breitenbach.
„Ich weiß“, lächelte sie. „Mir ist Dr. Breitenbach auch lieber.“ Dr. Breitenbach. Seine ruhige Art. Seine einfühlsamen Fragen. Sein warmer Blick. Seine angenehme Stimme. Auch wenn man nur wenige Minuten in seinem Sprechzimmer verbrachte, man hatte immer den Eindruck, dieser Mann nimmt sich Zeit, nimmt einen ernst, will einem helfen und nicht nur schnell ein paar Pillen verschreiben.
„Aber Sie wissen ja: Ich bin keine besonders gute Kundin. Toi, toi, toi, ich fühle mich gesund.“ Sie lachte und die Brötchentüte raschelte wieder. „Aber bitte richten Sie Dr. Breitenbach aus, dass ich ihm nicht untreu geworden bin. Ich war einfach nur seit zwei Jahren nicht mehr so krank, dass ich ihn – und Sie natürlich auch – gebraucht hätte.“
Und da geschah etwas völlig Unerwartetes mit Frau Jablonskis großen, wachen Augen. Frau Jablonskis Augen füllten sich mit Tränen. „Sie wissen es gar nicht, oder?“, fragte sie. „Nein, was denn?“ Allmählich wurde sie neugierig. Und ungeduldig. Und beunruhigt. Frau Jablonski war eine Seele von Mensch, immer die Ruhe selbst und die geborene Arzthelferin. So aufgelöst kannte sie sie gar nicht. Sie wartete.
„Er hatte einen Unfall“, sagte Frau Jablonski schließlich. „Er praktiziert nicht mehr. Er lebt in einem Heim. Es – es geht ihm nicht gut.“ Wieder raschelte die Brötchentüte. Unwillkürlich hatte sie sie fester gepackt. Sie riss die Augen auf. „Einen Unfall? Dr. Breitenbach?“ Sie hatte tatsächlich keine Ahnung gehabt.
„Vor einem Jahr schon“, erzählte Frau Jablonski weiter, „keiner dachte, dass er überhaupt überlebt. Er lag im Koma. Mehrere Wochen. Und als er wieder aufgewacht ist, konnte er sich nicht mehr bewegen. Zuerst dachten sie noch, es würde besser mit der Zeit. Medikamente, Physio, Operationen, sie haben alles versucht. Wurde aber nicht besser. Nun liegt er da.“
Frau Jablonski schaute sie mit ihren großen Augen, die ihr so vertraut und so lieb waren, an. „Sie haben ihn aufgegeben. Und er sich auch. In der Praxis war es seitdem nicht mehr das Gleiche. Ohne ihn. Also habe ich mich pensionieren lassen. Noch ein Jahr ohne Dr. Breitenbach? Das hätte ich nicht geschafft. Naja, nun habe ich Zeit für meine beiden Enkel. Aber ich muss oft an ihn denken, das können Sie mir glauben.“
Sie ging nicht zum Briefkasten. Und auch nicht in die Stadtbücherei. Dr. Breitenbach. Ihr Dr. Breitenbach. Ein Vierteljahrhundert, ihr halbes Leben kannten sie sich. Ein Unfall. Schon vor einem Jahr. Wie konnte es sein, dass sie davon nichts mitbekommen hatte? Er hatte um sein Leben gekämpft und sie hatte keine Ahnung.
Er praktizierte nicht mehr. Er konnte nicht mehr praktizieren. Ihr Arzt war ein Pflegefall. Ein hoffnungsloser Fall. Dabei war er kaum älter als sie. Hätten sie sich nicht als Arzt und Patientin kennengelernt, sondern als Studenten oder als Nachbarn, vielleicht wären sie Freunde geworden?
In einem Heim lebte er jetzt. Was war mit seiner Familie? Er war verheiratet gewesen, das wusste sie, hatte einen Sohn und eine Tochter gehabt. Beide ein wenig älter als ihre eigenen Kinder. Wie ging es ihnen? Wer kümmerte sich um ihren Vater? Was machte die Frau? Sie war Arzthelferin gewesen wie Frau Jablonski, arbeitete aber vor allem für Dr. Wels. Was machte ein solches Schicksal mit einer Ehe? Mit einer Familie? Mit einem Leben?
Diese Gedanken füllten den Rest ihres Tages. Sie ging nicht zur Post und auch nicht zur Bücherei. Wie konnte es sein, dass sich das Leben eines Menschen, der Teil ihres eigenen Lebens gewesen war, so veränderte und man nichts, aber auch gar nichts davon mitbekam? Sie griff zum Telefon, wählte die Nummer ihrer Tochter, zögerte. Was sollte sie sagen? Hallo Sarah, hier ist Mama. Weißt du schon, dass der Hausarzt deiner Kindheit einen Unfall hatte? Na toll. Was für ein Gesprächseinstieg! Wer weiß, auf welchem Fuß sie Sarah erwischen würde? Und was sollte ihre Tochter mit dieser Information anfangen?
Ach, hallo Mama, gut, das zu wissen. Dann geh‘ ich mit meinen nächsten Halsschmerzen woanders hin? Ist sonst noch was? - Sarah lebte 200 Kilometer entfernt und hatte dort sicher ihren eigenen Hausarzt. Sie legte das Telefon wieder hin. Warum um alles in der Welt beschäftigte sie das bloß so? Der Unfall, das Schicksal eines Mannes, den sie als Arzt schätzte, aber im Grunde genommen überhaupt nicht kannte. Wie wenig wir doch voneinander wissen.
„Ich bin wieder da!“, tönte Severins fröhliche Stimme aus dem Flur. Ihr Sohn hatte heute ebenfalls frei gehabt und war mit Freunden mit dem Rad unterwegs gewesen. Severin lebte in der Einliegerwohnung. Die war zwar klein, aber gleichzeitig zweckmäßig und gemütlich. Und für ihren Mittleren ideal. Er war kein Typ für eine WG und außerdem beziehungsscheu.
Was du nur immer hast, Mama, sagte er stets, wenn sie ihn wieder einmal auf eine Beziehung, eine Frau in seinem Leben ansprach. Ich will nicht irgendeine. Die könnte ich an jeder Ecke haben. Jede Woche eine andere. Aber das will ich nicht. Ich will die Richtige. Und wenn ich die nicht finde, will ich gar keine. Punkt.
So war Severin. Er führte ein ruhiges Leben, für ihren Geschmack zu ruhig für einen 22-Jährigen. Er hatte wenige, Hand verlesene Freunde. Aber auf die war Verlass in jeder Lebenslage. Auch diese waren eher stille Zeitgenossen. Laute Partys, Headbanging, durchzechte Nächte, Alkohol, Drogen, all das kam in ihren Lebensentwürfen nicht vor.
Sie joggten gemeinsam, fuhren Rennrad, gingen schwimmen. Und danach saßen sie zusammen und sprachen über Gott und die Welt. Sie konnte sich nicht erinnern, einen von ihnen jemals mit einer Zigarette oder einem zweiten Glas Wein gesehen zu haben.
Sie verstand auch nicht wirklich, was diese jungen Menschen genau miteinander verband. Severin arbeitete bei der Stadtverwaltung, Tom war Lehrer, Toni reparierte Fahrräder und Jenny, das einzige weibliche Wesen, das diese drei jungen Männer zu akzeptieren und in ihrer Nähe zu dulden schienen, war Logopädin. Aber sie hielten auf ihre stille, unspektakuläre Art zusammen, seit sie sich als Teenager in der 8. Klasse gefunden hatten.
Wenn es nicht so gar nicht zu ihr passen würde, könnte sie glatt neidisch werden auf diese Freundschaft, die diese vier so unaufgeregt hegten und pflegten. Diese ruhige Lebensart war der Grund gewesen, aus dem sie damals zugestimmt hatte, Severin bei sich wohnen zu lassen.
Natürlich, er war ihr Sohn. Sie liebte ihn und hatte ihn gern in ihrer Nähe. Aber weder ihrer selbstbewussten Tochter noch dem lauten, quirligen Lutz hätte sie die Einliegerwohnung in ihrem neuen Häuschen angeboten. Ihre Tochter war ihr zu ähnlich, eine Macherin, die planen, organisieren und die Fäden in der Hand haben wollte.
Und Lutz, der Jüngste, war stets der Mittelpunkt, das Epizentrum jedweder action und Menschenansammlung, und ihr damit zu verschieden. Severin war weder das eine noch das andere. Severin war einfach nur er selbst. Ein stiller Zeitgenosse mit viel Tiefgang, besonnen, immer zufrieden mit sich und der Welt, sich selbst genug.
Also saß sie gemeinsam mit Severin im Umzugslaster, nachdem sie das Familiendomizil verlassen und verkauft hatten. Das war jetzt drei Jahre her. Lutz zog, als er 18 geworden war mit seiner Freundin in eine große WG-Villa. Seine Unterschrift unter den Mietvertrag war der Startschuss gewesen, ihr Nach-Familienleben zu beginnen. Schon als sie das Nest damals bezogen hatten, mit der wenige Wochen alten Sarah im Maxi-Cosi, wusste sie, dass dieses Haus nicht für immer, sondern für die Familienzeit war. Und dafür war es ideal.
Sie hatte das Haus geliebt, sie hatte die größer werdende Familie geliebt. Sie war gern Mutter gewesen. Immer. Gleich ob stillend mit zahnenden Säuglingen, ängstlich um zehnjährige Draufgänger besorgt oder ergeben-geduldig mit muffligen Pubertieren. Geklammert oder gegluckt hatte sie nie. Sie hatte auch nie der Zeit hinterher getrauert, als die Kinder noch klein waren. Solche Gedanken waren ihr völlig fremd.
Als sie nicht mehr klein waren, folgten andere spannende Phasen, die erlebt und manchmal auch erlitten werden wollten. Und als sich drei Kindheiten in drei angehende Erwachsenenleben gewandelt hatten, zog sie gedanklich, emotional und räumlich einen Schlussstrich unter das Familienleben. Es war gut gewesen, wie es gewesen war, und nun begann etwas Neues.
Nein, sie suchte nicht, sie fand dieses Häuschen mit dem kleinen, verwunschenen Garten, gleichzeitig zentral und ruhig, wie gemacht für ein Leben nach der Familie. Wie gemacht für eine reife, alleinstehende Frau, die ihr Leben bewusst leben und genießen wollte. Und die dazu gehörende Einliegerwohnung war wie gemacht für Severin.
Ihre Tochter Sarah arbeitete in einem Reisebüro. Sie teilte sich eine Wohnung mit einer Kinderkrankenschwester in Nürnberg. Schon als Kind wollte sie in dieser Stadt leben, in der sie regelmäßig ihre Paten besucht hatte. Sie war 24 Jahre alt, beruflich viel unterwegs, und wenn sie nicht beruflich unterwegs war, war sie viel zu Hause. Den Tipp für die Wohnung hatte ihr damals ihr Vater gegeben. Er lebte mittlerweile zwei Querstraßen weiter ein zweites Familienleben mit Sarahs, Severins und Lutzens knapp dreijährigen Halbgeschwistern Fenja und Björn.
Sie musste immer schmunzeln, wenn sie daran dachte, dass Jens nach der Ehe und der Familie mit ihr das gleiche Leben noch einmal gewählt hatte. Jens war Buchhalter. Ein Zahlen-Mensch wie sie. Warum sie ihn geheiratet hatte, konnte sie heute nicht mehr sagen. Er war da gewesen, und sie hatten selten gestritten. Sie konnten miteinander reden und miteinander schweigen. Er wollte Kinder, sie auch. Ihnen beiden gefiel das Haus. Das damalige Haus, das Familiendomizil.
Ihre Ehe war nicht schlecht. Sie waren ein gutes Team als Eltern. Als Liebespaar waren sie eher dilettantisch. Aber sie hatten den gleichen Geschmack, was die Wohnungseinrichtung, die Mahlzeiten und die Urlaubsziele betraf und als Leseratten, auch hier mit dem gleichen Geschmack, immer ein Gesprächsthema.
Als sie als Eltern-Team weniger und weniger gebraucht wurden, löste sich auch das Ehe-Team nach und nach auf. Die Trennung war kein Einschnitt, kein Drama, keine Katastrophe. Sie war logisch, organisch und fühlte sich für sie beide gut an.
Sie teilten ihr gemeinsames Leben auf und arbeiteten auch dabei so gut als Team zusammen, dass für sie beide in jeder Hinsicht viel heraussprang. Jens begann sein zweites Familienleben, und sie wurde von der glücklichen Familienmanagerin zum glücklichen Single.
„Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte Severin, frisch geduscht und mit dem Lächeln auf den Lippen, das man nach einem erfüllten Tag lächelt. Sie lächelte zurück und nickte. Severin ließ sich in den zweiten Liegestuhl fallen. Gemeinsam beobachteten sie das Treiben im Garten.
Ein fleißig fütterndes Amselpärchen, Schmetterlinge, Hummeln, Licht- und Schattenspiele der sich leicht im Wind wiegenden Obstbaumblätter. Sie genossen die Geräusche der Umgebung mindestens so sehr wie ihr gemeinsames Schweigen.
„Warst du in der Bücherei?“, fragte Severin schließlich. Bücherei? Stimmt, darüber hatten sie ja am Morgen gesprochen, dass sie seine Bücher mit abgeben und seine Lieblingszeitschrift mitbringen würde. Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Hab‘ ich nicht geschafft“, sagte sie. Severin grinste. „Zu viel mit Nichtstun beschäftigt?“, fragte er. „Du hast es erfasst“, erwiderte sie.
Severin seufzte. „Das kenne ich.“ Wieder schwiegen sie. Die Amseln wurden unruhig, denn Kater Rhodos streifte durch den Garten und gesellte sich zu ihnen. Wenn er mich schon davon abhält, in Urlaub zu fahren, weil ich es nie im Leben übers Herz bringen würde, ihn allein zu lassen, soll er wenigstens einen Namen haben, der nach Sommer, Strand und Urlaub klingt, hatte sie vor zwei Jahren die Namenswahl begründet.
„Immerhin besser als Malle“, hatte ihre Tochter gesagt, Rhodos auf den Schoß genommen und herzlich willkommen geheißen. „Wenn es danach geht, verpasste Urlaubsziele lebendig werden zu lassen, musst du dir noch ganz schön viele Katzen anschaffen.“ „Rhodos reicht mir“, hatte sie nur geantwortet, „überall anders komm‘ ich schon noch hin.“
„Dr. Breitenbach hatte einen Unfall“, sagte sie nun zu Severin. „Du warst beim Arzt? Fehlt dir was?“ „Nein, ich habe nur Frau Jablonski getroffen. Sie hat es mir erzählt. Muss schlimm sein. Er liegt in einem Heim.“ Wieder schwiegen sie. Severin holte Eistee aus der Küche. Dann hingen sie wieder ihren Gedanken nach.
„Er geht dir nicht aus dem Kopf“, sagte Severin. Sie streichelte Rhodos hinter den Ohren. „Nein.“ Sie tranken noch einen Schluck und schwiegen wieder. Dieses herrliche Schweigen, in dem die Zeit stillsteht und mit dem alles gesagt ist.
Viel später stand Severin auf. Es wurde allmählich dunkel. Rhodos schnurrte immer noch auf ihrem Schoß. Er nahm Karaffe und Gläser und wandte sich zum Gehen. „Besuch‘ ihn“, sagte er und nickte zum Abschied.
Ein L-förmiger Zweckbau. Beton. Grau. Fenster an Fenster. Keines davon sah bewohnt oder gar einladend aus. Kein wenig Grün davor. Parken war hier verboten. Fahrradständer gab es nicht. Als ob sich hier niemand aufhalten soll, dachte sie. Unwirtlich. Ungastlich. Unmenschlich.
Sie wusste nicht mehr, warum sie Frau Jablonski nach dem Namen des Heims gefragt hatte. Aber sie hatte es getan. Und sie hatte sich den Namen sogar gemerkt. Nun stand sie davor. Besuch‘ ihn, hatte Severin vorgestern gesagt. Diese beiden Worte klangen seitdem in ihr nach.
Für Severin war das Leben einfach: Wenn einen etwas beschäftigt, beschäftigt man sich damit. Sonst hört es nicht auf und hält einen von den wirklich dringenden Beschäftigungen ab. Wenn einem etwas durch den Kopf geht, denkt man darüber nach. Sonst bleibt es Wirrwarr hinter den Schläfen und macht Kopfschmerzen. Sonst wird es klarer Gedanke. Wenn du etwas tun willst, dann tu es. Halte dieses Kribbeln in dir nicht länger als nötig hin. Steh‘ auf und leg‘ los. Sonst lähmt es Kopf und Körper. Wie konnte einer mit 22 so weise sein? Sie war es heute, mit 51 oft noch nicht. Besuch‘ ihn.
Nun stand sie da. Der Gehweg war schmal. Von der Bushaltestelle führte eine zwar kurze, aber enge und düstere Unterführung zum Eingang. War das so geplant, dass man sich schon auf dem Weg hierher dumpf und elend fühlen sollte? Wie auch immer so ein Heim hieß, lenkte der Name doch nur vor der einen wahren Tatsache ab: Hier war das Ende der Einbahnstraße. Hier ging es nur rein, aber nicht mehr raus. Endstation.
Warum regnete es eigentlich nicht? In der Nähe dieses „Heims“ konnte es nur ein einziges Wetter geben: Nieselregen, bewölkt, 10 Grad Celsius. Die Art Wetter, die einen von innen frieren ließ. Dementorenwetter nannte ihre Tochter als eingefleischter Harry-Potter-Fan das. Und genauso fühlte es sich an. Sie stand im Schatten, den das Gebäude an diesem späten Vormittag in den strahlenden Sommertag warf. Besuch‘ ihn, sagte Severin in ihren Gedanken wieder.
Sie machte einen Schritt, und die Automatiktür öffnete sich. Der Eingangsbereich war eifrig bemüht. Bemüht, einladend zu wirken. Bemüht, Sicherheit zu vermitteln, Zuversicht. Hier sind Sie gut aufgehoben, schrien grell der geschickt ausgeleuchtete Empfangstresen aus hellem Holz, die Yucca-Palmen an ausgesuchten Plätzen und die beiden deplatzierten und sicher kaum benutzten Sitzgruppen vor den Fenstern. Beige wie der Anstrich der Wände.
Sie durchschritt die kleine Halle und wandte sich zu den Aufzügen. Ins Auge fielen ihr zwei Getränke- und Snack-Automaten, die ein wenig Normalität vortäuschten und die Schilder „Notausgang“. Sie drückte auf die 3. Station B. Gerontopsychiatrie. Was um alles in der Welt hatte Dr. Breitenbach in der Gerontopsychiatrie zu suchen? Er war kaum älter als sie und sicher nicht dement.
Sie lief den Gang entlang. Zimmer 321. Klang diese Zahl nur in ihren Ohren wie ein Countdown? Null, dachte sie, und klopfte. Keine Antwort. Sie atmete auf. Na also. Er war gar nicht hier. Oder er wollte niemanden sehen. War sie überhaupt willkommen? Sie hatte keine Ahnung. Sie hatte es versucht. Sie hatte ihr Bestes gegeben. Sie war gekommen. Sie hatte das Zimmer gefunden. Sie hatte geklopft und keine Antwort bekommen. Sie hatte sich bemüht. Sie hatte alles getan, um ihren vagen Vorsatz umzusetzen. Es sollte nicht sein.
Was hatte sie schon hier zu suchen? Sie war doch nur eine ehemalige Patientin. Sie kannte diesen Mann eigentlich gar nicht und hatte ihn mindestens drei Jahre nicht mehr gesehen. Sie konnte einfach wieder gehen. Sie klopfte noch einmal und trat ein. Links die obligatorische Nasszelle, dann öffnete sich der Raum. Rechts die großen Fenster. Die Wände blassgelb. Links stand nur ein Bett. Daneben Monitore, allerlei Apparate. Sein Bett, seine Monitore, seine Apparate. „Herr Breitenbach“, sagte sie leise und trat näher heran.
Er rührte sich nicht. Hatte er seine Augen offen oder geschlossen? Sie konnte es nicht erkennen. Leise ging sie noch näher heran. Der Anblick schockierte sie nicht. Sie hatte damit gerechnet und kannte diesen schwer kranker Patient im Krankenhausbett-Anblick. Ihr Schwiegervater war nach jahrelangem Leiden an Lungenkrebs gestorben, sie hatte ihre eigene Mutter bis zu ihrem Tod täglich besucht.
Sie kannte diesen Anblick einer kleinen, blassen menschlichen, nein, entmenschlichten Gestalt in der Übermacht medizinisch weißer Sterilität. Natürlich, den gab es hier auch zu sehen. Damit hatte sie gerechnet. Was ihr hier die Luft zum Atmen nahm, sie taumeln ließ und ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte, war diese mit Händen zu greifende Hoffnungslosigkeit. Hier war Endstation, aber das Ende ließ diesen Mann nicht herein. Hier parkte ein Mensch, hier war ein Mensch geparkt, der nicht mehr Mensch sein konnte. In Zimmer 321 fehlte die Würde.
„Herr Breitenbach?“, versuchte sie es noch einmal und wunderte sich, wie normal ihre Stimme klang. In Gedanken rannte sie längst schreiend die Treppe hinunter, weg, nur weg hier. „Herr Breitenbach? Ich bin Linda Keller.“ Seine Augen waren offen, aber er schaute sie nicht an. Er schaute nirgendwohin. „Soll ich wieder gehen?“, fragte sie. Er antwortete nicht.
Später hätte sie nicht mehr sagen können, warum sie das tat. Eigentlich tat sie es auch gar nicht. Irgendetwas in ihr tat es. Ließ es sie tun. Sie trat an sein Bett und nahm seine Hand. „Herr Breitenbach?“, sagte sie noch einmal leise. Dann wartete sie. Sie ließ seine Hand nicht los. Sie wusste nicht, wie lange sie dastand und schwieg.
Er schaute nach wie vor ins Nirgendwo. Dämmerte. Sie hatten diese dauernd piepsende Maschine endlich abgestellt. Er wusste nicht, wie viele Tage, wie viele Wochen er dieses Piepsen ertragen hatte. Hatten sie sie überhaupt abgestellt? Oder hatten sie nur endlich den Lautlos-Knopf gefunden? Wollte er das wissen? Wollte er überhaupt etwas wissen? Was sollte er mit gleich welchem Wissen schon anfangen?
Er wusste nicht, welcher Wochentag war. Er wusste nicht, ob Sommer war oder Winter. Er wusste nicht, ob er gleich eine Nährlösung zum Frühstück oder zum Mittagessen bekommen würde. Er wusste nur, dass sein Leben kein Leben war. Dass es egal war, ob Montag war oder Sonntag, Vormittag oder Mitternacht. Sein Wissen konzentrierte sich in einem einzigen Gedanken, einem einzigen Wort. Mehr würde, mehr wollte er nie mehr wissen, weil kein weiterer Gedanke, kein weiteres Wort jemals wieder eine Bedeutung für ihn haben würde. Irreversibel. Das war das einzige Wort, das es für ihn noch gab.
Irreversibel. Nichts, nichts würde sich jemals wieder an seinem Zustand ändern. Er lag hier. Er wusste nicht, wie lange schon, wollte es nicht wissen. Denn sonst hätte er vielleicht angefangen darüber nachzudenken, wie lange noch vor ihm lag. Zeit spielte keine Rolle in seinem Zustand. Er konnte ohnehin nichts mit ihr anfangen. Irreversibel.
Warum nur war er bei dem Unfall nicht einfach gestorben? Gelegenheiten hatte er gehabt. Mehr als eine. Gleich damals in dieser Nacht, als er auf glatter Fahrbahn von der Straße abgekommen war. Als sich sein Wagen überschlug und er gegen alle Wahrscheinlichkeit herausgeschleudert worden und in diesen spitzen Eisenzaun geflogen war. Seine Erinnerung war lediglich ein kalter, stechender Schmerz in Bauch und Rücken sowie ein dumpfer Knall in seinem Kopf. Etwas knackte. Zerbrach.
Nun ja. Er war schon immer eher ein Zauderer gewesen. Zögerlich. Vorsichtig. Feige. Hatte alles nicht zwei-, sondern drei- und viermal überlegt. Schon als Kind konnte er sich nicht zwischen Schoko- und Vanilleeis, blauem oder rotem Fahrrad, Latein oder Französisch entscheiden. Also war es nur logisch gewesen, typisch für ihn, diese erste Gelegenheit auf einen Tod auszulassen. Ein Unfalltod. Diese erstbeste Gelegenheit. Im Nachhinein war es tatsächlich die beste gewesen. Denn sie fanden ihn erst Stunden später. Eigentlich hätte das sogar für ihn Zeit genug sein müssen, sich für das Richtige zu entscheiden. Den Tod.
Am Unfallort, im Krankenwagen, bei den ersten Operationen, immer wieder hatte er wiederbelebt werden müssen. Und jedes Mal hatte er mitgemacht. Hatte er sich darauf eingelassen, auf dieses große Vielleicht, das ihm seine Arztkollegen anboten. Vielleicht bleibst du am Leben. Vielleicht bekommst du dein Leben zurück. Er hätte nicht auf sie hören sollen. Er hätte seine eigene Entscheidung treffen sollen. Aber das hatte er nicht getan. Das hatte er ohnehin viel zu selten in seinem Leben getan.
