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Nachdem Linda ihn aus dem Pflegeheim geholt und monatelang gepflegt und aufgepäppelt hat, reist Dr. Felix Breitenbach zu seiner Tochter nach Boston. Nach seiner Rückkehr sucht er einen Weg zurück in ein normales Leben. Wo soll er leben? Wie kann dieses Leben aussehen? Wie soll er seinem Sohn, seinen Freunden und vor allem Linda begegnen? Kann er nach allem, was er erlebt hat, noch Arzt sein? "Der Weg zurück" ist der zweite Teil der Reihe "Begegnungen".
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Christa Burkhardt
Der Weg zurück
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
1 Abflug
2 Wie ein Blizzard
3 Lisa
4 Am Teich
5 Marie
6 Auf dem Friedhof
7 Die Anzeige
8 Reif für die Insel?
9 Robert erzählt
10 Am Strand
11 Sind Sie ein Doktor?
12 Jour fixe
13 Entscheidungen
14 Philipp
15 Ist das Liebe?
16 Philipps Beichte
17 Ein paar Anrufe
18 Bei Gregor
19 Linda und Marie
20 Überraschungen
21 Immerhin etwas
22 Alltag
23 Purer Luxus
24 Abschied
25 Das erste Wochenende
26 Besondere Tage
27 Scarlett
28 Liebe und Tod
29 Allein
30 Gewissheiten
31 Wichtige Fragen
32 Die Glücklichen
33 Winterblues
34 Heimkehr
35 Wahrheiten
36 Mut
Impressum neobooks
Der Weg zurück
Christa Burkhardt
Conrad Ferdinand Meyer
Das Fundament
Sei wahr und wirf ihn weit zurück
den Schleier über deinem Blick!
Sieh' dich wie einen andern an
und nenn' all das, was du getan!
Die Wahrheit ist ein scharfes Schwert,
das mitten in die Seele fährt.
Der Zauber weicht, es flieht der Schein,
die Luftgebäude stürzen ein.
Und wenn der Staub verronnen ist,
so nimm dich selber wie du bist!
Dann bau' erneut und bau' zu End'
auf dies bescheidne Fundament!
Man hätte ihn für einen Kurgast halten können. Jeden Tag drehte er langsam seine Runde durch den Kurpark. Jeden Tag setzte er sich auf die gleiche Bank am Wasser, und während er die Sonnenstrahlen genoss und den Enten zuschaute, schweiften seine Gedanken in die Vergangenheit.
War es wirklich erst sieben Wochen her, dass er Linda verlassen hatte? Dass er das bequeme Bettsofa in ihrer Wohnküche gegen einen Sitz in einer Boeing getauscht hatte und nach Boston geflogen war, er, der Krüppel, der Schwerbehinderte? Er, der heute noch in diesem Krankenbett im Pflegeheim liegen würde, wenn Linda sich nicht ein Herz gefasst und ihn nicht nur besucht, sondern auch aus seiner Lähmung gerissen hätte.
Er konnte es nicht fassen. Die Boeing hatte ihn von einem Leben, das nicht seins war in ein anderes Leben katapultiert, das ihm ebenfalls nicht gehörte. Die Wochen in Boston bei seiner Tochter und ihrer Familie waren großartig und angefüllt mit Erlebnissen, Begegnungen und Gesprächen gewesen, von denen er Monate würde zehren können.
Bleib hier, Papa, hatte sie gesagt, wohin willst du denn zurück? Die Kinder lieben dich, Brian findet dich amazing, und ich will dich nicht schon wieder verlieren. Er hatte noch eine Woche drangehängt, aber dann hatte er seine kleine Reisetasche wieder gepackt. Lisa konnte es nicht fassen. Und er konnte sie gut verstehen.
Was zog ihn denn nach Deutschland? Er hatte nichts vor, er hatte keinerlei Verpflichtungen, die Wohnung in Boston war riesig, sie verstanden sich ausgesprochen gut, Brian hatte ihm einen hervorragenden Physiotherapeuten besorgt und er hatte weitere Fortschritte gemacht. Warum konnte er nicht bleiben? Wohin wollte er?
„Ich gehöre hier nicht her, Lisa“, hatte er gesagt, „das hier ist dein Leben, nicht meins.“ Ja, sie hatte geweint am Flughafen, aber sie hatte ihn nicht gefragt, was denn dann sein Leben war. Zum Glück nicht, denn er wusste keine Antwort. Sein Leben, das Leben, das er gewohnt gewesen war, hatte ein nächtlicher Verkehrsunfall beendet, bei dem etwas in seinem Rücken zerborsten war. Er konnte das Geräusch noch immer hören. Aber in diesem Leben war er nicht glücklich gewesen, auch wenn ihm das damals gar nicht so bewusst gewesen war. Glück hatte in seinem Leben selten eine Rolle gespielt.
In dem Leben als Patient und irreversibel Versehrter, das dem Unfall folgte, natürlich erst recht nicht. In seinem Leben mit Linda hatte es immerhin glückliche Momente gegeben. Und in den Wochen in Boston selbstverständlich auch. Aber beide Leben waren nicht seine. Als er im Mai Linda verlassen hatte, konnte er sich noch einreden, er befreie sie von einer Last, denn ihre ungewöhnliche, innige Zweckgemeinschaft war aus der Not geboren worden und alles andere als eine Dauerlösung.
Linda hatte ihre Wohnküche zurück und die Sorge um ihn los. Das war gut und richtig. Trotzdem dachte er ständig an sie. Was würde sie jetzt sagen? Was würde sie mir raten? Unwillkürlich spürte er ihre Hand auf seiner und sah sie lächeln. Er verdankte ihr alles. Dass er dieses Pflegeheim verlassen konnte, dass er an Krücken laufen konnte, dass er den Mut gefunden hatte seine Tochter anzurufen, dass er dieses neue Leben hatte. Auch wenn er nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Linda hatte ihm ein Leben geschenkt.
Und seine Tochter Lisa? Sie konnte sich nach seiner Abreise wieder auf ihre Familie, ihre beiden großartigen Söhne, ihren Mann Brian, der sie auf Händen trug und, sobald Josh alt genug war, auf ihre Arbeit in der Notaufnahme konzentrieren, die sie über alles liebte. Auch sie brauchte ihren Vater sicher nicht rund um die Uhr in ihrem Leben, jede Nacht im Schlafzimmer nebenan.
Nein, nein, Leute, täuscht euch nicht, dachte er und schaute sich die Passanten in seiner Nähe an. Spaziergänger, Jogger, Mütter mit Kinderwagen, eng umschlungene Pärchen, Kurgäste. Nein, Leute, Dr. Felix Breitenbach sieht zwar fast so aus wie ihr und alle anderen auch, aber er ist es nicht. Und das liegt nicht an den beiden Krücken oder dem Rollstuhl, den er immer noch manchmal benötigt. Das liegt daran, dass er eine Hypothek trägt, die so schwer wiegt, dass er innerlich nach wie vor so gelähmt ist wie er es noch vor einem Jahr im Pflegeheim auch körperlich war.
Er war es Linda, er war es Lisa schuldig, nach der äußerlich sichtbaren nun auch diese innere Lähmung zu lösen. Es wenigstens zu versuchen. Langsam, Stück für Stück. Er hatte nur keine Idee, wie er diese Aufgabe anpacken sollte. Er hatte in Boston ein Flugzeug bestiegen, von dem er wusste, dass es ihn nach Frankfurt brachte. Aber Frankfurt war nicht sein Ziel. Als die Maschine gelandet war, wusste er immer noch nicht, wo er hin wollte.
Am Bahnhof hatte er kurz auf die Uhr, dann auf den Fahrplan geschaut. Der nächste Zug fuhr nach Wiesbaden. Er war eingestiegen. Lisa schrieb er, dass er gut gelandet war. Angekommen schrieb er nicht. Linda schrieb er gar nicht. Was auch immer die nächste Zeit bringen würde, er wollte, er musste es allein bewältigen.
Wir sind Seiltänzer, klang Linda in seinen Ohren. Ja, genau, das waren sie gewesen, ungeübte Artisten. Aber diese neue Nummer war ein Solo ohne Netz und doppelten Boden, und Linda hatte darin nichts zu suchen. Wollte er ihr jemals auf Augenhöhe begegnen, musste er das, was jetzt zu tun war, allein schaffen.
Der Taxifahrer brachte ihn zu einer netten Pension, behindertengerecht, denn er brauchte immer wieder seinen Rollstuhl, würde ihn immer brauchen. Wann war das gewesen? Vor vier Tagen? Vor einer Woche? Er wusste es nicht. Die Enten flogen laut schnatternd auf. Irgendetwas hatte sie wohl erschreckt. Was tat er in Wiesbaden? Hier kannte er keinen Menschen. Die Zeit musste helfen. Was ist das, dein Leben, Felix Breitenbach?, fragte er sich. Er wusste keine Antwort.
„Ich glaube, das muss irgendwie mehr nach da drüben“, sagte Marie zweifelnd, „so geht das nicht.“ Severin seufzte. Warum hatte er sich dazu breitschlagen lassen? Die Möbel umstellen, was sollte das? Er mochte seine kleine Wohnung so wie sie war. Warum konnte er Marie keinen Wunsch abschlagen? Erst vor wenigen Wochen war sie in sein Leben getreten. Getreten? Nein, sie war über ihn gekommen wie ein Blizzard, völlig überraschend, und seitdem war kein Stein mehr auf dem anderen.
Ausgerechnet ihn hatte es erwischt. Dabei war er noch nie auf der Suche nach einer Freundin gewesen. Entweder treffe ich die richtige, oder ich will gar keine, hatte er immer gesagt. – Vor dem Blizzard.
Mit zerzausten Haaren, Klamotten von gestern, den Nerven am Ende, ein zerknülltes Flugticket in der Hand und ansonsten ohne Papiere, so stand sie vor ihm. Die Handtasche? Geklaut. Ausweis, Führerschein? Na, das sagte ich doch gerade! Das war ihr erstes Gespräch gewesen.
Er arbeitete im Einwohnermeldeamt und sie brauchte ganz furchtbar dringend neue Papiere. Das Auto ihres Freundes war aufgebrochen worden, ja, alles weg. Alles! Aber morgen wollten sie nach Indonesien. Backpacker-Tour. Länger halte sie es in Deutschland nicht mehr aus. Drei Monate war sie jetzt schon zu Hause gewesen. So lange wie seit Jahren nicht mehr. Und jetzt das mit dem Diebstahl. Er könne ihr doch bestimmt helfen, oder?
Natürlich hatte er alles in die Wege geleitet. Das war sein Job. Marie Lichtlein, 24, ein Jahr älter als er. Müsste er sie nicht eigentlich aus der Schule kennen? Die Stadt war klein. Als sie die Dokumente abgeholt hatte, war er nicht da gewesen. Aber seine Kollegen schwärmten noch stundenlang von dieser Wahnsinnsfrau und beneideten unbekannterweise ihren Reisebegleiter offen und lautstark.
Wann war das gewesen? Kurz vor Weihnachten, glaubte er sich zu erinnern. Er hatte an diesem Tag früher Schluss machen und mit seiner Mutter und ihrem ungewöhnlichen Gast Plätzchen backen wollen. Und dann hatte er statt Zimtsternen Marie Lichtlein im Kopf gehabt. Backpacker-Tour. Indonesien. Offensichtlich machte sie so etwas nicht zum ersten Mal. Ihr gefiel es nicht in Deutschland.
Wenn er ehrlich war, hatte er noch nie darüber nachgedacht, ob es ihm in Deutschland gefiel. Er lebte hier, er arbeitete hier, er hatte hier Familie und Freunde. Warum sollte er nach Gründen suchen, aus denen es ihm hier nicht gefiel? Warum sollte er sich in irgendein fernes Land sehnen?
Okay, Urlaub in Thailand, Brasilien, Indien, das hatte er zusammen mit seinen Freunden schon gemacht. Es war jedes Mal toll gewesen. Im nächsten Sommer wollten sie auf Korsika wandern. Er freute sich schon sehr darauf. Ferne Länder waren etwas für den Urlaub und nichts, um sich dort wochen- oder monatelang nur mit einem Rucksack durchzuschlagen. Nein, danke.
Er hatte eine Weile über Marie Lichtlein und ihren Lebensstil nachgedacht, hatte mit seinen Freunden über verschiedene Lebensmodelle philosophiert, und dann hatte er sie vergessen. – Bis sie plötzlich vor ihm stand. Wieder war es im Amt gewesen. In der Hand hielt sie einen stattlichen Korb, eingewickelt in ein bunt gebatiktes Tuch. Da bin ich wieder, hatte sie gesagt, als hätten sie sich erst gestern verabschiedet.
Dabei war April, und verabschiedet hatten sie sich gar nicht. Er war garantiert nicht der Typ, der sich leicht aus der Fassung bringen ließ. Aber außer einem lang gezogenen Äh war ihm nichts eingefallen. Sie wollte sich bedanken, sagte sie. Ohne ihn hätte sie ihre Reise mindestens verschieben, wenn nicht absagen müssen. Indonesien, ein Traum. Du glaubst es nicht, sagte sie.
Und jetzt solle er ihr endlich diesen doofen Korb abnehmen. Blöde Frage! Natürlich sei der für ihn. Kleines Mitbringsel und herzlichen Dank. „Das, das darf ich nicht annehmen“, hatte er gestottert. „Du sollst es auch nicht annehmen, du sollst es zu dir nehmen“, hatte sie seinen Beamteneinwand weggefegt.
„Das sind Gewürze und Tees, und ich zeige dir heute Abend wie man damit kocht. Du hast doch Zeit, oder?“ Obwohl er nun schon zum zweiten Mal nur ein Äh zustande brachte, hatte sie abends an seiner Haustür geklingelt. Was soll man sagen? Blizzard eben.
Erst als sie hinterher nackt ins Bad schwebte, hatte er gefragt: „Was ist eigentlich mit deinem Freund? Du weißt schon, der mit dem aufgebrochenen Auto, mit dem du in Indonesien warst?“ „Ist dort geblieben“, hatte sie die Achseln gezuckt. Damit schien alles gesagt.
Marie kam von da an regelmäßig. Nein, sie schneite vorbei, wann es ihr gerade einfiel. Severin, was tust du da?, fragte er sich manchmal in stillen Momenten. Ich genieße, was dagegen?, antwortete er sich selbst. Das wird nicht lange gut gehen, meldete sich die Vernunft. Ich weiß, na und?, lachte ihm sein Herz ins Gesicht.
Und jetzt stellte er die Möbel um. Marie Lichtlein, was hast du mit Severin Keller, der Zuverlässigkeit und Bodenständigkeit in Person gemacht?, fragte er sich. Dabei war Marie genau zum richtigen Zeitpunkt in sein Leben gestürmt. Er brauchte dringend ein wenig Abstand und Ablenkung von den jüngsten Ereignissen im Haus.
Severin lebte in der Einliegerwohnung bei seiner geschiedenen Mutter. Vor rund vier Jahren hatten sie das langjährige Familienheim verlassen und sich hier sowohl zusammen als auch jeder für sich eingerichtet. Manchmal trafen sie sich wochenlang kaum, manchmal saßen sie jeden Abend zusammen im Garten. Sie waren beide der Typ Mensch, der prima mit sich allein sein kann. Und nach der Wallung mit Felix war allein sein mal wieder angezeigt.
Dr. Felix Breitenbach war der Arzt seiner Kindheit gewesen, aber Severin neigte eher zu Gesundheit als zu Krankheit, also kannte er ihn kaum. Dann hatte er ihn eines Tages auf dem Sofa seiner Mutter gefunden. Hilflos wie ein Säugling und trotzdem war ihm klar gewesen: Felix gehört jetzt hier irgendwie dazu.
Wie lange war das her? Das musste letztes Jahr im Juli gewesen sein. Oder im August? Auf jeden Fall im Sommer. Monate später, irgendwann nach Ostern, hatte Felix dann seinen Rollstuhl, seine Krücken und eine kleine Reisetasche gepackt und war nach Amerika verschwunden.
Seine Mutter erledigte weiterhin Schreibarbeiten und übersetzte weiterhin Buchprojekte, aber wenn er ehrlich war, hatte er kaum mit ihr gesprochen, seit Felix weg war. Blizzard und so, entschuldigte er sich vor sich selbst. Wie ging es ihr eigentlich mit Felix‘ Entscheidung? Seiner Reise? Damit, dass er nach so vielen aufwühlenden Monaten plötzlich weg und sie wieder allein war? Warum wusste er das nicht? Hatte sie Kontakt mit ihm? „Hier steht das Regal doch viel besser, oder“, fragte Marie. Er musste dringend mit seiner Mutter reden.
Das Flugzeug ihres Vaters war schon lange nicht mehr zu sehen. Aber sie stand noch an der Panorama-Fensterscheibe am Flughafen und konnte nicht aufhören zu weinen. Nun hatte sie ihn zum zweiten Mal verloren. Nur wenige Wochen durfte sie erleben, wie er lachte, erzählte, die Stirn kraus zog, wenn er nachdachte, mit seinen Enkeln spielte, seine Nähe spüren, seine Gedanken teilen, ihm ihr Leben zeigen. Ihn als Teil ihres Lebens betrachten. Nie hätte sie gedacht, dass ihr dieser erneute Abschied so schwerfallen würde. Nie hätte sie gedacht, dass er so schnell kommen würde.
Warum ließ er sie schon wieder allein? Warum konnte sie ihn schon wieder nicht in ihrem Leben halten? Zum zweiten Mal hatte sie versagt. Sie hatte nicht gewusst, wie viel er ihr bedeutete. Über ein Jahr hatten sie sich nicht gesehen. Über ein Jahr, in dem sie wieder und wieder versucht hatte, sich ihren Vater und ihre Liebe zu ihm aus dem Herzen zu reißen. Denn darum hatte er sie gebeten. Versprechen hatte sie es ihm müssen. „Behalte mich so in Erinnerung wie ich vor dem Unfall war“, hatte er gesagt. Bis heute klangen seine Worte in ihren Ohren. „Du kannst nichts mehr für mich tun. Dein Vater ist tot.“
Sie war wie betäubt gewesen, als ihr Bruder sie damals angerufen hatte. „Papa hatte einen Unfall. Er liegt im Koma. Wir wissen nicht, ob er es schafft“, hatte Philipp gesagt. Auch diese Worte würde sie nie vergessen. „Bleib, wo du bist“, hatte er gesagt, „du kannst hier eh nichts tun. Ich melde mich sofort, wenn er aufwacht.“ Sie hatte trotzdem den nächsten Flieger genommen, hatte gerade mal das Nötigste für Josh gepackt. Josh war damals erst wenige Monate alt gewesen und sie hatte ihn noch gestillt. Brian hatte sich frei genommen, um bei Daniel zu bleiben.
Wie sie die Wochen auf der Intensivstation in diesem ständig piepsenden Krankenzimmer überstanden hatte, wusste sie nicht zu sagen. Tausende Kilometer entfernt von ihrem Mann und ihrem Sohn, der einfach nicht verstand, weshalb seine Mama und sein kleiner Bruder plötzlich nicht mehr da waren, hoffte und bangte sie um das Leben ihres Vaters.
Wie hätte Brian Daniel trösten wollen? Wie konnte sie so einem Säugling gerecht werden, der seine gewohnte Umgebung, seinen Papa, einen geregelten Tagesablauf und eine Mama brauchte, die ganz für ihn da war? Was tat sie ihrer Familie da an?
Sie stillte Josh und sprach mit ihrem Vater, von dem niemand wusste, ob er sie hören konnte. Sie lebte wochenlang in einer Pension in unmittelbarer Nähe der Klinik, immer auf dem Sprung, immer rastlos, immer in Gedanken, die mit Was ist, wenn …? begannen. Natürlich nahm ihr ihre Mutter manchmal Josh ab. Natürlich weinte sie manchmal eng umschlungen mit ihrem Bruder. Dennoch fühlte sie sich unendlich einsam. Der für sie wichtigste Teil ihrer Familie, ihr Vater, kämpfte um sein Leben, und sie konnte nichts für ihn tun.
Schon als Kind war er ihr Idol gewesen. Ihr großes Vorbild. Ihr Held. Mit Puppen, Stofftieren und allerlei Krankheiten, Medikamenten und Utensilien, die es nur in ihrer Fantasie gab. hatte sie stundenlang Arzt gespielt. Ihr Papa konnte machen, dass ein Aua nicht mehr wehtat. Ihr Papa wusste immer, was ein Patient hatte. Ihr Papa konnte machen, dass Menschen nicht sterben.
Und bei all der Arbeit blieb er doch immer ihr Papa. Er las ihr abends vor, er schubste sie auf der Schaukel an, er machte mit ihr Radtouren, er applaudierte nach ihrem Theaterauftritt. Sie wusste nicht, wie oft er nachts seine Bettdecke angehoben hatte, damit sie zu ihm krabbeln und sich an ihn kuscheln konnte. „Gut, dass du kommst, ich fürchte mich allein ein wenig“, hatte er geflüstert. Sie wusste nicht, wofür sie ihn mehr liebte: für diese Geste oder für diesen Satz.
„Ich hatte auch immer Probleme mit Französisch“, hatte er gesagt, während Mama schimpfte und drohte. „Lieber ein glückliches Kind als eine unglückliche Abiturientin“, hatte er gesagt und sie gegen den Willen ihrer Mutter – „Du verbaust dem Kind seine ganze Zukunft!“ – vom Gymnasium genommen und an der Realschule angemeldet. Sie war ihm so unendlich dankbar gewesen.
„Du bist genauso klug wie dein Bruder“, hatte er gesagt und ihr zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn gestrichen. „Der einzige Unterschied ist der, dass Philipp Dinge kann, die in Schulfächer passen und du Dinge kannst, die dafür zu groß sind.“ Sie wollte ihn gar nicht mehr aus ihrer Umarmung entlassen. Okay, sie würde nicht Ärztin werden, aber sie würde trotzdem Menschen helfen, genau wie ihr Papa. Das hatte sie sich damals vorgenommen. Später war sie Krankenschwester geworden.
Natürlich liebte sie auch ihre Mutter, aber die Beziehung zu ihrem Vater war immer die engere gewesen. Außer an diese große Auseinandersetzung wegen ihrer Schullaufbahn konnte sie sich kaum an ernsthafte Streitigkeiten zwischen ihren Eltern erinnern. Trotzdem waren sie ihr nie wie die Eltern ihrer besten Freundin Charlotte vorgekommen.
Die liebten sich heiß und innig. „Wofür die mich überhaupt gekriegt haben? Die sind sich doch selbst genug“, hatte Charlotte so manches Mal geseufzt, wenn ihre Eltern wieder einmal turtelten wie frisch Verliebte oder eng umschlungen durch das Wohnzimmer tanzten. – „Bei Kerzenschein! Mensch Lisa, ich schäme mich so. Keiner hat so peinliche Eltern wie ich. Die sind über 40! Wo gibt es denn sowas?“
Bei Breitenbachs jedenfalls nicht. Obwohl ihre Freundin sichtlich litt, nahm sie sich damals vor, im Zweifelsfall eine Ehe wie die von Charlottes Eltern zu führen und nicht wie die ihrer eigenen Eltern. So mit Umarmungen und Küssen und Flirten und Komplimenten und zusammen lachen. Als Liebespaar eben und nicht nur als Eltern so wie ihre Eltern es praktizierten. Nein, es flogen nicht die Fetzen zwischen ihnen, nie knallte einer mit der Tür oder verletzte den anderen absichtlich. Aber die Liebespaar-Komponente fehlte bei den Eheleuten Breitenbach eindeutig.
Außerdem war ihre Mutter, solange sie sich erinnern konnte, beinahe jede Woche zwei Mal über Nacht weggeblieben. Lisa kannte es gar nicht anders. „Wo fährt deine Mama eigentlich immer hin, sonntags und donnerstags?“, fragte Charlotte. „Keine Ahnung. Irgendwas mit Arbeit, sagen sie“, antwortete sie achselzuckend. „Ich dachte, deine Mama arbeitet in der Praxis mit?“ „Ja, aber nur am Dienstag und am Mittwoch. Wenn sie wegfährt, arbeitet sie irgendetwas anderes.“
Lisa hatte sich nie getraut, ihre Mutter zu fragen. Weder wo sie hinfuhr noch was sie dort tat. Es war einfach so. Punkt. Es schien sie nichts anzugehen und weder ihre Mutter noch ihr Vater hielten es für nötig, ihr reinen Wein einzuschenken. Wenn sie weg war, passte Tante Jojo auf sie auf. Zumindest als Philipp und sie klein waren. Als sie herausfand, dass Tante Jojo gar nicht ihre richtige Tante war, sondern ein Kindermädchen, das Papa dafür bezahlte, dass sie nett zu ihnen war, hatte sie furchtbar geweint. Denn sie fühlte sich betrogen. Warum sagten einem Erwachsene nie die Wahrheit?
Dann hatte eines Nachts ihr Handy geklingelt. Ihr Vater sei aufgewacht, sagte eine Pflegerin mit müder Stimme, aber sie solle sich keine allzu großen Hoffnungen machen. War das ihr Ernst? Er war wach geworden, aber sie sollte nicht hoffen? Der wichtigste Schritt war doch geschafft! Er war wach! Nun würde alles wieder gut werden. Sie sollte sich irren. Ja, er war wach, aber das war kein Fortschritt. Im Grunde ist es jetzt noch viel schlimmer als vorher, wurde ihr bewusst, und sie schämte sich für diesen Gedanken.
Als er noch im Koma lag, hatte sie sich vorstellen können, wie es wäre, wenn er wieder zu sich käme. „Na, meine Große, habe ich lange geschlafen?“, würde er sie fragen, seine Bettdecke ein wenig anheben und sie bitten sich an ihn zu kuscheln. „Ich muss erst in einer halben Stunde los, und ich habe kalte Füße, rette mich, Lisa!“ Genau so würde es sein, wenn er aufgewacht war. So oft hatte sie es sich ausgemalt. Genauso wie vorher würde es sein. Wie auch sonst? Aber nichts war so wie vorher. Und das würde es nie wieder sein.
Er konnte nicht allein atmen, er konnte nichts spüren, er konnte sich nicht bewegen. Deshalb sagte er weder ‚Hallo, mein Schatz‘ zu ihr noch strich er ihr übers Haar. Ja, als er noch im Koma lag, konnte sie seinen Anblick ertragen, auch wenn er schrecklich war. So klein und vor allem so fremd lag er da. Aber sie konnte es ertragen.
Das war doch verständlich gewesen. Schließlich war er Komapatient, und da lag man nun einmal so da. Mit all den Schläuchen und piepsenden Geräten. Aber jetzt war er doch gar kein Komapatient mehr. Jetzt war er aufgewacht. Jetzt war er wieder ihr Vater. Ihr Idol. Ihr Held. Der Mensch, der immer zu ihr hielt.
Wie hatte sie nur so naiv sein können? Die Ärzte machten Tests und Untersuchungen, brachten ihn dazu wieder selbst zu atmen, aber auch als dieser eine Schlauch aus seinem Rachen entfernt worden war, blieben genügend andere, die das Lebewesen fest im Griff behielten, das einst ihr Vater gewesen war.
„Du kannst nichts für ihn tun, Lisa“, hatte ihre Mutter gesagt, „flieg‘ nach Hause, deine Familie braucht dich.“ Und so nahm sie von all den Wochen am Bett ihres schwer verletzten Vaters ein einziges Wort mit nach Boston: irreversibel. Nie wieder würde er aufstehen.
Wieder einmal herrschte strahlender Sonnenschein. Es hatte noch keinen Tag geregnet, seit er wieder in Deutschland war. Er seufzte. Wie konnte das sein? Das Wetter versprach so viel und er konnte so wenig halten.
Er hatte seine übliche Runde gedreht, saß nun auf seiner Bank und beobachtete die Enten. Heute hatte sich auch ein Schwanenpaar dazu gesellt und schaute immer wieder zu ihm herüber. Was denken eigentlich Enten und Schwäne, während wir denken, dass wir sie beobachten?
Lenken sie sich mit ihren Ausflügen auf dem Teich auch von ihrem Leben ab? Davon, dass sie nicht wissen, was zu tun ist, wer und wie sie sein sollen? Und was denken sie über Spaziergänger wie mich? Menschen? Solange sie hier sitzen und ich ein Auge auf sie werfen kann, stellen sie schon keinen Blödsinn an - ist es das, was sie denken? Im nächsten Leben werde ich Katze, hatte er oft gedacht, wenn Lindas Kater Rhodos auf seinem Schoß geschnurrt hatte.
He, Schwan, ja, du, mit dem feuchten Flügel, denkst du so etwas auch manchmal? Wärst du im nächsten Leben auch gern Katze? Oder vielleicht Ente? Oder am Ende sogar Mensch? Jetzt sag ich dir mal was, Junge: Das mit dem Menschwerden lässt du lieber sein. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Menschsein lohnt sich nicht.
Menschen machen die einfachsten Dinge kompliziert. Ständig denken sie darüber nach, ob sie genügen und darüber, was als Nächstes zu tun ist, anstatt einfach nur zu sein. Mit welchem Recht denke ich in einem Augenblick schon an den nächsten? Sollte ich nicht lieber versuchen, den Augenblick jetzt zum besten meines Lebens zu machen?
He, Schwan, kannst du mir noch folgen? Du magst dich wundern, aber genau so etwas beschäftigt Menschen, während sie an deinem Teich sitzen und denken, dass sie dir zuschauen. Okay, das, was ich erlebt habe, war oft nicht lustig. Mal ehrlich, wer kann das nicht von sich behaupten? Aber was es mit mir gemacht hat, hätte ich besser beeinflussen sollen, anstatt es einfach zuzulassen. Warum denke ich bei allem, was geschieht, dass etwas anderes besser gewesen wäre?
Routinen baumeln wie Halteschlaufen von der tief hängenden Decke meiner Tage, und ich ergreife dankbar eine nach der anderen. Was würde passieren, wenn ich losließe? Ich werde es nie erfahren, denn meine Angst ist zu groß. Ich war schon immer feige.
Tja, Schwan, schwimm‘ ruhig weiter, ich verstehe gut, wenn du nichts mit mir zu tun haben willst. Ich bin ein Mensch und nicht wie du dafür gemacht, mich mühelos auf dem Wasser zu halten. Ich muss rudern wie ein Verrückter, um nicht unterzugehen und dabei in Kauf nehmen, dass ich irgendeine Richtung einschlage, ob ich will oder nicht.
Er stand mühsam auf. Schwan, es ist Zeit für mich. Ab morgen musst du auf andere Menschen aufpassen. Ich habe genug von mir hier auf dieser Bank an deinem Teich. Weil ich das schlecht ertragen kann, ziehe ich weiter. Wohin? Einfach auf die nächste Bank am nächsten Teich, auch wenn ich gerade noch keinen Schimmer habe, wo die stehen wird. Ich laufe vor mir davon, obwohl ich genau weiß, dass ich mich überallhin mitnehmen muss.
Sein Handy vibrierte. Vielleicht eine Nachricht von Lisa? Seit er geschrieben hatte, dass er gut gelandet war, hatte er sich nicht mehr gemeldet. Er seufzte. Noch etwas, das er nicht erledigte. Dabei war seine Liste ohnehin schon so lang. Er schaute auf das Display. Es war nicht Lisa. Die Nachricht stammte von Gregor. Bist du noch in Boston? las er. Nein antwortete er. Das musste genügen.
Gregor. Dr. Gregor Wels. Über ein Vierteljahrhundert waren sie Kompagnons in ihrer Gemeinschaftspraxis gewesen. Und nach dem Unfall war Gregor der einzige, der ihn regelmäßig besuchte, Anträge und Formulare für ihn ausfüllte, Bankgeschäfte erledigte, mit seinen Ärzten, Pflegern und Physiotherapeuten sprach, die bürokratische Seite seiner Diagnose abwickelte. Ihn hatte er eingesetzt, im Fall der Fälle zu entscheiden, nicht Katja, seine Frau.
Er war Gregor dankbar, dass er nicht sofort drängelte und sich die Frage, die er sicherlich stellen wollte – Wo bist du? – verkniff. Dass er ihn niemals fragen würde, wie es ihm geht, hatte er Gregor noch vor seiner Verlegung ins Pflegeheim versprechen lassen. Und Gregor hatte sein Versprechen nicht gebrochen.
Er musste schmunzeln. 26 Jahre lang hatten sie einander täglich gesehen. Mit Gregor in der Praxis hatte er mehr Zeit verbracht als mit sonst einem Menschen in seinem Leben. Dabei war das einzige, was sie gemeinsam hatten, dass Gregor für schnelle Autos schwärmte und er blaue Autos am liebsten mochte.
Fachliche Diskussionen ließen sie tunlichst bleiben, denn sie waren so gut wie nie einer Meinung. Für die Praxis war das gut. Denn sie zogen vollkommen verschiedene Patienten an. Das Wartezimmer war immer voll, und als Katja angeboten hatte, ein paar Tage pro Woche mit der immer aufwendiger werdenden Verwaltung zu helfen, hatten sie ihr Angebot dankend angenommen.
Wenn es ein Wort gab, das ihre Beziehung am treffendsten beschrieb, fiel ihm Symbiose ein. Das Zusammenleben von Lebewesen verschiedener Art zum gegenseitigen Nutzen. Genau das war die Gemeinschaftspraxis Dr. Wels, Dr. Breitenbach. Leider rufen Sie außerhalb unserer Sprechzeiten an. Piep. Seit dem Unfall gab es keine gemeinsamen Sprechzeiten mehr.
Sorry, Gregor, ich weiß, ich bin dir dutzende von Erklärungen schuldig, aber du musst noch warten. Mir ist ein Platz eingefallen, den ich aufsuchen muss, lange bevor ich mich bei dir von mir ablenken kann. Von Boston nach Frankfurt bin ich durch die Welt gereist. Jetzt mache ich eine Reise durch die Zeit. Du kannst sicher sein: Ich melde mich, sobald ich die Hoffnung habe, du und deine, unsere ehemals gemeinsame Welt, ist für mich nicht mehr verschlossen.
Der Blizzard tobte weiter durch sein Leben, und er genoss jede Sekunde. Sie fuhren Mountainbike, gingen danach schwimmen und abends zum Tanzen. „Wirst du eigentlich nie müde, Marie?“, fragte Severin, aber sie lachte nur und zog ihn wieder auf die Tanzfläche. „Wir sollten uns einen Hund anschaffen“, sagte sie auf dem Heimweg, für den sie natürlich die Fahrräder nahmen.
„Bist du verrückt?“, entgegnete er. „Dann hätten wir einen Grund, jetzt noch einen schönen langen Spaziergang zu machen“, sagte sie. „Marie, es ist 2 Uhr morgens.“ „Eine hervorragende Zeit für einen Spaziergang.“ „Wirst du eigentlich nie müde?“, drehte sich ihr Gespräch im Kreis.
„Wenn du ein Teil einer Waschmaschine wärst, was wärst du, Severin?“, fragte sie am nächsten Morgen beim Frühstück. „Das Flusensieb.“ „Und wenn du ein Paar Schuhe wärst?“ „Grüne Gummistiefel, kniehoch. Gibst du mir mal die Marmelade?“ „Erst wenn du mir sagst, in welcher Zeit du am liebsten leben würdest. Ich fände Altsteinzeit cool. Kein Besitz, kein Streit, ich würde Beeren sammeln und Kinder stillen, völlig egal, ob es meine sind oder nicht und …“ „Marie, die Marmelade bitte.“ „… die Marmelade wäre dann natürlich selbst gemacht“, sprach sie weiter.
„Die ist selbst gemacht. Aus dem Garten unten.“ „Ich muss deine Mutter kennenlernen“, sagte sie. „Ihre Tür ist immer offen. Klopfen brauchst du nicht, das erschreckt sie nur.“ Marie lachte. „Aber eine wildfremde junge Frau in ihrer Küche, die erschreckt sie nicht, was?“ „Ich glaube nicht.“
„Also, was ist jetzt, in welcher Zeit möchtest du am liebsten leben?“ „Fändest du es langweilig, wenn ich sagen würde, genau jetzt?“ „Das Jetzt widerspricht den Spielregeln.“ „… die natürlich du festlegst.“ Marie verdrehte die Augen. „Jetzt sag doch mal!“ Severin dachte nach. „Inkas“, sagte er dann, „aber nur, wenn du erstens sicherstellen kannst, dass die Spanier nicht kommen.“ Marie wartete. „Und zweitens?“ „Wenn du mich zweitens nicht fragst, warum.“
Sie schaute auf die Uhr. „Ach, du liebe Zeit, schon so spät? Ich muss los. Tschau, Severin!“ Und schon war sie weg. „Kein Problem, Frau Lichtlein, ich habe Ihnen gern Frühstück gemacht“, murmelte er vor sich hin, „ja, ich liebe Sie ebenfalls. Bis heute Abend, Schatz.“ Was hatte er nur getan, ehe Marie in sein Leben gestürmt war? Ach, Marie! Er räumte den Tisch ab.
Wie würde er jemandem, der sie nicht kannte, Marie beschreiben? Marie war lebhaft, immer gut gelaunt, hilfsbereit, gesellig, sprühte nur so vor Ideen, eine ausgezeichnete Köchin und schon so viel in der Welt herumgekommen, dass er sicher war, die Reiseberichte würden ihr in diesem Leben nicht ausgehen. Und sie liebte ihn, auch wenn er keine Ahnung hatte, warum.
„Wir sollten Kinder bekommen, lauter kleine Severins“, sagte sie. „Ich war ein furchtbares Kind“, gab er zu bedenken. „Los, lass‘ uns sofort ins Bett gehen und Klein-Severin zeugen. Ich will wissen, wie du als Kind warst!“ Wann immer er Bedenken äußerte, lachte sie sie weg. „Du führst so ein aufregendes Leben!“, rief sie manchmal.
