Der Perser - Alexander Ilitschewski - E-Book

Der Perser E-Book

Alexander Ilitschewski

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Beschreibung

Eine Dienstreise führt Ilja, einen russischen Geologen, der in den chaotischen neunziger Jahren aus Moskau nach Kalifornien ausgewandert ist, zurück in die Heimat: Im Auftrag eines internationalen Konzerns besucht er Baku und die Halbinsel Apscheron am Kaspischen Meer, seit den Zeiten der Nobels und Rothschilds Standort der Ölförderung. Die ehemals sowjetischen Anlagen gehören heute amerikanischen und arabischen Firmen. Ilja, der Erdölexperte, trifft seinen Schulfreund Chaschem wieder, einen Ornithologen, der im Naturschutzgebiet Schirwan an der iranischen Grenze eine Falkenkolonie bewacht. Der gebürtige Perser wirkt auch als Künstler, Heiler und tanzender Derwisch. Seine Aura, seine Energie ziehen Ilja in Bann, Chaschems Lebensweise, ganz der Natur, der Spiritualität hingegeben, stellt seine eigene Existenz in Frage. Mit seismographischem Gespür entfaltet Alexander Ilitschewski eine Geopoetik des Kaspischen Raums: verlorener Garten Eden, historische Landschaft, in der einst die Weltreligionen zusammenfanden, heute eine in geopolitischer, sozialer und ökologischer Hinsicht höchst sensible Zone, deren Zukunft dem Westen bereits zu entgleiten beginnt. Alexander Ilitschewski, herausragender Autor seiner Generation, hat einen stimmgewaltigen, komplexen, enzyklopädischen Gegenwartsroman geschrieben, ein Buch aus dem Geiste Musils und Pynchons. »Ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Roman.« Ilma Rakusa

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Seitenzahl: 1138

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Auf einer Erdölinsel im Kaspischen Meer bauen zwei Kinder das Holland des Tulpenadmiral Kees aus ihrem Lieblingsbuch nach. Die Tulpe – das ist für den iranischen Flüchtlingsjungen Haşem die Blume des Paradieses … Jahrzehnte später kommt Ilja, inzwischen Geologe, in den Neunzigern nach Kalifornien ausgewandert, ins wirkliche Amsterdam. Der alte Traum vom Paradies fällt ihm wieder ein. Er reist in die Heimat, nach Baku in die aserbaidschanische Steppe, und findet seinen Freund, der jetzt als Biologe einen Naturpark hegt, Falken züchtet und sich um eine seltene Trappenart kümmert. Mit seinen Hegern lebt Haşem in der Kommune »Welimir Chlebnikow« als Dichter, Derwisch und Drachenflieger, Sufi und Rastafari und wird von den anderen zunehmend in die Rolle des Messias gedrängt. Auch Ilja verfällt Haşems Aura und Energie und den Träumen der Kindheit aufs Neue. Er zieht in die Kommune ein und bleibt – bis zum tragischen Ende.

Archaik und Postmoderne, Spiritualität und Technokratie treffen aufeinander. Die Wiederannäherung der beiden Freunde ist der kühn gewundene Pfad durch Ilitschewskis gewaltiges Erzählmassiv, in dessen Kehren und Klüften die Spuren von Orientreisenden, Spionen, Derwischen, persischen Trotzkisten und russischen Futuristen zu lesen sind. Zuletzt tritt ein passionierter Falkenjäger namens Osama bin Laden ins Geschehen ein. Aus grandiosen Landschaftsschilderungen, weltanschaulichen Disputen, Episoden und Porträts fügt sich ein wahrhaft weltumspannendes Werk, ein Roman der Ideen und Abenteuer.

Alexander Ilitschewski, 1970 in Sumgait/Aserbaidschan geboren, ging mit 15 Jahren nach Moskau und studierte dort Mathematik und Theoretische Physik. Nach Arbeitsaufenthalten in Israel und den USA kehrte er 1998 nach Russland zurück. Seinem Debüt als Lyriker 1996 folgten zahlreiche Erzählungen, Essays und Romane, u.a. Matisse (2006; dt. 2015). 2012 erschien ein Reiseführer durch Jerusalem. Der Perser, sein preisgekröntes Hauptwerk, wird in mehrere Sprachen übersetzt. Ilitschewski lebt seit 2013 in Tel Aviv.

Alexander IlitschewskiDer Perser

Roman

Aus dem Russischen von Andreas Tretner

Originalausgabe: Pers, AST, Moskau 2010. Auf Grundlage einer überarbeiteten Version (Soldaty Apšeronskogo polka. Matis. Pers. Matematik. Anarchisty, AST, 2013) haben Autor, Übersetzer und Verlag für diese Ausgabe eine eigene Fassung erstellt.

Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die großzügige Unterstützung seiner Arbeit.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016

© Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlagfoto: Detlef Palm

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

eISBN 978-3-518-74243-3

Alexej Parschtschikow gewidmet

ERSTES KAPITEL

Polina

1

Amelia Earhart und Polarflieger Lewanewski standen auf der Liste ihrer Heiligen obenan. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie vom Fliegen geträumt, sich für die Orte interessiert, an denen berühmte Piloten zu Tode kamen; als Schulkind hatte sie den Flugzeugmodellbauzirkel besucht und später den Segelfliegerklub, in Klasse sieben ihren ersten Fallschirmsprung absolviert. Das Photo der Amelia, worauf sie lächelnd, mit baumelnden Füßen auf dem Rand des Cockpits saß, hing schön gerahmt über der Karte mit den großen Transatlantikflügen. An die Decke ihres Zimmers war ein dreiflügeliger Propeller geschraubt: das Original der legendären Airacobra von Pokryschkin, dem Fliegerass; auf den Propellerblättern vier schartige Einschüsse und ein Riss. Ihr Vater, als er 1943 den Flugplatz neben die Bahnstation Nasosnaja baute, hatte das Teil bei Pokryschkins Techniker gegen ein sieben Zentner schweres Belugastörweibchen eingetauscht. Die amerikanische Antwort auf die Messerschmitts war seinerzeit per Lend-Lease über den Persischen Golf gekommen; unsere Flieger hatten die knuffigen Bomber aus dem Iran überführt und von da an ihre Kriegseinsätze damit geflogen. Eine Konstruktionszeichnung der Cobra war das Erste, was sie sah, wenn sie morgens die Augen aufschlug – eigenhändig ausgeführt im Maßstab 1:5 auf mehreren aneinandergeklebten Bögen Whatmanpapier, nach einer Zeitschriftenvorlage. Mit sechzehn hatte sie vierundsiebzig Sprünge auf ihrem Konto, fünfzehn davon Freifall. Zartgliedrig, blond und schmal, wie sie damals war, hatte sie Mühe, den Fallschirmrucksack zu tragen; dafür konnte sie das Poem von der Luft der Zwetajewa und Majakowskis Wolke in Hosen mühelos und ohne zu stocken herdeklamieren, zum Beispiel auf Wanderung in den Bergen oder bei der Gymnastik am Meeresstrand: auf einer Bank stehend, Gesicht, Brust und Arme dem ersten Morgensonnenstrahl entgegengereckt – Frühsport mit Gedichten, das bekam den Lungen gut.

Es war in den Sommerferien nach der neunten Klasse, als die Kurzsichtigkeit über sie hereinbrach; ihr war immerzu, als hätte sie Staub in den Augen; die drei Dioptrien mochte sie lange nicht wahrhaben, weigerte sich bis zum Ende der Schulzeit, in die leere vorderste Bank zu wechseln; lieber blinzelte sie ständig und studierte die Gesichter der Kinohelden zu Beginn des Films einmal gründlich durch den Spalt zwischen den Polstern ihres gekrümmten Zeigefingers, der ein gutes Fernrohr war.

Vom Traum zu fliegen jedoch hatte sie sich damals verabschieden müssen.

2

So war sie die Einzige, die nicht das Weite suchte, stehenblieb wie angewurzelt, als Iwantschenko, der verwegene »Maisbomber«-Pilot, im Hinblick auf das abendliche Tanzvergnügen ein bisschen renommieren wollte und vor den zur Baumwollernte abgestellten Studentinnen sein verrücktes Manöver abzog. Nur einmal flog er zur Warnung über die Mädchen hinweg, dann kam er, ohne mit der Wimper zu zucken, im Sinkflug auf sie zugeschossen. Das Grüppchen stob auseinander – sie aber wandte nur den Kopf nach der Libelle, die sich ihrer Nasenwurzel näherte, eine Wolke über den hellgrauen Pflanzreihen versprühend, die blitzende Schraube immer größer, das Fahrwerk starr, der bebrillte Kopf des Piloten ebenso … Sie sah die im Fluch sich kräuselnden Lippen, das abgewetzte Leder der Kappe, die unförmige Wulst an der Bereifung. Sie sah die Bewegung des Arms, mit der er den Hebel der Sprühanlage im letzten Moment zur Seite schlug. Und dann, als es ihr die Ohren verschloss, als sie das Dröhnen des Triebwerks und der Propellerflügel wonniglich bis ins Mark spürte, als der Flugwind sie sengte, schaute sie verzückt auf den Regenbogen, der mit dem Tropfenteppich vor ihr niederging, und spürte das feine Gesprüh auf der Haut, herb wie der Saft der Sumpfkirsche …

Den Piloten Iwantschenko hatte der Hafer gestochen: sich aufzuplustern vor der arbeitenden Bevölkerung des Pionierferienlagers Enthusiast, in dem sie kampierten, und über ihrem Feldabschnitt das Entlaubungsmittel zu sprühen, das für die maschinelle Ernteeinbringung die Voraussetzung schuf. Bereiche, die schon vor Tagen behandelt worden waren, sahen phantastisch aus: eine Endloskette von Haufenwölkchen knapp über dem Erdboden, von unsichtbaren Stängeln gehalten … Unabsehbar zogen sich die Felder die Hänge hinauf bis zur iranischen Grenze.

Sie überredete Iwantschenko, ihn einmal mit auf »Behandlung« zu nehmen. Zuvor wurde das Entlaubungsmittel in alten Milchkannen angerührt.

»Dasselbe Zeug haben die Amerikaner zur Entlaubung der Wälder in Vietnam eingesetzt, wusstest du das? Das Laub fällt ab, und die Partisanen sitzen auf dem Präsentierteller!«

Mühsam, unter Zuhilfenahme eines blechernen Trichters, riesig wie ein Elefantenohr, füllten sie das Präparat in den Tank. Der Start auf der lange nicht gemähten Bahn geriet holprig. Zuletzt, als sie ihre Ladung los waren, ließ Iwantschenko das Flugzeug steil aufsteigen und vollführte eine Rolle. Wieder in gerader Position, wandte er sich halb um.

»Polina! Wie wärs mit einer Spritztour in den Iran?«, brüllte er, seine Augen blitzten übermütig.

Und aus der Kehre heraus zog er die Maschine hinauf in Richtung Talış-Gebirge, bis an den äußersten Rand des erlaubten Planquadrats – ehe er zurückglitt und nurmehr mit dem Flügel hinüberwinkte zu den in zweiter Reihe sich erstreckenden, lila bewaldeten Höhen.

»Da liegen sie, die persischen Gefilde, die große Freiheit … Stenka Rasin, der Ataman, hat es sich dort wohl sein lassen!«

»Nicht nur dort, auch auf der hiesigen Seite. In Lənkəran und auf der Insel Sarı«, brüllte sie zurück. Die nüchternen, wohlinformierten Einlassungen sollten den Überschwang ihrer Gefühle dämpfen oder immerhin verbergen.

»Kann sein. Ein Rumtreiber war er jedenfalls!«, entgegnete Iwantschenko, biss sich auf die Unterlippe und drückte den Knüppel nach vorn.

Etwas ging in diesem Iwantschenko vor, unter seinem struppigen Schopf. Wobei sie nicht verstand, wie man hier oben überhaupt an anderes denken konnte. Wenn doch jede Faser des Körpers, jedes Fünkchen Seele nur von dem einen ausgefüllt war: zu fliegen!

3

Jene Baumwollfelder kamen ihr das erste Mal seit fünfundvierzig Jahren wieder in den Sinn, von denen sie nun schon ein Drittel in Kalifornien lebte. Der Sohn war mit ihr ein Stück aus der Stadt hinausgefahren, es gab ein neues Terrain zu entdecken, wo man gut spazieren gehen konnte. Erst gestern war er bei ihr aufgetaucht; zwei Tage Zwischenaufenthalt auf dem Weg von Austin/Texas nach Moskau, wo er neuerdings als »ausländische Fachkraft« arbeitete; sie war noch nicht einmal dazu gekommen, ihm ordentlich aufzutischen. In Höhe der Südvorstädte bogen sie ab zum Meer, ließen das Auto auf einem Parkplatz stehen und betraten das Museumsgelände eines Forts aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine Reihe Hügelchen mit betonierten Hängen; Bunker und Geschütze einer Küstenbatterie zogen sich an der Oberkante der Befestigungen hin. Am Rand des Forts, über einem hohen, schroffen Abhang, befand sich eine Start-und-Lande-Plattform für Deltasegler. Einer nach dem anderen tippelten sie die kurze Anlaufbahn entlang und schwangen sich in den Raum über der Meeresbrandung, wo die weißen Brecher donnernd über den Strand rollten, vor deren leckenden Zungen Hunde und Kinder Reißaus nahmen, die dabei hin und wieder zum Himmel hinaufäugten. Zur Kette formiert, pendelten die Flugdrachen in scharfen, eckigen Schwüngen auf und ab, indem sie das Lenktrapez abwechselnd zur Brust zogen und von sich stießen, so schwebten sie als Girlande über dem Hang, manche ließen sich miteinander ein, paarten sich und trennten sich wieder, erzeugten kleine »Staus« im Luftkorridor, das Ganze erweckte den Eindruck intelligenter Schwarmsozien; tollkühne Äquilibristik beim Wenden; gewagte Landemanöver mit einknickenden Tragflächen.

Und da, während sie zum Parkplatz zurückliefen, sah sie auf einmal vor sich den ölig glänzenden Propeller des »Maisbombers« und dahinter auftauchend den bebrillten Helm des Piloten Iwantschenko, sein Grienen, die gezückte Faust mit dem ausgefahrenen Daumen … Seltsam, dass die Erinnerung einem mitunter plastischer erscheint als die Wirklichkeit.

Der Sohn nahm einen Anruf entgegen, der sich hinzog; um in Ruhe reden zu können, kehrte er zum Drachenstartplatz zurück. Derweil schaute sie hinab auf das bunte Geflügel, mal flatternd, mal ruhig dahinschwebend oder jäh in die Kurve sich schwingend – und musste an die Kolchose »Dreißig Jahre Roter Oktober« denken, ihr primitives Wirtschaften, wie es damals in der Grenzzone zum Iran gang und gäbe war. An Timur Askerow, den hageren, sonnengebräunten Brigadier, der ihr später das Leben rettete. »Baumwolle ernten ist wie das Leben«, pflegte er zu sagen. »Nimmst du den Sammelsack und hängst ihn dir leer um den Hals, erscheint er dir federleicht. Die Baumwolle ist ein schwereloser Flauschball, wenn du sie mit den Fingern abknipst. Doch bist du am andern Ende des Feldes angekommen, kannst du dich unter der Last kaum auf den Beinen halten, und der Sack schnürt dir den Atem ab wie ein Mühlstein am Hals.«

4

Askerow, dem Helden der Arbeit, ordenbehängt, war sie später in Bilǝsuvar ein paarmal wiederbegegnet. Die zentrale Lenkungsstelle hatte sie nach dem Studium just in diese Gegend abkommandiert. Şahla Kuça, Xirmandali, Priwolnoje, Violetowka, Azdolu, Boradigah, Şovu – alles vertraute Orte, bekannte Felder. Sie ging in die Verwaltung, um etwas über Iwantschenko in Erfahrung zu bringen. Abgezwitschert, der Kosakensohn, in Richtung Saratow – zur Weiterbildung an einer Hubschrauberschule.

Im Ort wohnte sie zur Untermiete bei unangenehmen Leuten. Immer seufzte sie erleichtert auf, wenn sie das Haus durch die quietschende Pforte verließ, und kam abends mit einem mulmigen Gefühl heim, so dass die Pforte ein gedehnteres Lied sang und nur zögerlich ins Schloss fiel. Samstags flog sie zur Bushaltestelle: nur nach Hause! Einmal war sie zu spät dran, konnte erst am nächsten Morgen fahren und tat es, obwohl sie umgehend wieder retour musste, zu Hause blieb ihr eine Stunde. Das Staatsgut war beim Bezirkskomitee bestens angesehen, die Baumwollernte üppig. Üppiger war nur noch die Gutsvorsitzende, eine grobe, giftige Person, ihr Haus so protzig wie ein Kulturpalast – Schwimmbecken auf dem Hof, von Rosen umpflanzt, ein überdachter Billardtisch und ein gigantisches Schachfeld mit Keramikplatten, die Figuren mehr als kniehoch, aus Ebenholz geschnitzt, das Ganze ließ an ein Sanatorium denken. Die übrige Bevölkerung war bettelarm.

Sie unterrichtete Russisch und Literatur. Hatte Puschkins Hauptmannstochter eigenhändig ins Aserbaidschanische übersetzt, um es den Kindern vorlesen zu können, Interesse zu wecken. In eine ihrer vier Klassen ging ein blinder Junge, der sich so steif hielt wie ein Stock. Er lauschte immer nur, was die Lehrer sagten, wurde nie aufgerufen. Die Bewohner seines Dorfes kamen extra zu ihm in die Schule, damit er die Baumwolle abtastete und ihre Qualität bestimmte, insbesondere den Feuchtegrad, der anzeigte, ob sie zur Ernte reif war. Ausgiebig schob der Junge die Finger in die Wolle, blies darauf und legte die Wange an, flüsterte wohl auch etwas hinein und prüfte mit der Oberlippe, wie sie sich rührte, wie sie sich anfühlte und so weiter, bis er zum Schluss sein Urteil fällte: Güte B, Güte A, bei der hier noch abwarten, und die da taugt gar nichts. Er wurde mit Süßigkeiten belohnt, Brot und gebratenem Huhn. Nie gab er wem davon ab, separierte eilig einen Teil zum sofortigen Verzehr und verstaute den Rest unter der Schulbank. Wie hieß der doch gleich?, dachte sie. Elxan? Nein – Eldar! Nicht zu fassen, ich hab den Namen behalten!

Jeden Morgen war sie über den Basar gelaufen, nicht mehr als eine Reihe Bänke längs der Bewässerungsrinne; Kühe kamen über die Holzbrücke gepoltert, Schafe hinterhergetrippelt.

Wenn der Blinde kleine Baumwollpfropfen in den Ohren stecken hatte, hieß das: Ich mag nichts hören. Mitunter klaubte er sich mit dem Zeigefinger ein Samenkörnchen aus der Muschel.

Einmal äußerte der Junge sich lobend über ihre Stimme.

»Frau Lehrerin, Ihre Stimme ist so kräftig wie ein Bergbach«, sagte er und schob sich die Stöpsel in die Ohren.

Sie fürchtete ihn wie ein Orakel.

In dem Haus, wo sie wohnte, hatte Kübra-xala das Sagen, eine untersetzte Frau um die fünfzig mit breitem, spitz in die Lippen zulaufendem Gesicht und nachlässigem Äußerem, ihr Kittel war immer speckig. Ständig klapperte sie in der Küche mit den Bestecken, trug ewig etwas hinein oder hinaus, räumte um, unklar, zu welchem Zweck. Speisereste flogen auf den Kompost, so dass Ratten am hellichten Tag über den Hof liefen. Erschrocken flatterten die Hühner beiseite und führten einen langen Tanz auf, ehe sie sich wieder einkriegten.

Kübra-xala machte lange Finger. Stand die Pfanne mit den Buletten zum Abkühlen eine Weile unbeaufsichtigt auf dem Herd, verschwanden daraus unweigerlich eine oder zwei.

»Pişik qaldı.[1] Vielleicht wars die Katze, was weiß ich.«

Dann stand das Mädchen wütend vor dem Herd und wäre am liebsten mit dem Fleischklopfer auf die Alte losgegangen. Da war sie einundzwanzig, semmelblondes Haar, schmal und grazil, mit einer Operationsnarbe unterm Schulterblatt – wo sie ihr den halben Lungenflügel entfernt hatten, Tuberkulose.

In jenem Winter war sie die einzige Russin im ganzen Ort. Der allerdings auch nicht groß war: in der Schule eine Klasse von jedem Jahrgang, bis hinauf zur achten. Sie war kein Hasenfuß, sonst hätte sie es keinen Tag hier ausgehalten. Selbst der Dekan hatte sich gefragt, ob es gut war, sie allein in diese Einöde zu schicken und nicht wenigstens noch eine Kollegin. Eigentlich durfte man das niemandem zumuten! Aber Lenkungsentscheidungen waren nur auf Bezirksebene anfechtbar. »Irgendwer muss da schließlich arbeiten!«, brüllte der zuständige Sekretär aus dem Hörer. Und Männer fanden sich in dieser Fachrichtung – Russisch als Fremdsprache – sowieso keine.

Der Vater hatte sie hergebracht, das Zimmer aufgetrieben und war mit ihr bei der Gutsvorsitzenden und beim Schuldirektor gewesen. der erste September fiel auf einen Mittwoch; am Montag erst hatte der Direktor sie den übrigen Lehrern vorgestellt. Mit erhobener Faust war der Vater im Bus davongefahren, »Rot Front!« hieß das, ein Familiengruß. Lächelnd hatte sie ihn mit zarter Faust erwidert.

In ihr zweiflügeliges Haus hatten die Vermieter sie gar nicht erst gelassen. Der Bereich zu ebener Erde war hohen Gästen vorbehalten. Weniger um sie zu bewirten, als ihnen die erworbenen Reichtümer – Teppiche, Möbel, Geschirr – vorzuzeigen. Im Obergeschoss lag das Schlafzimmer, das über eine Außentreppe zu erreichen war. Auf dem Hof war eine Sommerküche eingerichtet: Lehmhaus mit Vordach, Tandurofen darunter, in die Umfriedungsmauer hineingesetzt. In der Küche gab es ein winziges Seitenkämmerchen, darin wohnte sie. Den mit trockenen Kuhfladen zu beheizenden Herd, der in einer schiefen Nische klemmte, war ihr nur bei ärgstem Wetter zu benutzen erlaubt. Der offene Abzug gähnte schwarz, gut möglich, dass die Ratten von dort kamen; jedenfalls war neben dem beständig pfeifenden Wind gelegentlich ein Rascheln zu hören.

Das Grässlichste aber war die alte Warzenkröte, die im Abtritt lebte und ungemein fett war – hätte einer seinen Ekel überwunden und sie auf die Hand genommen, die wulstigen, gummiartigen Seiten hätten darüber hinausgehangen. Die Vermieter hatten keine Angst vor ihr. Sie aber, obwohl sie wusste, dass Kröten nicht beißen, fürchtete, das Tier könnte von unten nach ihr schnappen. Was wollte man von ihr, dem jungen Ding, das sich erst seit kurzem in die Erwachsenenwelt hineinzudenken anfing, anderes verlangen? Und wenn sie hundert Mal Fallschirmspringerin war! Auf dem Abtritt stand ein Stock bereit, ein tönerner Krug mit Schnepfe zum Nachgießen, ein Rutenbesen, alles war sauber, der Betonboden gechlort, der Eingang diskret zur Mauer hin gelegen, aber das half nichts: Sie konnte den Raum nicht betreten, bevor das Scheusal nicht hinausgejagt war – und das konnte dauern, und die Tränen flossen, und das Heimweh war groß.

Dass sie nur mit Kopftuch auf die Straße gehen durfte, in langem Rock und langen Ärmeln, war klar. Stand sie an der Bushaltestelle, sah sie tunlichst nicht zur Teestube hinüber und am besten überhaupt nicht zur Straße, denn ginge ihr Blick dorthin, wo Männer waren, träfe sie der Fluch – wenn nicht gleich, dann bei nächster Gelegenheit. So geschah es, während sie blicklos dort herumstand, dass von der Seite eine Kuh kam und sie umstieß, in den tiefen Graben hinein. Männer zogen sie heraus – jene, deren argwöhnischem Blick, ob sie, diese junge Russin, nicht etwa zu ihnen herübersah, sie peinlich ausgewichen war. Gelacht hat wenigstens keiner, auch nicht sie selber; erst als sie am Samstag zu Hause davon erzählte, überkam es sie, aber der Vater lachte nicht mit.

Im November war eine Freundin bei ihr zu Besuch, gemeinsam gingen sie zur Post, um die Dritte in ihrem Bunde anzurufen, die das Glück hatte, in Leningrad zu studieren, dieser Stadt aus Wasser und traumhafter Architektur. Bis die Verbindung hergestellt war, dauerte es ewig, dazu die zwei Stunden Zeitunterschied; längst war es dunkel geworden. Wie sie nach Hause zu kommen gedächten, fragte die Telefonistin.

»Das schaffen wir schon«, erwiderten sie, »ist ja nicht weit.«

»Das schafft ihr im Leben nicht, ohne dass man euch in Stücke reißt. Übernachtet besser hier. Ich schließe euch ein, wenn ich gehe.«

So schliefen sie auf dem Tisch mit dicker Glasplatte, Tintenfass und einem Bündel rostiger Federn am Kopfende. Ein bisschen unterhielten sie sich noch, flüsternd, über ein schreckliches Vorkommnis … Es war passiert, als sie noch zur Schule gingen, hier in dieser Gegend, etwas näher zum Meer: Drei Moskauerinnen aus einem Filmteam waren vergewaltigt und verstümmelt worden; richtig vorstellen konnten sie es sich nicht, aber es war zum Gruseln. Darüber verebbte das Gespräch. Die Leningrader Freundin hatte erzählt, sie würde während der weißen Nächte auf der Fensterbank schlafen – solche Häuser hatten sie dort, aus großen Steinen gesetzt … Zum Glück lässt der Schlaf in jungen Jahren nicht auf sich warten, deckt einen zu mit dem weißen Schleier unbeschwerten Vergessens.

5

Der Sohn war zum Auto zurückgekehrt, sie stiegen ein und fuhren noch ein Stück südwärts, um in ihrem Lieblingsfischrestaurant zu Abend zu essen. Das liegt am Anfang der Uferpromenade, direkt am Wasser; bequeme Korbsessel mit Leinenbezügen, eine leichte Brise vom Meer bauscht die Vorhänge und öffnet den Blick auf die Felsen, wo Seelöwen lagern, und hinaus aufs weite Meer, zum bleischwarzen Horizont. Es gibt keine Speisekarte, auf den Tisch kommt, was am Tag gefangen worden ist, und beim Wein lässt man sich beraten … Der Sohn fuhr zu schnell, und sie schloss die Augen, um sich zur Ruhe zu zwingen. Die Bilder kehrten zurück.

6

Sie kommt mit dem Nachtbus aus den Ferien zurück, das Dorf Şahla Kuça liegt hinter ihnen. Eine Kette nackter Hügel im Morgengrauen, Nebel dazwischen wie Fetzen von Mull. Dann der Friedhof – voller Kerzengeflacker, ein Lichtermeer, wie eine ganze Stadt aus der Ferne. Da fällt es ihr ein: Aşura! Heute ist Aşura. Der Tag, an dem noch der kleinste Säugling auf dem Friedhof zu sein hat, um den Vorfahren zu huldigen und mit ihnen dem Imam Hüseyn. Um den Friedhof wogt eine Traube von Menschen. Da sind auch zwei Schüler von ihr … Die Jungen sehen sie durch die Scheibe, erkennen sie. Der eine sagt etwas zu den anderen. Ihr wird bange. Alle haben sie so starre Gesichter, als wären sie schon tot.

Die Schule ist leer, ihre Schritte hallen. Der Direktor kommt ihr entgegengelaufen. »Ach!«, wispert er, »heute ist kein Unterricht, hat Ihnen das keiner gesagt? Heute wird doch um den Imam Hüseyn getrauert. Bleiben Sie in der Klasse und verhalten Sie sich ruhig, gehen Sie nirgends hin.« Der Direktor ist ein schwergewichtiger Mann mit schwarzen Ringen um die Augen und der Medaille »Veteran der Arbeit« am Revers. Er scheint erregt. Die Absetzung des Unterrichts ist eine spontane Aktion der Leute im Ort. Käme heute aus Prischib eine Inspektion der Schulbehörde – der Direktor kriegte eins aufs Dach. Aber was soll er machen, wenn die Eltern den Kindern verbieten, zur Schule zu gehen?

Sie blieb also da, setzte sich hin und richtete das Klassenbuch ein. Iwantschenko kam ihr in den Sinn, sie musste lächeln. Er war kurz vor den Ferien auf dem Flugplatz gewesen, seine Beurteilung abholen, und hatte im Sekretariat vorbeigeschaut. Die Sekretärin hatte ihm gesteckt, dass die neue Lehrerin sich nach ihm erkundigt habe. »Welche Lehrerin?«

Er hatte sich nicht sehr verändert. Ein wenig erwachsener geworden vielleicht, nicht mehr so laut redend. Sie hatte ihn zur Bushaltestelle begleitet – im Wissen, dass sie das nicht tun durfte, denn er fuhr ja weg, und sie musste allein zurück. Aber nein, diese Finsterlinge sollten sich zum Teufel scheren! Abends nicht auf die Straße gehen, den Kopf ja nicht ohne Kopftuch aus dem Fenster stecken – was denn noch?! Sie riss sich das Tuch vom Kopf und schüttelte ihr Haar. Iwantschenkos Seitenblick bemerkte sie mit Wohlgefallen.

Als sie um eine Ecke bogen, patschte ihnen ein Stein vor die Füße. Iwantschenko drohte mit der Faust zum Ende der Gasse hinauf. Seine blauen Augen unter der lockigen Mähne blitzten. Er kam ihr wie ein Riese vor. Wie passt so einer in eine Hubschrauberkanzel?, dachte sie. Vom Trittbrett des Busses rief er ihr seine Adresse zu, die sie auf dem Rückweg beharrlich vor sich hinsprach: »Engels, Tschernyschewski-Straße Nummer 12, Fliegerinternat«.

Später lag sie die ganze Nacht wach mit dem Gefühl, dass die Welt sich jäh verändert hatte. Vergleichbar allenfalls einem Erlebnis, dass sie und ihre Schwester als Kinder gehabt hatten, noch in Kriegszeiten. Die Mutter arbeitete in der Großbäckerei, zwölf Stunden Schicht, nicht selten auch nachts. Haus und Hinterhof eigenmächtig zu verlassen war ihnen untersagt, mit Ausnahme des morgendlichen Gangs zum Kindergarten. Die Mädchen waren selbständig genug, allein dorthin zu gehen, Hand in Hand gingen sie los, sobald die Uhr acht zeigte; mit der Straßenbahn durften sie nicht fahren, da die Mutter fürchtete, sie könnten sich Läuse einfangen in dem Gedränge, also liefen sie zu Fuß. Einmal hatte die Mutter vergessen, die Uhr aufzuziehen, und war zur Nachtschicht gegangen. Irgendwann wurden die Mädchen wach und meinten, verschlafen zu haben, denn die Uhr zeigte zwanzig vor neun. Rasch wuschen sie sich und zogen sich an, dann gingen sie los. Sie beeilten sich sehr und konnten doch nicht begreifen, wieso der Tag so plötzlich zur Nacht geworden war. In sich das berückende Gefühl, dass ein Zauberstab die Welt verwandelt haben musste. Den Nachthimmel hatten sie so noch nie gesehen. Er war riesig und voller Sterne. So liefen sie durch die Stadt, die wegen des Verdunkelungsgebots absolut finster war: zwei kleine Mädchen, allein auf leeren Straßen, scheu um sich blickend, wie im Märchen – bis vor einem der großen Wohnblöcke ein Soldat von einem Flaktrupp sie anhielt. Den Rest der Nacht brachten sie in einer Einfahrt am kleinen Lagerfeuer zu, aus Munitionskisten hatte man ihnen ein Bett gerichtet. Dort am Feuer erfuhren sie auch, dass die Faschisten darauf Acht gaben, die Erdölförderanlagen nicht kaputt zu schießen; die Einnahme von Baku und Stalingrad wäre eine Vorentscheidung, wie der Krieg ausgeht. Keine Bombe solle auf Baku fallen, so habe Hitler befohlen, darum hatten die Mädchen angeblich nichts zu fürchten. Nie hatten die Flakschützen bis jetzt etwas anderes als deutsche Aufklärungs-»Uhus« am Himmel gesichtet. Außerdem sei die Ostvorstadt mit den Förderanlagen für den Fall, dass die Deutschen doch noch kämen, komplett vermint, jedes Bohrloch stillgelegt, alles Öl aus den Tanks in die Erde zurückgeflossen, der Transportweg über die Wolga ohnehin abgeschnitten. Das Öl, was die Armee brauche, komme jetzt aus Baschkirien, dem »zweiten Baku«, wie es hieß. Dass es noch ein Baku geben sollte, machte den Boden der Realität für das Mädchen endgültig schwanken, erschöpft schlief es ein. Am anderen Morgen war die Welt wieder geradegerückt, sie hatten unter den Soldatenmänteln gut geschlafen und langten rechtzeitig zum Frühstück im Kindergarten an.

Als Erstes erschienen die Köpfe der Jungen ihrer Klasse nacheinander im Türspalt: Maleq, Salih, Nizami, Vüqar. Immer nur für einen Moment, dann waren sie weg. Salih war ein Waisenjunge, der bei seiner Großmutter lebte, Ahanım-xala, einer halbblinden Greisin, die das beste Brot in ganz Bilǝsuvar buk, davon lebten die beiden.

Dann hob draußen vor dem Fenster ein Lärmen und Tosen an, eine Menschenmenge wallte hinter dem Schulzaun vorbei, kam wieder, ein rhythmischer Sprechgesang war herauszuhören: »Achsej … asej.« Darauf ein scharfes Klatschen. »Achsej … asej.« Klatsch.

Und auf einmal kommen die Mädchen herein. Ihre Gesichter sind verstört. Saymaz ist darunter, der Name bedeutet: die keinen anerkennt. »Kimi saymirsan?«, wird sie im Scherz gefragt – wen alles erkennst du nicht an? Jahre später würden sie sich an der Universität in Baku wiedersehen, eine freudige Begegnung. Da hatte sie den Namen inzwischen gewechselt, von Saymaz zu Solmaz; was zuvor dreist geklungen, klang nun gediegen. Eine Schönheit, blauäugig, mit beinahe rötlich zu nennender Haarpracht; nur machten die Zögerlichkeit, Eckigkeit ihres Auftretens die Schönheit zunichte.

Zu Anfang war Saymaz für die neue Lehrerin in der Achten eine Stütze gewesen. Sie genoss eine besondere Autorität, weil ihre große Schwester Irada an der Schule Aserbaidschanischlehrerin war: die Auffälligste im ganzen Kollegium, groß und plump, spitzzüngig außerdem, eine hayasızca, wie man hier sagte, eine Giftnudel. Auch sie ist nun im Türspalt erschienen, das Gesicht wie zum Schrei verzerrt. Schiefe Zähne, bebende Mandeln.

Und da ist auch Mǝlǝk, »Engel«, ein kleines Mädchen mit Riesenaugen. Mǝlǝk ruft etwas, durchdringend schrill, wedelt mit den Händen, zeigt zum Fenster. Sie aber ist begriffsstutzig: Warum sollte sie aus dem Fenster klettern?

Plötzlich stürmt eine Meute junger Männer herein, die sie nicht kennt, Oberkörper frei (einen halbnackten Mann zu Gesicht zu bekommen war in diesen Breiten etwas schier Undenkbares), mit kreuzweisen Schrammen auf der wolligen Brust, schmutzig verkrustet und mit Blutströpfchen besetzt. Einer der Burschen tränenüberströmt, das Gesicht in unsäglichem Leid. Von dem scharfen Schweißgeruch meint sie im nächsten Moment in Ohnmacht fallen zu müssen. Die Männer haben Ketten in den Händen, wie man sie benutzt, um Hunde anzuketten oder den schaukelnden Wassereimer nach einer halben Ewigkeit aus den bodenlosen Brunnenschächten zu hieven. Immer noch glaubt sie an etwas wie eine Theatervorführung – dass man sie abholt zu irgendeinem festlichen Ritual, wo sie dabei sein muss, wenn sie die Menschen nicht ernsthaft kränken will. »Worum geht es?«, fragt sie. Die erste Ohrfeige bringt sie zur Besinnung. Sie wehrt sich tapfer; dem einen oder anderen vermag sie den Zeigestock vor den Adamsapfel zu knallen.

Minuten später hat die Menge sie in der Gewalt, sie wird auf die Straße geschleift. Es ist, als hätte die Kuh sie von neuem in den Graben gestoßen, und Männerhände hätten zugepackt, um sie herauszuziehen. Aber an den Haaren – tut man das? Und warum diese Schläge?

Auf der Straße angekommen, weicht die Meute zurück, wie um sie besser betrachten zu können. Und sie betrachtet die Meute, blinzelnd, hofft, ein bekanntes Gesicht darin zu sehen, ihre Vermieterin vielleicht, die sie um Hilfe bitten könnte.

»Was kann so eine unsere Kinder lehren?«, kreischt eine unbekannte Frau.

7

Sie legte ihrem Sohn die Hand auf den Arm, er möge das Tempo ein wenig drosseln. Und wurde als Nächstes überflutet von einer Woge der Erinnerung an ihre Kriegskindheit. Es war Sommer, sie waren bei der Großmutter in der von den Nobelbrüdern gegründeten Siedlung zu Besuch, die Reserum genannten Holzhäuschen standen auf Pfählen direkt am Meer … Gleich meinte sie den Geschmack des Ölpresskuchens auf der Zunge zu haben. Wenn Flugzeuge sich näherten, egal ob eigene oder deutsche, krochen die Kinder, die sich über jede Gelegenheit zum Versteckspielen freuten, unter den Tisch. Und dann war da noch der widerliche Geschmack von in ausgelassenem Robbenspeck gebratenen Kartoffeln, wenn wieder einmal Robben bei Sturm gestrandet waren … Das wichtigste Spielzeug war die deutsche Puppe, Kriegsbeute, die betete sie an. Sie stand noch höher im Kurs als ihre Besitzerin. Der größte Spaß war es, auf Borka zu reiten, dem Eber des Nachbarn, für den sie nach dem Sturm Kleinfisch vom Strand auflasen (und die Erinnerung, wie er sich an faulem Stör vergiftete und unter herzzerreißenden Qualen starb); alle Kinder liefen kahlgeschoren umher wegen der Läuse und immer nur barfuß, in Slip oder Turnhose; an Süßigkeiten waren die bunten Liebesperlen in Erinnerung geblieben, für die man auf dem Basar sonst was hergab. Die streunenden Rasselbanden befanden sich unter gestrenger Obacht ihrer Anführer, Zehnjährige, deren Weisungen widerspruchslos Folge geleistet wurde: nur im Flachen baden, keine Zündhütchen sprengen und so weiter … Täglich wurde sich um Kranke gekümmert; hierbei gab es eine Anzahl Häuser, zwischen denen sie hin und her flitzten, anklopften und fragten, ob Hilfe vonnöten sei: Putzen und Aufräumen, Wasser schleppen, Brot holen … Der Fußboden in den Baracken war aus Kir, einem natürlich vorkommenden sandigen Bitumen. In der Schule wurde auf gevierteilte Zeitungsblätter geschrieben, weil es keine Hefte gab. Und dabei warteten die Schwester und sie die ganze Zeit sehnlichst darauf, dass der Vater auftauchte. Der baute an der Frontlinie zwischen Mosdok und Baku Befestigungsanlagen (Flakstellungen, Luftschutzbunker) und kam nur einmal im Monat auf Urlaub.

Reserum … Woher hatten die Häuser eigentlich diesen komischen Namen? Ach … Nutzte ihr das Englische auf ihre alten Tage doch einmal! Das musste von reserved room kommen – es waren ja vormals Gästehäuser für die Branobel-Dienstreisenden gewesen …

Derweil ging ihr Blick die Meeresbrandung entlang, die weit unten am Fuß des Hangs sich dahinzog, und sie überlegte, was genau es war, das ihre Seele damals zu zerreißen drohte: War es die Angst? Der Hass? Der Schmerz? Warum löste sich ihr Körper nicht einfach auf, verflüchtigte sich? Sie hatte anscheinend Glück gehabt, es war spurlos an ihr vorübergegangen: Sie hatte gesunde Kinder geboren, die Familie war ihr Ein und Alles, das Leben nicht einfach, aber erfüllend. Auch die Emigration hatte sie irgendwie durchgestanden.

Als sie damals in dieser Meute kniete, war die Rettung gewesen, dass sie sich plötzlich selbst wie aus großer Höhe sah, gewissermaßen auf sich zustürzte mit dem Fallschirm auf dem Rücken; die Landung in der Zukunft, in dieser greulichen Menge fremder Menschen stand erst noch bevor – und sie riss am Ring und blieb in der Luft hängen …

8

Sie hält sich die Ohren zu, versucht wütend ihrer Wege zu gehen, wird jedoch immer wieder in den Kreis zurückgestoßen. Ihr fällt ein, wie sie als Kind in Nasosny von Jungen mit Steinen beworfen wurde, wie sie diese Steine fürchtete, den Moment abpasste, da die Jungen nicht herübersahen, um den Zaun entlangzuflitzen, vorher immer erst aus der Pforte spähte. Nun kommen die Steine wieder geflogen. Soll sie um Gnade flehen? Sie schaut in Gesichter. Hie und da die entrückten Blicke ihrer Schüler – Kinder, die sie noch vor zehn Tagen mit ihren Fragen gelöchert haben und keine Minute Pause gegönnt …

Spitze Frauenschreie gellen aus der Menge. Kettengerassel. Die Meute hat sich zu einem Ganzen verschweißt, wie ein einziger tierischer Organismus. Doch plötzlich ist da wer, der sprengt den dichten Ring. Askerow, der Brigadier, drängt heran, packt sie grob am Ellbogen, mit eisernem Griff. Es tut nicht weh, obwohl er ihr anscheinend gerade den Arm bricht.

Askerow führt sie zur Moschee, zwei Karrees, drei Gassen weiter. Die Menge nimmt die Bewegungsenergie auf und setzt sie in Zielstrebigkeit um, kühlt davon etwas ab. Vor der Moschee dann wieder Gebrüll: Sie dürfe keinesfalls hinein! Man zwingt sie in die Knie, sie bekommt einen Stoß, will sich erheben, wieder ein Stoß. Ein junger Mann schält sich aus der Menge, blut- und tränenüberströmt, schier von Sinnen, fuchtelt von Zeit zu Zeit mit den blutigen Armen, schreit etwas, die Augen treten aus den Höhlen. Plötzlich schlingt er die Arme um sie, drückt zu, dass sie eine Weile keine Luft mehr bekommt, stößt sie jäh wieder von sich. Jetzt ist sie voll mit seinem Blut, ein warmer, klebriger Geruch, ihr wird übel.

Sie ist vollkommen willenlos nun. Längst hat sie aufgehört zu schluchzen, die Beine knicken ihr ein, sie setzt sich zu Boden, schlägt die Beine unter, bedeckt das Gesicht mit den Händen. Die Menge kommt neu in Fahrt, es scheint, gleich wird der Strudel sie wieder erfassen, über ihrem Kopf zusammenschlagen …

Askerow geht neben ihr in die Hocke. Saymaz umfasst sie von der anderen Seite. Beide raunen ihr etwas zu. Nach einer Weile glaubt sie zu verstehen, was Askerow sagt: »Mach, was sie von dir wollen, hörst du! Mach hin, hör auf mich. Los, sprich mir nach!« Mit einem Mal versteht sie und nickt hastig. Sie weiß nun, was man von ihr will. Bereitwillig geht sie auf die Knie. Die Menge wird augenblicklich still. Ihr wird vorgesprochen, sie spricht es nach – holprig erst, dann flüssiger und lauter, ohne Schluchzen, ohne Zähneklappern. Man versucht Askerow zur Seite zu zerren und zu stoßen, er widersetzt sich.

»La Ilaha«, ruft er.

»La Ilaha«, spricht sie nach.

»Ilaha ill Allah.«

»Ilaha ill ‌…«

»Ilaha ill Allah.«

»Ilaha ill Allah.«

»A Muhammadun rasulu ilahi.«

»A Muhammadun ‌…«

»A Muhammadun rasulu ilahi.«

»A Muhammadun rasulu ilahi.«

Sie sieht sich unsicher um. Soll es das etwa gewesen sein? Sie könnte noch mehr sagen. Man müsste es ihr nur vorsagen. Das Nachsprechen fällt ihr nicht schwer. Sie ist gescheit genug, es zu können.

Die Menge summt und johlt. Und scheint sich plötzlich anders zu besinnen, wendet sich ab von ihr und dem zu, der an ihr vorübereilt, ohne sie eines Blickes zu würdigen, ein Mann in langer schwarzer Soutane und Turban auf dem Kopf. Der Mullah hebt die Arme über den Kopf, und die Menge zieht hinter ihm her. Das Kettengerassel hebt wieder an, erst wild durcheinander, dann zunehmend rhythmischer. Kleine Jungen folgen den halbnackten Männern auf den Fersen, einer strauchelt und gerät unter eine peitschende Kette, prallt zurück. »Achsej … asej.«

Saymaz hat es irgendwie geschafft, ihr auf die Füße zu helfen, doch scheint sie mit einem Mal von Schüttelfrost ergriffen, die Zähne schlagen aufeinander, sie schnappt nach Luft, »Mama, Mama«, schluchzt sie, die Straße vor ihr schaukelt wie der Horizont von einem Boot aus. Sie schleppt sich voran, jeder Schritt ein Schluchzen.

… Dann hat Saymaz sie ins Bett gelegt und ist gegangen. Nun will sie nur noch, dass ihre Angst aufhört, alsbald. Sie hebt den Blick, lässt ihn über Wand und Decke gehen, steht auf, tastet sich die Wand entlang zur Küche, schneidet ein Stück Wäscheleine ab.

Die Holzdecke ist nur mit einer Schicht Lehm verputzt, das Kabel reißt sofort in ganzer Länge aus dem Putz, hält nicht das geringste Gewicht. Sie plumpst zu Boden und liegt da, schaut auf die Putzbrocken, schaut unters Bett, auf den Koffer darunter – ein Riegel ist hochgeklappt …

Am dritten Tag kam sie zu sich. Inzwischen hatte Askerow den Vater geholt, begleitete sie zur Bushaltestelle. Da stand sie, versunken in Vaters Jackett mit hochgeschlagenem Kragen, und starrte vor sich hin.

9

Fünfundvierzig Jahre später sitzt sie mir gegenüber in einem Korbsessel, hinter dessen Lehne ich das Meer sehen kann und einen Kutter, der die Bucht behäbig quert. An Deck mit Feldstechern bewaffnete Ausflügler, die auf Walfontänen spitz sind.

Meine Mutter ist übergewichtig, geplagt von Krampfadern an den Beinen, die hervortretenden Augäpfel verraten den Morbus Basedow. Beim geringsten Anlass – einer unguten Erinnerung, sonstiger Verstörung oder wenn sie irgendwen bedauert, und das tut sie ständig, einen nach dem anderen und alle miteinander – füllen sich ihre Augen mit Tränen, und ich schimpfe mit ihr.

Jetzt aber, da sie sich überwunden hat, mir zum ersten Mal davon zu erzählen, wie sie in ihrer Jugend unfreiwillig zum Islam bekehrt wurde, in einem gottverlassenen Nest an der Grenze zum Iran, sind ihre Augen trocken geblieben.

Keine vier Wochen vergehen, und ich finde mich in der Siedlung Bilǝsuvar am Fuße des Talış-Gebirges wieder, dreißig Kilometer vor der iranischen Grenze. Stehe neben dem eingeschossigen Ziegelbau der Schule, wo meine Mutter den Kindern die russische Sprache und Literatur beizubringen versucht hat. Um die Mittagsstunde bin ich mit meinem alten Freund aus Kindertagen Haşem Sagidi hier eingetroffen. Wir sind gemeinsam auf der Insel Artjom im Kaspischen Meer aufgewachsen, ich habe Haşem seit siebzehn Jahren nicht gesehen. Chauffiert hat uns auf seinem Ural-Motorrad mit Seitenwagen Haşems Freund Abbas Abbasow, Mitstreiter im Abşeroner Regiment »Welimir Chlebnikow«, einer sonderbaren ökologischen Kernzelle im Nationalpark Şirvan, die Haşem vor sieben Jahren ins Leben gerufen hat. Wir gehen über den Schulhof, drängen uns durch die Schüler, die gerade große Pause haben, und laufen einmal um das Gebäude herum; ein länglicher Klotz, hinter dem die Steinwüste anfängt; dann lassen wir uns den Weg zur Moschee erklären.

Nicht länger als eine Stunde bleiben wir in Bilǝsuvar. Bevor wir wieder abdüsen, zwischen den sonnenverbrannten Hügeln entschwinden, schauen wir noch in der Teestube vorbei, die sich in einer Grünanlage nahe dem Busbahnhof befindet; der Tee kommt in einer Kanne, deren Deckel mit abgeschlagener Emaille am Henkel angebunden ist, dazu ein Schälchen mit bläulichem klarem Zucker.

Was ist geschehen?

Erst ein vages Sehnen. Dann eine vertrackte Karambolage, die zum Katapultstart führte.

Der Weg von Kalifornien nach Bilǝsuvar hat über Moskau und über Holland geführt.

[1] Die Katze war da (aserb.).

ZWEITES KAPITEL

Moskau, Amsterdam

1

Holland bot sich von selbst an. Ich hatte schon ganz andere Reiseziele gehabt. Doch die Gefahr ist nicht immer, wo man sie vermutet. In dieses Land zu gehen hieß, an meine Kindheit zu rühren – auch wenn ich nie zuvor da gewesen war. Dabei wäre mir jeder Versuch, in die eigene Vergangenheit einzubrechen, dumm oder lästerlich erschienen; kein Gedanke daran.

»Na, Faust? Noch nichts zu sehen?«, so fragte ein hockender junger Mann, braungebrannt und muskulös, in staubigen Shorts und verblichenem T-Shirt, mit kupfernem Ohrring und der Tätowierung E=mc2 am linken Unterarm, in der Empfangshalle des Flughafens Köln/Bonn.

Die Frage ging an den Hund neben ihm, einen gescheckten Russian Setter mit rosa Narbenhäkchen auf der kostbaren Nase.

Der Hund antwortete mit einer seitlichen Neigung des Kopfes, den Blick unverwandt auf das Tor des Zollausgangs gerichtet, von wo die Gepäckwagen der Passagiere in die Saunahitze dieses Augusttages herausgerollt kamen.

»Immer noch nicht?«, fragte der junge Mann und biss seinem Hund zärtlich ins Ohr.

Erneutes Kopfschütteln bei Faust.

Da aber gab das Herrchen dem Hund einen Klaps in den Nacken und kommandierte: »Hopp jetzt, sag dem Ilja guten Tag!«

Faust wedelte schlapp mit dem Schwanz, riss erst einmal täppisch das Maul auf, schlug die Zähne aufeinander und rutschte mit den Hinterpfoten weg, bevor er schließlich doch in die Gänge kam, dem Unbekannten entgegen: Mitte dreißig, kurzgelocktes Haar, wulstige Lippen, spitze, nach unten hin leicht geplättete Nase, festes Kinn; einigermaßen gut gebaut, eher sehnig, jetzt allerdings in Schenkeln und Gesäß etwas überanstrengt – mit einem Fünfzigliterrucksack auf den Schultern, Trinkflasche in der Seitentasche; gekleidet in eine Wanderhose, vielfach verriegelt und verzippt, grünes Shirt mit der Aufschrift Espinosa learns [air], Descartes is flying. Er hatte etwas von der linkischen Grazie einer Giraffe: versonnene halbmondförmige Brauen, vorgeschobener Unterkiefer, betulich sich drehender langer Hals, der Bewegungsapparat gegenüber Kopf und Armen harmonisch zurückgesetzt. Eben noch hatte er sich konzentriert mit den Zeigefingern die Schläfen gerieben, jetzt schauten die aufgerissenen Augen hinter der randlosen Brille verwundert auf den ordnungshalber winselnden Hund, der auf halber Strecke stehengeblieben war und sich nach seinem Herrchen umschaute.

Ljonja erhob sich und kam in wiegendem Gang auf mich zugeschritten. Wir umarmten uns.

In jenem Sommer hatte ich mich zu meiner ersten Europareise aufgerafft. Noch ohne genauen Plan; die ersten der vierzehn Urlaubstage wollte ich in Deutschland bei Ljonja Kolot, meinem früheren Mitstudenten, verbringen und dann weitersehen. Wir waren die Zeit in Berkeley lose befreundet gewesen und liefen uns dann in L. ‌A. gelegentlich über den Weg, weil dort seine Eltern wohnten und auch meine; sie kannten sich, hielten aber noch weniger Kontakt miteinander als Ljonja und ich. Beide sind wir aus der Sowjetunion gebürtig, beide aus dem südlichen Raum, aber auf Zwanzigjährige übt die Emigranten-Community keine große Anziehungskraft aus (junge Hunde fremdeln nicht mit jungen Katzen), heute schon gar nicht mehr. Die Seltenheit unserer Zusammentreffen und noch mehr ihre Kürze erleichterten es Kolot und mir, einander gewogen zu sein.

Gleich nach dem Magister in mathematischer Statistik hatte Ljonja in Deutschland promoviert und war dort hängengeblieben, betrieb Datenverarbeitung in einem Medizinzentrum, es ging um die Wirksamkeit neuer Präparate und Methoden. Während ich nach dem Studium – Hauptfach Geologie, Nebenfach Computertechnik – den Ratschlägen meines Vaters gefolgt und in die angewandte Forschung eingestiegen war: komplexe erkundungsgeologische Analysen auf der Basis sogenannter Observierungssysteme, in denen raffinierte seismische und chemische Analysatoren, ozeanographische und telemetrische Sensoren zusammenwirken und Erkenntnisse liefern, was zum Beispiel auf dem Meeresgrund oder in großen Bohrtiefen vor sich geht. Erdöl oder Erdgas zu finden genügt ja nicht, es muss korrekt gefördert werden, man muss die Lagerstätte umfassend betrachten, die Geometrie der Schichten in ihrer Dynamik kennen; ohne ausgeklügelte Technik, wie unsere Firma sie entwickelt und in aller Welt zur Anwendung gebracht hat, kommt man da nicht weit.

Kolot führte ein sesshaftes Leben, während ich als Nomade unterwegs war: Südkalifornien, Kanada, Norwegen, Alaska (plötzlicher Druckabfall in einem Bohrloch bei minus vierzig Grad Außentemperatur, ein Bleikern wird angebunden und ins Loch geworfen; zieht man ihn wieder raus, wird an den Narben erkennbar, wo genau es klemmt; Angeln nennt man die Methode), drei Jahre in Texas; achtzehn Bohrplattformen im Golf von Mexiko habe ich eigenhändig an die Pipeline geklemmt, ganz zu schweigen von der Menge an Koordinierungsaufgaben. Ein System aus zweihundert Meilen Kabel, zahllosen Datengebern und sonstiger Kontrolltechnik hängt an so einer Rohrleitung dran, die sich in drei Meilen Tiefe zur Küste hinzieht.

2

Später dann hatte ich mich kurzfristig nach Moskau versetzen lassen. In erster Linie, um meinen Sohn wiederzufinden – eine Geschichte für sich, der ich hier nicht vorgreifen will –, doch gab es für den Umzug auch noch andere Beweggründe.

In Moskau scheint mir das Herz meiner eigentlichen Heimat zu schlagen. Das alte Imperium existiert noch als Phantom; sein Rumpf leidet an Phantomschmerzen. Der Schmerz ist beiderseitig, auch die von der Geschichte rüde gekappten Kolonien sehnen sich nach der früheren Ganzheit zurück.

Eine Explosion ist nur in Phase eins von Stoßwelle und Splitterstreuung begleitet. Phase zwei ist der Kollaps rings um eine Unterdruckzone, so dass die davongeflogenen Teile sogar ein Stück weit zum erkalteten Epizentrum zurückstreben.

Mich hat es immer nach Moskau gezogen, dieser Drang war in meiner Sippe verwurzelt, alle waren sie Wandervögel oder Exilanten. In Moskau sesshaft geworden ist keiner von ihnen, über Jahrhunderte nicht. Entweder die Obrigkeit hatte etwas dagegen, oder man gelangte einfach nicht bis hin. Heute fällt einem amerikanischen Staatsbürger Moskau gewissermaßen in den Schoß.

Günstige Umstände hatten sich seit längerem abgezeichnet; kaum hörte ich, dass Therese umgezogen war, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf. Die Versetzung nach Moskau erfolgte im Team, das noch dazu aus guten Leuten besteht – mir allesamt bekannt aus früheren Projekten, mit Johnson arbeite ich seit drei Jahren zusammen, mal ist er mein Chef, mal ich seiner. So wohne ich nun im Maly Tolmatschewski Pereulok und brauche in der Wohnung keine Uhr, ich muss nur aus dem Fenster sehen und kann die Zeit am Kreml-Erlöserturm ablesen. Außerdem spiele ich mit dem Gedanken, eine eigene Firma aufzuziehen: Die Russen zahlen üppig, es gibt einen Kundenstamm, manche von denen reden mir zu, ich solle mich selbständig machen. Die Ausrüstung könnten sie auf üblichem Wege kaufen, aber die Inbetriebnahme per Werkvertrag. Meine Einkünfte stiegen auf das Vierfache, und die Crew hätte auch was davon. Aber ich zögere noch; mir genügt, was ich habe. Soll Johnson als erster anbeißen; bei Bahnrennen ist die zweite Position die aussichtsreichste.

Das Leben in Moskau ist ungerecht, spekulativ, wobei der Wohlstand allemal sichtbarer ist als der Ruin. Der Kreml mit seinen Zinnen und Türmchen kommt mir vor wie protziges Sonntagsgeschirr, aus den Pokalen trinkt man, wenn überhaupt, gepanschtes Zeug, in das die Macht ihr Gift gestreut hat – gleich ob Despoten oder Liberale, the same shit. Darum ist alles Gute in dieser Stadt so eingerichtet, dass man nicht herankommt, durch Fallen gesichert. Überall, in jedweder Sphäre – Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, im Denken an sich – stößt du unversehens auf Barrieren, die dir ob ihrer Undurchdringlichkeit zuerst bösartig erscheinen, dann komisch und am Ende fatal. Sowieso lässt sich auf Russisch kein besonnener Gedanke fassen. Will ich innerlich zur Ruhe kommen, wechsle ich im Stillen instinktiv ins Englische; diese Sprache ist wie Wasserstoffperoxid auf die Wunde, sie desinfiziert Sein und Bewusstsein.

In Moskau kenne ich mich inzwischen halbwegs aus; von den Tradern, für die ich mich aus gutem Grund besonders interessiere, habe ich schon einige kennengelernt, mit ihnen auch schon ein Tänzchen gehabt. Zwischenhändler gehören zu einem Fight Club ganz eigener Art, und das weltweit; ihr Vorgehen ist von Berufs wegen skrupellos und wenig zimperlich. Aber in Kalifornien sind es Leute, mit denen man reden und trinken kann, man erfährt dabei so manch lustige Geschichte darüber, wie das Öl, das wir fördern, seine Abnehmer findet.

Rohstoffhandelsunternehmen sind im Grunde strukturiert wie militärische Organisationen, Spezialeinheiten zur Ausschaltung der Konkurrenz. Und das nicht nur, weil Wirtschaft genauso wie Krieg, um mit Clausewitz zu sprechen, die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln bedeutet. Trader lenken die Hauptgeldströme der Zivilisation, sie verfügen über die virtuellen Essenzen – mit einem immensen Vorrat an Kontakten.

Ein halbes Jahr brauchte ich, um zum wahren Leben dieser Stadt vorzudringen, danach ging es mir besser. Sonst wäre ich vermutlich in die Staaten zurückgekehrt. Jetzt kann ich den Atem des Molochs spüren. Im Buchladen auf der Twerskaja stieß ich auf eine interessante Reihe von Stadtführern; seither versüße ich mir meine Einsamkeit mit ausgedehnten Spaziergängen. All die ehrwürdigen Moskauer Straßen bin ich abgelaufen, beinahe jeden Abend war ich unterwegs: mal auf der Soljanka, mal auf der Pokrowka oder im Podkolpatschny Pereulok. Mitunter wagte ich mich in Souterrains vor oder versuchte mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die die dahindämmernden jahrhundertealten Häuser bewohnen, welche nun mit nagelneuem IKEA-Interieur vollgestellt sind … Aber jede mongolische Jurte starrt ja inzwischen mit Satellitenschüsseln zum Himmel.

Angefangen hat es für mich mit einer Faksimileausgabe des Wegweisers für Fußgänger, worin man auf das Ausführlichste instruiert wird, wie man von diesem oder jenem Bahnhof zum Lenin-Mausoleum gelangt oder wie man auf der Wosdwischenka das Büro des »Allunionsobmanns« findet – beigegeben das für ein Gesuch zu verwendende Formularmuster. Der Wegweiser durch Moskauer Fabriken führte mich sodann zum ehemaligen Rüstungsbetrieb Michelson, an dessen Tor Fanny Kaplan danebenschoss. Als Nächstes ließ ich mich vom Wegweiser durch Moskaus Alpträume: Zereteli inspirieren, um anschließend in den Bann des Wegweisers durch das verhinderte Moskau zu geraten – jenes mirakulösen, nichtsdestoweniger lebendigen Teils nämlich, der aus verworfenen oder umgearbeiteten Bauvorhaben der 1920er/30er Jahre besteht. Der Wegweiser durch Moskaus Lasterhöhlen packte mich ebenfalls, wenngleich die Faszination nicht lange vorhielt, Überdruss und Ernüchterung sich sehr bald einstellten. Der Wegweiser über die Sperlingsberge (zum Beispiel: die Geschichte des Roten Stadions, jenes berühmten Propagandaprojekts zu Anfang der 30er und seines Scheiterns; eine Beschreibung diverser Picknicks der Zarenfamilie inklusive Feuerwerk; die Auflistung der an den Uferböschungen heimischen Kleintierwelt; die Geschichte des desaströsen Metrobrückenbaus über die Moskwa 1957) leistete mir beim Joggen vorzügliche Dienste; der Wegweiser durch Moskaus Mythen vermittelte allerlei unglaubliche Geschichten, von denen eine die Phantasie besonders in Anspruch nahm: Das Hauptgebäude der Moskauer Universität sei auf Stalins Geheiß auf einer gigantischen Treibsandfläche errichtet worden, die zuvor durch flüssigen Stickstoff gefrostet worden sei; ein ganzes Sonderregiment sei in den Kellern des Gebäudes damit beschäftigt, die Kühlanlage in Gang zu halten, mit der alles steht und fällt … Mit dem Wegweiser durch Moskaus Kultfilme gelangte ich in jenen Keller, wo der bucklige Anführer der Schwarzen Katze sich vor Kommissar Scheglow versteckt, und fand mich in der ersten Szene der Filmkomödie Pokrowskie Worota wieder, wo der namenlose Motorradfahrer über den Iwanhügel düst, vorbei am Nonnenkloster, das von Jelena Glinskaja aus Anlass der Geburt ihres Sohnes, späterhin bekannt als Iwan der Schreckliche, gegründet ward und in dem einst die falsche Zarentochter Tarakanowa wie auch die Serienmörderin Saltytschicha gefangen saßen.

Bis ich eines Tages begriffen hatte, dass diese Stadt ein lebendiger Organismus ist, der atmet und denkt. Da durchzuckte es mich, wie es nur einen durchzucken kann, der gewahr wird, dass er nicht einfach auf einem Stuhl sitzt oder die Straße langgeht, sondern im Bauch des Leviathans schwimmt. Und da gibt es zumindest zwei Möglichkeiten: Entweder man kneift die Augen zu, und das ein für allemal, oder man versucht hinauf- und hinauszugelangen, um dem Monstrum wenigstens ins Gesicht zu sehen. Wen die Neugier plagt, der wählt Letzteres, so auch ich – zumal dies nun meine Stadt war und erst die zweite in meinem Leben, die ich so nennen durfte. Denn meine Kindheit hat sich an den weiten, menschenleeren Küsten des Kaspischen Meeres zugetragen, und meine Jugend verbrachte ich in den öden Steppen und Hügelländern Kaliforniens.

Völlig klar, dass Städte, sofern sie keinem singulären Hirn entsprungen sind, nicht nach Plan errichtet werden, sondern sich am Geländerelief orientieren: so wie die Bienen sich des Skeletts eines zu Tode gestürzten Tiers bemächtigen, eines möglichst großen, am besten eines Löwen. Becken- und Schädelknochen haben geräumige Gewölbe zum Schutz vor Regen zu bieten, bequeme Ein- und Ausfluglöcher außerdem. (Moskaus Löwen, einschließlich die an Paschkows Haus, haben auffällig kluge Gesichter – ob die Zivilisation wirklich so viel gewonnen hat, den Weg der Primaten zu gehen, anstatt vierzig Millionen Jahre zuvor auf idealkommunistischer Stufe zu verweilen?)

Zum Aufhängen der Waben vom Rückgrat her ist das Gerippe etwas weniger gut geeignet. Der Hohlraum wird mit Hilfe von Hängebögen bezwungen, wie sie Hautflügler zu spannen imstande sind, wobei sie mit dem Wachs noch virtuoser umgehen als wir, die »Könige der Natur«, mit Asphalt und Beton. Auf gleiche Weise bezwingbar muss sich einmal die Wildnis zwischen Presnenski Wal und Grusiny erwiesen haben, indem man zuerst anonyme Schneisen in den Wald schlug, die dann irgendwann zu Querstraßen mit wohltönenden Namen wurden: Rastorgujewski, Kurbatowski und Tischinski Pereulok … so dass sich Simsons altes Rätsel: Speise ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken bewahrheitete, zumal wenn man bedenkt, dass auch wieder jedes Relief sich von Natur aus sukzessive zoophag verhält – dazu geneigt, alles auf ihm Lebende in Schwarzerde oder Sedimentgestein zurückzuverwandeln.

Moskau ist ein simpler, alter Bienenstock, dessen Ringe immer größer werden und sich von dem im Wachs der Zeit erstarrten historischen Kremlplan entfernen. Die Bebauung ist konzentrisch, schmiegt sich jedoch der natürlichen Landschaft – Flüssen, Gräben – an. Meine Streifzüge durch Moskau wurden von einer Episode angestachelt. Unsere Firma hatte die ersten paar Monate nach Filialgründung ein Büro im Souterrain eines Institutsgebäudes am Bolschoi Trjochswjatitelski Pereulok angemietet. Darin machte sich von Anfang an ein unklarer klaustrophobischer Tremor bemerkbar, an dem viele Mitarbeiter zuweilen litten, verstärkt noch durch das gewölbte, meterdicke alte Gemäuer, so dass das Büroleben nicht selten in die umliegenden Straßen und Parks hinausschwappte; bisweilen schien ein normales Arbeiten dort unten nicht mehr möglich. Das Rätsel dieser Komplikation lüftete sich andeutungsweise eines Sonntags, als ich kam, um irgendeine wichtige Sache zu Ende zu bringen, und in der Raucherecke einen Arbeiter traf, der mit der Sanierung des Nachbarraums beschäftigt war. Ich brachte die Rede auf die unerklärlichen klaustrophobischen Anwandlungen; statt einer Antwort griff er in einen Eimer mit Bauschutt und schaufelte eine Handvoll Putzgebrösel heraus. Darin fanden sich gleich mehrere plattgedrückte Bleikugeln.

Details waren nirgendwoher zu erfahren, außer dass in dem Gebäude in den späten 1940ern eine Behörde des Staatssicherheitsministeriums untergebracht war; bei Gelegenheit dieser Recherche brachte ich immerhin einiges über die nähere Umgebung in Erfahrung. Der zweigeschossige blaugrüne Bau des Kindergartens zum Beispiel, der in günstiger Lage auf dem Scheitel des begrünten Hügels steht, den hinauf sich unsere Straße bis zum Pokrowski Bulwar zieht und vor dem man so gut sitzen und aus weiter Brust atmen kann, mit dem Blick hinab auf die Soljanka, die Chitrowka und den von Dächern durchzackten Freiraum dahinter, unter dem der Fluss längs der Kotelnitscheskaja Nabereschnaja dahinströmt – dieser Bau war einmal das Anwesen der Morosows gewesen; im Seitenflügel hatte Sergej Morosow, Kunstmäzen und selbst Künstler aus Leidenschaft, ab 1889 den Maler Isaak Lewitan beherbergt. Wenn ich mir in der Mittagspause die Beine vertreten ging, kam ich auf dem Rückweg öfter dort vorbei und versuchte in dem schiefwinkligen Anbau mit dem blühenden Putz und der bedrohlich überhängenden Gedenkplakette die Retorte des Demiurgen zu erspähen, in der die russische Landschaft gezüchtet worden war.

Moskau schwimmt im Öl. In seinen Strömen, an den sündigen Orten nächtlicher Vergnügung mit ihrem strapaziösen Luxus, baden die Schönen. Die Leiber der Tänzerinnen auf den turmhohen Podesten im Nijinski-Klub glänzen vom Schmer, den der Schoß der Erde gebiert. Moskau schillert, fließt, seine Tektonik ist gewaltig, seine Leidenschaft groß – man muss nur ein Feuerzeug daranhalten, schon brennt sie lichterloh, die Hure, die Herrscherin ist, Skandal, Skandal! – und landet auf der Straße, wo sie hingehört, der Türwächter zerrt sie an den roten Zotteln, gibt ihr einen Tritt, und dann stöckelt sie davon, nicht ohne dem Typen noch eine zu langen, knickt um, fällt aber nicht, flucht lästerlich, wie nur Soldaten fluchen können in höchster Angst, ehe sie losschlagen, schleppt sich über die Boulevards, kriegt es irgendwann satt, sinkt auf eine Bank nieder, lässt sich von einem späten Besoffenen Feuer geben …

Das Berückende am Leben in Moskau ist, wie stumpf es daherkommt und wie versessen auf Neues zugleich; diese bizarre Verwirrung der Gefühle, in die du gerätst, wenn, sagen wir es so, der Psychoanalytiker dich während der ersten Sitzungen in dem Stapel Denunziationen blättern lässt, die ihm dein Unbewusstes geliefert hat. Ich, der diesem Land doch eigentlich fremd sein müsste, ihm allenfalls einmal unglücklich versprochen gewesen durch Muttersprache und Grundschulunterricht, kann mich seinem unverwandten, forschenden Blick ins Herz hinein nicht entziehen.

Überdies bringt Moskau es immer wieder fertig, dich durch paranormale Erscheinungen zu verunsichern. Wie überhaupt in dieser Stadt Karneval und Pogrom, Kleptomanie und Caritas ununterscheidbar sind. Nie ist es mir gelungen herauszufinden, warum ich manchmal frühmorgens auf dem Weg ins Büro zwischen Twerskaja und Gartenring an einer endlosen Reihe von Soldaten vorbeikomme, dazu eine Kette Militärlaster mit ihren einschüchternden Kühlergrillfratzen und Reifenprofilzacken, auch die angehängte Gulaschkanone fehlt nicht, selbstverständlich dampfend. Dieser absurde Anblick zu früher Stunde, noch ehe die Sonne über die Giebelkante gestiegen ist, das Sonnenlicht nur auf einer Straßenseite über die Steildächer gestreut und in den Fenstern der oberen Etagen flammend, die geschlossene Fassadenreihe zum Kreml hinunter beziehungsweise hinauf zur Neglinnaja wie der gezähnte Abdruck einer über den Meeresboden kriechenden Molluske. (Beton ist auch bloß Kalkstein, vergeht aber langsamer.) Die Soldaten, in grobe, schlecht sitzende Feldmäntel gesteckt, Pubertätsspeck in den verstörten Gesichtern, mit weichem, zutraulichem oder gehetztem Blick – im Grunde noch Kinder – und dem Funken Neugierde von Provinzbuben, die an kurzgehaltener Leine auf Klassenfahrt in die sagenumwobene Hauptstadt gekommen sind. Den Kopf lässig zwischen die Schultern gezogen, ohne militärische Haltung – die Rücken straffen sich eilig, wenn der Kommandeur in die Nähe kommt, ein blonder Bulle, der jedem Einzelnen mit wortloser Strenge ins Gesicht stiert. Solche Blicke ernten ungezogene Kinder von ihren despotischen Eltern, wenn sie bei fremden Leuten zu Besuch sind.

Ich bin schon genug im Lande herumgekommen, um erfahren zu haben, dass das Leben in Russland wie ein Stehen am Abgrund ist, wo man, den Hals vorgereckt, sich den freien Fall ausmalt und zugleich den festen Boden unter den Füßen aus einer Höhe von sechs Fuß und drei Zoll peinlich im Auge behält. Ob nun ein unerklärliches Heimatgefühl mich durch die Fenster meiner Wohnung anhauchte oder sich das große Nichts Tausende Meilen tief unter den Flugzeugflügeln dehnte – ich lebte auf dem Grat, Auge in Auge mit diesem so anmutigen und so grobschlächtigen, so rabiaten und so rührseligen, schranken- und hoffnungslosen Land, lebte in ihm und doch nur so, dass ich mit Stirn und Händen entlangwischte an einer dünnen Scheibe aus geistiger und emotionaler Sterilität, Nicht-Verstehen-Wollen. Manchmal kam ich mir vor wie ein Einfaltspinsel, den Freunde mit auf die Jagd genommen haben, wo er sich schnell langweilt und lieber spazieren geht, natürlich dahin, wo man nicht darf, prompt angefallen wird vom wilden Tier und hat keine Waffe dabei.

Der Geruch von Erdöl ist das Aroma meiner Kindheit. Mein Vater gehörte zu denen, die es aus der Erde holten. Der Schulweg führte vorbei an einem Wald aus Bohrtürmen, Tiefpumpen, Rohrleitungen und schwarzen Tankzylindern inmitten einer wüsten Insel, und dahinter lag das Meer. Und als mir klar wurde, dass Moskaus neue »Entfesselung« mit der Idee des Erdöls zusammengeht, interessierte es mich nicht länger. Ich hörte auf, mit Freunden durch die Clubs zu ziehen, verkaufte meinen Stammplatz in der Fünf-Personen-Loge des Nijinski weiter – worauf die Stadt sich in ihrer ganzen Weite auftat, ausbreitete unter den Sperlingsbergen – für mich.

Was hätten meine Eltern dafür gegeben, nach Moskau zu ziehen oder immerhin in seine Nähe, überhaupt nach Russland zu gehen! Mutter erzählte gern davon, wie sie in ihrer Jugend einmal in Leningrad gewesen war – und ich lauschte ihr verzaubert, suchte mir die weißen Nächte vorzustellen, Peterhof, die Kasaner Kathedrale, die Eremitage. (Einen Bildband über diese Stadt gab es bei uns zu Hause nicht, dafür die vierbändige Kleine Kunstgeschichte, deren SchwarzWeiß-Reproduktionen meine Netzhaut sorgfältig abgescannt hatte.) Abşeron erschien meinen Eltern als ein Grab – sonnig zwar und ans Herz gewachsen; beide waren sie dort geboren und groß geworden. Ohne ihren Traum hätten sie es noch schwerer gehabt. Der Vater träumte davon wegzugehen, fuhr immer einmal wieder zu Freunden nach Stawropol oder ins Moskauer Umland, eruierte die Möglichkeit eines Umzugs dorthin, erfolglos. Mit der Emigration lösten sich all diese Ideen in Luft auf. Und also musste ich kommen und das Versäumte nachholen. Ob darin ein tieferer Sinn steckt? Ich weiß es bis heute nicht. Habe kein Zuhause, schlage nirgends Wurzeln, nur im Unterwegssein kann ich mich spüren.

Die goldenen Zeiger der Uhr am Erlöserturm sind es, zu denen ich von Dienstreisen heimkehre. Reisen an weit auseinanderliegende Orte, in Gegenden, wo die Bevölkerungsdichte niedriger scheint als in der Sahara. Die Lagerstätte Wankor zum Beispiel: zuletzt drei Stunden mit dem Hubschrauber in die Turuchansker Taiga hinein, diesiges Morgengrauen, verrottendes Baugerät inmitten der Ödnis, wie Reste einer ins schwarze Loch gestürzten außerplanetarischen Fregatte; blau-gelbe Spezialkleidung, die Visage dick mit Vaseline eingeschmiert, Eisnadeln am Kolben des Spiritusthermometers, Reifperlen im Bart und am Kapuzensaum, ringsum bis zum Horizont Bohrtürme und nichts sonst, Taiga in kärgster Form, ein geschundener, ja, geschändeter Ort: die wenigen übriggebliebenen Fichten oft mit abgeknicktem Wipfel, dazu vereinzeltes Gesträuch und Bultenlandschaft, deprimierende Weite, die nur dadurch bemerkenswert ist, dass man den höchsten Punkt im Gelände, sagen wir, die Spitze eines Bohrturms erklettern könnte, ohne dass das Auge etwas anderes zu sehen bekäme als das, was man vor der Nase hat, und auch ein mehrstündiger Flug in beliebige Richtung änderte nichts. Oder nehmen wir die Siedlung Gubkinski: Fliegt man im Sommer dorthin, fragt man sich, wo das Flugzeug landen will, da im Labyrinth der vom antauenden Dauerfrostboden gefluteten Reliktenseen keine Landebahn zu entdecken ist; im Winter stundenlange Fahrten im Raupentransporter über den vereisten Sumpf. Oder Sachalin: Ohne das berühmte Pawlowski-Netz (sieht aus wie ein Stück Fischernetz, die Maschen einen halben Zoll groß, getränkt mit DEET