Der Pfad von St. Mephis - Robert Grains - E-Book

Der Pfad von St. Mephis E-Book

Robert Grains

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Beschreibung

Kurz nachdem Xaver von Mephis im Auftrag einer verschworenen Gemeinschaft mit einem Fragment des Invasionskometen aus Ägypten zurückkehrt, überschlagen sich die Ereignisse. Infolge einer Wallfahrt auf die Sanktuariumswelt des raubtiergesichtigen Seuchenherdregenten des dritten Tores wird die Wochenendplanung des kuriosen Gentlemans über den Haufen geworfen; das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Die Kurzgeschichte "Heiliges Wochenende" bildet in angepasster Form die Einleitung dieser bisher längsten okkult-fantastischen Erzählung von Robert Grains. "Der Pfad von St. Mephis" spinnt die Ereignisse rund um jenen blaublütigen Protagonisten weiter, den die geneigten LeserInnen für einige äußert merkwürdige Tage auf abwechslungsreichen irdischen wie auch schwer zugänglichen und nicht immer geraden Daseinspfaden sowie darüber hinaus begleiten. Stets befindet man sich in guter Gesellschaft illustrer Persönlichkeiten, zugleich nebst Schöngeistigem auch subtil Bedrohliches, Schattenhaftes zwischen den Mauern des alten Chateaus zu wirken scheint. Als Beschaffer und Verwahrer seltener okkulter Antiquitäten im Auftrag einer exklusiven Gesellschaft und Autor in Personalunion, hat XvM natürlich die ein oder andere Geschichte zu erzählen. Der wehrhafte Aristokrat bewohnt eine eigene Welt exklusiver Verbindlichkeiten und da er der Allgemeinheit wenig verbunden ist, gebiert seine exterritoriale Sicht auf das Wuseln jener bloß zum Zwecke des Frondienstes Gezeugter religionsfeindliche, gesellschaftskritische Schwärmereien – immerhin weiß er, wovon er schreibt. Eigentlich liest sich das doch alles ganz apart, doch der der Einfluss einer sinistren Macht hält an - auf die Menschheit im Allgemeinen und im Besonderen auf jene, die ihre Geheimnisse zu enträtseln suchen … Die Invasion der Einnistlinge hat bereits stattgefunden. Es kommt der Moment, da sich der Protagonist fragen muss, wozu er bereit ist - nicht bloß um eines vergänglichen Vorteils, sondern um seiner schieren Existenz willen.

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Der Pfad von St. Mephis

Robert Grains

sic luceat lux

DER WEG DER WALLFAHRERIN – DER PFAD DES PILGERS

SAMSTAG

SONNTAG

MONTAG

DIENSTAG

MITTWOCH

DONNERSTAG

IMPRESSUM

»Wahrlich, in der Gottesferne lastet grimm, tolldreist und schwer die Finsternis, selbst auf den Schultern jener, die aus Schatten und Leid geboren sind …«

SAMSTAG

Obwohl es noch recht früh am Tage war, schienen die subtilen Schwingungen jener Umgebung auf geheimnisvolle Weise den ewig finsteren, bloß schwer zugänglichen Gefilden saturnischer Noblesse zu entströmen. Eine Empfindung, die durch das dubiose Flair der menschenleeren, von einem offensichtlich jüngst vergangenen Regenschauer benetzten Bürgersteige nicht gerade gemindert wurde. Das vermüllte Parkdeck hatte ich hinter mir gelassen und in wenigen Minuten würde ich die Praxis jener mir empfohlenen Hypnosetherapeutin erreicht haben.

Ich passierte die Ortsmitte und überquerte den Marktplatz einer unvertrauten Kleinstadt. Der flache Turm einer gotischen Kirche behauptete sich knapp inmitten eines Nestes hochaufragender kalkweißer Gebäude zeitgenössischer Bauart; die Formen ihrer dreifach verglasten Fenster erinnerten an Schießscharten betongegossener Bunkeranlagen an einem Strandabschnitt. Der Klang des Angelusläutens blieb aus und ich bemerkte eisige Windhauche, die sich meinem Gang durch die engen Gassen anschlossen und dabei waren, sich frostig an mein Gesicht zu schmiegen. Sie fanden ihre luftigen Pfade wohl gemeinsam mit den schwarzblauen Wolkenformationen, die ein aufziehender Sturm von Osten kommend herantrieb und deren beeindruckende Ballung ich nun durch eine als ungewöhnlich empfundene Lücke in der Bebauung zu meiner Linken sichtete. Im Schatten jenes ominösen Wetterphänomens, entlang eines dichten Waldgebiets, offenbarte sich eine den Horizont durchziehende Kolonne zyklopischer Windkraftanlagen, auf deren unstete Silhouetten sich ein bleierner Nebeldunst wie zu einer schicksalshaften Vereinigung herniedersenkte. Kälte dominierte die verlassenen Straßen, zugleich starke Böen und einsetzender Nieselregen meine Schritte antrieben, ihnen Eile verliehen. Da vorne, hinter der Kurve, musste sich das Ziel befinden. Ja, was auf den ersten Blick an eine Postfiliale mit gelb funkelnder Werbetafel erinnerte, war tatsächlich die Praxis ebenjener auf die alternative Behandlung von Potenzproblemen spezialisierten Therapeutin.

Ich schüttelte die Nässe von der Kleidung, nahm den Hut ab und trat ein. Von der anderen Seite der Rezeption aus, an einem Laptop sitzend, fokussierte mich eine zierliche Blondine mit scharf konturiertem Gesicht und komplexer Flechtfrisur. Sie ließ die Oberlider ihrer zimtbraunen Augen hoch- und runtergleiten, starrte wie lobotomiert durch mich hindurch.

»Guten Tag, mein Name ist Xaver von …«

»Huch! Oh, hallo. Ja, schönen guten Tag! Wie bitte?«

»Ähm, wir haben telefoniert.«

»Neee, nich’ das ich wüsste. Nö, nö!«

»Dann habe ich sicher mit Ihrer Kollegin gesprochen?«

»Ach, jo, das kann sein! Hm, durchaus möglich. Das ist ein Wetter, was?«

»Ja…, und?«

»Die Tasha ist heute nicht da, kommt auch nicht mehr rein. Is’ auf Fortbildung.«

»Soso. Also, vielleicht könnten Sie …«

»Ach, was soll denn das rumgeeier, hihi! Raus damit: Zu viel oder zu wenig?«

Sie ließ die Sitzfläche ihres Bürostuhls gegen den Uhrzeigersinn rotieren, um sodann, die bunt lackierten Fingernägel wie eine Starpianistin in Richtung der Tastatur streckend, den Kopf in den Nacken werfend, hinzuzufügen: »Möglicherweise gar nichts mehr! Finito, was?! Hihi!«

»Äh, nein, nein! Schon ersteres, gute Frau, schon ersteres.«

Sie bat mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Augenscheinlich war ich der einzige Hilfesuchende. Hut, Schal und Wollmantel hängte ich an die Garderobe und ließ mich in einen der zahlreichen Kunstledersessel sinken. Durch ein Rundfenster drang schwindendes Tageslicht in den dämmrigen Raum. Ja, ohne Frage war ein Unwetter über die Kleinstadt hereingebrochen. Die Suche nach dem Lichtschalter ersparte ich mir, und so blieb die Leuchtstoffröhre an der Decke tot, während auf niedrigen Lacktischchen platzierte surreale Neonflamingos mit Batteriebetrieb violett funkelten – geradeso ausreichend, um zu lesen. Ich hatte mich direkt neben dem obligatorischen Zeitungsstapel niedergelassen, kramte nach dem Zufallsprinzip ein Magazin hervor und schlug es auf. Mal sehen: Werbung, als Beitrag getarnte Werbung, Hochglanzfotos von Weinflaschen. Das Interview mit einem »erfolgreichen Unternehmer« namens Schmidt. Was für ein Foto. Muttis und Molochs Bester, ein hochgewachsener Maßanzugträger Anfang fünfzig mit Koboldvisage und einem tückischen Ausdruck dunkler Murmelaugen, der strafrechtlich relevante Vorlieben indizierte. Ich überflog die Zeilen. Frage: »Was raten Sie einem jungen, motivierten Menschen?« Antwort: »Seien Sie stets der Beste, übertrumpfen Sie alle anderen!«

Eigentlich eine pathologische Geisteshaltung, doch endzeitbedingt en Vogue. Mit jener Parole war natürlich nicht das ritterliche Messen im Sinne höherer, der gesamten Schöpfung dienender Ideale gemeint, o nein. Sie stellte vielmehr eine Chiffre, einen Code für rücksichtsloses Verhalten, Vorteilsstreben und das Streuen von Intrigen dar. Tja, was auch immer im Jenseits stirbt, wandelt fortan in menschlicher Gestalt umher – unter anderem, wohlgemerkt. Gelangweilt legte ich das Magazin zurück auf den Stapel der im Neonschein schmierig schimmernden Prospekte und Zeitungen. Aufgrund des Mangels an Gesellschaft unterdrückte ich ein indezentes Gähnen nicht und … Tack. Tack. Tack.

Eine Uhr. Ich hatte ihr metallisches Schlagen zuvor nicht bemerkt, stand auf, positionierte mich vor der auf Kopfhöhe an der Wand angebrachten Apparatur aus getöntem Glas und inspizierte ihr hochwertiges Ziffernblatt. Der silberne Sekundenzeiger war erstarrt, doch sein Bewegungsgeräusch hielt an – sonderbar. Ich spähte aus dem Wartezimmerfenster: was für ein Sturm! Die Straßenlaternen waren infolge des Aufruhrs der Elemente angeschaltet worden, wankten sichtlich, zudem sich Regenwasser gefährlich steigend auf dem Asphalt sammelte. Halt, was war das? Ein unerwarteter Geruch, eine ozonartige Aufladung der Luft?! Rasch trat ich aus dem Zimmer und vor die Rezeption. Sie schien aufgegeben, der Bürostuhl der Empfangsdame rotierte eilig verlassen. Regen und Wind geißelten die Praxis; ein Tosen übertönte jedes naturfremde Geräusch, während die Äste einer Buche aggressiv gegen die Fensterscheiben drückten. Doch dieser Geruch! Er war mir vertraut, zog mich an. Wie ein Spürhund stellte ich dem beißenden Odeur nach, folgte ihm entlang eines gelbgestrichenen Flurs in Richtung weiterer Räumlichkeiten. Da, der Eingang zu einem Büro stand zur Hälfte offen. Es musste das Sprechzimmer der Hypnosetherapeutin sein. Ich tastete mich vor, drückte die Tür vollends auf und …

Oh! Klar, so etwas hatte ich bereits vermutet! Geschwind eilte ich zurück ins Wartezimmer. Das Unwetter war definitiv dabei, eine zerstörerische Form anzunehmen. Ohne Frage würde die Gewalt der Elemente schon bald die Fenster hinter der Rezeption überwunden und alles unter Wasser gesetzt haben. Das grelle Leuchten eines Blitzes drang in das Gebäudeinnere, woraufhin sich ein brutaler Donner in der Höhe des Luftraums krachend entlud; der Dachstuhl rumorte, das Fundament der Praxis bebte. Gesellten sich da nicht Klagelaute und Schreie dem Orkan und dem sintflutartigen Prasseln des Regens bei? Aber ja, gewiss doch! Schnell befreite ich die Garderobe von meinen Utensilien, zog den Mantel an, den Hut auf, warf den Schal um den Hals und spurtete zurück zum Sprechzimmer der Therapeutin. Madame schwebte einige Handbreit über dem Fußboden, ihre Gliedmaßen zappelten äffisch, drehten sich grotesk um dreihundertsechzig Grad. Präziser formuliert war das, was augenfällig von ihr übrig geblieben war, durch eine unvorhersehbare Realitätskrümmung in einen kaum verständlichen Zustand übergegangen – halbtransparent, phasenverschoben, unwiederbringlich verloren. Wo sich einst Kopf und Torso befanden, klaffte nun ein violett flirrendes Portal schwärzester Provenienz. Raum und Zeit folgten in Form funkengleicher Ansammlungen lichter Partikel dem strahlenden Sog in das Innere der Weltenpforte, und auch ich nahm Anlauf! Heißt es nicht in der Heiligen Schrift: »Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe«?

Ach, das hatte geradeso funktioniert! Umgehend raffte ich mich auf, richtete die Kopfbedeckung, klopfte den Mantel ab, straffte seinen Sitz am Revers und legte mir den gelockerten Schal einer Stola gleich über die Schultern. Aha, da schau an, ganz offensichtlich war der Altar vor mir frei! Niemand verrichtete Gebete oder brachte Opfergaben dar. Ein seltenes, vorzügliches Glück, und so ging ich zwanglos auf den polierten Quader aus fremdweltlichem Gestein zu. Des Portals magischer Glanz strahlte, meine Gestalt mit einer fragwürdigen Mandorla umfassend, über den besudelten Marmorboden hinweg, und während eine derbe Duftkomposition aus gemartertem Fleisch und kochenden Exkrementen die ascheschwangere Luft durchzog, ließ er die Schatten sorgsam aufgetürmter Gebeine von äthergezeugtem Lichte angerührt tanzen.

Frohlocket – welch ein mondäner Anblick! Dieses in Schwarz- und Rottönen lodernde Firmament, dieses Trommelfeuer türkisgrüner Blitzbündel. Dort, sehr weit oben: die beiden ausgehöhlten Spektralsonnen von Thie'lyth. Ja, jawohl, und da unten?! Ein sich meilenweit erstreckendes technomagisches Konstrukt. Es atmete, pulsierte, lebte. Ahh, ebenda quoll Er vor sich hin, umgeben von den in Folge unmessbarer Zeitalter aufgeschichteten, altarbestandenen Stockwerken dieses Freilichttempelkomplexes, inmitten seines oktogonal geformten, schäumenden Blutbassins: Der wiehernde Tentakelbock, der schleimemanierende, raubtiergesichtige Seuchenherdregent des dritten Tores! Lediglich aus dem Augenwinkel nahm ich Notiz von seinen den Geist strapazierenden Regungen und … Da, irrwitzig schnell, für den Bruchteil einer Sekunde, durchzuckte eine apokalyptische Vision meine innere Sicht Ich sah eine kosmische Anomalie, wie sie in Form eines präzedenzlosen Unwetters auf einen erdähnlichen Planeten niederging, um sich schon bald als die Behausung eines gigantischen Monstrums zu offenbaren. Diese tolldreist glotzende, wölfische Fratze, dieser ewig weite, wurmartig gekrümmte Knorpelleib … Eine Bastardmischung aus Tausendfüßlerfleisch und blasphemischen Molluskenfortsätzen unaussprechlicher Gattungsnamen! Eine jede fellüberzogene Fleisch- und Gewebeansammlung des in mehrere Abschnitte unterteilten Bestienkörpers stellte einen sich selbst organisierenden Mikrokosmos aus Augen, Schleim, gebleckten Reißzahnmäulern und Fangarmnestern dar. Das Unaussprechliche umspannte bereits mehrere Kontinente, als sich aus brodelnden, von Elmsfeuerkanonaden durchzuckten Chaoswolken inmitten der kollabierenden Biosphäre Unmengen titanischer Tentakel scheußlich abwärtsschlängelten, um aus ihrem Inneren wiederum Myriaden zitternder Insektenbeine fächergleich in die Umgebung zu entlassen. Meine Güte, ein jedes dieser zahllosen stelzenden Glieder endete in einem messerscharfen Schinderwerkzeug aus Chitin, einzig und allein bestimmt für die Ausmerzung jedweder Hirnmasse auf der Oberfläche jener todgeweihten Welt.

Die Vision brach ab. Pah, ich wurde langsam wirklich zu alt für sowas! Wer konnte schon sagen, wie tief die blasenschlagende Behausung des abgetriebenen Kosmostierchens da vor mir in die Abgründe dieser finsteren Sanktuariumswelt hinabreichte? Wer vermochte über jeden Zweifel erhaben zu prognostizieren, wann und wieso es sich einst erheben und in den Weltenraum aufbrechen würde? Ich stützte die Ellenbogen auf die verzierte Blutrinne des Altars und ließ meinen Blick entlang des oberen Teils der Szenerie schweifen. Sodann erregte die Schau Unmengen prächtig gewandeter Pilger aus den exotischsten Winkeln der multidimensionalen Schöpfung mein Gemüt auf eine wohltuendere Weise. Sie alle brachten Opfergaben dar, schlitzten Kehlen, durchbohrten Fleisch, lobpreisten. Prozessionen kuttenverhüllter Wallfahrer, goldene Standarten aufrichtende Emissäre der geheimen Bünde Ordnungen. Dazwischen grazil wirbelnde Devadasis, vor absonderlichen Früchten kosmischer Ernten überquellende Füllhörner wie Königsschlangen präsentierend, und darüber, das lodernde Himmelszelt erfüllt von den Kohorten der ersten Pulsare. O ja, und auch ich wollte ein Opfer bringen, nun, da ich schonmal vor Ort war. Auf dass eine glotzäugige Hülle für mich bereitstehe, wenn ich meinen irdischen Leib einst endgültig abstreifen sollte! Zwar steht geschrieben: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!«, doch weder hatte ich solche zur Hand noch war Vergleichbares für mein Begehr vonnöten, und so beabsichtigte ich vielmehr, dem zaubermächtigen Gezücht etwas von mir zu geben: meine Essenz, feuriges Fluidum, auf diesem Altar, etwas Potentes! Doch zuvor betete ich an, huldigte ich der grimmen Präsenz des chimärenleibigen Wolfskopfarchonten. Ich nannte seine siebenundzwanzig geschlachteten Namen, bellte die geheimen Anrufungen in der uralten Sprache, und dann, ja, oh …

Was? Hmm … Ach! Ganz offenbar … Ja, ganz offenbar war ich soeben erwacht! Vor lauter Wonne musste ich gegen Nachmittag am Schreibtisch vor dem Laptop sitzend eingenickt sein, und nun mehrte sich draußen bereits die Dunkelheit. Dunkelheit? Moment mal, ich würde doch nicht etwa?! Wieviel…? Ich knipste die Bankerlampe an, kniff die Augen zusammen, spähte zum Regulator. Wieviel Uhr war es? 18:27 Uhr. Gut, ich hatte die Ziehung der Lottozahlen also nicht verschlafen! Wie erwartet, ein verheißungsvolles Wochenende zurück in der Heimat, und nun hatte es mir zu allem segensreichen Überfluss auch noch den Pfad durch eine Pforte inmitten der feinstofflichen Gefilde der Oneiroi gewiesen. Einen handgebrühten Kaffee plus zwei Zigaretten später war mein Verstand erneut geerdet und alsbald mit gewöhnlicheren Eindrücken sowie Erinnerungen befasst.

Kurz nachdem Juna und ich aus Ägypten zurückgekehrt waren, hatte mich eine sonderbare Nervosität befallen, und diese erwies sich trotz des jüngsten Nickerchens und anderer Kontermaßnahmen als äußerst hartnäckig. Doch wollte ich mir die Laune nicht verderben lassen. Den gesamten Tag über hatte ich eine besondere Magie verspürt, eine stimulierende Schwingung aus unsichtbaren Bereichen, die das alte Gemäuer gnädig durchschwebte. Besagter Einfluss hielt an, beinahe so, als konzentriere sich die gesamte Energie des Universums an diesem abgelegenen Ort, und darum, mit Ausnahme einer kurzen Wanderung durch das angrenzende Waldgebiet, dessen wohlvertraute Landschaft zweifellos in Abwesenheit der Kosmischen Schatten geformt worden war, verweilte ich zu Hause; zufrieden ob des jüngst hinter mir liegenden Einsatzes, das Relikt, welches der Orden schon seit Ewigkeiten begehrte, im Erdgeschoss sicher verwahrt wissend, entspannt und zugleich voller Vorfreude.

Jene einsame, knochige Eiche am Waldrand ging mir unterdessen nicht aus dem Kopf. Die von bernsteinfarbenen Lichtpartikeln in glimmende Schwingungen versetzten Grüntöne ihres flaumigen Gewands aus Moos, die erdfarbenen Nuancen des ewig gütigen Waldbodens, dazu der besondere Kontrast des cyanblauen Firmaments. In wessen Museum moderner Machenschaften vermochte man Vergleichbares zu finden? Wie auch immer … Ich war zuversichtlich, dass das Schicksal heute Großartiges für mich bereithalten und schon bald entschleiern würde. Die Post harrte seit dem Vormittag ihrer Sichtung. Mal sehen: Gefaltete Flyer mit Anpreisungen bald erscheinender Auktionskataloge – Müll! Die Wurfsendung eines Automobilclubs – Müll! Oh, ein hübsch frankierter Brief aus Port-au-Prince. Hatte Papa Sunday unseren windigen Oberbürgermeister also endlich mit einem Fluch belegt? Ich stellte mir vor, wie der Interessenvertreter schwitzend seinen Kontostand studierte, eine blaue Krawatte strickgleich um den Hals gelegt? Dabei würde er ein Bein nachziehen, seine rosige Klassensprechervisage blass wie ein Tagmond. Instantane Multiple Sklerose? Madennester in den Nieren? Vielleicht Glassplitter im Herzbeutel?! Herrje, ich war neugierig. Versicherte der Nazarener nicht, dass man erntet, was man sät? Was sprach also dagegen, die Rolle des Vollstreckers bei der Durchsetzung dieses Gesetzes mit kosmischer Gültigkeit zu übernehmen, dessen Anwendung etwas zu beschleunigen? Wahrlich, auf dass die Ausläufer fegefeuergezeugter Brandorkane bereits in dieser unserer Wirklichkeit, dem Freilichtirrenhaus Erde spürbar würden. Also sicher die Rechnung für jene Dienstleistung … Ich beabsichtigte, später hineinzuschauen. Merci, Sorcier Vaudou. Was war da noch? Ein Schreiben aus einem texanischen Todestrakt. Ich genoss diese Art der Brieffreundschaft, sparte mir ihre Kultivierung für einen aparten Nachtmoment bei einem Glas Sherry auf. Zu guter Letzt? Ah, jene karitative Einrichtung, die ich seit ein paar Jahren finanziell unterstützte, schickte wohl wieder mal einen kitschigen Kalender im Kindergartenstil oder eine ähnlich pseudosentimentale Geschmacklosigkeit – Müll! Wobei, dieser Umschlag war verdächtig flach. Ich öffnete ihn und entnahm das schiefgefaltete Schriftstück:

»Sehr geehrter Herr von Mephis, diese Zeilen verfasse ich mit enormem Bedauern und es soll nicht unerwähnt bleiben, dass mir das Aufsetzten dieses Briefes große seelische Schmerzen bereitet.

Ich habe mich noch nicht von dem Schock erholt, der mir in Mark und Bein gefahren ist und der mich wohl für den Rest meines Lebens in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung begleiten wird. Sicher können Sie sich an dieser Stelle bereits denken, dass etwas mit Alexander geschehen ist. Seit vier Jahren nun sind Sie im Zuge des internationalen Förderprogramms Kind Man For Mankind sein Pate und dank Ihrer regelmäßigen finanziellen Zuwendungen und der Betreuung durch die Fachkräfte unserer Einrichtung, vermochte er das Leben trotz diverser Handicaps einigermaßen zu bestreiten. Es passierte vor zwei Wochen. Für den damaligen Montag hatten meine Kollegin und ich einen Ausflug mit Alex geplant. Wir beabsichtigten, etwas gegen seine nach wie vor stark ausgeprägte soziale Phobie zu unternehmen, ihn nach Möglichkeit etwas an den Trubel auf den Straßen zu gewöhnen, der ihn nach wie vor überforderte und traumabedingte Angstneurosen triggerte. Es sollte ein gemütlicher, spaßiger Einkaufsbummel durch die Altstadt werden, keine zehn Minuten von der Außenwohngruppe entfernt. Mein Gott, während des vorangegangenen Wochenendes war Alexander so aufgeregt gewesen; seine Stimmung schwankte von ängstlich verstört bis freudig erregt. Er sprach von nichts anderem mehr.

Besagter Montag, 11:30 Uhr. Wir hatten unserem gemeinsamen Schützling kurz zuvor einen Becher Bananeneis mit Sahne gekauft und warteten vor dem Schaufenster eines Spielwaren- und Kostümladens bis er den Schmackofatz gelöffelt hatte. Ich weiß, Sie haben das Schleckermäulchen nie persönlich kennengelernt, erhielten lediglich quartalsweise einen entsprechenden Statusbericht, doch glauben Sie mir, wenn ich Ihnen schreibe, dass Alexander trotz seiner 28 Jahre das Gemüt eines Kleinkindes besaß und jene seltenen Augenblicke dementsprechend genoss. Seine Ängstlichkeit schien auf wundersame Weise verschwunden, und bald schon betraten wir das Geschäft. Vor allem die Kostüme hatten es ihm angetan, und ohne Unterlass lag er meiner Kollegin damit in den Ohren, dass solch fantastische Gewandungen, wie er sie nannte, doch bestimmt das Richtige für die nächste Karnevalsfeier in der Wohngruppe seien. Er malte sich aus, welches Kostüm zu welcher Person passen würde, dann sah er es und hängte sofort sein ganzes Herz daran: das Gewand eines Detektivs der viktorianischen Ära. Ein Mantel mit Cape, dazu eine Weste und die entsprechende Kopfbedeckung, komplett mit Karomuster. Unvertraut energisch bestand der junge Mann darauf, die Verkleidung anzuprobieren, und schon bald posierte er schmunzelnd, wie Sherlock Holmes, die dazugehörige Pfeifenattrappe in der Hand. Er war so glücklich!

Dann geschah es. Wohlgemerkt ging alles überaus rasch vonstatten und einige Details scheinen nach wie vor unter den Trümmern meiner humanistischen Weltanschauung im Unterbewusstsein begraben zu liegen. Zwei Gestalten mit Sturmhauben, Nietenlederjacken und dunklen Armeehosen stürmten das Geschäft, brüllten draufgängerisch. Ihre Aufmerksamkeit blieb vorerst auf den verstörten Ladenbesitzer gerichtet und mit vorgehaltener Maschinenpistole zwangen sie ihn zur Herausgabe eines mickrigen Barbetrags. Während einer der Gangster erwähnte Handfeuerwaffe trug, schwang sein Kumpan eine rostige Streitaxt. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in eine vergleichbare Situation geraten sind. Falls ja, so ist Ihnen bewusst, dass man dazu neigt, dermaßen beängstigende Augenblicke in einer Art Trancezustand zu durchleiden. Auf jeden Fall bewegten wir uns instinktiv in den hinteren Bereich des Geschäfts. Eine der beiden Gestalten glotzte wild umher, und über Regale spähend trafen sich plötzlich unsere Blicke. Mit wenigen Schritten waren die beiden dunkel Maskierten bei uns, stießen dabei Kartonpyramiden aus Spielwaren um und wirkten nicht zuletzt aufgrund ihrer unverhältnismäßig schweren Bewaffnung überaus einschüchternd. Ich gab meiner Kollegin zu verstehen, sie solle ohne Widerworte ihr Portemonnaie rausrücken. Alexander hielt zitternd seine Detektivpfeife umgriffen. An dieser Stelle muss ich leider die Worte wiedergeben, die jene Verbrecher wechselten. Just als sie unsere Geldbörsen eingesteckt hatten, deutete der axtbewehrte kleinere der beiden mit dem Kinn auf Alex. Ey, ey, was ist denn mit dem da, was’n das für einer?! Deeskalierend wollte ich vermitteln, doch der Leitwolf, ein Kerl von der Statur eines Preisboxers, stieß mich zur Seite, baute sich vor Alex auf und bellte: Schnauze, du Mistsau! Das ist … He, Jung’, das ist ein verdammter Detektiv! Ein Schnüffler mit Pfeife! Der wird uns nachstellen! O Mann, der bekommt raus, wer wir sind!

Was darauf folgte, war die gnadenlose Vernichtung unseres Schützlings. Sie zwangen ihn niederzuknien, und ohne Rücksicht auf sein enthemmtes Kreischen beendeten sie seine Existenz. Unter der ohrenbetäubenden Entladung eines vollständigen Maschinenpistolenmagazins bebte und zuckte Alexanders Körper wie von züngelnden Blitzbündeln elektrisiert. Blasenschlagendes Blut und dampfende Innereien quollen durch klaffende Wunden und glimmende Löcher im karierten Gewand ekelerregend in die Sichtbarkeit. Sherlock war tot. Dieser Gestank, dieser traumatisierende Anblick, scheußlich! Doch nicht genug, nein, denn daraufhin machte sich der Axt-Metzger daran, Alexanders leblosen Leib fein säuberlich zu zerteilen. Hände, Arme, Füße, die Beine! Sein Kopf! Selbst die Pfeife wurde gespalten! Die Kriminellen spuckten fluchend aus: Dreckiger Schnüffler! Pah, komm uns nicht in die Quere, sonst gibt’s ‘ne Schlachtung. Ja, Jung’, Blei und Stahl, Blei und Stahl, yeah!

Dann zogen sie ab. Das Erscheinen von Polizei und Rettungskräften besaß wie so oft rein symbolischen Charakter. Meine Kollegin hatte sich nach dem Vorfall vorsichtshalber in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, und auch mir geht es sehr schlecht. Ich hoffe, Sie mit diesem Brief nicht verstört zu haben, selbst wenn es naheliegt, dass diese Erwartung vergebens ist. Ich empfand es als meine Pflicht, Sie von jenem tragischen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Bitte bleiben Sie uns gewogen. Mit freundlichen Grüßen …«

Oha! Ich las den Brief zweimal, und ja, es befanden sich definitiv zu viele unregistrierte Waffen im Umlauf; vor allem in den Händen dubioser Gestalten. Gut, etwas merkwürdig mutete die Geschichte schon an. »Schmackofatz …« Pah! Ich würde beizeiten antworten und …

– Ring –

Das Telefon, es klingelte! Sein Display meldete schwarz auf grün: Anonymer Anruf. Kurz vor der Abreise nach Nordostafrika hatte ich mir das Geld für sage und schreibe fünf Lottoscheine bei einer Freundin zusammengeschnorrt und somit dreihundertsechzig Zahlen online getippt. Gewiss hatte St. Expeditus meine dringlichen Bittgebete erhört – er oder was auch immer sich hinter diesem Pseudonym und dem mit Heiligenbildchen sowie roten Wachskerzen dekorierten Altar, den ich im Wintergarten der Anlage errichtet hatte, verbarg. Zwanghaft hatte ich ihn reingehalten und auch mit Opfergaben nicht gegeizt, suchte ich doch die Tatsache zu überwinden, dass mein Lebensstil bloß dank der Zuwendungen unserer verschworenen Gemeinschaft gesichert werden konnte. Gut, mit dem Verschieben von Antiquitäten und dem Verfassen von Kurzgeschichten für einen überschaubaren Kreis von Ästheten verdiente ich mir etwas hinzu. Dennoch, es war Zeit für den Jackpot! Die Vorfreude auf die unmittelbar bevorstehende samstagabendliche Ziehung, auf eine zukünftige Prachtexistenz als okzidentaler Maharadscha musste meine Entschlossenheit, solch dreiste Anzapfungen zu ignorieren, empfindlich geschmälert haben. Ich nahm den Hörer wider besseres Wissen ab, um mich mit einem gönnerhaften »Ja, bitte?« zu melden.

»Hmm … Xaver, bist du’s?!« O nein, ich kannte diese arrogante Stimme mit ihrem phlegmatischen Klangmuster, diese Missgunstdiktion eines unmöglichen Menschen! Seit Jahren hatte ich nichts mehr von ihm gehört und darauf spekuliert, dass es bis zur Wiederkehr Christi so bleiben würde. Pustekuchen! Ein notorischer Lügner mit psychopatischen Zügen war auf der anderen Seite des Hörers in Stellung gegangen, hatte erfolgreich versucht, auf anonyme Weise in meinen Lebensraum vorzudringen und war nun dabei, seine schändliche Absicht zu enthüllen: »Ach ja, so lange hatten wir keinen Kontakt, aber wir sollten uns mal wieder sehen! Morgen vielleicht?! Weißt du, Xaver, es ist so: ich werde … Nun ja, ich muss… sterben…, sehr bald!«

Kein Mitleid! Nein, vielmehr spürte ich luftiges Qi meine Meridiane massieren, und da die Lüge meiner Meinung nach die Mutter aller Sünden ist, ließ ich es bei einem »Oh, verstehe« bewenden. Doch wie konnte ich nach solch einer steilen Behauptung und eingedenk einer empathischen Grundveranlagung die Bitte um ein Treffen ausschlagen? »Sonntag? Okay, sagen wir 09:00 Uhr?! Ich wollte nämlich … So früh hast du keine Zeit? Ach so, äh, dann vielleicht … Was? 15:00 Uhr ist dir lieber? Aha…, ja, hmm, ist gut.«

Na also, ganz großartig! Eigentlich hatte ich eine ausgiebige Wanderung durch ein jüngst in den schützenswerten Rang eines Nationalparks erhobenes Waldgebiet geplant. Neben uralten Baumriesen, unberührten Seen und schroffen Klettersteigen existierten dort sogar amerikanisierte Förster, namentlich Ranger,die mit breiten Hüten auf dem Kopf nach Mutter Naturs Hofstaat schauten. Seit drei Wochen hatte ich mich darauf gefreut, doch nun, tja! Wenige Atemzüge später sollte meine Verfassung einen weiteren Tiefpunkt erreicht haben. Durch die Aufdringlichkeit eines Heuschreckenmenschen und die über den Haufen geworfene Sonntagsplanung bereits in Brand gesteckt, kollabierte meine Wochenendlaune schlussendlich kurz nach der Ziehung der Gewinnzahlen. Eine richtige Endziffer in einer der Zusatzlotterien? Nochmal: eine richtige Endziffer! Wirklich, nichts weiter, das war’s? Sicher würde jeden Moment eine neuerliche E-Mail mit einer repräsentativeren Gewinnbenachrichtigung eintreffen. Minuten vergingen – nichts! Ich loggte mich ein, um die Ergebnisse manuell durchzusehen. Bei fünf potenten Scheinen sollte es doch geradezu unmöglich gewesen sein, dass … Doch, tatsächlich. Ernüchternd, deprimierend!

Für einige Augenblicke scrollte ich ziellos durch münchhausenhafte Nachrichtenseiten. Hie und da Werbeanzeigen mit Aufnahmen junger, von riesigen Designerschals umfasster Frauen, diese jeweils mit einer überdimensionierten Keramiktasse in der Hand, sie wie eine Art Lebensversicherung umkrallend oder vorsichtig an ihrem Rand nippend; manche der Damen soffen sogar aus Einmachgläsern. Ich kam ihnen aus, loggte in meinen Socialmedia-Account ein und geilte mich für ein paar Minuten masochistisch an dem dort polternden Wahnsinn auf. Spieglein, Spieglein an der Wand, und einen schwarzen Seelenspiegel in der Hand – Ich, meine, mir, mein – Egos in freier Laufbahn, selbstsichere Lemminge, viel Karma. Ausufernde schriftliche Diskussionen, die stets in Beleidigungen und Unterstellungen endeten, ohnehin niemals der Wahrheit dienten, sondern bloß der Verteidigung einer unvollständigen Variante derselben, die man aus Identifikationsgründen bevorzugte. Gruppen von Beschädigten ohne Therapieplätze; mannigfaltige virtuelle Treffpunkte mit esoterischem Touch, in deren Beiträgen sich jene in ihren Fehlannahmen bestärkten und gegenseitig den Weihrauch abbrannten, denen der Bissen von der Frucht des Baumes im Halse steckengeblieben war. Kurzum, Extrovertiertheit und Dummheit obsiegten. Und warum sah ich all das? Also, im Grunde genommen gibt es doch bloß Partnerbörsen … Apropos, da waren so viele neue Profilfotos flüchtiger Bekanntschaften. Zeigten die Aufnahmen durchschnittliche Weiblichkeit, so schoss die Anzahl der Likes wie auch die der belobhudelnden Kommentare in astronomische Höhen. Atavistische Verhaltensweisen im vordergründig anonymisierenden Kostüm der Postmoderne. Jeder Adam wollte zum Schuss kommen, fast jede Eva Anerkennung und vielleicht sogar den einen auswählen dürfen, der sie für den Rest ihres Lebens aushalten musste. Viel geheuchelte Anerkennung, viele Emojis. Gewiss würden jene stark privilegierten Papa-Prinzessinnen einmal auflagenstarke Buchreihen mit pastellfarbenen Einbänden verfassen, Coachingagenturen eröffnen, oder sich beim Yoga soft-pornös in Szene setzen lassen. Oder? Nein, sowohl aus auch! Kein Wunder, dass die Evolution den Rückwärtsgang eingelegt hatte.

Angewidert loggte ich aus und scrollte fortan durch die Clips des üblichen Videoportals. Ich fragte mich, wieviel dunkler das Mittealter eigentlich gewesen sein konnte. Seine Inkarnierten, diese Vorfahren, kannten unbestrittenermaßen keine Internetlexika, anhand deren Texte sie den Massegehalt eines beliebigen Himmelskörpers hätten auswendig lernen können, doch zuweilen hatten sie Eigenschaften besessen, die heutzutage zerronnen schienen. Ich dachte an Würde und Demut, um derer bloß zwei zu nennen. Galoppierende Kameraschnitte und peinliche Grimassen konnte ich im gegenwärtigen Gemütszustand ebenso wenig gebrauchen wie empfohlene Beiträge mit Flughafenanwohnern, die von ihren vermeintlichen UFO-Sichtungen berichteten, oder Videos, welche die mutmaßlich mysteriösen Verhängnisse verschollener Pensionäre und autistischer Wanderer betrafen und an denen sich zu laben die Pietät verbot. Summa Summarum war es eine hochgefährliche Mischung aus Willensstärke und Bedeutungslosigkeit, die auf den zahllosen Decks dieses auf den Wellen des Algorithmus gleitenden Narrenschiffes in mannigfaltiger Manier zur Schau gestellt wurde und mich zukünftige Jahrgänge von Reizüberfluteten und Saturierten in Anbetracht eines unvermeidlichen Kenterns maliziös bemitleiden ließ.

Da, ein Hoffnungsanker: das jüngste Interview mit einem zeitgenössischen französischen Schriftsteller. Auf den ersten Blick schien sein Nachname dem Mythos des Gentlemans aus Providence entlehnt. Wie auch immer, die Art und Weise, wie er seine Zigarette zu halten pflegte, versprach Denkanstöße. Ich speicherte den Tab für später. Selbst prinzipiell kurzweilige koreanische Katzenclips vermochten mich nicht aufzuheitern. Auf sie folgten Videos mit blassen Wissenschaftstheoretikern, den Zeremonienmeistern einer entseelten Zeit. In aufwendig gestalteten Beiträgen simplifizierten sie die Wirklichkeit auf Basis zuvor auswendig gelernter Traktate. Predigten für die Gläubigen, doch Wunder und Entrückungen blieben aus. Ein Trend zeichnete sich ab: das Klima. Mit Leichtigkeit dominierte es die Schlagzeilen. Was auch immer von jener Thematik zu halten war, ich sah einmal mehr das Wirken sibyllinischer Zyklen bestätigt; die Götter regten sich. Verehrten die ersten Menschen nicht einst das Wetter und seine Erscheinungsformen als ebensolche? Doch, gewiss! Gewohnheiten neigen sich zu wiederholen.