Horrorgeschichten aus dem Abyss - Gesamtausgabe - Robert Grains - E-Book

Horrorgeschichten aus dem Abyss - Gesamtausgabe E-Book

Robert Grains

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Beschreibung

20 Geschichten aus den Bereichen Horror, Weird Fiction und Fantastik. Teil 1 + Teil2 der „Horrorgeschichten aus dem Abyss“ in einem eBook. Darin enthalten: Wie die Götter speisen, Unauslotbare Tiefen, Morgenspaziergang, Die Bilder des Grafen, Dunkler Reigen, Die Armee der Anderen, Allein mit dem Guru, Der Träumer erwacht, Unter der Sonne von Yabalon-Xi, Ein Teufel, Frischer Fisch, Deus ex Machina, Der Eremit, Wald der Monster, Extinctor Fortis, Jagd auf den bösen Zwerg, Das Grauen vom Sacramental-Hill, Schnittergeist, Die Sammlung von Woith, Metamorphose

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Seitenzahl: 482

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HORRORGESCHICHTEN

AUS DEM ABYSSGesamtausgabe

Robert Grains

Inhalt

Wie die Götter speisen

Metamorphose

Unauslotbare Tiefen

Die Bilder des Grafen

Die Armee der Anderen

Morgenspaziergang

Allein mit dem Guru

Wald der Monster

Der Träumer erwacht

Ein Teufel

Der Eremit

Frischer Fisch

Deus ex Machina

Dunkler Reigen

Jagd auf den bösen Zwerg

Schnittergeist

Die Sammlung von Woith

Extinctor Fortis

Das Grauen vom Sacramental-Hill

Unter der Sonne von Yabalon-Xi

Impressum

Wie die Götter speisen

Bis zum heutigen Tage habe ich den Weg zu jenem eigenartigen Ort und seinen Wundern nicht mehr gefunden. Ich erinnere mich noch vage, dass der Straßenname ein französischer war, ähnlich l‘Opale oder St. Martin. Ein alter Bekannter hatte mich kurzfristig zu jener Veranstaltung eingeladen und ich folgte seinem Vorschlag gerne. Wir suchten den Ort des Geschehens zur Mittagsstunde auf und bald schon ließen wir den Lärm der Stadt hinter uns, um in einem der verlassenen Außenbezirke der Metropole das Ziel zu erreichen.

Dort, unweit eines alten Rangierbahnhofs, längs einer regennassen, bordsteinlosen Kopfsteinstraße, erstreckte sich eine mächtige Fabrikhalle aus der Frühzeit der Industrialisierung. Im Inneren des Gebäudes wurde ich sogleich von einer wundervollen, ebenso wärmenden wie imponierenden Pracht überrascht. Schlanke, großformatige Außenfenster unterbrachen in regelmäßigen Abständen die mit edlem Mahagoni vertäfelten hohen Innenräume. Die tatsächliche Größe jener Anlage war mir damals unmöglich zu bemessen und heute noch vermute ich, dass der Bankettsaal, den wir bald betraten, einzig in Folge des Abgehens einer spezifischen Kombination von Treppenläufen und steilen Stiegen sowie des Durchquerens bestimmter weiträumiger, mit musivischem Fußboden versehener Tanzhallen und Salons zu erreichen war. Hier und dort war Geschäftigkeit zu erkennen, adrett gekleidetes Personal ordnete Kristallgläser zu beeindruckenden Champagnerpyramiden an und nahm dabei bloß beiläufig Notiz von uns.

Bald schon setzte ich mich meinem Bekannten zur Linken an den unteren Teil eines mit goldbestickten roten Seidentüchern dekorierten Tischarrangements in Hufeisenform. Mir gegenüber, im rechten Winkel, saß der Gastgeber. Er trug einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug mit Gehrock und sein glatt gekämmtes, zu einem kurzen Zopf geflochtenes Haar ließ feine, aristokratische Züge in einem dunkeläugigen Gesicht mittleren Alters erkennen. Zu beiden Seiten, den weitläufigen Saal zur Gänze ausfüllend, waren weitere dieser Festtafeln zu sehen, an denen sich ebenfalls eine erlesene Gesellschaft eingefunden hatte. Rot, Gold und Elfenbeinweiß waren die hier vorherrschenden Farben, die nebst dunkelbraun schimmernden, im Empirestil verarbeiteten Tropenholzoberflächen von luxuriösen Kristallkronleuchtern erhellt wurden. Als ich über meine Schulter spähte, erkannte ich, dass die hohe Wand hinter mir eine durchgängige Glaskonstruktion darstellte, die von kaum sichtbaren Messingstreben getragen wurde – und während es im Inneren des Bankettsaals taghell war, verwehrte mir das Zwielicht des mittlerweile angebrochenen Abends einen genauen Blick nach draußen.

Zur Rechten unseres Gastgebers hatte derweil eine von prächtigem Granatschmuck überreich gezierte Dame fortgeschrittenen Alters Platz genommen. Ihr anachronistisches, weitgeschnittenes Ballkleid war von hellorangener Farbe und obschon sie für jenen Anlass einiges an Kosmetik aufgetragen hatte, ließ ihre braunrote Fontange sie wie eine Emissärin einer längst vergangenen Epoche wirken. Zu meiner Linken bemerkte ich Claude, eine junge Halbasiatin von hohem Wuchs und athletischer Statur. Ihr Collier war wie auch ihr Fingerschmuck mit dunklen Türkisen besetzt und das tiefschwarze Haar eines dezenten Pagenschnitts umfasste ein wohlproportioniertes Gesicht von intelligentem Ausdruck. Sie war mit ihrem schulterfreien Oberteil um einiges moderner gekleidet als ihr Gegenüber und höchstens fünfunddreißig Jahre alt.

Ich war gute Gesellschaft durchaus gewohnt, doch der Umstand, wonach meine verhältnismäßig gewöhnliche Kleidung dem namenlosen Ereignis augenfällig nicht entsprach, ließ eine subtile Barriere zwischen mir und den Anwesenden bestehen – die jedoch schon bald fallen sollte. Ich nahm wahr, wie die beiden Damen damit begannen, ihre Beine unter dem Tisch gegen etwas zu reiben. Nun kamen sie mit diesem Spiel zu mir herüber und als ich mich noch wunderte, welche Merkwürdigkeit hier wohl vorbereitet wurde, sprang zu meiner großen Überraschung ein schwarzer Panther unter der Tischdecke hervor und kam mit seinem Oberkörper auf meiner Brust zum Liegen. Seine großen, im Lichterglanz des Bankettsaals hellgrün leuchtenden Augen mit ihren tiefschwarzen Pupillen blickten in die meinen und die Aufmerksamkeit der Gäste verharrte ebenso erstaunt wie begeistert auf dem bemerkenswerten Vorgang.

Das juvenile Tier trug eine metallene Krause um den muskulösen Hals und während das Gewicht seines majestätischen, schwarz schimmernden Körpers warm und spürbar auf meiner Brust ruhte und sich einer kraftvollen Atmung folgend regte, wäre ich um ein Haar mit meinem Stuhl nach hinten gekippt; doch wie von Geisterhand gelang es mir, jene akrobatische Lage zu meistern.

Nun war der Bann gebrochen und ich bemerkte, dass man mich nicht bloß in den illustren Kreis jener elitären Verbindung aufgenommen, nein, sondern, wie mit einem geheimnisvollen Mal versehen, als einen Artverwandten anerkannt hatte. Nachdem sich die Großkatze wieder dorthin zurückgezogen hatte, von wo aus sie jüngst zum Sprunge angesetzt, reichte der schwarz gekleidete Gastgeber die erste Speise des Abends; dabei behielt er den Teller mit dem filetierten und fein säuberlich aufgeschichteten dunkelroten Fleisch beharrlich in der Rechten. Ich sollte zugreifen und sah, dass mir die reizende Mademoiselle, jene ältere Dame und auch mein Bekannter gespannt abwartend den Vortritt gewährten. Ich fasste eine der vorderen Scheiben und bemerkte, wie sich die eleganten türkisgezierten Finger Claudes bereits nach dem nächsten Stück streckten. Der sich anschließende Geschmack war mit nichts vergleichbar, was ich und, so wurde mir zwischen jenen Augenblicken bewusst, auch kaum ein anderer Mensch auf diesem Planeten je genossen hatte. Zuerst nahm ich an, es würde sich um Wildlachs handeln, doch als ich den tiefbitteren, zugleich hochedlen Geschmack auf meiner Zunge zergehen ließ, musste mich niemand der Anwesenden darauf hinweisen, dass es sich bei dieser Köstlichkeit um das rohe Fleisch eines Panthers handelte.

Nach dem Mahl hielt ich mich noch einige Zeit alleine in den langen Korridoren und aufwendig eingerichteten Räumen des Gebäudes auf. Überall suchte ich nach der schönen Claude, doch konnte ich sie nicht finden. Nachdem ich in einem der vielen holzvertäfelten, mit Pavé mosaique geschmückten Treppenhäuser ein großformatiges, aufwendig gestaltetes Emaillebild bestaunt hatte, das einem Triptychon verwandt das Leben eines Zirkuselefanten verherrlichte, führte mich mein ruheloses wandern in die oberen Bereiche der Anlage, wo ich unvermittelt auf den dunkelgewandeten Gastgeber in seinen privaten Gemächern traf.

Hier würde ihn für gewöhnlich niemand aufsuchen, das wusste ich. Wir wechselten keine Worte, vielmehr übergab er mir wohlwollend eine frisch zubereitete Fleischplatte von augenscheinlich höchster Qualität. Unter einer Frischhaltefolie erkannte ich hauchdünne rosafarbene Scheiben, fein säuberlich angerichtet; ähnlich der exquisiten Delikatesse, die ich zuvor in seiner Gegenwart kostete.

Der Wert jenes Geschenks war mir bewusst, ich nahm es dankend entgegen und mit nach Hause. Dort verspeiste ich es . . . Ein Teil von Claude wird fortan immer bei mir sein und ich weiß nun, wie die Götter speisen.

Metamorphose

Es war bereits Nachmittag, als ich erwachte. Die wenigen Stunden meines ruhelosen Schlafes waren von luziden Albträumen geprägt gewesen und nicht bloß das. Nein, auch während dieser Nacht hatte das anfangs bezaubernde, doch mittlerweile bloß noch verstörende Polarlicht, das nach wie vor auch in unseren Breitengraden unübersehbar war, dem Himmelszelt einen ominösen Glanz verliehen. Kurzum, die allgemeine Lage war anstrengend, ermüdend und das bereits seit über einem Monat. Ebenso lange schon hielten die mächtigen geomagnetischen Turbulenzen an, über deren exakte Bedeutung in wissenschaftlichen Kreisen nach wie vor Uneinigkeit herrschte.

Derweil ich mir sicher war: zwischen den fortwährenden Stromausfällen, der generell grassierenden Schlaflosigkeit, den unerhörten Gewaltexzessen und den gerne vertuschten Ausbrüchen spontanen Wahnsinns sowie überwunden geglaubter Seuchen würden unheilige Korrelationen bestehen. Das Auftreten von Sonnenstürmen war natürlich kein Novum, doch die Frage, welche alarmierte Stäbe rund um den Globus mit Nachdruck an Astronomen richteten, war eben jene: »Wann endlich werden die massiven Eruptionen auf dem Zentralgestirn abflachen und die Dauerbombardements der Ionosphäre durch die hochenergetische Teilchen tragenden Plasmawolken stoppen?«

Die Ordnung der Opportunisten, die Herrschaft der Konzerne; jenes System, welches viele von uns nach wie vor als Zivilisation bezeichneten, hatte ohnehin mit einer Unzahl an ökologischen, wirtschaftlichen und technischen Problemen zu kämpfen und man musste nicht zwangsläufig die Ansichten jener vermehrt auftretenden Untergangspropheten teilen, um in den aktuellen Vorgängen eine Art Damoklesschwert zu erkennen, welches nach Zeiträumen stummen Lauerns kurz davor war, das lepröse Haupt eines unheilbar Dahinsiechenden vollends zu verheeren.

Ich überlegte, ob es ratsam sein würde heute noch fortzugehen, zugleich die unerträgliche Hitze der Nachmittagsstunden bleiern zwischen den hohen Betonfassaden der Arbeitersiedlung brütete . . . Und wie sie so unerträglich verweilte, trieb sie mich schließlich auf die Straße hinaus. Ich verließ mein stickiges Quartier im dreizehnten Stock, um mich über eine der Pontonbrücken in Richtung urbanen Lebens aufzumachen. Die lichtreflektierenden Applikationen des wind- und wettergefurchten, mit verblassten Gebetsfahnen geschmückten Basalturms von Ud'ullan lotsten meine Schritte auf rostbefallenen, quietschenden Metallelementen über das übelriechende Wasser des algendurchsetzen, kaum noch strömenden Flusses, der einst die Lebensader dieses Distrikts bildete.

Die geschäftigen Fischer waren verschwunden, Jünger eines unbekannten Gottes erschienen; lagernd, auf den ausgedorrten Wiesen vor der Stadt. Hier und dort hatten sie purpurfarbene, ornamentbestickte Prunkzelte sowie archaische, mit unbekannten Keilschriftzeichen behauene und reich beopferte Steinaltäre errichtet.

Während ich unter dem grellen Tagesgestirn, das seine sengenden Strahlen unnachgiebig durch eine schwindende Ozonschicht sandte, die Flusspromenade entlang schlenderte, nahm ich eine Duftkomposition aus feuchtem Safran und schmorenden Schlachtabfällen wahr, welche die in Erwartung eines reinigenden Unwetters ohnehin flirrende Hochsommerluft weiter korrumpierte und sichtete einen Schwarm Wildgänse, wie er, den Fluss zügig überquerend, das wolkenlose azurblaue Firmament durchzog. Womöglich hatte ein unheiliger Zeitgeist die bemitleidenswerten Geschöpfe als ein weiteres, ein böses Himmelszeichen gesandt, erkannte ich doch schon von weitem ihre verkrüppelten, von eitrigen Beulen geschlagenen Umrisse. Angewidert bedeckte ich den Mund und passierte gesenkten Hauptes einige Familien, die sich gehetzt und mit Rationen unter den Armen auf dem Rückweg zu ihren Quartieren befanden. Bei den brutalen Temperaturen jener sonderbaren Tage war es kaum möglich sich ohne Anstrengung fortzubewegen und während ich mir beißenden Schweiß von der Stirn wischte, bog ich entlang massiver grüngrauer Steinquader einer längst vergangenen Epoche von der Flusspromenade in eine der engen kopfsteingepflasterten Gassen der vorderen Altstadt ab.

Dort, in den Schatten altersmorscher Gebäude, gefiel es mir schon besser und ich genoss die willkommene Abkühlung, wenn auch Echos enthemmt tönender Stimmen und bedrohlichen Bellens im architektonischen Durcheinander des Bezirks widerhallten. Einst lag hier der angenehme Geruch lokaler Köstlichkeiten in der Luft, doch seit aufgrund neuerlicher Unruhen und der Gerüchte von Seuchenausbrüchen in den Grenzgebieten die Lebensmittelrationierung wieder eingeführt worden war, zeugten lediglich vereinzelte Brotkrumen zwischen den unregelmäßigen Pflastersteinen von den aktuellen kulinarischen Vorlieben der Städter.

Für einige Zeit wanderte ich durch die entvölkerten, schlauchartigen Gassen der Altstadt. Ihre bordsteinlosen Straßen zeigten sich von Automobilen befreit und oftmals hielt ich ebenso erstaunt wie bestürzt Inne, um eines klaffenden Lochs ansichtig zu werden, das sich fortan anstatt eines an jeweiliger Stelle unlängst noch befindlichen Gründerzeitbaus dunkel gähnend auftat. Die meisten jener offenbar künstlich entstandenen Abgründe führten in eine namenlose Tiefe, deren greifbare, das Tageslicht verzehrende Schwärze meine fragenden Blicke bannte. Überquellende Mülleimer, stinkende Exkremente und beschädigte Kleinmöbel säumten die steilen Passagen in diese unheimlichen Gruben und als mein abermaliges Starren in eine jener wirbelnden Dunkelheiten von dem kaum hörbaren Winseln einer Flöte erwidert wurde, erschauderte ich und setzte meinen Ausflug zügiger fort.

Als sich dann das tieftönende Orgelspiel des Basalturmes von Ud'ullan, das Nahen der Abendstunden verkündend, wie eine Woge dunkler Strömung in den menschenleeren Altstadtgassen brach, plante ich einen raschen Abstecher in die Innenstadt. Er würde mich nicht mehr als vierzig Minuten kosten und nach einem Blick auf die Uhr war ich zuversichtlich, mich bereits vor Einbruch der Dämmerung auf dem Rückweg zu befinden.

Um etwas Zeit zu sparen, durchquerte ich den zentral gelegenen Stadtbahnhof und bemerkte einen ungesund süßlichen Geruch, der sich hartnäckig zwischen den von verblassten Deckengemälden und zertrümmerten Kapitellen gezierten Rundbogenhallen des Verkehrsknotenpunktes zu halten schien. Auf dem von zahlreichen Obdachlosen bewohnten und durch Miliztruppen patrouillierten Vorplatz angekommen, störte ich mich merkwürdiger Weise an der angelehnten Türe zu einer augenscheinlich aufgegebenen Lebensmittelausgabe. Ich betrat die Einrichtung, um in einem der rückwärtig gelegenen Räume eine geöffnete, mit archaischen Zeichen gravierte Kellerluke zu entdecken. Finsterkeiten, von süßlichen Blutdämpfen gespeist, drangen nebst enigmatischen Frequenzen aus ihr hervor und so sehr ich mich auch bemühte, dieses Mal konnte ich dem Winseln der Flöte nicht widerstehen. Auf schmalen Stufen folgte ich ihm, hinab, hinab in die Unterwelt. Hier nun traf ich sie . . .

Solch hochgewachsene, feingliedrige Exoskelette mit peitschenlangen Kopffühlern waren typisch für den Entwicklungsstand ihrer Rasse zu Zeiten des Pleistozän. Im Schein eines hässlich verschmierten Oberlichts schälten sich die Chitinleiber jener mich weit überragenden, sechsbeinigen Grazien schimmernd aus der Dunkelheit und ein hinter den irisierenden Ommatidien der immensen Facettenaugen stoisch lauernder Geist nahm alsbald Platz in meinem Verstand; das verdrängend, was ich bei Tage auf solch erbarmungswürdige Weise meinen Willen nannte.

Zwischen zahllosen aus Onyxmarmor gefertigten, bis zum Bersten mit abgetrennten menschlichen Arm- und Beinpaaren gefüllten, blutbesudelten Containern zeigten sie mir in einer gigantischen unterirdischen Lagerhalle die jüngst geborgenen Mumien ihrer Priesterkönige; säuberlich aufgereiht, von unfassbar altem, verglastem Sand bedeckt. Jene balsamierten Edlen verharrten bereits seit unzählbaren Sonnen, lange bevor der dunkle Pharao Tanotamun den Segen der Nebet-hut über die Dünen oberhalb der uranfänglichen Schwarmstadt herabgerufen hatte, in Wonneträumen von Wiederauferstehung, neuerlichem Leben, alter Herrschaft. Bald schon würden solare Emanationen, kosmische Verwerfungen ihre Prachtleiber mit urgeistigen Essenzen fluten und wiederauferstehen lassen.

Dann wiesen mir die karmesinroten Prätorianer mit ihren sichelscharfen Fangarmen einen Weg hinab in die nicht enden wollende Tiefe, Gaias Schoß, steil und des Acherons Ufer verwandt; weiter abwärts, in Richtung einer fremden, nie zuvor erträumten Welt.

Wie lange ich dort weilte, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Bloß so viel: Es war Nacht, als ich an ein rostiges Gitter der Flusspromenade lehnend wieder zu Bewusstsein kam. Es bedurfte Zeit und Kraft, um mich aufzurichten und einen sicheren Stand zu finden. Ebenso verwirrt wie taumelnd, machte ich mich zügig auf den Weg in Richtung Arbeitersiedlung. Vorbei an einem mittlerweile vollständig entwässerten und von übelriechendem, blasenschlagendem Schmutz sowie Algenresten bedeckten Flussgrund sah ich gigantische Flammennester auf den Wiesen vor der Stadt wie von typhonischer Wut geleitet lodern. Mit größter Anstrengung kletterte ich eiligst, ohne Zuhilfenahme meiner Hände, über eine kollabierte Behelfsbrücke und im ängstigenden Schein ferner, die Altstadt vollends verheerender Vernichtungsfeuer, gelang es mir schließlich, die andere Seite der sterbenden Metropole zu erreichen. Beißende Rauchgase, Asche und das unruhige Astralglimmen entfesselter Elementargeister stiegen in die ohnehin rabenschwarze Finsternis dieser kataklysmischen Nacht empor und verwehrten der vermutlich boshaft gleißenden Aurora Borealis einen zynischen finalen Tanz zu Ehren der nun ausklingenden Herrschaft des planetaren Usurpators. Lediglich die Annihilationsgeräusche verheerter Bausubsubtanzen, die dem erbarmungslosen Wüten des erstgeborenen Elements folgten, verliehen der gespenstischen Stille einen wenn auch zutiefst schockierenden Unterton.

Die finalen Meter zu meinem Quartier nahm ich tänzelnd und irre delirierend ob der befreienden Unausweichlichkeit des bevorstehenden Endes. Mehrmals ging ich in der Mitte dieses Tartarosinfernos in die Hocke und sprang wild brabbelnd, grotesk nickend wieder aus ihr hervor. Wäre mir ein bemitleidenswerter Überlebender in diesem Moment begegnet, jener Anblick hätte sein »Ich« mit der seelenschlachtenden Macht des wahrhaftgewordenen Wahnsinns gewiss aus seiner fleischlichen Hülle katapultiert, oder für immer darin eingeschlossen. Ich rang nach Luft, mir wurde schwindlig und mit unnatürlich langen Schritten preschte ich voran. Die Eingangshalle des Gebäudes zügig betretend und durchquerend, das glasverkleidete Treppenhaus wie ein tollwütiges Tier durchzuckend, warf ich mich wild keuchend, unter gewaltigster Anstrengung, von links nach rechts, nach oben strebend, die engen Stufen hinauf.

Der die Höhe des Horizonts einst dominierende Basaltturm von Ud'ullan war vergangen und inmitten des Emporpeitschens avernalischer Feuerzungen, bereits bedrängt von allesvertilgender Glut, nahm ich die letzten peinigenden Meter in mein Quartier.

Hier nun werde ich mich zum Sterben betten. Die anderen sind längst vorausgegangen und auch meine Zeit ist gekommen. Schweißgetränkt, von Rauch und Ruß umgeben, lasse ich mich ungelenk auf das glimmende Bett fallen . . .

Die karmesinroten Hexapoden, die gepanzerten Hüter der verborgenen Mastaba, hatten mich tief in ihr unterirdisches Reich geführt. Bloß ein flüchtiger Blick, gewiss, aber dennoch genug, um nicht völlig ahnungslos zu sterben – so, wie meine Artgenossen.

Auf weiten Ebenen kokonbestandener, von erkalteter Lava gedüngter Zuchtfelder bewunderte ich die blinden, breit grinsenden Brüterinnen des antediluvianischen und des nun anbrechenden neuen Zeitalters. In der Gegenwart hundsgroßer, exotisch gefärbter Prachtkäfer teilte ich die Fieberträume gestaltloser Spiralnebelbewohner, spürte ich deren ekstatische Vorfreude auf bevorstehende Inkarnationen in telepathisch begabte Hüllen aus dielektrischem Chitin und filigran vernetzten Ganglien. Während ich dem flötenhaften Nachtgesang der im Schlüpfen befindlichen Zucht andächtig lauschte, ließ ich inmitten einer blasphemisch aufgeblähten Vegetation ekelhafter Pilzkolonien pervers glotzende, wanzenähnliche Bestien mein vor Furcht kochendes Blut einem süßen Nektar gleich genießen. Ich war Zeuge, als sich ein von einem mit zuckenden Rüsseln und öligen Käferaugen übersäten, fluoreszierenden Wechselbalgmonster angeführter Heereszug irrwitzig herausgeputzter, tausendfüßlerartiger Chimären in Richtung eines der dunklen Schächte zur Oberwelt zwängte, um auf einen bald schon zu ergehenden Befehl hin den Tod in das Reich der Menschen zu tragen. Dabei schwebten neonfarbene, riesigen Zikaden ähnelnde Schreckenskreaturen zwischen den Stalaktiten des subterranen Aufmarschgebiets und folgten den Landstreitkräften mit reich verzierten Kanopen voll des brandgebärenden Zorns einer aus äonenaltem Dunkel wiederauferstehenden Zivilisation in den Klauen.

Das Experiment, welches einst in Gaias paradiesischen, von artenreicher Vielfalt geprägten Urtropenwäldern unter vergessenen Konstellationen mit dem Aufrichten der Wirbelsäulen einiger Großprimaten begonnen hatte, sollte nun ein Ende finden. Benebelt, verstört, doch zugleich fasziniert aufgrund der enigmatischen Eindrücke und Andeutungen inmitten dieses abyssalen Refugiums chthonischer Mächte, durfte ich in einer der zahllosen, von künstlichen Polarlichtern illuminierten und von sporentragenden Orkusnebeln durchzogenen Nymphenkammern eine Auswahl ihrer blökenden Jungen beim Mahle beobachten. Ich war dort, als sie fraßen; diese Happen, diese furchtbaren Happen . . .

Für einen flüchtigen Augenblick hatte ich in jenem ungeheuerlichen Abgrund der von biolumineszenten Myzelien erhellten Gliederfüßer-Nekropole die bereits manifeste Zukunft des Planeten geschaut und so erlosch in mir jeglicher Lebensmut. Da ich Verständnis für ihre nach kosmischen Zyklen ausgerichteten Absichten zeigte, gewährten sie mir einen letzten Wunsch. Ich bestand lediglich darauf, in einer mir vertrauten Umgebung sterben zu dürfen.

Und dort liege ich nun halb ohnmächtig, das nahende Ende erwartend. Der Übergang ist fast vollzogen. Ich werde meine irdische Manifestation in Frieden von reinigender Lohe hinwegtragen lassen. Die Dinge, die ich in jener verborgenen Welt gesehen, die tonlosen Stimmen, die ich in ihr weilend vernommen habe, verleihen mir im mitleidlosen Angesicht des Todes eine gewisse Gelassenheit.

Denn nichts behält seine Form. Kostbar ist bloß Erkenntnis – sie bleibt. Alles was ich je sah und sehen werde sind Masken, Myriaden bunter Masken des einen und allgegenwärtigen Geistes; ein gigantisches Spektakel changierender Zeitalter, ein kosmisch-flamboyanter Karneval! Ja, mein Bewusstsein wird nun in die lichtlose Leere einer kurzweiligen Nichtexistenz eintauchen, um befreit und erneut seinen Platz zwischen den pilgernden Geisternomadenstämmen funkelnder Spiralnebel einzunehmen. Ich freue mich bereits darauf, eine dem Helios, dem Ra, dem feurig schwarz opalisierenden Sorath geweihte, eine den unbekannten Gott verherrlichende solare Traumflut berauscht zu durchschweben, um dann schon bald in neuer, verfeinerter Form meinen flötenhaften Nachtgesang auf geheimnisvollen Orkusnebeln durch die ewigen Tiefen des Planeten klingen zu lassen. Satt gefressen an jenen furchtbaren . . ., an jenen schmackhaften Happen, den verwertbaren Teilen der einstigen Erdenbewohner, werde ich an die transformierte Oberfläche hinaufkrabbeln, um unter den Konstellationen kosmischer Zyklen eine einzig dem Erhalt der Schöpfung gewidmete Existenz zu führen. Im Gefolge hochweiser Priesterkönige, deren Seelen einst zur Rechten des großen Architekten durch die winkellosen Räume hinter der wägbaren Wirklichkeit wandelten, wird eine jede meiner vielgliedrigen Bewegungen im Einklang mit einer Wahrheit stehen, die weder einen Anfang noch ein Ende kennt. Doch zuvor gilt ein letzter, von einem Gefühl eigenartiger Dankbarkeit geleiteter, allzu menschlicher Gedanke wundersamen Schreckens dem Verstand der Herrscher jenes soeben angebrochenen neuen Weltzeitalters.

Hatte es doch nicht einmal gezwickt, als sie in einer ihrer Untergrundhallen Hand an mich legten. Das, was sie aufgrund des steten Hungers ihrer Jungen benötigten, so eifrig herbeischafften und klug bevorrateten, nahmen sie von mir und warfen es hinterrücks in einen der blutbesudelten Marmorcontainer; die beiden Wunden kauterisierten sie schnell und mit allerhöchster Präzision. Sie waren meinem Wunsch, dem unausweichlichen Ende in meinem Quartier begegnen zu dürfen, ebenso effizient wie verständig nachgekommen. Sie hatten mir die Wahl gelassen und so, ja, es war ohne Frage die richtige Entscheidung gewesen, durfte ich meine Beine behalten.

Unauslotbare Tiefen

Die zurückliegende Episode war die bisher aufregendste meines Lebens gewesen; meines jungen, den Meereswissenschaften gewidmeten Lebens und durch die Rekonstruktion der jüngsten Ereignisse versuche ich, jene Verstandesklarheit wiederzuerlangen, die in solch einer unerwarteten Notsituation unabdingbar ist. Mein Zeitgefühl habe ich offenbar im Zuge des Auftauchmanövers eingebüßt und so gehe ich davon aus, vor wenigen Stunden aus einer dumpfen Bewusstlosigkeit erwacht zu sein. Ja, ich kam zum mir – gehüllt in Finsternis, gehüllt in Stille.

Der Aufprall auf die scharfkantige Felswand hatte die Hülle meines Tiefseetauchbootes mit der Bezeichnung FNRS-5 stark beschädigt. Die Außenbeleuchtung war nicht zu reaktivieren und lediglich einige Kontrollleuchten zeugten von der Betriebsbereitschaft des hochmodernen Bordcomputers. Seit Wochen hatte Capitaine Dubais die Crew auf diesen besonderen Tauchgang vorbereitet und dann, als es so weit war, bedurfte es bloß einer geringen Unvorhersehbarkeit . . .

Die aus Stiftungsgeldern finanzierte Forschungsmission musste definitiv als gescheitert betrachtet werden und ich saß gefangen, bangend, ob der steinige Grund unter mir alsbald weiter nachgeben und mich in nie geschaute Tiefen hinabreißen würde. Kurz bevor mein Schiff mit einem nicht näher definierbaren Objekt kollidierte, hatte ich die Ausläufer eines enormen Tiefseegebirges in den Lichtkegeln der Suchscheinwerfer gesichtet. Dann gab es einen plötzlichen Ruck, gefolgt von einer starken Strömung; ein Schlag von Metall auf unterseeisches Gestein und bald darauf erwachte ich aus erwähnter Bewusstlosigkeit.

Die Unterseite des Tauchbootes ward gefährlich zerbeult, fast durchschlagen, die daran installierten Scheinwerfer zermalmt, der Hauptrotor irreparabel beschädigt, das Greifer-Paar und die kleineren, an der Oberseite des Schiffs angebrachten Lichtquellen befanden sich ebenfalls außer Betrieb. Der intakte Bordcomputer hüllte das Innere meines kalten, potentiellen Sarges in einen absonderlichen Grünspanglanz und erzeugte so, gespeist vom unruhigen Flackern vereinzelt aufleuchtender Digitalanzeigen, eine gespenstische Atmosphäre, die in ihrer subtilen Bedrohlichkeit bloß noch von der puren Dunkelheit übertroffen wurde, in der sich meine adrenalingepeitschten Blicke suchend verloren.

Das Einzige, dem ich außerhalb des gestrandeten Gefährts gewahr wurde, war ein eigenartiges Glimmen, ein Leuchten, aus schätzungsweise zwei Seemeilen Entfernung; sehr wahrscheinlich von eben jener Stelle ausgehend, an der ich kurz vor dem Absinken den unterseeischen Gebirgszug ausgemacht hatte. Von Zeit zu Zeit erschienen, an einen grell glühenden Faden erinnernd, rot-blau leuchtende Umrisse in der Dunkelheit. Entweder drangen sie aus einer der vermutlich unzähligen, das maritime Massiv durchziehenden Höhlen, oder schoben sich wie das Haupt einer sagenhaften Seeschlange von unrealistischer Größe über dessen Kamm. Es war schier unmöglich, die genauen Maße der Erscheinung abzuschätzen und ich gab mich mit der Idee zufrieden, es handele sich um einen enormen Zusammenschluss biolumineszenter Polychaeta oder um eine Kolonie von Riftia pachyptila, wie sie in den Tiefen des Hadopelagials möglicherweise noch vorkommen mochte; derweil außer Frage stand, dass jenes nicht exakt zu klassifizierende Etwas das Felsmassiv voraus bewohnte oder bewuchs . . . Ja und offensichtlich von einer Meeresströmung hin und her bewegt wurde. Wie auch immer, diese Ansicht trug nicht zu meiner Beruhigung bei, au contraire. Wie jeder Tiefseeforscher kannte ich natürlich die Geschichten von Jules Verne und die kryptozoologischen Theorien, welche Poseidons Reich mit ebenso mysteriösen wie schrecklichen Kreaturen zu bevölkern wussten. Doch bin ich Wissenschaftler und in den all den Jahren meiner Studien ist mir nichts unter die Augen gekommen, dass solch kindlichen Annahmen irgendeine Bestätigung geliefert hätte. Dennoch, dass Ambiente, jene manifeste Dunkelheit und die Manöver der leuchtenden Lebensform darin behagten mir nicht.

Immerhin und gottlob war die massive Frontscheibe unversehrt geblieben und über den Bordcomputer gelang es mir schließlich, einen Funkspruch abzusetzen. Ich wiederholte den Vorgang dreimal, wissend, dass der Faktor Zeit nicht auf meiner Seite war. Wie lange die Hülle unter den erlittenen Beschädigungen noch intakt bleiben würde, konnte nicht klar kalkuliert werden; ein Umstand, der zur Eile mahnte. Die Funksprüche wurden indes nicht erwidert und mit Ausnahme eins repetitiven Rauschens, das von Zeit zu Zeit von einem hochfrequenten Pfeifen überlagert wurde, vermochte die Empfangsanlage keinerlei Frequenzen zu empfangen. Diese neuerliche Sonderbarkeit strapazierte meine Nerven und mit zitternden Händen versuchte ich anhand der eingebauten Peilvorrichtung die Koordinaten unseres Forschungsschiffs, der Astéries, zu ermitteln. Sie würden meinem Versuch aufzutauchen eine genaue Richtung geben; sollte die an das Tauchboot gekoppelte Rettungskapsel noch funktionstüchtig sein, wohlgemerkt. Offensichtlich war aber auch diese Vorrichtung defekt, denn laut Bordcomputer befand sich das Schiff unweit meines havarierten Gefährts, wenn auch etwas weiter östlich, in Richtung des Gebirgszugs.

Alle Möglichkeiten waren ausgeschöpft. Ich wusste, dass die Luft zuneige ging und der Fakt, dass sich die Sauerstoffanzeige für die letzten zwanzig Minuten nicht bewegt hatte, vermehrte in mir das Gefühl notwendiger Eile. Doch einen Moment verharrte ich noch vor dem stabilen Rundfenster, das mich von der ewig feuchten Finsterkeit trennte. Ich ertappte mich erneut, wie ich jenes sich in relativer Ferne windende, gespenstisch glimmende Phantom gebannt beobachtete. Soeben war es ein weiteres Mal hervorgekommen, um sich von einer unbekannten Kraft beseelt, einem imaginierten kolossalen Borstenwurm verwandt, in der Lichtlosigkeit hin und her, auf und ab zu bewegen – hypnotisierend. Seine Umrisse wurden durch das changieren rot-blauer Farbtöne definiert und mir drängte sich der entmutigende Irrsinnsgedanke auf, es könnte sich bei diesem Ding um den Arm einer bedeutend größeren Lebensform handeln, die möglicherweise hinter der Gebirgswand versteckt lag. Sollte der geplante Ausstieg und meine Rückkehr an die Oberfläche gelingen, so würde ein weiterer Tauchgang zu dieser Stelle vielversprechend sein. Vielleicht würden wir auf eine weitere Art Siboglinidae oder gar eine unentdeckte Spezies stoßen. Dann sollte es an mir sein, sie mit zu benennen, zu studieren. In jüngster Zeit waren viele neue Arten in den spärlich erforschten Tiefen der Weltmeere entdeckt worden und mir wurde in jenem Moment ein weiteres Mal bewusst, wie gering doch eigentlich unsere den eigenen Planeten betreffenden Kenntnisse waren. Ehrlich gesagt wäre es mir angenehmer gewesen, vollkommen alleine in der ohnehin nervenstrapazierenden Dunkelheit des Abgrunds zu sein. Auch wenn ich durchaus eine wissenschaftliche Vorstellung davon besaß, so konnte ich doch nicht vollends sicher sein, welche Geschöpfe den Tiefseegraben um mich herum durchziehen würden und so trug der peinigende Umstand, dass ich das Leuchten in der Ferne nicht zu klassifizieren vermochte, auf eine subtile, durchaus spürbare Weise zu meinem situationsbedingten Unbehagen bei.

Ganz gewiss war bereits zu viel Zeit vergangen, ich musste nun definitiv von Bord gehen. Also begab ich mich nach achtern und spähte abermals über die Schulter, hoffend, dass sich das namenlose Etwas wieder hinter den Felsvorsprung oder in seine vermeintliche Höhle zurückziehen würde. Die Kontrollanzeige neben dem Notfallmodul gab dessen vorschriftsmäßigen Zustand zu erkennen. Dem vertrauend betätigte ich den Hebel, der die Luke zur Rettungskapsel entriegelte. Ein letzter Blick in jene ewige pazifische Nacht . . . Nun war nichts merkwürdiges mehr zu erkennen. Flüchtig spürte ich eine vage Erleichterung, denn es schien tatsächlich so, als sei die biolumineszente Ballung fremden Lebens gewichen. Ein Zeitfenster, das ich nutzen musste! Prinzipiell würde ich weit genug entfernt von dem Ursprung des geisterhaften Leuchtens aufsteigen und schließlich kletterte ich in die elliptisch geformte Rettungskapsel. Auf einer schmalen Bank fand ich in der von einem massiven Stahlrahmen durchzogenen Glaskonstruktion Platz; die einen den Umständen entsprechend guten Ausblick garantierte, auf den es mir in jener Situation beileibe nicht ankam.

Ungeachtet dessen, welche Albtrauminspirationen mich in der Kälte des Abyss möglicherweise umgeben mochten, schloss ich die Luke und hielt den roten Knopf im Inneren des Rettungsmoduls drei Sekunden lang gedrückt; so vorgehend, wie ich es im Zuge der Notfallübung vor zwei Monaten gelernt hatte. Zuerst geschah nichts, dann gab es einen kurzen heftigen Ruck und die Rettungskapsel löste sich äußerst geschmeidig von dem Wrack des einst so vielversprechenden Tiefseetauchbootes.

Dass mein Notfallgefährt über vier Scheinwerfer verfügte, die sodann automatisch eingeschaltet wurden, erschrak mich enorm und ich bemerkte, wie tief sich die Furcht vor dem vermeintlich intelligenten Bewohner des gegenüberliegenden Gebirges bereits in die Schichten meines Unterbewusstseins eingegraben haben musste. Was auch immer dort draußen existierte, es würde nun auf mich aufmerksam werden. Erfreulicherweise dauerte es bloß wenige Augenblicke, bis mein rationales wissenschaftliches Denken abermals dominierte. Sicher, die scheuen Bewohner der Tiefe würden das für sie so unvertraute künstliche Licht aus der Welt der Menschen dermaßen fürchten . . . Es bestand nicht der geringste Grund zur Sorge und vermutlich war einzig das hinter mir liegende Unglück für die Häufung angstvoller Empfindungen verantwortlich. So dachte ich darüber nach, wie ähnlich sich doch ein Astronaut auf einem Flug durch die Weiten des Weltenraums vorkommen musste. Dieses Szenario, aus dem ich wohl dank einer gehörigen Portion Glück entkommen war, war jedoch ein unbarmherziger Teil der unauslotbaren Tiefen unseres eigenen Heimatplaneten.

Die bloß noch spärlich flackernde Innenbeleuchtung des FNRS-5 erstarb in der Dunkelheit, als die Rettungskapsel dank des integrierten Flüssigkeitsgemischs langsam zu steigen begann. Ich bemerkte, wie ich instinktiv zur Seite spähte, um einen Blick auf das Felsmassiv zu werfen, doch träumte es ruhig, farblos, in subaquatische Finsternisschleier gehüllt.

Der Beginn des Aufstiegs verlief problemlos und mit einem konstanten Rauschen näherte ich mich langsam der noch fernen Wasseroberfläche. Das Manöver musste etwas Zeit in Anspruch nehmen, immerhin würde ein zu rasches Auftauchen für einen Menschen nicht zu bewältigen sein. Ich stellte mich also darauf ein, noch etwas auszuharren und hoffte möglichst nahe an jener Stelle an die Oberfläche zu gelangen, an der mich die Crew unter Bemühung der besten Seefahrersegen in die Tiefe hinabgelassen hatte. Als ich während des Tauchgangs zum letzten Mal den Tiefenmesser geprüft hatte, zeigte er ungefähr achttausend Meter an. Diese galt es nun also erneut zu überwinden und mich überkam abermals ein mahnendes Gefühl ob der Verschiedenheit unserer alltäglichen Welt zu diesen unerschlossenen stygischen Räumen öliger Schwärze, die ich nun wie ein gleißend aufsteigender Stern langsam durchquerte. Meine Gedanken trieben derweil in alle Richtungen davon. Immer wieder dachte ich an Florence und unser altmodisches Haus zwischen den weiten Lavendelfeldern der Heimat. Nach diesem Vorfall würde sie mir unentwegt in den Ohren liegen, aber die Erforschung der Meere war nun mal meine Passion. Capitaine Dubais, die Crew und nicht zuletzt die Stiftung versprachen sich so viel von den Möglichkeiten des hochmodernen FNRS-5 und von der Erkundung jener Tiefen, in die es vorzudringen vermochte. Nach meiner Rettung würden wir daher erst einmal einen Plan ausarbeiten müssen, um das havarierte Tauchboot zu bergen.

Langsam beruhigten sich meine Gedanken und ich bemerkte zufrieden, wie sich die Umgebung zu einem immer vertrauteren Bild mit bekannten Fischschwärmen, kleinen Cephalopoden, Algenarten, Korallen und bunt bewachsenen Felsformationen fügte. Nicht mehr lange und ich würde die Wasseroberfläche durchstoßen.

Es war bereits Nacht, denn als ich himmelwärts blickte, erkannte ich das Licht des grellgelben Vollmonds das Meer diffus erhellen. Plötzlich und schneller als erwartet, schoss meine Rettungskapsel zischend aus dem Wasser, um dann, nach Augenblicken unruhigen Schwankens, auf seiner ruhigen Oberfläche zu treiben. In diesem Moment dankte ich dem Himmel.

Als ich jedoch umherspähte, sichtete ich zu meiner Überraschung weit und breit kein Schiff und auch keine Anzeichen irgendwelcher Aktivitäten. Das Mondlicht und die kraftvollen Lichtstrahlenbündel aus den Lampen der Rettungskapsel reflektierten sich lediglich auf einer großen Menge zersplitterter Planken und schwer zu definierenden künstlichen Objekten. Mich beschlich die Angst, vom Kurs abgekommen zu sein, denn schon eine kleine Richtungsänderung hätte dies zur Folge haben können. Auch am sternenklaren Horizont machte ich keine Leuchtsignale oder irgendetwas aus, das auf die Anwesenheit der Kameraden hindeutete. Augenscheinlich war ich in einem verlassenen Wrackgut-Feld an die Oberfläche gekommen! Auch nicht für einen Moment war ich bereit anzunehmen, dass es aus den Resten unseres Expeditionsschiffs bestand. Eine solche Zerstörung wäre lediglich durch ein unvorhergesehenes Wetterphänomen oder den Einschlag eines Torpedos möglich gewesen. Doch letzteres war schier abstrus und ohne Frage hätte die hochseetaugliche Astéries den Unbilden eines spontanen Unwetters standgehalten.

All diese Gedankenfetzen und Erinnerungen gingen mir bis zu dem jetzigen Moment durch den Kopf. Die beschworene Verstandesklarheit hat sich nicht eingestellt . . . Und ja, vorerst werde ich meine Rettungskapsel nicht verlassen, denn unter mir beginnt sich das Meer zu regen und Myriaden sprudelnder Luftblasen steigen ebenso rasant wie unheilverheißend aus der Tiefe empor. Um mich herum wird die See von unwahrscheinlichen Schwingungen bewegt. Die Meeresoberfläche rührt sich, etwas naht, wie durch Poseidons Macht geweckt. Dann erscheint Licht aus der Tiefe, ein furchtbares Licht, in hypnotisch changierenden Nuancen von Rot und Blau, glimmend, blendend, irremachende Bahnen ziehend; die Konturen unzähliger zuckender, wild umher schlagender Fangarme bildend. Wie ein wimmelnder Schwarm vorsintflutlicher Abscheulichkeiten taucht es auf. Mein Gott, alle Annahmen über die Tiefe und ihre Bewohner müssen überdacht werden! Wilde Schläge gegen die Unterseite meiner Rettungskapsel! Ich halte mir die Ohren krampfhaft zu und versuche vergebens, meine bebenden Blicke abzuwenden. Glas und Stahl scheinen mich soeben noch von jener Missgeburt wirbellosen Wahnsinns zu trennen, doch nun bemerke ich, wie die Kapsel hinab gezogen wird, gefangen in einem Mahlstrom aus unzähligen grell leuchtenden Tentakeln, den blasphemischen Fortsätzen glotzaugenübersäten Grauens. Begleitet von dem seelenschlachtenden Dröhnen und jenem schändlich hochfrequenten Pfeifen aus des Cephalopodenurahns zahllosen geifernden Mäulern, tauche ich wieder zurück, zurück in des gottlosen Abgrunds ewige Nacht – immer schneller, immer tiefer, ich kenne das Ziel. Bald schon werde ich das Bewusstsein verlieren und hoffentlich niemals mehr erwachen, um diese Gnade bitte ich! Ein namenloser Schrecken . . . unser Schiff, die Crew . . . jene leuchtenden Arme hinter dem Felsen.

Die Bilder des Grafen

Mein Name ist Veit von Siebenstern. Dem Vorbild meines Vaters folgend, arbeite ich mit Holz und Leinwand, stelle Tafeln und Bilderrahmen her und biete zudem allerlei Künstlerbedarf feil. Pinsel, Federkiele, Spachteln, Farbmittel sowie Öle, um nur einen kleinen Teil meiner breiten Warenpalette zu nennen. Zu meinen Kunden gehören begabte wie auch weniger begabte Künstler, zumeist Kaufleute oder Maler in den Diensten einer weltlichen oder geistlichen Autorität. Darüber hinaus ist mir der Umgang mit beinahe jedem Werkstoff vertraut.

So war es zumindest in der Vergangenheit und so könnte es wieder werden, sollte ich mein Ziel erreichen. Den Grund, warum ich nun unter Deck, gemeinsam mit vielen anderen Glücksrittern und wagemutigen Abenteurern, Handwerkern und Soldaten, im dunklen Bauch einer Galeone sitze und diesen Text verfasse, möchte ich hiermit zu Papier bringen. Viel Tinte bleibt mir heute Nacht nicht, aber ich werde versuchen, alles so wiederzugeben, wie ich es aus meiner jüngsten Erinnerung zu rekonstruieren vermag. Ohnehin werde ich nichts von dem Erlebten jemals vergessen können . . . Zumindest nicht auf gewöhnlichem Wege.

Es war in den ersten Monaten des Jahres 1690, als wir eine Bestellung nach Schloss Tannfels brachten. Der dort residierende Adlige war von je her ein guter Kunde und darüber hinaus ein geschätzter Freund meines Geschlechts gewesen. Erst vor kurzem hatte ich die Werkstatt meines Vaters übernommen, da erreichte uns auch schon bald ein Schreiben des Grafen, in dem er um die Fertigung von vier speziellen, bereits mit Leinwand versehenen Bilderrahmen und um einige Malutensilien sowie deren Überbringung bat. Dieser war somit der erste Auftrag, den ich als voll verantwortlicher Geschäftsmann und Handwerker von diesem hohen Herrn entgegennahm, ausführte und nun im Begriff war auszuliefern. Theo, der Sohn des ansässigen Goldschmieds und ein Freund seit Kindertagen, der von Zeit zu Zeit in unserer Werkstatt aushalf, begleitete mich auf der Reise. Bereits in den frühen Morgenstunden waren wir aufgebrochen. Die ersten Sonnenstrahlen durchzogen das kühle Blau des Firmamentes auf sphärisch illuminierende Weise und wir spürten die angenehme Frische eines verheißungsvollen Morgens, als wir mit unserer Kutsche in Dorf Tannfels einfuhren, dem ebenso kleinen wie verschlafenen Nest zu Fuße des ehrwürdigen Schlosses. Meine beiden Pferde, Castor und Pollux, schnaubten brav, derweil Theo in Anbetracht des wichtigen Termins sogar noch angespannter wirkte als ich es war. In den Fenstern einiger Häuser waren bereits Kerzen entzündet worden und vereinzelt aufgestellte Laternen wiesen uns den Weg Richtung Dorfausgang. Wir passierten die Kirche und bemerkten, dass diese vor kurzem renoviert worden sein musste. Sie machte einen ebenso guten Eindruck wie der Rest der Siedlung. Ich glaubte, die braven Bürger von Tannfels wussten dieses Glück in erster Linie auf die wohlmeinende Unterstützung des noblen Grafen zurückzuführen; er stand nicht im Rufe, ein Knauser zu sein. Fromm und tatkräftig unterstand Tannfels stets seinem Schutz und es gab abenteuerliche Gerüchte über ein Heer bärtiger Söldner aus fremden Landen, das angeblich in den tiefen Wäldern der Umgebung versteckt lag, um dem Aristokraten in Zeiten besonderer Not beizustehen. Nun, man erzählte sich einiges in diesen Tagen. So auch, dass mein Auftraggeber einst den Namen »Tannfels« angenommen habe, um seine Verbundenheit mit dem Ort und seiner geschichtsträchtigen Umgebung auszudrücken. Von hoher Herkunft war er aber ohnehin, blaues Blut floss durch seine Adern, so wie auch durch die meinen, nur schien das Schicksal sein Geschlecht ungleich stärker begünstigt zu haben.

Schloss Tannfels thronte wie eine von Barden besungene Gralsburg auf einem hohen bewaldeten Berg außerhalb der Siedlung. Weithin sichtbar, zeichneten sich die Umrisse des beeindruckenden Bauwerks vor dem wolkenfreien Morgenhimmel ab. Eine kleine, massive Steinbrücke machte einen schmalen Wildfluss am Ortsausgang passierbar. Wir ließen sie zügig hinter uns, um dann Stück für Stück hinaufzusteigen, immer weiter in luftige Höhen, auf einer gewundenen Waldstraße Richtung Schloss. Die Anhöhe und auch das tiefe Tal darunter wurden von mächtigen Kiefern und Tannen geprägt, in deren dunklen Schatten sich Reste morgendlichen Nebels ebenso starr wie undurchsichtig sammelten. Es wirkte, als habe die Strecke auf der wir einherfuhren alle Mühe, der Natur und den Elementen des Waldes dieses schmale Stück Zivilisation abzutrotzen. Die alten Sagen über bezaubernde Feengeschöpfe und halbunsichtbare Dinge, die in diesen dichten Wäldern hausten und schon seit Urzeiten mehr oder minder friedlich mit dem Menschengeschlecht zusammenlebten, ja von Zeit zu Zeit sogar versuchten, bei den Dorfbewohnern fragwürdige, zumeist unbrauchbare Dinge einzutauschen, waren weder für Theo noch für mich Anlass für irgendwelche ernsthaften Spekulationen. Dennoch sparten wir in der Vergangenheit nicht ihrer Erwähnung. Vor allem nicht im Schein eines Lagerfeuers, je eine erfahrungslüsterne Bäuerin im Arm und einen schier unendlichen Vorrat frischen Mets im Bottich wissend. Sollte der Handel für beide Seiten gewinnbringend verlaufen, so würde einer weiteren Festivität nichts im Wege stehen. Wie auch immer, zuweilen mussten wir uns eingestehen, dass etwas entlang dieser alten Pfade und zwischen den dunklen Tiefen der Bäume durchaus die Kraft besaß, Fantasien angsteinflößender Natur heraufzubeschwören.

Nun sahen wir aus dem Tal unter uns eine ebenso weite wie dunkle Landschaft dichter Nadelbäume und schroffer Felsen majestätisch aufragen. Hie und da war ein dunkelgrüner Flusslauf zu erkennen, der sich immer wieder zwischen der dichten Bewaldung verlor, um dann erneut hervorzubrechen und sich entlang findlingbestandener Flussufer ungezähmt vorwärts zu winden. Unsere Kutsche ratterte mit einem gehörigen Krachen über die heruntergelassene Schlossbrücke, wir passierten einen großen, gemauerten Rundbogen und Theo stoppte die Pferde: »Brav Castor, fein Pollux.« Er tätschelte ihre Häupter und steckte etwas trockenes Brot in ihre Mäuler, wie er es auf Reisen gerne in seiner Westentasche mitführte. Ich blieb noch eine Weile sitzen und schaute mich in dem prächtigen, säulenflankierten Innenhof um. Auf einer Seite der Anlage bemerkte ich strohgedeckte Ställe und allerlei Schmiedewerkzeug, das scheinbar von fleißigen Händen zu gegebener Zeit geführt wurde. Der Blick himmelwärts war indes schwindelerregend. Die drei beigefarbenen Schlosstürme ragten, den darunterliegenden schiefergedeckten Gebäudekomplex in kühle Schatten hüllend, von bunten Fahnen und bronzen Wasserspeier geziert in luftige Höhen. Inständig hoffte ich, der Schlossherr würde mit meinen Arbeiten zufrieden sein, dann löschte ich die Laterne und sprang vom Kutschbock. Kalter Atem stieg aus unseren Mündern wie auch aus den Nüstern der Pferde und wir warteten gespannt, was als Nächstes geschehen würde. Theo schwieg, ich tat es ihm gleich, denn unsere Ankunft konnte nicht unbemerkt geblieben sein. Und in der Tat, da öffnete sich eine pechschwarze, mit Nieten und Metall beschlagene Holztür zwischen den beiden Säulengängen des Innenhofes und der Diener des Schlossherrn kam herangeeilt. Für ihn stellten wir gewiss die ersten Besucher des Tages dar. Sein Auftreten war beschreibend für den Wohlstand, der im Umfeld des Grafen herrschte. Nichts an seiner Erscheinung schien schäbig oder in irgendeiner Weise profan. Ein langer türkisfarbener Gehrock mit ausladenden Ärmeln und aufwendigen goldfarbenen Stickereien passte ebenso ins Bild wie hochwertige schwarze Rindslederschuhe. Eine dunkelgrüne Mütze mit Feder kess aufs Ohr geschlagen, ließ er uns mit unbekanntem Akzent und einem Ausdruck von Wichtigkeit wissen: »Graf von Tannfels erwartet Sie, meine Herren. Gerne bin ich Ihnen mit dem Gepäck behilflich.«

Theo musste natürlich zweimal hinschauen. In diesem Moment ärgerte mich sein bäuerliches Gemüt. Offenbar hatte er noch nie einen Menschen aus fernen Landen gesehen. Wir folgten dem wohlgekleideten Pagen durch den Haupteingang und die von polierten Rüstungen bestandene, ferner mit heraldischen Fahnen reich geschmückte Empfangshalle. Er trug das in einen stabilen Jutesack verstaute Konvolut von Arbeitsutensilien und Farben, Theo kümmerte sich um zwei der vier in Tuch gehüllten Bilderrahmen und ich übernahm die andere Hälfte. Nichts sollte jetzt noch schiefgehen. Wir stiegen einige steinerne Treppen, drehten uns in aufwendig eingerichteten Räumen voll imponierender Möbel, spiegelnder Oberflächen und Teppichen. Verzierte Türen öffneten und schlossen sich lautstark, »Obacht Stufe, meine Herren«, ertönte es immer wieder und zuletzt durchschritten wir einen langen steinernen Gang, der vor einer massiven Holztür endete. Einige der an diesem Morgen entzündeten Kerzen warfen auch hier, von zwei schmiedeeisernen Kandelabern aus, ein behagliches Glimmen an die kalten Steinwände. Unser Wegweiser legte den Jutesack über die linke Schulter, klopfte dreimal und schob die schwere Holztür auf.

Theo und ich drückten uns mit den an Gewicht zunehmenden Bilderrahmen an dem grinsend nickenden Pagen vorbei; wir waren in einem großen, lichtdurchfluteten Raum angelangt. An der Wand gegenüber der Eingangstür befand sich ein beeindruckender offener Kamin, der von zwei aufwendig gearbeiteten Stühlen flankiert wurde. Besagte Hochlehner fielen mir sofort auf. Sie waren auf ihrer Sitzfläche sowie auf ihrer Rückenlehne jeweils mit dunkelviolettem, sanft schimmerndem Samt bezogen und in Form einer prächtigen Holzschnitzerei thronte ein detailreich gestalteter Eidechsen- oder Salamanderkopf auf dem oberen Ende eines jeden dieser repräsentativen Stühle – das Wappentier derer von Tannfels. Schuppige Formen imitierende, beschnitzte Fortsätze, die in raubvogelähnlichen Klauen endeten, bildeten die teils gedrechselten Armlehnen dieser Meisterarbeiten. Seltene, individuelle Fertigungen, die ich gerne genauer in Augenschein genommen hätte. In der Mitte des weiten Raumes befand sich ein massiver, beinahe fünf Meter langer und drei Meter breiter Tisch aus edlem Werkstoff. Seine Substanz ähnelte dem des mir vertrauten Nussbaumholzes, doch glänzte sie bedeutend dunkler. Darum nahm ich an, dass dieses Möbel, oder zumindest sein exklusives Material, über irgendeine teure Handelsroute den Weg in das Schloss gefunden haben musste. Drei eiserne, mit jeweils sechs beigefarbenen Stumpenkerzen bestückte Kronleuchter hingen von der hohen Decke; ein jeder an einem querverlaufenden hölzernen Deckenbalken befestigt und ich war mir sicher, das Licht der vor kurzem gelöschten Dochte würde einer nächtlichen Finsterkeit einen potenten Schein entgegenwerfen. Zur Linken und Rechten, in die äußeren Wände gearbeitet, definierten zwei hohe, rautengemusterte Glasfenster diesen Teil des Schlosses. Durch das Fenster zu meiner Linken genoss man einen wunderbaren freien Blick auf das darunter liegende allgegenwärtige Meer aus uralten Tannen, unerforschten dunklen Schluchten und vereinzelt aufschimmernden schmalen Bächen. Dieser seltene Anblick half dabei, mich zu erinnern, wie sehr doch der gesellschaftliche Stand einer Person auch ihre jeweilige Sicht auf die Welt bestimmt. Die Kraft der mittlerweile stärker gewordenen Morgensonne vertrieb die spürbare Frische, die sich hartnäckig zwischen den steinernen Mauern hielt. Der große Kamin hatte darauf keinen Einfluss gehabt, dunkel und leer nahm dieser seinen Platz entlang der Wand ein und derart wohl mehr zwecks Zierde, denn zum Gebrauch, wie ich zu diesem Zeitpunkt annahm. Soeben stellte ich meinen Teil der Bilderrahmen ab und Theo tat es mir instinktiv gleich, als ich eine Stimme vernahm:

»Ah, der junge Herr von Siebenstern!«, tönte es aus der hinteren Ecke des Raums. Graf von Tannfels schien uns von dort aus unbemerkt beobachtet zu haben und kam raschen Schrittes näher. Er grüßte mich mit einem festen Handschlag, Theo würdigte er keines Blickes. Seine Begrüßung erfolgte derart überraschend, dass mir keine Zeit blieb, um auf ein einstudiertes Gebaren zu achten. Einer jener Momente, die zwar oft geprobt, aber nie gänzlich gemeistert werden können. Der Schlossherr hielt meine Hand fest umgriffen, wobei mir seine starren blauen Augen auffielen. Sie waren eher hellblau und schienen mehr der Luft, als dem Wasser verwandt. Obwohl, oder gerade weil sie kaum Emotionen zeigten, bestand kein Zweifel an dem hinter ihnen wirkenden scharfsinnigen Geist. Alles in allem handelte es sich bei dem Adligen um eine nicht alltägliche Erscheinung, das war gewiss. Seine Wangenknochen traten kaum hervor. Die flache Stirn verlieh dem oberen Teil des Gesichts eine edle Form, während das Kinn gewissen Klischeevorstellungen über Hexer entsprach und auf einen ebenso willensstarken wie ausgefallenen Charakter deutete. Wie viele Freie, so trug auch dieser Blaublütige seine Haare offen. Sie waren von eben solch einem tiefen Schwarz wie der gestutzter Vollbart und die strengen Augenbrauen – ein Raubvogelgesicht. Ein Eindruck, der durch die knochige Höckernase verstärkt wurde. Ich wusste von meinem Vater, dass sich unser Gastgeber bereits in seinem letzten Lebensabschnitt befinden musste. Dennoch bemerkte ich kein graues Haar, geschweige denn die Spur eines Gebrechens. Er war lediglich etwas kleiner als ich, doch in diesem Moment empfand ich das als ein »Versäumnis« meinerseits, denn er musste etwas nach oben blicken, um Augenkontakt zu halten. Was seine Kleidung anging, so hätte er gewiss auf die weiten, spitzenbestickten Gewänder seines Standes zurückgreifen können. Diese Mode schien ihm aber wohl weder notwendig noch von allzu großer Bedeutung zu sein. Er trug eine einfach geschnittene dunkle Bundhose, matte Wildlederstiefel und ein weitärmeliges Hemd aus dunkler Seide. Trotz der Kühle des Morgens, wusste er auf einen Gehrock zu verzichten und ich kam nicht umhin, den Talisman zu bemerken, den er an einer durchbrochen gearbeiteten Goldkette um den Hals trug. Von der Brustmitte aus funkelte, auf eine Weise wie es bloß Gold vermag, ein fünfzackiger Stern. Jener stand aufrecht in einem geschlossenen Kreis, dezent und zugleich unübersehbar. Doch nicht nur das, der freiliegende Teil der adligen Brust schien übersät von Skarifikationen, die sonderbare Winkel und unbekannte Lettern darstellten. Ich war überrascht, als ich meinen Gedanken folgte und bemerkte, wie sie sich über die scheinbar ebenso abergläubische wie exzentrische Natur eines Mannes von solchem Rang amüsierten. Diese Dinge schienen für ihn gewisse Bedeutungen zu besitzen, denn die Form besagten Sternes hatte ich, wie viele andere Symbole und Glyphen, in seinem Auftrag bereits in die vier mitgeführten Bilderrahmen eingearbeitet. In zwei unterschiedlichen Varianten, wohlgemerkt, einmal zeigte die Spitze nach oben, ein anderes Mal nach unten.

»Mein Herr, ich danke Euch vielmals, dass Ihr uns zu so früher Stunde willkommen heißt.«

Damit erwiderte ich seinen Gruß und senkte mein Haupt sichtlich unter das seine. Gesten der Demut war ein Mann seiner Herkunft gewohnt und jovial schmunzelnd lockerte er den Griff um meine Hand. Von Tannfels gab dem Pagen beiläufig ein Zeichen mit der Linken, da fiel mein Blick auf den massiven Ring, den er trug – eine herausragende Goldschmiedearbeit. Hier erkannte ich das Familienwappen seiner Sippe. Der mir bereits bekannte Tierkopf ragte ein gutes Stück vom Finger des Trägers hervor, während zwei dunkel schimmernde Amethyste die Augenhöhlen des Wappentiers darstellten. Die breite Schiene war auffällig mit Mustern und gewundenen Schriftzeichen graviert. So wertvoll dieses Geschmeide auch sein mochte, es schien dem Grafen an viele Orte gefolgt zu sein, erkannte ich doch wie abgenutzt die edle Oberfläche bereits war. Der Page vollzog eine flinke Verbeugung, stellte den Jutesack galant vor sich ab und verließ den Raum unter den üblichen Ehrerbietungen, derweil ich mein Haupt wieder hob und dem Gastgeber aufmerksam zuhörte:

»Nun, schön dass Sie hier sind. Ich habe in den letzten Tagen oft an diese Bestellung gedacht. Ich hoffe, Sie haben die Dinge mitgebracht, um die ich Sie gebeten habe!? Übrigens, sagen Sie, wie geht es Ihrem werten Vater?«

Der Graf hob eine dunkle Augenbraue fragend an, woraufhin ich umgehend erwiderte:

»Natürlich mein Herr, alles wie Ihr erbeten habt. Ein großer Vorrat an Farben, Pinseln und feinem Arbeitsgerät in diesem Beutel dort drüben und diese vier gerahmten Leinwände, ausgeführt nach Euren schriftlich übermittelten Vorgaben.«

Nervös deutete ich mit dem Finger auf die im Raum verteilten Objekte.

»Fabelhaft, ich bin gespannt«, bemerkte er und ich befreite die Bilderrahmen rasch von den zur Vorsicht über sie gebreiteten Leinendecken. Alle Rahmen waren aufwendige Holzarbeiten in einem exklusiven Stil, so wie der Graf sie in einem versiegelten, von einem berittenen Boten eigens überbrachten Schreiben erbeten und vorgezeichnet hatte. Rundherum zeigten sich verschiedene okkulte Darstellungen in das Holz gearbeitet. Ich erkannte den fünfzackigen Stern in unterschiedlicher Ausführung wieder, die restlichen Symbole, Glyphen, Sigillen sowie nicht definierbaren Winkel und arkanen Formen konnte ich jedoch keiner Geistesrichtung zuordnen. In der Mitte der unteren Leiste gab es eine Aussparung von etwa zwei Handbreit, die mit dunkelgrünem Fließ gefüllt war. Auf einer kleinen, darauf ruhenden Tafel war es somit möglich, eine Bezeichnung vorzunehmen.

»Für Eure Portraits, mein Herr. Ich habe alle Rahmen eigenhändig hergestellt und somit Sorge dafür getragen, sie genau nach Euren Vorgaben auszuführen. Die Qualität der Leinwand wird Euch ebenfalls auffallen. Ja und meinem Vater geht es unterdessen recht gut, danke der Nachfrage.«

»Das freut mich zu hören, junger von Siebenstern. Aber sagen Sie, wie kommen Sie darauf, dass ich diese Leinwände selbst verwende?«

»Ähm, nun, mein Herr, ich behaupte es anhand Eurer Begeisterung zu spüren. Zudem erscheinen mir die detaillierten Vorgaben für die Holzrahmen zu speziell, als dass Ihr nur bedingt an ihrer weiteren Verwendung interessiert sein könntet. Versteht mich bitte richtig, ich hoffe mit meiner Einschätzung nicht zu viel gewagt zu haben.«

Der Graf zog seine Augenbraue ein weiteres Mal an, aber diesmal auf eine Weise, die seinem schwer zu deutenden Gesicht eine gewisse Strenge verlieh.

»Oh, das war nicht gewagt, keine Sorge. Sie haben in der Tat recht, ich werde die Leinwände eigenhändig bemalen. Ich würde mich jedoch nicht als einen Künstler im klassischen Sinne bezeichnen. Nein, soweit würde ich nicht gehen, aber ein Künstler bin ich gewiss. Wenn auch auf eine etwas andere Weise, verstehen Sie?«

Seine Braue war wieder auf normale Höhe zurückgewichen, aber die Art, mit der er ein sardonisches Lächeln anschloss, gab mir zu verstehen, dass es sich hier wohl um eine rhetorische Frage gehandelt haben musste.

»Ganz nebenbei, Sie wissen, ich kenne Ihren alten Herrn schon lange und abgesehen von unserer adligen Herkunft teilen wir die ein oder andere Erinnerung. Während der Zeit, da er berufliche Probleme hatte, bot ich ihm meine Hilfe an. Wissen Sie, ich erkenne viel von Ihrem Vater in Ihnen, Sie haben den gleichen vertrauenswürdigen Blick und nun, da ich sehe wie präzise Sie meine Vorgaben erfüllt haben, komme ich nicht umher, Ihnen meine Anerkennung auszusprechen. Ich werde über Ihre Dienste nachdenken und eventuell werde ich Ihre Kunstfertigkeit wieder einmal in Anspruch nehmen.«

Mit einem kräftigen Ruck zog von Tannfels mich ein Stück näher und drückte mir einen kleinen, ausgebeulten Jutebeutel in die Hand.

»Sie brauchen nicht reinschauen . . . Danke Ihnen und Adieu. Ach, vergessen Sie Ihren Adlatus nicht.«

Mit überschwänglichen Verneigungen befasst und ohne uns vom Antlitz des Gastgebers abzuwenden, verließen wir zügig den Raum. Wie durch einen Donnerhall hatte ich diesen Moment, dessen Unausweichlichkeit schon seit vielen Tagen Grund für eine innere Anspannung gewesen war, hinter mich gebracht. Zügig, aber gesittet rekonstruierten wir den Weg, auf dem wir in das Schloss hineingelangt waren und während wir schweigend durch die langen Korridore und holzvertäfelten Innenräume des Bauwerks huschten, fühlte ich mich für kurze Zeit unsterblich. Mir kam das Lob des Grafen einem Ritterschlag gleich. Vereinzelt waren Kaufleute und Gesandte aus den umliegenden Städten meine Kunden gewesen, aber niemals ein eigensinniger Adliger von solchem Rang. In der Gegenwart Theos sprach er mir die Anerkennung aus, nach der es einem jeden Mitglied meiner Zunft und auch einem jeden jungen Manne verlangte. Mehr noch als der Graf meine Arbeit in Taler aufzuwiegen wusste, freute ich mich über das ausgesprochene Wort des Vertrauens. Als wir im Innenhof ankamen, sahen wir, dass der Diener die Pferde bereits versorgt hatte. Nach einer kurzen Verabschiedung und dem Austausch der üblichen Segenswünsche stiegen wir auf den Kutschbock, gaben Castor und Pollux Order und verließen das Schloss in südlicher Richtung; in ein paar Stunden würden wir zuhause sein.

Zwei Wochen waren seit unserem Besuch auf Schloss Tannfels vergangen. Es war Abend, als mein Vater und ich am Esstisch beisammensaßen. Unsere Wohnstube, mit ihrem kleinen zur Straße gelegenen Esszimmer, befand sich im rückwärtigen Teil der Werkstatt. Für gewöhnlich verbrachten wir dort beim Knistern der gemauerten Feuerstelle, zumeist lesend, die Abendstunden. Vater und ich hatten uns auf den Rahmen- und Holztafelbau spezialisiert, auf »Etwas, von dem man zwar überleben, aber nicht leben kann«, wie er es umschrieb. Unsere Ware war von guter Qualität und von Zeit zu Zeit wurden Kaufleute oder auch einmal der Diener eines kirchlichen Würdenträgers auf unsere bescheidene, aber zuverlässige und mit einer breiten Palette an Farben und jedwedem Künstlerbedarf ausgestatteten Werkstatt aufmerksam. Somit teilte ich meines Vaters Meinung nur bedingt. Sicher, reich würden wir mit dieser Arbeit nicht werden und vereinzelt kam es vor, dass man uns den gerechten Lohn einfach vorenthielt. Gerade bei Arbeiten auf Bestellung und deren Ausführung auf eine spezielle Art und Weise, ähnlich den ausgefallenen Vorstellungen des Grafen, war es unser Schaden, sollte der Handel nicht zu Stande kommen. Das war gottlob selten der Fall und so verspürte ich niemals eine existenzielle Sorge. Ob dies von einem übersteigerten, oder gesunden Vertrauen in das Schicksal herrührte? Keine Ahnung; der Umstand, dass ich einen guten Eindruck bei Graf von Tannfels hinterlassen hatte, stimmte mich derweil zuversichtlich.

»Junge, Ich bin stolz auf dich.«, begann Vater plötzlich. »Das Geschäft läuft so gut wie selten zuvor und ich kann mich dem Lob deiner handwerklichen Fähigkeiten guten Gewissens anschließen. Wobei . . . Ich denke, ich muss dich in Bezug auf deinen neuen Förderer etwas einnorden.«

Ich schüttelte den Kopf, erwiderte etwas kleinlaut:

»Danke für deine Worte, Vater, ich weiß sie zu schätzen. Wirklich, aber worauf willst du hinaus? Ich sah den Grafen das letzte Mal vor ungefähr zwei Wochen, als ich ihm die umfangreiche Lieferung brachte. Du weißt doch, die vier Rahmen, auf die du so stolz warst und für die er uns so großzügig entlohnt hat.«

»Ja, ja, papperlapapp!«, unterbrach mich der Alte, »Ein berittener Bote war heute Vormittag hier, als du auf dem Markt warst. Er hat das hier für dich abgegeben.«

Vater legte einen versiegelten Brief neben die Kerze, die unseren Esstisch flackernd erhellte. »Nun schau schon rein.«, drängte er missmutig. Überrascht nahm ich ein Messer zur Hand und begann, das dunkelrote Siegelwachs aufzubrechen, in dass das Wappentier derer von Tannfels eingeprägt war. Ich öffnete den Umschlag, entnahm ein gefaltetes Schriftstück und suchte den Text. Dunkle Tinte auf beigem Grund:

»Seien Sie Sonntagmorgen mein Gast.«

Die Formulierung ließ mich aufschrecken. Kurz und präzise, eine Verbindung ausdrückend, die nicht nachvollziehbar, aber dennoch bindend war. Ich steckte den Brief wieder in den Umschlag und schob ihn zurück zu Vater.

»Ha, nun steckst du im Schlamassel«, nuschelte er, auf einem Stück Brot herumkauend. »Wieso das!?«, entgegnete ich. »Ich fühle mich überaus geehrt und du scheinst wohl zu vergessen, wie lange ihr einander kennt. Geschweige denn, dass er dir damals seine Hilfe angeboten hatte, als du in Schwierigkeiten warst!«

Der Alte knurrte, setzte sich aufrecht hin, legte das Brot aus der Hand und schien seine Gedanken zu ordnen. Ich wusste, dies war einer jener Momente, in denen er meine volle Aufmerksamkeit verlangte und machte mich auf einen ausführlichen Monolog gefasst.

»Ich werde dir nun etwas über Graf Eliphas von Tannfels erzählen. Du hast recht, wir beide kennen uns schon lange. Viel zu lange, wie mir manchmal scheint. Für gewöhnlich nennt man mich einen frommen Mann. Ich arbeite hart und halte mich an die Gebote unseres Erlösers. Ich habe dich stets angehalten, einen ähnlichen Weg zu gehen. Das nicht aus Mangel an Fantasie oder aufgrund von Oberflächlichkeit . . . Das darfst du mir ruhig glauben. Ich selbst bin meinen heutigen Idealen nämlich nicht immer treu gewesen.«

Vater hielt inne, nahm einen großen Schluck Bier aus seinem Krug, verdrehte die Augen auf eine Weise als wolle er eine Genehmigung für einen weiteren nötigen Schluck einholen, setzte das Gefäß ab und fuhr fort:

»Ich kenne Eliphas seit ich denken kann und als wir zu jungen Männern heranwuchsen, besaßen wir beide einen rebellischen Geist und ein abenteuerliches Herz, nichts vermochte uns aufzuhalten. Wir waren ebenso stark wie wissbegierig. Mein Wesen war jedoch von Natur aus bodenständiger als das seine und meine Eltern bestanden darauf, dass ich eine handwerkliche Ausbildung genießen sollte, um nicht einzig die privilegierte Existenz eines weltabgewandten Adelsspross führen zu müssen. Wie sich später herausstellte, war das eine grundlegende und weise Entscheidung gewesen. Eliphas indes interessierten bloß die wilden Geschichten, die er überall aufzutreiben vermochte und die eigenartigen Gedankenspiele, denen er sich des Nachts hingab; war er mal nicht gerade dabei, Tavernen und Freudenhäuser unsicher zu machen – eine nicht unproblematische Mischung. Oft kam er mich hoch zu Ross während der Arbeit besuchen und erzählte voll Aufregung und ansteckender Neugierde von Geheimnissen, schier unglaublichen Dingen, die dort draußen nur unserer Entdeckung harrten. Nachdem ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, nutzten wir Eliphas Vermögen um ausgiebige Expeditionen zu unternehmen. Angetrieben von dem Verlangen nach Wissen und Abenteuern, welches er zwischenzeitlich auch in mir entfacht hatte, ließen wir alles zurück. Diese Reisen führten uns zu ungewöhnlichen und ebenso fantastischen wie schrecklichen Orten. Wir besuchten die großen Steinkreise auf den Inseln im Meer, von denen man sagt, dass eine mittlerweile ausgestorbene Rasse von Riesen sie einst in Auflehnung gegen die Götter errichtet habe. Wir erkundeten die seit je her von dunklen Sagen umwobenen Kultplätze unserer frühesten Ahnen. Doch die Neugierde führte uns sehr viel weiter hinaus, in die nicht genau kartographierten Weiten des Ostens. Von dort aus zogen wir nordwärts, in kalte Gebirgsregionen jenseits bekannter Städte und nach Süden strebend, durchstreiften wir die endlosen Wüsten des Orients. Kreuz und Quer wie die Vogelfreien zogen wir über den Erdenkreis, wir waren jahrelang unterwegs. Eliphas und ich teilten eine aufrichtige Begeisterung für all das, was uns sowohl die Kirche als auch die profane Gesellschaft vorzuenthalten schien.