Der Pfahl - Richard Laymon - E-Book

Der Pfahl E-Book

Richard Laymon

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Beschreibung

Vampirhorror der anderen Art

Der Horrorautor Larry entdeckt eine Geisterstadt in der Wüste Kaliforniens. Im Keller eines verfallenen Hotels steht ein Sarg, in dem eine mumifizierte weibliche Leiche liegt. Und in dieser Leiche steckt ein Holzpfahl. Larry beschließt, den Sarg mitzunehmen und das Entfernen des Pfahls auf Video für die Nachwelt festzuhalten. Keine gute Idee, wie sich bald herausstellen wird.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 667




Inhaltsverzeichnis
Zum Buch
Zum Autor
Lieferbare Titel
Prolog
Entdecker
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Copyright
Zum Buch
Larry Durban, Autor blutiger Horrorbücher, verirrt sich mit seiner Frau und einem befreundeten Pärchen in der Wüste Kaliforniens. Sie entdecken ein Hotel in einer Geisterstadt, in dessen Keller ein Sarg mit einer weiblichen, mumifizierten Leiche versteckt ist. In der Brust der Leiche steckt ein Holzpfahl. Larry beschließt nicht nur, eine Mischung aus Tatsachenbericht und Vampirroman über diesen Fund zu schreiben, sondern auch das Entfernen des Pfahls auf Video aufzunehmen.
Doch während sich Larry noch romantischen Blutsaugerträumen hingibt, muss seine Tochter Lane feststellen, dass sich die wahren Ungeheuer hinter der Fassade ganz normaler Menschen verbergen.
Zum Autor
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird. Richard Laymon im Internet: www.rlk.cjb.net
Lieferbare Titel
Rache - Die Insel - Das Spiel - Nacht - Das Treffen - Der Keller - Die Show - Die Jagd - Der Regen - Der Ripper
Dieses Buch ist Frank, Kathy & Leah De Laratta gewidmet: tolle Freunde, Entdeckerkollegen & Geisterstadtbezwinger
Prolog
Charleston, Illinois23. Juni 1972
Er war dem Dämon bis zu ihrem Unterschlupf gefolgt. Jetzt wartete er, wartete auf die Morgendämmerung, denn zu dieser Zeit war sie am verwundbarsten.
Das Schlimmste war, zu warten und zu wissen, was passieren würde. Seiner Erfahrung nach konnte man den Legenden nicht trauen. In vielerlei Hinsicht entsprachen sie einfach nicht der Wahrheit.
Vampire schliefen nicht in Särgen, sondern in Betten - eine raffinierte List, um die Uneingeweihten zu täuschen. Und das Tageslicht schwächte zwar ihre Kräfte, machte sie aber keinesfalls wehrlos. Auch nach Tagesanbruch konnten sie aus ihrem todesähnlichen Schlaf erwachen. Sie konnten ihn angreifen und verletzen.
Mit zitternden Fingern rieb er sich über die Wange, betastete die verkrustete Wunde. Die in Urbana hatte spitze Fingernägel gehabt. Die Erinnerung daran ließ ihn schaudern.
Er hatte Glück gehabt, davongekommen zu sein.
Vielleicht hatte er seinen Vorrat an Glück damit aufgebraucht. Vielleicht zerkratzte sie dieses Mal nicht nur seine Wangen. Vielleicht schlug sie ihre Zähne in seine Kehle.
Er zog eine Flasche Bourbon unter dem Fahrersitz hervor, schraubte die Kappe ab und trank. Der Schnaps war lauwarm, doch im Magen brannte er angenehm. Sofort wollte er mehr davon.
Später, ermahnte er sich, wenn die Arbeit erledigt ist.
Du musst bei klarem Verstand sein. Der Schnaps hätte dich letzte Woche beinahe draufgehen lassen.
Wieder strich er über seine zerkratzte Wange.
Er trank noch einen Schluck, dann zwang er sich, die Flasche zuzudrehen und wieder unter dem Sitz zu verstauen. Als er sich aufrichtete, kam ein Auto um die Ecke gebogen. Die Scheinwerfer brannten, doch der Morgenhimmel war bereits hell genug, um das Blaulicht auf dem Dach zu erkennen. Ein Streifenwagen.
Er warf sich flach auf den Beifahrersitz.
Sein Mund war trocken. Sein Herz raste.
Das ist ungerecht, dachte er. Ich muss wie ein Verbrecher auf der Flucht leben. Meine Arbeit ist genauso wichtig wie die der Polizei.
Als der Streifenwagen näher kam, hielt er den Atem an. Das Auto fuhr so dicht an ihm vorbei, dass er Knistern und eine verzerrte Stimme aus dem Funkgerät hören konnte. Er hätte die Fensterscheiben nicht herunterkurbeln sollen. Das könnte verdächtig wirken. Aber es war so stickig im Wagen gewesen.
Er atmete tief durch, als sich die Geräusche entfernten.
Langsam zählte er bis hundert, dann richtete er sich auf und riskierte einen Blick durchs Heckfenster. Die Rücklichter des Streifenwagens waren bloß noch kleine rote Punkte.
Er öffnete die Tür, lehnte sich hinaus und betrachtete den Himmel. Hinter dem spitzen Giebel des Hauses, in dem sich der Vampir verkrochen hatte, war es noch immer grau. Er stieg aus und blickte über das Dach des Autos. Im Osten färbte sich der Himmel blassblau.
Bald würde die Sonne am Horizont auftauchen.
Dann musste er bereit sein.
Er setzte sich wieder ins Auto und zog das silberne Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trug, unter seinem Hemd hervor. Vor dem Beifahrersitz lag eine Aktentasche auf dem Boden. Er hob sie auf, nahm eine Halskette aus Knoblauchzehen heraus und hängte sie sich um.
Mit der Aktentasche in der Hand stieg er aus.
Der ungemähte Rasen war von einem Lattenzaun eingefasst. Er schwang das Gartentor weit auf, so dass es von den hohen Grasbüscheln offen gehalten wurde. Auf dem Rückweg würde er einen Körper mit sich schleppen. Dann wollte er nicht von einem geschlossenen Tor aufgehalten werden.
Die Verandatreppe ächzte unter seinem Gewicht. Die Fliegengittertür quietschte, als er sie öffnete. Er blockierte sie mit einem Korbsessel.
Die Haustür war nicht verriegelt. Das machte es einfach. Er brauchte kein Brecheisen. Vorsichtig schlich er ins Haus, ohne die Tür hinter sich zu schließen.
Er wusste, wo er sie finden würde. Gestern Nacht hatte er beobachtet, wie hinter den Fenstern rechts neben der Veranda das Licht aufleuchtete, kurz nachdem sie ins Haus gegangen war. Dann hatte sie an allen Fenstern die Jalousien heruntergelassen.
Es war still im Haus. Der schwache Lichtschein, der ins Wohnzimmer drang, legte einen grauen Schleier über das alte Sofa, den Schaukelstuhl, die Lampen und das Klavier. Die Tapeten waren verblasst und fleckig. Über dem Klavier hing ein Ölgemälde, auf dem ein Bach friedlich durch eine Waldlichtung plätscherte. Im Halbdunkel wirkte das Bild düster und bedrückend, als hätte die Morgendämmerung die Bäume noch nicht durchdrungen.
Auf der anderen Seite des Raumes führte ein mit Holz eingefasster Durchgang in den Flur.
Er schlich durch den Korridor zum Schlafzimmer des Vampirs. Die Tür stand offen.
Sein Mund wurde trocken und sein Herzschlag heftiger, als er sie sah.
Sie lag zusammengerollt auf dem Bett zwischen den beiden Fenstern, ihr Gesicht ihm abgewandt. Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch die Jalousien und erfüllten den Raum mit einem bersteinfarbenen Glühen. Nur ein Bettlaken bedeckte ihren Körper. Das dunkle Haar war auf dem Kissen ausgebreitet.
Er stellte die Aktentasche ab, klappte sie auf und holte den Hammer heraus.
Es war ein Vorschlaghammer mit einem schweren Stahlkopf und dreißig Zentimeter langem Stiel.
Mit der anderen Hand zog er einen angespitzten Eschenholzpfahl aus der Tasche.
Er klemmte sich den Pfahl zwischen die Zähne.
Langsam richtete er sich auf und starrte die Vampirin an, als könnte er sie durch bloße Willenskraft dazu bringen, sich umzudrehen. Bauch oder Rücken, das war egal. Er konnte den Pflock ebenso gut durch ihren Rücken wie durch ihre Brust treiben. Nur auf der Seite liegen durfte sie nicht.
Irgendwie hatte er geahnt, dass es nicht einfach werden würde, sie zu töten.
Sollte er warten? Früher oder später musste sie sich ja umdrehen.
Je länger er wartete, desto größer das Risiko gesehen zu werden, wenn er sie aus dem Haus trug. Und er musste sie mitnehmen. Er musste ihre Leiche im Kofferraum seines Wagens wegschaffen und an einem Ort verstecken, wo man sie niemals finden würde.
Leute verschwanden dauernd, aus verschiedensten Gründen. Aber wenn man sie hier fände, mit einem Pfahl im Herzen …
Für die Polizei wäre es das Werk eines blutrünstigen Verrückten. Die Nachricht würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten und die Leute verunsichern. Das Schlimmste war aber, dass dann eine Legion von Vampiren vor dem Jäger in ihrer Mitte gewarnt wäre.
Und alles wäre umsonst gewesen, weil Polizei oder Leichenbeschauer mit Sicherheit den Pfahl aus ihrem Herzen ziehen würden. Sie würde zu neuem Leben erwachen und erneut die Nacht durchstreifen.
Nein. Sie musste verschwinden.
Eine Bodendiele knarrte, als er an ihr Bett trat. Sie stöhnte und wand sich unter dem Laken, drehte sich aber nicht um.
Mit dem Pflock zwischen den Zähnen streckte er eine Hand aus, griff mit den Fingerspitzen nach dem Laken und zog es behutsam von ihrer Schulter. Ihr Atem ging weiter tief und gleichmäßig, doch sein eigener beschleunigte sich.
Vorsichtig enthüllte er ihren nackten Rücken, die sanften Kurven ihres Gesäßes, die eleganten Beine.
Sie war ein Vampir, ein widerlicher, mordender Dämon, doch ihr Körper war der einer schlanken jungen Frau. Er spürte eine Hitzewallung in der Leistengegend. Die vertraute Mischung aus Angst und Begierde packte ihn - in solchen Augenblicken befand er sich in einem fast ekstatischen Zustand. Früher hatte er sich für seine Erregung geschämt. Aber letztendlich hatte er sie als Entschädigung für seine Entbehrungen betrachtet. Als eine Art Belohnung für seine Risiken.
Ohne diesen Ausgleich hätte er schon lange den Willen verloren, seinen Kreuzzug fortzuführen. Bei männlichen Vampiren spürte er statt Erregung nur Ekel. Deshalb hatte er aufgehört, sie zu jagen. Einerseits hielt er das für seinen größten Fehler, andererseits tat er immerhin, was er konnte. Er stand allein gegen eine Armee. Er konnte sie nicht alle erledigen. Er musste eine Auswahl treffen. Also wählte er die Frauen. Sie waren furchteinflößend, aber sie erregten ihn auch.
Ihren linken Arm hielt sie an die Seite gepresst; er konnte ihn nur bis zum Ellenbogen sehen, der Rest war durch ihren Oberkörper verdeckt. Er beugte sich vor und betrachtete die Schwellung ihrer Brust. In der kalten Morgenluft war sie wie ihr Arm von Gänsehaut überzogen, die Brustwarze aufgerichtet. Ihre andere Brust konnte er nicht sehen.
Er starrte sie an. Mit dem Pfahl zwischen seinen Zähnen konnte er die Lippen nicht schließen. Speichel floss ihm aus dem Mund. Schnell riss er die Hand hoch, um den Sabber abzufangen. Zu spät.
Ein Speichelfaden tropfte auf den Arm des Vampirs. Murmelnd zog sie den anderen Arm unter dem Kopfkissen hervor und wischte über die feuchte Stelle. Sie drehte sich auf den Rücken und runzelte irritiert die Stirn. Ihre Augen blieben geschlossen. Dann ließ sie die Hand neben ihrer Hüfte auf die Matratze fallen. Sie rieb sie am Laken trocken und legte sie schließlich auf den Oberschenkel. Die Kuppe ihres Daumens versank im dichten Nest des Schamhaares.
Er beobachtete sie voller Panik, dass sie aufwachen könnte. Zitternd vor fiebriger Erregung nahm er den Pflock aus dem Mund. Ihm war klar, dass er nicht länger warten durfte.
Aber er zögerte. Seine Augen wanderten über ihren schlafenden Körper.
Obwohl sie möglicherweise jahrhundertealt war, wirkte sie jugendlich, nicht älter als siebzehn oder achtzehn. Sie sah hübsch aus, unschuldig, verführerisch.
Wenn sie doch nur ein Mensch gewesen wäre und keine abscheuliche Kreatur der Nacht.
Er sehnte sich danach, diese Lippen, die so viel unschuldiges Blut getrunken hatten, zu küssen. Er wollte ihre Brüste streicheln, die samtene Weichheit genießen, ihre Nippel auf seinen Handflächen spüren, ihre Beine spreizen und tief in ihre Wärme eintauchen.
Wenn sie doch nur kein Vampir wäre.
So ein Jammer. So eine Verschwendung.
Bring es endlich hinter dich, sagte er sich.
Er beugte sich weiter über sie, stützte sich mit den Knien auf der Matratze ab und hob den Hammer. Seine andere Hand zuckte nervös, als sie sich mit dem Pfahl ihrem Oberkörper näherte. Die zitternde Spitze schwebte über ihrer linken Brust, wanderte ein wenig höher und verharrte dann einen Zentimeter über ihrer Haut.
Genau dort.
Ein harter Schlag und …
Sie schlug die Augen auf und schnappte nach Luft. Blitzschnell packte sie sein Handgelenk und verdrehte es mit all ihrer dämonischen Kraft. Er schrie auf und musste entsetzt mit ansehen, wie ihm der Pflock aus der tauben Hand glitt und mit dem stumpfen Ende auf ihre Brust fiel. Eine eisige Welle tiefster Hoffnungslosigkeit durchflutete ihn.
Ohne den Pfahl …
Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien. Er musste den Pfahl wiederbekommen. Aber ihre Umklammerung war zu fest. Der Pfahl fiel zu Boden, und er verlor ihn aus den Augen.
Da wusste er, dass es vorbei war.
Trotzdem versuchte er, ihr den Hammer ins Gesicht zu schlagen. Knurrend zerrte sie an seinem Handgelenk und blockte mit dem anderen Arm den Schlag ab. Er verlor das Gleichgewicht und landete quer über ihrer Brust. Sie umklammerte ihn mit einem Arm, bäumte sich zappelnd unter ihm auf und rollte ihn über sich hinweg. Sein Rücken hatte kaum die Matratze berührt, als sie auch schon über ihm war und ihm ihr Knie in den Unterleib rammte.
Er keuchte auf. Vor Schmerzen wie gelähmt, sah er den Holzpflock in ihrer Hand. Sie holte über seinem Gesicht aus. Mit letzter Kraft versuchte er den Schlag abzuwehren, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr.
Er hatte gerade noch genug Luft, einen Schrei herauszuwürgen, als die Spitze des Pfahls sein Auge durchstieß.
Entdecker
1
»Wie wär’s auf dem Heimweg mit einem kleinen Abstecher?«, fragte Pete und fuhr los. Der Kies des Parkplatzes knirschte unter den Reifen.
Ein Abstecher. Larry hätte schon Lust dazu gehabt, aber er sagte nichts. Er wusste, dass Petes Vorschlag an die beiden auf dem Rücksitz gerichtet war. Wenn die Frauen dagegen waren, hatte sich das Thema erledigt.
»Du willst doch nicht, dass wir uns wieder verfahren, oder?«, fragte Barbara.
»Wer, ich?«
»Ständig kurvt er über irgendwelche Nebenstraßen, und kein Mensch weiß, wo wir landen.«
»Bis jetzt habe ich uns immer nach Hause gebracht.«
»Ja, irgendwann schon.«
Pete sah Larry an. Er verzog den Mund, eine Seite seines Schnurrbarts hob sich. »Warum lasse ich mir das bloß gefallen?«
Ehe Larry antworten konnte, beugte sich Barbara nach vorne und schlang ihren gebräunten Unterarm um den Hals ihres Mannes. »Vielleicht, weil du mich liebst?«, fragte sie und kniff ihn ins Ohr.
»Hey, nicht so wild. Sonst komme ich noch von der Straße ab.«
Sie trug eine ärmellose Bluse. Auf ihrer tiefbraunen Schulter waren ein paar Sommersprossen zu sehen. Obwohl die Klimaanlage kalte Luft in den Wagen blies, glänzten Schweißtropfen in dem feinen Flaum über ihrer Oberlippe. Larry wollte nicht dabei ertappt werden, wie er sie anstarrte, deshalb sah er aus dem Fenster. Vor ihnen führte ein wie ein Goldsucher gekleideter alter Mann seinen Esel über den staubigen Seitenstreifen.
Larry fragte sich, ob der Typ echt war. Sie verließen gerade Silver Junction. In der Stadt hatte es von Gestalten in Wild-West-Aufmachung nur so gewimmelt. Einige schienen authentisch zu sein, aber Larry war sich sicher, dass die meisten sich bloß für die Touristen verkleidet hatten.
»Also, wie sieht’s aus?«, fragte Pete, als Barbara ihn losließ. »Wollt ihr auf Entdeckungsreise gehen?«
»Könnte lustig werden«, sagte Jean. »Oder hast du es eilig, nach Hause zu kommen, Larry?«
»Ich? Nein.«
»Er hasst es, auch nur einen Tag zu vergeuden«, erklärte sie. »Ist gar nicht so einfach, ihn aus dem Haus zu zerren.«
»Der Tag ist sowieso im Eimer«, sagte Larry.
»Ich freu mich auch, dich zu sehen«, warf Barbara ein.
»Sorry, so war das nicht gemeint. Das war ein toller Tag.« Es war wirklich eine nette Abwechslung zu seiner üblichen Sieben-Tage-Woche gewesen. Mit Pete und Barbara durch die alte Stadt zu bummeln, sich die Schießerei auf der Hauptstraße anzusehen und sich in dem malerischen Saloon einen Burger und ein paar Bier zu genehmigen, hatte ihm großen Spaß gemacht. »Ich muss sowieso öfter vor die Tür gehen. Das bringt mich auf neue Ideen.«
»Alles, was wir unternehmen, baut er in seine Bücher ein«, erklärte Jean, »aber trotzdem will er sich nie von seinem allmächtigen Textverarbeitungsprogramm trennen.«
»Einer muss ja die Miete reinbringen.«
Pete legte den Kopf in den Nacken, damit Barbara ihn auf dem Rücksitz besser hören konnte. »Lass uns mit ihm zu dieser Geisterstadt fahren.«
Eine Geisterstadt.
Larry verspürte ein angenehmes, warmes Prickeln in seiner Brust.
»Meinst du, du findest den Weg?«, fragte Barbara.
»Kein Problem.« Grinsend wandte er sich an Larry. »Das wird dir gefallen. Genau das Richtige für dich.«
»Ziemlich gespenstisch«, sagte Barbara.
»Für ihn ist es das Paradies.«
»Ich wette, du machst ein Buch daraus«, sagte Pete. »Nenn es doch Der Schrecken von Sagebrush Flat. Vielleicht lauern da ein paar Verrückte und hacken jeden in Stücke, den sie in die Finger kriegen.«
Wie immer, wenn die Leute von seinen Horrorromanen sprachen, spürte Larry einen Anflug von Stolz und errötete. »Wenn ich’s schreiben würde, würdest du es nicht lesen.«
»Aber ich«, versicherte Barbara ihm.
»Ich weiß. Du bist mein treuster Fan.«
»Ich warte lieber auf den Film«, verkündete Pete.
»Da kannst du lange warten.«
»Irgendwann schaffst du den Durchbruch.« Pete zwinkerte Larry zu.
Barbara gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
»Den hat er doch schon längst geschafft, Vollidiot.«
»Hey, Pfoten weg.« Er strich sein in Unordnung geratenes Haar glatt. Seinen dichten, schwarzen Schopf durchzogen lediglich ein paar graue Strähnen, doch sein Schnurrbart war fast vollständig ergraut und schien zu einem älteren Gesicht zu gehören.
»Du bist ein verschrumpelter weißhaariger alter Sack, ehe eines meiner Bücher verfilmt wird«, sagte Larry.
»Ach, Blödsinn. Du machst das schon, verlass dich drauf.« Er legte den Kopf schief. »Der Schrecken von Sagebrush Flat. Ich sehe es geradezu vor mir. Und ich werde eine der Figuren sein, stimmt’s?«
»Klar, du bist der Typ, der den Wagen fährt.«
»Wer soll mich spielen? Es muss natürlich jemand sein, der entsprechend schneidig und gut aussehend ist.«
»Benny Hill«, schlug Barbara vor.
»Du spielst mit deinem Leben, Süße.«
»De Niro«, sagte Larry. »Der wäre perfekt.«
Pete hob die Brauen und strich sich über den Schnurrbart.
»Meinst du? Der ist doch schon ziemlich alt.«
»Du bist auch kein junger Hüpfer mehr«, bemerkte Barbara.
»Hey, gerade mal 39. Im besten Alter, sozusagen.«
»Hoffentlich findest du die Abzweigung, ehe du dein Augenlicht verlierst.«
»Ich weiß, wo wir hinmüssen. Keine Sorge. Ich habe nämlich einen angeborenen Instinkt für solche Sachen. De Niro, meinst du? Ja, das ist nicht schlecht.«
»Fahr lieber langsamer«, sagte Barbara.
»Mach dir mal nicht in die Hose. Ich weiß genau, wo es langgeht.«
Der Wagen raste über die zweispurige Asphaltstraße, passierte eine Kurve und schoss an einer Abzweigung zur Linken vorbei.
»Da ging’s ab, du Genie.«
Er lehnte sich gegen die Tür und sah im Außenspiegel zurück zur Kreuzung. »Nee.«
»Doch, das wär’s gewesen.«
»Sie hören sowieso nie auf uns«, meinte Jean.
»Das war nicht die richtige Abzweigung«, murmelte Pete, trat aber auf die Bremse. Er lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen, hielt an, kurbelte die Scheibe herunter und sah sich um. »Meinst du wirklich, dass es da langgeht, Süße?«
»Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja weiterfahren.«
»Mist.«
»Das wird wohl heute nichts mehr mit der Geisterstadt.« Jean klang amüsiert.
Larry drehte sich auf seinem Sitz um und blickte sie an. Sie lächelte und verdrehte die Augen. Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. Worauf haben wir uns da nur eingelassen? Sie fanden das harmlose Geplänkel zwischen Pete und Barbara zwar beide lustig, hatten aber auch schon erlebt, wie es sich zu einer heftigeren Auseinandersetzung entwickelte. Gelegentlich hatten sie mit angehört, wie sich das Paar im Nachbarhaus gestritten hatte, dass die Fetzen flogen.
»Warum probieren wir es nicht einfach mit der Abzweigung«, schlug Larry vor.
»Es ist nicht die richtige.«
»Der große Navigator«, murmelte Barbara.
»Vielleicht sollten wir eine Münze werfen«, sagte Jean.
»Habt ihr eine Karte?«, fragte Larry.
»Pete hält nichts von Straßenkarten«, meinte Barbara freundlich. Larry fand es erstaunlich, dass sie ihren Sarkasmus ausschließlich an ihrem Mann ausließ. »Mach, was du willst, Pete. Ich habe gesagt, was ich meine. Du brauchst dich ja nicht dran zu halten.«
»Ach, verdammt.« Pete wendete den Wagen, und Larry sah die Erleichterung in Jeans Gesicht.
»Wenn das die falsche Straße ist«, sagte Larry zu Barbara, »machen wir dich persönlich verantwortlich.«
Sie fletschte die Zähne, dann lachte sie leise.
»Meine Worte, Kumpel.« Pete bog in die Seitenstraße ein und gab Gas. Er ignorierte die verblichene weiße Markierung und fuhr mitten auf der Straße. Von dem Schild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung war nicht mehr viel übrig; es war so durchlöchert von Kugeln, dass man die Zahl darauf nicht lesen konnte. Einige Einschusslöcher sahen frisch aus, aber die meisten hatten einen Rostrand. Pete zeigte auf das Schild. »Da habt ihr ein bisschen Lokalkolorit. Die gute Barb kriegt richtig Ärger, wenn wir uns nicht nur verfahren, sondern auch noch von irgendwelchen irren Jägern ins Visier genommen werden.«
»Hier gibt’s nur Schnäppchenjäger. Und die sitzen auf dem Rücksitz«, sagte Larry.
»Ha! Der war gut.«
»Passt bloß auf«, sagte Jean.
»Wir sind geliefert.«
»Mach dir keine Sorgen, Petey, du bist kein Schnäppchen.«
»Stimmt. Ich bin unbezahlbar. Und schlau genug, um zu wissen, dass das hier nicht die Straße nach Sagebrush Flat ist. Aber was soll’s.«
»Es war die richtige Entscheidung«, versicherte ihm Larry. »Meine enorme Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass es immer klüger ist, die Ratschläge der Frauen zu befolgen.«
»Weil sie meistens Recht haben«, meinte Jean.
»So oder so kannst du nur gewinnen«, sagte Larry zu Pete. »Zunächst mal sind sie froh, dass du machst, was sie vorgeschlagen haben. Das ist das Wichtigste. Lass sie ruhig glauben, sie hätten dich unter Kontrolle, das mögen sie. Wenn sich dann herausstellt, dass sie Recht hatten, ist alles wunderbar. Wenn nicht …«
»Was meistens der Fall ist«, warf Pete ein.
»Ob sie ahnen, auf wie dünnem Eis sie sich bewegen?«, fragte Jean.
»Wenn sie sich also irren«, fuhr Larry fort, »hat man das Vergnügen, sich in seiner Überlegenheit aalen zu können.«
Grinsend nickte Pete seine Zustimmung. »Hey, das solltest du in einem deiner Bücher schreiben.«
»Es ist aus einem seiner Bücher«, sagte Barbara. »Wenn ich mich nicht irre, hat irgendein Vorstadtbulle in Mitten in der Nacht so ziemlich genau das gesagt.«
»Im Ernst?« Larry war verblüfft, dass sie sich so etwas gemerkt hatte.
»Erinnerst du dich nicht?«
Hatte er eine seiner eigenen Figuren zitiert, ohne es gemerkt zu haben? Das ist merkwürdig, dachte er, und ein bisschen beunruhigend. »Nein«, gab er zu. »Aber wenn du es sagst, wird’s schon stimmen.«
»Da! Seht ihr? Theorie in Praxis«, sagte Pete.
»Nein, das ist mein Ernst. Ich schreibe so viel … Und das Buch liegt schon lange zurück.«
»Da bin ich im Vorteil«, sagte Barbara. »Ich habe es erst letzten Monat gelesen.«
»Hey, vielleicht verwandelst du dich ja in diesen Typen, diesen Vorstadtbullen. Das wäre eine super Idee für eine Geschichte, oder? Ein Schriftsteller, der sich in eine seiner eigenen Figuren verwandelt.«
»Könnte man was draus machen.«
»Aber vergiss nicht, von wem die Idee war.«
»Aha!«, rief Barbara. »Da vorne links.«
Auf der anderen Seite der Straße sah Larry ein verfallenes Bauwerk. Es hatte kein Dach mehr. Die Glasscheiben in Tür und Fenstern fehlten. Der obere Teil der Wände war abgebröckelt; einige Steine, die einmal zur rechteckigen Umfriedung des Gebäudes gehört haben mochten, lagen als loses Geröll herum und wurden wieder Teil der Wüste, der man sie einst entrissen hatte.
»Na gut«, sagte Pete, »ich glaube, das ist tatsächlich die richtige Straße.«
»Der große Navigator.«
»Sieht gar nicht aus wie eine richtige Geisterstadt«, bemerkte Jean.
»Das ist auch nicht die Geisterstadt«, sagte Barbara. »Aber letztes Mal haben wir hier angehalten und einen Blick darauf geworfen, bevor wir nach Sagebrush Flat gefahren sind.«
»Eigentlich kaum der Rede wert«, sagte Pete. »Wollt ihr es euch trotzdem kurz ansehen?«
»Ich würde lieber gleich zur Hauptattraktion fahren.«
Auch wenn Jean vorhin gesagt hatte, wie schwer es sei, ihn aus dem Haus zu bekommen, hatten sie doch im letzten Jahr einige Tagesausflüge unternommen, um die Gegend zu erkunden. Manchmal gemeinsam mit Pete und Barbara, ein paarmal allein und hin und wieder mit Lane - wenn sie ihre 17-jährige Tochter dazu hatten überreden können. Solche Ruinen wie die, an der sie gerade vorbeifuhren, hatte Larry bei ihren Touren öfter gesehen, aber keine echte Geisterstadt.
»Fragt ihr euch nicht auch, wer an solchen Orten gelebt hat?«, fragte Jean.
»Goldsucher, nehme ich an«, antwortete Pete.
»›Tote Typen‹«, zitierte Larry.
»Spar dir deine morbiden Kommentare.«
»Eigentlich ist das Lanes Kommentar gewesen. ›Tote Typen. ‹ Weißt du noch, Schatz?«
»Lane ist damals zurück zum Auto gegangen und hat auf uns gewartet. Sie wollte nichts damit zu tun haben.«
»Das kenne ich«, sagte Barbara. »Ich finde diese Orte zwar interessant, muss aber auch dauernd daran denken, dass, wer immer auch da mal gelebt hat, sich schon eine ganze Weile die Radieschen von unten ansieht.«
»Die Kakteen«, sagte Pete.
»Jedenfalls sind sie tot. Das macht die Sache irgendwie gespenstisch.«
»Umso besser für Larry.«
»Mich stört’s nicht«, sagte Jean. »Ist doch super zu sehen, wo die Leute gelebt haben, und sich vorzustellen, wie es wohl damals gewesen ist. Das ist Geschichte.«
»Apropos Geschichte«, sagte Larry, »was wisst ihr eigentlich über diese Geisterstadt?«
»Nicht viel«, meinte Pete.
»Er weiß ja noch nicht mal, wo sie ist.«
»Bestimmt steht was darüber im Reiseführer.«
»Nee. Haben wir schon nachgeguckt.«
»Anscheinend nicht spektakulär genug«, sagte Pete. »Vielleicht ist es keine offizielle Geisterstadt oder was auch immer nötig ist, um im Reiseführer erwähnt zu werden. Es ist einfach nur ein langgestreckter, verlassener Ort an der Straße.« Unvermittelt grinste er Larry an. »Meinst du, die Stadt existiert nur für uns? Als eine Art Hirngespinst?«
»Eine Geister-Geisterstadt.«
»Genau. Wie gefällt dir das? Noch eine Idee für dich. Bald musst du mir ein Beraterhonorar zahlen.«
»Schreib die Bücher doch einfach selbst, davon hast du mehr.«
»Vielleicht sollte ich es mal versuchen. Wie lange braucht man, um so ein Ding rauszuhauen?«
»Ungefähr sechs Monate. Und 25 Jahre, um zu lernen, wie man es macht.«
»Du solltest besser weiter Fernseher reparieren«, sagte Barbara.
»Kommt jetzt bald die Abzweigung?«, fragte er.
»Ich sag dir schon Bescheid.«
»Letztes Mal sind wir nicht dazu gekommen, die Stadt richtig zu erforschen«, sagte Pete. »Wir haben zu viel Zeit damit verschwendet, in dem Steinhaufen da hinten rumzuvögeln.«
»Pass auf, Freundchen.«
»Jedenfalls mussten wir nach Hause, weil du eine Party gegeben hast. Also sind wir einfach durch Sagebrush durchgefahren.«
Mein Gott, dachte Larry, es stimmt wirklich, sonst hätte Barbara nicht so reagiert. Sie haben tatsächlich zwischen den baufälligen Mauern dieser Ruine gebumst, ohne Tür, ohne Dach, praktisch im Freien.
Einen Moment lang war er dort. Barbara lag unter ihm, ihre Augen halb geschlossen, die Lippen geöffnet, bei jedem seiner Stöße wand sich ihr nackter Körper vor Lust.
Rasch verbannte er das Bild aus seinem Kopf und schämte sich für seine Begierde und den kleinen Verrat, den er damit begangen hatte. Andererseits taten Tagträume niemandem weh. Er hatte häufig solche Fantasien, und sie betrafen nicht nur Barbara. Aber er hatte Jean noch nie betrogen, und so sollte es auch bleiben.
»Wir sind gleich da«, verkündete Barbara.
Pete bremste fast vollständig ab, als er nach rechts abbog. Die Straße vor ihnen sah aus, als wäre sie von einer ganzen Generation von Straßenarbeitern im Stich gelassen worden. Von der Mittellinie konnte man nur noch ein paar verblichene Spuren erkennen. Der graue Asphalt war von der Sonne ausgedörrt, voller Risse und Löcher.
Der Wagen schlingerte und wackelte hin und her, während Pete versuchte, den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen. Larry klammerte sich an der Armstütze fest.
»Fahr ein bisschen langsamer«, sagte Barbara.
»Du willst doch auch ankommen, oder?«
»Ja, aber in einem Stück, wenn’s geht.«
Eine Erhebung ließ den Wagen aufbocken und Larrys Zähne aufeinanderschlagen.
»Verflucht!«, schnauzte Barbara.
»Schon gut. Den hab ich nicht kommen sehen.«
Nachdem er vom Gas gegangen war, ruckelte der Wagen zwar immer noch, aber die Fahrt wurde weniger strapaziös. Larry lockerte seinen Griff um die Armstütze. Als er aus dem Seitenfenster blickte, sah er das rostige Wrack eines umgekippten Autos. Das Dach war eingedrückt, der Wagen hatte keine Räder mehr. Er lag ein gutes Stück hinter der Straßenböschung, umgeben vom Müll der Wüste: Felstrümmern, Kakteen, herumwehendem Gestrüpp. Larry konnte sich nicht vorstellen, wie das Auto in diese Lage geraten war. Er überlegte, das Wrack zu erwähnen, entschied sich aber dagegen. Vermutlich hätte es Pete zu einer neuen Idee für eine Geschichte inspiriert.
Bestimmt gab es eine ganz gewöhnliche Erklärung dafür, wie es dort gelandet war. Vielleicht war es nach einer Panne von seinen Besitzern am Straßenrand stehen gelassen worden. Andere Leute waren vorbeigekommen und hatten es nur aus Blödsinn über die Böschung geschoben und umgeworfen. Aus reiner Langeweile. Oder jemand hatte die Reifen abmontieren wollen; es war wahrscheinlich einfacher, das Ding umzudrehen, als jede Ecke einzeln aufzubocken.
Nicht einfach irgendjemand.
Larry fühlte einen kurzen Schauder des Entzückens.
Eine marodierende Bande von Wüstenräubern. Eine primitive, blutdürstige Meute.
Womöglich warteten sie auch nicht einfach darauf, dass jemand eine Panne hatte. Sie blockierten die Straße oder brachten eine Sprengfalle an, um die unglücklichen Reisenden zu überfallen. Die Männer schlachteten sie ab, die Frauen schleppten sie mit zu ihrem Unterschlupf - vielleicht eine verlassene Mine - und amüsierten sich dort mit ihnen.
Nicht schlecht. Gut genug, um später damit herumzuspielen und auszuprobieren, ob es funktionieren könnte. Er brauchte nämlich eine neue Idee, und zwar bald.
»Gleich hinter der Kurve«, sagte Barbara.
Larry starrte durch die Windschutzscheibe, aber niedrige, steinige Hügel versperrten ihm den Blick. Die Straße wand sich durch eine Lücke zwischen den trostlosen Anhöhen.
Vielleicht kann ich die Geisterstadt noch in die Straßenräuber-Idee einarbeiten, dachte Larry, als sie durch den engen Pass fuhren.
»Da vorne!«, verkündete Pete.
2
Entlang der Straße nach Sagebrush Flat standen die Überreste von Schuppen, die der Wüstenwind zerrüttet hatte. Die Häuser aus Stein, Lehmziegeln oder Ziegelsteinen waren besser erhalten, aber auch sie machten einen verfallenen Eindruck; die Türen standen offen und die Fensterscheiben waren eingeschlagen. Hier und da lagen Bretter vor den Eingängen und Fenstern auf dem Boden. Larry nahm an, dass man die Häuser irgendwann einmal mit dem Holz verrammelt hatte.
Die verwitterten Wände der alten Gebäude waren übersät mit Einschusslöchern, voller Kritzeleien und Graffitis. Hinterlassenschaften von Besuchern der toten Stadt, die aus deren Kadaver einen Spielplatz gemacht hatten.
Viele der Vorgärten waren von eingestürzten Zäunen umgeben. Zwischen Kakteen und Gestrüpp sah Larry alte Möbelstücke vor einigen Häusern liegen: ein Sofa, zwei Rohrstühle, den verbogenen Aluminiumrahmen eines Liegestuhls. Neben einem der Häuser stand eine Badewanne. Neben einem anderen lag eine umgedrehte Kloschüssel, die anscheinend als Ziel für Schießübungen gedient hatte. Eine rostige Motorhaube lehnte an einer Veranda. Daneben lag ein Satz Reifen, und Larry dachte an das Autowrack ohne Räder, das er vor ein paar Minuten gesehen hatte.
»Nicht gerade Beverly Hills, oder?«, bemerkte Pete.
»Mir gefällt es«, sagte Larry.
»Mensch, und wir haben unsere Sprühdosen vergessen«, meinte Jean. »Wie sollen wir den Ort denn ohne unsere Farbe verunstalten?«
»Wir können ja ein bisschen rumballern.« Pete griff unter seinen Sitz und zog einen Revolver hervor. Er steckte in einem Holster ohne Gürtel. Larry erkannte die.357 Smith & Wesson, mit der er ein paarmal gefeuert hatte, als sie letzten Monat schießen gewesen waren. Ein Prachtstück.
»Um Himmels willen, leg das weg«, sagte Barbara.
»Ich mach doch nur Spaß. Reg dich wieder ab.«
»Männer und ihre Spielzeuge«, meinte Barbara, als Pete die Waffe wieder unter dem Sitz versteckte.
Pete bog von der Straße ab und hielt neben den Zapfsäulen einer alten Tankstelle. Er hupte mehrmals, als wollte er den Tankwart rufen.
»Mein Gott«, murmelte Barbara.
»Hey, wär das nicht was, wenn jetzt wirklich einer auftauchen würde?«
Larry blickte an den Zapfsäulen vorbei. Eine Verandatreppe führte zu einem kleinen Laden hinauf, dessen Fliegengittertür nur noch in einer Angel hing. Auf einem verblichenen Holzschild über dem Eingang stand der Name des Geschäfts: Holman’s. Zur Straße hin waren sämtliche Scheiben zerbrochen. Die Fensteröffnungen sahen aus wie Mäuler mit scharfen gläsernen Zähnen.
»Wir könnten hier starten«, schlug Pete vor.
»Prima.« Larry dachte, es wäre auch interessant, sich einige der Häuser anzusehen, an denen sie auf dem Weg vorbeigekommen waren, aber das konnten sie auch ein anderes Mal tun. Der Ortskern reizte ihn mehr.
»Schließt besser die Türen ab«, sagte Pete.
»Hier ist doch niemand, der was klauen könnte«, antwortete Barbara.
»Wäre es dir lieber, wenn ich die Magnum mitnehme?«
»Okay, schon gut, wir schließen die Türen ab.«
Larry verriegelte die Türen auf seiner Seite, dann trafen sie sich alle vor dem Wagen.
»Mir wäre wohler, wenn wir die Pistole mitnehmen würden«, sagte Pete.
»Aber mir nicht.«
»An so einem Ort kann man nie wissen.«
»Wenn du meinst, dass es gefährlich ist, sollten wir wieder fahren.« Barbara schüttelte sich ihr flatterndes blondes Haar aus dem Gesicht. Als der Wind ihre Bluse unterhalb des letzten Knopfs auseinanderwehte, erhaschte Larry einen Blick auf ein dreieckiges Stück ihres gebräunten Bauchs.
»Vielleicht gibt es hier Klapperschlangen«, gab Pete zu bedenken.
»Wir passen einfach auf, wo wir hintreten.« Jean wollte ebenso wie Larry die Diskussion um die Waffe so schnell wie möglich beenden, ehe sich ein Streit daraus entwickelte.
»Genau«, sagte Larry. »Und wenn uns irgendwelche üblen Typen über den Weg laufen, schicken wir euch die Kanone holen.«
»Vielen Dank. Und ihr Jungs versteckt euch so lange.«
»Dir würde das nichts ausmachen, oder, Süßer?«
Statt einer Antwort grabschte Pete Barbara an den Hintern. So wie sie zuckte und wegsprang, musste er ziemlich fest zugedrückt haben. Sie wirbelte herum. »Pass bloß auf, ja?«
»Los, wir gucken mal in Holman’s Laden rein«, sagte Jean und ging schnell zur Treppe.
Larry folgte ihr. »Vorsichtig«, ermahnte er sie. Die ausgeblichenen Stufen waren wellig und von Rissen durchzogen. Die vorletzte war in der Mitte durchgebrochen, eine Hälfte fehlte, die andere hing an rostigen Nägeln herab.
Jean hielt sich am Geländer fest, kletterte über die zerbrochene Stufe und überquerte wohlbehalten die Veranda. Als sie die Fliegentür aufzog, stieg Larry ebenfalls die Treppe hinauf. Die Stufen knarrten unter seinem Gewicht, aber sie hielten.
»Du solltest das lieber nicht probieren«, warnte Pete Barbara, während er den beiden anderen folgte. »Die Bretter werden zerbrechen wie Streichhölzer.«
»Hör doch auf«, antwortete sie.
Larry bewunderte Barbara für ihre Beherrschung. Es war wirklich dämlich von Pete, Witze über den Körperbau seiner Frau zu reißen. Sie war groß, vermutlich über eins achtzig. Aber obwohl sie keine Bohnenstange war wie viele große Frauen, war sie bestimmt nicht übergewichtig. Larry hatte sie schon in allen möglichen Kleidungsstücken gesehen, auch im Badeanzug und im Nachthemd, und ihr Körper gefiel ihm sehr. Er wusste, dass Pete stolz auf ihr Aussehen war. Aber manchmal übermannte ihn offenbar der Neid. Pete war kompakt und kräftig gebaut, aber auch wenn er noch so viele Hanteln stemmte, würden ihm trotzdem immer fünfzehn Zentimeter fehlen, um Barbara auf Augenhöhe zu begegnen.
Anstatt ihn Gnom oder Pinscher zu nennen, hatte sie ihn bloß gebeten aufzuhören. Bewundernswert.
Sie stieg die Treppe hoch, ohne dass eine Stufe zerbrach.
Im Inneren von Holman’s roch es nach trockenem altem Holz. Larry hatte erwartet, dass es im Haus heiß und stickig wäre, aber der Schatten und die Brise durch die zerbrochenen Fensterscheiben machten es erträglich. Eine dünne Schicht Sand bedeckte den Hartholzboden. An den Wänden, der L-förmigen Esstheke und den Füßen der Drehhocker davor hatten sich kleine Sandverwehungen gebildet.
Der Essbereich nahm ungefähr ein Drittel des Raumes ein. Wahrscheinlich hatten dort früher auch noch einige Tische gestanden.
»Die Cheeseburger waren bestimmt super hier«, sagte Jean. Sie hatte eine Vorliebe für kuriose Gaststätten. Kleine alte Lokale, die andere Leute als billige Kaschemmen betrachtet hätten, erschienen ihr vielversprechender als sterile und moderne Fast-Food-Ketten.
»Und Milchshakes«, sagte Barbara. »Da hätte ich jetzt Lust drauf.«
»Ich hätte eher Lust auf ein Bier«, meinte Pete.
»Ein Stück die Straße rauf habe ich einen Saloon gesehen«, sagte Jean.
»Aber da gibt’s nur Ghost-Lite«, entgegnete Larry.
»Lass uns ein paar Flaschen aus dem Wagen holen, bevor wir weitergehen.«
»Du hast Bier dabei?« Larry konnte es förmlich schmecken.
»Soll das ein Witz sein? In der Wüste trocknet man verdammt schnell aus. Hast du gedacht, ich würde hier ohne Notration aufkreuzen?«
»Perfekt!«
Pete wandte sich zur Tür.
»Willst du dich hier nicht umsehen?«, fragte Barbara.
»Was gibt’s denn hier schon zu sehen?« Er eilte nach draußen.
»Vermutlich hat er Recht.« Jean ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.
»Der Rest des Raums war bestimmt ein Geschäft«, sagte Larry. »Hier gab es alles, was das Herz begehrt, jede Wette.«
Aber davon war nichts mehr übrig, nicht einmal Regale. Bis auf die Theke und die Barhocker war der Raum leer. Hinter der Theke befand sich eine Durchreiche. Ein Stück weiter sah Larry eine geschlossene Tür, die wohl zur Küche führte. Noch weiter hinten, außerhalb der Theke, war eine Nische in der Wand.
»Da ging es wahrscheinlich zu den Toiletten.«
»Ich glaube, ich probier mal das Damenklo aus«, sagte Barbara.
»Viel Glück«, wünschte Jean.
»Gucken schadet ja nicht.«
Sie ging in die Nische und öffnete eine Tür. Schnell wendete sie sich ab und hielt sich eine Hand vor den Mund.
»Offenbar«, sagte Larry, »schadet Gucken manchmal doch.«
Barbara verzog das Gesicht.
»Du bist ziemlich blass um die Nase«, meinte Jean.
Barbara ließ die Hand sinken und atmete tief durch. »Vielleicht gehe ich doch lieber irgendwo hinters Haus.«
Sie verließen Holman’s. Barbara ging die Veranda entlang, sprang herunter und verschwand hinter der Hausecke. Larry und Jean gingen zum Wagen. Pete stieg gerade aus dem Auto und hielt vier Flaschen Bier gegen seine Brust gepresst. »Wo ist Barb?«
»Hinter dem Haus.«
»Folgt dem Ruf der Natur«, ergänzte Jean.
Petes Miene verfinsterte sich. »Sie hätte nicht alleine gehen sollen.«
»Möglicherweise wollte sie kein Publikum.«
»Verflucht. Barb!«, rief er.
Keine Antwort. Er rief noch einmal, und Larry bemerkte eine Spur von Besorgnis in seinen Augen.
»Wahrscheinlich kann sie dich nicht hören. Wegen Wind und so.«
»Halt das mal. Ich muss nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«
Jean und Larry nahmen jeweils zwei Flaschen aus seinen Armen. »Sie ist gerade mal ein paar Minuten weg.«
»Ja, schon …« Er eilte im Laufschritt auf die Ecke des Gebäudes zu.
»Hoffentlich reißt er ihr nicht den Kopf ab«, sagte Jean.
»Wenigstens macht er sich Sorgen um sie. Das ist doch schon mal was.«
»Ich wünschte wirklich, sie würden aufhören, sich zu zanken.«
»Scheint ihnen Spaß zu machen.«
Jean schlenderte zur Straße, Larry blieb an ihrer Seite. Die Bierflaschen in seinen Händen waren kühl und feucht. Er trank einen Schluck.
»Wenn du nicht aufpasst, musst du gleich auch mal hinters Haus.«
»Lass bloß nicht Pete mich retten.« Larry wandte seine Aufmerksamkeit der Stadt zu.
Die Hauptstraße hatte breite gekieste Seitenstreifen, auf denen man parken konnte. Die Bürgersteige waren aus Beton statt aus den für alte Westernstädte wie Silver Junction typischen Holzplanken. Die Einwohner hatten ein paar Modernisierungen vorgenommen, bevor sie Sagebrush Flat der Wüste überließen.
»Ich frage mich, warum sie die Stadt verlassen haben«, sagte Larry.
»Wärst du hiergeblieben?«
»Ich könnte nirgendwo leben, wo es keine Kinos gibt.«
»Also, ich sehe hier keins.«
Larry konnte auch keins entdecken. Er stand mitten auf der Straße, von wo aus er den ganzen Ort überblicken konnte. An keinem der Gebäude ragte das typische Vordach mit der Filmwerbung über den Bürgersteig. Larry sah einen kleinen Friseurladen, weiter links das verblasste Schild von Sam’s Saloon und vielleicht ein Dutzend weiterer Geschäfte. Vermutlich Eisenwarenhändler, Cafés, ein Bäcker, Bekleidungsgeschäfte, vielleicht eine Apotheke und ein Ramschladen, ein Zahnarzt und eine normale Arztpraxis, möglicherweise ein optimistischer Grundstücksmakler und mit Sicherheit ein Sportgeschäft. Selbst im kleinsten und abgelegensten Ort in Kalifornien durfte ein Laden, in dem man Waffen und Munition kaufen konnte, nicht fehlen. Am entfernten Ende der Stadt befand sich auf der linken Seite ein Gebäude aus Lehmziegeln mit zwei Garagentoren und Zapfsäulen davor. Babe’s Werkstatt. Das Herzstück der Stadt schien das dreistöckige Holzgebäude des Sagebrush Flat Hotels zu sein, direkt rechts neben Sam’s Saloon.
»Das würde ich am liebsten erkunden«, sagte Larry.
»Sam’s Saloon?«
»Den auch. Aber ich meinte das Hotel. Sieht so aus, als würde es schon eine ganze Weile da stehen.«
»Dann sollten wir da als Nächstes hingehen. Wer weiß, wie lange unsere kleine Expedition noch weitergeht, ehe die beiden sich streiten.«
»Wir müssen irgendwann nochmal hierherkommen, nur wir beide, und uns alles ganz in Ruhe ansehen.«
»Ich weiß nicht.« Sie trank einen Schluck Bier. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich alleine hierherkommen möchte.«
»Ach so, ich zähle wohl nicht.«
»Du weißt genau, was ich meine.«
Er wusste tatsächlich, was sie meinte. Sie sehnten sich beide nach Abenteuern, aber sie waren auch ein wenig ängstlich, und das schränkte sie ein. In Begleitung eines anderen Paars war diese Schwäche wie ausradiert.
Sie brauchten Unterstützung.
Unterstützung von Leuten wie Pete und Barbara. Trotz ihres Gezänks waren die beiden selbstbewusst und stark. Unter ihrer Führung wagten sich Larry und Jean an Orte, die sie alleine lieber mieden.
Selbst wenn wir von dieser Stadt gewusst hätten, dachte Larry, hätten wir uns nicht getraut, auf eigene Faust hinzufahren. Es war also unwahrscheinlich, dass sie in naher Zukunft noch einmal hierherkommen würden.
Jean wandte sich um und sah hinüber zu Holman’s. »Ich frage mich, wo sie bleiben.«
»Sollen wir nachsehen?«
»Lieber nicht.«
Larry trank von seinem kalten Bier.
»Sollen wir nicht mal aus der Sonne gehen?«, schlug Jean vor.
Sie spazierten hinter dem Auto vorbei zurück zur schattigen Veranda von Holman’s, stiegen die wackligen Stufen hinauf und setzten sich. Die beiden übrigen Bierflaschen stellten sie zwischen sich auf die Holzplanken. Jean schlug die Beine übereinander und strich sich mit ihrer Flasche über die nackten Oberschenkel. Die Feuchtigkeit hinterließ einen Film auf ihrer Haut. Sie hob die Flasche an ihr Gesicht und ließ sie über Stirn und Wangen gleiten.
Larry stellte sich vor, wie Jean ihre Bluse aufknöpfte und die kühle, tropfende Bierflasche über ihre nackten Brüste rollte. Aber sie war nicht die Art Frau, die so etwas jemals tun würde. Verdammt, sie würde nicht mal ohne BH aus dem Haus gehen.
Schade, dass das Leben kein Roman ist, dachte Larry und trank noch einen Schluck Bier. Ein Mädel aus einem seiner Bücher hätte die Flasche sofort über ihre Brüste gerollt. Und dann hätte der Mann natürlich mitgemischt.
Das wäre eine schreibenswerte Szene.
Er würde es niemals erleben, nicht in diesem Leben, aber …
»Larry, ich mache mir langsam Sorgen.«
»Sie werden schon kommen.«
»Irgendwas stimmt da nicht.«
»Vielleicht hat sie ein Problem.«
»Du meinst so was wie Dünnschiss?«
»Wer weiß?«
»Sie wären schon zurück, wenn nicht irgendetwas passiert wäre«, sagte Jean.
»Vielleicht ist Pete zum Zug gekommen.«
»Das würden sie nicht tun.«
»Offenbar haben sie es schon mal gemacht, in der Ruine, an der wir vorbeigefahren sind.«
»Es hörte sich zumindest so an. Aber da waren sie alleine. Sie würden es nicht tun, während wir hier warten.«
»Wenn du dir so sicher bist, können wir ja hinters Haus gehen und nachsehen.«
»Tu dir keinen Zwang an.« Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu.
»Nö.« Er legte eine Hand auf ihren Rücken. Ihre Bluse war feucht. Er zog den Stoff aus dem Bund des Rocks und ließ seine Hand darunter gleiten. Jean setzte sich auf und seufzte, als er sie streichelte.
Er fummelte am Verschluss ihres BHs herum.
»Reiß dich zusammen. Sie können jeden Moment auftauchen«, sagte Jean.
»Könnte aber auch sein, dass sie überhaupt nicht mehr auftauchen.«
»Mach nicht solche Witze, okay?«
»Das war halb ernst gemeint.«
»Vielleicht bumsen sie ja wirklich.«
»Du hast doch gesagt, das würden sie nicht tun.«
»Keine Ahnung, verdammt.«
»Vielleicht sollten wir wirklich besser nachsehen.«
Jean rümpfte die Nase.
»Wenn sie in Schwierigkeiten geraten sind«, sagte Larry, »machen wir die Sache nicht besser, indem wir es auf die lange Bank schieben. Könnte sein, dass sie Hilfe brauchen.«
»Ja, gut.«
»Außerdem wird ihr Bier langsam warm.«
Er nahm die Flasche, die für Pete bestimmt war, stand auf und wartete auf Jean. Gemeinsam gingen sie zum Ende der Veranda. Larry warf einen Blick um die Ecke. Neben dem Gebäude war niemand zu sehen. Er sprang von der Veranda. Jean hielt mit dem Daumen Barbaras Flasche zu und folgte ihm.
»Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, sagte sie.
»Die glauben doch nicht, dass wir ewig warten.«
Larry ging voraus. Falls dort wirklich eine Gefahr lauerte, war es ihm lieber, wenn Jean ein paar Schritte hinter ihm blieb.
In solchen Momenten wünschte er, seine Fantasie würde eine Auszeit nehmen. Aber sie arbeitete ununterbrochen, brachte ständig neue Szenarien hervor - und die meisten davon waren grausam.
Er stellte sich vor, dass Pete und Barbara tot waren. Abgeschlachtet von der selben Bande von Wüstenräubern, die ihm in den Sinn gekommen war, als er das umgedrehte Auto gesehen hatte.
Vielleicht war Pete umgebracht und Barbara entführt worden.
Dann mussten sie Barbara suchen. Aber erst nachdem sie zurück zum Wagen gelaufen und Petes Pistole geholt hatten.
Oder sie waren beide von einem Kriminellen ermordet worden, der die alte Stadt als Versteck benutzte.
Oder von einem Wahnsinnigen, der aufpasste, dass niemand sich seinem Claim näherte.
Möglicherweise waren sie auch einfach weg. Spurlos verschwunden.
Pete hatte die Wagenschlüssel. Sie würden die Stadt zu Fuß verlassen müssen.
Soweit Larry wusste, war Silver Junction die nächste Stadt.
Mein Gott, das wäre ein stundenlanger Marsch. Und vielleicht würde ihnen jemand folgen, Jagd auf sie machen.
»Wir sollten sie lieber warnen, dass wir kommen«, sagte Jean.
Er blieb kurz vor der Ecke des Hauses stehen, blickte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf. »Wenn sie mit jemandem Ärger haben …«
»Denk nicht mal dran, okay?«
Er konnte Jean ansehen, dass sie diese Möglichkeit schon in Betracht gezogen hatte.
»Geh einfach vor und ruf sie«, sagte Jean. »Wir wollen ja nirgendwo reinplatzen.«
Du vielleicht nicht, dachte er. Wenn Pete sie sich gerade vornahm, würde es Larry nichts ausmachen, einen Blick darauf zu werfen. Ganz und gar nicht.
Ohne um die Ecke zu sehen, rief er: »Pete! Barbara! Alles klar bei euch?«
Niemand antwortete.
Vor einer Sekunde hatte er sich noch vorgestellt, wie sie es miteinander trieben. Jetzt sah er ihre toten Körper dort liegen, blutgierige Wilde beugten sich über sie und wandten ihre Köpfe, als sie seine Stimme hörten.
Er gab Jean ein Zeichen zu warten und trat um die Ecke des Gebäudes.
3
»Wo sind sie?«, flüsterte Jean und drückte sich dicht an seine Seite.
Larry schüttelte den Kopf. Er konnte einfach nicht glauben, dass die beiden tatsächlich verschwunden waren. »Vermutlich sind sie einfach irgendwo anders hingegangen«, sagte er. Sie dabei zu erwischen, wie sie sich miteinander amüsierten, war reines Wunschdenken gewesen, und auch seine Sorge, sie könnten ermordet worden sein, war ziemlich weit hergeholt. Aber das galt eigentlich auch für die Befürchtung, sie könnten einfach verschwunden sein.
»Wir müssen sie finden«, sagte Jean.
»Guter Plan.«
Er sah nichts als die Rückseiten der anderen Häuser und die Wüste, die sich nach Süden bis zu einer Bergkette erstreckte.
»Vielleicht wollen sie uns einen Streich spielen«, meinte Jean.
»Ich weiß nicht. Pete war ziemlich scharf auf sein Bier.«
»Man geht aber nicht pinkeln und ist dann einfach so vom Erdboden verschwunden.«
»Manchmal schon.«
»Das ist nicht lustig.« Ihre Stimme zitterte.
»Komm schon, sie müssen ja irgendwo in der Nähe sein.«
»Vielleicht sollten wir besser die Pistole holen.«
»Das Auto ist abgeschlossen. Ich glaube nicht, dass Pete begeistert wäre, wenn wir die Scheibe einschlagen würden.«
»PETE!«, schrie sie plötzlich. »BARB!«
»Ja!«, antwortete eine entfernte Stimme.
Jeans Augenbrauen flogen in die Höhe. Ihr Kopf wirbelte herum, und sie spähte in die Wüste hinaus.
Ungefähr fünfzig Meter vor ihnen tauchten Petes Kopf und Schultern aus der Einöde auf. »Hey, das müsst ihr euch ansehen!«, rief er und winkte sie zu sich.
Jean blickte zu Larry, verdrehte die Augen und sank in sich zusammen, als hätte jemand die Luft herausgelassen.
Larry grinste.
»Ich glaube, ich bringe die beiden selber um.«
»Ich hole die Pistole.«
»Schlag ruhig alle Scheiben am Wagen ein«, sagte sie mit brüchiger Stimme.
»Komm, wir gucken, was sie gefunden haben.«
»Wehe, es ist nichts Besonderes.«
Sie schritten über die harte, zusammengebackene Erde, kletterten vorsichtig über zerbrochene Felsen und umgingen
Die Originalausgabe THE STAKE erschien 1990 bei Headline Book Publishing PLC, London
Vollständige deutsche Erstausgabe 04/2010
Copyright © 1990 by Richard Laymon
Copyright © 2010 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN 978-3-641-04961-4
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