Der Posamentenhändler - Georg Koytek - E-Book

Der Posamentenhändler E-Book

Georg Koytek

0,0
7,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Heinrich Novak, der letzte Posamentenhändler Wiens, wird in seinem Geschäft im siebenten Wiener Gemeindebezirk ermordet aufgefunden. Die vermeintlichen Täter sind rasch gefasst und der Fall scheint erledigt, wäre da nicht eine Tochter des Ermordeten, die Ungereimtheiten bei der Erbschaft vermutet und Conrad Orsini, seines Zeichens ehemaliger Kriminalbeamter und nunmehriger Detektiv, mit Ermittlungen beauftragt. Bald schon entdeckt Orsini, dass da Einiges vertuscht werden soll, denn nicht nur in der Familie des Ermordeten gibt es dunkle Geheimnisse, sondern auch eine zwielichtige Bau- und Immobilienfirma scheint großes Interesse daran zu haben, in den vollständigen Besitz einiger vielversprechender Liegenschaften zu kommen. Im Krimi "Der Posamentenhändler" wird ein Stück Wien gezeigt, das langsam verschwindet und von der Moderne überrollt wird. Einprägsam und äußerst spannend verstehen es die beiden Autoren den Leser in Bann zu ziehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 595

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Koytek & Stein

Der

Posamentenhändler

Kriminalroman

Leykam

für Max und Paul

Von der einfachsten bis zur güldnen Schnür, 
alles macht der Posamentier!

1

Achtundsiebzig Stufen sind achtundsiebzig Stufen – und selbst, wenn man die vier gleich nach der Eingangstür abzog, blieben noch vierundsiebzig.

Fröstelnd trat er vor die Tür auf den Gang, zog seine Jacke enger um die Schultern und wartete. Von draußen schlich die Novemberkälte wie ein unsichtbarer Nebel das Stiegenhaus herauf und kroch unbarmherzig in seine Knochen. Seit über einer Woche verbarg sich die Sonne schon hinter einem undurchdringlichen Wolkenschleier und drückte auf seine Stimmung. Gespannt horchte er auf den Klang der Schritte, die sich näherten und nun am kleinen ehemaligen Portierskämmerchen vorbei mussten, das an manchen Tagen einen ziemlich strengen Geruch bis in die hintersten Winkel des Stiegenhauses verströmte. Außerdem erlosch dort das Licht meist, bevor man die Treppen erreicht hatte. Dann blieb einem nichts anderes übrig, als sich mühsam bis zum nächsten Lichtschalter vorzutasten.

Im hallenden Stiegenhaus konnte man die Geräusche, die die Schuhe auf den Marmortreppen verursachten, gut hören. Leder rieb auf eingetretenem Straßensplitt. Absätze – sieben oder acht Zentimeter, schloss er. Leise zählte er die Schritte mit, die sich ihm Stufe für Stufe näherten. Ein Lufthauch wehte den Oberton einer eigenwilligen Duft­note zu ihm hoch, die das übliche Stiegenhausaroma überlagerte.

Seit Jahren schon schwelte im Haus ein Konflikt der Parteien über den Einbau eines Aufzugs, doch bisher hatte sich die Kontra-Fraktion bei jedem neuen Anlauf gegenüber der Pro-Gruppe knapp durchgesetzt, sogar von Energiesparen und Klimaschutz war die Rede gewesen, sodass sich seine Kundschaft nach wie vor die drei Stockwerke zu Fuß hi­naufquälen musste. Ihm war dies allerdings nicht gänzlich unrecht. So konnte er leichter seinem heimlichen Vergnügen nachgehen.

Erwartungsvoll strich sein Zeigefinger die Fugen zwischen den abgenutzten Fliesen entlang und hielt bei einer ausgeschlagenen Ecke inne. Langsam löste er ein winziges Stückchen ab, legte es vorsichtig auf seine geöffnete Handfläche und schnippte es lautlos ins Stiegenhaus.

Dreiundzwanzig, vierundzwanzig ..., zählte er dann stumm mit. Der Griff nach dem aus Eiche gedrechselten Holzgeländer, eine kurze Verschnaufpause – der erste Stock war geschafft. Er schloss die Augen. Ungefähr dreißig, lange Haare, taillierter Mantel, fantasierte er. Nach den zwei kleinen Pausen zu urteilen eher unsportlich, Armreifen und Ringe an den Händen – zumindest glaubte er, ein schepperndes Geräusch beim Griff nach dem Geländer gehört zu haben. Eventuell ein paar Kilo zu viel.

Fünfunddreißig, sechsunddreißig ...

Rasch zog er sich wieder in seine Räumlichkeiten zurück und ließ die Tür leise ins Schloss gleiten. Als die Türklingel schellte, verharrte er einen Augenblick lang reglos, lauschte dem schnellen Atem auf der anderen Seite und öffnete erst dann. Höflich wich er aus und machte mit der Hand eine einladende Bewegung.

Bei einigen wenigen Details war er tatsächlich richtig gelegen, im Großen und Ganzen jedoch überraschte ihn die äußere Erscheinung der eintretenden Frau: Absätze, übergroße Armreifen, protzige goldene Ringe an den Fingern – das waren die Treffer. Brünette, mit einer Nuance ins Rot gehende auftoupierte Haare, frisch vom Friseur, rosa-grau gemustertes altmodisches Kostüm, die Handtasche perfekt darauf abgestimmt – das hatte er nicht erwartet. Die aufgebauschte Frisur erinnerte ihn ein wenig an eine Bärenfellmütze, wie sie britische Dudelsackpfeifer bei ihren Aufmärschen trugen. Das Gesicht war zudem beherrscht von einer riesigen, dunkel getönten Brille mit nicht zu knappem Goldrand, die die Gesichtszüge in den Schatten stellte.

„Guten Tag!“, brachte die Frau nach einer kleinen Atempause leicht schnaufend hervor. „Pfeifer ..., Sophie Pfeifer – der Aufzug ... wurde übrigens schon erfunden ...“, fügte sie mit leicht spöttischem Tonfall hinzu und streckte ihm gleichzeitig ihre makellos gepflegte Hand hin. Dabei drohte ihn der Duft des aufdringlichen Parfums wie eine Dampfwalze zu überrollen. Unauffällig versuchte er der Geruchsattacke Richtung Büro auszuweichen und entgegnete: „Conrad Orsini, womit kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Das ist eher eine äußerst ... delikate Angelegenheit.“ Wie um diesen Satz von sich wegzuschieben, öffnete Sophie Pfeifer den Verschluss ihrer Handtasche, holte ein an den Rändern rosarot verziertes Stofftaschentuch hervor und tupfte sich damit über die Stirn. Befriedigt stellte Orsini fest, dass er sich zumindest in punkto Sportlichkeit nicht geirrt hatte. Er zog die Augenbrauen hoch und wartete. Es war nicht ungewöhnlich, dass seine Klienten es schwierig fanden, zur Sache zu kommen. Sie hatten einen Sack voll Misstrauen und Verdächtigungen im Gepäck, noch dazu meist gegen die nächsten Verwandten oder Geschäftspartner. Und, was das Schwierigste zu sein schien, sie kannten ihn nicht, weshalb erst ein gewisses Vertrauen aufgebaut werden musste. Dass Sophie Pfeifer allerdings angeläutet hatte, ohne zuvor einen Termin zu vereinbaren – so viel Spontaneität hätte er ihr nicht zugetraut.

Durch den Vorraum, der seine Wohnung vom Büro abtrennte, bat er sie weiter, zog im Büro einen der beiden alten Lederstühle für sie heran und nahm ihr gegenüber Platz. Dabei entging ihm auch ihr verwunderter, fast herablassender Blick nicht. Abgesehen von den beiden Ledersesseln für Besucher, dem großen amerikanischen Schreibtisch mit einer Tischlampe aus den Sechziger-Jahren und einem Bakelit-Telefon, bevölkerte nämlich nur noch ­Orsinis absolutes Lieblingsstück, der mit Kuhfell überzogene Drehsessel, das Zimmer.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee, Tee?“

„Nein, danke!“

Schweigen.

Regungslos wartete Orsini ab, denn er funktionierte nach seiner eigenen Uhr. Darüber hinaus nahm er nur Fälle an, die sein Interesse erregten. Zu diesem Zweck hatte er in seiner Schublade drei unterschiedliche Vertragsformulare vorbereitet. Formular B war für Bessergestellte, FormularN für Normalsterbliche – und dann gab es noch Formular U. U stand für uninteressant und die darin verlangten Preise waren so astronomisch hoch, dass jeder Klient sofort seine Sachen packte und das Büro verließ. Wenn er einen Auftrag nicht annehmen wollte, zog er sich auf diese Art aus der Affäre und musste durch den kleinen Trick auch nicht erklären warum.

Ein Räuspern durchbrach jäh seine Gedankengänge. Sophie Pfeifer nahm die Brille ab und sah ihm für einen Moment unverwandt ins Gesicht.

„Ein Glas Wasser vielleicht, bitte!“

Innerlich schmunzelte Orsini. Nach außen zeigte er nur seine abwartend interessierte Miene, griff nach der Karaffe und goss zwei Gläser voll. Ohne die überdimensionale, fast operettenhaft wirkende Brille war Sophie Pfeifer eine durchaus attraktive Frau. Mitte vierzig vielleicht. Auch wenn ihr Stil nicht gerade seinen Idealvorstellungen entsprach. Ohne die Brille sah man dunkle Ringe unter den Augen, die selbst die dickste Schminke nicht wegretouschieren konnte. Besonders gut hatte sie wohl nicht geschlafen. Genauso abrupt wie sie die Brille abgenommen hatte, setzte sie sie wieder auf.

„Sie wirken recht ordentlich oder ist die Auftragslage ...“, begann sie schnippisch und deutete mit einer fahrigen Handbewegung vom großen, fast leeren Tisch hinüber zu Orsini. „Haben Sie denn keinen Computer, keine Akten?“

„Doch“, entgegnete Orsini, „die Akten sind im Kopf und der Computer im Nebenzimmer, wenn Sie die Einrichtung meinen, ich kann Unordnung nicht ausstehen – stört mein Denkvermögen.“

„Aha“, unterbrach sie ihn dermaßen spitz, dass Orsini froh war, ihr nicht den Rest seiner Wohnung zeigen zu müssen.

„Ja, es ist so ...“, setzte sie erneut an. Es schien, als bereute sie es, Orsini aufgesucht zu haben. Ihr Blick blieb auf den fünf an die Wand genagelten Schallplatten hängen. „Ich habe auf Ihrer Homepage gelesen, dass Sie ... Also ich möchte, dass Sie für mich herausfinden, ob, ... ob jemand aus meiner Familie versucht, mich um mein Erbteil zu bringen!“

Orsini nahm im Geiste Formular U zur Hand und seufzte: „Ihr Erbteil.“

„Mein ... mein Vater ...“

„Ihr Vater?“

„Ja, vorige Woche, er ist ...“ Sophie Pfeifer begann, langsam an einem ihrer Ringe zu drehen. Ihr Tonfall war beinahe unterkühlt, als sie fortfuhr: „... er ist vorige Woche ermordet worden. In seinem Geschäft. Drogensüchtige. Angeblich Beschaffungskriminalität. Aber darum ... geht es mir nicht, das ist Aufgabe der Polizei.“

Mord? Orsini zögerte ... darum geht es nicht ... Ohne den ihm gegenüber sitzenden glitzernden Weihnachtsbaum aus den Augen zu lassen griff er instinktiv nach Formular B für Bessergestellte und fragte: „Sondern?“

„Es geht um meinen Bruder Karl. Ich vermute, dass er das Erbe an sich reißen will.“ Sie öffnete ihre Tasche und zog ein Kuvert hervor. „Er wohnt nach wie vor in der elterlichen Wohnung, jetzt natürlich nur mehr mit unserer Mutter, und das schon seit sechsundvierzig Jahren!“

Sechsundvierzig Jahre keine Miete, immer frisch gebügelte Hemden, täglich eine warme Mahlzeit – was ist daran falsch?, spöttelte Orsini heimlich.

Jetzt, wo sie sich offensichtlich dazu entschlossen hatte, zu erzählen, schoss es aufgebracht aus Sophie Pfeifer he­raus: „Das hier habe ich auf seinem Schreibtisch gefunden. Es ist eine Ungeheuerlichkeit!“ Sie leerte das Glas Wasser in einem Zug und ließ es mit klirrenden Armreifen auf den Tisch sausen.

„Gefunden“ war eine nette Umschreibung für herumstöbern und suchen, überlegte Orsini. Umständlich zerrte sie an dem Kuvert, das sich ihr zu widersetzen schien, bis sie endlich ein zusammengefaltetes Blatt Papier in der Hand hatte. Mit spitzen Fingern schob sie es ihm hin. Von sich weg.

„Moment – könnten wir von vorn beginnen?“ Orsini entfaltete sorgsam das Schreiben. „Ihr Vater wurde letzte Woche ...?“

„Ja. Er ist schon 85 gewesen, aber soweit ich weiß, bei bester Gesundheit. Freitagabend. Er wollte gerade sein Geschäft verlassen, als es geschehen ist.“ Wieder drehte sie am goldenen Ring und zog ihn dann langsam bis zur Fingerkuppe vor und zurück, als hätte es den Gefühlsausbruch wenige Augenblicke zuvor nicht gegeben.

Orsini sah zum Fenster hinunter auf die schmutzige Straße. Es tröpfelte leicht. Am First des Hauses gegenüber bleckte eine mächtige Löwenfigur im trüben Abendlicht die Zähne. Beim Anblick der steinernen Mähne fiel ihm unwillkürlich Sophie Pfeifers Frisur ein: Das feine Haar war zu einem gleichzeitig luftigen und mit diversen Mitteln gefestigten Machwerk verarbeitet. Zuckerwatte. Ein Löwe, besser gesagt eine Löwin, verbarg sich hinter dieser künstlichen Mähne jedoch nicht.

Sophie Pfeifer war nach einer knappen halben Stunde unvermittelt aufgestanden, hatte rasch noch ihre Unterschrift unter den Vertrag gesetzt und eine penetrante Parfumwolke hinterlassen.

Nachdenklich überflog er die schlecht leserliche Kopie des Schreibens, das Sophie Pfeifer ihm gezeigt hatte. Sophies Bruder Karl: Im Kopf zog Orsini von dessen sechsundvierzig Jahren die Zeit der Kindheit ab, rechnete mal 365, multiplizierte mit den Kosten eines üblichen Hotelzimmers und staunte ob der Summe, die er sich erspart haben musste. Sophie Pfeifers Neid war durchaus verständlich.

Es handelte sich um ein normales Anbot einer Immobiliengesellschaft namens Immotreu für das elterliche Haus, in dem sich das Geschäft befand. Dort war auch der Mord geschehen. Als Adressat war der Ermordete, Heinrich Novak, angeführt. Der Straßenname war gerade noch zu entziffern, die Hausnummer jedoch nicht. Jemand – Sophie Pfeifer vermutete ihr Bruder – hatte handschriftlich Ziffern hinzugefügt mit dem Vermerk: „Bar, bei Vertragsunterzeichnung.“ Der handschriftliche Betrag war um ein Mehrfaches höher als das offizielle Anbot. Das hatte ihr Misstrauen erweckt.

Sie hat heimlich nach einem Testament ihres Vaters gesucht und dann zufällig das Anbot entdeckt, dachte Orsini, ging ins Nebenzimmer und schaltete seinen Computer ein. Jedenfalls deutete ihre Verlegenheit in diesem Punkt darauf hin ... ungeduldig war sie wohl auch ... Verständlicherweise, denn der Termin mit dem Notar der Familie war erst in knapp drei Wochen angesetzt.

Mann tot in Geschäft aufgefunden, überflog Orsini die Schlagzeile im Internet-Zeitungsarchiv vom 25. 10. Der 85-jährige Händler Heinrich Novak aus Wien Neubau wurde am Freitag, den 24. Oktober kurz vor 20.00 Uhr leblos auf dem Boden liegend in seinem Geschäft in der Zieglergasse 31a aufgefunden ... die Rekonstruk­tion des Unglückshergangs gestalte sich schwierig, erklärte die zuständige Polizeisprecherin ... vermutlich erdrosselt ... Obduktion sei abzuwarten ... mehrere Einvernahmen ...

Erfolglos suchte er nach aktuelleren Einträgen und klickte schließlich auf das Ausschaltsymbol. Für einen Augenblick empfand er seine Tätigkeit als unendlich mühsam, wenn er an die Möglichkeiten seines früheren Jobs dachte. Der Ventilator des Computers gab ein letztes Surren von sich, während Orsini wieder zum Gespräch von vorhin zurückfand.

Sophie Pfeifer selbst war geschieden und kinderlos. Zu ihren Eltern und den beiden Geschwistern hielt sie nur sehr losen Kontakt. Deswegen hatte sie auch von eventuellen Verkaufsplänen nichts gewusst und fühlte sich nun vor den Kopf gestoßen. Zudem hatte sie nach dem Begräbnis auch noch festgestellt, dass von den Kunstgegenständen in der elterlichen Wohnung einiges fehlte. Zur Rede gestellt hatte sie ihre Geschwister diesbezüglich aber nicht. Ein Satz hallte dazu in Orsinis Ohren wider: „In unserer Familie wurde die Sprachlosigkeit kultiviert.“

Morgen würde er sich um alles Weitere kümmern, beschloss er, denn er hatte noch einige dringlichere Aufgaben zu erledigen.

Wenig später bog er mit hochgestelltem Mantelkragen unter der goldenen Weltkugel des Palais des Beaux Arts in die Löwengasse. Wie immer schaute er kurz zu den Weltkugelträgerinnen hoch, denen das Regenwasser von den schwarzen Haaren über die ebenso schwarzen Arme auf die nackten Brüste tropfte, hob grüßend die Hand und marschierte mit zügigen Schritten voran.

Nur halblaut drangen die Geräusche an sein Ohr, ohne dass er sie wirklich registrierte, so versunken saß er gegen Abend auf der mit Kunstleder bezogenen, abgenutzten Sitzgarnitur im ebenso abgenutzten, kleinen Kaffeehaus. Wieder einmal. Er hoffte, auf Paula zu treffen. Einige Male hatten sie hier – im Jell, wie sie es abgekürzt nannten – nach der Arbeit gemeinsam Kaffee getrunken oder stundenlang geredet. Die Zeit war dabei weitergezogen.

Immer noch trug er den Geruch ihrer Haut in seiner Erinnerung mit sich, den Geschmack ihrer Lippen, ihre bedingungslosen, beinah ungestümen Umarmungen, ihre wilden Locken, die dabei sein Gesicht streiften und ihr neckisches Lachen, wenn es ihr gelungen war, ihn auf den Arm zu nehmen.

Vorbei. Das war Jahre her, vergessen konnte er Paula freilich nicht. Dass er mittlerweile zwei Stunden hier saß und auf den kümmerlichen verstaubten Gummibaum starrte, hob die Stimmung nicht sonderlich. Sogar der Kellner, der ihn zuvor schon zweimal gefragt hatte, ob er noch etwas wünsche, aber nur ein missmutiges „Nein!“ zu hören bekommen hatte, schien nun einen Bogen um seinen Tisch zu machen.

Abermals fiel sein Blick auf die Wanduhr, die sich kaum von der nikotingelben Stofftapete abhob, als die Eingangstür darunter aufging. Eine ältere Dame im abgetragenen Filzmantel, die Füße in flauschigen dunkelbraunen Hauspatschen, schob sich herein und schlurfte über den desolaten Parkettboden. Von ihrer Schulter baumelte eine blau blitzende Sporttasche. Zielstrebig steuerte sie den Tisch neben Orsini an, stellte die Sporttasche auf der Sitzbank ab und zog Filzmantel, Wollschal und Pelzhaube aus. Womöglich lag es an ihrem rosa-grauen verwaschenen Jäckchen, dass er erneut an seine Klientin, die Löwenmähnenfrau, denken musste, während sich die Dame ihm gegenüber in Zeitlupe niedersetzte und am Verschluss der blauen Tasche zu hantieren begann.

Dass es zwischen Sophie Pfeifer und ihrem Bruder nicht zum Besten stand, war nicht zu übersehen, aber auch bezüglich ihrer jüngeren Schwester Anna und ihrer Mutter Judith war kaum ein gutes Wort über die geschminkten Lippen gekommen. Bei der Erwähnung des ermordeten Vaters war sie erstaunlich kühl und wortkarg geblieben. Der Konflikt um die Erbschaft dürfte wie so oft als Lupe gedient und aus längst archivierten Streitereien einen massiven, scharfkantigen Berg an Problemen angehäuft haben.

Wieder ging in diesem Augenblick die Tür auf, – Paula?, ließ er sich kurz ablenken – doch es war nur ein junges verliebtes Paar, sodass Orsini bald wieder ins Grübeln verfiel. Die Dame am Nebentisch hatte inzwischen ein Kartendeck in ihrer pergamentenen Hand und legte erstaunlich geschickt die Karten vor sich auf den Tisch.

Patience? Orsini beobachtete neugierig, wie sie danach drei kleine silberne Dosen aus der Tasche holte und sie in einem Dreieck vor den Karten platzierte. Der Kellner kam wie gerufen und stellte ein Glas in die Mitte des Dosendreiecks. Ein doppelter Whisky, stellte Orsini erstaunt fest. Ohne die flink hin- und hereilenden Hände aus den Augen zu lassen, zogen seine Gedanken geradlinig weiter.

Was ihm Sophie Pfeifer noch erzählt hatte, war, dass die bis vor nicht allzu langer Zeit relativ heruntergekommene Gegend, in der sie ihre Kindheit verbracht hatte, seit Kurzem einen Aufschwung erlebte. Die Immobilienpreise waren gestiegen und auch ihre Familie dürfte Kontakt mit Bauspekulanten gehabt haben. Außer dem „gefundenen“ Papier hatte sie allerdings keine weiteren Hinweise dazu. Auf Orsinis Nachfrage, ob sie sicher sei, dass ihr Bruder Karl die mit Bleistift gekritzelten Zahlen dazugefügt habe, hatte sie geantwortet: „Nein, aber das Papier lag jedenfalls in seinem Zimmer. Karl war schon immer berechnend. Die Absicht dahinter ist doch klar – ich finde, das ist Beweis genug!“

Orsini war diesbezüglich nicht ganz so überzeugt, ging jedoch nicht näher darauf ein. Von der Hand zu weisen waren ihre Schlussfolgerungen natürlich nicht. Entweder hatte ihr Bruder sie und den Rest der Familie zu hintergehen versucht, um bar auf die Hand zu kassieren, oder aber er hatte in der ganzen Aufregung nach dem Mord an seinem Vater vergessen, den übrigen Familienmitgliedern von dem Anbot zu erzählen.

„Und keinen Kontakt mit dem Notar!“ Darauf hatte sie bestanden. „Er kennt die Familie und ich will unter keinen Umständen, dass mein Name irgendwie auftaucht. Meine Schwester würde einen Aufstand machen!“

„Dann wird’s aber schwierig“, hatte Orsini geantwortet.

„Na, da müssen S’ sich halt was einfallen lassen, sonst hätte ich Sie ja nicht engagieren brauchen!“

An dieser Stelle war er knapp daran gewesen, das Gespräch abzubrechen. Etwas hatte ihn jedoch davon abgehalten. Ein unbestimmtes Gefühl, von dem er gehofft hatte, es hinter sich gelassen zu haben, war in dem Moment in ihm wach geworden, als Sophie Pfeifer von Mord gesprochen hatte. Ein Instinkt, der ihn antrieb nachzuhaken. Das konnte so weit gehen, dass er die Kontrolle über sich selbst verlor und, von dem Drang nach Wahrheit besessen, alles um sich vernachlässigte. Bewusst hatte er um solche Fälle jahrelang einen Bogen gemacht. Doch die eintönigen Ermittlungen der letzten Zeit hatten ihn möglicherweise ausgehungert. Der Mord an Heinrich Novak schien geklärt, simple Kriminalität am unteren Rand der Gesellschaft. Dort fand sich nichts Mysteriöses. Und doch ...

Die Gegend, in der das Geschäft des Ermordeten lag, kannte Orsini jedenfalls – sie war nicht weit vom Jell entfernt. Zusammen mit dem Viertel rund um Ulrichskirche und Spittelberg bildeten sie die noch in ihrer Ursprünglichkeit erhaltenen Kernzonen des Bezirkes Neubau. Vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis ins neue Jahrtausend hatte sich die Bevölkerungsanzahl halbiert. Die damals florierenden Handwerksbetriebe waren an die Peripherie abgewandert oder ganz ausgestorben. Wer brauchte heute noch Kupferschmiede, Metallgießer, Abzeichen- und Ordenhersteller? Auch die damals in der ganzen Monarchie bekannte Puppen- und Spielwarenfabrik Emil Pfeiffer und das dazugehörige Geschäft Pfeiffers Puppen Paradies waren schon lange verschwunden.

Unterdessen spielte die alte Dame mit der linken Hand eifrig weiter, kramte dabei mit der rechten in der Tasche und zog etwas in Butterpapier Gewickeltes heraus. Ohne den Blick vom Spiel zu nehmen, öffnete sie das Papier mit ­einer Hand, holte ein Wurstbrot hervor und biss ab. Die drei silbernen Dosen und den Whisky hatte sie noch nicht angerührt. Orsini rief den Kellner, um zu zahlen.

„Sagen Sie“, fragte er leise und machte eine Kopfbewegung zur alten Dame, während er dem Kellner einen Zehner in die Hand drückte.

„Ja bitte?“

„Was ...?“, flüsterte Orsini und deutete erneut auf die kartenspielende Dame.

„Ach so, die Frau Newerkla“, erwiderte der Kellner so laut, dass Orsini am liebsten versunken wäre, „kommt jeden Tag zum Spielen her. Spielt die schwierige Variante ... übrigens brauchn S’ net leise redn, die is nämlich derrisch, versteht kaum ein Wort.“ „Und die silbernen Dosen?“

„Wern S’ glei sehn“, entgegnete der Kellner und ging.

Ratlos blieb Orsini sitzen und wartete, während die Frau hochkonzentriert weiterspielte. Ärgerlich blickte er nach einer Weile auf die Uhr, stand auf, bewegte sich auf den Ausgang zu und hatte schon den Türgriff in der Hand, als plötzlich ein dünner Schrei ertönte. Er drehte sich um. Die Dame hatte eine der drei kleinen Dosen in der Hand und versuchte sie zu öffnen. Vier Kartenstapel lagen fein säuberlich geschlichtet vor ihr auf dem Tisch. Mit zitternden Fingern holte sie eine orange Tablette aus der kleinen Dose, steckte sie in den Mund und spülte sie zusammen mit dem Whisky hinunter. Kopfschüttelnd öffnete Orsini die Tür und sah nur noch, wie der Kellner mit einem neuen Glas in der Hand auf die alte Dame zusteuerte.

Kaum war er aus der quietschenden, altersschwachen Tür an die frische, feuchte Luft getreten, blickte er sich nochmals um, konnte aber auch in der beginnenden Dämmerung keine dem Kaffeehaus zustrebende Frau entdecken.

... your love was like the sun, I don’t remember no cold days …, ging ihm ein Song Taj Mahals nicht mehr aus dem Kopf, so sehr er auch versuchte, an etwas anderes zu denken ... a happy fool I would rather be ... Leise vor sich hin pfeifend machte er sich schließlich auf den Weg. Mit eingezogenem Kopf betrachtete er die Auslagen der Geschäfte und wusste selbst nicht, warum und wie er plötzlich in der Gegend angelangt war, in der Sophie Pfeifer ihre Kindheit verbracht hatte. Seine eigene Wohnung lag in der entgegengesetzten Richtung. Es regnete immer noch. Ohne genaues Ziel trottete er die Zieglergasse entlang. Vor einem besonders desolaten Schaufenster hielt er an. „Einbruch zwecklos“ stand auf einem kleinen Aufkleber in der unteren Ecke der Glasscheibe, der für eine Sicherheitsfirma werben sollte. Ein Zeitloch. Hinter der schmierigen gläsernen Barriere hingen Okuliermesser, Nagelscheren und „Spezialgeräte für den Liebling“ an einer abbröselnden Schaumgummipinnwand neben Wetzsteinen für Sensen und einem „Schärfmeister für die Hausfrau“. Die handgeschriebenen Preisschilder waren noch in Schilling angegeben.

Langsam marschierte er weiter. Mehrfach verstellten Baufahrzeuge Einfahrten und Gehwege. Betonierte Kranfundamente verengten die Straße zusätzlich. Einige Häuser waren bereits renoviert worden, bei manchen hatte man zumindest die Geschäftsfassade neu gestrichen. Insgesamt aber machte das Viertel einen bemitleidenswerten und he­runtergekommenen Eindruck, der durch die Dunkelheit und das schlechte Wetter noch verstärkt wurde. Er schlängelte sich weiter durch provisorische Fußgängerumleitungen an Baustellen vorbei, die trotz der fortgeschrittenen Stunde noch keineswegs zur Ruhe gekommen waren. Regen tropfte auf ihn herab, aus den Baustellenausfahrten rann die Erde als Matsch auf die Straße und verteilte sich zu unregelmäßigen, großen Pfützen. In null Komma nichts waren seine Schuhe verdreckt, genauso wie die untere Hälfte seiner Hose. Fluchend suchte er Unterschlupf in einem der verfallenen Hauseingänge. Das Tor stand halb offen. Eine einsame Glühbirne hing an ihrem Draht herab und verströmte spärliches Licht. Zuerst nahm er nur den Geruch nach Erbrochenem und abgestandenem Alkohol wahr. Dann, nachdem seine Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, bemerkte er zum Stiegenaufgang hin eine Gruppe auf dem feuchten Boden herumlungernder Männer, die von einer beachtlichen Ansammlung Alkoholika umgeben waren. Woher der stechende Geruch kam, wusste er nun.

„Magst an Schluck?“, fragte der einzige noch Stehende aus der Gruppe und reichte Orsini schwankend eine Tetrapackbox. Nur mit Mühe konnte er das Etikett lesen. Es versprach den feinsten Cuvée. Orsini zögerte. Der Mann hielt die Box mit Daumen und kleinem Finger, aber dazwischen standen – anstatt der drei übrigen Finger – nur mehr Stummel von der Handfläche ab. Orsini dachte an die oft eiskalten Nächte weit unter dem Gefrierpunkt. Hier waren die Bewerter für das weltweite Ranking um die lebenswerteste Stadt wohl nicht vorbeigekommen ... Stolz hatte der Bürgermeister erst unlängst mit Wiens vorderster Platzierung geprahlt.

Ablehnen war unmöglich, so nahm er also die angebotene Rotweinmischung, wartete auf einen Moment, da er nicht beobachtet wurde, und führte die Box zum Schein an die Lippen.

„Danke, schmeckt super!“ Orsini fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund, gab die Box zurück und wollte wieder zur Straße zurückkehren. Eine erstaunlich kraftvolle Hand legte sich ihm jedoch auf die Schulter und hielt ihn energisch zurück. Orsini zuckte zusammen. Automatisch werteten seine Sinne die Berührung als Angriff. Er duckte sich blitzschnell, drehte sich um hundertachtzig Grad und holte aus.

Als er aber in das lachende, zahnlose Gesicht des stehenden Obdachlosen blickte, konnte er die reflexhafte Angriffsbewegung gerade noch stoppen.

„Nervös, Masta? ... vur mir ... brauchst ka Angst habn ... i moch da scho nix.“ Erst jetzt bemerkte Orsini, dass dem Mann ein Bein fehlte und zwei Krücken ihm quasi als Barhocker dienten. Das war auch der Grund, warum er noch immer stehen konnte. Er sprach lallend und verschluckte manche Silben. Speichel troff aus seinen Mundwinkeln, und auf seiner Jacke hatte der verschüttete Rotwein jede Menge Flecken hinterlassen.

„I wollt nur schaun ..., obst für den Superwein ... a Marie, ... a Gerstl ... springa losst!“

Verlegen kramte Orsini in seiner Hosentasche nach der Geldbörse, holte einen Schein heraus und fragte, ob sie denn keine Unterkunft hätten.

„O ja! wir ... mia wohnan ... eh glei ums Eck, sogor gratis!“

„Gratis?“

„Klor gratis ... nur scheichn s’ uns jedn Tog ausse, damit ma do in da Gegend ... umadumstengan.“

„Wieso?“

„Des was i ned, und ...“

In diesem Moment drohte der Mann umzufallen. Orsini musste ihn stützen, um ihn danach wieder in die Senkrechte zu befördern.

„Dank da sche, wüst no a moi?“

Orsini lehnte das Angebot höflich ab, was sich aus seiner Sicht als Fehler erwies. Denn der Mann trank nun ansatzlos die Box in einem Schwung leer, rülpste unmenschlich laut und war danach nicht mehr ansprechbar.

„Wer schickt euch raus?“

Keine Reaktion. Mehrmals versuchte Orsini den Mann durch Rütteln am Arm quasi wiederzubeleben. Aber der Mund des Einbeinigen öffnete sich nur und statt Wörtern sonderte er erneut eine Ladung Speichel ab. Ein dünner durchsichtiger Faden zog sich nun vom Kinn abwärts bis zur Brust.

„Wer schickt euch raus!?“, schrie Orsini dem offensichtlich ins Delirium Abgleitenden ins Ohr. Statt des Einbeinigen regten sich jedoch nur die übrigen Umherliegenden. Einer davon erwischte Orsinis Hose und krallte sich an ihr fest. Sein Nachbar kroch auf den Ellenbogen näher und stieß dabei eine Flasche nach der anderen um. Der Inhalt verteilte sich langsam glucksend auf dem Boden. Orsini drehte sich auf einem Bein und schüttelte mit einer präzisen Bewegung den Betrunkenen ab. Hier wurde es allmählich ungemütlich. Kurz dachte er daran, dem Einbeinigen seine Visitenkarte in die Tasche zu stecken, verwarf den Gedanken aber gleich wieder.

Auf dem Gehsteig, oder dem was davon übrig geblieben war, stieg er als Erstes in eine tiefe, mit Schlamm gefüllte Wasserlacke. Lautstark fluchte er die menschenleere Straße hinab. Noch einige Zeit konnte man das rhythmische Geräusch, das ein mit Wasser gefüllter Schuh macht, verklingen hören. Was Orsini jedoch nicht mehr hören konnte, waren die Schritte eines Mannes, der alles aus einem dunklen Winkel des Innenhofes beobachtet hatte, jetzt auf die Gruppe Obdachloser zuschritt und dem Einbeinigen die Krücken wegdrosch, sodass dieser mit dem Gesicht hart auf dem Boden aufschlug.

2

Der gestrige Abend hatte seine Spuren hinterlassen. Kraftlos stand er auf, kochte Tee, schlurfte ins Badezimmer und betrachtete sich wie immer kurz und kritisch im Spiegel.

Ärgerlich zupfte er ein sich durchkämpfendes einzelnes graues Haar über dem Ohr aus und schimpfte verhalten. Weniger wegen des kurzen Schmerzes als wegen der Tatsache des unaufhaltsamen Alterns. Ansonsten zufrieden fuhr er sich mit den nassen Händen durchs zerzauste, aber noch immer volle, dunkle Haar und nahm danach einige homöopathische Kügelchen ein, obwohl er diese Art der Therapie wie alle anderen auch grundsätzlich für zwecklos hielt. Eine beginnende Verkühlung ließ sich ohnehin durch nichts und niemanden verhindern. Ärzte, Apotheker und Pharmafirmen sahen das nicht so und schwatzten einem alles auf, was gut und vor allem teuer war. Ein Interessenkonflikt. Allerdings, da er das Fläschchen nun schon besaß, wäre es eine Verschwendung gewesen, es nicht zu verwenden. Immerhin beinhaltete es mehrere Hundert solcher Kügelchen, dachte er und schlurfte zurück in die mit handbemalten Fliesen ausgelegte Küche.

Das „Tsing“ des herausspringenden Toasts war für Orsini das Zeichen, den Tag ernsthaft zu beginnen – die Uhrzeit war dabei eine Variable. Nachdem er die Zeitung überflogen hatte, zog er das Telefon näher an sich heran.

Kein Kontakt mit dem Notar, hatte Sophie Pfeifer beharrlich verlangt. Aber irgendwie musste man an Informationen kommen.

„Kanzlei Dr. Skrovisky und Partner Sie sprechen mit ­Petra Wagner was kann ich für Sie tun?“ Wie ein einziges auf ihn zudonnerndes Wort überrollte ihn die Ansage.

„Skrov...siky, spreche ich das richtig aus?“

„Nein, Skro-vis-ky,“ wiederholte die junge Stimme am anderen Ende belehrend.

„Entschuldigung, Conrad Orsini, ich rufe an wegen der Erbschaft der Familie Novak.“

„Ich kann und darf Ihnen bezüglich dieser Erbschaft weder telefonisch noch sonst wie Auskunft geben. Da müssen Sie sich direkt an Dr. Skrovisky wenden, er betreut die Familie Novak selbst, ist aber im Moment nicht im Büro“, kam es wie aus der Pistole geschossen und für Orsinis Aufnahmefähigkeit zu dieser frühen Stunde viel zu schnell retour.

„Ah ja.“

„Sie sind, wie ich vermute, ein Angehöriger.“

„Nicht direkt“, tappte Orsini in die Falle. Sofort wollte er die beiden Worte wieder in sich einsaugen und wusste zugleich doch, was folgen würde.

„Da Sie kein direkter Angehöriger sind, kann ich Ihnen leider keine weiteren Auskünfte geben.“ Pause, und: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“

Achselzuckend legte Orsini den Hörer nieder. Es war nichts anderes zu erwarten gewesen, dachte er und blickte auf seine Armbanduhr. Zeit, sich auf den Weg zu machen.

Die Nacht hatte es durchgeregnet. Tief stehende Wolken drückten der Stadt einen gräulich trüben Stempel auf. Wie so oft um diese Jahreszeit erfasste Orsini ein unbestimmtes Gefühl der Rastlosigkeit. Nach dem Abbruch des Jurastudiums war er mehrere Jahre ziellos umhergestreunt und hatte von der Hand in den Mund gelebt. Das Bild einer verschlafenen Insel – rostige Klapptische mit duftendem Kaffee und salzige Meeresluft – drängte sich zwischen die tropfnassen Auslagen der Häuserzeilen.

Der Eindruck des Wohnviertels war bei Tag noch deprimierender. Ein Konglomerat aus verfallenden Häusern und Siebzigerjahre-Zweckbauten. Zweimal um die Ecke hingegen, in der belebten Mariahilfer Straße, gaben Teenager in ihren Freistunden das Taschengeld in coolen Shops aus. Hier aber konnte man vom Alles-ein-Euro-Laden über den chinesischen Supermarkt bis zum Massagesalon Tina und Erich – der ein spezielles „für dich“ Verwöhnservice anbot – hauptsächlich das finden, was einen stetig anhaltenden Abstieg bedeutete. Nur vereinzelt kämpften die einst angesehenen Gewerbebetriebe und skurrilen Fachgeschäfte trotzig ums Überleben.

Orsini kam an derselben Stelle vorbei, wo er sich am Abend zuvor den Schuh mit Wasser angefüllt hatte. Eigentlich wollte er nach den Obdachlosen suchen, was zurzeit jedoch kaum möglich war, da ein Betonmischwagen genau die Einfahrt verstellte. Rundum herrschte hektische Betriebsamkeit, und der Schmutz hatte sich durch den nächtlichen Regen nur noch mehr verteilt. Nur notdürftig war eine Klarsichthülle, in der ein Formular steckte, an ein faseriges Holzbrett genagelt. Niemand nahm von ihm Notiz, als er es hervorzog und sich die Namen zweier Immobilienfirmen mit dazugehörigen Adressen aufschrieb. Mit klammen Fingern steckte er den Stift in die Tasche.

Vor dem Nebenhaus, das auf beiden Seiten von Baustellen in die Zange genommen wurde, blieb Orsini stehen. Hier war Sophies Vater, Heinrich Novak, bis vor Kurzem noch ein- und ausgegangen. Ein alter Mann am Ende seines Lebensweges. Wegen eines bisschen Bargelds hatte man ihn um die letzten Jahre gebracht.

Angestrengt blickte er durch das schmutzige Glas auf fein säuberlich aufgereihte Quasten, Fransen und Schnüre in verblichenen Farben. Verstaubte Knöpfe und Reißverschlüsse lagen ordentlich auf einer Ablage. Orsini erkannte den gewissen, nicht mehr zeitgemäßen Stolz des Gewerbetreibenden auf Waren, die kaum mehr jemand brauchte. Der Raum dahinter, in dem die Leiche gelegen haben musste, war kaum zu sehen.

Von der einfachsten bis zur güldnen Schnür, alles macht der Posamentier, stand in matten silbernen Lettern auf einem Schild über der Tür. Reimt sich nicht ganz, dachte er im Weitergehen, wich einer tierischen Hinterlassenschaft aus und landete vor einer überdimensionalen Werbefläche. Die offiziellen Daten der Firmen waren in einer Ecke verschämt winzig angegeben. Der Slogan „Wir halten was wir versprechen – Immotreu“ hingegen knallte in auffälligem Rot quer über das Plakat.

Auf dieser Baustelle machte die Belegschaft gerade Pause. Orsini blickte in den hinteren Teil der Liegenschaft. Der Hof war angefüllt mit Bauwerkzeugen und Gerümpel aller Art: Mischmaschinen, eine Tischkreissäge, Teile von Gerüsten. Der Regen und der dadurch aufgeweichte Boden hatten eine Art Miniteich entstehen lassen – ideale Bedingungen fürs Schlammcatchen – Müllsäcke, Essensreste und leere Dose lagen in einer Ecke. Ein unangenehmer Geruch erfüllte wie bei der ersten Baustelle die Luft. In einem Baucontainer saßen Arbeiter, machten sich über ihre Verpflegung her und ließen den Bierkonsum nicht zu kurz kommen. Auf einem weiteren Container klebte ein Schild mit der Aufschrift Büro. Beide waren in demselben Knallrot gestrichen und wirkten wie eine irrtümlich abgestellte Skulptur inmitten der verzweigten, durch Zäune und niedere Mauern voneinander abgetrennten alten Hinterhöfe. Bewohner waren keine zu sehen. Einzig eine Katze trippelte vorsichtig über den betonierten Teil des Hofes und verschwand hinter einer Tonne. Orsini umrundete die Container, bemerkte eine weitere Baustelle an der gegenüberliegenden Seite und links darüber einen begonnenen Dachausbau. Rechts davon, hinter einem grasbewachsenen Hügel verstellte eine etwas höhere Mauer die Sicht.

Orsini schnappte sich einen herumliegenden Sessel, stellte sich auf das wackelige Ding und spähte über die Mauer. Nebenan lag ein gepflegter Garten, offensichtlich zur angrenzenden Pfarre gehörig. Säulen aus Granit, eine mit Moos bewachsene Statue und alte Rosenhecken. Es war eine kleine Idylle mitten in der Stadt.

Weniger idyllisch war hingegen der Mann, der lautstark gestikulierend auf ihn zukam.

„Heee! ... was machen Sie hier? Haben S’ die Schilder ned gsehn!? Eintritt verboten!“ Er zog das „o“ in die Länge, als müsste er einem Debilen das Alphabet erklären. „Das ist eine Baustelle, verschwinden Sie, aber rasch, sonst gibt’s eine Anzeige!!“

„Wegen Hausfriedensbruch, oder was?“ Betont langsam stieg Orsini vom Stuhl.

Den Mann brachte das nur noch mehr in Rage. „Arschloch“, zischte er und trat gegen den Stuhl. Kurz bevor das Gespräch zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung eskalierte, stürzte aber ein Mann mit gelbem Schutzhelm auf dem Kopf aus dem zweiten Container.

„Hans, geh sofort an die Arbeit! Den Herrn hier übernehme ich, ich weiß wie man mit solchen Leuten umgeht!“, befahl er. Hochgewachsen und hager, richtiggehend ausgemergelt baute er sich vor Orsini auf. Unter dem übergroßen, gelben Helm setzte sich dieser Eindruck fort. Dünne, tiefe Falten durchzogen das Gesicht und eine spitze Adlernase verlieh dem Blick etwas Scharfes.

Ing. E. Baswal, konnte Orsini auf einer kleinen, am Revers der Arbeitskleidung angebrachten Metallplankette lesen, natürlich in der gleichen Farbe wie der auf den Containern und den Werbetafeln.

„Corporate idendity“, verkniff Orsini es sich nicht, sein knöchriges Gegenüber zu provozieren, indem er auf das kleine Schild deutete. „Ingenieur E. Baswal, den Namen muss ich mir merken, falls ...“

„Ich fordere Sie hiermit auf, diese amtlich registrierte Baustelle sofort zu verlassen und mit sofort meine ich jetzt! Ansonsten ...“ Der Ingenieur unterbrach den Satz, um sein Handy aus der Tasche zu holen. Anstatt die Polizei zu rufen, trat er allerdings schmallippig lächelnd näher und schoss ein Foto von Orsini.

„Hobbyfotograf, hm ...? Ich versteh nicht, wieso ihr hier alle so nervös seid – ich wollt mir eigentlich nur den hübschen Hof anschauen.“ Übertrieben gemächlich begab Orsini sich auf den Rückzug und schlenderte Richtung Ausgang. Im Vorübergehen besichtigte er noch ausgiebig einen Sandhaufen und eine Mischmaschine. Beiläufig provozierte er weiter: „Sind hier vielleicht illegale Arbeiter beschäftigt?“

Eisiges Schweigen. Die steilen Falten über der Nase des Ingenieurs vertieften sich noch um einige Millimeter, bis er schließlich zwischen geschlossenen Zähnen hervorstieß: „Das nächste Mal pfeif ich den Hans nicht mehr zurück!“ und Orsini stehen ließ.

„Wiederschauen, Inge Baswal!“, rief Orsini ihm nach, als er an dem Container mit den Arbeitern vorbeiging. Noch von der Straße konnte er daraufhin aus dem Container schallendes Lachen hören, das jedoch nach einem herrischen Kommando abrupt aufhörte.

Im einstöckigen Gründerzeithaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein Geschäft mit der Aufschrift „Werkzeuge und Waren aller Art“. Daneben eines, das Polier- und Schleifmittel anbot. Verachtet mir die Meister nicht und ehret ihre Kunst, stand auf einem grauen Karton, der an die Scheibe geklebt war. Jemand hatte einen Stein in die Auslage geworfen, das Glas war sternförmig zerborsten und mit schwarzem Klebeband nur behelfsmäßig geflickt. Der Stein lag immer noch da – allein.

Orsini beschloss, den Werkzeugen und Waren aller Art einen Besuch abzustatten. In der bis auf den letzten Quadratzentimeter angefüllten Auslage hatte es Orsini das ihm besonders praktisch erscheinende „Traveller-Set“ bestehend aus Taschenlampe, Rasierer und Ventilator in einem angetan. Gerade als er eintreten wollte, näherte sich eine alte Dame mit einem ebenso betagten Hund und steuerte auf das Geschäft zu. Orsini schätzte sie auf mindestens achtzig. Die Leine hatte sich um das Hinterbein des Tieres gewickelt, deshalb humpelte er auf nur drei Beinen dahin. Direkt vor dem Eingang hielt die Dame also an, entwirrte mit zittrigen Händen umständlich das Lederband und richtete sich mit einem Griff aufs Kreuz ächzend auf.

Die Witwe Bolte mit ihrem Spitz, dachte Orsini, kam ihr rasch zuvor und hielt ihr galant die Tür auf. Drinnen zeigte das daraufhin hell erklingende „Ding Dong“ allerdings keine Wirkung. Der kleine Lautsprecher oberhalb der Eingangstür hatte sich erfolglos abgemüht. Niemand erschien. Und auch nachdem die Tür krachend zugefallen war, regte sich nichts.

„Findet man nicht oft, dass jemand noch solche Manieren hat“, nützte die Witwe Bolte die Warterei und griff sich beinahe kokett an die violettstichig gefärbten Haare.

„Aber das ist doch eine Selbstverständlichkeit,“ entgegnete Orsini, wohl wissend, dass sie recht hatte.

„Nein wirklich, das erlebt man in meinem Alter nicht mehr sehr oft, früher ...“

„Wohnen Sie denn hier?“, fragte Orsini möglichst beiläufig.

„Ja, leider ... in meinem Alter und mit meiner Pension sind keine großen Sprünge mehr möglich. Wenn ich nämlich könnt, wie ich wollt, wär ich ja schon längst weg aus der Gegend! ... Früher hat’s hier ganz anders ausgschaut, müssen S’ wissen.“

„Ahja, wie denn?“, bereute Orsini augenblicklich die Frage und stellte sich auf eine lange Antwort ein.

„Wie ...“, zog sie das Wort in die Länge und hob gleichzeitig die linke Augenbraue. „Na, nicht so heruntergekommen wie jetzt. Das war früher eine ehrenwerte Gegend! Aber jetzt ... verfalln, zugsperrt oder“, ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern „in ausländischer Hand. Schaun Sie sich um, nur mehr herumlungerndes Gsindel und der ganze Dreck! Junger Mann, wissen Sie überhaupt wie man die Gegend früher gnannt hat?“

„Nein.“

„Brillantengrund!“

„Brillantengrund“, wiederholte er und begann gleichzeitig nachzudenken, warum er den Namen kannte.

„Genau, Brillanten- oder Diamantengrund. Aber nicht weil irgendwelche Steine da gfunden worden sind, sondern weil die ansässigen Stoff- und Seidenfabrikanten so reich warn. Ganze Straßenzüge habn denen da ghört. Und von unserm Bezirk aus haben s’ die ganze Monarchie beliefert. Bis in den letzten Winkel.“

„Jetzt gibt’s aber keine mehr“, wandte Orsini ein.

„Nein schon lang nimmer, die Fabriken sind ja schon seit der Jahrhundertwende weg und der letzte größere Handwerksbetrieb, der hat zugsperrt ... warten S’ ... das muss gwesn sein ... na! ... Na wie dieses ... dieses Lied da aufkommen is und die Gegend in Verruf bracht hat.“

„Ja, mein Vater war ein Hausherr und ein Seidenfabrikant ...“, sprach Orsini ihr die ihm bekannte Textzeile vor, um ihr behilflich zu sein. Unwirsch wurde er von der alten Dame, die er nun nach näherer Betrachtung auf zumindest neunzig schätzte, unterbrochen.

„Nicht das, das andre, das mit dem grauslichen Text ... dass mir das nicht einfällt! Herrgottsakra! Vergesslich wird man langsam.“

„Viellei...“, wollte Orsini behilflich sein.

„Nix vielleicht!“, summte sie mit geschlossenen Augen vor sich hin. „Unterbrechn S’ mich net, ich hab’s glei ... die alte ... genau ... das mit der Engelmacherin.“

„Ach so, Sie meinen ,die alte Engelmacherin vom Diamantengrund’ von Bronner und Qualtin...!“

„Haaallo!!“, rief die alte Dame unvermittelt mit empörter Stimme nach hinten ins Geschäft und unterbrach Orsini.

„Das muss so Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger gewesen sein“, fuhr Orsini fort und hatte sofort die eingängige Melodie dazu im Kopf. Textlich kam er zwar nicht über die erste Zeile hinaus, konnte sich aber noch an den makabren Inhalt – illegale Schwangerschaftsabbrüche – erinnern.

„Grauslich, nicht wahr? Auf jeden Fall“, fuhr sie nach einem Seufzer fort, „hat um die Zeit herum der Abstieg begonnen, und ich hoff, es geht nicht noch tiefer. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich mit meinem Hund hingehen soll. Ist übrigens ein Spitz, ganz a seltene Rasse. Nur mehr am Kinderspielplatz ist es noch einigermaßen sauber und der Oskar braucht einfach seinen täglichen Auslauf.“

Aus den hinteren Räumlichkeiten waren auf einmal Geräusche zu vernehmen. Dann sich nähernde Schritte eines offenbar aus dem Schlaf gerissenen Verkäufers mit einem mürrischen Ausdruck im und einem Abdruck auf dem Gesicht. Er war mittelgroß und etwa Mitte fünfzig. Seine blässliche Gesichtsfarbe und der verschlissene Arbeitsmantel hatten sich über die Jahre offensichtlich dem im Geschäft vorherrschenden Farbton angepasst.

„Grüß Gott, was kann ich für Sie tun?“, fragte er mürrisch. Mit einem für sie wohl zu leisem „Schon wieder!“ wandte er sich der Dame zu.

Während sie nun zu einer langwierigen Erläuterung ­ihres Anliegens ansetzte, fischte der Verkäufer einen kleinen schwarzen Kamm aus der Brusttasche und fuhr sich langsam durchs strähnige Haar. Es war mit Duftwasser eingelassen, registrierte Orsini und machte einen Schritt zurück. Endlich war die Dame mit ihren Ausführungen zu Ende, was den Verkäufer zu einem hörbar tiefen Ausatmen bewog. Genervt packte er drei Schrauben in einen kleinen Papiersack, verlangte einen in Orsinis Augen völlig überhöhten Preis und überreichte ihn der Kundin mit den Worten: „Bis bald, Gnädigste!“

Mit einem Nicken wandte er sich Orsini zu, der gerade überlegte, welches Werkzeug er kaufen sollte.

„Treue Kundin“, meinte Orsini, nachdem die Witwe Bolte samt Spitz verschwunden war.

„Ja, aber hoffentlich nimmer lang“, bemerkte der Verkäufer trocken, dass es Orsini beinah die Sprache verschlug.

„Ich ... äh ... bräuchte eine ... eine ... Kombizange bitte.“

„Klein, mittel, groß, Billigware oder Qualitätsprodukt,“ kam es monoton zurück.

„Normal günstig halt, aber doch Qualität.“

„Möcht jeder haben, gibt’s aber nicht.“

„Dann eher Qualität, wenn’s nicht zu teuer ist ... und könnt ich sie mal sehen?“

„Kommen S’ mit, der Herr.“

„Sagen Sie, ... wird hier in dieser Straße schon lange so viel gebaut und renoviert?“

„Wieso ... ja, warum wolln S’ das wissen?“

„Na ja, ... weil ich mich für eine Wohnung interessiere“, log Orsini. „Die Preise sind hier wahrscheinlich noch nicht so hoch wie in anderen Gegenden, wissen Sie zufällig, was hier für eine mittelgroße Wohnung verlangt wird?“

„Über Preise kann ich Ihnen nichts sagen, aber dass hier z’viel und z’lang gebaut wird, das kann ich Ihnen schon sagen.“ Ein nervöses Zucken hatte sich seines linken Augenlids bemächtigt.

„Aha.“

„Ja, und da steckt Absicht dahinter. Umso länger baut wird, umso mehr Alteingsessne gehn weg, unfreiwillig. Die Häuser, die da renoviert werdn, ghören doch nur einer Handvoll Firmen, die machn sich die Preise untereinander aus, wenn S’ mich fragen. Die haben ja sowieso schon fast alles an sich grissn. Wie’s uns geht, ist denen doch völlig wurscht. Hauptsach, die Marie im Geldbörsl stimmt“, machte er ein Zeichen mit den Fingern. „Die rote oder die blaue?“

„Wie bitte, ... ach so, Sie meinen die Zangen. Ich glaub ich nehm die rote, wenn Sie mir die empfehlen.“

„Würd ich auch nehmen, ist nämlich nicht aus Fernost.“

„Sagen Sie, diese Immobilienfirmen, Immotrade oder Immotreu oder wie heißt die nochmal ...“

„Immotreu ... sind die Ärgsten“, begann der Verkäufer mit erhobener Stimme zu schimpfen. „Die! Die lassn den ganzen Dreck absichtlich liegn! Ich sag Ihna was, ... der Baulärm, der Gstank von die LKWs und der Dreck, des halt niemand länger aus, schon gar net, wenn a Familie Kinder hat! Das gibt ihnen den Rest. Ham ja kan Platz zum Spieln. Und jetzt gibt’s natürlich auch noch Krieg unter die Bewohner.“ Erregt zog er die Augenbrauen eng zusammen und fixierte Orsini, das Lid zuckte dabei immer heftiger.

„Krieg?“

„Klar, Krieg! Auf dem winzign Spielplatz vurn, da trifft sich jetzt alles. Und, wenn ich sag alles, dann mein i alles. Ist außerdem zugschissn von die liebn Hunderl.“ Mit Präzision imitierte er die Witwe und ihren Spitz.

„Das kann ich mir vorstellen“, kam Orsini überraschend doch wieder zu Wort. „Und wird hier auch eingebrochen?“

„Davon könn ma a Lied singn, aber bei uns gibt’s ja net mehr wirklich viel z holn. Macht neunzehn Euro neunzig ... Vor einer Wochn zirka, hat’s sogar an Mord gebn.“

„Einen Mord?“

„Angeblich Raubmord ..., Sie fragn aber ganz schön viel – Sie san doch net etwa von der Presse und horchn mich aus?“

„Nein, nein, ich bin nicht von der Presse, aber wenn ich diese Geschichten von Ihnen so höre, werde ich mir doch eine andere Wohngegend suchen müssen.“ Um den Mann abzulenken, legte Orsini ihm die zwanzig Euro auf den Tresen, sagte: „Wer wurde denn ermordet?“

„Na, der alte Posamentenhändler“, antwortete der Verkäufer in abfälligem Tonfall.

„Wer macht so was?“

„Angeblich obdachloses Gsindl.“

„Warum angeblich?“

„Weil ... na ja, ich will ja nix Schlechtes sagen, aber wenn S’ den Alten kannt hättn und dem seine Familie ...“

„Stimmt schon“, erwiderte Orsini, nahm die Kombizange und fuhr möglichst beiläufig fort, „was ist denn mit der Familie?“

Ein lautes „Ding Dong“ unterbrach jedoch Orsinis Bemühungen, von dem Verkäufer mehr zu erfahren. Die Witwe Bolte hatte dem Anschein nach etwas vergessen. Ohne eine Antwort abzuwarten ergriff Orsini die Flucht.

„Bitte net scho wieder“, hörte er noch die verzweifelte Stimme des Verkäufers.

3

Abgesehen von weiteren Namen von Baufirmen war die Ausbeute an Informationen nach den beiden nächsten Geschäften gleich null, brachte dafür materielle Gewinne in Form eines Geschirrtuchsets und einer Akkutaschenlampe, deren antiquierte Form ihm sogar gefiel.

Orsini war vor einer ungewöhnlichen steinernen Gruppe angelangt. Die Statue über ihm zeigte nur mehr mit dem Stummel des Zeigefingers in die Höhe. Sie war Teil eines Ensembles: Vater, Mutter, Kinder ... der Alte und dem seine Familie ..., hallten die Worte des Verkäufers in ihm wider. Eine heile Familie, die nichts anderes zu tun hatte, als um das Erbe zu streiten zu Stein erstarrte, abbröckelnde Sprachlosigkeit?

Wenig später betrat er ein Spielzeugeisenbahngeschäft direkt in der Zieglergasse. Schon die Auslage ließ jedes somit auch Orsinis Bubenherz höher schlagen. Zumindest, wenn man von der verstaubten und mit vergilbten Bildern aus Alpentälern und anderen Gegenden drapierten Auslage absah.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!