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Georg Koytek

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Beschreibung

Ziellos wandert Privatdetektiv Conrad Orsini durch das nächtliche Wien. Als er auf der Brücke über den Donaukanal in das wirbelnde Wasser des Flusses blickt, werden in ihm Erinnerungen an seinen letzten, Jahre zurückliegenden Fall als Kriminalbeamter wach, und an Paula. Am Anfang sah alles nach Selbstmord aus: Zwei tote Frauen, eine Drogensüchtige und eine Gärtnerin. Beide mit aufgeschnittenen Pulsadern. Oder war es doch Mord? Zwischen den beiden Fällen gibt es Parallelen. Bald glaubt Orsini und seine Kollegin Paula Kisch an einen Täter, doch die Ermittlungen drehen sich im Kreis. Als ein Mitglied der Wiener Symphoniker auf dieselbe Art ermordet wird, ist dem Ermittlungsteam klar: In den Wiener Parks ist ein Serienkiller unterwegs. Als ein Mitglied der Wiener Symphoniker auf dieselbe Art ermordet wird, ist dem Ermittlungsteam klar: In den Wiener Parks ist ein Serienmörder unterwegs, der jeden Moment wieder zuschlagen kann. Der Druck auf Orsini steigt, die Medien sprechen bereits vom geheimnisvollen "Parkmörder". Auch in ihrem neuen Kriminalroman erweisen sich Koytek & Stein als profunde Kenner ihrer Stadt: Auf seiner Jagd nach dem mysteriösen Täter durchstreift Orsini die Wiener Parkanlagen, mischt sich unter die Afterwork-Szene und blickt hinter die Kulissen des Konzerthauses und steigt in die "Unterwelt" der Stadt.

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EPUB

Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Titelseite

Koytek & Stein

Pagat ultimo

Kriminalroman

Leykam

Zitat

If there’s hell below, we’re all going to go.

(Curtis Mayfield)

Prolog

Herbst 1995

Der Umschlag stach unter dem Packen bunter Werbebroschüren hervor. Beigefarben, etwas abgegriffen, an einer Ecke zerknittert und wieder zurechtgeglättet. Kein Absender, keine Adresse. Nur sein eigener Nachname in großen, krakeligen Blockbuchstaben vorne am Kuvert. Kurz fühlte er das raue Papier zwischen den Fingerkuppen und hielt es sich an die Nase. Es roch, als hätte es lange Zeit in einer Schublade auf seine Bestimmung gewartet. Eine Weile starrte er unschlüssig auf die Schrift, während in ihm Unbehagen hochkroch. Wer ...?

Mit einer fahrigen Handbewegung ließ er den Brief auf den Küchentisch fallen, schnappte die übrigen Werbeaussendungen und querte damit die Küche. Stück für Stück zerknüllte er das Papier zu länglichen Würsten und legte sie in den uralten Holzofen. Darauf platzierte er dünne knorrige Äste, aus denen die letzten Reste von Feuchtigkeit längst entwichen waren. Voriges Jahr hatte er alle Obstbäume auf dem Grundstück zurechtgeschnitten. Jetzt gediehen die alten Bäume zumindest wieder. Ungestüm riss er ein Streichholz an, das zwischen seinen großen Fingern prompt in zwei Teile zerbrach.

Ärgerlich warf er die leere Streichholzschachtel zu den Ästen und sah sich um. Er war eindeutig zu lange nicht da gewesen. Fast schien es, als wollte ihn das gesamte Haus dafür rügen, indem es sich von seiner ungemütlichen Seite zeigte. In den Mauern hatte sich die Feuchtigkeit festgesetzt, an den Wänden unter der Farbe bildeten sich schimmlige Bläschen. Alles war von einer Staubschicht bedeckt, in den Ecken hingen verklebte Spinnweben, und – er rieb sich die Hände – es war eisig. Er stand auf und streckte die müden Glieder. Zeitig am Morgen war er von Wien aufgebrochen, um wenigstens diesen einen Tag hier verbringen zu können. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen zog er an der Schublade des Küchentisches. Natürlich klemmte sie. Er griff nach dem Brotmesser und beugte sich zur Lade hinunter. Schob das Messer mit Gewalt zwischen Tischplatte und Lade auf und ab, bis sie endlich nachgab.

Ungeduldig durchwühlte er die Fächer. Aber die Dinge hatten in seiner Abwesenheit offensichtlich ein Eigenleben entwickelt und befanden sich nun nicht mehr dort, wo er sie in Erinnerung hatte. Mit einer gezielten Bewegung des Beckens schob er die Lade wieder zu und schlurfte in den Vorraum. Dort holte er ein Feuerzeug aus seiner Manteltasche, ging am Ofen vorbei und blieb vor dem Küchentisch stehen.

Der Brief war so gelandet, dass ihm sein Name entgegenrief: Mach auf! Optisch passte er gut zur staubigen Umgebung. Vom Inhalt her – da ließ er sich nicht täuschen – war der Brief ein Quertreiber, der nichts mit dem alten Haus zu tun hatte.

Erneut nahm er den Briefumschlag zur Hand und tastete ihn ab. Viel war nicht drin. Vor allem kein Papier, das hätte sich anders angefühlt. Eher ein dünner Karton. Allerdings lag auch noch etwas Zweites im Kuvert. Etwas Hartes, Flaches. Sein Hals verengte sich, als zöge jemand innerlich eine Schnur zusammen.

Unweigerlich dachte er an den Streit vom Vortag. Sie hatte sich wieder einmal über ihn lustig gemacht, ihn regelrecht bloßgestellt! Und ihn so lange weiter provoziert, bis ihm der Kragen geplatzt war.

Nein! Er legte den Brief wieder auf den Tisch zurück und zeichnete mit dem Finger eine Linie durch den Staub – jetzt würde er sich hierum kümmern und nicht auch noch den einzigen freien Tag opfern!

Sobald die Flammen das Papier angeknabbert hatten und sich an die getrockneten Zweige heranmachten, legte er die letzten Buchenscheite nach. Dann schnappte er die Hacke, zog sich seine Jacke über und ging in den Keller. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Er holte den Schlüsselbund hervor, wählte einen der alten Schlüssel aus und steckte ihn ins Schloss. Nur mit großem Widerstand ließ er sich drehen. Entschlossen versuchte er, die mit Rostflecken übersäte Eisentür aufzuziehen. Aber wie zuvor die Schublade widersetzte auch sie sich. Er stellte die Hacke neben den Türrahmen auf den gestampften Lehmboden und beleidigte die Tür mit Obszönitäten, während er immer heftiger an ihr rüttelte. Ein paar Tropfen Öl ..., dachte er zornig. Doch die Kanne zu finden würde ewig dauern. Also zerrte er schließlich so lange an der Tür, bis sie unter kläglichem Quietschen nachgab.

Die kümmerliche Feuchtraumlampe lieferte gerade so viel an Helligkeit, dass man sich zurechtfinden konnte. Die Hand immer noch am Schalter, starrte er angestrengt in den feuchten, penetrant riechenden Raum. Er blickte auf den Haufen, der vor ihm auf dem Boden lag, wischte sich die vom Moder der Mauer schmutzig gewordene Hand achtlos an der Hose ab und griff wieder zur Hacke. Prüfend fuhr sein Finger über die Schneide. Dann hob er sie über den Kopf, dass sie beinahe die Decke berührte, und schlug zu.

Einmal in der Mitte durch. Mit einem satten Krachen glitt das stählerne Blatt durch den Stamm und blieb im Hackstock stecken. Die Hälften fielen seitlich zu Boden. Als wollte er die vergangenen Monate in kleine Teile zerstückeln, damit sie ihm nichts mehr anhaben konnten, hackte er wie ein Besessener auf die schon zurechtgeschnittenen Holzstämme ein, bis sie endlich die richtige Größe hatten. Genau so, wie sein Vater es ihm gezeigt hatte. Damals hatte er allerdings noch Schwierigkeiten mit dem Gewicht der Hacke gehabt: „Und pass auf, dass du triffst! Nie mit Wucht, sondern mit Schwung!“ Das mit dem Schwung hatte er nie so genau genommen. Das mit dem Treffen beherrschte er nach wie vor. Rasch füllte er die Scheite in den Korb, trug sie hinauf zum Ofen und leerte sie davor auf den Boden. Zwei davon warf er ins knackende Feuer, den Rest stapelte er in der Nische daneben.

Dann begann er mit erstaunlicher Geduld zu putzen. Nahm jeden Gegenstand in die Hand und suchte ihm einen Platz. Fegte mit dem Reisigbesen den Boden und holte die Spinnweben von den Wänden. Zwischendurch erlaubte er sich im Hof eine Rauchpause. Auf den Bäumen hingen vereinzelt runzelige Birnen und Äpfel. Nüsse faulten zwischen braunen Blättern. Erst später, als die Sonne gegen Mittag durch die Wolken brach und ihm ins Gesicht schien, machte sich endlich fast so etwas wie Erleichterung in ihm breit, die er in der Stadt lange vergeblich gesucht hatte.

Gegen Abend – das Haus schien ihm seine Vernachlässigung verziehen zu haben, das Holz prasselte im Ofen, es war warm genug, um sich die Hemdsärmel hochzukrempeln – setzte er sich an den Küchentisch, nahm das Kuvert in die Hand und riss es auf. Zwei Gegenstände rutschten heraus.

Ein kleines, scharfkantiges Stück Glas und eine Spielkarte. Tarock. Der Pagat. Lange Zeit saß er reglos mit der Karte in der Hand da und starrte ins Leere.

Dienstag, 10. Mai 2005

1

„Ich erwarte Sie in zehn Minuten vor dem Eingang!“

Noch ehe Orsini antworten konnte, war die Leitung tot.

„Seltsam“, meinte er und legte den Hörer auf die Gabel.

„Was denn?“, fragte Wilasich.

„Er“, antwortete Orsini und deutete mit einer Kopfbewegung an die Decke, „wartet vor dem Eingang auf mich. In zehn Minuten. Ist irgendwas passiert?“

„Nicht dass ich wüsste.“ Wilasich runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern. Er war quasi die rechte Hand Orsinis und wurde von den Kollegen kurz Wila genannt.

Orsini nahm seine Lederjacke vom Haken, gab Wilasich noch ein paar Anweisungen, steckte sein Handy ein und schloss die Tür hinter sich.

Jeder im Büro wusste, wer gemeint war, wenn von ihm die Rede war. Besonders die jüngeren Kollegen legten sogar einen Unterton in die Stimme, der zwischen ängstlich und ehrfürchtig lag, wenn sie von ihm sprachen. Jene, die ihn schon länger kannten, verwendeten untereinander die Abkürzung Pok. Orsini hingegen hatte sich – zumindest innerhalb der Abteilung – für den vollen Namen entschieden.

Dass sein Vorgesetzter ihn sprechen wollte, war an sich nichts Besonderes. Dass es vor dem Gebäude sein sollte, schon. Denn Pokorny bewegte sich nur selten von seinem Schreibtisch weg. Meist rief er die Leute zu sich und besprach alles Wichtige bei Tee und Zigaretten in seinem Büro. So hatte er seinen Ruf als kettenrauchender Schwarzteetrinker mit Reibeisenstimme über die Jahre kultiviert und dabei mehr als klargestellt, dass ihm nie etwas entging.

Orsini trat vor das Polizeigebäude. Auf einer Parkbank, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt, saß der Pok. Eine graue Mappe lag neben ihm, er hatte Orsini den Rücken zugewandt und schien dem endlosen Strom an Fahrzeugen etwas abgewinnen zu wollen.

„Endlich ...“, sagte er mit schnarrender Stimme und stand auf, ohne sich umzudrehen.

Orsini blieb hinter der Bank stehen. Ärger kroch in ihm hoch. Schneller war der Weg vom Büro hierher keinesfalls zu schaffen.

Gerade als er zu einer Erwiderung ansetzen wollte, fuhr Pokorny fort: „... endlich wieder ein paar Sonnenstrahlen!“, drehte sich um und sah Orsini an. Sein dichtes, angegrautes Haar war in sorgfältigen Strähnen nach hinten gelegt und hielt üblicherweise den ganzen Tag die Stellung. Auffallend an ihm war sein vom Nikotin gelb gefärbter Schnauzbart, der jeden Seehund vor Neid hätte erblassen lassen. „Ist unglaublich, wie schnell das geht.“

„Wie was geht?“

„Na, der Wechsel der Jahreszeiten. In meiner Jugend hat’s noch so was wie einen Übergang gegeben. Aber jetzt? In der Früh eiskalt und zu Mittag so, dass man ins Schwitzen kommt. Das ist doch nicht mehr normal!“

„Hm ...“, murmelte Orsini mit Blick auf seine cognacbraune Jacke, die er nun wohl oder übel mitschleppen musste. Pokornys thematischer Abstecher zum Wetter war ebenso ungewöhnlich wie das außerbüroliche Treffen insgesamt.

„Kommen Sie, machen wir einen Spaziergang!“ Pokorny schnappte Mappe und Mantel und marschierte los, ohne auf Orsini zu warten.

Störrisch blickte Orsini ihm nach. Einerseits fiel ihm untertäniges Verhalten seit jeher schwer, und er wusste, dass Pokorny gerade das an ihm gefiel. Andererseits hatte der Pok mehr als einmal seine Hand schützend über ihn gehalten, auch wenn er es nie zugeben würde. Also setzte er sich in Bewegung.

Eine Weile trottete er neben seinem schweigenden Vorgesetzten her. Beim Schottentor überquerten sie die Ringstraße, Wiens monumentalen Boulevard. Seine Errichtung hatte damals, im 19. Jahrhundert, quasi den Weizen von der Spreu getrennt und gleich einzementiert: Innerhalb des Rings residierte man in Palais, direkt außerhalb kam das Großbürgertum zum Zug, am Stadtrand durfte die Unterschicht hausen. Immerhin hatte man sich die heute selbstverständlichen Symbole der Demokratie – das Parlament und das Rathaus – erkämpft, dachte Orsini und sah zum Universitätsgebäude hinüber.

Dort hatten zwei junge Männer ein Transparent aufgespannt – Bildungs-Kapital statt Banken-Terror stand da. Die beiden konnten ungleicher nicht sein. Der eine ein Alternativer wie aus dem Bilderbuch – lange Haare, Stirnband und Schlabberhose –, der andere im dunklen Anzug mit Krawatte. Orsini grinste und dachte an seine Jahre im Juridicum, bevor er das Studium abgebrochen hatte. Schon damals waren die Mittel knapp gewesen, aber immerhin hatte man für einen Sitzplatz nicht stundenlang vor dem Hörsaal Schlange stehen müssen. Und es hatte angenehme Begleiterscheinungen wie Partys und Konzerte gegeben, lange Nächte inkludiert.

„Hören Sie überhaupt zu?“, fragte Pokorny plötzlich.

„Wie bitte? ... Natürlich ...“, antwortete Orsini, „... ob ich schon mal was über die Türkenbelagerung gelesen habe ... Ich weiß nur nicht, welche von beiden Sie meinen.“

Pokorny blieb abrupt stehen, blickte ihn listig an und deutete mit der Mappe in der Hand auf die Mölkerbastei, einen der wenigen erhaltenen Abschnitte der ehemaligen Stadtmauern. Orsini meinte sich zu erinnern, dass darin einer der vielen Komponisten, auf die die Stadt so stolz war, eine Zeit lang gelebt hatte. Schubert, Mozart ...? Aber was hatte das mit den Türken zu tun?

„Dann wissen Sie sicherlich, dass die Türken genau hier, wo wir jetzt stehen, alles unterminiert haben.“

Orsini nickte überrascht. Dass sein Chef sich für Historisches interessierte, war ihm neu.

„Sie haben alles drangesetzt, um in die Stadt zu kommen und sich den Goldenen Apfel zu pflücken.“

„Goldenen Apfel?“

„So haben sie Wien genannt. Die türkischen Mineure waren die Besten ihrer Zeit. Hier, zwischen Löwelbastei und Burgbastei, haben sie sich eingegraben – gegraben haben natürlich die Sklaven und Gefangenen. Die sind krepiert wie die Ratten. Der ständige Beschuss von den Mauern, die Ausfälle der Wiener Stadtwache, so gut wie kein Essen.“ Pokorny wies mit einer schnellen Kopfbewegung zur Balustrade hoch. „Es waren aber beide Seiten nicht grad zimperlich: Dort oben haben die Bürger die abgeschlagenen Türkenköpfe auf Spießen zur Schau gestellt.“ Während er mit der Hand he­rumwedelte und zu einer großräumigen Erläuterung ansetzte, schoss ein Fahrradbote mit penetrantem Geklingel auf sie zu. Orsini wich mit einer eleganten Bewegung aus und zog dabei Pokorny mit sich.

„Ziemlich viel los.“

Pokorny nickte abwesend. „Wo war ich gerade?“

„Die abgeschlagenen Türkenköpfe ...“

„... aufgespießt, genau. Wissen Sie, was das Schlimmste bei einer solchen Belagerung war?“

„Die Folterungen?“

„Das auch. Hautabziehen war eine der türkischen Spezialitäten. Das Ärgste aber müssen die hygienischen Bedingungen gewesen sein – abgesehen vom ständigen Hunger. Das übertrifft unser heutiges Vorstellungsvermögen! Die Verletzten sind oft regelrecht verfault“, erwiderte Pokorny trocken, drehte sich um und schritt erneut zügig voran. Ende des Vortrags.

Irritiert folgte ihm Orsini. Er kam sich vor wie ein Blinder an der Leine eines herrischen Hundes. Erst vor der Staatsoper zwang sie eine Gruppe Touristen zu einem weiteren Halt. Orsini schnappte einige Brocken Spanisch auf und beobachtete belustigt eine resolute ältere Dame. Sie hatte einen rosaroten Regenschirm in der Hand und streckte ihn plötzlich energisch in die Höhe. Augenblicklich setzte sich der folgsame Tross in Bewegung. Während Pokorny und Orsini hinter dem Schwarm zum zweiten Mal die Ringstraße querten, musterte Orsini die Gruppe genauer. Weshalb verhielten sich Menschen dermaßen uniform, sobald sie zu mehreren auftraten? Selber fühlte er sich immun gegenüber solchen Erscheinungen, war er doch jahrelang allein in der Welt herumvagabundiert. Erneut mahnte der ungeduldige rosarote Schirm seine Schäfchen zur Eile, bog schließlich mit seinem iberischen Schwarm rechts ab und hinterließ eine rosarot hüpfende Spur in Orsinis Gedächtnis.

„Jetzt schieben sie zur Abwechslung wieder einmal einem Landschaftsarchitekten das Geld sonst wohin, damit er diesen unmöglichen Platz erträglich macht!“, murrte Pokorny indessen.

Das Gelände zwischen Secession und Karlskirche war ein ewiges Provisorium, egal was die Stadt auch anstellte. Es war der zentrale Verkehrsknotenpunkt. Oben donnerten die Autos auf jeweils drei Spuren über den Asphalt, unten trafen sich drei verschiedene U-Bahn-Linien. Da konnten Karlskirche und Technische Uni im Hintergrund strahlen, soviel sie wollten. Zudem hatte sich die Drogenszene hier festgesetzt.

Sie querten schweigend vor dem Café Museum zuerst die Straße und dann ein kleines Stück Grünfläche, das von einem intensiv duftenden Lavendelbeet begrenzt wurde. Pokorny marschierte flott voran und hielt erst unweit der Karlskirche an. „Hier ...“, er schob ein paar Zweige eines buschigen Strauches zur Seite und deutete mit dem Zeigefinger auf eine kahle erdige Stelle, „hat sie gelegen.“

„Wer – sie?“

„Die Selbstmörderin.“ Pokornys Hand fuhr mit routinierter Geste durch die Haare und brachte die akkurat gezogenen Strähnen in eine wie mit dem Kurvenlineal gezogene Form. Dabei sah er Orsini an, als müsste dieser seine Gedanken lesen können. Da Orsini aber nur verständnislos den Kopf schüttelte, murmelte er schließlich: „Sie haben nichts davon gehört ... Wieso auch?“, und deutete auf eine Bank. „Setzen Sie sich!“

Mit einem Stoßseufzer ließ er sich neben Orsini nieder. Dann runzelte er die Stirn. „Was ist das?“

„Was denn?“

„Spüren Sie nichts?“

„Doch“, entgegnete Orsini, der nun auch ein deutliches Zittern bemerkte, das sich von der Parkbank auf den Körper übertrug. „Kann eigentlich nur von den Bohrungsarbeiten kommen.“

„Bohrungsarbeiten?“

„Der Entlastungskanal“, erklärte Orsini und zeigte auf eine der vielen provisorischen Absperrungen aus groben Holzplatten, die größtenteils bereits mit Plakaten zugeklebt waren. Neben einem der zerbeulten Container parkte ein nagelneuer Bagger. Gleichzeitig fragte Orsini sich, wann Pokorny endlich dieses Katz- und Mausspiel bleiben lassen würde. Nicht dass er von Grund auf ungeduldig gewesen wäre, auch saß er ganz gerne auf einer Parkbank, aber ... Er fing mit den Fingern auf dem Holz zu trommeln an.

„Natürlich – lassen wir uns also eine Weile den Allerwertesten massieren“, erwiderte Pokorny und holte tief Luft. „Was ich Ihnen jetzt sagen werde, bleibt vorläufig unter uns!“

Orsini hob die Augenbrauen.

„Ist nichts Verbotenes. Nur eine taktische Vorgehensweise, mit der einstweilen niemand anderer ... belastet werden soll.“

„Die Selbstmörderin?“

Pokorny nickte, nahm die graue Mappe zur Hand und öffnete sie. „Margarete Bauer, geboren 1980“, begann er vorzulesen, „gestorben in der Nacht zum 22. April, also vor ungefähr drei Wochen. Hat sich mit einer Glasscherbe in selbstmörderischer Absicht am linken Unterarm entlang der Pulsader Schnitte zugefügt und ist daraufhin verblutet ..., schon als Jugendliche ins Drogenmilieu abgerutscht, zahlreiche abgebrochene Entzugsversuche ..., vermutlich auch als Gelegenheitsprostituierte tätig. Soweit kein Einzelfall.“

„Rechtshänderin“, murmelte Orsini und begutachtete das Foto, das ihm Pokorny gereicht hatte. Die Frau war mehr Knochen als Fleisch. Ihre Arme waren von älteren Narben und Blutergüssen zerfurcht, die unzähligen Nadeleinstiche hatten sich teilweise entzündet und Eiterbeulen gebildet. Ihr Hals war unglaublich dünn. Zusätzlich ließ der Ausschnitt des ausgewaschenen T-Shirts ihn unnatürlich lang erscheinen. Die Brüste waren flach wie bei einer greisen Frau und wahrscheinlich bereits ebenso runzelig wie die Haut an ihren Händen.

„Sie hat gewusst, was sie tut“, stellte Orsini fest und starrte auf die tief klaffenden Wunden. Die Schnitte reichten bis auf den Knochen und hatten Sehnen, Blutgefäße und Muskeln durchtrennt. Es gab erstaunlich wenige Selbstmörder, die auf Anhieb fest genug schnitten, um zu sterben, dachte Orsini.

„Theoretisch ja“, entgegnete Pokorny. „Allerdings, wenn man das Foto genauer ansieht ...“

Orsini folgte mit den Augen der Spur des geronnenen Blutes am Arm der Toten. Dann nickte er. „Wer hat es als Suizid eingestuft?“

„Der herbeigerufene Notarzt, Dr. ...“

„Ich meine, von uns?“

„Gottschlich.“

Orsini schwieg. Bisher war er mit dem Leiter der Tatortgruppe 2, die für die Spurensicherung zuständig war, einigermaßen ausgekommen. Aber er kannte Gottschlichs Ruf. Ermittlungstechnisch hatte man ihm zwar noch nie Schlamperei nachweisen können, aber die Spatzen pfiffen seine Bequemlichkeit längst schon vom Dach. Dafür hatte er Kontakte im ganzen Polizeiapparat und lauerte wie ein Krake, der seine Fangarme überallhin ausgestreckt hatte, in seiner sicheren Höhle namens Gewerkschaft.

„Die Details können Sie selber nachlesen“, unterbrach Pokorny seine Gedanken.

„Warum genau sollte ich das?“, fragte Orsini. Nur um einem Kollegen einen eventuellen Ermittlungsfehler nachzuweisen? Er hatte momentan genug anderes am Hals. In den letzten Monaten waren mehrere seiner Mitarbeiter freigesetzt worden, wie es neuerdings hieß, und für die verbliebenen gab es Überstunden zur Genüge.

„Vor nicht ganz zehn Jahren, September 1995“, fuhr Pokorny fort, ohne auf Orsinis Frage einzugehen, „ich war damals Bezirksinspektor. Eines Nachts stürzte ein junger Mann aufgebracht ins Kommissariat. Er kam direkt aus dem Stadtpark und redete völlig unzusammenhängendes Zeug. Ich erinnere mich noch genau, dass ihm der Schweiß aus allen Poren rann wie nach einem Saunaaufguss, obwohl es draußen schon herbstlich kühl war. Er gab an, bedroht worden zu sein.“

„Mit einer Glasscherbe?“

Pokorny nickte.

„Wir sind sofort mit ihm dorthin. Haben den ganzen Park abgesucht, aber natürlich niemanden gefunden.“

Orsini zuckte mit den Achseln.

„Allerdings hat es in derselben Nacht einen zweiten, ähnlichen Vorfall gegeben. Hier am Karlsplatz. Dort drüben, um genauer zu sein.“ Pokorny deutete zum Restaurant Resselpark hinüber. „Leider hab ich das erst Tage danach erfahren. Hab zufällig den Kollegen getroffen, der die Anzeige der Frau aufgenommen hat.“

„Eine Frau ...“

„Ja, sie hat mehr oder weniger dasselbe angegeben wie der junge Mann. Dass der Typ plötzlich vor ihr stand und sie dann mit einer Glasscherbe attackierte.“

„Das war alles?“

„Nein, erstens konnte sie ihn beschreiben.“

„Und zwar?“

„Mittelgroß, mittellange blonde Haare, Jeans und Pullover.“

Sehr hilfreich, dachte Orsini. „Und zweitens?“

„Sein stierer Blick, als träten die Augen aus den Höhlen hervor, aber vor allem seine Stimme. Sie hat ausgesagt, dass sie die Stimme wiedererkennen würde. Er hat etwas geflüstert, immer wieder, mit einem ganz eigenen, gepressten Klang. Jedenfalls war es kein normal Betrunkener. Eher ein Besessener.“

„Und der Mann ist niemand anderem aufgefallen?“

Pokorny zog die Mundwinkel nach unten. „Nein. Ich war ja damals noch nicht so lang dabei. Schlägereien, häusliche Gewalt – das gab es ständig. Aber einen Wahnsinnigen mitten in unserem Revier? Wir hatten durchaus Angst, dass sich die Sache ausweiten könnte. Deshalb haben wir es auch über die Medien versucht. Was soll ich sagen, es ist nichts Derartiges mehr passiert, und so ist die Sache irgendwann eingeschlafen.“

„Aber jetzt“, Orsini hielt das Foto hoch, „haben Sie sich daran erinnert.“

Pokorny sah beinahe gequält auf. „Es lässt mir keine Ruhe“, meinte er leise und zuckte plötzlich zusammen, als knapp neben ihnen ein Entenpärchen mit lautem Geschnatter vorbeizog. Ein Jogger in knallroter Bekleidung mit einem noch knalligeren orangen Stirnband hatte sie aufgeschreckt. „Zwei Kunstflieger“, bemerkte er und folgte dem Minigeschwader mit den Augen, bis es in elegantem Bogen über Künstlerhaus und Musikverein weitergesegelt war. „Könnte ja auch ein schöner, harmloser Sommer werden – wär zumindest eine nette Abwechslung.“

Orsini schloss für einen Moment die Augen und spürte die wärmenden Sonnenstrahlen im Gesicht. „Sie sehen einen Zusammenhang, obwohl die Attacken fast zehn Jahre zurückliegen ...“

„Ich wär sehr froh, wenn es keinen Zusammenhang gäbe. Ist ja auch unwahrscheinlich, zu viele Widersprüche.“ Pokorny nahm das Foto der toten Drogensüchtigen in die Hand und deutete damit zum Gebüsch, in dem sie gefunden worden war. „Aber der Kollege Gottschlich hat uns auch nicht grad geholfen, die aus der Welt zu schaffen!“

Tief unter ihnen fraß der Bohrkopf sich gerade mit einem Ruck weiter auf seinem Weg durchs Erdreich, als hätte er sich an einem besonderen Brocken beinahe verschluckt. In Pokornys Hosentasche begann es ebenfalls zu vibrieren. Seufzend griff er nach seinem Handy, warf aber nur einen kurzen Blick darauf und drückte auf Besetzt.

„Der soll warten!“

Orsini schmunzelte, aber im nächsten Augenblick meldete sich der Störenfried erneut.

„Wissen Sie, wer mich da traktiert? Zurzeit jagt eine Sitzung die andere. Als hätten wir nicht schon genug davon gehabt! Ich kann das Wort Reform nicht mehr hören! Bringen wird’s am Ende nicht viel. Das ist ein sinnloses Match – jeder gegen jeden. Und wie früher bei der Türkenbelagerung wird’s ein paar Köpfe geben, die nachher zur Schau aufgespießt werden!“ Pokorny fuhr sich zum mehrten Male wütend durch die Haare. Seine Strähnen hatten dabei kapituliert und sich in ein Jackson Pollock-Gemälde aufgelöst.

Orsini schwieg wohlweislich. Bisher war es ihm halbwegs gelungen, das Thema von sich und seiner Gruppe fernzuhalten. Zu den geplanten Veränderungen gab es noch so gut wie keine konkreten Informationen. Doch im Haus setzte die Unsicherheit allen zu. Die Atmosphäre kippte bei jedem neuen Gerücht etwas weiter ins Gereizte.

Mittlerweile surrte der aufgeregte kleine Kommunikationsvibrator in Pokornys Hosentasche zum dritten Mal. „Meine Eier sind jetzt bald genauso weich wie bei diesem Schleimscheißer“, kam unvermittelt seine derbe Seite zum Vorschein, die er normalerweise streng im Zaum hielt. „Ich lass ihn noch fünf Sekunden zappeln, dann muss ich abheben.“ Beinahe genüsslich zählte er bis fünf, griff sich dann in die Haare, reduzierte Jackson Pollock wieder auf Piet Mondrian und meldete sich mit geschäftsmäßiger Stimme. Nachdem er aufgelegt hatte, schnappte er seinen Mantel, reichte Orsini die Mappe und sagte: „Ich möchte nur, dass Sie in nächster Zeit Ihre Augen offen halten. Hoffen wir, dass ich Unrecht habe! Bis morgen!“

Seufzend nahm Orsini sie entgegen und rief dem Davoneilenden nach: „Weiß man, was der Typ geflüstert hat?“

Pokorny fischte seine Zigarettenpackung aus der Manteltasche, zündete sich im Gehen eine Zigarette an und drehte sich nach dem ersten Lungenzug noch einmal kurz um. „Dona nobis pacem, angeblich. Ein Heiliger also ...“

*

Paula Kisch sah mit einem Lächeln zum Vortragenden hin. Jedes Mal, wenn er sich zur Tafel drehte, um auf seine PowerPoint-Präsentation zu zeigen, versuchte er gleichzeitig, die etwas zu weite Hose hochzuziehen. Das Problem daran war der Gürtel. Er hatte sich wohl nicht genug Zeit genommen, ihn ordentlich einzufädeln, und jetzt, mitten in der Vorlesung, konnte er das schlecht nachholen. Auch das Hemd hätte gebügelt gehört, dachte sie, aber zumindest hatte er sich rasiert. Überhaupt wirkte der Professor absolut sympathisch, sein Vortrag allerdings ...

Nervös tippte sie mit ihrem Stift auf ihrem Knie herum und senkte möglichst unauffällig ihren Blick. „Die zerebrale Aktivität ...“, hörte sie noch, während sie sich wieder in ihre Lektüre vertiefte. Sie hatte einen äußerst spannenden Bericht über die Entwicklung des DNA-Profilings auf den Oberschenkeln liegen, gut durch den Tisch verdeckt. Der Mord an einer 15-Jährigen aus der englischen Ortschaft Enderby war es gewesen, der als allererster mithilfe des genetischen Fingerprints gelöst worden war. Man hatte damals einen Jugendlichen festgenommen, der auch ein Geständnis abgelegt hatte. Wegen eines ähnlichen Mordes im Jahr davor wollte man eigentlich nur abklären, ob es sich um denselben Täter handelte. Allerdings gab es eine Panne: Der DNA-Test ergab die Unschuld des Jugendlichen. 5000 Männer sollten daraufhin freiwillig ...

„Frau Kisch!“, hörte sie wie von weit entfernt eine Stimme. „Frau Kiiisch!“ Ein Ellbogen stupste sie in die Seite.

Paula sah hoch. „Ja, bitte ...?“ Sie biss sich auf die Lippen und schob das Buch ins Bankfach.

„Wären Sie so nett und würden Ihre geneigte Meinung zu den Symptomen von ADHS mit uns teilen?“ Der Professor verschränkte die Arme und sah sie herausfordernd an.

Paula ächzte innerlich. Sie hatte all ihren Charme angewandt, um überhaupt noch für dieses Seminar zugelassen zu werden, nachdem sie die Anmeldefrist versäumt hatte. Und das, obwohl sie der Stoff nicht wirklich interessierte. Hilfesuchend blickte sie um sich, bis ihre Nachbarin mit dem Kopf Richtung Tafel deutete.

„... hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten“, las sie von der Tafel ab, „scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen.“

Gelächter erfüllte den Hörsaal.

„Tut mir leid“, meinte sie kleinlaut, „ich war in Gedanken.“

„Wär mir gar nicht aufgefallen“, erwiderte der Professor trocken. „Aber vielleicht können Sie die Gedanken“, er blickte auf die Uhr, „in 40 Minuten fertig denken?“

Paula nickte.

Einige Zeit bemühte sie sich, dem Vortrag zu folgen, und beantwortete sogar eine der Fragen korrekt. Doch schon eine Viertelstunde später ertappte sie sich, wie sie aus dem großen Fenster im sechsten Stock des Neuen Institutsgebäudes der Universität – tatsächlich handelte es sich um einen abgenutzten 60er-Jahre-Bau, der dringend eine Sanierung nötig gehabt hätte – über das Dach der Votivkirche in die Ferne starrte. Ja, sie hatte verbissen darum gekämpft, dieses Studium neben ihrer Ausbildung zur Kriminalbeamtin fortsetzen zu dürfen. Dennoch – ungeduldig wippte sie mit den Zehen in ihren Schuhen auf und ab –, nicht jedes der Fächer interessierte sie tatsächlich. Manche waren geradezu Zeitverschwendung. Zumindest für sie. Das Einzige, was wirklich zählte – vorsichtig zog sie ihr Buch wieder ein Stückchen aus dem Bankfach hervor –, war die Kriminalistik, allen voran die Kriminalpsychologie, die es jedoch leider noch nicht zum eigenständigen Studienfach geschafft hatte.

Erst nachdem sie die Eigenschaften von Hyperaktivität bei Kindern über sich ergehen lassen hatte, und erst nachdem sie auf dem Kommissariat stundenlang über dem Protokoll eines Einbruchs gesessen war – hatte sie endlich Zeit. Sie holte sich einen schwarzen Kaffee, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, streckte die Beine quer über den Tisch und dachte für einen Augenblick an den nächsten Monat, in dem sie sich hauptsächlich dem Studium widmen durfte. Da würde sie sich sogar für die Therapie unaufmerksamer Kleinkinder interessieren, schwor sie sich. Dann schlug sie ihr Buch auf.

*

Conrad Orsini blickte vom Garten des Restaurants Resselpark durch den satt sprießenden Blätterwald zum Eingang der Technischen Universität. Sinnigerweise hatte man zwischen die alten Ahornbäume die Statuen sämtlicher Erfinder, die in keinen anderen Park passten, gestellt, wo sie in Ruhe vor sich hin dösen konnten, ohne dass sie irgendwem abgingen. In einem Zug leerte er sein Glas und hob die Hand. Heute würde er ausnahmsweise nicht mehr ins Büro zurückkehren und stattdessen den angehenden Sommerabend gebührend würdigen. Hinter den Tischen plätscherte ein Brunnen vor sich hin. Steinerne Frösche und Enten spien einander zwischen herumturnenden Engeln Wasser entgegen. Das stumpfe, ewig gleiche Dröhnen der Autos mischte sich mit den Stimmen von den benachbarten Tischen. Hin und wieder knallte eine winzige unreife Kastanie auf das gemusterte Kunststofftischtuch vor ihm. Miniermotten ..., sinnierte er, ein Asienimport.

Schließlich öffnete er doch Pokornys Mappe. Rasch überflog er die Berichte aus dem Jahr 1995 und blätterte weiter bis zum Foto der Selbstmörderin. Ihre langen dunklen Haare klebten wirr über den eingefallenen Wangen. An Lippen und Nase hatte sie mehrere Piercings. Die Glasscherbe lag auf ihrem Bauch. Ein abgebrochenes Stück einer Flasche. Nichts Besonderes. Sie war einmal hübsch gewesen, dachte er und sah zum Nebentisch. Dort schwebte ein hellgrauer Ring aus Rauch in die Höhe und verlor sich im dunklen Grün des Laubs. Seit er mit dem Rauchen aufgehört hatte, überkam es ihn immer wieder. Zu gerne hätte er sich jetzt eine angezündet.

Sein Finger fuhr über das Foto, als könnte er dadurch die Haut der Toten spüren; spüren, ob nicht doch noch ein Hauch Lebendigkeit in ihr vorhanden war. So erging es ihm meistens, wenn er einen Leichnam vor sich hatte. Der Drang nachzuforschen ergriff so von ihm Besitz, dass er sogar auf das bloße Abbild hinlangen musste. Die Unabänderlichkeit des Todes wollte einfach nicht in sein Hirn, egal wie viele Jahre er nun schon damit zu tun hatte. Es war, als gäbe es irgendwo im Universum eine verborgene, geheim gehaltene Möglichkeit, den Lauf der Welt zu ändern, sie anzuhalten und dem Schicksal zu trotzen. Meistens hatte er sich mittlerweile so unter Kontrolle, dass keiner seiner Kollegen etwas bemerkte. Vielleicht ging es ihnen ja sogar ähnlich. Aber manchmal, besonders bei Selbstmorden, wuchs der Drang in ihm und drückte von innen auf seinen Brustkorb. Wie war es möglich, dass die Welt in beinahe sturer Vielfalt einerseits Leben hervorbrachte, nur um es von einem Augenblick zum anderen wieder auszulöschen?

Die Augen der Toten auf dem Bild waren weit aufgerissen. Das Gesicht schien aber eher Unglauben auszudrücken als Verzweiflung oder Angst. Hatte sie sich verschätzt? Hatte sie nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde, oder hatte sie sich selbst die Tat vorher nicht wirklich zugetraut? Was aber, wenn an Pokornys Vermutung etwas dran war? Ein Mörder, der seine Tat als Selbstmord tarnte – ein Schläfer, der zehn Jahre Ruhe gegeben hatte, nur um jetzt wieder aktiv zu werden, besser gesagt, um gewaltig zuzulegen. Wie wahrscheinlich war das? Denn – und das war der Schwachpunkt an Pokornys These – bei den Attacken vor zehn Jahren war schließlich niemand ums Leben gekommen.

Orsini griff nach seinem Bier und hielt inne. Womöglich ... Er fixierte die steinernen Engel und meinte, in ihren Gesichtern einen etwas hämischen, unerbittlichen Zug zu erkennen, als plötzlich eine der Minikastanien eben diesen Zeitpunkt wählte, um von ihrem Zweig ausgerechnet in sein Glas zu fallen. Er blickte hoch, ließ das Glas los und wischte sich kopfschüttelnd den Ärmel ab. Womöglich hatte Gottschlich recht mit dem Selbstmord. Abgesehen von den Ungereimtheiten am Foto – denen nachzugehen es aber leider längst zu spät war.

Nacht vom Dienstag, 31. Mai, auf Mittwoch, 1. Juni 2005

2

Die anderen waren um die Ecke in ihr Stammlokal, die Gastwirtschaft Hermann, vorausgegangen. Orsini hatte nur noch kurz etwas ausprobieren wollen, dabei aber die Zeit übersehen. Es musste weit nach Mitternacht sein. Ob sie überhaupt noch auf ihn warteten? Er streckte die Arme in die Höhe und schüttelte die Hände locker aus. Von irgendwoher meinte er, ein tiefes, rollendes Geräusch zu hören. Er dämpfte die Saiten seiner Gitarre ab und hielt still. Nichts. Nur das Brummen der Lautsprecher. In einem Anflug von Müdigkeit stellte er den linken Fuß auf den Verstärker. So konnte er die Gitarre besser abstützen. Die Ärmel seines Hemds waren hochgeschoben, sein Blick blieb für einen Moment auf seiner Lederjacke hängen, die er über den Schlagzeughocker geworfen hatte. Wann war er das letzte Mal so lange im Proberaum gewesen? Früher hatte er mehrmals die Woche dafür Zeit gehabt. Aber immerhin hatte er es heute geschafft, sich vorher umzuziehen ..., und es war überhaupt ein ziemliches Glück, dass sie hier in diesem Keller auch in der Nacht so laut und so lange proben konnten, wie sie wollten.

Ich arbeite zu viel, dachte er, fuhr sich über die Bartstoppeln, zog mit einer selbstverständlichen Handbewegung das Mikro näher und schloss die Augen.

They left them soul shadows on my mind, on my mind ... Er liebte diesen Soul-Klassiker und wollte ihn beim nächsten Konzert unbedingt spielen. Bei der Probe vorhin hatte ihn aber irgendetwas gestört ... Die Stimme Bill Withers als Gastsänger bei den Crusaders hatte er gut im Ohr, daran lag es nicht, vielleicht an den Akkorden?

... Soul shadows on my mind, on my mind, on my mind ... Er zupfte mit dem Plektron die einzelnen Saiten seiner Les Paul und tüftelte an den Begleitriffs, als ihm plötzlich ein anderer Klang dazwischenfuhr. Orsini seufzte. Cantaloupe Island. Sein neuer Klingelton. Nachdem sie sich jahrelang über seinen nervenden Nullachtfünfzehn-Klingelton lustig gemacht hatten, hatten sich seine Bandkollegen heute Abend erbarmt und ihm den Anfang des Jazzstandards von Herbie Hancock auf sein brandneues Handy gespielt. Nicht dass er dazu selbst nicht fähig gewesen wäre, aber die Tipperei machte ihn eben nervös. Der neue Ton konnte allerdings auch nichts daran ändern, dass jemand etwas von ihm wollte, wo er sich doch nichts sehnlicher wünschte, als in Ruhe gelassen zu werden. Entweder seine Kollegen hatten keine Lust mehr, auf ihn zu warten, oder – er stoppte Herbie und seine Truppe mitten im Takt und sah aufs Display – Arbeit ...

„Orsini“, murrte er, „muss das sein?“

„Boxring oder Keller?“, entgegnete Wilasich.

„Keller.“

„Tut mir leid, aber wir haben eine tote Frau am Beethovenplatz“, erklärte ihm Wilasich. Im Hintergrund war ein Folgetonhorn zu hören.

„Du bist schon vor Ort?“

„Seit ein paar Minuten. Soll ich dir einen Wagen schicken?“

„Nicht nötig. Nehm mir ein Taxi. Was hast du bis jetzt?“

„Möglicherweise Selbstmord.“

„Selbstmord“, wiederholte Orsini nachdenklich.

„Ja, mit einer Glasscherbe.“

Augenblicklich war Orsini hellwach. „Bin sofort da, sie sollen ja nichts anrühren!“ Er legte auf, schnappte seine Jacke, drehte den Verstärker ab und wählte den Taxiruf.

„Fünf Minuten?“, fragte er ärgerlich. „Geht das nicht schneller? Es ist dringend!“

„Ich sag dem Kollegen, er soll sich beeilen, dringend ist es sowieso immer“, erwiderte die Dame am Telefon gelangweilt und legte auf.

Orsini blickte auf seine Uhr. Kurz nach eins. Er hetzte die engen Stufen hinauf ins Freie, sperrte die schwere Eisentür ab und sah hoch. Es tobte ein Gewitter. Rasch zog er den Kopf ein, stellte den Kragen seiner Jacke auf und suchte unter einem der Bäume Schutz. Neben ihm prasselte der Regen herab. Ein Blitz erhellte die Straße. Ungeduldig trat er von einem Fuß auf den anderen, bis das Taxi endlich um die Ecke bog.

„Zum Intercont“, sagte er und stieg ein.

„Jawoll, der Herr“, erwiderte der korpulente Taxifahrer, griff mit seiner pelzig behaarten Hand nach einer Wurstsemmel, die er zwischen den beiden Vordersitzen platziert hatte, und biss ab. Dann legte er gemächlich den Gang ein, fuhr los und deutete mit dem Kopf nach oben.

„A Wahnsinn!“

„Wie bitte?“

„Na, der Regn!“ Vorschriftsmäßig bremste er an der nächsten Kreuzung, lenkte mit einer Hand das Auto um die Ecke und stopfte sich mit der anderen die restliche Semmel in den Mund.

„Können Sie schneller fahren? Es ist wirklich dringend!“

„Hammas gnädig? Um de Zeit?“ Der Taxifahrer holte im Fahren aus dem Seitenfach eine Dose Cola und klemmte sie sich zwischen die Beine, um sie zu öffnen. „Wartet vielleicht eine Dame?“

„Genau genommen ja“, erwiderte Orsini und starrte entgeistert auf das Hinterhaupt des Fahrers, das nur mehr einige wenige fettige Haare beherbergte. „Es ist grün, geben Sie endlich Gas!“, fauchte er den Taxifahrer dermaßen scharf an, dass der das Cola verschüttete.

„Na, na ... Wir wern doch net glei so auszuckn“, entgegnete der Taxifahrer und stieg demonstrativ aufs Gaspedal, dass es Orsini in den Sitz presste. Während sie durch die Stadt jagten, starrte er unruhig auf die regennasse Fahrbahn. Eine Glasscherbe ... Es konnte immer noch ein Zufall sein, versuchte er sich einzureden. Denn seit dem Gespräch mit Pokorny am Karlsplatz hatte er sich zwar die Mappe durchgelesen, zu mehr aber keine Zeit gehabt. Und wenn er ehrlich war, hatte er dazu auch keine Veranlassung gesehen. Auf eine bloße Vermutung hin zu ermitteln, war derzeit zu viel verlangt. Pokorny hatte ihn schließlich nicht einmal darum ersucht, dennoch hatte er nachträglich ein schlechtes Gewissen.

Drei Minuten später bog das Taxi mit quietschenden Reifen von der Gumpendorfer Straße in die ehemalige 2er-Linie, wie sie immer noch genannt wurde, obwohl längst keine Straßenbahn mehr auf ihr fuhr, und raste quer über den Karlsplatz in die Lothringerstraße.

„Stopp!“, rief Orsini.

Der Taxilenker bremste scharf ab. Der Beethovenplatz lag schräg vor ihnen. „Was ist denn da los?“, fragte er angesichts der hell erleuchteten Szenerie, erhielt aber keine Antwort, denn Orsini hatte das Geld einfach auf den Sitz geworfen und war bereits grußlos ausgestiegen.

*

Er schrie auf, ließ die Platte zu Boden sausen und hielt den Finger mit der anderen Hand fest. Ein langer Holzspan steckte darin. Rasch biss er die Zähne zusammen und entfernte das elende Ding. Mit einer schnellen Zungenbewegung schleckte er den Blutstropfen ab und hob die abgenutzte Platte wieder hoch.

Das Timing war perfekt gewesen. Es hatte alles so funktioniert, wie er es sich ausgemalt hatte. Besser noch. Der Sturm und das Gewitter waren wie ein Wink von oben zur rechten Zeit gekommen. Fast wie vorherbestimmt. Das Blut pumpte noch immer durch seine Adern, es schoss durch die Gefäße und dröhnte in seinen Ohren wie ein Sturzbach. Oder war es das Rauschen des Regenwassers, das die Straßen überschwemmte und in die Gullys strömte? Er sah noch ihre grellrot geschminkten Lippen vor sich, ihren vollen Busen unter dem tiefen Dekolleté. Sie hatte es eindeutig verdient. Wie konnte man nur so unsensibel sein? Das Gefühl des Triumphes erfüllte ihn von Neuem, ergoss sich regelrecht über ihn wie eine prickelnde Dusche. Er schob sich das nasse Haar aus der Stirn und sah auf die Uhr: Es war höchste Zeit zu verschwinden.

*

Wilasich trat mit geöffnetem Schirm auf Orsini zu. Im weißen Ganzkörperanzug wirkte er wie ein surrealer Tanzbär, einem Jahrmarkt in einem mittelalterlich-futuristischen Film entsprungen. Abgesehen davon sah er müde aus. Schlapp rieb er sich die Augen, drehte den Schirm zur Seite und sah nach oben. Gerade noch hatte es wie aus Bächen geschüttet, nun aber tröpfelte es nur mehr. Das Gewitter war nach Osten abgezogen und hatte ein kleines Chaos hinterlassen. Blätter, Zweige und Unrat lagen über Wiese und Wege verstreut, als wär’s eine Müllhalde. Allerdings war die Luft sauber wie selten. Es roch nach warmer, feuchter Erde und blühenden Sträuchern. Nur nach und nach würden sich die üblichen Großstadtdüfte wieder einschleichen.

„Was wissen wir bis jetzt?“

„Nicht sehr viel“, antwortete Wilasich und deutete auf einen der Funkwagen. „Die junge Frau drüben im Wagen hat die Tote gefunden und dann Alarm geschlagen. Sie war am Heumarkt bei einer sogenannten Beachparty. Als es zu regnen begonnen hat, ist sie, wie die meisten anderen auch, zu einer der Hütten gelaufen, um dort Schutz zu suchen.“

„Was für Hütten?“

„Holzhütten wie am Weihnachtsmarkt, nur dass statt Punsch Cuba Libre verkauft wird.“

„Karibik am Heumarkt?“

„So ähnlich, sie haben sogar Sand aufgeschüttet fürs richtige Beachfeeling. Scheint in zu sein.“

„Super Geschäftsidee.“

„Jedenfalls, als es nicht aufgehört hat zu regnen, wollte sie zu ihrem Auto und hat die Frau gefunden.“

Orsini nickte. Langsam gingen sie auf die Fundstelle zu. Die gesamte Szenerie hatte etwas Unwirkliches. Vor ihnen thronte Ludwig van Beethoven auf seinem Sockel, zu seinen Füßen tanzten Engel. Dahinter erstrahlte der Platz in grellem Licht, das die Umgebung samt den Kollegen von der Spurensicherung in seltsame Schatten tauchte.

„Weiß Pokorny davon?“, fragte Orsini beiläufig.

„Pokorny?“, fragte Wilasich und sah ihn an. „Nein, der ist doch auf dem Seminar.“

„Hab ich vergessen.“ Orsini schüttelte den Kopf und ließ seinen Blick über das Denkmal wandern. Wie viele steinerne Engel es in der ganzen Stadt wohl gab? Als Schutzengel machten sie hier jedenfalls keine gute Figur.

Schräg hinter dem Monument stand ein Plastikzelt, das sich in Nichts von den Partyzelten, die es in jedem Baumarkt zu kaufen gab, unterschied. Ob es in diesem Fall rechtzeitig aufgestellt worden war, um ihnen noch Informationen zu liefern? Beamte in Uniform sicherten die Stelle vor allzu neugierigen Blicken ab, denn trotz der späten Stunde hatte sich bereits eine kleinere Ansammlung an Schaulustigen gebildet. In Orsini stieg ein saurer Geschmack aus dem Magen hoch. Manche brauchten offensichtlich einen Extrakick als optimalen Abschluss eines feuchten Abends.

„Was hat die Zeugin im Gebüsch gesucht?“

„Musste sich übergeben“, erklärte Wilasich. „Sie hat ­einen über den Durst getrunken.“

„Jetzt ist sie aber vermutlich nüchtern.“

„Mehr als das. Elvira spricht grade mit ihr und versucht sie zu beruhigen.“

„Die Identität der Toten?“

„Dorothea Hausner, steht zumindest auf ihrer Bankomatkarte. Wir überprüfen das grade. Hab die Karte in ihrer Geldbörse gefunden, in der Handtasche.“ Wila sah ihm entschuldigend ins Gesicht. Er wusste um Orsinis beinahe pedantische Einstellung zu Tatorten. Solange man nichts verändert hatte, konnte man, wenn man schnell genug war, manchmal etwas einfangen, was über die reine Atmosphäre eines Ortes hinausging. Als gäbe es einen Abdruck des Täters im Jetzt, der aus der Vergangenheit herüberreichte.

„Ich hab so wenig wie möglich angerührt, aber ich dachte, die Identität sei vorrangig.“

Orsini nickte beschwichtigend.

„Vergewaltigung?“

Wilasich schüttelte den Kopf. „Zumindest so weit wir das bis jetzt beurteilen können.“

„Was gestohlen?“

„Auch eher nicht. Die Handtasche lag geschlossen neben ihr, das Geld ist auch noch da.“

„Fußspuren, Schleifspuren?“

„Ein eindeutiger Schuhabdruck von der Zeugin. Aber sonst bezweifle ich, dass wir was Brauchbares haben. Es hat doch über eine Stunde stark geregnet ...“

„Ist abgesehen von der Geldbörse was verändert worden?“

„Nur von oben“, antwortete Wilasich und deutete mit der Hand in den Himmel. „Der Notarzt hat keine Wiederbelebungsversuche unternommen. Dazu war es zu eindeutig. Und auch die Beamten von der Streife schwören, dass sie ...“

„... nichts angerührt haben. Ist schon okay“, murmelte Orsini, zog sich Plastiküberschuhe und Handschuhe an und trat näher. Die Tote lag inmitten eines hüfthohen Gebüsches. Absperrbänder hielten die Zweige auseinander. Gerade als er sich zu ihr hinunterbeugen wollte, legte sich eine Hand auf seine Schulter.

„Schönes Wetter für einen Selbstmord“, sagte eine Stimme hinter ihm.

„Selbstmord?“ Orsini drehte sich um.

„Aufgeschnittene Pulsader. Was soll das sonst sein?“, erwiderte Gottschlich verächtlich.

Orsini sah ihm ins Gesicht und wandte sich dann kommentarlos der Toten zu. Sie trug ein ärmelloses, dunkles Kleid und Schuhe mit hohen Absätzen und wirkte eher elegant. Zugleich hatte sie etwas Zähes an sich. Sie musste trainiert haben, ging es ihm durch den Kopf. Die Schminke in ihrem Gesicht war verlaufen. Der Regen hatte dort kleine dunkle Rinnsale hinterlassen. Einige davon sahen aus wie schwarze Tränen. Orsinis Blick wanderte über den zerschnittenen Arm. Ihre Hände allerdings ... Er stutzte: kurze Fingernägel, Schwielen.

Die Handtasche lag am aufgeweichten Boden neben der Leiche. Orsini öffnete sie vorsichtig. Schminksachen, ein Halstuch, einige andere Gegenstände – kein Ausweis. Wo war sie vor ihrem Tod gewesen? Hatte sie sich einen schönen Abend machen wollen? Eine Verabredung?

„Selbstmord ...“, murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin, während sein inneres Auge das Foto der Drogensüchtigen auf die Tote vor ihm projizierte. Das Äußere war gepflegter, sie war zu Lebzeiten wohl kaum am Karlsplatz herumgelungert, aber ... vom Typ her waren durchaus Pa­rallelen vorhanden.

„... hat weder Schirm noch Regenmantel dabeigehabt“, ergänzte Wilasich nun seine Ausführungen.

„Oder jemand hat sie mitgenommen.“

Wilasich zog eine Augenbraue nach oben und nickte Richard Lehner, einem der Tatortleute, zu. Er kniete neben dem Gebüsch, hatte eine Mappe am Schoß und machte darin eifrig Notizen.

„Wenig Blut am Boden“, bemerkte Orsini. Am dunklen Kleid konnte man zwar Blutspritzer ausmachen, ihre Konturen waren aber verwaschen. „Spricht eher dafür, dass sie nicht hier gestorben ist.“

„Ja, allerdings kann der Eindruck durch den Regen verfälscht sein. Wir werden das Erdreich abgraben und untersuchen“, erwiderte Lehner.

Orsini mochte ihn. Lehner hatte eine gewissenhafte, zuverlässige Art und war in seinen Augen bei der Spurensicherung genau am richtigen Platz – im Gegensatz zum Gruppenleiter. „In Ordnung. Wäre wichtig, wenn ihr das bald rausfinden könntet.“

„Machen wir.“ Lehner holte einen länglichen Papiersack aus seinem Koffer und wollte eine der Hände darin einpacken.

„Wart noch einen Moment“, sagte Orsini.

Gottschlich sah ihnen schweigend zu und machte einen tiefen Zug an seiner Zigarette. Orsini vermeinte, den Geruch von Menthol wahrzunehmen, ignorierte ihn und konzentrierte sich wieder auf die Tote. Mit einem Stäbchen hob er die Scherbe vorsichtig an. Der Regen hatte die Reste des eventuell vorhandenen Blutes jedoch großteils weggewaschen. Nur am unteren Rand der Bruchfläche war ein dunkler Strich zu erkennen. Er legte die Scherbe wieder zurück und untersuchte das Handgelenk der Frau.

„Kann ich eine Taschenlampe haben?“, fragte er und fuhr wenig später leise fort: „Ziemlich tiefe Schnitte ...“, während er den Strahl der Lampe auf die Wunde richtete. Trotz der hellen Beleuchtung sah man damit noch genauere Einzelheiten. Durch den Regen waren die Wunden ausgewaschen, es hatte sich kaum eine Kruste gebildet. Als Orsini den restlichen Arm absuchen wollte, fing die Lampe plötzlich zu flackern an.

„Verdammt!“, schoss es zorniger als nötig aus ihm heraus. „Nicht einmal unsere Lampen funktionieren!“

„Gib her“, sagte Wilasich – die Ruhe in Person –, nahm sie, hantierte daran herum und reichte sie ihm wieder.

„Danke“, erwiderte Orsini und leuchtete damit beide Arme ab. Er wünschte, er hätte Wilasich von der Akte mit der Drogensüchtigen erzählt, und verfluchte seine Loyalität Pokorny gegenüber. Mit dem Hintergrund hätte Wilasich die Situation mit anderen Augen betrachtet. Aber neben Gottschlich war dies unmöglich. Er richtete sich auf und wandte sich an Gottschlich: „Selbstmord?“

„Spricht nichts dagegen, oder?“, antwortete Gottschlich beinahe süffisant. Selbst im künstlichen Licht waren die Aknenarben in seinem Gesicht gut zu erkennen. Ein spöttisches Grinsen lag auf den dünnen, farblosen Lippen, als er das „Oder?“ wiederholte.

„Die Frau kommt also extra an diesen Ort, um sich mit einer Glasscherbe die Pulsader aufzuschneiden?“, fragte Orsini. Die Skepsis in seinem Tonfall war kaum zu überhören.

„Wahrscheinlich wohnt sie da.“

„Möglich.“ Orsini drehte langsam an der Lampe, um sich im Zaum zu halten.

„Sicher finden wir einen Abschiedsbrief in ihrer Wohnung.“

„Sie zieht sich also ihr bestes Gewand an ...“

„Genau.“

„Dann geht sie hierher, schneidet sich in aller Ruhe die Pulsader auf und wartet, bis sie stirbt?“

„Genug Zeit war jedenfalls.“

„Du meinst das Unwetter?“, fragte Orsini überfreundlich.

Gottschlich nickte.

„Scheint mir etwas voreilig, deine Einschätzung.“

„Voreilig?“

„Wie hätte sie wissen sollen, dass ausgerechnet heute ein Gewitter ...“

„Habens gestern im Wetterbericht angekündigt ...“ Gottschlich sah Orsini herausfordernd an.

„Nette Annahme“, entgegnete Orsini schärfer. Das Gespräch begann, ihn ernsthaft zu nerven. „Anstatt reine Vermutungen zu verbreiten, solltet ihr vielleicht einfach euren Job machen und die Spuren sichern. Vielleicht würde uns das bei der Feststellung der Todesursache helfen.“

„Die liegt doch auf der Hand.“

„Tatsächlich?“, schoss es aus Orsini heraus.

Gottschlich lehnte sich provokant zurück, nahm dabei einen Zug aus seiner Mentholzigarette und blies elegant einen Rauchring aus. „Na sicher doch!“

Orsini schloss kurz die Augen, ehe er lautstark antwortete: „Am Erdreich ist kein Blut zu sehen. Der Oberarm weist ein Hämatom in der Größe einer Handfläche auf. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Gerichtsmedizin meine Vermutung bestätigen wird.“ Dann wandte er sich ruckartig ab, gab Wilasich ein Zeichen und ging auf den Funkwagen zu, in dem die Zeugin, eingehüllt in eine Decke, immer noch wartete.

„Lass dich von dem doch nicht provozieren“, versuchte Wilasich ihn zu beruhigen, „das freut ihn nur noch mehr, und was er da daherfaselt, glaubt er doch selber nicht!“

„Ich weiß“, erwiderte Orsini, der sich mehr über seinen kurzen Ausraster ärgerte als über Gottschlich, „jedenfalls rührt der von sich aus keinen Finger zu viel!“ Mit erhobener Hand grüßte er Elvira Zobl, die gerade aus dem Wagen kletterte und wie meist frisch und ausgeschlafen wirkte.

„Hat leider nichts Verdächtiges gesehen“, erklärte sie mit Blick auf die Zeugin. „Nachdem sie die Leiche entdeckt hat, ist sie in körperliche Starre verfallen. Die war offenbar so geschockt, dass sie nicht einmal ihr Handy gefunden hat. Dann ist sie allerdings so lange an derselben Stelle stehen geblieben, bis die Kollegen aufgetaucht sind.“

„Haben die das bestätigt?“

„Ja.“

„Gibt’s andere Zeugen?“

„Bis jetzt noch nicht.“

„Was ist mit den Barkeepern in der Karibik?“

„Die Kollegen überprüfen das gerade. Aber so weit ich das bis jetzt beurteilen kann, haben die nichts gesehen. Wahrscheinlich waren alle damit beschäftigt, die Sachen ins Trockene zu bringen.“

„Anrainer?“

„Gibt’s vermutlich nicht allzu viele. Das ist ein Gymnasium ...“ Elvira Zobl zeigte auf das große Backsteingebäude im Hintergrund.

„Das Akademische.“

Zobl deutete mit dem Kopf einen Halbkreis an. „Dann sind da noch ein paar Wohnungen und ziemlich viele Büros.“

„Ist eine exklusive Gegend“, merkte Orsini an. „Die Häuser können wir uns möglicherweise erst tagsüber vornehmen.“ Er sah sich um.

„Zumindest gibt es eine Kamera beim Aufgang aus der Tiefgarage“, sagte Wilasich.

„Okay, stell zwei Leute ab, die die Aufnahmen sichern und die Autonummern notieren“, antwortete Orsini. „Da fährt mir niemand raus, ohne dass wir die Daten haben.“

„Geht klar. Einer ist ohnehin schon bei der Ausfahrt postiert.“

„Sobald die Kollegen aus der Karibik zurückkommen“, sagte Elvira Zobl, „lass ich sie die gesamte Garage durchsuchen.“ Dann sah sie zur Zeugin im Wagen. „Willst du noch mit ihr sprechen?“

Orsini nickte und beugte sich zum Wageninneren. ­„Orsini, leitender Ermittler“, stellte er sich vor, „hören Sie, ich kann mir denken, wie Sie sich jetzt fühlen, ich bitte Sie, mir aber trotzdem einige Fragen zu beantworten. Es reicht, wenn Sie mit Ja und Nein antworten.“

Die junge Frau zog die Decke enger um die Schultern und sah ihn mit glasigen Augen an. Dabei zitterten ihre Hände so stark, dass ihr die Decke beinahe entglitt. Während er sich zu ihr setzte, krächzte sie kaum hörbar: „Okay.“

„Sie waren da drüben“, begann Orsini, obwohl er das schon wusste, „bei einer Party.“

„Ja.“

„Dann wollten Sie zu Ihrem Auto und mussten ...“

Die Zeugin nickte.

„Und haben dabei die Tote liegen gesehen. Haben Sie irgendetwas an der Lei..., der Frau verändert?“

Kopfschütteln.

„Sind Sie sicher? Wissen Sie, es ist schon öfters vorgekommen, dass im Nachhinein ...“

„Nein“, erwiderte sie leise, aber bestimmt, „ich habe nichts angerührt. Der Anblick war so schrecklich ...“

„Verstehe“, lenkte Orsini ein. „Könnten Sie für mich versuchen, den Weg von der Party bis zu dem Augenblick, als Sie die Tote gefunden haben, noch einmal in Gedanken zu gehen? In Zeitlupe, vielleicht schließen Sie die Augen – manchmal erinnert man sich an Dinge ...“

Die junge Frau holte langsam Luft und ließ sie ebenso gedehnt wieder entströmen. „Ich versuch’s ...“ Nach einer Pause fuhr sie fort: „Zuerst hat’s nur getröpfelt, wir haben uns nicht stören lassen, aber dann – als hätte dort oben jemand den Wasserhahn aufgedreht: So was Ähnliches hab ich nur einmal auf Bali erlebt. Dazu starker Wind, alles ist in der Luft herumgewirbelt. Jeder hat nur mehr irgendwas geschnappt und ist zu den Hütten.“

„Jeder? Waren Sie mit Freunden da?“

Sie schüttelte den Kopf. „Die anderen habe ich nicht gekannt. Ich war eher zufällig nach der Arbeit da und bin ins Plaudern gekommen.“

„Verstehe. Und dann?“

„Wir sind unter dem Vordach gestanden, haben gewartet und was getrunken. Aber es wird einem kalt, wenn man nass herumsteht. Erst nach einer Zeit, als klar war, dass es noch länger dauern wird, bin ich irgendwann losgelaufen.“

„Allein?“

„Nein, die meisten anderen auch. Es war ein einziges Wirrwarr.“

„Hmm.“ Orsini lehnte sich zurück und sah sie aufmerksam an. Das menschliche Gehirn hatte einige außerordentliche Fähigkeiten. In den richtigen Zustand versetzt erinnerte es sich unter Umständen an Details, die im Bewusstsein nirgends abgespeichert waren. „Und dann?“

„Ich bin über die erste Fahrbahn und den Grünstreifen und wollte zu meinem Auto. Das ist hinter dem Platz geparkt.“

„Ist Ihnen dabei etwas eigenartig vorgekommen? Vielleicht hat irgendetwas nicht ins Bild gepasst ...“

Die junge Frau legte die Stirn in Falten. „Na ja ..., höchstens ...“ Sie sah durch die Scheibe in die Nacht. „Wir sind alle durcheinandergelaufen, ziemlich hektisch, aber da war jemand, der ...“

„Ja?“

„Als würd ihn der Regen nicht stören ...“

„Inwiefern?“

„Also, genau genommen war’s nur so ein Moment. Vielleicht hab ich mich auch getäuscht ...“

„Ihn ..., sind Sie sicher, dass es ein Mann war?“

„Nicht einmal das kann ich sagen, aber schon eher ... Es war einfach anders, seine Bewegung ...“

„In welche Richtung ...?“, hakte Orsini leise nach.

„Ich schätze ...“ Sie blickte Richtung Heumarkt, zum Denkmal und wieder zurück. „Er, also diese Person, ist mir entgegengekommen, aber wo er hingegangen ist?“ Bedauernd zog sie die Schultern hoch.

„Aber die Person ging, anstatt zu laufen?“

„Eher.“

„Könnten Sie sie beschreiben?“

„Tut mir leid, hab zu wenig darauf geachtet.“ Ihre Zähne hatten mittlerweile begonnen, unkontrolliert zu klappern. Unter der Decke musste sie klatschnass sein.

„Danke, Sie haben uns sehr geholfen“, erwiderte Orsini und kletterte aus dem Wagen. „Ich lasse Sie nach Hause bringen – holen Sie Ihr Auto besser tagsüber ab“, fügte er hinzu und sah zu Elivra Zobl. „Gibt’s was Neues?“

Zobl zog ihn zur Seite. „Dorothea Hausner – der Name stimmt. 42 Jahre alt, verheiratet. Gärtnerin.“

„Adresse?“

„12. Bezirk, in der Meidlinger Hauptstraße.“

„Jedenfalls nicht ums Eck“, bemerkte Orsini. „Verheiratet ..., der Ehemann, wir müssen mit ihm reden.“

„Natürlich.“

„Beziehungsverbrechen?“, überlegte Zobl laut. „Allerdings wär das ein ungewöhnlicher Rahmen dafür.“

Orsini blieb stumm und ertappte sich dabei, zu wünschen, es wäre ein normales, einfaches Familiendrama. Nachdenklich drehte er sich um und ging auf die Pathologin zu, die ihrem Assistenten gerade eine Anweisung gab und ihm ein Thermometer in die Hand drückte.

„Bitte die Kurzversion“, sagte er zu ihr.

„Vor drei bis vier Stunden. Mord nicht auszuschließen.“

Orsini sah auf seine Uhr. „Das wäre ein Todeszeitpunkt zwischen elf und zwölf ...“

„Genaueres sage ich Ihnen in ein paar Stunden. Kommen Sie um sechs in die Pathologie, ich mache halt eine Nachtschicht ...“

*

Sie waren zur Wohnung der Hausners gefahren, um mit dem Ehemann der Toten zu sprechen, und standen nun vor verschlossener Tür.

Am Gang gegenüber öffnete sich eine Wohnungstür einen Spalt breit, eine ältere Dame sah sie misstrauisch an. „Was wolln S’ denn um die Uhrzeit, es is grad erst drei vorbei!“

„Wissen Sie zufällig, wo der Herr Hausner sich gerade aufhält?“, konterte Orsini und hielt ihr seine Marke hin. „Polizei.“

„Hat er was ausgfressen?“

„Aber nein, wir müssen nur wegen einer Zeugenaussage mit ihm sprechen.“

Die Dame starrte mit müden Augen auf die beiden Männer vor ihrer Tür. „Na, der wird in der Arbeit sein“, antwortete sie dann mürrisch, „da werden S’ schon warten müssen bis in der Früh.“

„Arbeit?“, fragte Wilasich und trat näher.

„Der hat irgendwo Nachtdienst, aber wo, weiß i net“, kam es gedämpft zurück.

„Auf Wiedersehen und danke für die Auskunft“, erwiderte Wilasich und wandte sich ab.

*

„Apropos Nachtdienst – du siehst schrecklich aus“, stellte Orsini unten vor dem Haus fest, öffnete die Wagentür und nahm am Beifahrersitz Platz. „Wie lange bist du schon im Dienst?“

„Viel zu lange“, pflichtete Wilasich ihm bei und startete das Auto. „Hab meiner Frau ein freies Wochenende versprochen und wollte deswegen unter der Woche was einarbeiten.“ Er lachte heiser auf. „Das hat man davon – zum Einarbeiten bin ich nicht gekommen, dafür haben wir eine Leiche ...“

Orsini wusste, dass die Familie, besonders seine drei Töchter, Wilasich alles bedeutete. Er vergötterte sie und hatte deswegen auch auf den Gruppenleiterjob verzichtet. Dass er aufgrund der Budgetkürzungen und dem damit verbundenen Personalabbau wieder vermehrt Überstunden machen musste, traf ihn umso mehr.

Orsini blickte auf seine Uhr. „Wir besprechen alles hier im Auto auf dem Weg zu dir nach Hause. Ich fahr dann zurück ins Büro und erledige alles Weitere. Das mit dem freien Wochenende werden wir schon hinkriegen.“

Wilasich nickte. Eine Weile fuhren sie schweigend durch die Stadt.

„Weißt du, was unsere Kleine im Kindergarten gesagt hat, als die Tante nach meinem Beruf gefragt hat?“, fragte Wilasich plötzlich in die Stille hinein.

„Polizist?“, erwiderte Orsini abwesend.

„Papa ist Totenschauer, hat sie gesagt.“

„Totenschauer?“

„Ja, genau. Das war hart. Wir haben uns immer bemüht, dass mein Beruf nicht in die Familie hineinfunkt. Ich nehm normal nie Unterlagen mit heim. Aber ... der Doppelmord – sie hat die Akte auf meinem Tisch gefunden und die Bilder gesehen.“ Wilasich fuhr sich über die Augen. „Seither wacht sie in der Nacht dauernd auf und macht auch wieder ins Bett.“

Orsini starrte auf die nasse Fahrbahn. ... wacht in der Nacht dauernd auf, wiederholte er in Gedanken. Auch er war vor vielen Jahren oft in der Nacht aufgewacht, nachdem er ein Foto gesehen hatte, ein ganz bestimmtes Foto. „Sagt sie, was sie träumt?“, fragte er schließlich.

„Nein, aber sie kommt zu uns ins Bett. Dann kann sie schlafen.“

Orsini nickte. Zumindest hatte Wilasich eine Familie. Ob er ihm von Pokornys Verdacht erzählen sollte, fragte er sich und schob den Gedanken an Kinder und Familie bei­seite. Loyalität hin oder her – Pokorny war nun einmal nicht zu erreichen.

Während Orsini noch überlegte, hielt Wilasich den Wagen vor seinem Haus an, verabschiedete sich und stieg aus. Als er am Gartentor angelangt war, hörte er, wie die Wagentür aufging.

„Kurt!“, rief Orsini.

„Was ist?“

„Es gibt noch etwas, das du wissen solltest.“

„Was denn?“

„Möglicherweise ist die Tote kein Einzelfall.“

„Was soll das heißen?“

„Pokorny – vor ein paar Wochen, als er mich auf der Straße treffen wollte, statt im Büro ...“, begann Orsini.

„Und, was war da?“

„Es gibt noch eine Tote ...“

„... mit einer Glasscherbe“, folgerte Wilasich und lehnte sich erschöpft ans Tor.

„Ja, genau“, erklärte Orsini und schilderte ihm kurz die ganze Vorgeschichte.

„Seltsam, die Geheimniskrämerei passt nicht zu ihm“, meinte Wilasich dann.

„Wahrscheinlich will er sich derzeit keine Blöße geben“, mutmaßte Orsini. „Vergiss die Reform nicht. Es gibt sicherlich einflussreiche Leute, die ihm ordentlich Druck machen.“

Wilasich nickte gedankenverloren. „Sobald die Obduktion Klarheit ergibt, ob die Frau tatsächlich ermordet worden ist, müssen wir die Drogensüchtige exhumieren lassen.“

„Krematorium“, wandte Orsini umgehend ein.

„Scheiße“, antwortete Wilasich, der sich ansonsten mit Kraftausdrücken zurückhielt, ruhig. „Wer hat es als Selbstmord eingestuft?“

„Gottschlich.“

„Jetzt versteh ich ...“

„Ich versuche, Pokorny so rasch wie möglich zu erreichen“, sagte Orsini nach einer Pause, „bis in der Früh ist es egal, aber dann müssen es die anderen auch wissen.“

„Außerdem muss er uns mehr Leute zuschanzen“, antwortete Wilasich matt, bevor er endgültig sein Gartentor öffnete und zum Haus schlurfte.

Orsini schaute dem müden Riesen eine Weile nach und ging dann zum Auto zurück. Mittlerweile hatten die ersten Vögel zu zwitschern begonnen. Der Duft blühender Rosen wehte durch die Vorgärten, die Regentropfen hatten das üppige Grün der Bäume zum Glänzen gebracht. Und dennoch, Orsini war erfüllt von einem einsamen, vagen Gefühl, als wartete hinter der Idylle – gleich um die Ecke – die staubige, öde Steppe.

*

Orsini klopfte und sah gleichzeitig durch die offene Tür zum Kollegen hinein, der im Erdgeschoß Journaldienst hatte. „Ist Elvira schon im Haus?“

„Die ist grade vor Ihnen gekommen.“

Orsini ging zum Getränkeautomaten und drückte auf einen der Knöpfe. Der Automat klotzte wie ein gelb-oranges mannshohes Monster im ansonsten kahlen Gang und war wohl der letzte Überlebende seiner Art. Rasch griff Orsini nach einem der Plastikbecher und stellte ihn unter den Hahn – man wusste nie, wie schnell der Apparat arbeitete, wenn überhaupt. Manchmal schoss das Getränk wie aus einem Maschinengewehr herunter, manchmal dauerte es eine kleine Ewigkeit. Und jedes Mal, wenn er schließlich Kaffee oder Tee ausspuckte, klang es, als würde er seinen letzten Schnaufer machen.

„Drei Minuten 28, mit Zucker“, sagte Orsini einen Stock höher und stellte einen der Becher vor Elvira Zobl auf deren Schreibtisch.

„Also lauwarm ...“, antwortete sie achselzuckend und lächelte. Mittlerweile schätzten sie die Kaffeeproduktionszeiten um die Wette.

„Wenn du was anderes willst, müsstest du selber ...“

„Nein, danke“, sie schüttelte den Kopf und trank einen Schluck, „wo ist Kurt?“

„Ich hab ihn nach Hause gebracht. Er war völlig erledigt.“

Elvira Zobl nickte.

„Elmar?“, fragte Orsini und wies auf den zweiten, leeren Schreibtisch im Zimmer.

„Nicht zu erreichen. Hier“, sagte sie und hielt ihm ein Blatt hin.

Er nahm es entgegen und sah sie anerkennend an. Sie war kaum vom Tatort zurück, es war vier Uhr vorbei, und dennoch hatte sie alles im Griff. Vermutlich war sie zeitig ins Bett gegangen, so wie sie es meist tat, wenn sie abends freihatte. Das war etwas, worum er sie manchmal regelrecht beneidete. Nie und nimmer hätte er das gekonnt.

„42 Jahre alt, seit acht Jahren verheiratet mit Franz Hausner, 46, als Gärtnerin bei der Stadt angestellt, keine Kinder, keine Kredite, keine besonderen Vorkommnisse.“ Orsini überflog das Papier. „Zu Hause ist der Ehemann übrigens nicht gewesen, hat entweder eine Nachtschicht oder überhaupt Nachtdienst. War sehr auskunftsfreudig, die Dame nebenan.“