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Viele Eltern meinen, sie könnten sich nach der äußerst nervenaufreibenden Phase der Pubertät (Buchtipp: Der Pubertist – Überlebenshandbuch für Eltern) entspannt zurücklehnen. Weit gefehlt! Aus dem Pubertisten geht nicht etwa ein Erwachsener hervor. Nein, jetzt folgt die Schwellenphase der Postpubertät. Weiterhin tut der Zögling unvernünftige, ja haarsträubende Dinge, doch möchte er nun keinesfalls darauf angesprochen, geschweige denn mit Taschengeldentzug bestraft werden. Auch Drohen wäre bei einer Postpubertistenkörpergröße von ca. 1,90 Meter irgendwie lächerlich. Also gibt man täglich aufs Neue klein bei. Erfolgsautor Helmut Schümann zeigt, wie aus dem vergesslichen, unordentlichen Pubertisten quasi über Nacht ein Mensch geworden ist, der das, was er bei den Eltern gelernt hat – und wider Erwarten ist das eine ganze Menge –, gnadenlos gegen diese einzusetzen pflegt. Zudem hat der Postpubertist andere Ansprüche als der Pubertist. Selbständigere. Die haben aber den Nachteil, dass sie teuer sind. Erst kommt die Vespa, dann kommt der Führerschein, die zweite Liebe, die dritte, die ersten Ferien mit Freunden. Und irgendwann zieht der Postpubertist von zu Hause aus, und für die Eltern beginnt eine neue Zeitrechnung: Sie müssen ihr Leben neu erfinden ...
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2011
Helmut Schümann
Der Postpubertist
Das ultimative Überlebenshandbuch für Eltern
Mit Zeichnungen von Julius Wolf
VORWORT
OHRFEIGEN
RÜCKFÄLLE
LOGIK
MÄNNERGESPRÄCHE
FILME
FLEISCH
DEMONSTRATION
ANTRIEBSSCHWÄCHE
DUELLE
FAHRSCHULE
TEMPI PASSATI
GELD
MOFA-ROMANTIK
GRIECHISCH
HOTEL VATER
EIN NEUER MENSCH
SORGEN
GROSSE PLÄNE
TAG DER WAHRHEIT
PFLICHTEN
BENUTZT
ERZIEHUNGSAUFTRAG BEENDET
Es ist nicht vorbei. So schnell geht es doch nicht.
Auch wenn die Eltern sich das wünschen, wenn sie hoffen und beten, dass aus dem Pubertisten endlich ein Erwachsener wird. Wenigstens, dass er Vernunft annimmt. Nur ein bisschen. Einerseits. Andererseits: Mitunter sinniert der Vater: Wenn so ein Pubertist Vernunft annimmt, dann ist er ja erwachsen. Und eigentlich war es doch auch ganz schön, ein Kind zu haben. Die Mutter und der Vater hatten ja ein Kind miteinander gewollt und keinen Erwachsenen. Und außerdem, sinniert der Vater weiter: Wenn so ein Kind Pubertist wird und später dann Erwachsener, ist es ja unstrittig älter geworden. Der Vater logischerweise auch. Ein Kind hat er haben wollen, und am Ende ist er älter geworden. Pilz, der alte Freund des Vaters und Vater von Lene, sinniert auch so ein Zeug. Am Ende von diesem Sinnieren bestellt Pilz zwei Bier. Und der Vater sagt zum Wirt: «Mir auch zwei Bier.»
Paul war sechzehn Jahre alt, als wir ihn verließen im Buch «Der Pubertist». Sechzehn und ein bisschen.
Er hatte das «Erste Mal» erlebt. Mit Luise ging er dann in die Welt hinaus. Dass dies nicht das Ende sein würde – dem Vater und auch der Mutter war das klar.
Paul hatte nämlich so in etwa mit vierzehn Jahren das Hirn ausgeschaltet. Da fing es an mit der schwierigen Zeit, wenn aus den süßen Kleinen renitente Labbes werden, die nichts verstehen, nichts hören, nichts sehen, zum Beispiel die Unordnung in ihrem Zimmer. Die alles vergessen. Aufräumen, Schulaufgaben, Schlüssel, Termine. Oder Anrufe, die für den Vater oder die Mutter eingehen. «Paul», hat der Vater am Abend, wenn er von der Arbeit kam, gefragt, «Paul, hat jemand für mich angerufen?» Paul hat dann gegrübelt, vielleicht hat er auch nachgedacht, was der Vater allerdings stark bezweifelt, weil ein Pubertist nicht viel denkt, zumindest nicht an das, woran er soll. «Ja, hat», hat Paul dann geantwortet. «Und wer?», hat der Vater noch in aller Ruhe nachgefragt. «Weiß nicht», hat Paul gesagt, «die haben den Namen nicht gesagt.» Der Vater hat dann stets aufgehorcht. «Ach, ein Sammelanruf?» «Nee, mehrere.» Aber die Namen, nein, die hat sich Paul nun wirklich nicht merken können. «Nee, ne», hat der Vater gesagt. «Doch, ja», hat die Mutter gesagt. «Mhngmanney», hat Paul gesagt, «bin ich dein Telefondienst?» Eltern von Pubertisten wissen, wie solche Gespräche enden. Das Ende zeigt einen tiefverzweifelten Vater oder auch eine tiefverzweifelte Mutter, weil die Bitte, die tägliche Bitte, die Telefonate aufzuschreiben, von Paul nicht gehört worden ist. «Ihr habt darum gebeten? Kein Wort habt ihr gesagt, im Leben nicht.»
Paul nannte diese Zeit später «die Zeit, in der die Eltern anfingen, schwierig zu werden». Man nennt sie Pubertät. Früher nannte man sie auch Flegeljahre. Es sind schlimme Jahre. Für die Eltern. Nichts hilft dagegen. Der Vater hat mal geglaubt, die Erinnerung helfe. Die Erinnerung, dass er selbst auch nicht anders war. Und die Mutter auch nicht. Die Erinnerung erklärt. Das ja. Aber helfen?
Der Pubertist. Paul hat seinen ersten Rausch erlebt. Die erste Liebe. Hat einen ersten Ordnungssinn entwickelt. Der hoffentlich, im Interesse der Menschheit, nicht sein letzter sein wird. Er hat an Weihnachten kindliche, vorpubertäre Gefühle entwickelt, war wortkarg, hat gegessen, dass man nur fressen sagen kann, hat so getan, als sei die erste Rasur nötig, ist zu früh in verbotene Filme gegangen, hat einen Modestil entwickelt, für den die Eltern vom Vater und der Mutter kein Verständnis aufgebracht hätten und der Vater und die Mutter auch kaum – Hosen, deren Bund in den Kniekehlen sitzt, also wirklich, Paul. Er hat aromatische Kräuter inhaliert, in der Schule weniger aufgepasst, er hat sich, alles in allem, abgenabelt. Zumindest damit angefangen.
Aber das hatte nicht recht geklappt. Wie auch mit sechzehn und ein bisschen? Der Pubertist in Paul will noch keine Ruhe geben. Und dann wird aus dem Pubertisten der Postpubertist. Der hat andere Ansprüche. Selbständigere. Die haben aber den Nachteil, dass die Eltern die Selbständigkeit bezahlen müssen. Erst kommt das Mofa, es kommt der Führerschein, die zweite Liebe, die dritte, der Liebesschmerz, die eigenen Ferien, «nee, mhngmanney, auf eueren Urlaub irgendwo in einem Landhaus, da habe ich nun wirklich keine Lust mehr», wird Paul bald sagen, der Schulabschluss soll kommen, der Schritt ins eigene Leben.
Und wer kümmert sich um uns? Um die Eltern? Der Postpubertist ist nicht leichter zu ertragen als der Pubertist. Die Postpubertistin, Lene, übrigens auch nicht. Wenn der Vater mal wieder sinniert, dann kommt es vor, dass er den Postpubertisten mit dem Pubertisten vergleicht. Wenn man es genau betrachtet, ist der Postpubertist sogar viel schwerer zu ertragen als der Pubertist. «Das ist aber dein Problem», sagt Paul, «euer Elternproblem.»
«Hä», sagt der Vater.
«Na klar, an mir liegt es nicht, wenn ihr euch aufregt.» Der Vater schaut auf. Der Vater schaut Paul verständnislos an, «du bräuchtest dich doch nur anders zu benehmen», sagt er.
«Ich benehme mich», sagt Paul, «wie ich mich benehme.»
«Genau», sagt der Vater.
«Schau, Papa», sagt Paul, «es geht euch nur nichts mehr an.»
Da ist was dran, denkt sich der Vater. Damals, als Paul noch Pubertist war, da konnte man versuchen, die Vernunft oder die eigenen Interessen mit Güte, Liebe, Nachsicht und Gebrüll durchzusetzen. Nicht, dass es etwas genutzt hätte, aber man konnte es versuchen. Dem Versuch wohnt die Hoffnung inne. Gibt es keinen Versuch, gibt es keine Hoffnung.
«Reg dich nicht auf, Papa», sagt Paul, «ich mach das schon.»
Das ist ja das Problem. Die Postpubertisten machen selbst. Als Vater kann man nur zuschauen und als Mutter auch, auf welche Holzwege sich der Postpubertist begibt.
«Sag ich doch», sagt Paul, «das ist dein Problem, euer Elternproblem. Wie ich ja überhaupt der Meinung bin, dass die Postpubertät sehr leicht ist.»
«Ja, für dich», sagt der Vater.
«Schau, Papa, ihr wolltet ein Kind, ihr habt ein Kind, ein wohlgeratenes, wie ich beifügen darf, dann müsst ihr auch die Abnabelung ertragen.»
«Dem ist wohl so», sagt Pilz und bestellt beim Wirt zwei Bier.
«Mir auch zwei Bier», sagt der Vater.
Paul ist gerade siebzehn geworden. Ist Paul überhaupt noch Pubertist? Oder sind er, die Mutter und der Vater aus dem Gröbsten raus? Wie viel Vater braucht Paul noch? Fragen über Fragen, die Paul dahin gehend beantwortet, dass er eine Taschengelderhöhung braucht. Die Nabelschnur ist also noch nicht durchtrennt, der Vater ist fürs Erste beruhigt.
Kurz zuvor hat er einen Brief bekommen. Der Vater hatte immer über den Pubertisten in der Zeitung berichtet. Dem Leser K. hat das gar nicht gefallen. Pauls Benehmen, Pauls Reden, Leser K. empfahl in seinem Schreiben – und sprach dabei dem Vater aus der Seele– Ohrfeigen für Paul. Einmal links, einmal rechts, dann würden, so der Leser K., dem Paul die pubertistischen Flausen schon vergehen.
Was Leser K. nicht wissen konnte: Paul wächst in diesen Tagen auf die Einsneunzig zu. Der Vater ist wesentlich kleiner, insofern ist der Rat von Leser K. schwer umzusetzen. Oder nur mit einiger Vorbereitung. Etwa der Bitte an Paul, sich ein wenig zu bücken. Kommt Paul der Bitte nach, ist er ein braver Bub, der sich keine Ohrfeige verdient hat. Kommt er ihr nicht nach, muss der Vater erst auf eine kleine Trittleiter steigen. Der Überraschungseffekt ist dann weg. Und das pädagogische Ziel auch.
Aber es ist eh zu spät, hat Leser K. gemeint, Paul habe sich schon längst für alle «zukünftigen Umweltkontakte, sei es in der Schule, im Beruf oder in der Gesellschaft» disqualifiziert. Genau, hat der Vater gedacht, genauso ist es. Paul hat kürzlich mal etwas geschrieben, sehr ernsthaft, das Geschriebene wurde veröffentlicht und Paul dafür von vielen Seiten sehr gelobt. Damit hat er sich schon mal für einen Beruf disqualifiziert. Paul hat auch ein Berufspraktikum machen müssen. Über die Umstände, wie er seinen Praktikumsplatz bekommen hatte, sei besser geschwiegen. Pubertisteneltern wissen, dass dieser Schritt in die Selbständigkeit nur mit ihrem persönlichen Einsatz möglich ist. Paul hat sein Praktikum am Ende beim Fernsehen absolviert, und man hat ihm gesagt, er könne gerne wiederkommen. Komplett disqualifiziert also. Gesellschaftlich ist eh alles vorbei. Seit mit Luise nichts mehr läuft, kontaktet Paul mal hierhin, mal dahin. Da war mal was mit Babette, da hat Paul etwas mehr kontaktet, auch wenn der Vater gleich gesagt hat, mit dem Namen ginge eigentlich nichts. «Ha, ha», hat Paul gekontert, «war da nicht mal was in deinem Vorleben mit einer Frau, die Bilder aus Salzgebäck an der Wand hatte?» Ja, ja, hat der Vater gesagt, das ging auch nicht. «Männergespräche gehen auch nicht», hat die Mutter gesagt, «erst recht nicht, wenn die Sonne den Herren das Hirn aufgeweicht hat.» Das war im Sommer, und Paul hat protestiert: «Na hör mal, was würdest du sagen, wenn Papa kurze Hosen anhätte, Sandalen und Söckchen?» «Dann wäre er nicht dein Vater», hat die Mutter geantwortet. Der Bub ist dann mit Carla ausgegangen. Leser K. hatte schon recht, gesellschaftlich hat Paul null Chancen. In der Schule zeigt sich das besonders deutlich. Als Ohrfeigen noch geholfen hätten, hieß der Griechischunterricht zum Beispiel Griechisch. Jetzt heißt er «Kurs G3-p1» – wenn er hochkäme zu Paul, würde der Vater Paul eine links und eine rechts…, allein schon für diesen Namen.
Auch ist Pauls musische Ader verdorrt. Pauls Kumpels, allesamt gesellschaftlich disqualifizierte Mitpubertisten, haben ihm zum Geburtstag für sein Schlagzeug Trommelstöcke geschenkt und was sonst noch so typisch ist für Musikanten, besonders, wenn sie aus der Karibik stammen. Paul findet alles, was Musikanten aus der Karibik umwabert, ziemlich interessant, weswegen auch schon mal ein Poster an der Wand hing, auf dem ein Männlein abgebildet war, das unstrittig in einem Wald von Cannabispflanzen stand. Das Poster hängt heute nicht mehr, dafür eins von Bob Marley, was ein musikalisches wie gesellschaftliches Statement ist. Paul und Mitpubertisten fangen nun an zu üben. Es hört sich ein wenig atonal an, aber das war ja so ganz ohne Ohrfeigen auch nicht anders zu erwarten.
Der Vater hat noch ein wenig nachgedacht über den pädagogischen Ratschlag von Leser K.Offensichtlich hat er dabei ein wenig unfreundlich dreingeschaut. «Was guckst du so grimmig?», fragte Paul. «Hab ich was falsch gemacht?»
«Nein, Paul, nein, wirklich nicht.»
Aber ist damit alles überstanden? Kommt der Pubertist langsam zur Vernunft? Mitunter denkt der Vater, dass er das gar nicht so toll fände. Weil, wenn Paul jetzt vielleicht kein Pubertist mehr ist, entzieht er sich doch dem Vater? Das wäre schade. Einerseits.
Andererseits ist Paul jetzt in der Oberstufe. Das ist gut so, besonders für den Vater. In der Oberstufe von Pauls Schule wird nicht mehr zu Elternabenden geladen. Keine Elternabende, das ist eine erhebliche Steigerung der Lebensqualität. Als Paul noch Kind war, musste der Vater zu Elternabenden in den Kindergarten. Dort saß man auf viel zu kleinen Stühlen an viel zu niedrigen Tischen und musste Debatten anhören über Pauls neuen Bagger aus Plastik, über Gummibärchen voller Rinderwahn und über das Gewaltpotenzial von Julian, der ein Mädchen in den Sandkasten geschubst hatte. Und einmal hüpfte die Kindergärtnerin durch die Räume und pries singend ihren Gott, derweil Paul und ein Kumpel auf dem Klettergerüst standen und auf die Gottesanbeterin und den Teppich niederpieselten. Das gab dann einen Sonder-Elternabend. Später in der Schule erfuhr der Vater auf Elternabenden, was Pubertist Paul nicht erzählt hatte. Das machte Elternabende aber nicht erträglicher. Auch finden Elternabende aus einem unerfindlichen Grund immer mittwochs statt. Statt zu Hause Fußball zu gucken, sitzt der Vater in einer Schulklasse auf einem unbequemen Stuhl und darf darüber nachdenken, wer denn schon wieder den Hygiene-Behälter aus der Mädchentoilette geklaut hat. Solche Debatten ziehen sich hin. Bis alle Eltern begriffen haben, dass mit dem Hygiene-Behälter der Mülleimer gemeint ist, ist die zweite Halbzeit schon fast vorbei. Am anderen Morgen sagt Paul dann, dass es ein tolles Fußballspiel gewesen sei, er aber vom Hygiene-Behälter auch nichts wisse.
Der letzte Elternabend. Sonst, wenn Abschied genommen wird von den Ritualen der Kindheit und Jugend, wird dem Vater immer ganz wehmütig ums Herz. Diesmal nicht. Aber etwas erfahren, was Paul nicht erzählt hatte, hat er auch diesmal. Dass nämlich die Schule eine Reise «Wider das Vergessen» nach Auschwitz anbietet. Am anderen Morgen hat der Vater Paul gefragt, ob er nicht mitfahren wolle. Aber da hat Paul den Vater nur mitleidig angesehen: «Weißt du, da habe ich mich doch längst angemeldet.» Paul macht jetzt viel in Eigenverantwortung.
Dann kam der Tag der öffentlichen Erklärung. «Papa», sagte Paul an diesem Tag, «wie lange willst du noch in deiner Zeitung über den Pubertisten berichten? Ich finde, es reicht jetzt langsam.»
«Du meinst, deine Zeit als Pubertist ist vorbei?»
«Ich denke schon», sagte Paul.
«Der Zustand deines Zimmers sagt etwas anderes», entgegnete der Vater.
«Schon, schon, nur – geht dich das noch was an?»
«Solange du die Füße unter…»
«Ha, ha», sagte Paul, «ich meine ja nicht, dass ich jetzt gleich ausziehe, kein Taschengeld mehr will, meine Wäsche selber wasche, mein Essen selber koche, ich meine ja nur, mhmmhm, so halt eben.»
«Du meinst, mein Erziehungsauftrag ist beendet?»
«Trefflich formuliert», sagte Paul.
«Gut, gut», erwiderte der Vater, «aber über die Balance zwischen Rechten und Pflichten müssten wir nochmal reden.»
«Aber nicht mehr von oben nach unten», sagte Paul.
«Dann ist also jetzt Schluss?», fragte der Vater, «keine Klagen mehr über die Ursuppe in deinem Zimmer, über vergessene Telefonate und gigantische Rechnungen, keine ‹Mhngmanneys› mehr, nichts mehr über die ersten Versuche, mit den Luises deines Lebens klarzukommen, keine Silbe mehr über deine Einsilbigkeit und die pubertistische Vergesslichkeit?»
«Genau», sagte Paul.
«Mhm», brummte der Vater.
«Traurig?», fragte Paul.
«Abnabelung ist ja gut und schön, aber auch melancholisch.»
«Das Leben geht ja weiter, ich bleibe Sohn, und du bleibst Vater.»
«Und was machen wir jetzt?», fragte der Vater.
«Gehen wir ein Bier trinken», sagte Paul.
«Gut, Partner», sagte der Vater, «du zahlst.»
«Mhngmanney», sagte Paul.
So, wie es für den Pubertisten Momente gab, in denen er sich nach den Legosteinen seiner Kindheit sehnte, so kommt es auch beim Postpubertisten zu jähen Rückschlägen. Neulich kam Paul in das Zimmer des Vaters. Er werde jetzt ein paar Dinge in seinem Leben ändern, sagte er.
«Gute Idee», antwortete der Vater, «fang doch bei deinem Zimmer an, das gehört aufgeräumt.»
Paul ging nicht weiter darauf ein, Paul ging es mehr um die grundsätzlichen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?
Das sind typische Pubertistenfragen, wie sie sich jeder stellt. Auch der große Konrad, Pauls Mitpubertist. Der Vater traf den großen Konrad Anfang der Woche zufällig auf der Straße und erkannte ihn kaum wieder. Konrad trägt jetzt die Haare, wie sie die Irokesen früher trugen. Dazu trägt er Löcher in den Hosen, wie sie Sid Vicious und Johnny Rotten von den Sex Pistols früher trugen.
Konrad ist jetzt Punk, hatte aber kaum Zeit für den Vater, weil er noch für Griechisch lernen musste, was Sid Vicious garantiert nie getan hat und bei den Irokesen bestimmt auch nicht alle. Punks sind auch nicht mehr das, was sie früher waren.
Paul will einen anderen Weg gehen. Paul sagt, dass er jetzt erst einmal damit anfängt, nicht mehr zum Friseur zu gehen. «Und wenn die Haare lang genug sind, mache ich mir Dreadlocks.» Dreadlocks, Haare also, wie sie Bob Marley und die Rastafaris trugen.
Der Vater summte: «I Don’t Like Reggae», den alten Hit von 10CC, «Oh No, I Love It», sang Paul weiter. «Oder hast du was dagegen?», fragte Paul noch.
Nö, dachte der Vater, dachte wohl auch an das Verfilzen der Haare, an damit verbundenen möglichen Bakterienbefall, war aber insgesamt der Meinung, dass Pauls Identitätssuche schlimmer hätte enden können. Es gibt ja die abscheulichsten Entwicklungsmöglichkeiten. Was, denkt der Vater, wäre wohl gewesen, wenn Paul plötzlich einen Samsonite-Koffer als Schultasche hätte haben mögen statt seiner ausgeleierten Umhängetasche? An noch schlimmere Irrungen, wie Glatzenschnitt und Glatzengesinnung, mag der Vater gar nicht erst denken. So aber, Glück gehabt, die Einflussmöglichkeiten des Vaters nehmen nämlich stark ab.
Vergangene Woche zum Beispiel war Paul im Kino. Alle drei Matrix-Filme schauten Paul und Mitpubertisten sich an. Das war lange geplant und auch bewilligt, aber am Vorabend beim Abendbrot war Paul wegen irgendeiner Nichtigkeit ziemlich patzig. Das ging so weit, dass der Vater sich reichlich aufplusterte und mit Verbot drohte: «Wenn du weiter durchdrehst, dann laufen die Matrix-Filme eben ohne dich.»
«Nein», sagte Paul, «das lasse ich mir nicht verbieten, die Zeiten sind vorbei.» Zum Glück hatten der Vater und Paul ein Einsehen, es kam nicht zum Show-down, und als der Vater dann sagte, «solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst», lachte Paul schon wieder und stellte seine Füße neben den Tisch. Und dann lachte auch der Vater. «Bin doch kein Kind mehr», sagte Paul.
Man weiß es nicht, dachte der Vater. Am Tag der Dreadlocks-Verkündigung kam Paul nämlich noch einmal in das Zimmer des Vaters: «Du, wenn du am Buchladen vorbeikommst, kannst du mir den neuen Harry Potter bestellen?» Zusammen mit dem großen Konrad würde er sich das Buch dann in der Nacht zum Sonntag abholen. Der Vater stutzte, Harry Potter mit Dreadlocks und Löchern in den Hosen– Identitätssuche ist wohl doch komplizierter.
Es wäre allerdings fatal, den heranreifenden Postpubertisten wegen solcher pubertistischen, ja, fast kindlichen Anwandlungen zu unterschätzen. Der Postpubertist zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass er sich der Welt ebenbürtig wähnt, weit mehr noch als der Pubertist. Paul schlägt erbarmungslos zurück, wenn der Vater seine Rückfälle belächelt. Nahezu täglich kommt Paul dem Vater mit Sprüchen, die dem Vater bekannt vorkommen. Es sind seine Sprüche. Als Paul noch Pubertist war, gingen ihm diese Sprüche ins eine Ohr rein und kamen ungehört zum anderen Ohr wieder raus. Zumindest dachte der Vater das immer, weil Paul sie nie beherzigte. Nun, in der frühen postpubertistischen Phase, stellt sich heraus, dass Paul die Sätze wohl nie wahrgenommen, sie sich aber dennoch gut gemerkt hat.
Zurzeit ist es so: Der Vater kommt nicht aus seinem Zimmer raus, nur in Notfällen. Der Vater schreibt irgendwas, das dauert. «Sieht man dich auch noch mal», sagt Paul, wenn der Vater dann doch mal rausmuss. «Nimmst du auch noch am Familienleben teil?» Der Vater hatte sich stets mokiert, weil Paul nur noch hinter der verschlossenen Tür seines Zimmers abhängt. «Habe ich dir nicht immer gesagt», sagt Paul nun, «fang deine Arbeiten früher an, dann kommst du auch nicht in Zeitnot. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.»
«Klugscheißer», sagt der Vater, «altkluger Scheißer.» Das hilft aber auch nichts.
Im Zimmer des Vaters sieht es aus wie sonst nur in Pauls Zimmer. Eigentlich ist es eine richtige Ursuppe, die da durch den Raum wabert. Sie besteht aus Zeitungsstapeln, Bücherstapeln, Loseblattsammlungen, noch mehr Loseblattsammlungen, Unmengen Kassetten, irgendwo darunter müsste auch noch ein Aufnahmegerät liegen, im Zimmer des Vaters kommen zur Ursuppe, wie auch der Sohn sie hat, noch leere Kaffeetassen und überquellende Aschenbecher hinzu.
«Findest du noch was?», sagt Paul. «Aufräumen wäre vielleicht nicht schlecht.»
Im Zimmer stinkt es.
«Hier stinkt’s», sagt Paul. Und: «Diesem Zimmer würde Sauerstoff guttun.»
«Mhngmanney», sagt der Vater.
«Super Vorbild», sagt Paul.
Dem Pubertisten war zu eigen, dass er sich nie etwas merken konnte. Einkäufe, Erledigungen, Hausaufgaben, Paul vergaß alles. Damals hatte der Vater noch entschuldigend gedacht, diese Pubertistenvergesslichkeit habe etwas mit den Synapsen zu tun, mit anwachsenden Hirnlappen, habe biologische Gründe, auf jeden Fall welche, die Paul weitgehend schuldfrei sprachen. Inzwischen hat der Vater den Verdacht, dass Paul damals sehr bewusst vergessen hat. Er hat nämlich stets aufmerksam zugehört. Und was er da gehört hat, verwendet er heute kalt lächelnd zu seinen Gunsten.
Paul spielt jetzt auch Karten, Doppelkopf mit seinen ehemaligen Mitpubertisten in der Schule, wie der Vater früher mit seinen Kumpels gespielt hat. «In den Pausen», sagt Paul, «natürlich nur in den Pausen.» Dabei grinst er etwas hämisch. «Mit allen Finessen», sagt Paul, «mit Hyperfuchs, Charlie Müller und der Schwarzen Inge. Aber natürlich nur in den Pausen.»
Bislang hatte der Vater geglaubt, dass die Sonderrechte zweier Pik-Damen auf einer Hand, also die Rechte der Schwarzen Inge, eine willkürliche Erfindung seiner damaligen Doppelkopfrunde gewesen seien. Aber darum geht es nicht. Es geht um dieses Grinsen, diese Häme und die Betonung auf den Pausen. Es geht darum, dass kürzlich zwei Schulfreunde des Vaters zu Besuch waren. Und als die Rede auf Doppelkopf kam, erinnerten sie sich, wie sie der Karten wegen mal den Mathe-Leistungskurs geschwänzt hatten. Dann war der Mathe-Lehrer in den Aufenthaltsraum gekommen, war hinter den Vater und seine Freunde getreten und hatte nach kurzer Zeit abfällig über die Spielweise der vier geschnauzt. Paul hat zum Glück keinen Mathe-Leistungskurs, den er schwänzen kann, hatte der Vater bei der Geschichte gedacht, aber auch: «Klasse Jungs, tolle Geschichte, super Vorbild.» Paul hatte interessiert zugehört.
Später war Paul mit Chemie-Aufgaben zum Vater gekommen. «Zeigen Sie nach Brønsted, dass Butansäure eine schwache Säure ist!» stand da.
Im Zimmer des Vaters roch es säuerlich, muffig, es stinkte.
«Ich weiß nicht, wo Brønsted liegt», brummte der Vater, «wahrscheinlich in Dänemark.»
«Oh, Mann», sagte Paul, «Brønsted, Johannes Nicolaus, Physiochemiker.»
