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Eigentlich sehnen auch wir Deutsche uns nur nach ein bisschen Zuneigung und Anerkennung, und doch treibt uns wie wenige andere eine Frage um – nämlich, wie die Welt uns sieht: als bieder-fleißige, kalte Techniker? Als von Stadttheatern überquellende Kulturnation? Als bierselige Dumpfköpfe und ewig verdächtige Unheilstifter? Helmut Schümann hat Deutschland umrundet und mit jenen gesprochen, die es wissen müssen: unseren Nachbarn, den Polen, Tschechen, Österreichern, Schweizern, Franzosen, Luxemburgern, Belgiern, Niederländern und Dänen. Und weil das nicht auf die Schnelle funktionierte, ist Helmut Schümann fast die Hälfte der Strecke zu Fuß gegangen. Er hat dabei viel über unsere Leidenschaft fürs Rustikale und unsere Geschichtsbesessenheit, über unsere Rolle als Euroretter und Humorverweigerer gelernt. Er hat auch ganz praktisch gefragt, warum unsere Nachbarn bei Aldi einkaufen, ob sie bei uns arbeiten, einheiraten – oder das Land, seine Leute, ihre Imbissbuden und den Filterkaffee eher meiden. Wir erfahren, für welche Eigen- und Errungenschaften wir wirklich geliebt, wahrhaft gefürchtet oder ehrlich bewundert werden. Eine kluge, oft komische, stets erhellende Reisereportage, ein Buch über Deutschland, durch das wir uns selbst klarer sehen – und das uns hilft, uns ein bisschen leichter zu nehmen.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2014
Helmut Schümann
Wie uns die anderen sehen – eine Deutschlandumrundung
Eigentlich sehnen auch wir Deutsche uns nur nach ein bisschen Zuneigung und Anerkennung, und doch treibt uns wie wenige andere eine Frage um – nämlich, wie die Welt uns sieht: als bieder-fleißige, kalte Techniker? Als von Stadttheatern überquellende Kulturnation? Als bierselige Dumpfköpfe und ewig verdächtige Unheilstifter? Helmut Schümann hat Deutschland umrundet und mit jenen gesprochen, die es wissen müssen: unseren Nachbarn, den Polen, Tschechen, Österreichern, Schweizern, Franzosen, Luxemburgern, Belgiern, Niederländern und Dänen. Und weil das nicht auf die Schnelle funktionierte, ist Helmut Schümann fast die Hälfte der Strecke zu Fuß gegangen. Er hat dabei viel über unsere Leidenschaft fürs Rustikale und unsere Geschichtsbesessenheit, über unsere Rolle als Euroretter und Humorverweigerer gelernt. Er hat auch ganz praktisch gefragt, warum unsere Nachbarn bei Aldi einkaufen, ob sie bei uns arbeiten, einheiraten – oder das Land, seine Leute, ihre Imbissbuden und den Filterkaffee eher meiden. Wir erfahren, für welche Eigen- und Errungenschaften wir wirklich geliebt, wahrhaft gefürchtet oder ehrlich bewundert werden.
Eine kluge, oft komische, stets erhellende Reisereportage, ein Buch über Deutschland, durch das wir uns selbst klarer sehen – und das uns hilft, uns ein bisschen leichter zu nehmen.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2014
Copyright © 2014 by Rowohlt·Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung Frank Ortmann
Karte Peter Palm, Berlin
ISBN 978-3-644-11551-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Karte
Kapitel 1 Eins, zwei, drei, Sprung!
Kapitel 2 Der Pole in mir
Kapitel 3 Von Kurwa bis Martinique
Kapitel 4 Wo Brücken Welten trennen
Kapitel 5 Irrwege mit Erkenntnissen
Kapitel 6 Die ganze, volle Wahrheit über Frêdlant
Kapitel 7 Dreißig Kronen
Kapitel 8 Die böhmische Hexe
Kapitel 9 Herr S. und seine Heimat
Kapitel 10 Bamm! Bamm! Bamm! Bamm!
Kapitel 11 Nichts wie raus aus Cheb
Kapitel 12 Eine Odyssee in Tschechien
Kapitel 13 Übel und Grübel in der Geistergegend
Kapitel 14 Guatemala
Kapitel 15 Fußball in Braunau
Kapitel 16 Alle Wetter!
Kapitel 17 Passerelle des Trois Pays
Kapitel 18 Der große Rheinfall
Kapitel 19 Madame Dylans kleiner Sieg
Kapitel 20 Kirschkernspucken über Grenzen
Kapitel 21 Die Möpse von Konz
Kapitel 22 Eric, der Schweigsame
Kapitel 23 Willkommen in Balterland!
Kapitel 24 Niederlands beschwerliche Höhen
Kapitel 25 Allein unter Kühen
Kapitel 26 Ein großer kleiner Schritt
Epilog Am deutschen Jägerzaun
Das Wasser ist so kalt, dass es eigentlich gar nicht mehr flüssig sein dürfte. Aber ich stehe definitiv nicht auf Eis. Ich stehe in der Ostsee.
Es müsste sich jetzt irgendetwas einstellen. Irgendein Gefühl. Ein Hochgefühl, nicht dieses vorauseilende Hochgefühl, sondern ein ganz unmittelbares: ich, der Held, der den Wellen trotzt und der Kälte widersteht.
Leider stellt sich nichts ein. Ich stehe einfach nur nackt im Wind, bis zur Hüfte im Wasser. Und bibbere und habe Angst einzutauchen. Ich setze zum Sprung an. Hechtsprung, einmal untertauchen. Einmal ganz unter Wasser. Zwei, drei Sekunden, dann ist alles vorbei. Ich zähle auf drei: eins, zwei, drei.
Wolfgang Büscher ist gesprungen. Ob er auch auf drei gezählt hat? Jedenfalls ist er reingesprungen in den eiskalten Rhein. Damals, als er durch Deutschland gereist ist, meist zu Fuß. Er hat das am Anfang seines Buchs beschrieben. Ich weiß nicht, ob mich die Lektüre zu dieser bescheuerten Idee inspiriert hat. Ich weiß nur, dass ich friere.
Herrgott, was stelle ich mich an. Ich setze wieder zum Hechtsprung an. Eins, zwei, drei. Aber ich springe nicht. Ich schaue rüber zur deutschen Seite, ich schaue auf Deutschland. Da ist das Wasser auch nicht wärmer.
Eins, zwei, drei. Und wieder nicht. Ich, der Gartenzwerg aus Deutschland. Was denken die anderen über mich? Und überhaupt: Was denken die anderen über uns?
Hinter mir, an einer Strandbude, haben sich Rentner zum Tanztee versammelt. Eine Kapelle spielt, soweit ich das beurteilen kann, deutsche Schlager, aber mit polnischen Texten.
Auf dem Weg zum Strand bin ich an Vorgärten vorbeigekommen, in denen Scharen von Gartenzwergen standen. Leider habe ich niemanden gefunden, der mir hätte sagen können, ob das Verehrung für Deutschland, das Land der Gartenzwerge, ist. Als ich am Strand von Swinemünde ankam, war erst mal alles sehr schön. Es blies ein frischer Wind, die Ostsee war unruhig. Zwei Menschen sprangen trotzdem durch die Wellen. Linker Hand konnte ich Ahlbeck sehen, das deutsche Gegenüber von Swinemünde, oder Świnoujście, wie man hier sagt. Man kann am Strand ungehindert von Deutschland nach Polen laufen. Ich aber habe einen anderen Plan: Wenn ich einmal ganz rum bin um Deutschland, hoffe ich auf einen Frachter, der mich von Dänemark aus auf dem Wasserweg wieder nach Swinemünde schippert.
Denn das ist der ganze Plan: einmal um Deutschland herumzulaufen. Bis zu dem Punkt, an dem ich heute starte.
Deutschland hat, seit es wieder groß ist, etwa dreitausendsiebenhundert Kilometer Grenzen. In Swinemünde angefangen und im Uhrzeigersinn betrachtet, wird Deutschland umgrenzt von Polen und Tschechien, Österreich und der Schweiz, Frankreich und Luxemburg und Belgien, den Niederlanden und Dänemark. Dazu kommen natürlich die Ostsee und die Nordsee. Ich laufe also außen herum. Nicht drinnen außen herum, sondern draußen außen herum. Bei unseren Nachbarn. Warum? Einfach so. Und vielleicht, weil man sich selbst besser kennenlernt, wenn man sich von außen betrachtet. Vielleicht auch, weil wir uns in Deutschland sonst stets um uns selbst drehen und es möglicherweise ganz überraschend wäre, sich mal um uns zu drehen. Ist das logisch? Also: Sonst drehen wir uns um uns selbst. Jetzt drehe ich mich um uns. Logisch.
Ein anderer Grund für meine Umwanderung könnte sein, dass wir Deutschen auf einmal so wichtig sind in Europa, dass wir im Zentrum stehen und die Rädelsführer sind. Europa, das sich Kontinent nennt, aber manchmal doch viel heterogener erscheint als Afrika oder Amerika. Über Afrika hat George W. Bush, der frühere Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, wir sagen USA dazu, mal gesagt: «Afrika ist ein schönes Land.» Aber Afrika hat vierundfünfzig Länder. Ich will mich lediglich durch neun europäische Länder bewegen. Ein leichtes Unterfangen also.
Eine nicht unwichtige Rolle spielt vielleicht auch, dass die Deutschen ein paar von diesen neun Ländern, und nicht nur die, in ihrer Geschichte auch schon das ein oder andere Mal überfallen und sich als ihre Besatzer nicht gut aufgeführt haben. Nicht gut? Bestialisch! Barbarisch! Unmenschlich!
Ich selbst nehme mich da aus. Ich war damals, beim zweiten Mal, allenfalls Gedanke, oder nicht mal das. Aber ich bin aus diesem Schoß gekrochen. Und vielleicht fühle ich mich deshalb so unwohl, wenn wir Deutschen im Jahre 2013 wieder so dicketun und den Nachbarn erzählen wollen, wie sie genesen sollen. Ach, was weiß denn ich, warum mir diese Idee kam, den Rucksack zu packen, die Wanderschuhe anzuziehen und loszulaufen.
Ich saß also im Sand des Strandes von Swinemünde und stellte mir vor, wie heroisch meine Ankunft hier mit dem Schiff über das Meer in voraussichtlich zwei Monaten werden würde. Wohlig angenehm war ich gestimmt und schon mal vorauseilend stolz. Bis mir dieser dumme Gedanke kam. Der Wasserweg. Der Gedanke ähnelte meiner späteren Idee, auch auf die Zugspitze zu steigen, um vom höchsten Punkt auf Deutschland zu schauen. Konsequenterweise, dachte ich mir, müsste ich dann doch auch von jenseits der Wassergrenze auf Deutschland blicken. Ich wollte den Gedanken verwerfen. Aber ich war in dieser gehobenen Heldenstimmung. Die Idee war stärker. Wenn du es richtig machen willst, flüsterte sie mir, musst du auch an die Wassergrenze gehen. Und zwar nicht nur mit dem dicken Zeh.
Wie gesagt: Der Wind blies heftig, die See war unruhig. Ich hatte eine dicke Fleecejacke an und fror trotzdem. Ende April. Zwar schien die Sonne, mehr als zwölf Grad Außentemperatur schaffte sie aber noch nicht. Die zwei Menschen, die durch die Wellen sprangen, schienen immerhin zu überleben. Auch wenn sie brüllten. Über die Wassertemperatur schwieg sich meine tolle Idee aus. Sie wollte mich wohl nicht erschrecken. Büscher hat auch überlebt. Er hatte nach dem Bad sogar sehr viele tolle Erlebnisse. So ein Bad kann ja auch erfrischend sein.
Sollte ich?
Wirklich?
Die Rentner tanzten in der Abendsonne. Auf den Grills schmorte Bauchspeck mit Zwiebeln. Fettes Fleisch, das man hier Schaschlik nennt. Die Alten tranken dazu Bier durch Strohhalme.
Ein Blick rüber nach Ahlbeck.
Ich wollte mir das Handtuch bereitlegen, die Klamotten vom Leib reißen, losrennen, einmal über den Strand, hinein in die Ostsee, eintauchen in die Kälte, auftauchen aus der Kälte, im Wasser stehen und auf Deutschland schauen. Und anschließend voller Stolz Bier aus dem Strohhalm saugen und fettes Schaschlik essen.
Ich schaffte das Handtuch. Ich schaffte die Klamotten. Ich schaffte es, über den Strand zu laufen. Ich schaffte es, durchs Wasser zu waten. Aber nicht weit genug. Ich stoppte den Lauf.
Und jetzt schwappt mir also das Wasser bis zur Hüfte. Schockstarre in der Pommerschen Bucht. Die Waden werden hart, sie schmerzen. Die Füße schmerzen auch. Ich werfe den Kopf nach links Richtung Ahlbeck, ich schaue auf Deutschland. Das war der Plan. Ich nehme ein wenig Ostsee in die Hand und werfe sie mir auf die Brust.
Ich war mal in Alaska. Im Winter. Dort haben sie uns erklärt, was wir machen müssen, wenn wir mit unseren Motorschlitten auf dem Eis der Flüsse einbrechen: raus aus dem Wasser, Holz sammeln, Feuer machen und zwischendurch immer wieder rein ins Wasser. Was ja logisch ist, weil es bei minus dreißig Grad im Wasser viel wärmer ist als außerhalb. Dann ist es im Wasser geradezu wie in der Badewanne. Es kam aber zum Glück nie zum Ernstfall.
Und das bringt mich jetzt auch nicht weiter. Die Rentner beim Tanztee denken sicher: Wieder ein lächerlicher Deutscher, der sich großspurig bei Wind und Wetter am Strand von Swinemünde die Klamotten vom Leib reißt, ins Wasser sprintet und dann hasenherzig anhält.
Eins! Zwei! Drei!
Ich springe.
Zwei, drei lange Sekunden umspült mich die Ostsee. Es tut höllisch weh. Ich mache keinen Zug. An diese Kälte kann ich mich unmöglich gewöhnen. Raus hier! Nur raus hier! Hin zum Handtuch, rein in die Kleider. Ich schlottere, ein schlotternder Gartenzwerg aus Deutschland.
Als ich an den tanzenden Rentnern vorbeigehe, lächelt mich einer von ihnen an, tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, hebt dann aber auch den Daumen. So viel Polnisch verstehe ich, für die Zeichensprache existiert die Grenze schon mal nicht.
Der Übermut und die Überzeugung, ein wahnsinnig kerniger Naturmensch zu sein, die deutsche Antwort auf Hugh Jackman, kommt erst später. Befeuert von zwei, drei wärmenden Wodkas, eingenommen in der Bar «Neptun». Die ist an diesem Abend rappelvoll, voller polnischer Fußballfans. Sie haben sich versammelt, um einer deutschen Mannschaft zuzujubeln. Borussia Dortmund spielt im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid. Ich fühle mich wohl, vom Fußball verstehe ich mehr als vom Eisschwimmen.
In Dortmund wird derzeit eine alte Tradition des Ruhrgebiets fortgesetzt. Eingewanderte aus Gebieten, die heute zu Polen gehören, waren es, die früh den Bergbau auf Vordermann brachten und nebenbei auch den Fußball. Damals hießen die Helden Kuzorra und Szepan, das waren zwar Schalker, aber egal. Der Bergbau ist in Dortmund jedenfalls so gut wie passé, aber der Fußball lebt dank Robert Lewandowski, Jakub Błaszczykowski, Łukasz Piszczek und wer nicht noch alles mit polnischem Migrationshintergrund oder direkter polnischer Herkunft für Borussia Dortmund den Titel der Champions League und damit den Himmel erobern will. Deswegen sind all die Leute hier, wegen ihrer Helden, noch ist Polen nicht verloren. Und Borussia Dortmund auch nicht.
Ich bin umgeben von glühenden Dortmund-Fans. Und mein Nachbar am Tresen, eigentlich ein freundlicher Kerl, von dem einer der Wodkas stammt, mit denen ich zu Hugh Jackman mutiere, schaut sehr grimmig, als ich von Schalke erzähle. Der Verein ist offensichtlich auch bei Polonia Dortmund nicht gut gelitten. Ob nun alle in Polen, wie es heißt, abgöttische Verehrer von Borussia Dortmund sind, kann ich an diesem Abend nicht beurteilen, ich bekomme nur die Stimmung in der Bar «Neptun» mit. Und hier wird angefeuert, wenn Lewandowski am Ball ist, hier wird geschrien, wenn er den Ball an die Latte knallt. Die Fans zittern aber auch in den letzten Minuten des Spiels, und da zittern sie nicht nur für ihre Landsleute.
Dass Polen sich versammeln, um das Spiel einer deutschen Fußballmannschaft ohne Groll mitzuverfolgen und ihr sogar zuzujubeln, ist eine schöne Sache, sicher nicht der schlechteste Auftakt für meine lange Reise. Mein polnischer Fußballfreund neben mir an der Bar ist wieder versöhnt. Polonia Dortmund hat gewonnen, Hugh Jackman friert nicht mehr.
Was will man mehr?
Von Widuchowa, einem kleinen Ort an der Oder, eine Tageswanderung südlich von Stettin, bis nach Krajnik Dolny sind es stattliche zweiundzwanzig Kilometer. Ich laufe ohne nennenswerte Pause. Nennenswerte Pausen fangen an, wenn man sich setzen kann, vielleicht etwas trinkt, ein Brot isst. Aber da ist nichts. Keine Bank, kein Kiosk. Nur endlose, öde Landstraße. Kein Weg, kein Pfad, nur ein schmaler Streifen neben der Straße. Ab und an eine Leitplanke. Sich auf die Leitplanke zu setzen zählt nicht als nennenswerte Pause.
Zweiundzwanzig Kilometer zu Fuß, das sind in der Früh und in der Ebene ungefähr vier Stunden. Mittags sind es in der Ebene vielleicht fünf Stunden. Und am Nachmittag, wenn die Schrittgeschwindigkeit schon weit unter fünf Kilometer in der Stunde gesunken ist, ist es eine Qual. Dann geht man so vor sich hin. Schleicht. Linkes Bein, rechtes Bein. Schritt, Schritt. Man denkt auch nicht mehr viel am Nachmittag. Linkes Bein, rechtes Bein. Schritt, Schritt. Die Landschaft verliert ihren antreibenden Reiz an die Müdigkeit. Zumal, wenn sie wie hier nicht schön ist. Nur Wald, der immer gleiche Wald. Und Krajnik Dolny? Wann kommt endlich dieses verdammte Krajnik Dolny? Die Wanderstöcke, solche mit Federung, klackern auf dem Asphalt. Linkes Bein, rechtes Bein. Schritt, Schritt. Am Ende der Kurve sind Häuser zu sehen.
Am Ende der Kurve stehen doch keine Häuser. Ich bin gerade mal den fünften Tag unterwegs, und schon sehe ich Häuser, wo gar keine sind. Verfluchte Landstraße.
Dass ich auf der Landstraße gehe, kommt so: Ich habe mir vor der Reise im angeblich größten Radgeschäft Europas, bei Stadler nämlich – ich sehe wirklich keinen Grund, jetzt Rücksicht zu nehmen, nicht auf diese Verbrecher –, ich habe mir also bei Stadler, angeblich Europas größtem Radgeschäft, ein Navigationsgerät gekauft. Der Verkäufer tönte, dass es für Fahrradfahrer wie Fußgänger geeignet sei. Man darf ja auch als Wanderer ruhig auf der technischen Höhe der Zeit gehen. Ich bin nicht auf asketischer Pilgerschaft und nicht bei der Buße.
Zwei Tage vor Abmarsch hat Achim, ein Freund, das Gerät zu installieren versucht. Achim kennt sich wirklich gut aus mit Technik, viel besser als ich. Nur, die Landkarten, die ich brauche, hat er auch nicht herunterladen können. Weil das Navi schon registriert war, auf irgendeinen Menschen, der mal ein bisschen durch Brandenburg spaziert ist. Dieser Stadler hat das gebrauchte Navi eines Spaziergängers einem Deutschlandumwanderer als neues Navi verkauft!
Es war Samstag, als wir diese Entdeckung machten, Stadler hatte schon geschlossen, Montag sollte meine Wanderschaft beginnen. Achim, der Techniker, hat dann später noch beim Hersteller angerufen. «Ach», sagte der Hersteller, «das Navi mit dieser Registriernummer? Das ist doch defekt, ein technischer Fehler, das hätte doch gar nicht mehr im Handel sein dürfen …» Ich werde darüber noch zu reden haben mit Stadler, dem angeblich größten Radgeschäft in Europa.
Zu den erwartbaren Einwänden:
Warum habe ich mir auf dem Weg kein neues Navigationsgerät gekauft?
Antwort: Mein Reisebudget ist schmal.
Warum verwende ich nicht mein Handy als Navigationsgerät?
Antwort: Wie weit wäre ich wohl gekommen, wenn ich jede Stunde eine Kneipe aufgesucht hätte, um das Handy aufzuladen? Navi auf Handy frisst Akku leer, so schnell kann ich gar nicht gehen.
Ich laufe jetzt altmodisch mit Karte. Oder auf Sicht. Und der Sonne nach. Leider habe ich für das Gebiet, durch das ich gerade wandere, nur eine Straßenkarte bekommen. Auf Landstraßen zu gehen, immer der Gefahr entgegenzusehen und vor donnernden Lastkraftwagen auszuweichen ist kein Vergnügen. Krajnik Dolny – wo ist dieses verfluchte Nest?
Ich bewege mich durch Polen. Von Swinemünde aus bin ich per Tragflügelboot schnell und bequem über das Haff nach Stettin gekommen. (Was sollte ich anderes machen? Ich bin nicht der, der übers Wasser laufen kann.) Von Stettin aus bin ich langsam, weil zu Fuß und unerquicklich, raus aus der Stadt durchs Industriegebiet, weiter nach Gryfino und Pniewo und dann nach Widuchowa.
Der Krieg ist seit bald siebzig Jahren vorbei. Und ich kenne den Krieg und überhaupt Kriege nur aus dem Geschichtsunterricht oder vom Hörensagen. Oder auch nicht mal vom Hörensagen, die Eltern haben nicht viel mehr davon erzählt, als dass er ganz schrecklich gewesen sei. Sonst kaum etwas. Nichts von der eigenen Verstrickung. Nichts von der eigenen Verstummung.
Die Mutter, die hat manchmal behauptet, sie habe nichts mitbekommen. Aber dann hat ihr der Vater gesagt, dass sie nur aus dem Fenster hätte schauen müssen, dort hätte sie sehen können, dass Menschen in Scharen abtransportiert werden. Die Mutter wollte das nicht hören und meinte nur, dass auch mal Schluss sein müsse mit der Vergangenheit. Das hat sie später sehr oft gesagt, wenn es im Radio um die deutsche Vergangenheit ging oder, Jahre später – wir hatten erst sehr spät einen Fernseher, ab 1972, weil der Vater die Olympischen Spiele schauen wollte, die ich auch supertoll fand, zum Beispiel Ulrike Meyfarth, die war genauso alt wie ich und gewann schon die Goldmedaille –, also, die Mutter hat das auch oft gesagt, wenn im Fernsehen ein «Problemfilm» gezeigt wurde, so nannte sie diese Filme.
Die Angst vor einem erneuten Krieg war immer gegenwärtig. Und in den Weltbildern, die sich aus der «Welt» und der «Bild» zusammensetzten, gehörte auch das kommunistische Polen zur Achse des Bösen. Einmal, das war an dem Tag, an dem John F. Kennedy in Dallas erschossen wurde, stand die Mutter am Bett von meiner Schwester und mir und meinte, dass jetzt alles wieder von vorne losgehe. Sie war mit dem Vater bei Nachbarn gewesen, alle hatten sie dort ferngesehen und vom Attentat auf der Elm Street erfahren. Die Mutter, politisch ebenso wenig involviert wie der Vater, glaubte sofort, die Kinder warnen zu müssen vor dem dritten Weltkrieg. Dass die Pferde der Kommunisten ihren Durst bald am Rhein stillen würden, war eine oft wiederholte Binse meiner Kindheit.
Die schlaftrunkenen Kinder erschreckte das alles allerdings nicht sonderlich. Sie wussten kaum, wer John F. Kennedy ist, und schon mal gar nicht, was böse Kommunisten sind. Sie wussten nur, dass sie, die Kinder, nicht im Rhein schwimmen durften, weil der Rhein damals so dreckig war, dass Pferde, selbst Pferde von bösen Ostblock-Kommunisten, nach nur einem Schluck Rheinwasser tot umgefallen wären.
Vor zwei Tagen bin ich irgendwo entlang der Oder an ein paar polnischen Pferden vorbeigelaufen. Sie zeigten keinerlei Ressentiments gegenüber dem deutschen Wanderer. Es kann natürlich auch sein, dass sie mich für einen polnischen Wanderer hielten, wir haben nicht über meine Herkunft gesprochen. Wie lässt es sich beschreiben, das Gefühl, durch Polen zu laufen, wo die Vergangenheit des Krieges sicher allgegenwärtig ist? Oder bilde ich mir nur ein, dass die Vergangenheit hier noch eine Rolle spielt, und die polnische Gegenwart ist tatsächlich längst anderweitig beschäftigt?
In Podjuchy, einem Vorort von Stettin, habe ich vor ein paar Tagen Tomas kennengelernt. Tomas saß vor einem Kiosk am Busbahnhof und trank Bier. Ins Gespräch kamen wir, weil ich ihn nach dem Weg nach Gryfino fragte, eine Kleinstadt an der Oder, grenznah, gegenüber von Gartz. Er sah aus wie einer, dem man nicht begegnen möchte, wenn er zornig ist, den man aber auf seiner Seite haben will, wenn Ungemach droht. Groß war er, kräftig, vierkantig das Gesicht, den Muskeln in den Oberarmen war anzusehen, dass sie schwer schleppen und auch Bäume ausreißen können. Auf meine Frage nach Gryfino antwortete er auf Deutsch: «Oh, ist kein Problem, da vorne fährt Bus nach Gryfino.» Dann bemerkte er die Wanderstöcke und den Rucksack. «Oh, ist auch kein Problem, immer geradeaus, irgendwann Gryfino.»
Tomas arbeitet in Deutschland. Er ist einer von den polnischen Handwerkern, die alles können, einer von denen, die wir in Deutschland immer gerne zur Hand haben, wenn es etwas zu bauen gibt, zu renovieren, natürlich schwarz. Zurzeit, erzählte er mir, arbeitet er in der Nähe von Köln, «verlege Rohre für Wasser, aber kann auch Mauern bauen».
Tomas hatte sich ein paar freie Tage gegönnt, wegen des 3. Mais, der Feiertag ist in Polen. Am 3. Mai 1791 hat sich Polen eine rechtsstaatliche Verfassung gegeben. Als erstes europäisches Land. Ich wusste nicht, dass Polen mal für ganz Europa ein Vorbild war, vielleicht hatte ich es auch nur vergessen oder im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst. Tomas war sichtlich stolz, mich aufklären zu können. «Weißt du», sagte er, «ihr Deutschen vielleicht besser im Fußball, aber Demokratie wir haben in Europa zuerst.»
Um Tomas herum standen Tüten, jede Menge Tüten. Er war einkaufen gewesen. Als seine Frau kam und seine Tochter, beide ebenfalls bepackt mit Einkaufstüten, sagte Tomas: «Meine Frau, meine Tochter, elf Jahre alt. Aber am 4. Mai ich fahre schon wieder nach Köln.» Dann gab er mir noch seine Handynummer. «Wenn du brauchst einen Handwerker, ich komme.»
Oder Widuchowa. Widuchowa ist eine ganz besondere Geschichte.
Ich kam dort nach einer langen Strecke, zwanzig Kilometer von Pniewo, abends an und ging ins «Przystan pod lipami», die einzige Gaststätte des Ortes. Wahrscheinlich sah ich ermattet aus. Noch bevor ich bestellen konnte, schob mir Valdek, ein Gast, der zuvor am Nebentisch gesessen hatte und kurz verschwunden war, einen Teller hin, Brot, eine eingelegte Gurke, ein gegrilltes Rippchen. «Musst du viel essen», sagte er. Die alte Dame, die bei ihm am Tisch saß, war, wie ich später erfuhr, seine Schwiegermutter. Ich aß.
Dann wollte ich noch etwas anderes bestellen. Vom Wirt hörte ich, dass in Widuchowa Festtag war. Ich konnte wählen zwischen gegrilltem Fleisch mit gegrillten Kartoffeln und Salat und gegrilltem Fleisch mit gegrillten Kartoffeln ohne Salat. Viele Gäste waren nicht auf dem Fest. Eigentlich nur Valdek, seine Schwiegermutter und ich. Valdek kam vom Nebentisch herüber und stellte mir eine Tasse «Most» hin, irgendeinen alkoholfreien Ansatz mit Kirschen. «Musst du auch viel trinken», sagte er.
Dann kam das Essen. Es war reichlich, es war üppig. Nachdem ich aufgegessen hatte, setzte ich mich zu Valdek und seiner Schwiegermutter an den Tisch. Valdek erzählte mir in einem Deutsch, das zwar sehr schlecht, aber immer noch besser als mein Polnisch war, dass er in Greifswald und Bremerhaven arbeite, Schweißer sei er. Er sagte, er finde es blöd, dass die polnischen Arbeiter in Deutschland Deutsch lernen müssten, die deutschen Arbeiter in Polen, und davon gebe es eine Menge, aber nicht Polnisch.
Bogdan setzte sich zu uns an den Tisch, Bogdan, der Wirt, der den rechten Arm in einer Schlinge trug. «Ist im Winter passiert», sagte er. Als er meine Frage nach dem Grund der Verletzung verstanden hatte, lachte er schallend. Ich hatte ihn gefragt, ob er auf dem Eis ausgerutscht ist. «Ja», sagte er, «auf Eis im Wodka.»
Und dann gab es Wodka. Reichlich Wodka. Als ich irgendwann zu verstehen gab, dass ich genug hatte, schenkte mir Bogdan noch ein Glas ein, und Valdek telefonierte kurz. Ein paar Minuten später stand seine Frau vor dem Lokal, mit Valdeks Sohn aus erster Ehe. Valdek sagte, dass sie mich nach Hause fahren würden, eine gute Unterkunft mit Blick auf die Oder liege zwei Kilometer vom Lokal entfernt.
«Das macht drei Euro», sagte Bogdan.
Ich erklärte ihm, dass ich ein Abendessen und ein Bier hatte und dass außerdem ein paar Wodkarunden auf mich gehen sollten.
Bogdan sagte: «Drei Euro. Heute ist Fest.»
Valdeks Frau fuhr. Als wir nach zwei Kilometern ankamen, stieg Valdek mit mir aus. Dann umarmte er mich zum Abschied. Ich meine, der Mann wusste nichts von mir, er wusste, wie ich heiße, er wusste, was ich mache, er hielt mich deswegen für verrückt. Bogdan, Valdek, Valdeks Schwiegermutter und ich hatten uns den ganzen Abend radebrechend unterhalten, über alles Mögliche, nur nicht über die Vergangenheit. Die deutsch-polnische Vergangenheit kam einfach nicht vor.
Mit dem Wodka im Kopf fiel mir ein, dass ich kurz vor der Abreise noch ein schales Witzchen über Polen gemacht hatte. Mir war in Berlin mein Fahrrad geklaut worden. «Vielleicht sehe ich es ja beim Wandern durch Polen wieder», hatte ich gesagt. Großes Gelächter.
Ich bin ziemlich fertig, als ich in Krajnik Dolny ankomme. Ich sitze, endlich, gleich hinter dem Dorfeingang sitze ich, vor dem ersten Laden. Ich sitze auf einem roten Plastikstuhl, neben mir steht eine Flasche Bier, die mir der Ladenbesitzer mit dem Hinweis verkauft hat, dass er keine Schanklizenz habe und ich das Bier nur privat trinken dürfe und es verstecken müsse, wenn die Polizei vorbeikommt, weil «sonst Sie zahlen Strafe und ich zahlen Strafe». Kundschaft kommt vorbei, es gibt im Laden billige Zigaretten zu kaufen, billigen Alkohol, billige Gemüsepflanzen. Es sind durchweg deutsche Autokennzeichen, die wohl von Schwedt aus über die Oder gekommen sind.
Krajnik Dolny hat etwa dreißig Häuser, aber ansonsten keinen erkennbaren Existenzgrund. Es gibt kein Café, kein Restaurant, nur Läden, in denen man billige Zigaretten, billigen Alkohol und billige Gemüsepflanzen kaufen kann, es gibt einen Nightclub, der heißt «Ajnia», mehrere Friseursalons, auch einen für Hunde, ein Haus für Übernachtungen, und essen kann man bei einer Grillstation auf dem Parkplatz des Friseursalons «Jola». Auch wenn die Bedienung mit der Kippe im Mundwinkel mir dort mitteilt: «Kartoffel ist nicht mehr, Salat auch nicht, nur Schnitzel mit Brot.» Aber was will man mehr verlangen für drei Euro? Krajnik Dolny gibt nur das, was es zu bieten hat: den billigen kleinen Grenzverkehr.
Vor ein paar Stunden noch bin ich einige Zeit an der Oder entlanggelaufen. Alle paar hundert Meter standen Grenzpfähle. Auf meiner Seite rot-weiße, drüben, auf der anderen Seite der Oder, schwarz-rot-goldene. Wenn ich rüberschaute über den Fluss, schaute ich auf Deutschland. Mein Vater-, Mutter-, Heimatland. Ich bin Deutscher, unstrittig. Von meinem ersten Tag an. Erst war ich viele Jahre lang bundesrepublikanischer Deutscher, BRD-Deutscher, jetzt bin ich, auch schon wieder viele Jahre lang, gesamtdeutscher Deutscher.
Unterm Strich –
also Misstöne abgezogen: Vergessen wir mal die miefigen fünfziger Jahre, denken wir mal nicht an die verlogenen Sechziger, überspringen wir die siebziger Jahre und erinnern uns auch gar nicht an die langweiligen Achtziger und die neunziger Jahre mit all ihren Vortäuschungen von wegen «Einig deutsches Vaterland», eilen wir noch schnell ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, in dem so vieles in Frage gestellt wurde, was jahrzehntelang ein fester Wert in der Republik gewesen war, zum Beispiel das Solidaritätsprinzip, also lassen wir die Mäkelei mal außen vor
– unterm Strich bin ich als spätgeborener Deutscher gefühlt auf der glücklichen Seite. Unterm Strich ging und geht es mir gut.
Und jetzt sitze ich in Krajnik Dolny auf dem Plastikstuhl, ein Bier steht neben mir, die Sonne scheint.
Ein Sprinter fährt vor, mit deutschem Kennzeichen, «BAR». Zwei Männer steigen aus, mein Alter, mehr oder weniger Mitte fünfzig, und laden nach kurzer Verhandlung mit dem Mann aus dem Laden den Sprinter kistenweise mit Tomatenpflanzen für zwanzig Cent das Stück voll, Schnittlauch, Petersilie, was man so braucht in der Küche. Als sie fertig sind, ruft mir der Fahrer aus dem geöffneten Fenster zu: «Na, Pollack, lässt es dir gutgehen, so faul in der Sonne?»
Ich habe keine Ahnung, warum er so schlecht gelaunt ist. Das Wetter ist herrlich, er hat gerade Teil eins eines guten Geschäfts gemacht. Er hat billige Tomaten aus einem polnischen Gewächshaus gekauft, die er auf irgendeinem Bauernmarkt in der Uckermark für ein Vielfaches als Bio-Tomaten verkaufen wird.
«Wichser», sage ich.
Der Mann in dem Auto stutzt. Dann fragt er: «Kein Pole?»
Ich sage: «Und wenn?»
Und ich frage ihn noch, ob ich ihn fotografieren darf. Aber er legt den Gang ein und fährt davon.
Der Händler, der die Szene beobachtet hat, zuckt mit den Schultern. Nennen wir ihn Marek, seinen richtigen Namen will er mir nicht verraten wegen der fehlenden Schanklizenz. «Kommen viele Händler», erzählt er, «kaufen billig ein, verkaufen dann in Deutschland.» Kaffee zum Beispiel. «Fahre ich nach Hamburg, kaufe dort deutschen Kaffee, ohne Banderole, kommen Händler hier zu mir, kaufen den deutschen Kaffee in Polen, viel Kaffee, mehr, als einer trinken kann. Weiß ich auch nicht, ist Politik, verstehe ich nicht.» Er fragt noch, warum wir Deutschen nicht in Hamburg kaufen. «Ist illegal?»
«Ja», sage ich, «das wäre wahrscheinlich illegal. Richtig und gut für die Gemeinschaft und die europäische Idee ist das alles aber nicht. Wir sind doch ein Volk in Europa.»
Er lacht.
Ich kaufe noch ein zweites Bier.
«Aber aufpassen, Polizei», sagt er.
Ein Mann radelt am Laden vorbei. Er ruft dem Händler etwas zu. Der Händler lacht, winkt zurück. Das Fahrrad des Radlers ist schwarz. Das Fahrrad, das man mir in Berlin geklaut hat, war weiß. Und es war von einer ganz anderen Marke.
Aus Krajnik Dolny heraus will ich mir eine Trampfahrt gönnen. Es ist früh und frisch, Nebel wabert über der Oder, kein Mensch ist auf der Straße. Die Geschäfte mit dem billigen Alkohol, den billigen Zigaretten und den billigen Gemüsepflanzen haben noch geschlossen. Ich stehe vor dem «Ajnia», dem Nightclub, auch dort ist die Nacht noch nicht vorbei. Nur vereinzelt kommen Autos aus Schwedt herüber, Autos mit deutschen Kennzeichen, aber von denen hält keins.
Kurwa.
Ich kenne nicht viele polnische Worte oder Wendungen. Eine hat mir ein in Polen geborener Freund gestern am Telefon beigebracht: «dziękuję serdecznie». Das heißt so viel wie allerherzlichsten Dank. Ich bilde mir ein und habe auch die Erfahrung gemacht, dass es immer gut kommt, wenn man sich, sofern man sonst schon nichts kann, wenigstens in der Landessprache bedankt. Das andere Wort ist «kurwa». Das habe ich schon oft gehört, wenn Tomas oder andere polnische Handwerker in Deutschland etwas zu richten hatten. Kurwa, wenn irgendetwas nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen. Kurwa, wenn sich die Zeit bis zum Besuch der Familie in der Heimat wieder zu lange hinzieht.
Frauenrechtlerinnen sagen, dass kurwa eine andere Bedeutung hat, eine hässliche, böswillige. Kurwa heiße nämlich auch Nutte, Hure, Schlampe. Das mag sein, das ist sicher so, aber so oft unterhalten sich die Polen nicht über Prostituierte, dass sie deswegen das Wort immer wieder erwähnen müssten.
In irgendeinem Nest, es wird Orzechów oder Klępicz gewesen sein, habe ich mal gegen Mittag Rast gemacht. Am Nachbartisch saßen zwei junge Männer. Worüber sie sprachen, verstand ich nicht, es kamen deutsche Ortsnamen vor, und jedes vierte Wort, ungelogen, war kurwa. Ich nehme an, dass sie sich über eine Scheißarbeit in Deutschland unterhalten haben. Vielleicht auch darüber, dass der Kurwa-Deutsche seine Terrasse schon übermorgen fertig gefliest haben will. Kurwa-unmöglich. Später, das war in Czelin an der Oder, traf ich einen alten Mann vor einem Kiosk. Er hatte schon einige, mehrere, viele Biere Vorsprung und bedeutete mir, mich neben ihn auf die Bank zu setzen. Wir tranken Piwo. Ich verstand nicht viel. Er zeigte auf die andere Seite der Oder und sagte: «Niemcy nie są juz źli, dziś są znów dobrzy, kurwa!» Die Verkäuferin, eine junge Frau, kam aus dem Kiosk und schnauzte den Alten an, ich vermute mal, dass er seinen Mund halten sollte. Der Alte zuckte mit den Schultern, sagte: «Oh, oh, Hitler kurwa, Stalin kurwa. Kurwa, kurwa, kurwa.» Dieses Thema ist also auch kurwa-besetzt, aber das trifft es ja auch. Kurwa war offensichtlich mein Wort des Tages. Der Alte wollte noch Piwo mit mir trinken, ich aber ging weiter. «Kurwa!», rief er mir hinterher.
Bis jetzt ist der heutige Tag definitiv auch ein Kurwa-Tag. Endlich hält ein Auto, ein polnisches Nummernschild, ein polnischer Fahrer. Er lächelt freundlich, er versteht nichts, ich ihn auch nicht. Was aber auch daran liegt, dass er kein einziges Wort spricht in der nächsten halben Stunde. Danach ist er an seinem Ziel. Und ich stehe irgendwo in Polen, ein wenig verloren.
Die nächste Kurwa fängt damit an, dass mir ein netter alter Mann in Boleszkowice, der gerade dabei ist, seinen Vorgarten zu sprengen, den Weg zeigt. Ich muss irgendwie zur Oder. Die Oder fließt logischerweise westlich von mir. Ich laufe weitgehend nach dem Kompass meines Handys. Boleszkowice finde ich nicht auf der Straßenkarte. Der nette alte Mann spricht in einer fremden Sprache, markiert den Weg aber mit eindeutigen Gesten auf der Karte und gibt mir eine eindeutige Richtungsanzeige mittels ausgestrecktem Arm und Zeigefinger.
