Der Preis des Glücks - Brenda Clarke - E-Book

Der Preis des Glücks E-Book

Brenda Clarke

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Beschreibung

Leidenschaft, Täuschung und Hoffnung: Die fesselnde Frauensaga »Der Preis des Glücks« von Brenda Clarke jetzt als eBook bei dotbooks. New York City in den turbulenten Vierzigern: Wer auf seine Träume vertraut, darf alles riskieren – und so reist die junge Harriet von England nach Amerika, wo sie in der pulsierenden Großstadt einen Neuanfang wagen will. Um sich über Wasser zu halten, nimmt sie einen Job als Kellnerin in einer heruntergekommenen Bar an, nichtahnend, dass sie damit eine Tür aufstößt, die sie bis in die glanzvolle und glamouröse Welt der Reichen und Schönen führen wird: in das leuchtende Spektakel der Broadway-Musicals und auf die flirrenden Partys der Wall Street. Doch jedes Glück hat seinen Preis – und Jahre später holt ihre Vergangenheit Harriet ein, als ein sorgfältig gehütetes Geheimnis droht, alles zu vernichten, was sie sich aufgebaut hat … Eindrücklich und voll flirrendem Zeitkolorit erzählt Brenda Clarke die jahrzehnteumspannende Saga einer besonderen Frau, die wagt, den amerikanischen Traum zu leben! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die bewegende Frauen-Saga »Der Preis des Glücks« von Brenda Clarke – so gefühlvoll und mitreißend wie die Bestseller »City of Girls« und »Eine Frage der Chemie«! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 784

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

New York City in den turbulenten Vierzigern: Wer auf seine Träume vertraut, darf alles riskieren – und so reist die junge Harriet von England nach Amerika, wo sie in der pulsierenden Großstadt einen Neuanfang wagen will. Um sich über Wasser zu halten, nimmt sie einen Job als Kellnerin in einer heruntergekommenen Bar an, nichtahnend, dass sie damit eine Tür aufstößt, die sie bis in die glanzvolle und glamouröse Welt der Reichen und Schönen führen wird: in das leuchtende Spektakel der Broadway-Musicals und auf die flirrenden Partys der Wall Street. Doch jedes Glück hat seinen Preis – und Jahre später holt ihre Vergangenheit Harriet ein, als ein sorgfältig gehütetes Geheimnis droht, alles zu vernichten, was sie sich aufgebaut hat …

Eindrücklich und voll flirrendem Zeitkolorit erzählt Brenda Clarke die jahrzehnteumspannende Saga einer besonderen Frau, die wagt, den amerikanischen Traum zu leben!

Über die Autorin:

Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben.

Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.

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eBook-Neuausgabe Mai 2023

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1989 unter dem Originaltitel »An Equal Chance« bei Bantam Press/Transworld Publishers, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 1991 unter dem Titel »Die vierte Erbin« bei Droemer Knaur

Copyright © der englischen Originalausgabe 1989 Brenda Clarke

Published by Arrangement with Brenda Clarke

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1991 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98690-616-0

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Brenda Clarke

Der Preis des Glücks

Roman

Aus dem Englischen von Marina van der Wal-Schrödter

dotbooks.

Ich habe niemals eine Empfindung verspürt ... welche nicht ihren Ursprung hatte in den Ansichten, verfaßt in der Unabhängigkeitserklärung, die nicht nur dem Volk dieses Landes seine Freiheit schenkte, sondern den Menschen der ganzen Welt Hoffnung gab auf eine gleiche Chance für jeden.

Abraham Lincoln

Teil I

1986

... damit jedem ein ungehinderter Start und eine faire Chance im Existenzkampf des täglichen Lebens ermöglicht wird.

Abraham Lincoln

Kapitel 1

»Weißt du, daß 1926 ein erstklassiger Mädchenjahrgang war? In diesem Jahr wurden die Königin, Marilyn Monroe und ... ja, und meine Wenigkeit geboren«, sagte Harriet Chance.

Etwas herausfordernd schaute sie kurz über die Schulter zu dem Mann, der hinter ihr auf dem chintzbezogenen Sofa saß. Dann ließ sie den Blick gleich wieder durchs geöffnete Fenster schweifen, hin zu den sonnendurchglühten weißen Felsen der Insel Agios Georgios, die sich hinter dem Balkon mit den gestreiften Markisen bis ans glitzernde Meer erstreckten. Eine staubige Straße wand sich hinunter zum Dorf, das nur aus einer Ansammlung kleiner Häuser bestand, mit einem Café und einem Landesteg. Von dem Haus aus, das sich Spiros Georgiadis auf seiner Insel hatte bauen lassen und das jetzt nach seinem Tod seiner Witwe Harriet Chance auf Lebenszeit gehörte, war das Dorf jedoch nicht zu sehen.

Harriet Chance, Canossa, Contarini, Cavendish, Georgiadis, Wingfield: Alle diese Namen hatte sie irgendwann einmal im Laufe ihres Lebens getragen, doch den Millionen Lesern der Klatschspalten der Regenbogenpresse zweier Kontinente war sie am besten unter ihrem Mädchennamen Chance bekannt. Und am heutigen Samstag, dem 26. Juni 1986, ihrem sechzigsten Geburtstag, waren die Klatschspalten trotz der Konkurrenz durch die bevorstehende königliche Hochzeit — »Hält Fergie Diät?« oder »Ist Andrew noch immer in Koo verliebt?« — voller Vermutungen über die Möglichkeit einer erneuten Heirat.

»Wird Harriet Chance, Eigentümerin der weltweiten Kette von Luxusrestaurants und vermutlich eine der reichsten Frauen der Welt, ein sechstes Mal heiraten?« fragte ein bekannter Klatschkolumnist mit ungewöhnlicher Zurückhaltung, »Und wenn ja, wer ist dann jetzt wohl der Glückliche?«. Um gleich darauf wieder einmal den ganzen Schmutz aufzuwühlen, der sich nach ihrer letzten Scheidung von dem Filmproduzenten Rollo Wingfield und dem neuesten Skandal um ihren dritten Ehemann, dem früheren Ehrenwerten Hallam Cavendish, heute Viscount Carey, dem Vater ihres jüngsten Sohnes Piers, angehäuft hatte. Und schließlich war da noch die unglückliche Liebesaffäre zwischen ihrer Tochter Elena Georgiadis und einem nicht mehr ganz taufrischen mexikanischen Filmstar, der so alt war, daß er ihr Großvater hätte sein können. Andere Zeitungen beschäftigten sich ausführlich mit der heutigen Geburtstagsfeier im engsten Familienkreis und der aufwendigen Party, die morgen stattfinden sollte und zu der Gäste aus allen Ecken der Welt nach Agios Georgios eingeflogen wurden. So wie man das schilderte, war es durchaus geeignet, sowohl Neid als auch Mißbilligung hervorzurufen. Zwangsläufig kam man dabei auch auf Harriets bescheidene Herkunft zu sprechen. »Ein Pastorenkind!« oder »Tochter eines armen Cotswold-Pfarrers« waren zwei der abgedroschensten Phrasen.

»Sieh einer an«, sagte Edmund Howard in seinem weichen irischen Tonfall. »Die Sun hat dich für den Herzog von Malmesbury bestimmt, während der Daily Mirror dir einen amerikanischen Industriemagnaten zugedacht hat.« Er zeigte einladend auf den Sofaplatz neben sich. »Setz dich zu mir, und hör um Himmels willen auf zu grübeln. Du hast dich doch entschlossen, es ihnen heute abend zu erzählen, also vergiß es bis dahin. Laß uns diesen besonderen Tag zusammen genießen.« Und, seine Hand ausstreckend, fügte er hinzu: »Komm her, und bedanke dich bei mir für mein Geburtstagsgeschenk!«

Harriet wandte sich vom Fenster ab und trat in die Kühle des klimatisierten Zimmers. Ein Lächeln vertrieb das Stirnrunzeln, das sie unbewußt fast den ganzen Vormittag gezeigt hatte. Sie sah bewundernd auf den mit einem Saphir und Brillanten besetzten Verlobungsring, den sie jetzt an dem Finger trug, an dem vorher Rollo Wingfields protzerischer Ring gewesen war. Ihn und Hallams Smaragd hatte sie längst in ein Londoner Bankschließfach verbannt. An ihrer rechten Hand trug sie noch immer Spiros’ Rubin und den kleinen viktorianischen, mit Granatsteinen besetzten Ring, der Gus Contarinis Großmutter gehört hatte. Der gute Gus! Sie wünschte sich von Herzen, sie hätte ihn seinerzeit mehr geschätzt.

Harriet setzte sich neben Edmund aufs Sofa und ließ sich von ihm auf die Wange küssen. Dann schmiegte sie sich behaglich in seinen Arm, während sie mit ihrer rechten Hand liebevoll seinen linken Oberschenkel streichelte.

»Eigentlich komisch! Keine englische oder amerikanische Zeitung nennt dich als meinen zukünftigen, meinen letzten Ehemann. Die müssen blind sein!«

Edmund Howard lachte. Er war ein Jahr älter als Harriet und ein gutaussehender, schlanker Mann. Sein volles, einstmals dunkles Haar war jetzt fast weiß. Durch den jahrelangen Umgang mit Pferden war sein Körper sehnig und kräftig. Seine Bewegungen waren diszipliniert, die Gesten knapp. Doch die leuchtenden dunkelblauen Augen verrieten das keltische Feuer, das im Verborgenen brodelte. Sein ganzes Leben hindurch hatte er sich leidenschaftlich für seine irische Heimat eingesetzt, in der Hoffnung, daß das ganze Land frei von englischer Herrschaft werden möge. Die Ironie des Schicksals wollte es, daß seine zweite große Leidenschaft ausgerechnet einer Engländerin galt.

»Harriet Chance heiratet ihren Stallmeister!« bemerkte Edmund mit leichtem Spott. »Das will ihnen nicht in den Kopf, mein Liebes! Sie sind der Meinung, du solltest entweder einen unglaublich reichen Mann oder einen von hohem Adel heiraten. Die Tage, da du bereit warst, dich mit einem Mann einzulassen, der dir höchstens einen Saphir von der Größe einer Erbse schenken kann, halten sie für längst vergangen.«

»Dann irren sie sich wohl gewaltig«, sagte Harriet lächelnd. »Wie dem auch sei, schickt es sich eigentlich für zwei Menschen unseres Alters, so zu knutschen?«

»Knutschen!« wiederholte Edmund grinsend. »Das ist ein Ausdruck, der dein Alter erkennen läßt. Nimm dich da lieber in Acht, denn du siehst nicht älter als fünfundvierzig aus.«

»Du Schwindler!« Harriet tat zwar entrüstet, fühlte sich aber dennoch geschmeichelt. Sie wußte, daß das Kompliment nicht unverdient war. Man sah ihr — trotz der Fältchen am Hals und an den Armen — ihre sechzig Jahre wirklich nicht an. Sie hatte so viele Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht, daß es ihr zur zweiten Natur geworden war, auf ihre Figur zu achten und Diät zu halten. Und zwar schon lange bevor Vollwertkost und Körpertraining in Europa zu einem Begriff wurden. Und es war auch schon eine Ewigkeit her, seit sie die Naturfarbe ihres Haars das letzte Mal gesehen hatte. Regelmäßig besuchte Harriet die Salons von Vidal Sassoon in London oder in New York. Das früher kastanienbraune Haar hatte jetzt einen sanften Blondschimmer. Das exquisite Make-up war sehr dezent, nicht wie das vieler Frauen, die die Spuren der Jahre unter einer dicken Maske von Farben und Cremes zu verbergen suchten, was aber genau das Gegenteil bewirkte und das Fortschreiten der Jahre nur noch mehr unterstrich. Ein Hauch von Lidschatten und etwas braune Wimperntusche hob das Blau ihrer Augen hervor, während das dezente Rouge die feinen Gesichtskonturen unterstrich.

Edmund erwiderte ihren halbherzigen Protest, indem er sie in die Arme nahm und küßte. Er liebte sie von dem Moment an, als er sie vor vierzig Jahren das erste Mal an einem kalifornischen Badestrand sah. Beide waren sie damals mit einem anderen Partner verheiratet gewesen und hatten auch danach noch andere Partner geheiratet. Aber trotz Zeiten der Trennung und vieler Mißverständnisse zwischen Harriet und ihm hatte es keinen Tag gegeben, an dem er nicht an sie gedacht hätte. Sie waren Liebende gewesen, Freunde, ja sogar Gegner ... und Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Nun aber würden sie bald Mann und Frau sein.

Einen Augenblick überließ Harriet sich seiner Liebkosung. Ihre Lippen öffneten sich, und sie schmiegte sich fest an ihn. Doch dann entwand sie sich unerwartet seinen Armen und stand auf. Ruhelos ging sie mit bekümmerter Miene im Zimmer auf und ab.

»Harriet!« bat Edmund sie dringend. »Nun grüble nicht länger! Du hast dich doch jetzt entschlossen und weißt, was du tun willst. Wenn es dir aber trotzdem noch immer zu schaffen macht, dann laß es sein. Es ist noch Zeit genug, deine Meinung zu ändern, bevor es Abend wird.«

Harriet schüttelte den Kopf. »Nein, ich muß tun, was ich für richtig halte. Was auch immer die Folgen sein mögen, ich kann nun nicht mehr zurück. Mein Gewissen erlaubt es mir nicht.«

»Pastorenkind«, sagte Edmund leise.

Sie ist wirklich eine außergewöhnliche Frau, dachte er bei sich. Eigenwillig, dynamisch, eben eine Persönlichkeit. Das ist sie schon immer gewesen. Doch sie war zugleich eine Frau voller Widersprüche. Wie dieses Zimmer. Ja, wie überhaupt jedes Zimmer in jedem Haus, das sie eingerichtet hat.

Edmund schaute sich um. Die Wände dieses großen Wohnzimmers, das sich über die ganze erste Etage erstreckte, waren weiß gestrichen, um die Strahlen der südlichen Sonne einzufangen. Auch der geblümte englische Stoff des Sofas und der Stühle sah nicht unpassend aus. Der Utrillo, eine Straßenszene am Montmartre, gegenüber den Balkontüren war echt. Vor einigen Jahren hatte man ihn aus Spiros’ Athener Appartement nach Agios Georgios geholt. Ebenfalls echt und gut zur Einrichtung des Zimmers passend war ein Stillleben von Matthew Smith, das Edmund vor einigen Monaten für Harriet gekauft hatte. An der Wand gegenüber jedoch hingen einige dunkel und trüb wirkende Werke von Atkinson Grimshaw in billigen Reproduktionen: Mondlicht über den Glasgow Docks, Liverpool Docks, Bleiches Mondlicht. Völlig fehl am Platz in der wunderbaren Klarheit des Lichts. Was um alles in der Welt hatte Harriet veranlaßt, sie ausgerechnet in diesem Haus aufzuhängen?

Eine ganze Wand nahm die Stereoanlage mit den dazugehörigen Schallplattenregalen ein. Harriet ging hin und wählte anscheinend aufs Geratewohl eine Platte und legte sie auf. Doch als dann statt Mozart oder Haydn The Draughtsman’s Contract ertönte und die Stille des Morgens zerriß, bemerkte Edmund, daß ihre Wahl durchaus ihren anderen Reaktionen entsprach. Der lebhafte Stakkato-Rhythmus der Introduktion paßte haargenau zu ihrer gegenwärtigen aufgewühlten Stimmung.

Es klopfte an der Tür, und auf Harriets abwesendes »Herein« erschien ihre Sekretärin, Bess Holland, in der Hand ein Bündel Papier.

»Meine ganz besonderen Glückwünsche, liebe Harriet«, sagte sie strahlend und übergab ihr ein kunstvoll verschnürtes Päckchen. Nur einigen ihrer liebsten Angestellten hatte Harriet erlaubt, sie mit dem Vornamen anzureden. Und soweit Edmund wußte, hatte noch keiner von ihnen dieses Privileg je mißbraucht.

»Liebe Bess, wie reizend von Ihnen! Was ist es?« Harriet entfernte inzwischen das Papier und ließ es mit dem Band achtlos auf den Teppich fallen. Sie freute sich jedesmal wie ein Kind, wenn sie ein Geschenk bekam. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren, verwöhnt zu sein mit teuren, ja oft unbezahlbaren Geschenken, erfüllte sie mit der gleichen Erregung, die sie in der Kindheit am Weihnachtsmorgen empfunden hatte.

»Ich hoffe, es wird Ihnen gefallen«, sagte Bess Holland ein wenig unsicher. »Leider ist es nur ein Band. Die ganze Ausgabe konnte ich mir nicht leisten.«

Es war eine Erstausgabe von Jane Austen, wunderschön gebunden.

»Oh, Emma! Mein Lieblingsbuch!« rief Harriet. »Das ist ja fantastisch, liebe Bess! Woher wußten Sie das?«

»Daß es Ihr Lieblingsbuch ist? Sie haben mir mal gesagt, daß Sie es mindestens zweimal im Jahr lesen. Und manchmal noch öfter, wenn Sie deprimiert sind. Das hatte ich nicht vergessen.«

Harriet hatte Tränen in den Augen, als sie Bess’ Wange küßte. Doch gleich darauf hatte sie sich wieder gefangen. »Ist das die Gästeliste für die morgige Party? Wir gehen sie besser nochmal durch. Haben wir genug Zimmer für alle Gäste, die Montag morgen eventuell nicht zum Festland zurückfliegen wollen?«

»Ich denke, ja. Es werden kaum mehr als ein halbes Dutzend sein. Die meisten geben an, gleich nach dem Champagnerfrühstück abreisen zu wollen.«

»Haben Sie der Luftverkehrsaufsicht in Athen Bescheid gesagt?«

»Alles geregelt! Sie können ganz unbesorgt sein. Die An- und Abflugzeiten sind sowohl für die Privat- als auch für die Charterflugzeuge genau festgelegt. Die ersten Gäste werden nach dem Lunch eintreffen.«

»Haben Sie Dick Norris gebeten, so früh wie möglich zu kommen? Ich möchte einige Zeit mit ihm allein sein, bevor die Party beginnt.«

»Dafür habe ich auch gesorgt.« Bess sah mit kaum verborgener Neugier ihre Arbeitgeberin an, setzte dann jedoch schnell wieder die ausdruckslose Miene der Sekretärin auf. Dick Norris war einer von Harriets Schützlingen und außerdem Partner ihrer Londoner Anwaltsfirma Hutton, Taylor & Norris.

»Er und Mrs. Norris treffen heute in Athen ein«, fuhr Bess fort.

»Sie werden heute abend in Piräus an Bord der Yacht gehen und morgen gegen neun Uhr hier sein.«

»Wunderbar!« Harriet lächelte. »Bess, Sie wissen, Sie sind bei weitem die tüchtigste Sekretärin, die ich je gehabt habe.«

Bess Holland errötete vor Freude. Sie liebte ihre Arbeit und das Leben, das sie durch diese Arbeit bei Harriet führen konnte, und war Harriet von Herzen zugetan. Mit ihren einundvierzig Jahren war sie eine ausgesprochen gutaussehende Frau. Das glänzende schwarze Haar zeigte fast kein Grau. Ihre braunen Augen, die während der Arbeit teilweise hinter einer eleganten Brille verborgen waren, ihre tadellose Figur und die schönen Beine veranlaßten jeden Mann, sich nach ihr umzudrehen. Sie hatte sehr früh — bereits mit achtzehn — geheiratet, sich dann aber schon mit zwanzig wieder scheiden lassen und erneut ihren Mädchennamen angenommen. Es war ein Versuch gewesen, den sie lieber nicht nochmal wiederholt hatte. Sie zog es vor, auf eigenen Füßen zu stehen. Seit ihrer Trennung von Mark Skells war sie zwar mit einigen Männern liiert gewesen, doch nicht einer von ihnen hatte sie überzeugen können, daß er es wert gewesen wäre, ihre Karriere für ihn aufzugeben, die sie sich mit so viel Energie aufgebaut hatte.

»Ich habe auch noch«, sagte Bess, »drei Fernsehgeräte von Sarantopolou, der Fernsehfirma am Omoniaplatz, gemietet. Die Yacht kann sie morgen mitbringen und am Montag wieder dort abliefern.«

»Warum denn das?« fragte Harriet überrascht. »Wir haben ja bereits Geräte im Haus, und ich nehme doch an, daß keiner während der Party auch noch fernsehen möchte.«

Doch Edmund grinste zustimmend. »Doch, das werden sie, Liebes. Morgen ist nämlich das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zwischen Argentinien und Deutschland. Gut gemacht, Bess! Nichts ist schlimmer, als wenn sich zu viele Menschen um ein Gerät drängen. Und in unser Schlafzimmer werden sie doch wohl nicht eindringen.«

»Fußball?« rief Harriet entrüstet. Doch dann mußte auch sie lachen. »Ja, Bess, das haben Sie wirklich gut gemacht. Aber in dieses Zimmer hier kommt kein Gerät. Dieses Zimmer soll all jenen unerleuchteten Seelen als Zuflucht dienen, die wie ich die Vorstellung, daß elf erwachsene Männer versuchen, einen Ball zwischen zwei Pfosten zu schießen, woran elf andere Männer sie hindern wollen, todlangweilig finden. Ich brauche Sie wohl nicht erst zu fragen, ob für Essen und Trinken hinreichend gesorgt wurde?«

»Das ist Dimitris Bereich«, sagte Bess lächelnd. »Da würde ich mein Leben aufs Spiel setzen, wenn ich mich in Küchenangelegenheiten einmischte. Ganz besonders, nachdem Sie entschieden haben, daß das Büfett ausschließlich aus griechischen Spezialitäten bestehen soll. Dimitri wähnt sich seitdem im siebenten Himmel. Doch ich muß jetzt weiter. Es gibt noch eine Menge zu tun.« Bess stand auf, zögerte einen Moment und sagte etwas verlegen: »Ich freue mich sehr, daß Ihnen das Buch so gefällt.«

Als sie das Zimmer verlassen hatte, schaute Harriet ihr gedankenverloren nach. Die erste Seite von The Draughtsman’s Contract war zu Ende, doch sie traf keine Anstalten, die Schallplatte umzudrehen.

»Na, woran denkst du jetzt?« fragte Edmund.

»Wie? Oh ... an nichts Besonderes. Ich war einfach in Gedanken.«

Das stimmt aber nicht, dachte Edmund. Er sah, wie Harriet auf den Eßtisch schaute, von dem die Reste des Frühstücks noch nicht abgeräumt waren. Harriet sah auf ihre Armbanduhr und sagte gereizt: »Schon zehn! Man könnte doch davon ausgehen, sie hätten wenigstens an meinem Geburtstag zu einer vernünftigen Zeit zum Frühstück kommen können!«

»Sei fair, Liebling«, erwiderte Edmund. »Mike, Julia und die Kinder sind erst spätabends angekommen. Sie haben wahrscheinlich auch noch unter der Zeitverschiebung zu leiden. Es ist ein verdammt langer Flug von New York nach Agios Georgios. Und was Piers betrifft, der tritt sowieso niemals vor dem Lunch in Erscheinung, wenn er Urlaub macht. Das weißt du doch. Und Elena ist zum Strand. Ich sah sie vor einer halben Stunde aus dem Haus gehen. Sie wird sicher bald wiederkommen.«

Harriet starrte mißbilligend vor sich hin. »Ich finde es aber doch etwas rücksichtslos. Maria und ihre Tochter möchten so gern abräumen. Sie haben heute noch mehr als genug zu tun.« Harriet nahm ihre Füße von der Bank und stand auf. »Ich hoffe doch nicht, daß Ellie mir absichtlich aus dem Weg geht. Glaubst du, sie hat mir auch wirklich verziehen?«

»Verziehen? Dinge, die gut zwei Jahre zurückliegen? Natürlich hat sie das!« versicherte Edmund nachdrücklich. »In dieser Zeit ist ihr ganz gewiß klargeworden, daß die Sache nie gut ausgegangen wäre. Ein Mann, alt genug, um ihr Vater sein zu können. Ein alternder Filmstar, der wahrscheinlich nur hinter ihrem Geld her war. Nach der anfänglichen Schwärmerei konnte Elena gar nicht anders als einsehen, wie richtig es war, daß du die Affäre beendet hast.«

»Ich weiß nicht recht«, sagte Harriet etwas unsicher. »Das Kriegsbeil scheint ja wohl begraben zu sein. Rein äußerlich betrachtet, sind wir jetzt so gut Freund, wie wir es vorher waren. Aber sie hat viel von mir. Meine Tochter neigt auch zur Eigenwilligkeit.«

Edmund kicherte. »Das, meine Liebe, dürfte wohl die Untertreibung des Jahrhunderts sein. Eine Neigung zur Eigenwilligkeit! Diese Beschreibung wird weder dir noch deiner Tochter gerecht. Ihr beide seid dickköpfig wie ein ›Alligator an den Ufern des Nils‹, wie Mrs. Malaprop es nannte.«

Harriet ging zur Tür, doch als sie die Klinke anfaßte, drehte sie sich nochmal um.

»Ich habe mit der alten Dame immer darin übereingestimmt, daß ›alle Männer Bayern sind‹. Und nun entschuldige mich bitte, ich habe noch viel zu tun.«

Harriet verließ das Zimmer, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Edmunds Lachen klang hinter ihr her, als sie die Treppe zur kühlen, mit Marmorplatten belegten Eingangshalle hinunterging.

Kapitel 2

Elena war gerade zurückgekommen. Ihre lange blonde Mähne — noch feucht vom Schwimmen — war ganz zerzaust. Mit ihren kaum zwanzig Jahren sah sie schon sehr erwachsen aus. An ihrem gebräunten Körper im knappen schwarzen Bikini stimmte einfach alles: schöne volle Brüste, lange schlanke Beine. Die Liebesgeschichte vor zwei Jahren hatte sie ihrer kindlichen Unschuld beraubt. Auch ihre saphirblauen Augen strahlten Erwachsensein aus.

»Mamma, da bist du ja! Meine herzlichsten Glückwünsche! Unsere Geschenke bekommst du erst heute abend, ja? Beim Dinner! Geduld ist — wie du uns schon immer eingeprägt hast — so gut für die Seele.«

Hatte sie das wirklich je behauptet? fragte sich Harriet mit einem gewissen Unbehagen. Geduld war doch wahrlich nicht eine ihrer eigenen hervorstechenden Eigenschaften gewesen.

»Ellie ...« begann sie zögernd, hielt dann aber inne. Harriet wußte nicht recht weiter. Durch die geöffnete Tür sah man die Landschaft im strahlenden Sonnenlicht. In weiter Ferne glitzerte das Meer.

»Ist schon gut, Mamma«, sagte Elena leise. Sie streifte Harriets Wange mit einem flüchtigen Kuß. Ihre honigfarbene Haut roch schwach nach Salz. In kleinen Löckchen bedeckte das Haar die hohe Stirn.

»Ich habe es überstanden. Glaub mir! Und was noch besser ist, ich bin dir dankbar!«

»Ist das wirklich wahr?« Harriet packte ihre Tochter fast schmerzhaft an den Schultern. »Ist das dein Ernst? Sag mir, daß es so ist!«

»Es ist die Wahrheit, Mamma!« Elena sah ihrer Mutter lachend in die Augen, die so blau wie die ihrigen waren. »Es war ja nur mein Stolz, der verletzt war. Längst bevor du nach Mexiko kamst, wußte ich schon, daß alles keine Zukunft hatte. Ich konnte nur den Gedanken nicht ertragen, daß die Mummy kommen mußte, um mir aus dieser unmöglichen Situation herauszuhelfen. Ich war ja immer der Meinung, sehr gut auf mich selbst aufpassen zu können. Seit jeher war ich ein arrogantes kleines Biest!«

Harriet lachte erleichtert. »Na ja, das gilt ja wohl für uns beide. Mit siebzehn war ich ganz bestimmt noch schlimmer als du. Und ich hatte keine Mutter, die die Zügel straff ziehen konnte, wenn ich mal wieder über die Stränge schlug. Mein armer Vater! Deine Großmutter starb, als ich zehn war. Ich glaube nicht, daß er geahnt hat, was ihm bevorstand. Doch jetzt komm mit nach oben und frühstücke erst mal mit mir.« Harriet streckte ihr die linke Hand mit dem Verlobungsring hin. »Und du darfst mir nochmal gratulieren!«

»O Mamma! Du hast ja gesagt! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh ich darüber bin! Für euch beide!«

Es gab keinen Zweifel an Elenas ehrlicher Begeisterung, als sie Harriet einen herzlichen Kuß auf den Mund gab. »Der liebe Eddie! Wo steckt er denn? Ich muß ihm unbedingt sofort sagen, wie ich mich freue.«

»Er sitzt im Wohnzimmer und liest die Morgenzeitung«, sagte ihre Mutter und ging hinter Elena die Treppe hinauf. »Aber bitte zieh dir etwas über! Dieser Bikini ist ja wirklich ein bißchen gewagt!«

»Hast du etwa Angst, Eddie könnte mit mir durchbrennen? Keine Sorge! Der hat ja viel zu lange auf dich warten müssen, um noch Augen für eine andere zu haben. Ganz gleich, wie jung und hübsch sie ist!«

»Eingebildete Göre!« Harriet schaute mit echter Freude zu, als Edmund seine spärlich bekleidete angehende Stieftochter umarmte.

Doch Elena hatte recht. Was sie und Edmund miteinander verband, war so tief verwurzelt, daß aber auch gar nichts und niemand es noch hätte gefährden können. Harriet wünschte sich nur, ihre beiden Söhne würden der Verbindung genauso zustimmen wie ihre Tochter. Elena und Edmund hatten sich ja von Anfang an gemocht.

Elena setzte sich an den Tisch und goß sich eine Tasse von dem lau gewordenen Kaffee ein, den sie mit wenig Begeisterung trank. Sie kannte die Einstellung ihrer Mutter, das Personal nicht mit unnötiger Arbeit zu belasten, und unterließ es deshalb, nach Maria zu läuten. Entweder man erschien pünktlich zu den Mahlzeiten, oder man hatte eben die Konsequenzen zu tragen — das war eine von Harriets wenigen häuslichen Vorschriften. Doch nach der Anzahl der noch unbenutzten Gedecke zu urteilen, war Elena nicht die einzige an diesem Morgen, die zu spät zum Frühstück erschien. Sogar ihre Stiefneffen waren noch nicht aufgetaucht. Als Elena sich an die Anwesenheit der beiden Jungs erinnerte, schlüpfte sie schleunigst in das weite T-Shirt, das sie kurz zuvor über die Stuhllehne geworfen hatte. Sie war wirklich, dachte Harriet, als sie sie so mit den großen goldenen Ohrringen und dem schweren Goldarmband am schmalen Handgelenk betrachtete, das hübscheste ihrer Kinder — das Kind, womit Harriet eigentlich überhaupt nicht mehr gerechnet hatte, da sie ja schon über vierzig gewesen war.

In fünfzehn Monaten, an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, würde Elena eine der reichsten jungen Frauen der Welt sein, wenn sie den größten Teil von Spiros Georgiadis’ Vermögen erben würde. Dann würde sie wohl eine begehrte Beute für jeden Glücksritter in Europa und Amerika sein. Im Vergleich damit würde die Affäre mit Ramón Perez lediglich ein Vorspiel gewesen sein. Doch in Zukunft wäre nun Edmund da, um sie zu beraten und ihr beizustehen, vertrat er doch laut Gesetz ihren Vater. Und Elena liebte und respektierte Edmund in dem Maße, wie sie Rollo Wingfield verabscheut hatte. Harriet hatte sich in den vergangenen zwei Jahren mehrmals die Frage gestellt, ob das mexikanische Abenteuer ihrer Tochter vielleicht nur ein unausgesprochener Protest gegen die Heirat ihrer Mutter gewesen war. Elena hatte nämlich weit mehr Kontakt zu Rollo gehabt als einer der Jungs und Rollo von Anfang an nicht leiden können.

Armer, eingebildeter Rollo! Launisch, wie er war, hatte er sich nie die Mühe gemacht, sich in andere Leute hineinzuversetzen. Die Ehe mit ihm war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, genau wie ihre erste Ehe mit Gerry Canossa und die dritte mit Hallam Cavendish es gewesen waren. Mit dem einzigen Unterschied, daß in der ersten Ehe sie diejenige gewesen war, die das Heft in Händen gehabt hatte, während die Ehe mit Cavendish durch pure Erpressung zustande gekommen war.

Was sie plötzlich daran erinnerte, daß Hallam schon wieder mal — wie üblich — für Schwierigkeiten sorgte: Ihre Anwälte in London hatten sie noch vergangene Woche darauf aufmerksam gemacht, daß Hallam gerade mit einer Boulevardzeitung hinsichtlich einer intimen Klatschstory in Verhandlungen stehe. Seufzend überlegte Harriet, daß sie seine Alimente wohl wieder mal um einiges erhöhen werden müsse. Hallam wußte nämlich zuviel, und obgleich er nicht mehr über irgendwelche Beweise verfügte — dafür hatte Spiros gottlob gesorgt —, könnte er trotzdem immer noch Behauptungen aufstellen, die Schaden anrichten könnten. Und für Piers wäre es auch alles andere als angenehm, wenn seine Eltern sich in aller Öffentlichkeit zanken würden. Na ja, jetzt, da Hallam schließlich den Titel geerbt hatte, würde er vermutlich ein noch aufwendigeres Leben führen. Als erstes mußte dieser unmögliche Besitz Carey Hall instand gehalten werden, damit er nicht einer Ruine gleich wäre zu dem Zeitpunkt, wenn Piers Viscount Carey sein würde.

Wie auf ein Stichwort wurde die Tür geöffnet, und der Ehrenwerte Piers Cavendish erschien. Er trug einen pfauenblauen Morgenmantel, den man mit seinen orangefarbenen, feuerspeienden Drachen wirklich mehr als malerisch nennen konnte. Edmund warf ihm einen mißbilligenden Blick zu und sagte beiläufig: »Wer hat nochmal gesagt, daß Pfauenblau eine großartige Farbe ist, solange sie Pfauen vorbehalten bleibt?«

Piers strafte ihn mit Nichtbeachtung.

»Liebste Mutter«, begrüßte er Harriet überschwänglich und beugte sich zu ihr, um ihr einen leichten Kuß auf die Wange zu hauchen. »Noch viele, viele glückliche Jahre! Wenn ich richtig informiert bin, soll es erst heute abend beim Dinner Geschenke geben, oder? Und du weißt, wie gehorsam ich immer bin.«

Elena schnaubte verächtlich und zwinkerte Edmund zu. »Das bist du auch nur dann, wenn es dir in den Kram paßt«, sagte sie herausfordernd zu ihrem Halbbruder. »Wahrscheinlich ist dein Geld wieder alle, und du bist darauf aus, Michael anzupumpen. Es war nämlich Michaels Idee«, erklärte sie ihrer Mutter, »dir erst beim Dinner die Geschenke zu überreichen.«

Harriet sah zu ihrem jüngsten Sohn hinüber. »Stimmt das, Piers? Hast du wieder Schulden gemacht? Oder hast du etwa wieder deinem Vater Geld geborgt?«

»Du lieber Himmel, nein! Für wie dämlich hältst du mich?« Piers lehnte den kalten Kaffee dankend ab, den Elena ihm reichte. Er würde lieber anschließend in die Küche gehen und versuchen, Maria zu überreden, ihm einen frischen aufzubrühen. »Es stimmt, er hat’s schon versucht, als ich ihn vergangene Woche in der Stadt traf. Er hatte wahrscheinlich mal wieder tüchtig über die Stränge geschlagen, der alte Herr. Vermutlich saß ihm mal wieder Joe Coral im Nacken.« Piers streckte sich genüßlich auf der Bank aus, die Edmund gerade verlassen hatte, um sich in den Sessel beim Fenster zu setzen. Piers kniff die Augen zusammen und sah seine Mutter prüfend an. »Stell dir vor, der ließ kaum locker. Appellierte sogar an den alten Schulgeist. ›Floreat Herga‹ und den ganzen Blödsinn. Doch ich bin hart geblieben, kannst mir glauben, Mater!«

Gerade weil Piers genau wußte, daß Edmund ihn nicht besonders mochte, ließ er keine Gelegenheit aus, um ihn mit seinen arroganten Oxfordmanieren zu ärgern, wobei ihm seine äußere Erscheinung durchaus half. Er war groß und schlank und besaß die etwas weichen Gesichtszüge seines Vaters, während er von Harriet die blauen Augen und das glatte dunkle Haar hatte. Er sah eben genau so aus, wie man sich den englischen Aristokraten vorstellte.

Wie viele seines Schlages war auch Piers ein gerissener Manipulator anderer Leute, wenn es um seine Interessen ging. Weder in der Grundschule noch im Internat hatte Piers sich sehr wohl gefühlt, obgleich gerade das Internat ihn widerstandsfähig und hart im Nehmen gemacht hatte. Die Universitätsjahre in Oxford dagegen, die er gerade beendet hatte, hatten ihm viel Spaß bereitet. Er hatte sich an vielem beteiligt, ja sogar Kokain geschnüffelt, doch er war immer darauf bedacht gewesen, die Dinge nicht zu übertreiben. Geschickt und intelligent in der Debatte, hatte man ihm immer interessiert zugehört. Ja, Piers hatte sogar einige Freunde gewonnen, letztendlich jedoch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Er rechnete wohl damit — wie sein Halbbruder Michael Contarini —, einen Posten in einer der vielen Niederlassungen der weltweiten Chance Corporation zu finden.

Harriet wollte gerade etwas erwidern, als ihre beiden Enkel hereingestürmt kamen, Jetzt, nachdem sie den Zeitunterschied des langen Flugs überwunden hatten, waren sie wieder zu jedem Unfug aufgelegt. Der zwölfjährige Angelo und der zehnjährige Marco waren gleich angezogen: Beide trugen knallgrüne, mit Palmen geschmückte Bermudashorts und schleppten einen Sony-Walkman und verschiedenes Zubehör einer teuren Taucherausrüstung mit sich herum. Beide Jungs waren klein und stämmig. Mit ihrem dunklen Haar und den braunen Augen waren sie das kleine Ebenbild ihres Vaters.

»Hi, Gran’ma!« Angelo langte hinauf, um Harriet einen Kuß zu geben. »Happy birthday! Los, Marc! Wünsch der Gran’ma auch alles Gute!«

»Happy birthday, Gran’ma. Hi, Tante Ellie! Hi, Onkel Perce!«

Piers schloß gelangweilt die Augen. »Mein liebes Kind, mein Name ist Piers. P-I-E-R-S. Ein französischer Name.«

»Und ich dachte immer, du seist Engländer«, sagte Angelo erstaunt. »Das find ich aber blöd, einen französischen Namen zu haben, wenn man Engländer ist.«

»Er stammt aus der Normandie. Nie gehört von der normannischen Eroberung? Oder lernt ihr dort drüben nichts, was vor der Revolution stattgefunden hat?«

»Stattgefunden hat«, wiederholte Angelo mit einem Grinsen.

»Klingt wirklich toll! Das muß ich mir für zu Hause merken. ›Was vor der Revolution stattgefunden hat, ihr Dummköpfe!«‹ imitierte Angelo sehr gekonnt Piers’ affektierte englische Sprechweise, was seinen Bruder zum Lachen brachte. »Übrigens, wir hatten gar keine Revolution. Du meinst wohl den Unabhängigkeitskrieg. Gran’ma, dürfen wir jetzt an den Strand? Mom hat ja gesagt.«

»Also gut. Aber geht nicht zu weit hinaus, ja? Lieber wär’s mir, ihr würdet warten, bis ein Erwachsener mitgeht.«

»Mann, Gran’ma, als ob wir nicht alt genug wären, auf uns selber aufzupassen«, protestierte Angelo.

»Ja, alt genug, auf uns selber aufzupassen«, wiederholte Marco als gehorsames Echo.

»Aber nicht, wenn ihr tauchen wollt«, beharrte Harriet. »Laßt das Taucherzeug hier. Wir bringen es euch nach. Ihr könnt ja ein bißchen so herumschwimmen ... Ja, in Ordnung, Maria«, sagte sie jetzt zu der Frau, die wartend in der Tür stand. »Sie können abräumen, es sieht ganz danach aus, daß Mr. und Mrs. Contarini nicht zum Frühstück erscheinen. Und wie ist es mit euch, Jungs? Wollt ihr denn nichts essen?«

»Sie waren schon bei mir in der Küche«, sagte Maria und stellte ein leeres Tablett ab. »Dimitri hat ihnen Brötchen und Milch gegeben.«

»Aber Gran’ma, du kannst uns wirklich tauchen lassen!« sagte Angelo nachdrücklich. »Wenn wir in Palm Beach sind, erlaubt Mom es uns immer.«

»Doch hoffentlich nicht ohne Aufsicht?« fragte Harriet entsetzt.

»Ich werde mit ihnen gehen.« Elena schob den Sessel zurück und bugsierte ihre kleinen Neffen zur Tür hinaus. »Kommt, ihr beiden. Wer zuletzt im Wasser ist, ist ein Feigling!«

Laut schreiend rannten die Jungs zur Tür und prallten fast mit Maria und ihrem vollbeladenen Tablett zusammen. Elena lief mit lautem Indianerkriegsgeheul hinter ihnen her, was Piers veranlaßte, den Blick zum Himmel zu richten. »Wie lange werden die hierbleiben?« erkundigte er sich gequält. »Bitte nein, sag es mir lieber nicht. Ich glaube nicht, daß meine Nerven es ertragen würden: Und an deiner Stelle, liebste Mutter, würde ich dieses irrsinnig teure Internat, in dem Ellie war, verklagen. Denn wenn sie die Schule wirklich absolviert hat, dann heiße ich Margaret Thatcher.«

»Jetzt geh und zieh dich endlich an«, sagte Harriet halb amüsiert, halb verärgert, wie es bei Piers eigentlich immer der Fall war. Wahrscheinlich, weil er eben doch vieles hatte, was sie an Hallam erinnerte.

»Aber gern«, antwortete Piers und erhob sich elegant von der Bank. »Ich spüre genau, wann ich unerwünscht bin. Und bildet euch nicht ein, ich hätte den Verlobungsring nicht gesehen. Doch ihr sollt wissen, daß ihr meinen Segen habt.«

Als Piers gerade das Zimmer verlassen wollte, erschienen sein Halbbruder und seine Schwägerin auf der Bildfläche. »Wirklich, ein unmöglicher Mensch!« sagte Harriet lachend und begrüßte sie. »Guten Morgen, ihr beiden! Ich hoffe, ihr habt euch gut erholt! Nur hat Maria leider gerade den Tisch abgeräumt.«

»Macht nichts, wir haben schon im Bett gefrühstückt«, beruhigte Julia ihre Schwiegermutter und gab ihr auf jede Wange einen Kuß, während sie Edmund kurz zunickte. »Maria hat uns alles aufs Zimmer gebracht. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

»Aber natürlich nicht«, versicherte Harriet ihrer Schwiegertochter lächelnd und wünschte sich im Stillen, sie könnte sie besser leiden. Mit ihren sechsunddreißig Jahren begann Julia schon etwas rundlich zu werden. Sie aß nun mal für ihr Leben gern und war außerdem faul. Zu Hause in New York war ihre anstrengendste Tätigkeit die tägliche Bridgepartie mit ihren Freundinnen. Ab und zu machte Julia eine Diätkur in einer teuren Schönheitsfarm, aber die Pfunde, die sie dort verlor, waren daheim bald wieder angefuttert. Das schwarze Haar, stilvoll zu einem Knoten geschlungen, wirkte genauso gepflegt wie das sorgfältig zurechtgemachte Gesicht. Doch weder Friseur noch Kosmetikerin konnten die aufgedunsenen Lider und die unter Designershirts versteckten überflüssigen Pfunde vertuschen.

Michael Contarini, mit achtunddreißig Jahren Vizevorsitzender der Chance Corporation, war einen halben Kopf kleiner als seine Frau und von kräftiger, untersetzter Statur. Seiner olivenfarbenen Haut und dem schwarzen Haar sah man seine italienischen Vorfahren an. Er runzelte die Stirn, als er seinem Halbbruder nachschaute, einen kaum verborgenen Unmut in den dunklen Augen.

»Ich hoffe, du denkst nicht ernsthaft daran, ihn auch in die Firma aufzunehmen, Momma?« fragte er seine Mutter, gab ihr ebenfalls einen Kuß und gratulierte ihr zum Geburtstag.

»Aber selbstverständlich«, antwortete Harriet und machte ihm ein Zeichen, sich zu ihr auf die Bank zu setzen. »Du weißt ja, daß eines Tages jedem von euch ein Teil der Firma gehören wird. Ihr werdet eben lernen müssen, miteinander auszukommen und zusammenzuarbeiten.«

»Er und arbeiten?« brummte Michael. »Einer wie mein Bruder Piers weiß noch nicht einmal, was das Wort ›Arbeit‹ bedeutet. Alles, was ich von ihm erwarte, ist, seine Nase rechtzeitig zu putzen und sonst das zu tun, was ich ihm auftrage.«

»Na, ich fürchte aber, daß er sich nicht so ohne weiteres von dir kommandieren lassen wird«, erklärte Edmund, von seiner Financial Times aufblickend. »Piers kann mitunter recht bockig sein. Hinter diesem Pokerface steckt ein ganz gerissener Kopf!«

Michael sah ihn finster an. »Ich glaube, da irrst du dich. Doch wenn nicht, dann werden wir eben anders miteinander klarkommen müssen. Schließlich geht es ja nur um uns beide, denn Ellie hat in dieser Angelegenheit ja keine Hand im Spiel.«

Bei Elenas Geburt wurde gleich von Anfang an festgelegt, daß Spiros’ Vermögen nur seiner Tochter — seinem einzigen Kind — zufallen würde, während Harriets Besitz zu gleichen Teilen ihren beiden Söhnen gehören würde. Besonders Michael hatte Mühe, seine Eifersucht auf seine Halbschwester zu verbergen, die in kaum achtzehn Monaten über ihre Erbschaft würde verfügen können. Auch machte er keinen Hehl aus seiner Ansicht, seine Mutter solle sich mit ihren nunmehr sechzig Jahren allmählich aus dem aktiven Geschäftsleben zurückziehen. Somit würde nämlich er in der Firma das Sagen haben, auch wenn ihm nur die Hälfte des mütterlichen Vermögens zustand.

Völlig beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken, sah Michael nicht, wie Harriet Edmund einen besorgten Blick zuwarf. Ebensowenig war ihm aufgefallen, daß sie gerade einen Teil ihres Vermögens als seine Erbschaft erwähnte und nicht etwa die Hälfte.

Harriet stand auf. »Ich muß jetzt wirklich gehen«, sagte sie. Irgendwie sah sie ein bißchen verwirrt aus. »Es gibt noch viel zu tun. Elena ist mit den Jungs zum Strand, doch ich glaube, Michael, es wäre besser, wenn noch jemand hinginge, weil die beiden unbedingt tauchen wollten.«

Etwas nervös rieb Harriet sich die Hände. »Ich würde mich freuen, wenn ihr alle euch heute einen schönen Tag machen würdet. Zwischen zwölf und zwei Uhr wird im Eßzimmer ein kaltes Büfett bereitstehen. Wer also Appetit hat, bediene sich dort. Und heute abend erwarte ich euch pünktlich um halb sieben zum Dinner, denn danach habe ich euch etwas Wichtiges mitzuteilen.«

Kapitel 3

Schon am Vormittag war es auf Agios Georgios unerträglich heiß, während es in London regnete. Der Flughafen war mit Urlaubern vollgestopft. Aufgeregte Kinder liefen die Rolltreppen rauf und runter. Jede Kaffeebar war gerammelt voll. Die Schlangen vor der Gepäckabfertigung schienen kein Ende zu nehmen. Mehr als eine halbe Stunde verging, ehe Dick Norris, die Flugtickets in der Hand, zu seiner Frau zurückkam.

»Na, hatten wir mehr als das zulässige Gewicht?« fragte sie. Melanie Norris war eine zierliche Blondine, etliche Jahre jünger als ihr Mann. Es gab viele, die gern gewußt hätten, was ein kluger Mann wie Dick an ihr bewunderte. An einer Frau, deren Interessen nicht über ihr Aussehen und ihre Kleidung hinausgingen. Sie wären überrascht gewesen, wenn sie gewußt hätten, wie sehr er tatsächlich an ihr hing. Melanie war für Dick der ruhende Pol. Den ganzen Tag hatte er nur mit messerscharf denkenden Juristen zu tun. Außerhalb der Anwaltskanzlei von Hutton, Taylor & Norris brauchte er Entspannung und Erholung.

»Nein«, antwortete Dick auf ihre Frage und hakte sich bei ihr ein.

»Doch es war an der Grenze. Aber wozu du soviel Gepäck brauchst für ein kurzes Wochenende, ist mir ein Rätsel! Jeder würde meinen, wir reisten für unbestimmte Zeit in die Äußere Mongolei. Mal sehen, ob wir hier irgendwo etwas zu trinken bekommen. Wir haben noch eine Viertelstunde Zeit, ehe wir an Bord müssen.«

»Was glaubst du, warum Harriet uns schon so früh sehen will?« fragte Melanie, als sie mit einiger Mühe einen Tisch in dem oberen Erfrischungsraum gefunden hatten. Dick ging zur Selbstbedienungstheke und füllte zwei Tassen mit Kaffee.

»Irgend etwas Besonderes liegt sicher vor«, antwortete er ausweichend. Nicht einmal mit Melanie würde er über Angelegenheiten seiner Klienten sprechen. Dabei wußte er genau, worüber Harriet mit ihm reden wollte, bevor die anderen Gäste eintrafen. Sie beabsichtigte nämlich, ein neues Testament zu machen. Er war wirklich gespannt darauf.

Harriets Testament war immer einfach und gerecht gewesen. Jedenfalls so einfach, wie es bei dem Umfang ihres Vermögens nur sein konnte. Ihr Vermögen, ihre Aktien und der beherrschende Anteil an der Chance Corporation waren den beiden Söhnen aus ihrer zweiten Ehe zu gleichen Teilen zugedacht. Kein sehr ausgeklügeltes Arrangement. In mancher Hinsicht war Harriet trotz allem keine raffinierte Frau. Im Herzen war sie nach wie vor das junge Mädchen aus dem Cotswold-Pfarrhaus geblieben, mit der schlichten Lebenseinstellung des Mittelstandes.

Doch Dick würde niemals etwas auf Harriet kommen lassen. Alles, was er besaß und was er war, hatte er Harriet zu verdanken. Hätte es nicht die Chance-Stipendien-Stiftung gegeben, würde er sich höchstwahrscheinlich noch immer als unterbezahlter Gehilfe in einem drittrangigen Birminghamer Anwaltsbüro abplagen müssen. Nur die finanzielle Unterstützung der Chance Corporation hatte es ihm ermöglicht, die Universität zu besuchen.

Er konnte nicht an einen Zufall glauben, als er danach in Harriets eigener Londoner Anwaltsfirma Hutton & Taylor aufgenommen wurde. Sie war nie nur mit halbem Herzen dabei, wenn sie an bestimmten Menschen interessiert war und ihnen half. Und als ihm vor zwei Jahren — gerade neunzehn Jahre alt — die Partnerschaft in dieser Anwaltskanzlei angeboten wurde, die dann durch Hinzufügung seines Namens die Firmenbezeichnung änderte, hatte er gleich vermutet, daß wiederum Harriet hinter allem steckte. Sie war eine sehr einflußreiche und energische Dame!

Der Flug nach Athen wurde über Lautsprecher angekündigt. Dick trank schnell den Rest des Kaffees, während Melanie sich nochmal die Nase puderte. Dann nahmen sie ihre Mäntel und gingen zur Abflughalle.

Piers nahm ein Bad und zog sich seine übliche Freizeitkleidung an, bevor er sich mit seinem Vater in Carey Hall in Berkshire verbinden ließ. Wahrscheinlich würde der alte Herr nicht zu Hause sein, aber versuchen wollte er es auf jeden Fall. Zu seiner Überraschung wurde er jedoch sofort mit Hallam verbunden.

»Was zum Kuckuck willst du?« Anscheinend war der Viscount nicht allzu begeistert, etwas von seinem einzigen Sproß zu hören.

»Ich dachte, es würde dich interessieren zu erfahren, daß Edmund Howard im Begriff ist, Mutters Nummer sechs zu werden. Der Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle!«

Hallams höhnisches Schnauben schmerzte Piers in den Ohren.

»Wenn du wüßtest, was ich von diesem Bastard alles weiß! ...«

»Ja, ja, das hast du mir gegenüber schon öfter angedeutet«, unterbrach ihn Piers ruhig. »Doch noch nie hast du dich entschließen können, mir zu sagen, was du weißt. Diese leisen Andeutungen und dunklen Hinweise werden nach und nach langweilig. Doch was weit wichtiger ist, Mutter hat irgend etwas im Sinn.«

»Was meinst du mit ›irgend etwas im Sinn‹?«

»Wenn ich das wüßte, würde ich’s dir sagen. Aber im Augenblick ist es nur eine Vermutung. Nenn es meinetwegen Intuition.«

Am anderen Ende der Leitung blieb es still. Schließlich sagte Hallam: »Du mußt doch einen Grund für deine Vermutungen haben.«

Gedankenvoll starrte Piers durchs Fenster auf das schöne Ufer der Bucht, das an beiden Seiten mit Buschwerk und Zwergwacholder bewachsen war. Ein leichter Dunst dämpfte das strahlende Blau des Himmels.

»Nun?« fragte ihn sein Vater ungeduldig.

»Ich sagte dir schon: Nichts Greifbares. Aber sie ist nervös und unruhig. Sie benimmt sich nicht wie eine Frau, die sich gerade verlobt hat!«

»Was willst du? Es ist bei ihr ja schon das sechste Mal!« erinnerte Hallam seinen Sohn. »Du kannst kaum erwarten, daß sie sich wie eine alberne Jungfrau benimmt.«

»Das nicht. Aber da ist etwas anderes. Sie macht so ein Wesen um das Dinner heute abend. Nur die Familie ist zugelassen. Keine Außenstehenden. Natürlich mit Ausnahme des lieben Edmund.

Es kommt etwas auf uns zu. Ich spür’s in den Knochen.«

Sein Vater brummte ärgerlich. »Und was ist mit Michael? Was denkt er?«

»Mit ihm so etwas zu besprechen hat doch gar keinen Sinn. Mein lieber Halbbruder ist unfähig, die Feinheiten menschlichen Verhaltens abzuschätzen.«

Piers hatte plötzlich genug vom Gespräch.

»Wenn sich etwas tut, lasse ich es dich wissen.« Er legte den Hörer auf, ohne sich die Mühe zu machen, auf Wiedersehen zu sagen. Als er nach unten ging, geriet er in die geschäftigen Vorbereitungen für die morgige Party. Anscheinend gab es im ganzen Haus kein Zimmer, in dem sich nicht irgend etwas tat. Innerlich stöhnend entschloß er sich, auszugehen. Er griff nach dem Haustelefon und rief in der Chauffeurwohnung über den Garagen an.

»Ich werde ins Dorf fahren und möchte den Porsche nehmen. Bitte stell ihn mir in fünf Minuten vor den Eingang.«

Bill Brereton legte den Hörer auf die Gabel zurück und verzog das Gesicht. Den Porsche für einen Fünfminutenweg ins Dorf. Das war ja einfach zum Kotzen! Dieser blasierte Kerl! Piers Cavendish hätte eine Hinterhof-Erziehung durchmachen sollen wie er, Bill Brereton. Glasgow hätte ihn schnell von seinen Anmaßungen und Ansprüchen geheilt. Bill ging die Außentreppe hinunter, wo sich die beiden Doppelgaragen an der Seite des Hauses befanden. Er ging in die erste. In der Dunkelheit glänzte der Porsche metallisch neben dem Landrover. Er schlüpfte hinters Steuer und startete den Motor.

»Hi, Bill!« Er wandte den Kopf und sah Elenas Silhouette vor dem Sonnenschein draußen. »Wo fährst du denn hin?«

Sein Herzschlag setzte — wie immer, wenn er sie sah — einen Augenblick aus. Doch dann sagte er ruhig: »Mr. Cavendish möchte ins Dorf.«

»Was? Mit dem Wagen?« Elena war baff.

»Es ist sehr heiß, Miss Elena. Mr. Cavendish befürchtet wahrscheinlich, daß er sein Gefieder zerknittert«, erwiderte der Chauffeur und fuhr den Porsche aus der Garage.

Elena lachte amüsiert. »Ja, sein Gefieder. Du hättest ihn heute früh sehen sollen, als er seinen pfauenblauen Morgenrock anhatte. Ich glaube, er braucht das, um sein Selbstvertrauen zu stärken.«

Doch Bill fand, er sei mit seiner Bemerkung schon weit genug gegangen. Unter keinen Umständen wollte er durch eine Unterhaltung mit anderen Familienangehörigen hinter dem Rücken seiner Arbeitgeber seine Stellung in Gefahr bringen. Und bei Piers hatte er das Gefühl, daß er besonders unversöhnlich sein konnte. Die Erinnerung an seine armselige Kindheit ließ Bill sehr vorsichtig sein. Er hatte nicht die Absicht, nach Glasgow zurückzugehen und erneut in die Verhältnisse zu geraten, aus denen Mrs. Wingfield — oder wie sie damals hieß: Mrs. Georgiadis — ihn herausgeholt hatte.

1965 hatte er auf den Clydeside-Werften gearbeitet. Er war ein roher, unzufriedener Bursche im Alter von zwanzig Jahren mit wenig Schulbildung gewesen, als sie sich vor dem Mietshaus, in dem er mit seinen Eltern wohnte, unerwartet nach ihm umgedreht und ihm den Posten eines Chauffeurs und Leibwächters angeboten hatte. Sie war in Glasgow zur Eröffnung eines ihrer Restaurants gewesen und sagte ihm, sie hätte ihn auf der Straße gesehen, und er hätte ihr gefallen. Das war alles. Keine weitere Erklärung.

Als er ihr gestand, daß er aber nicht Auto fahren könne, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt.

»Dann lernen Sie es eben.«

Und so war’s gewesen. Innerhalb weniger Wochen hatte sich sein Leben so gestaltet, wie er es vorher nur vom Fernsehen und vom Film her gekannt hatte. Lange Zeit hatte er sein Glück einfach nicht fassen können. Jetzt hatte er sich natürlich daran gewöhnt. Einundzwanzig Jahre, ausgefüllt mit Reisen durch die ganze Welt, hatten ihn zwar etwas blasiert, doch nicht undankbar werden lassen.

Er lächelte kurz zu Elena hinüber und fuhr den Porsche vor die Hausfront, wo Piers schon wartete. Bill stieg aus, und Piers setzte sich ans Lenkrad.

»Das Haus ist ja ein gräßliches Schlachtfeld«, schimpfte Piers. »Da wird es im Café dort unten wohl angenehmer sein.« Mit tiefem Brummen fuhr der Wagen davon.

Inzwischen hatte Elena Bill erreicht. Anscheinend trug sie nichts weiter als ein übergroßes weißes T-Shirt. Das Haar hing ihr in langen feuchten Strähnen über die Schulter, und ihre schöne honigfarbene Haut strahlte vor Gesundheit. Bill kannte Elena schon seit ihrer Geburt, aber erst vor kurzem, nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz, hatte er angefangen, sie genauer zu betrachten. Sie war eine der bezauberndsten jungen Frauen, die er je gesehen hatte. Klar, er wußte, daß sie ein Problemkind war, denn schon als Teenager hatte sie dauernd über die Stränge geschlagen. Und vor zwei Jahren war da der Skandal gewesen, als sie mit irgendeinem mexikanischen Filmschauspieler durchgebrannt war, der bei ihrem damaligen Stiefvater Rollo Wingfield unter Vertrag stand. Bill erinnerte sich an das Durcheinander: Mrs. Wingfields Flug von New York nach Los Angeles, dann weiter nach Mexiko, eine Horde Reporter ständig auf den Fersen. Elena wurde mit Schmach und Schande zurückgebracht und in ein Schweizer Internat in Bern gesteckt. Vor sechs Monaten war sie endgültig heimgekommen und seitdem ein ständiges Mitglied im Reisezirkus ihrer Mutter geworden.

Seit dieser Zeit hatte Bill Elena Georgiadis mit anderen Augen gesehen und mit Erstaunen festgestellt, wie schön sie geworden war. Unglücklicherweise war er machtlos gegen seine Gefühle für sie. Nicht nur war da der Altersunterschied von zwanzig Jahren, sie war außerdem die Tochter seiner Arbeitgeberin. Doch er himmelte sie an und malte sich in Gedanken aus, wie sie eines Tages vielleicht doch ihre saphirblauen Augen auf ihn richten würde. Obgleich er nun nicht ein ausgesprochener Büchernarr war, hatte er doch mit Begeisterung Lady Chatterley’s Lover von Anfang bis Ende gelesen.

Aber so aussichtslos waren seine Tagträume gar nicht mal: Man hatte ihn schon oft einen gutaussehenden Mann genannt, und sein Spiegelbild bestätigte ihm diese Beschreibung. Schwierigkeiten, eine Freundin zu bekommen, kannte Bill nicht, was auch einer der Gründe war, warum er nie daran gedacht hatte zu heiraten. Weshalb sollte er sich mit einer Frau belasten, hatte er doch als Junggeselle alles, was er sich nur wünschte. Na ja, vielleicht doch wohl nicht alles. Er schaute Elena gedankenverloren nach, wie sie ins Haus ging. Sie war die einzige Eroberung, die er so gern zu gegebener Zeit machen würde.

Madge Shelton, seit zwanzig Jahren Harriets Zofe, war für Harriets Garderobe zuständig. Sie überprüfte, ob alles in Ordnung und keines von Harriets Abendkleidern zurückgeblieben war. Es war keine leichte Aufgabe, bei so vielen verschiedenen Aufenthaltsorten genau zu wissen, wo die einzelnen Kleidungsstücke verwahrt wurden. Madge trug dafür die Verantwortung, daß genau das Kleidungsstück, das Harriet gerade tragen wollte, im richtigen Moment zur Hand war.

So auch das marineblaue Kleid von Jean Muir. Hätte sie es vielleicht in die Reinigung geben sollen? Nein, es sah noch tadellos aus. Genauso wie das dunkelrote, golddurchwirkte Gina-Fratini-Kleid. Madge ging gewissenhaft alle Kleider im Schrank durch. Da hing noch das schöne jadegrüne Kleid im klassischen Stil von Roland Klein. Doch wo war der schwarze Samtanzug von Bruce Oldfield? Der fehlte! Der war wohl noch in New York, wo Harriet ihn zuletzt getragen hatte. Mist!

Falls Harriet ihn ausgerechnet heute abend anziehen wollte, würde sie als selbstverständlich voraussetzen, daß er hier im Schrank hinge, und ärgerlich sein, wenn das nicht der Fall wäre. Harriet legte großen Wert auf Genauigkeit. Und dieser Anzug war auf der Liste der Dinge verzeichnet, die sie für den Inselaufenthalt zusammengestellt hatte. Madge konnte nur hoffen, daß das Fehlen nicht bemerkt und Harriet sich sowohl heute abend als auch morgen für etwas anderes entscheiden würde. Madge überprüfte noch alle Abendschuhe und schloß den Schrank.

Als sie sich umdrehte, sah sie sich in dem hohen Spiegel, der neben dem Schlafzimmerfenster stand. Gedankenvoll betrachtete sie sich darin. Für ihr Alter sah sie wirklich nicht schlecht aus. Dabei waren die Jahre jenseits der Vierzig bekanntlich eine ungünstige Zeit für eine Frau. Bis jetzt hatte sie jedoch noch kein graues Haar, was allein schon ein Gewinn war. Madge überlegte, ob wohl Frank Bryan an der Party morgen teilnehmen würde. Als Geschäftsführer des Londoner Büros war er gewiß eingeladen worden. Aber ob er die Einladung annehmen würde, stand auf einem anderen Blatt.

Madge seufzte. Seit langem liebte sie Frank, aber der war mit seiner Arbeit verheiratet. Man hielt ihn für einen eingefleischten Junggesellen. Mit seinen einundvierzig Jahren lebte er noch immer mit seiner Mutter zusammen. Frank Bryan gehörte ebenfalls zum — wie Madge es heimlich nannte — 65er Club. Er war einer von Harriets Mitarbeitern, die von den übrigen als die »Privilegierten« bezeichnet wurden. Oder wie Piers sie etwas boshaft nannte: »Mutters lahme Enten«. Mitte der sechziger Jahre hatte Harriet nämlich eine Stiftung ins Leben gerufen. Die Zinsen aus diesem Vermögen sollten fähigen jungen Menschen, die auf Stipendien angewiesen waren, ein Vorwärtskommen ermöglichen. Diese Stiftung gab es noch immer, doch Harriet hatte lediglich in den ersten Jahren ihres Bestehens ein persönliches Interesse an den Ausgewählten gehabt. Für Madge, Bill Brereton und Bess Holland zum Beispiel hatte sie Arbeitsmöglichkeiten in ihrem eigenen Haushalt gefunden. Madge hatte sich oft darüber gewundert.

Sie wandte sich vom Spiegel ab und verließ das Schlafzimmer. Elena kam gerade die Treppe herauf.

»Hallo, Madge!« rief sie ihr zu und steuerte ihr Zimmer an. In der Tür blieb sie stehen.

»Weißt du schon, daß Mamma sich mit Edmund verlobt hat? Ist das nicht toll?«

»Toll!« bestätigte Madge und ging die Treppe hinunter. Als sie den oberen Flur betrat, kam Bess Holland aus dem Wohnzimmer. Sie sah etwas abgespannt aus.

»Hallo, Madge. Wenn jemand nach mir fragen sollte, ich bin ins Dorf unterwegs. Eben ist dort eine Flugzeugladung Blumen aus Athen angekommen. Ich nehme den Landrover.«

»Okay! Hast du schon von Mrs. Wingfield und Mr. Howard gehört?«

»Ja, und ich bin restlos begeistert. Du nicht auch?«

»Ich meine, es wurde auch langsam Zeit!«

Bess grinste. Madge konnte sich über nichts so recht begeistern. Grundsätzlich nicht. Obgleich diese Grundsätze von Madge Bess nie ganz verständlich waren. Zusammen gingen sie die zweite Treppe hinunter.

Unten ging es zu wie in einem Bienenstock. Unter Marias Führung wurde alles für das Festessen am Abend vorbereitet. Junge Angestellte aus dem Dorf brachten an der Hausfront farbige Lichterketten an, und Julia Contarini, die jedem im Weg stand, bemühte sich, die Blumen auf der Mitte des Tisches zu arrangieren.

Madge verzog sich unbemerkt in die Bibliothek auf der Rückseite des Hauses, wo sie ungestört telefonieren konnte. Sie wollte Frank Bryan anrufen, um herauszufinden, ob er an der morgigen Party teilnehmen würde.

Michael Contarini lag im Schatten einiger Felsen am Strand. Seine Söhne tummelten sich lachend im Wasser. Allmählich wurde es zu heiß. Weit besser wäre es, im Haus zu sein. Doch draußen war es ruhiger, und er wollte ungestört nachdenken. Er war gereizt, wußte aber eigentlich nicht, weshalb. Er wußte nur, daß es etwas mit seiner Mutter zu tun hatte. Was sie wohl damit meinte, sie hätte beim Dinner heute abend eine wichtige Mitteilung zu machen? Sie plante etwas, das war klar. Aber er hatte keine Ahnung, was es sein konnte. Und das machte ihn nervös. Und daß sie Piers als Mitarbeiter in die Firma aufnehmen wollte, darauf konnte er auch verzichten! Wie er bereits im Flugzeug Julia gegenüber bemerkt hatte, glaubte seine Mutter wohl, sie könnte den jüngeren Sohn dirigieren.

»Seinen Vater hat sie ja auch nicht zu zügeln vermocht, nicht wahr?« hatte Michael mit einer gewissen Verbitterung gesagt. »Da mußte Spiros mit einspringen.«

Julia, die gerade mit dem Lackieren ihrer Fingernägel beschäftigt war, mußte ihm recht geben. Doch Julia war viel zu naiv, um ein Gespür für Gefahren zu haben.

Michael erhob sich von seiner blauweiß gestreiften Luftmatratze und versicherte sich, daß noch zwei Köpfe aus dem Wasser herausragten. Es war keine Art, daß Julia und Elena ihm diese Aufgabe aufgehalst hatten. Kinder hüten war Frauenarbeit. Wie oft hatte er das seinen Vater sagen hören!

Kapitel 4

In der Ferne konnte Harriet das Ägäische Meer sehen: die weiße Gischt der heranrollenden Wellen, die gegen die von der Sonne gebleichten Felsen donnerten. In der Kühle des Abends war die Luft erfüllt vom Duft des Lavendels und der Verbene. An der Außenseite des großen Balkons hingen Blumenkästen mit Geranien in verschiedenen Farben. Morgen um diese Zeit würde das Haus voller Gäste sein, die ihren Geburtstag im Jet-set-Stil feiern würden: trinkend, tanzend und sich den neuesten Klatsch erzählend. Wie man sie so schön nennt: the beautiful People! Eine bunte Mischung berühmter Namen vom europäischen Hochadel, von Stars aus Pop- und Filmkreisen, von Millionären, die ihren Reichtum geerbt oder — wie Harriet — selbst erworben hatten.

Manchmal fiel es ihr schwer zu glauben, daß sie dieselbe Harriet Chance war, die in Winterbourn Green im Pfarrhaus aufgewachsen und zur Schule gegangen und die später täglich zwanzig Meilen mit dem Bus in die Grammar School in Cheltenham gefahren war. Mit sechzehn war sie jedoch — sehr gegen den Willen des Vaters — von der Schule gegangen, um eine Teilzeitarbeit als Stenotypistin beim Arbeitsamt in Gloucester anzunehmen.

Und doch gab es noch immer Momente, so wie sie jetzt vor ihrem Toilettentisch saß und ihr Spiegelbild betrachtete, in denen sie sich diesem jungen Mädchen doch sehr verwandt fühlte. Sechzig Jahre! Wie rasend schnell waren die vergangenen vierzig Jahre verflogen! Eigentlich bevor sie sich dessen bewußt gewesen war, daß sie überhaupt angefangen hatten. Es gab Augenblicke, da kam ihr das junge Ding von damals realer vor als alles übrige: Jene Harriet, die sich glücklich den Träumereien ihrer Jungmädchenzeit hingegeben hatte, bevor der Krieg und die amerikanischen Soldaten in ihr Leben getreten waren. Denn genau das war damals der Anfang von allem gewesen, der erste Schritt auf dem Weg, der unglaublicherweise zu einer griechischen Insel, einem New Yorker Penthouse und einer Villa in Cap Ferrat geführt hatte. Angefangen hatte das Ganze an dem Herbsttag im Jahre 1943, als sie Gerry Canossa zum erstenmal begegnet war, der vor dem Weißen Schwan in Stratford-upon-Avon gestanden hatte ...

Im Spiegelbild sah sie, wie Edmund hinter ihr auftauchte und ihr die Hände auf die Schultern legte.

»Aufgeregt?« fragte er.

»Aufgeregt? Ich bin einfach in Panik! Keine Ahnung habe ich, wie Michael und Piers auf alles reagieren werden.« Sie wandte sich ihm zu und sah ihn besorgt an. »Glaubst du, ich mach’s richtig, Liebling? Es dreht sich ja nicht nur um die Jungs, sondern wir müssen da auch an jemand anders denken. Jemand, der sich plötzlich mit einer ganz neuen Identität auseinandersetzen muß. Mit einer neuen Situation und einem völlig neuen Lebensstil.«

Harriet lehnte ihren Kopf an Edmunds Schulter. »Mache ich es auch richtig? Was meinst du?«

»Ich glaube, ja. Du korrigierst ja bloß einen Fehler, der vor vielen Jahren begangen wurde. Vielleicht hättest du es nur schon früher machen sollen. Ich weiß es auch nicht. Doch jedenfalls ist die Person, um die es sich handelt, heute erwachsen genug, um sich mit allem auseinanderzusetzen, was jetzt auf sie zukommt.«

»Aber stell dir vor, ich irre mich. Sollte ich dann nach so langer Zeit wirklich den lieben Gott spielen? Oder tue ich das alles vielleicht nur im eigenen Interesse? Das ist es nämlich, was mir Sorgen macht. Will ich vielleicht nur das eigene Gewissen beruhigen auf Kosten eines anderen? Du hast ja gehört, was Michael heute morgen gesagt hat. Er erträgt ja nicht mal den Gedanken, mit Piers teilen zu müssen!«

»Das kommt nur, weil sie sich nicht leiden können.«

Harriet seufzte und drehte sich wieder dem Spiegel zu. Gedankenverloren spielten ihre Finger mit den Kristallflaschen und den in Silber gefaßten Haarbürsten auf dem Toilettentisch. Sie sah sich im Spiegel mit dem halbfertigen Make-up und den noch unordentlichen Haaren. Dieses Grübeln war eigentlich nicht ihre Art. Man kannte Harriet sonst nur als eine resolute, sehr positiv eingestellte Frau, die sich durch nichts auf der Welt einschüchtern ließ.

In Gedanken war sie wieder in der Dorfschule von Winterbourn Green: die aufsässige Sechsjährige, die sich gerade heftig mit einer Klassenkameradin gestritten hatte, einer kleinen Rothaarigen, die — wie sie sich erinnerte — Dora Jenkins hieß. Sie war in Tränen ausgebrochen, nachdem sie durch einen Schubs von Harriet gestürzt war.

»Warte nur, Harry Chance!« hatte Dora Harriet wütend gedroht.

»Das werde ich meinem Vater erzählen! Du weißt ja, der ist Polizist!«