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Das Versprechen einer neuen Ära: Der ergreifende Schicksalsroman »Eine Zeit für die Liebe« von Brenda Clarke jetzt als eBook bei dotbooks. Zwei Seelen, füreinander bestimmt, und doch unendlich weit entfernt … London im Jahr 1946. Vieles hat sich verändert, seit der junge Amerikaner Henry die Stadt besucht hat, in der er im Krieg stationiert war: Fasziniert nimmt er die Klänge und Hoffnungen einer neuen Zeit, einer neuen Welt in sich auf – und lernt die schöne Katherine kennen, mit der ihn ein unverhofftes Band verbindet. Die helle Flamme der intelligenten jungen Frau, die nach Unabhängigkeit und Anerkennung strebt, nimmt ihn sofort gefangen – doch obwohl sie das Schicksal zusammengeführt hat, ist Katherine bereits einem anderen versprochen. Kann es für die beiden eine gemeinsame Zukunft geben? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die mitreißende Familiensaga »Eine Zeit für die Liebe« von Brenda Clarke. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 572
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über dieses Buch:
Zwei Seelen, füreinander bestimmt, und doch unendlich weit entfernt… London im Jahr 1946. Vieles hat sich verändert, seit der junge Amerikaner Henry die Stadt besucht hat, in der er im Krieg stationiert war: Fasziniert nimmt er die Klänge und Hoffnungen einer neuen Zeit, einer neuen Welt in sich auf – und lernt die schöne Katherine kennen, mit der ihn ein unverhofftes Band verbindet. Die helle Flamme der intelligenten jungen Frau, die nach Unabhängigkeit und Anerkennung strebt, nimmt ihn sofort gefangen – doch obwohl sie das Schicksal zusammengeführt hat, ist Katherine bereits einem anderen versprochen. Kann es für die beiden eine gemeinsame Zukunft geben?
Über die Autorin:
Brenda Clarke, auch bekannt unter dem Pseudonym Kate Sedley, wurde 1926 in Bristol geboren. Sie gehört zu den erfolgreichsten englischsprachigen Autorinnen von historischen Romanen, ihre Bücher wurden zu internationalen Bestsellern. 1969 begann sie ihre schriftstellerische Karriere und hat seitdem über 50 Romane geschrieben.
Bei dotbooks erscheinen Brenda Clarkes gefühlvolle Romane »Die Blume von Cornwall«, »Wie eine Rose im Frühling«, »Zeit der Ginsterblüte«, »Jahre des Sturms, Jahre der Hoffnung«, »Eine Zeit für die Liebe«, »Der Preis des Glücks«, »Schwestern für immer«, »Der Himmel über Glastonbury« und »Der Glanz der Sehnsucht«.
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eBook-Neuausgabe Juli 2022
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1988 unter dem Originaltitel »Under Heaven«.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1988 by Brenda Clarke
Published by Arrangement with Brenda Clarke
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1989 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Covergestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-98690-222-3
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Brenda Clarke
Eine Zeit für die Liebe
Roman
Aus dem Englischen von Marina van der Wal-Schrödter
dotbooks.
Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel
hat seine Stunde ...
Ecclesiastes, Kap. 3, v. 1-8
1946–1949
Streit hat seine Zeit,
Friede hat seine Zeit
Ecclesiastes
Mühelos fand er das Haus wieder: in einer ruhigen Allee, mitten in St. John’s Wood, fünf Minuten zu Fuß vom Marylebone-Bahnhof entfernt.
Es war ein dreistöckiges Haus, das den Namen The Lodge trug und weit abseits der Straße hinter einer hohen grauen Mauer lag. Ein breiter Kiesweg führte, an einer Zederbaumgruppe vorbei, zu einer wuchtigen Eichentür. Ein grimmiger Ort ... so hatte Henry es bereits bei seinem vorigen Besuch empfunden. Damals im Krieg, kurz vor der Invasion, als er – Angehöriger der Ersten US-Armee, auf den Beginn der zweiten Front wartete. Heute, an diesem herrlichen Oktobermorgen, war er wieder ein ganz freier Mann. Ins bürgerliche Leben zurückgekehrt – »back in civvy-street«, wie die Engländer es scherzhaft nannten – nachdem seine vier Dienstjahre und die Brustverletzung, die er während der Ardennenschlacht verpaßt bekommen hatte, ihm eine vorzeitige Entlassung aus der Armee beschert hatten. So schnell wie möglich war er nach England zurückgekehrt, taub für alle wohlgemeinten Ratschläge seiner Freunde.
»Bist du wahnsinnig, Hank? Du triffst dort nur Mangel und Trübsinn! Laß dir doch nichts von den vielen Bildern von Siegesfeiern und dergleichen vormachen!«
»Werd ich nicht! Aber die einzige Verwandtschaft, die ich habe, lebt in England. Mein Onkel Stephen wohnt in London.«
Was er nicht sagte, war, daß sein Onkel Präsident der Lynton’s Chemicals war und daß sein Vetter, Stephens einziges Kind, bei einem Luftangriff über dem Ruhrgebiet vor drei Jahren abgeschossen wurde. Er war sich nicht ganz sicher, wozu diese beiden Tatsachen beitragen würden, aber sein Instinkt sagte ihm, daß irgendeine Gelegenheit ihm winkte und es unklug wäre, keine Notiz von ihr zu nehmen.
Er ging auf das Haus zu. Weil er keine Klingel entdecken konnte, hob er den schweren Messingring, der an einem augenlosen Wasserspeierkopf hing – eine Kopie, wie er wußte, des Türklopfers zum Sanctuarium der Kathedrale von Durham –, und klopfte. Er mußte eine Weile warten, und das gab ihm Gelegenheit, sich umzuschauen und einen ersten Anflug von Erregung über seinen Empfang zu spüren.
Als er Anfang der Woche ein Treffen mit seinem Onkel ausmachen wollte, hatte er den Eindruck gehabt, daß die Einladung zum Lunch nur ungern erfolgt war. Von seinem ersten Besuch her konnte er sich an eine ziemlich grantige Haushälterin erinnern, und als die Tür geöffnet wurde, wappnete er sich für die bevorstehende Begegnung. Die junge Frau, die in der Türöffnung erschien, war ganz bestimmt alles andere als grantig und viel zu jung, um die furchterregende Mrs. Symonds zu sein. Henry schätzte sie auf ungefähr sein Alter, etwa vierundzwanzig Jahre oder womöglich noch jünger, und das erste, was ihm an ihr auffiel, waren ihre Augen: haselnußbraun, mit grünen Pünktchen. Eine Farbe, wie man sie meistens nur mit Rothaarigen in Verbindung bringt. Doch dieses Mädchen hatte glänzendes, kastanienbraunes Haar, hochfrisiert in einem im Krieg üblichen Pompadourstil und mit Kämmchen festgesteckt. Auf den zweiten Blick sah er ihre Beine: lang und schlank, ihr Reiz leider abgeschwächt durch flache Schuhe und häßliche, kunstseidene Strümpfe, die von den meisten Engländerinnen lieber getragen wurden als die noch unansehnlicheren Baumwollstrümpfe. Er konnte sich vorstellen, wie schön ihre Beine in Nylonstrümpfen aussehen würden. Er würde seine Freunde in Amerika veranlassen, welche zu schicken. Und im gleichen Augenblick entdeckte er noch etwas: Sie trug einen mit Diamanten besetzten Verlobungsring!
»Sie sind gewiß der Neffe von Mr. Lynton«, sagte sie und öffnete die Tür ganz. »Er erwartet Sie bereits. Bitte kommen Sie rein.«
Die Halle war noch genauso düster, wie Henry sie in Erinnerung hatte: zwei Fenster aus bleigefaßtem, farbigem Glas an beiden Seiten der Haustür waren die einzige Lichtquelle. Die schwache Herbstsonne wurde durch die farbigen Scheiben gefiltert und zauberte Lichtreflexe von strahlender Wärme auf die dunklen Mahagonimöbel.
Die junge Frau lächelte und reichte ihm ihre Hand. Sehr gepflegt, kein Nagellack, registrierte Henry. Tatsächlich, alles an ihr, einschließlich ihres strengen Schneiderkostüms mit der einfachen, weißen Bluse, deutete auf eine Sachlichkeit hin, die durch das jugendliche Gesicht in Frage gestellt wurde. Sie war nicht, was man im üblichen Sinn als schön bezeichnen würde: Ihre Züge waren etwas unregelmäßig, die Nase ein wenig zu lang geraten, der Mund etwas üppig, die Augen eine Spur zu weit auseinander. Aber wenn sie lächelte, vergaß Henry diese kleinen Mängel und war überzeugt, noch nie einer attraktiveren Frau begegnet zu sein.
»Ich freue mich«, sagte sie. »Ich heiße Katherine Grey und bin Mr. Lyntons Sekretärin. Da Mr. Lynton heute nicht ins Büro kommt, bat er mich, vorbeizukommen und einige Diktate aufzunehmen.« Ihre Augen zwinkerten. »So kann er sicher sein, daß ich den ganzen Nachmittag beschäftigt bin, wenn ich nach Lynton House zurückkehre. Wahrscheinlich hätte ich die Tür auch nicht öffnen sollen, aber ich ging gerade durch die Halle, als Sie klopften.«
Sie machte ein verschwörerisches Gesicht. »Mrs. Symonds wird bestimmt nicht begeistert sein.«
Während sie noch sprach, erschien die Haushälterin aus einem angrenzenden Zimmer: eine Frau im schwarzen Kleid mit scharfen Gesichtszügen und grauen Haaren. Vorwurfsvoll sah sie die beiden an.
»Aha, Miss Grey! Ich sehen, Sie haben Mr. Lynton bereits reingelassen.« Sie holte hörbar Luft und sah zu Henry hinüber; ihre blassen Augen zeigten ihr Mißfallen über sein unverkennbar amerikanisches Auftreten. »Mr. Lynton senior ist hinaufgegangen, um sich für den Lunch umzuziehen. Er bat mich, Sie einstweilen in den Salon zu führen.«
»Fein!« antwortete Henry burschikos, da er ihre Feindseligkeit gegen seinen Akzent und seine lockere transatlantische Art bemerkte. »Hier herein, nicht wahr? Soweit ich mich erinnern kann ...« Und er öffnete eine Tür an der rechten Seite der Halle, noch bevor Mrs. Symonds einen Schritt machen konnte. Er lächelte Katherine Grey freundschaftlich zu. »Nicht weglaufen, bitte! Bleiben Sie da und leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft, bis mein Onkel runterkommt.«
Katherine warf einen kurzen Blick auf das empörte Gesicht der Haushälterin und gluckste vor kaum unterdrücktem Lachen.
»Aber gern«, sagte sie bescheiden. »Vielen Dank, Mr. Lynton.«
Sie ging ihm in den mit Möbeln überladenen Salon voraus, und Henry schloß die Tür energisch hinter sich.
»Das war sehr ungezogen von uns beiden«, sagte Katherine grinsend. »Wir haben Mrs. Symonds für den Rest des Tages in Aufruhr versetzt.«
Sie ging zu einem Tisch in der Mitte des Zimmers.
»Darf ich Ihnen einen Sherry anbieten?«
»Wenn Sie haben, lieber einen Bourbon. Ich meine, einen Whisky. Mann! Ich vermute, ich hätte besser eine Flasche mitbringen sollen! Ich kann mich nicht daran gewöhnen, wie schwierig es ist, hier etwas aufzutreiben. Amerikanische Dollar scheinen aber wohl das ›Sesam, öffne dich‹ zu sein.«
»Sicher sind sie das«, antwortete Katherine trocken. »Und außerdem hat Mr. Lynton sowieso keinen Whisky im Haus. Ich fürchte, Sie müssen sich für einen süßen Sherry ... oder für nichts entscheiden.«
»Danke, nein!« Henry ließ sich in einen tiefen Chintzsessel fallen und sah sich um.
»Dieser Ort macht mir eine Gänsehaut! Es ist ja wirklich wie ein Mausoleum.«
»Wirklich? Ich hab noch nie darüber nachgedacht. So oft komme ich nicht hierher; nur wenn Mr. Lynton krank ist oder sonst einen Grund hat, nicht ins Büro kommen zu können. Aber wo Sie es jetzt sagen, haben Sie vielleicht recht. Ich glaube nicht, daß man irgend etwas geändert hat seit der Zeit, als der alte Mr. Lynton noch lebte.« Katherine sah Henry leicht verwundert an.
»Aber natürlich, der alte Mr. Lynton müßte Ihr Großvater gewesen sein!«
»Der alte Josh! Natürlich! Mein Vater stritt sich immer heftig mit dem alten Knaben und wurde mit dem sprichwörtlichen Shilling abgefunden. Er ist in die Staaten ausgewandert. Das müßte etwa 1910 gewesen sein, als er etwas jünger war, als ich es jetzt bin. Er lernte dort meine Mutter kennen und heiratete sie 1920. Zwei Jahre später kam ich zur Welt. Aber nicht lang danach ging meine Mutter auf und davon. Der Schock über meine Geburt muß wohl zu groß für sie gewesen sein. Sie verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen.«
So locker Henry sprach, so überschattete doch ein Hauch von Schmerz eine Sekunde lang sein Gesicht. Doch genauso schnell war er wieder verschwunden und machte Platz für sein gewinnendes Lächeln.
»Mein Vater starb, als ich sechzehn Jahre alt war, und seitdem habe ich auf eigenen Füßen stehen müssen. Konserven-Biografien! Fertig, während Sie warten!« scherzte Henry. »Also, das wäre meine Lebensgeschichte. Wie steht’s mit der Ihrigen?«
Katherine saß auf der Lehne der Polsterbank, wie ein Vogel, der bereit war, sofort wegzufliegen.
»Ach, meine Geschichte ist ganz alltäglich«, wehrte sie ab. »Sie würde Sie gar nicht interessieren.«
»Na, lassen wir’s drauf ankommen. Sind Sie beispielsweise nicht etwas jung, um Privatsekretärin des Präsidenten von Lynton’s Chemicals zu sein?«
Sie richtete sich auf und warf ihm einen prüfenden Blick zu, ob sie etwa ein Zeichen oder einen Blick voll Überheblichkeit entdecken könnte. Aber nichts dergleichen, sondern nur echtes Interesse. Sie entspannte sich und lächelte.
Henry war ganz und gar nicht das, was Katherine erwartet hatte, als sie erfuhr, daß der Neffe ihres Arbeitgebers zum Lunch eingeladen war. Sie hatte die langen, leicht pferdeähnlichen Lyntonschen Züge erwartet, mit hoher Stirn und schmalem Kinn, hellen Haaren und Augen, von schlankem Wuchs und meistens etwa 1,8o Meter groß. Statt dessen sah sie einen kräftigen, gutgebauten jungen Mann von mittlerer Größe vor sich. Das kantige Gesicht mit den Sommersprossen wurde von rotem Haar umrahmt. Einen Kontrast hierzu bildeten die kühlen, grauen Augen mit den rotblonden Wimpern. Eine ungewöhnliche und faszinierende Farbzusammenstellung, überlegte Katherine: wie Feuer und Eis. Der allgemeine Eindruck war der eines gutaussehenden, gutgekleideten jungen Mannes. Doch von Henry ging eine gezügelte Energie aus, die nicht sofort auffiel. Nachdem sie sich aber dessen bewußt geworden war, bemerkte sie eine winzige Beschleunigung ihres Pulses, eine unerwartete Welle von Erregung, die ihr durch die Adern floß. Katherine hatte mal eine Fotografie des verstorbenen Geoffrey Lynton gesehen, und sie konnte nur vermuten, daß Henry, was sein Aussehen betraf, seinen Verwandten mütterlicherseits ähnlich sah.
»Na?« mahnte Henry, als sie zögerte, seine Frage zu beantworten. Er erwiderte ihren prüfenden Blick unbefangen, erfreut über ihr deutliches Interesse an ihm. »Sie sind jung, nicht wahr, für solch einen verantwortungsvollen Posten?«
»Finden Sie? Na ja, wahrscheinlich bin ich das. Aber es gibt da auch noch gute Gründe. Erstens bin ich einfach gut in meinem Beruf. Ich spreche Französisch und Spanisch genauso gut, wie ich Stenografie beherrsche. Zweitens war es während des Krieges gar nicht so einfach, Mitarbeiter für private Unternehmen zu bekommen. Sogar heute, mehr als ein Jahr nach Kriegsende, gibt’s noch eine Menge Frauen, die Uniform tragen. Und drittens« – ihre Blicke kreuzten sich, und erneut schenkte sie ihm ihr charmantes Lächeln – »meine Verwandten kennen die Ihrigen schon seit ewigen Zeiten. Mein Großvater mütterlicherseits war im Bergbau beschäftigt, und meine Mutter selbst arbeitete im Haushalt auf Chapel Rock. Sie war dort zu den schwindelerregenden Höhen einer Chef-Serviererin aufgestiegen, bevor sie meinen Vater heiratete und nach Plymouth fortzog.«
»Chapel Rock. Das ist doch der Ort in Cornwall, stimmt’s? Vater hat mir oft davon erzählt. Wenn Sie mich fragen, war er im Herzen krank vor Heimweh bis zu seinem Tode.«
»Das wundert mich nicht. Es ist ein so schöner Ort.«
Katherine Grey hob ein bezauberndes Bein, und ihr Rock rutschte dabei über das Knie. Ihre Beine wurden – so konnte Henry feststellen – nach obenhin immer schöner. »Es liegt im Norden Cornwalls«, fuhr sie fort. »Es war das Gebiet der Kupferminen, bis die Adern erschöpft waren. Heute sind die Minen alle verlassen.«
Was sie nicht hinzufügte und er bestimmt schon von seinem Vater her wissen mußte, war, daß das Kupfer genügend Arsenvorräte zurückgelassen hatte, um den Lyntons und anderen Familien zum zweitenmal ein Vermögen zu bescheren. An erster Stelle, weil sie an die Pestizidfabriken in Nordamerika verkauft wurden, um die Verwüstungen durch die Rüsselkäfer auf den Baumwollplantagen der Südstaaten zu verhindern, und ferner, weil sie von Joshua Lynton als Grundlage seiner eigenen chemischen Fabrikation benutzt wurden. Statt dessen stand sie auf, zog ihren Rock glatt und hielt ihm nochmals ihre Hand hin.
»Ich muß gehen. Ich muß leider zurück ins Büro und meine Briefe tippen. Auf Wiedersehen, Mr. Lynton. Bleiben Sie lange in England? Ich nehme an, wir werden uns wohl nicht wiedersehen?«
Henry stand ebenfalls auf. »Darauf würde ich nicht wetten.« Er umschloß ihre Hand. Es war eine starke, feste Hand, stellte Katherine fest, mit spatelförmigen Fingern. Eine Hand, die an Arbeit gewöhnt war. »Ich weiß wirklich noch nicht, wie lange ich hierbleibe. Das hängt von vielem ab.«
Sie hatte das Empfinden, daß er von ihr die übliche Frage erwartete, deshalb wollte sie – typisch Frau – ihm den Gefallen nicht tun.
»Ich muß wirklich gehen«, wiederholte sie und fügte hinzu, während sie die Tür öffnete: »Hier ist Mr. Lynton bereits.«
Wenn Stephen Lynton etwa darüber verärgert war, daß seine Sekretärin ihre Zeit in seinem Salon vergeudete, so zeigte er es nicht. Im Gegenteil, es kam Henry so vor, als ob der Blick, der Katherine streifte, fast wohlwollend war, und er hielt ihr die Tür auf, als sie hinausging.
»Ich freue mich, daß Miss Grey sich um dich gekümmert hat, Henry. Ich wüßte nicht, was ich ohne sie anfangen sollte. Was ich ohne sie anfangen werde«, verbesserte sich Stephen, und Henry erinnerte sich an den Verlobungsring. »Eine sehr bemerkenswerte junge Frau.«
Seine Stimme war ruhig und sehr britisch: distanziert und emotionslos. Henry vermißte die Überschwänglichkeit seiner Landsleute, die begeisterten Begrüßungen, selbst, wenn sie manchmal nicht ganz ernst gemeint waren. Bei den Engländern konnte er nie genau sagen, ob sie tatsächlich froh waren, ihn zu sehen, oder nicht. – Henry fand, daß sein Onkel seit ihrer letzten Begegnung bedeutend gealtert war. Stephen war jetzt 65 Jahre alt, und der Tod seines einzigen Kindes, das zur Welt gekommen war, als er selber etwas über vierzig war, sowie der Tod seiner Frau, genau vor Kriegsausbruch, hatten ihm einen empfindlichen Schlag versetzt. Er war ein typischer Lynton: groß und schlank, mit schmalen Hüften und feingeformten Händen und Füßen. Er war mager, ja ... fast abgezehrt, die Gesichtshaut spannte sich über den Knochen, so daß der Schädel sich abzeichnete. Seine Lippen waren blutleer und die Augen von einem müden Blau. Keiner hätte einen größeren Kontrast zu ihm darstellen können als sein Neffe, mit seinen roten Haaren und strotzend vor Lebenskraft.
Mrs. Symonds erschien in der Türöffnung:
»Wenn Sie soweit sind, Mr. Lynton? Dann möchte ich Sie zum Lunch bitten!«
Es war eine angenehme Mahlzeit. Abgesehen von der Lebensmittelknappheit, war Mrs. Symonds bekannt als eine »gute, einfache Köchin«, was in ihrem Fall soviel bedeutete wie das völlige Fehlen von jedem Schmackhaften und ein Übermaß an magenfüllender, schwerverdaulicher Kost.
»Man braucht eine gute Grundlage für den Magen«, war eine ihrer beliebten Redensarten. Heute bestand diese »Grundlage« aus einer dicken, klebrigen Gemüsesuppe und einem »Steak und Nierenauflauf«. »Zwei Wochen Fleischration«, hatte sie dem Mädchen gegenüber, das drei halbe Tage pro Woche in der Küche aushalf, gemurrt: Anschließend gab es einen Zuckerrübenkuchen mit Vanillecreme. Der Kaffee, den sie ihnen zum Schluß servierte, war mit Zichorie gemischt und ausgesprochen dünn. Echter Kaffee war schwer zu bekommen, und auch dann nur durch Tauschhandel »unter dem Ladentisch«. Ein Zeitaufwand, den Mrs. Symonds nicht für angebracht hielt.
Henry schob die halbleere Tasse fort und zündete sich erleichtert eine Zigarette an, nachdem er die von seinem Onkel höflich angebotene Zigarre dankend abgelehnt hatte. Er machte einen tiefen Lungenzug und versuchte, sich einige passende Redewendungen ins Gedächtnis zu rufen, den glatten »smalltalk«, womit er die Mahlzeit zu verschönern vorgehabt hatte. Vor seiner Ankunft hatte alles so leicht ausgesehen: Er würde seinem Onkel ganz einfach seinen Vorschlag unterbreiten, von Mann zu Mann. Aber es war ganz anders gelaufen. Der Raum mit seiner dunklen, verschossenen Tapete in einem galligen Grün, mit den schweren viktorianischen Bildern mit toten Fasanen und blutbefleckten Hasen, mit der Fülle der ihn von allen Seiten umringenden, altmodischen Möbel ... dieses Zimmer hatte ihn regelrecht gelähmt. Dazu kam noch, daß die Art seines Onkels ihn auch nicht gerade ermutigte. Die Unterhaltung beschränkte sich dadurch auf vollkommen Unwesentliches. Was er von Präsident Truman hielt? Der Wiederbelebung des Ku-Klux-Klans? Stimmte er der Hinrichtung von Pierre Laval zu? Dem Nürnberger Kriegsgericht? Hatte er seit seiner Ankunft in London Gelegenheit gehabt, sich irgendeine Aufführung anzusehen? King Lear mit Laurence Olivier im Neuen Theater sollte – wie behauptet wurde – wirklich einen Besuch wert sein! Genau wie beim erstenmal gab es keine Fragen über Henrys Eltern, über sein Leben in den Staaten. Kein natürliches Interesse für einen Bruder, den Stephen seit seinem dreißigsten Lebensjahr nicht gesehen hatte und den er auch nie wiedersehen würde.
Ein Blick auf das Bild seines Großvaters, Joshua Lynton, am Ende des Eßzimmers zwischen den blutigen Stillleben, welche die übrigen Wände schmückten, ließ Henry die starke äußerliche Ähnlichkeit zwischen Vater und ältestem Sohn erkennen. Und er zweifelte auch nicht daran, daß diese Ähnlichkeit mehr als nur rein äußerlich war. Da war derselbe humorlose Zug um den Mund, derselbe abweisende Blick in den Augen. Kein Wunder, daß sein eigener Vater, der, wenn man von seinen übrigen Fehlern absah, ein warmer, liebevoller Mensch gewesen war, mit seiner Verwandtschaft überhaupt nicht ausgekommen war. Henry schoß die Frage durch den Kopf, wie es wohl seinem Vetter Ralph ergangen sein mochte.
»Sir«, begann er, aber er wurde unterbrochen, weil sein Onkel aufstand.
»Wollen wir in den Salon gehen? Es kommt mir hier ziemlich kühl vor. Das Heizmaterial, weißt du. Es ist alles noch streng rationiert. Aber ich bin sicher, daß es Mrs. Symonds gelungen ist, irgendein Feuer im anderen Zimmer zu machen.«
Der Oktobertag war schwül, und Henry war es unangenehm warm, trotz der dicken Mauern und des schattigen Inneren des Hauses. Widerstrebend folgte er Stephen durch die Halle zum Salon und setzte sich, so weit die Höflichkeit es zuließ, weg vom kleinen Feuer, das funkensprühend auf dem schwarzen Bleirost loderte. Sein Onkel wählte den Sessel gleich neben dem Kaminfeuer und beobachtete seinen Neffen aufmerksam über einen niedrigen Intarsientisch hinweg. Stephen war es unbehaglich zumute – seit dem Augenblick, als Henry vor drei Tagen angerufen hatte. Die Nachricht, er sei in England, war ein unangenehmer Schock für ihn gewesen. Bis zum ersten Besuch, Anfang des Jahres 1944, hatte Stephen überhaupt vergessen, daß er einen Neffen besaß. So etwas wie Liebe hatte es zwischen beiden Brüdern nicht gegeben, und als Geoffrey nach Amerika auswanderte, hatte Stephen nichts anderes als Erleichterung gespürt. Das Leben würde ohne ihn bedeutend weniger kompliziert sein.
Der Bruch zwischen beiden war fast vollständig gewesen. Lediglich drei Briefe waren in diesen vergangenen Jahren von Geoffrey eingetroffen. Der erste war achtzehn Monate nach seiner Ankunft in den Staaten abgeschickt worden und enthielt eine Anschrift in Atlantic City. Der zweite Brief hatte, nach einer Unterbrechung von zehn Jahren, seine Heirat mit Miss Nancy O’Halloran bekanntgegeben. Und die dritte und letzte Nachricht schließlich, im Frühjahr 1922, hatte ihn ohne viel Umschweife darüber informiert, daß sein Sohn Henry am zweiten Februar geboren war und daß seine Frau ihn und das Kind – kaum, daß sie sechs Wochen aus dem Bett war – verlassen hatte. »Irisch! Und zweifellos eine Katholikin!« hatte Joshua geschnaubt. »Was kann er auch sonst erwarten, wenn er eine von denen heiratet?« Joshua starb zehn Monate später, und Stephen war, mit der ganzen Verantwortung als Chef der Firma, mit seiner Ehe und der anschließenden Vaterschaft, keine Zeit verblieben, sich um seinen Bruder zu kümmern. Geoffreys letzter Brief war unbeantwortet geblieben, und er selber war ihm allmählich aus dem Gedächtnis entschwunden, bis Stephen sich an seine Existenz nur. noch mit Mühe erinnern konnte. An Henry hatte er überhaupt nicht mehr gedacht, bis zu diesem unseligen Tag im März – ein Jahr, nachdem Ralphs Flugzeug über dem Ruhrgebiet abgeschossen wurde –, als sein Neffe Lynton House im West-End angerufen hatte. Henry hatte ihm mitgeteilt, daß er »irgendwo in England« stationiert sei und einige Tage Urlaub in der Hauptstadt verbringen wolle. Ob er seinen Onkel wohl mal besuchen dürfe?
Stephen beabsichtigte, den heutigen Besuch genauso knapp zu halten wie den ersten. Damals wie heute empfand er Henrys bloße Anwesenheit als äußerst anstrengend. Obwohl er ganz ruhig dasaß, spürte er fast körperlich, wie seine Lebenskraft immer weniger wurde. Henry hatte überhaupt nichts von den Lyntons an sich, und es kam Stephen in den Sinn, daß seine Schwägerin möglicherweise seinen Bruder sogar betrogen haben könnte.
Aber wenn auch ein derartiger Verdacht aufkeimte, so erinnerte ein flüchtiger Ausdruck auf Henrys Gesicht Stephen doch lebhaft an Geoffrey. Er weckte lang vergessene Erinnerungen an zwei kleine Jungen, die in den Gärten von Chapel Rock spielten und sich auf den Kaskaden von Wegen, die zu den Kalköfen und zum Kai führten, vergnügten ...
Stephen wurde durch die Stimme seines Neffen jäh aus seinem Tagtraum gerissen und bemerkte, daß er den Anfang dessen verpaßt hatte, was Henry gesagt hatte:
»... so dachte ich mir, daß du mir als deinem einzigen noch lebenden Verwandten vielleicht einen Posten in der Firma geben möchtest. Offen gesagt, hoffte ich, daß du – jetzt, wo Ralph nicht mehr da ist – vielleicht bereit wärst, mich als deinen Erben zu betrachten. Schließlich«, fügte Henry hinzu, »bin ich doch dein nächster Verwandter. Wenn ja, wäre ich auch bereit, die britische Staatsangehörigkeit anzunehmen.«
Die Kühnheit und das Unerwartete dieses Vorschlages verschlug Stephen fast die Sprache. Es bestärkte ihn in seiner Überzeugung, daß die Amerikaner wohl die anmaßendste und unsensibelste Rasse der Welt waren. Seine unmittelbare Reaktion war, ein lautes »Nein« auszurufen, aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Der Grund, weshalb er weder das eine noch das andere tat, war die Erinnerung an ein Gespräch, das er kürzlich mit seinem Rechtsanwalt geführt hatte, der ihn im vergangenen Jahr dauernd gedrängt hatte, ein neues Testament aufzustellen.
»Jetzt, wo Ralph nicht mehr lebt ...« John Morley, der Seniorchef von Morley, Stafford und Browne der Kanzlei Lane, war nie einer gewesen, der wie die Katze um den heißen Brei redete.
»Du mußt neue Vorkehrungen treffen, Stephen! Was soll aus Lynton’s werden, wenn du mal nicht mehr bist? Oder schon, wenn du dich zurückziehst? Du bist jetzt 65 geworden. Wir kommen nicht drumherum, du bist kein junger ... ja, nicht mal mehr ein Mann in den mittleren Jahren. Es ist schade, zu schade, daß du keine Verwandten hast. Es wird ein trauriger Tag sein, wenn Lynton’s eines Tages aufhӧrt, Lynton’s zu sein, nach der vielen und harten Arbeit, die du und dein Vater reingesteckt haben, um den Betrieb so erfolgreich zu machen, wie er heute ist.«
Aber gewiß hatte er einen Verwandten, auch wenn er diese Tatsache John Morley gegenüber damals nicht erwähnt hatte. Er sah hinüber zu seinem Neffen und fragte barsch: »Und was, bitte, weißt du überhaupt über die chemische Industrie? Was weißt du über die Herstellung von Pestiziden, Kunstdünger und dergleichen? Du hast ja gar keine Ausbildung als Pharmazeut oder als Chemiker!«
»Ob ich eine derartige Ausbildung habe oder nicht – was wüßtest du schon davon?« konterte Henry herausfordernd. »Nicht ein einziges Mal hast du mich nach meinem Leben gefragt. Oder nach dem, was ich vor dem Krieg getan habe. Übrigens: Deine Vermutung ist richtig! Ich weiß absolut nichts über die chemische Industrie, aber ich könnte es ja lernen! Nicht um Chemiker zu werden. Ich nehme an, du beschäftigst bereits solche Leute. Ich könnte mir aber vorstellen, daß du selber auch kein ausgebildeter Chemiker bist! Was du aber sein mußt und was jeder Manager sein muß, das ist ein guter Vorgesetzter und ein guter Kaufmann!«
Henry lehnte sich nach vorn, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Augen leuchtend vor Begeisterung.
»Vor dem Krieg war ich selber Kaufmann. Und ich kann dir versichern, daß ich ein verdammt guter war. Gewiß, mit einem kleinen Gehalt, das geb ich zu. Aber ich platze fast vor Einfällen. Onkel Steve!«
Der ältere Mann zuckte zusammen bei der unvertrauten Verkürzung seines Namens. Kein Mensch hatte ihn je anders genannt als Stephen. »Ich könnte Lynton’s zu einem Begriff machen! Ich weiß genau, daß ich es könnte! Ich fühle es ... hier!« Und Henry zeigte auf seine Brust, sich vage bewußt, daß die theatralische Geste seinem Onkel nicht gerade sympathisch war. Er mäßigte seinen Ton ein wenig und versuchte, die Begeisterung in seiner Stimme etwas zu unterdrücken. »Ich könnte Lynton’s zu einem internationalen Konzern machen!«
Stephen antwortete kühl, mit einer Stimme, in der kalte Wut mit Empörung rang: »Zu deiner Information, junger Mann, Lynton’s ist bereits ein Begriff, wie du es zu nennen beliebst. Es braucht überhaupt nicht größer zu werden!«
»Aber sicher!« Henry schlug vor Begeisterung auf die Sessellehne. »Lynton’s ist vielleicht in England tonangebend, doch kein Mensch in den Staaten hat je davon gehört! Aber das wird sich ändern, mit der richtigen Werbestrategie. Verstehst du denn nicht, Onkel Steve, daß uns hier die Chance zu einem Neubeginn geschenkt wird? Diese Nachkriegszeit könnte Shakespeares tapfere neue Welt werden! Es könnte eine neue Renaissance bedeuten, im Stile des 20. Jahrhunderts. Technik und Forschung haben durch zwei Weltkonflikte einen gewaltigen Fortschritt innerhalb von dreißig Jahren gemacht. Allein während des letzten Krieges sind unsere Kenntnisse auf jedem Gebiet sprunghaft vorangekommen. Lynton’s darf da einfach nicht zurückbleiben!«
»Und du glaubst, du wärst der Mann, der dieses Wunder zustande bringen könnte?« fragte Stephen trocken. Er fühlte sich plötzlich alt und vollkommen erschöpft. »Lynton’s eigener, persönlicher Messias, herabgesandt, um uns das Evangelium des Marktes zu verkünden.«
»Ich könnt es«, wiederholte Henry eigensinnig. »Und – was noch wichtiger wäre – der Betrieb würde in der Familie bleiben. Ich habe nicht die Absicht, Junggeselle zu bleiben.«
Katherine Greys Gesicht kam ihm dabei lebhaft in den Sinn. Zwar erinnerte er sich an den Verlobungsring. Doch Verlobungen können ja gelöst werden!
»Es werden andere Lyntons da sein, um mir nachzufolgen. Und zukünftige Lyntons, die nach ihnen kommen.«
Katherine Grey verließ ihre Einzimmerwohnung in Holland Park und nahm die U-Bahn nach Piccadilly Circus. Als sie in der strahlenden Oktobersonne dort ausstieg und in Richtung Coventry Street ging, stieg ihre Stimmung unmerklich. Etwas später erwiderte sie den Gruß des Pförtners von Lynton House, bevor sie in den Fahrstuhl stieg und den Knopf zum vierten Stockwerk drückte.
Eigenartig, so wunderte sie sich über sich selber, wie sie sich immer gleich besser fühlte, wenn sie zur Arbeit ging. Ganz gleich, wie deprimiert oder gar elend sie sich fühlte. Sie liebte ganz einfach ihren Job. Sie fand es herrlich, Stephen Lyntons Sekretärin zu sein, sie liebte das Gefühl der Autorität, das er ihr gab. Doch es war auch noch etwas anderes: Sie liebte die ganze Atmosphäre der großen Geschäftswelt, die Schocks und Aufregungen, die Begeisterung nach einem erfolgreichen Abschluß, die tiefe Enttäuschung, wenn etwas schiefgelaufen war. Wahrscheinlich war es auch das Gefühl, teilnehmen zu können an dieser Männerwelt, die sie so aufregend fand. Eine Welt, von der Frauen – trotz der wichtigen Rolle, die sie in zwei Weltkriegen gespielt hatten – fast immer noch ausgeschlossen waren. Sie ging in Stephens Zimmer und öffnete den Terminkalender, bevor sie in ihrem Zimmer nebenan Hut und Mantel ablegte. Als sie in ihrer Handtasche nach der Puderdose suchte, berührten ihre Finger den Brief, den sie morgens aus Deutschland erhalten hatte. Ihr Verlobter war noch immer dort als Angehöriger der britischen Besatzungsmacht.
»Endlich! Ich habe Bescheid bekommen, wann ich entlassen werde«, hatte Robert geschrieben. »Nächstes Jahr im Juni werde ich wahrscheinlich wieder daheim sein. Du kannst also schon anfangen, Hochzeitsvorbereitungen zu treffen. Ich möchte nicht länger warten als unbedingt nötig. Das bedeutet zwar, daß wir vorerst bei meinen Eltern wohnen werden, aber du wirst wohl nichts dagegen haben. Es wird wundervoll sein, immer beisammensein zu können, nach so vielen Jahren der Trennung.«
Katherine saß unbeweglich da und starrte in die Luft. Sie hielt den Brief noch immer in der Hand. Warum verursachte die Nachricht, Sergeant Robert MacNeice der königlichen Pioniere würde heimkommen, um sie zu heiraten, ein solches Gefühl der Bestürzung in ihr?
Gewiß würden die meisten Frauen begeistert sein von der Aussicht, ihren Beruf aufgeben zu können, um nur noch Frau und Mutter zu sein. Vielleicht war es auch nur die Aussicht, in Edinburgh – Hunderte von Kilometern von Verwandten und Freunden entfernt – leben zu müssen, die ihr so viel Schrecken einjagte. Oder der Gedanke, das Haus mit Roberts Eltern teilen zu müssen, die sie bis heute noch gar nicht kannte. Das mußte es wohl sein. Denn welchen Grund könnte sie sonst haben?
Sie hatte ihn während des Krieges in der Kantine kennengelernt, wo sie abends aushalf. Er verbrachte gerade einen zehntägigen Urlaub in London und war gleich am ersten Tag bei strömendem Regen auf einen Sprung reingekommen auf eine Tasse heißen Tee und etwas Unterhaltung.
Alles war ihm lieber, als die Unpersönlichkeit eines unbekannten Pubs ohne Freunde ertragen zu müssen. Sie mochten sich auf den ersten Blick, und auf Roberts Drängen hatte sie für den Rest seines Urlaubs in der Kantine Krankheit vorgetäuscht. Aber selbst er konnte sie nicht dazu überreden, ihren Job bei Stephen Lynton aufzugeben. Auch wenn er noch so spöttelte, daß es sich ja nur um »einen Schreibtischjob bei einer privaten Firma« handelte.
»Das kann man nun wohl nicht eine ausgesprochen kriegswichtige Arbeit nennen, oder?« hatte er sie provoziert.
»Was anderes kennst du wohl nicht?« war ihre gereizte Antwort gewesen. Das war das einzige Mal gewesen, daß sie sich gestritten hatten. Und als er wieder zu seiner Einheit zurück mußte, betrachtete Katherine sich mehr oder weniger als mit ihm verlobt. Sie war nach Plymouth gefahren, um es ihrem Vater zu erzählen. Victor Grey hatte sie aber mit seinen schlauen blauen Augen angesehen und ihr geraten, kein Narr zu sein. Trotzdem hatte sie seinen Rat nicht beachtet, denn sie mochte Robert MacNeice wirklich sehr. Und wenn es ihr auch gelegentlich klar wurde, daß mögen nicht das gleiche war wie verliebt sein, unterdrückte sie ihre Bedenken. Zuneigung, fand sie, sei eine sehr gesunde Basis für eine Ehe. Die große Leidenschaft gab es in Wirklichkeit weit weniger, als die meisten Dramatiker und Schriftsteller uns glauben machen wollen.
Victor Greys zynische und leicht egozentrische Lebensbetrachtung hatte sein einziges Kind weit mehr beeinflußt, als einer von beiden sich bewußt war. Victor war in seiner Dienstzeit als Hauptbootsmann sehr beliebt wegen seiner Bereitschaft, den Bestraften beizustehen, wann immer ein Disziplinarverfahren an Bord stattfand. Weil er sich gern den Autoritäten widersetzte, wurde er zwar liebevoll »roter Vic« genannt, doch hatte er sich trotz seiner eingefleischten Aggressionen zu einem ausgezeichneten Ersten Schreiber emporgearbeitet und immer nur hervorragende Zeugnisse von seinen jeweiligen Vorgesetzten ausgestellt bekommen.
Nachdem er die königliche Marine im Jahre 1936 wegen eines schwer angegriffenen Herzens als dienstuntauglich verlassen hatte, war Victors Publikum auf zwei Personen zusammengeschrumpft: Katherine und seine unverheiratete Schwester, die die beiden seit dem Tod seiner Frau betreut hatte. Margery Grey hatte für die radikalen Gedanken ihres Bruders nie Zeit gehabt und sagte ihm allen Ernstes, nichts für diesen »bolschewistischen Unsinn« übrig zu haben. Bevor sie ihr väterliches Haus verließ, hatte Katherine aber genügend von Victors Lebensauffassung abbekommen, um dem Leben gegenüber eine reifere Einstellung erlangt zu haben, als sonst für eine Achtzehnjährige üblich war. Auch jetzt, mit dreiundzwanzig Jahren, war sie immer noch eine typische Tochter ihres Vaters. Doch es war ihr nie so richtig klargeworden, wie sehr seine Meinungen und Einstellungen sie geformt hatten.
Katherine fand ihre Puderdose – mit dem Wappen der königlichen Pioniere auf dem gerillten Deckel ebenfalls ein Andenken an Robert – und puderte sich die Nase.
Gerade als sie die Dose wieder schloß, hörte sie den Summer von Stephen Lyntons Zimmer. Sie ergriff Notizblock und Bleistift und ging hinein.
Der Anblick von Henry Lynton vor einem der Fenster, die auf Rupert Street hinausgingen, überraschte sie. Sie hatte wirklich nicht erwartet, ihn wiederzusehen. Hinter dem Rücken seines Onkels strahlte er sie freudig an. Fast hätte sie das Lächeln genauso erwidert. Sie korrigierte sich aber noch rechtzeitig und lief schnurstracks zum Stuhl an der anderen Seite von Stephens Schreibtisch.
»Guten Morgen, Mr. Lynton.« Sie setzte sich und schlug die Beine übereinander, den Bleistift in der Hand.
»Nein, meine Liebe. Legen Sie das ruhig beiseite. Ich habe noch kein Diktat vorbereitet. Sie kennen meinen Neffen ja schon. Sie haben ihn vergangene Woche auf The Lodge kennengelernt.« Es entstand eine kleine Pause, so als ob er sich sträubte, weiterzusprechen. Er legte seine langen; knochigen Finger zusammen und sah Katherine prüfend an.
»Mr. Henry wird demnächst in unsere Firma eintreten.«
Stephen lächelte mühsam, als Katherine ihn erstaunt ansah. »Selbstverständlich wird er ganz unten anfangen, Fabriken besichtigen und so, damit er das Geschäft in- und auswendig kennenlernt. Ich halte es aber für eine gute Idee – das heißt, es war Mr. Henrys Wunsch –, daß er vorher unseren Familienbesitz kennenlernt.«
Stephen legte die Hände auf den Tisch und räusperte sich. »Und da mein Neffe dieses Land noch nicht gut kennt, wäre ich Ihnen dankbar, meine Liebe, wenn Sie ihn begleiten würden. Sie könnten dann einige Abende mit Ihrem Vater verbringen und am Tage Mr. Henry nach Chapel Rock begleiten. Wenn Sie sich die erforderlichen Zugverbindungen heraussuchen, könnten Sie morgen früh schon fahren. Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, daß alle anfallenden Unkosten von der Firma übernommen werden und die beiden Tage natürlich nicht vom jährlichen Urlaub abgezogen werden.«
»Se ... selbstverständlich!« Katherine war dermaßen erstaunt, daß sie über ihre Antwort stolperte. Doch sie war auch angenehm überrascht. So würde es ihr möglich sein, ihren Vater und die Tante zu besuchen. Und außerdem: Der junge Amerikaner war ihr durchaus sympathisch! »Es wird mir ein Vergnügen sein!«
Stephen nickte. »Das wäre also geregelt. Und wenn Sie mir die Nummer raussuchen, werde ich Mrs. Hislop anrufen und ihr mitteilen, daß sie Sie beide Mittwoch zum Lunch erwarten kann. Gut!«, er machte eine Handbewegung, »das wär’s für heute. Ich werde Sie später noch zum Diktat rufen. Oh, und sagen Sie bitte Miss Parker Bescheid. Ich hätte gern, daß sie die nächsten Tage Ihren Platz einnimmt.«
Katherine stand auf und wollte schon zur Tür gehen. Sie zögerte aber und drehte sich noch mal um. Stephen hob fragend die Augenbrauen.
»Heute morgen bekam ich einen Brief von meinem Verlobten, Mr. Lynton. Er wird nächstes Jahr im Juni entlassen und möchte dann umgehend heiraten. Ich fürchte, das bedeutet für mich, hier aufhören zu müssen. Leider! Ich dachte mir, Ihnen besser rechtzeitig Bescheid zu geben, damit Sie reichlich Zeit haben, sich um eine Nachfolgerin zu kümmern.«
»Du meine Güte«, seufzte Stephen. »Ich werden Sie vermissen, meine Liebe. Na ja. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre Rücksichtnahme.«
Henry öffnete die Verbindungstür zu ihrem Zimmer.
»Also bis morgen, Miss Grey.«
Sie lächelte ihm zu. »Bis morgen. Wegen der Züge sage ich Ihnen noch Bescheid.«
Henry lehnte sich auf seinem Sitzplatz nach vorn und sprach den Namen des Bahnhofs aus:
»Dawlish Warren.« Er lachte. »Toll, was ihr in diesem Land für Ortsnamen habt!« Sie fuhren mit der GWR-Linie über Bristol und Taunton. Seit Exeter hatten sie das Abteil erster Klasse für sich allein. Ein Lunchpaket, das die Firmenkantine für sie eingepackt hatte, hatten sie sich bereits geteilt, und Katherine bekam allmählich das Gefühl, Henry Lynton schon ihr Leben lang zu kennen. Er hatte ihr von seinem früheren Leben in Atlantic City erzählt und von seinem leichtsinnigen, aber charmanten Vater. Sie hatte erfahren, wie er sich durch das College geboxt hatte, nebenbei jeden Abendjob annehmend, der sich gerade anbot. Nach der Abschlußprüfung hatte er sich einen Job bei der gigantischen Clifford Corporation geangelt, deren Interessengebiet von Autos bis zu Medikamenten reichte. Nur war ihm leider kaum Zeit zum Einarbeiten geblieben – entgegen dem, was er seinem Onkel erzählt hatte –, da Amerika sich an dem Krieg beteiligte. Er wurde eingezogen und schließlich nach England geschickt. Dort hatte er seinen Onkel aufgesucht und von dem Tod seines Vetters Ralph erfahren. Das hatte seinen Lebenslauf geändert. Zwar hatte er das nicht offen ausgesprochen, doch für Katherine lag die Folgerung klar auf der Hand. Er war schließlich Stephen Lyntons einziger noch lebender Verwandter. Da war es nur begreiflich, daß er sich als den natürlichen Erben betrachtete. Ob Mr. Lynton es auch so sah oder nicht, davon hatte Katherine keine Ahnung. Doch sie vermutete, daß Stephen diese Reise arrangiert hatte, um sich eine Weile von Henrys Anwesenheit frei zu machen und sich das Ganze noch mal zu überlegen. Jedenfalls hatte er zugestimmt, seinen Neffen in die Firma aufzunehmen. Dies wenigstens war ein Schritt in die Richtung, die Henry vor Augen schwebte, und der ihm die Basis gab, die er sich wünschte.
Als Gegenleistung für diese privaten Einzelheiten hatte Katherine einiges von sich erzählt; unter anderem die Tatsache, daß ihre Eltern sich nie recht verstanden hatten.
»Mein Vater war meistens gar nicht daheim. Er fuhr zur See, wodurch sie sich eigentlich nie richtig kennenlernen konnten. Überhaupt« – fügte Katherine achselzuckend hinzu – »war meine Mutter für ihn eigentlich nicht gescheit genug. Vater hatte die Realschule in Devonport besucht, doch Mutter besaß keine große Bildung. Sie arbeitete bereits in Chapel Rock, als sie vierzehn war. Ihre Verwandten waren Bergarbeiter und Pächter. Großvater Grey war Beamter und gehörte dem Mittelstand an.« Katherine lächelte entschuldigend. »Sie werden bald herausfinden, wie besessen die Engländer von ihrem Klassenbewußtsein sind. Unser Kastensystem ist hier fast so kompliziert wie in Indien. Mutter starb, als ich zwölf Jahre war. Ich glaube, es ist Vater nicht sehr nahe gegangen.« Katherine erzählte ihm auch von Robert.
»Seine Eltern besitzen eine eigene Bäckerei in Edinburgh. Vielleicht sollte ich lieber sagen: Sein Vater hat sie. Die Schotten lieben es, die Frauen aus dem Berufsleben fernzuhalten. Frauen sind nur für den Haushalt da.«
»Aber doch heute nicht mehr!« rief Henry aus. Doch seine Entrüstung war – wie Katherine registrierte – eigentlich nicht so groß.
»Hier auf den Inseln verändert das Leben sich nun mal recht langsam«, erklärte sie. »Um unsere Denkart zu ändern, braucht man mehr als zwei Weltkriege und ein paar Atombomben. Und je weiter man nach Norden kommt, um so konservativer sind die Menschen.«
»Ja, warum heiraten Sie denn den Burschen?«
Das aber ging Katherine zu weit. Und zu schnell. Denn das war gefährlicher Boden, sumpfiger Treibsand. Und sie war noch nicht bereit, ihn auszuprobieren.
»Ganz einfach: weil ich ihn liebe«, antwortete sie sehr bestimmt. Und beendete damit die Unterhaltung. Einige Minuten herrschte Stille zwischen ihnen, die erst unterbrochen wurde durch Henrys begeisterte Rufe, als der Zug seinen Weg der Küste entlang zwischen Dawlish und Teignmouth fortsetzte. Er schob das Fenster runter und schaute in den schönen, abwechslungsreichen Herbsttag hinaus, bestaunte das Sonnenlicht, wie es glitzerte und tanzte zwischen den Wellen. Er sah sich die Wölkchen an, die in immer neuen Gebilden am Himmel entlangjagten. Wie ein kleiner Junge ist er, überlegte Katherine, der das erste Mal den Ozean sieht, wie er so den späten Feriengästen am Strand zuruft und einigen erschrockenen Kindern, die nach Krabben suchen, ein Päckchen Kaugummi zuwirft. Aber dann bog der Zug landeinwärts in Richtung Newton Abbot und folgte dem Lauf der Teign, und die Strände wurden den Blicken entzogen.
Henry schloß das Fenster und setzte sich wieder in seine Ecke. Da sie sich aber gegenübersaßen, berührte er sie beim Hinsetzen leicht mit dem Knie. Beide registrierten den Körperkontakt, und sie sahen sich sekundenlang an, bevor Katherine ihren Blick wieder der vorbeihuschenden Landschaft zuwandte. Wütend war sie, als sie feststellen mußte, daß sie rot wurde und eine diesbezügliche Bemerkung von Henry befürchtete. Doch alles, was er sagte, war: »Welches Hotel würden Sie mir nachher in Plymouth empfehlen?«
»Darüber habe ich auch schon nachgedacht.« Ihre Röte verflog wieder. Sie sah ihn lächelnd an, heilfroh, daß sie ihre Haltung wiedergewonnen hatte.
»Warum wohnen Sie nicht bei uns? Ich könnte für die beiden Nächte das Zimmer mit meiner Tante teilen, und Sie bekommen mein Schlafzimmer. Meine Tante wird sicher nichts dagegen haben, und mein Vater wird begeistert sein. Wegen seiner Herzgeschichte geht er nicht mehr oft aus, und er liebt eine Zuhörerschaft. Er kann sehr unterhaltsam sein, wenn er nicht gerade frustriert oder verärgert ist.«
»Also, wenn Sie sicher sind, daß es Ihrer Tante nicht allzuviel Arbeit macht, dann nehme ich Ihr Angebot gern an.«
»Ich werde vom Bahnhof North Road aus anrufen und sie fragen, ob es ihr recht ist. Aber ich bin überzeugt, daß es klappt.«
Der Bungalow lag in einem Vorort von Plymouth und bot einen weiten Blick über Dartmoor und die geisterhaft weißen Hügel in Porzellanton. Es war ein rechteckiger Bau aus Kalkstein, umgeben von einem großen Garten, der früher bestimmt mal hübsch gewesen war, jetzt aber vernachlässigt aussah und zu einer Wildnis geworden war. Einige rostfarbene Chrysanthemen kämpften an der umringenden Mauer ums Überleben, und einige verregnete Michaelis-Margeriten sorgten am Weg für etwas Farbe. Der Rasen war voller Unkraut und mußte dringend gemäht werden.
Margery Grey war in der Küche, als Katherine und Henry durch die Hintertür hereinkamen. Sie nahm gerade einen Schub Fladen aus dem Ofen und knallte – laut vor sich hin schimpfend – das Backblech auf den Gasherd. Sobald sie ihre Nichte sah, machte sie ihren Gefühlen Luft. »Das kann ich dir sagen, Kate, hier bleibe ich nicht, wenn er so weitermacht. Mich so zu blamieren in Gegenwart der Pfarrersfrau! Das akzeptiere ich nicht länger!«
Katherine wußte, daß es eine leere Drohung war. Sie drückte einen liebevollen Kuß auf die runzlige Wange ihrer Tante.
»Was hat Vater denn jetzt wieder ausgefressen? Allem Anschein nach hat er sich mal wieder danebenbenommen. Liebes, das hier ist Mr. Lyntons Neffe Henry. Mr. Lynton, das ist meine Tante Margery Grey.«
»Aber ich bitte Sie, nennen Sie mich einfach Hank. So nennt mich jeder daheim. Ich freue mich sehr, Miss Grey! Es ist reizend, daß Sie mich nach so kurzer Voranmeldung eingeladen haben.«
»Ach, du lieber Himmel. Freue mich ebenfalls.« Margery wischte sich die bemehlten Hände an der Schürze ab.
»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Lynton ... eh, Hank also! Was für ein Empfang! Aber wirklich, Kate, er bringt mich in Rage! Einfach der Pfarrersfrau zu erzählen, was er früher getan hat! Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht so geschämt!«
Katherine gluckste vor Lachen. »Was hat er denn gesagt?« Ihre Tante rümpfte die Nase. »Glaube mir, wiederholen kann ich es nicht. Besser, du fragst ihn selber! Und er tut es absichtlich. Er haßt alles, was mit der Kirche zu tun hat. Hat er schon immer getan. Sagt, daß die Geistlichen und ihre Frauen lauter neugierige Schnüffler sind!«
Katherine drehte sich nach Henry um. »Kommen Sie mit ins Wohnzimmer und lernen Sie den alten Übeltäter selber kennen. Und anschließend werde ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen.«
Victor Grey saß neben dem kalten Kamin in seinem Lehnstuhl. Für ein Kaminfeuer war der Tag viel zu warm. Als seine Tochter mit dem Gast hereinkam, sah er Katherine hinterlistig grinsend an.
Das Zimmer maß fast die gesamte Länge des Bungalows. Ein großes Fenster gab den Blick auf die Heidelandschaft frei. Ein heller, luftiger Raum mit zeitlosen Möbeln in verschiedenen Brauntönen, wie man sie in vielen Häusern im ganzen Land antraf. Auffallend war lediglich eine große Kristallvase mit einer Fülle von dunkelroten Rosen und eine Fotografie im Silberrahmen, die Victor in Marineuniform neben den heißen Brunnen von Rotorua zeigte.
Katherine beugte sich hinab und küßte ihren Vater, bevor sie ihm Henry Lynton vorstellte.
»Ich bin sehr froh, Sie kennenzulernen, Sir. Bitte behalten Sie Platz. Hat man Ihnen schon mal gesagt, wie sehr Sie dem Schauspieler James Cagney ähneln?«
Victor Grey kicherte. »Sehr oft schon. Wir sind auch fast gleich groß.« Er wandte sich wieder Katherine zu. »Was hat das ›Königin-Mary-Geschenk‹ in der Küche über mich erzählt?«
»So darfst du aber nicht über Tante Margery reden«, warf Katherine ihm vor. »Du darfst sie nicht so in Aufruhr versetzen und so ungezogen zur Pfarrersfrau sein.«
»Blöde alte Kuh!« rief Victor wütend. Er imitierte eine vornehme, hohe Stimme: »Ich befürchte, daß es bei der Marine sehr viel ... eh ... unnatürlichen Sex gibt, Mr. Grey. Zu Ihrer Zeit damals haben Sie bestimmt auch schon davon gehört. Äußerst beunruhigend, finde ich!«
»Du meine Güte!« Katherine sah ihren Vater prüfend an.
»Und was hast du darauf gesagt?«
»Ich sagte: Meinen Sie etwa analen Sex, Gnädigste? Sicher gab es das. Und ich habe ihr erzählt, wie man uns regelmäßig untersucht hat, wenn wir an Land kamen. Jeder mußte sich splitternackt nach vorn beugen und laut den Namen seines Schiffes rufen. Impregnable, Indomitable, Glorious, Marigold.«
Victor sah Henry von der Seite an, der sich schüttelte vor unterdrücktem Lachen, und blickte dann seine Tochter herausfordernd an.
»Also gut. Es tut mir leid, daß ich Margery so gereizt habe. Aber nicht, daß ich Frau Soundso schockiert habe. Frauen wie sie sind ja alle gleich. Sie wollen unanständige, kleine Neuigkeiten, schön verpackt in nette Worte, damit sie ihre ehrbaren Hände in angeblicher Empörung heben können, wenn sie sie an ihre Bekannten weitergeben. Aber die Dinge beim richtigen Namen nennen, das wollen sie nicht.«
»Das Problem mit deinen Geschichten ist«, sagte Katherine ernst, »daß man nie genau weiß, was wahr daran ist und was nicht. Du wirst dich bitte noch vor dem Abendessen bei Tante Margery entschuldigen. Oder ich sitze nicht mit dir am gleichen Tisch. Und Mr. Lynton ebenfalls nicht. Dann werden wir in der Küche essen.«
Und zu Henry: »Bitte ermutigen Sie ihn nicht auch noch durch Ihr Lachen. Wenn Sie mir bitte folgen, dann zeige ich Ihnen Ihr Zimmer.«
Henry nahm seine kleine Reisetasche und folgte ihr gehorsam durch den langen Korridor zu einem der beiden Schlafzimmer mit Blick auf die Allee. Katherine zeigte ihm das Badezimmer.
»Bitte entschuldigen Sie diesen häuslichen Streit«, sagte sie, schon wieder lächelnd. »Er ist wirklich unmöglich. Weiß der Himmel, wie meine Tante es mit ihm aushält. So sehr ich meinen Vater liebe, ich könnte nicht dauernd mit ihm zusammensein.«
Henry setzte sich auf die Bettkante. »Also bitte, Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen! Er ist ein Prachtkerl! Ich mag ihn, so wie er ist. Aber woher hat er ein so angegriffenes Herz? So alt ist er doch noch nicht.«
»Neunundfünfzig ist er. Ich vermute, es hat angefangen, als er als Schreiber an Bord eines Rotkreuzschiffes bei der königlichen Marine war, das im Ersten Weltkrieg torpediert wurde. Er hat damals stundenlang im eiskalten Wasser gelegen, bevor er rausgefischt wurde. Doch der wirkliche Schaden wurde in den Tropen verursacht. Er trug gerade einen Topf mit kochendheißem Tee von der Kombüse zur Offiziersmesse, als er ausrutschte und seinen Bauch und die Oberschenkel dabei schlimm verbrühte. Durch die Tropenhitze hat es ewig gedauert, bis die Brandverletzungen ausheilten. Wahrscheinlich hat dies seinem Herzen sehr geschadet.« Sie zuckte die Schultern. »Was auch die Ursache gewesen sein mag, er wurde jedenfalls 1936 dienstuntauglich geschrieben. Seit etwa zehn Jahren ist er ein halber Invalide und haßt diesen Zustand.«
Henry blinzelte sie durch halbgeschlossene Augen an.
»Er wird Sie bestimmt vermissen, wenn Sie da ganz oben in Schottland sein werden.«
»Er wird es überleben«, antwortete Katherine stur. »Immerhin besser, als wenn ich alle fünf Minuten vor der Tür stehen würde. Wir sind uns viel zu ähnlich. Jeder von uns beiden liebt es, seinen eigenen Weg zu gehen.«
Victor Grey bestätigte ihre Meinung beim Abendessen, als er unumwunden erklärte, Zweifel zu hegen hinsichtlich Katherines Heirat mit Robert MacNeice, während sie die Einzelheiten für die Hochzeit mit ihrer Tante besprach.
»Ich habe es dir schon mal gesagt, Kate, du bist eine Närrin. Robert ist ein netter Kerl, aber er ist ein Schotte. Und für sie ist eine Frau ihr Eigentum. Das wird dir nicht gefallen, mein Mädel! Du bist nämlich genau wie ich: herrisch.«
»Also Vater, ich bitte dich ...« begann Katherine mit vor Ärger geröteten Wangen. Henry sah, wie Margery Grey sichtlich nervös wurde, weil sie einen Familienstreit befürchtete, und griff besänftigend ein: »Ich sehe, Sie waren in Neuseeland, Sir.« Er deutete auf die Fotografie:
»Wenn ich mich nicht irre, ist das Rotorua!«
Victor legte Messer und Gabel hin und drehte sich nach dem Bild um.
»Stimmt.« Seine Augen leuchteten vor Begeisterung.
»Ein wunderbarer Ort. Ein wunderbares Land! Neuseeland ist der zweitschönste Ort, den Gott geschaffen hat. Und die Mädchen erst! Wundervolle Mädchen! Richtig heißblütige Frauen, wie Frauen eben sein sollen. Wenn wir in den Hafen einfuhren, standen sie in Reih und Glied am Kai, vier oder fünf Reihen dicht. Sie konnten es kaum erwarten, daß wir an Land gingen.«
Henry grinste. »Wenn Neuseeland der zweitschönste Ort ist, welcher ist dann der schönste?«
»Tonga«, antwortete Victor ohne Zögern. »Das ist das Paradies.« Sein Blick verschleierte sich, seine Stimme wurde heiser vor Erregung. Er legte seine geäderte Hand auf Henrys Arm. »Ich sage Ihnen, wenn ich damals nicht verheiratet gewesen wäre und ein Kind gehabt hätte, dann wäre ich in Tonga runter vom Schiff und wäre den Spuren der Bounty-Meuterer gefolgt.« Es war einen Augenblick still, und Henry fiel auf, daß Katherine ganz ruhig dasaß.
»Na ja«, sagte sie schließlich mit einem spröden Lachen, »muß ich nun dankbar sein oder es bedauern, daß dein Verantwortungsgefühl schließlich gesiegt hat?«
Die Schatten der alten Erinnerungen, der unerfüllten Träume und der halbvergessenen Wünsche wichen von Victors Gesicht. Er lachte etwas verlegen in sich hinein und griff wieder nach Messer und Gabel.
»Das war wohl ein Volltreffer, was, Mädel?« Er sah über den Tisch. »Wo bleibt der Senf? Man ißt doch keinen Schinken ohne Senf. Wie oft muß ich dir das noch sagen, Marge? Und das blöde Salz hast du auch wieder vergessen!«
»Ich hole sie.« Katherine sprang auf, bevor ihre Tante sich rühren konnte. »Wo sind sie? Im Küchenschrank?« Sie knallte ihrem Vater den Senftopf und das Salzgefäß vor die Nase. »Was du brauchst, mein lieber Vater, ist die königliche Marine«, sagte sie scharf.
Victor brüllte vor Lachen. »Sehen Sie?« sagte er triumphierend zu Henry. »Das ist nichts für sie, einen Schotten zu heiraten. Diese Art von Scharfsinnigkeit wird er niemals tolerieren. Versuchen Sie sie bitte etwas zur Vernunft zu bringen. Bevor es zu spät ist!«
»Ihr Vater hat recht. Sie sollten diesen Schotten gar nicht erst heiraten.« Henry sah geradeaus auf den Wagen vor ihnen. Ohne den Ton seiner Stimme zu ändern, fügte er hinzu: »Warum heiraten Sie eigentlich nicht lieber mich?« Margery hatte nach dem Frühstück vorgeschlagen, daß sie mit ihrem kleinen Austin 7 nach Chapel Rock fahren könnten.
»Ich benötige ihn ja neuerdings höchstens für die Stadt und habe reichlich von meiner Benzinzuteilung übrig. Ich bekomme nämlich eine Sonderzuteilung, wegen Victor. Der Tank ist noch voll.« Sie suchte in ihrer Handtasche nach den Benzinkarten. »Hier sind noch einige Abschnitte für den Fall, daß du nachfüllen mußt.«
Und so kam es, daß Katherine und Henry um elf Uhr fünfzehn an diesem strahlenden Oktobertag sich den wartenden Autos anschlossen, um mit der Torpoint-Fähre den Tamar zu überqueren. Sie hatten bisher wenig gesprochen. Henry war entsetzt über die Verwüstungen in Plymouth gewesen, und Katherine war gezwungen, ihre Aufmerksamkeit auf das Fahren zu konzentrieren, da die Straßen ohne die vertrauten Kennzeichen aus ihrer Kindheit so vollkommen verändert aussahen. Wenn sie an die Häuser vor dem Krieg zurückdachte, verstörte sie der Anblick der provisorischen Geschäfte in den Wellblechbaracken mehr, als sie sich selber eingestehen wollte. Irgend jemand hatte ein einfaches Holzkreuz an eine Mauer der zerstörten St.-Andrew-Kirche genagelt, mit einem einzigen Wort als Aufschrift: resurgam. Ich werde wieder auferstehen.
Devonport sah nicht viel besser aus. Die Werft war eine der Hauptzielscheiben der deutschen Bomber gewesen, und ganze Straßenviertel in der Umgebung waren ausradiert worden. Katherine hatte sich etwas entspannt, als sie die Autoschlange erreichten, und konzentrierte sich auf die Strecke, sobald sie den Fluß überquert hatten. Henrys Bemerkung, so aus heiterem Himmel, traf sie völlig unvorbereitet.
»Wie bitte?« fragte sie, nach Luft schnappend. Es konnte doch wohl nicht sein Ernst sein! Sie sah ihn von der Seite an, doch er lächelte.
»Haben Sie geglaubt, es wäre mir ernst?«
»Nein«, sagte sie und wurde rot. »Nein, natürlich nicht!«
»Seien Sie nicht allzu sicher!« sagte er, fast wie zu sich selbst. Er sprach so leise, daß Katherine nicht wußte, ob sie ihn richtig verstanden hatte. So entschied sie sich, die Bemerkung zu überhören. Sie beobachtete die lange Reihe der Fahrzeuge, die von der Fähre kommend an ihnen vorbeifuhren. Dann fuhr sie den Austin langsam an die Betonrampe heran. An Bord kurbelte die das Fenster herunter, lehnte aber Henrys Vorschlag ab, draußen etwas die Beine zu strecken.
»Sie können ja gehen, wenn Sie möchten«, sagte sie zu ihm. Sie wollte lieber in Ruhe nachdenken. Doch auch er blieb im Wagen und erzählte ihr wortgewandt über sein Leben in der Armee und über alles, was seit seiner Entlassung passiert war. Katherine hörte ihm zu und gewann allmählich wieder Kontrolle über ihre konfusen Gedanken. Es wurde ihr jetzt zum erstenmal klar, wie ehrgeizig Henry Lynton war. Ab und zu sprach er, als ob die Firma bereits ihm gehörte. Sie mußte ein anerkennendes Grinsen unterdrücken. Der hatte wirklich eine große Portion Selbstvertrauen! Oder, wie er es wohl formulieren würde: Schultern wie ein Sackträger! Wie dem auch sei, sie war von seinen Zukunftsplänen für die Firma beeindruckt – sollte er je Gelegenheit bekommen, sie zu verwirklichen! Sie bedauerte nur, daß sie nicht dabei sein würde, wenn es soweit käme.
»Wir sind gleich da«, sagte sie. »Die Auffahrt ist um die nächste Ecke.« Zuerst waren sie in westlicher Richtung gefahren, dann nach Norden abgebogen und durch Polbathick und St. German’s, Landrake und St. Mellion gefahren, bevor sie in einem Irrgarten von Landstraßen landeten, wo die Bäume in ihrem herbstlichen Schmuck die Hügel mit flüssiger Bronze übergossen. Der Wagen holperte über eine bucklige Brücke und fuhr die Straße hoch zu einem weit geöffneten Eisentor. Dahinter war der Weg flach und asphaltiert, schlängelte sich zwischen Unmengen Rhododendronsträuchern hindurch und führte schließlich zu der breiten, mit Kies bestreuten Auffahrt vor dem Haus.
Henry öffnete den Mund vor Staunen.
»Gütiger Himmel!« Er schnappte nach Luft. »Nie habe ich geglaubt, daß es so was wirklich gibt. Ich habe immer gedacht, daß solche Orte der überhitzten Phantasie von Hollywood zu verdanken sind.«
Chapel Rock war ein großes, dreistöckiges Haus mit unzähligen Schornsteinen und Türmchen. Die grauen Granitmauern waren mit Knöterich und Rosen bewachsen. Ein französisch angelegter Garten führte über drei Terrassen hinab zu einer Festungsmauer mit einer weißen Pforte. Hinter der Mauer schlängelten sich viele schmale Pfade durch einen Wald von Sträuchern und blühenden Stauden zu einem Taubenschlag und einem mit Wasserrosen bedeckten Weiher. Die Abgrenzung bildete eine Reihe von Bäumen, durch die hindurch man einen Blick auf eine breite, glitzernde Wasserfläche erhaschen konnte.
Nach Henry stieg auch Katherine aus dem Auto. Er war so perplex, daß er völlig vergaß, ihr in seiner höflichen amerikanischen Art behilflich zu sein.
»Da unten fließt der Tamar«, erklärte sie ihm. »Auch der Privatkai von Chapel Rock, die alten Kalköfen und das ehemalige Verkaufsbüro sind dort. Ich werde Ihnen nach dem Lunch alles zeigen. Aber kommen Sie erst mal mit rein. Mrs. Hislop wird uns wohl schon erwarten.«
Die Haushälterin freute sich sehr, sie zu sehen. Vor allem Katherine, die sie seit ihrer Geburt kannte.
»Deine Mutter und ich traten unseren Dienst hier gleichzeitig an«, rief Mrs. Hislop ihr in Erinnerung. »Nach ihrer Heirat brachte sie dich oft mit, wenn sie mich besuchte.« Emsig ging sie den beiden durch die große, mit Marmorfliesen ausgelegte Halle voran. Sie schob ein paar Übergardinen aus verblichenem Samt zurück und sagte: »Bei so schönem Wetter wie heute muß ich wirklich alle Gardinen schließen, da die Sonne sich – sogar in dieser Jahreszeit – verheerend auf die alten Möbel auswirkt. Ein Jammer ist das! Aber Mr. Stephen kommt ja nie hierher und will keinen Pfennig mehr in dieses Haus investieren. Er beabsichtigt, es eines Tages zu verkaufen. Jedenfalls spricht er schon lange davon. Und dann werden Hislop und ich beide ohne Arbeit sein. Na ja! Wir dürfen wohl nicht klagen, denn wir sind hier jetzt schon fünfundvierzig Jahre und fast im Rentenalter.«
Henry sah sich noch immer um wie einer, der zu träumen glaubt.
»Ist das da drüben eine richtige Waffenrüstung?« sagte er leise zu Katherine. »Ich meine, eine richtig alte und keine Imitation?«
Sie mußte lachen. »Ja sicher, die ist echt. Sie hat angeblich einem der früheren Besitzer von Chapel Rock gehört. Soviel ich weiß, muß das ein gewisser De Sallis gewesen sein. Ihr Urgroßvater hat ihm, etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts, Chapel Rock abgekauft.«
Katherine hielt inne und zeigte hinauf. »Sehen Sie die viereckige Form dort in der Mauer, rechts von der kleinen Galerie? Das ist ein Guckloch. Man kann da hindurch von einem der höher gelegenen Korridore alles sehen, was sich unten in der Halle abspielt. In dem gleichen Korridor gibt es auch ein Fenster, durch das man in die Privatkapelle sehen kann. Wenn man in früheren Zeiten krank war und sich von den übrigen Familienmitgliedern fernhalten mußte, gab es trotzdem keine Entschuldigung, um sich eine langweilige Predigt nicht anhören zu müssen.«
Mrs. Hislop führte sie durch eine mit altem grünem Tuch bekleidete Tür in die Personalräume.
»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, hier in der Küche mit Hislop und mir zu essen?« fragte sie. »Es ist nämlich der einzige Raum im Haus, der gemütlich ist. Der übrige Teil ist, wie ich schon sagte, wirklich nicht für Besuch geeignet. Manche Zimmer sind sowieso abgeschlossen. Und das übrige ... na ja«, sie hob die Schultern, »ich tue, was ich kann, mit Staubtuch und Staubsauger. Aber für eine Frau ist es eigentlich zu viel. Die vielen Evakuierten im Krieg haben überhaupt nicht mit Hand angelegt.«
