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Adam Ingliz hat einen Traum, ein einziges Ziel: Professor für Sprachwissenschaften in Oxford zu werden. Er verlässt den Sudan und durchquert Europa auf dem ›Ameisenweg‹, der ihn über Graz in den ›Dschungel‹ von Calais führt. Dort harren Tausende in Zelten aus, um in einem Schlauchboot oder unter einem Lastwagen den Ärmelkanal zu überqueren. Er aber beschließt, sich einen Heißluftballon zu besorgen – um zu fliegen wie die Raben, denen er sich mehr und mehr zuwendet. ›Der Rabe, der mich liebte‹ ist ein Roman über Flucht, Entscheidungen, die man trifft, und über die Liebe in all ihren Facetten. Mit Humor und Empathie für seine Figuren kreiert Abdelaziz Baraka Sakin mehrstimmig die Lebensgeschichte eines Migranten, der unverrückbar an seinem Traum festhält. Eines zum Scheitern Verurteilten, dessen Tragik für viele steht. Und dessen Geschichte durch die Erzählungen seiner Freunde so fantastisch erscheint wie E. A. Poes Rabe, der spätnachts an die Türe klopft.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2024
ABDELAZIZ BARAKA SAKIN ist eine bedeutende Stimme der arabischsprachigen Literatur in Europa. 1963 in Kassala im Sudan geboren, begann er seine Karriere als Prosaautor und wurde bald von den islamistischen Machthabern in Khartum verfolgt. Der Großteil seiner Bücher ist in seinem Heimatland verboten, sie finden aber unter der Hand weite Verbreitung. Sakins Werke wurden mittlerweile in elf Sprachen übersetzt und vielfach prämiert. Der Messias aus Darfur erschien 2021 auf Deutsch. Sakin war als Lehrer und für verschiedene internationale Organisationen tätig, darunter für UNICEF in Darfur und das internationale Kinderhilfswerk Plan International. 2023 wurde er mit dem Ordre des Arts et Lettres in Frankreich ausgezeichnet und war 2022/23 Grazer Stadtschreiber. Während seines Aufenthalts in Graz ist der vorliegende Roman entstanden. Der Autor lebt in Österreich und Frankreich.
LARISSA BENDER ist Literaturübersetzerin aus dem Arabischen, Journalistin und Arabischdozentin. Sie hat zwei Anthologien über Politik und Kultur in Syrien herausgegeben. Zu den von ihr übersetzten Autorinnen und Autoren gehören u. a. Samar Yazbek, Dima Wannous, Ghayath Almadhoun, Hamed Abboud, Mustafa Khalifa, Khaled Khalifa und Abdalrachman Munif.
Abdelaziz Baraka Sakin
Roman
―
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Klingenberg
Für Maryam Bit Abu Dschabrin, meine Mutter
Der du das Steuer drehst und windwärts schaust,Denke an Phlebas, der einmal stattlich war und groß wie du.
T. S. Eliot: Das öde Land
Ein reines Herz
Geburt, Einsamkeit, Muwanza
Ein Besucher klopft an die Tür meines Zimmers
Der Mittelweg
Befreites Gebiet
Die Ballongeschichte nach der Erzählung von Meister Mamdouh
Der Nabelbock
An meine Zahra
Abu Dijako
Die Rose des Körpers
Die Betrachtung der Leere
Von einer routinemäßigen Dienstreise aus Paris kommend, traf ich ihn zufällig in der österreichischen Stadt Graz am Bahnhofseingang, gleich neben der riesigen elektronischen Tür, die die Außenwelt vom Inneren des Bahnhofs trennt. In der rechten Hand hielt er eine fast heruntergebrannte Zigarette, von der schwacher Rauch aufstieg und an der eine filigrane, nicht abgeklopfte Stange Asche hing. Die linke hatte er ausgestreckt und bettelte damit die Leute um Geld an.
Ich erkannte ihn sofort, obwohl er sich in den zwei Jahren sehr verändert hatte. Er war so dünn wie ein Bambusrohr, gealtert, das Haar wuschelig und der Bart, durch den sich graue Haare zogen, sah aus, als wäre er seit anderthalb Jahren mit keinem Rasierapparat in Berührung gekommen. Er war eingehüllt in eine Wolke aus Biergeruch und faulem Gestank von billigem Crack; beides hatte er früher nicht konsumiert. Seine ehemals sehr schwarze, glänzende Haut war fahl und gelblich geworden. Die gutmütigen, großen Augen waren das Einzige, was von meinem alten Freund Adam Saad Saadan, genannt Adam Ingliz, übriggeblieben war. Die Pupillen waren gleichsam unveränderliche und fälschungssichere Identitätsausweise.
Erwartungsvoll trat ich auf ihn zu, streckte ihm zur Begrüßung die Hand hin und rief begeistert:
»Adam Ingliz!«
Er tat zwei Schritte zurück, ohne mir die Hand zu geben, so dass meine Hand einen Augenblick in der Luft hing, bevor ich sie enttäuscht herunternahm. Dann starrte er mich mit einem kalten, prüfenden Blick wortlos an. Er schwieg einen Augenblick, als suchte er in den Gängen seines abwesenden Verstands nach meinem Bild oder Namen. Dann nahm er einen kurzen, nervösen Zug von seiner Zigarette, aschte auf den Boden und stieß mehrere Rauchfäden in die Luft. Schließlich zog er seine Hose ein Stück hoch, diese Jeansshorts mit den großen aufgenähten Taschen, die so aufgebläht waren, als steckten Luftballons darin. Seine langen Beine, die zwischen den Shorts und den Lederschuhen herausschauten, ähnelten zwei großen Bronzepfeilern. Darauf hin kam er mir so nah, dass seine trockenen Lippen fast mein Ohr berührten, und flüsterte mir in feinem Englisch, das er beherrschte, seit wir zusammen auf dem Gymnasium gewesen waren, heiser ins Ohr:
»Haste mal ’nen halben Euro?«
Ich hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu stürzen, ich wurde regelrecht abwärts gezogen. Doch ich riss mich zusammen und musste tief Luft holen, und in diesem Moment erinnerte ich mich daran, was mir ein paar Leute vor einigen Monaten in Paris erzählt hatten: »Dein Freund ist akla geworden.« Was bedeutete, dass er nicht mehr ganz dicht im Kopf sei. Wo er sich auf hielt, wussten sie nicht, manche glaubten gar, er sei in das andere Leben hinübergegangen. Damals hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Vielleicht wegen seiner Starrköpfigkeit, war er doch immer fest entschlossen gewesen, den Ärmelkanal zu überqueren – obwohl er etliche Male theoretisch gescheitert war. Theoretisch, denn tatsächlich hatte er in der ganzen Zeit, die wir zusammen im ›Dschungel‹ verbracht hatten, keinen ernsthaften Versuch unternommen. Er hatte immer nur seiner eigenen Logik folgend über die Pläne der Schmuggler diskutiert, und stets hatte das Gespräch damit geendet, dass er das Angebot ablehnte.
Das Schlimmste an seiner Situation war jedoch, dass er sowohl Angst vor dem Meer hatte als auch vor dem Diniqil, der Achse zwischen den Rädern der Lastwagen, wie auch vor geschlossenen Räumen, was bedeutete, dass er sich auch nicht zwischen die Warenkisten auf einen Transporter quetschen konnte. Eigentlich wollte er so lange warten, bis irgendein Schleuser ihm versprechen würde, ihn auf einem sicheren Touristen- oder Fischerboot oder in einem Zugwaggon zu transportieren, und das, obwohl sein gesamtes Vermögen nur aus viertausend Dollar bestand, die täglich, ja stündlich weniger wurden. Nicht ein einziges Mal hatte er sein Glück in Frankreich, Österreich oder Deutschland probieren wollen, wo sein Asylantrag möglicherweise angenommen worden wäre. Er wiederholte immer nur ein Wort, trotzig, beharrlich und mit einer unergründlichen Hoffnung: »Ingliz.«
Bis ihm Abu Dijako, der kurdische fliegende Händler im Dschungel, den Spitznamen Adam Ingliz verpasste.
Ich aber war nach Paris zurückgekehrt. Ich hatte Glück, denn man hatte meinen Asylantrag angenommen, und vielleicht war es mir von Nutzen gewesen, dass ich weder in Italien noch in irgendeinem anderen europäischen Staat meine Fingerabdrücke abgegeben hatte. Zudem gehörte ich nicht zu jenen Menschen, die ihre Rettung nur in Großbritannien sahen, und genauso wenig hatte ich den Wunsch, ein englischer Professor zu werden. Ja, er war dickköpfig und ungestüm und klammerte sich an seinen Traum, nach Großbritannien überzusetzen und so Englisch zu sprechen, als sei er mitten in London geboren, sich an der Universität von Oxford einzuschreiben, Linguistik zu studieren und schließlich Universitätsprofessor zu werden. Ich hatte damals die Wahl gehabt: entweder bei ihm zu bleiben, in diesem verfluchten Dschungel, und auf eine sichere Überfahrt zu warten oder mein Glück in einem anderen Land zu versuchen. Also verließ ich ihn. Danach brach unsere Beziehung ab. In Wahrheit war es seine Entscheidung gewesen, denn er meinte, ich sei zu pessimistisch, frustriert und kurzsichtig oder wie er sich ausdrückte: ein Nichtsnutz.
Jetzt aber hatte ich ein schlechtes Gewissen. Wie hatte ich ihn nur im Stich lassen können, obwohl wir so viel miteinander erlebt hatten, seit frühester Kindheit bis zu unserer gefährlichen Flucht? Ich musste daran denken, wie mich auf dem Ameisenweg alle aufgegeben hatten, nachdem ich mir beim Grenzübertritt zwischen der Türkei und Bulgarien den Fuß verknackst hatte. Die Polizei im Nacken hatte ich mich einen ganzen Tag lang auf seine Schulter gestützt, und über unwegsame Bergpfade trug er mich auf dem Rücken, bis wir in Sicherheit waren. Hätte ich sein Schicksal verhindern können, wenn ich bei ihm im Dschungel geblieben wäre und seine Träumereien, seine Entschlossenheit und seine Geduld ertragen hätte, die ich meinerseits für sinnlos gehalten hatte? Es fällt mir schwer zuzugeben, wie wir uns getrennt hatten: als erbitterte Gegner. Das werde ich mir niemals verzeihen. Noch immer habe ich das Geräusch des zerberstenden Tonkruges im Ohr, wie er vor unseren Füßen in Stücke zersprang. Ob er das wohl auch vergessen hat? Hat er sich absichtlich geweigert, mir die Hand zu geben? Oder hat er wirklich sein Gedächtnis und seinen Verstand verloren?
Wie in einem Traum gingen mir die Tage, die Erinnerungen, die Orte und die überwundenen Entfernungen durch den Kopf. Vor fünf Jahren, im Mai Zweitausendachtzehn, waren Adam Ingliz und ich zu Fuß aus dem ungarischen Szombathely nach Graz gekommen. Um nicht auf die Polizei zu stoßen, brauchten wir ungefähr zwei Tage für die Strecke zwischen den beiden Städten und kamen gegen acht Uhr abends an. Erschöpft, nahezu barfuß, denn die Schuhe, die uns ein großzügiger, junger Italiener in Ungarn gekauft hatte, waren zerschlissen. Dieser arbeitete als Zirkus-Techniker und baute Gerätschaften für die Darbietungen und Clownstricks, war für deren Wartung zuständig sowie verantwortlich für die Autos, die fliegenden Ballons, das Feuerwerk und diese komischen Fahrräder mit nur einem Rad. Er erzählte uns lustige Sachen von seiner Arbeit, aber auch über eine besondere Sekte, der er angehörte und von der ich persönlich noch nie etwas gehört hatte. Er war es gewesen, der uns in seinem Auto, das er von seinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellt bekam, von seinem Heimatort Venedig nach Zagreb brachte, wo sich sein temporärer Arbeitsplatz befand. Es war eine seiner üblichen Routinetouren, die er von Zeit zu Zeit unternahm. Obwohl er eigentlich mit dem bengalischen Vermittler vereinbart hatte, dass er von uns beiden hundert Euro bekäme, weigerte er sich, das Geld anzunehmen, nachdem er erfahren hatte, dass wir bettelarme Flüchtlinge waren, die Europa zu Fuß über den sogenannten Ameisenweg durchquerten, eine Strecke, die in keiner Landkarte der Welt verzeichnet und der Geografie unbekannt ist. Der Mann schenkte uns sogar noch fünfzig Euro aus seiner eigenen Tasche und dankte für die nette Gesellschaft, dann wünschte er uns eine erfolgreiche Reise nach Großbritannien. Er riet uns auch, über Österreich nach Deutschland und von dort nach Calais in Frankreich an der Küste des Ärmelkanals zu gehen. Am besten sollten wir mit örtlichen Bussen nach Szombathely fahren und von dort zu Fuß nach Graz, denn wenn die Polizei uns in einem dieser Staaten festnähme, bevor wir Graz erreichten, würde sie uns sofort nach Italien zurückschicken. Und auf der Strecke zwischen den beiden Städten würde in den öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln häufig kontrolliert. Ein Freund hatte mir vorher auch den Rat gegeben, kein Vertrauen in die Polizei zu haben, wenn keine Zeugen zugegen seien.
Tatsächlich waren wir rein zufällig nach Italien gelangt. Andere Flüchtlinge, die dort gewesen waren, hatten uns geraten, Italien zu meiden, weil man uns möglicherweise zwingen würde, uns mit unseren Fingerabdrücken registrieren zu lassen. Wir sollten uns lieber direkt von Slowenien nach Österreich durchschlagen. Aber wir waren versehentlich in irgendeinem slowenischen Dorf in der Nähe der italienischen Grenze in den erstbesten Bus gestiegen und hatten nicht gesehen, dass er nach Triest fuhr. Dort nahm die Polizei uns fest und brachte uns nach Venedig, wo wir, gemäß dem Dublin-Abkommen, unsere Fingerabdrücke abgeben und Asyl beantragen sollten. Auf der Polizeiwache stießen wir auf eine große Anzahl von arabischen, afrikanischen und asiatischen Flüchtlingen, Männer, Frauen und Kinder. Einige von ihnen hatte das Mittelmeer ausgespuckt, und die Polizei hatte sie auf ihrem Weg nach Mitteleuropa in der Nähe von Venedig aufgegriffen. Andere waren zu Fuß gelaufen, und der Ameisenweg hatte sie auf die eine oder andere Weise nach Italien geführt. Genauso war es Adam Ingliz und mir ergangen. Dieser Weg treibt manchmal seine Scherze mit den Flüchtlingen, spielt ein falsches Spiel mit ihnen und ziert sich wie eine kokettierende Frau.
Die Befragungen fanden einzeln in verschiedenen Büros statt. Ich weigerte mich, meine Fingerabdrücke abzugeben und stritt meine Identität als Sudanese ab. Ich gab vor, mich nur schwer erinnern zu können und krank zu sein, ich erbrach im Büro der Polizei sogar direkt auf das Gerät für die Abnahme der Fingerabdrücke eine gelbe stinkende Masse. Darauf hin wurde ich ins Krankenhaus gebracht, wo mich die Polizei in Ruhe ließ. Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr fragte mich ein Krankenpfleger oder Arzt, der mich durch die Flure wandern sah – ich war auf der Suche nach einer Möglichkeit zu fliehen:
»Was machen Sie hier?«
»Ich bin zur Behandlung hier.«
»Sie sind wieder gesund. Sie können dahin gehen, woher Sie gekommen sind. Diese Abteilung ist nur für Not- und Erste-Hilfe-Fälle.«
Adam Ingliz aber war nicht gewieft genug gewesen und hatte keinen Ausweg gefunden. Damit sie ihn wieder laufen ließen, hatte er bei der Migrationsbehörde seine Fingerabdrücke hinterlassen: »Ich wollte, dass sie auf hören zu drängen und mir zu drohen, und da habe ich halt meine Fingerabdrücke abgegeben. Aber ich habe sie hinters Licht geführt. Ich habe ihnen den erfundenen Namen einer Frau und irgendein Geburtsdatum gegeben, die ich aber beide vergessen habe, sobald ich den Befragungsraum verließ. Und ich habe zu ihnen gesagt, ich käme von den Fanaria-Inseln. Und als sie die nicht auf ihrer Länderliste fanden, habe ich gesagt, dass das ihr Problem sei und nicht meins. Sie haben meine Jacken- und Hosentaschen durchsucht, aber weder einen Bon noch eine Quittung oder sonst irgendein Dokument gefunden, aus dem sie meine Identität hätten ableiten können. Dann haben sie die Etiketten in meiner Kleidung geprüft, sogar in meiner Unterwäsche, aber sie fanden kein besonderes Markenlabel, von dem sie auf das Produktionsland schließen konnten, denn in allen meinen Klamotten stand Made in China.
›Hast du irgendwo eine Reisetasche?‹
›Nein.‹
›Hast du ein Telefon?‹
›Nein.‹
›Hast du Geld dabei?‹
›Nein.‹
›Wo wohnst du?‹
›Ich wohne nirgendwo. Ich war gerade unterwegs, da hat mich die Polizei an der Bushaltestelle aufgegriffen.‹
›Kennst du jemanden in Italien oder in Europa?‹
›Nein.‹
›Warst du in Begleitung von Freunden aus deinem Land?‹
›Nein.‹
Ich glaube, sie hatten es eilig und wollten mich schnell loswerden, deshalb haben sie die Falschinformationen, die ich ihnen freundlicherweise gegeben habe, notiert. Obwohl sie wussten, dass ich lüge, sollte ich die Richtigkeit der Angaben unterschreiben, und zwar auf dem Blatt Papier, auf dem meine Fingerabdrücke waren. Ich habe eine Unterschrift hingekritzelt, wie sie mir in diesem Moment eingefallen ist, dann ließen sie mich gehen. Ich musste ihnen aber versprechen, dass ich in zwei Wochen wiederkomme, um meinen Asylantrag weiterzuverfolgen.«
Ich hatte Adam Ingliz erst mittags wiedergetroffen. Er lief über die Glasbrücke zwischen dem Bahnhof von Venedig und dem Busbahnhof, zwei Orte, zu denen sich die Flüchtlinge hingezogen fühlen. Wir erzählten uns unsere Geschichten, ich lachte über seine mangelnde Schläue, und er lachte darüber, dass ich auf die Fingerabdruckmaschine gekotzt hatte, ein Schelmenstück aus unserer Schulzeit, wenn wir den Mathematikunterricht schwänzen oder nicht an einer Prüfung teilnehmen wollten. Wir bummelten ein bisschen durch Venedig, durch die feuchten Gassen, die Straßen voller Salzwasser, fuhren mit einem Boot zu den kleinen Inseln, betraten eine kleine Kirche, die auf versteinertem Holz errichtet war und deren Namen ich vergesse habe. Ich war überrascht, als Adam in dem mit einem Mosaik ausgelegten Kirchenraum zu beten begann und laut Koranverse aufsagte, inmitten staunender Besucher, Touristen, Kirchendiener und Wärter. Er machte zwei Rumpfbeugungen, wie beim islamischen Gebet, aber außerhalb der regulären Gebetszeit und ohne Anlass und ohne rituelle Reinigung, weder mit Wasser noch mit Sand. Tatsächlich sah ich ihn zum ersten Mal beten. Als er fertig war, sprach uns ein alter Priester an, der die Szene aus der Nähe beobachtet hatte, und sagte, er habe in seiner fünfundzwanzigjährigen Dienstzeit hier in der Kirche noch nie einen Muslim beten sehen. »Woher kommt ihr? Beten die Muslime in eurem Land normalerweise in den Kirchen?«
Als wir die Kirche verließen, fragte ich Adam Ingliz:
»Warum hast du das gemacht?«
»Mich hat irgendwie das Gefühl überkommen, beten zu müssen, also habe ich es halt getan.«
»Aber ohne rituelle Reinigung, weder mit Wasser noch trocken?«
»Alles, was du zum Beten brauchst, ist ein reines Herz.«
»Und hast du ein reines Herz?«, fragte ich scherzend.
»Manchmal ja.« Er lachte.
Wir liefen über die Ponte Vivarini, kauften von einem fliegenden Händler Süßigkeiten, aßen in einem arabischen Restaurant Nudeln, und Adam sagte zu einem Mädchen: »Du bist schön.« Sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, dann antwortete sie: »Danke, ich weiß«, und ging.
Wir fütterten die Tauben auf dem Markusplatz, und er sagte zu mir: »Tauben stammen von Raben ab. Aber die Tauben lieben die Sanftmut und die Unterwürfigkeit, während die Raben die Rebellion und die Weisheit lieben, weil sie klüger sind und einen reineren Geist haben. Raben und Tauben sind so weit voneinander entfernt wie Lehm und Keramik.«
Dann mieteten wir uns ein billiges Zimmer im Ghetto, dem alten jüdischen Viertel. Der Vermieter war einer der Bengalen, die die kleinen Kioske hinter dem Santa-Lucia-Bahnhof führten und den Touristen Skulpturen, Schmuck und Souvenirs aus dem schönen Murano-Glas verkauften, aber auch billige, gefälschte mit einem Made in Italy-Schildchen, meist überteuert, je nachdem, ob der Kunde schlau genug war und ihren wahren Wert kannte oder zu dumm dafür oder rasch etwas benötigte. Diese Bengalen vermieteten auch Appartements und Zimmer. Das Zimmer, das wir uns aussuchten, war ein Mehrbettzimmer mit drei Etagenbetten, also sechs schmalen Betten. Es war sehr feucht, Tag und Nacht krochen Kakerlaken herum, und in den Wolldecken nisteten kleine, braune Flöhe, die die ganze Nacht das Blut der Gäste saugten. Der Zustand des Zimmers entsprach dem Mietpreis, wir bezahlten pro Bett und Nacht nur fünf Euro. Die Einzelzimmer für dreißig Euro pro Nacht schauten wir uns gar nicht erst an.
Danach bestimmte der Zufall unser weiteres Schicksal. An dem Tag, an dem wir beschlossen, nach Österreich zu fahren, erzählte uns der bengalische Hotelbesitzer frühmorgens, dass er eine sichere Reise in einem Privatauto für uns organisieren könne. Es gebe einige Fahrer, die bereit seien, gegen eine kleine Gebühr Leute mitzunehmen, sofern sie freie Plätze im Auto hätten und entweder durch oder in die gleiche Stadt fahren würden. Er habe von vielen die Telefonnummer und kenne einen von ihnen persönlich. Das war unser italienischer Ingenieur, dieser junge Mann namens Michele mit seinem Transporter.
Wir waren nicht mittellos oder pleite. Wir besaßen ein bisschen Geld, das wir in den diskreten Öffnungen unseres Körpers versteckt hatten, damit die Polizisten es nicht fänden.
Außerdem hatten wir vor Reiseantritt durch verschiedene internationale Geldtransferfirmen achttausend Dollar nach Frankreich überwiesen. Das Geld wartete jetzt bei einem Freund im Dschungel auf uns. Trotzdem nahmen wir das Geld des Heiligen Michele, wie wir ihn als Glücksbringer für Gutes und Segen nannten. Adam Ingliz drückte es so aus: »Das Meer ist stets bereit, noch mehr Wasser aufzunehmen.«*
Es war zwar nicht kalt in Graz, aber Hunger und Erschöpfung spornten Adams Einfallsreichtum an. Durch seine zitternden, trockenen Lippen hindurch stieß er hervor:
»Lass uns nach Sudanesen suchen! Die leben in jeder Stadt in Österreich.«
»Und wie sollen wir die finden?«
»Wir besorgen uns ein Telefon und rufen Ibrahim Al-Nil in Frankreich an. Wir kennen seine Telefonnummer doch auswendig. Und über die Verbindungen der Sudanesen in Österreich wird er jemanden finden, der uns bei sich übernachten lässt.«
Alles ging ganz einfach. Für zwanzig Euro kaufte ich ein kleines Nokia-Handy, kein Smartphone, sondern so ein billiges Teil, wie man es nur zum Telefonieren benutzt. Dazu holten wir uns eine Prepaid-SIM-Karte von Lyca, die man umsonst bekommt und die man nur auf laden muss. Dann rief ich Ibrahim Al-Nil an, einen gemeinsamen Freund von Adam Ingliz und mir, der im Dschungel lebte. Wir hatten in Khartum zusammen im ›Junggesellennest‹ gewohnt, einer elenden Mietwohnung in einem der armen, vernach
