Der Rabe und die vier Außenseiter - Joachim Schmidt - E-Book

Der Rabe und die vier Außenseiter E-Book

Joachim Schmidt

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Beschreibung

Vier Menschen, die sich aus vergangenen Leben kennen und sich dessen bewusst sind, versuchen auf eine ganz eigene Art, den Menschen, den Tieren und der Natur zu helfen. Sie wissen um die unterschiedliche Bewusst- und Begrenztheit von angelegtem Wissen im Menschen. Deshalb sind sie sich auch gleichzeitig der Gefahren bewusst, denen sie sich permanent aussetzen, obwohl sie nur im positiven Sinne handeln. Ihr Zusammentreffen in Italien und ihre gemeinsamen Unternehmungen schmieden immer engere freundschaftliche Bande und führen sie an die unterschiedlichsten Orte.

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Seitenzahl: 213

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Ähnliche


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Der Autor

Joachim Schmidt

Schreibt Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits, die zum Nachdenken animieren.

Bereits erschienene Bücher:

-Hinter den Tapeten,

-Das Geheimnis des Ringinger Erdstalls,

-Der Kelch,

-Leonard in der Wo-Anderswelt

-Peter Patricia und das Ulmer Münster

-Die Gezeitenfrau

Mensch wer bist du

Wer bist du, dass du Augen benötigst um zu sehen?

Was siehst du?

Wer bist du, dass du Ohren brauchst um zu hören?

Was hörst du?

Wer bist du, dass du eine Haut brauchst um zu spüren?

Was spürst du?

Wer bist du, dass du Knochen, Organe, Nerven benötigst, um als Lebewesen zu funktionieren?

Wer bist du wirklich? Und warum bist du? Mensch!

Gibt es noch etwas Anderes, was Dein Ich ausmacht?

Joachim Schmidt

Joachim Schmidt

Der Rabe und die unsichtbaren Außenseiter

Eine andere Art von Heilung

www.tredition.de

© 2014 Joachim Schmidt

Umschlaggestaltung, Illustration:

Joachim Schmidt (Privatarchiv)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-8066-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Einleitung

In diesem Buch beschäftigt sich der Autor mit einer ganz und gar ungewöhnlichen Art, Lebewesen zu helfen, wobei er unter Lebewesen auch den Organismus der Erde mit einbezieht.

Er versucht, wie in seinen zwei ersten Büchern, „Hinter den Tapeten“ und „Das Geheimnis des Ringinger Erdstalls“, einen Bezug zur unsichtbaren Welt herzustellen, von der er überzeugt ist, dass sie alles umgibt und versorgt, wie eine vom Meer umschlossene Insel.

Das Buch gibt all denen Hoffnung, die bereits glauben, dass unsere Welt nicht mehr zu retten, eigentlich schon dem Untergang geweiht und der Mensch selbst sowieso nur ein Produkt des Zufalls sei. Es zeigt Möglichkeiten auf, die, abseits von rationalem Denken, doch durch eine gewisse Logik beindrucken. Die niedergeschriebenen Heilungsbeispiele, mit welchen der Autor eine Verbindung zur unsichtbaren Welt herstellt sind zwar nicht gebräuchlich, doch irgendwie nachvollziehbar. Das Buch will kein Zukunftsroman sein, auch keine völlig abgehobene, fantastische Literatur, sondern es hegt den Anspruch, auf eine interessante Weise einen Zugang für nicht gebräuchliche Welt- und Lebensbetrachtungen zu schaffen.

Inhalt

Vier Menschen, die sich aus vergangenen Leben kennen und sich dessen bewusst sind, versuchen auf eine ganz eigene Art, den Menschen, den Tieren und der Natur zu helfen. Sie wissen um die unterschiedliche Bewusst- und Begrenztheit von angelegtem Wissen im Menschen. Deshalb sind sie sich auch gleichzeitig der Gefahren bewusst, denen sie sich permanent aussetzen, obwohl sie nur im positiven Sinne handeln. Ihr Zusammentreffen in Italien und ihre gemeinsamen Unternehmungen schmieden immer engere Freundschaftsbande und führen sie an die unterschiedlichsten Orte.

In weiteren Folgen werden diese gezielten Einsätze der vier Freunde reifen. Da aber das Menschenleben bedingt durch seine Polarität einer immer währenden Entwicklung unterworfen ist und jeder und alles daran teil nimmt, bleibt es nicht aus, dass auch diese Gruppe irgendwann in den Sog ihrer noch unbewusst schlummernden Probleme gerät.

Ein Buch „for all“

Die Flucht

Obwohl seine Augenlider auf halbmast standen, spürte er sofort, dass sich etwas verändert hatte. Keine Vogelstimmen, keine Grillen, keine Zikaden, alles verstummte, von einem Augenblick auf den anderen. Nur das glucksende Geräusch des Wassers verriet ihm, noch am gleichen Ort zu sein.

Dann vernahm er das ferne Donnergrollen und das Wetterleuchten. Die Blitze konnte man hier, in der Tiefe der Ardèche-Schlucht, noch nicht ausmachen, aber der felsige Canyonrand ganz oben leuchtete hell und tauchte dann wieder ins Dunkle, als ob ihn jemand mit einer starken Lampe anstrahlen würde, indem er sie an- und ausgeknipste. Das Gewitter würde heftiger werden, als die normalen Sommergewitter. Schlag auf Schlag vernahm er den Widerhall des Donners von den steilen Felswänden. Er pflanzte sich durch die Schlucht fort, wie ein vorbeihuschendes, grollendes Reptil. Dann tauchten auch Wolken auf. Man konnte sie eigentlich nicht mehr als Wolken bezeichnen. Tiefschwarze Ungeheuer türmten sich mit weit aufgerissenen Rachen übereinander auf. Welche fürchterlichen Überraschungen trugen sie in sich? Obwohl Bastian sich in Sicherheit wog, machten sie ihm Angst.

*

Schon als Kind glaubte er immer, irgendwann würde ihn ein Blitz treffen, dennoch genoss er den Nervenkitzel, bis sich das Gewitter endlich entlud. Auch die herrlich frische Luft danach hatte ihn jedesmal aus dem Haus gelockt, um Dämme und Sperren an den Bordsteinen zu bauen.

*

Als die Wolken die Blitze senkrecht in den Fluss der Schlucht schleuderten, ahnte er das Ausmaß des kommenden Unwetters. Mit einem ohrenbetäubenden Paukenschlag öffneten sich seine Schleusen. Eine Wasserwand rauschte vor seinem Unterschlupf herab, als ob ein Damm über ihm gebrochen wäre.

Gott sei Dank hatten Bastians Verfolger nicht bemerkt, wie er kriechend zwischen Gestrüpp und Unterholz den oberen Rand des Canyons erreichte, um halb kletternd, halb auf dem Po rutschend tiefer zu gelangen. Immer wieder verharrte er bewegungslos an den Stamm eines Baumes gedrückt oder in einem felsigen Loch kauernd, bis die Rufe und Schreie seiner Verfolger verebbten.

Dieser Gefahr war er entkommen, aber nun hatte Bastian plötzlich Angst vor einer eventuellen, nicht einzuschätzenden Naturkatastrophe. Was würde bei einer Überflutung des Tales passieren? Er hatte von derartigen Ereignissen in Südfrankreich schon öfter gehört. Sein höhlenartiger Unterschlupf befand sich zwar einige Meter über dem Wasserspiegel, aber wer wusste schon, wie hoch und mit welcher Wucht das Wasser hier ankommen würde. Da die Schlucht an dieser Stelle sehr eng war, würde es auch sehr schnell ansteigen. Ein Kanufahrer hatte ihm vor Jahren erzählt, wie er bei schönem Wetter durch diese schmale Felsformation fuhr, als er plötzlich von einem hohen Wellenberg, ausgelöst durch ein entferntes Gewitter, mitgerissen worden war.

Bastian fühlte sich wie ein Tier, das durch eigene Unachtsamkeit in die Gefangenschaft einer natürlichen Falle gestolpert war. Aber hatte er eine andere Wahl gehabt? Hinaus und die Felswände wieder hoch, das getraute er sich nun nicht mehr. Alles war bereits glitschig und mit Lehm überzogen. Der Regen floss wie ein Schleier am Fels entlang und riss Boden und lockeres Gestein mit sich. Es käme einem Selbstmord gleich, sich auch nur ein paar Meter, ein paar Griffe, nach oben zu wagen. Vielleicht hatte er ja Glück und alles würde gar nicht so schlimm werden. Aber es kam noch schlimmer.

Es begann orkanartig zu stürmen. Das Geräusch, das durch die Reibung des Windes an den Felswänden hervorgerufen wurde, glich dem von Sirenen. Bastian hielt sich die Ohren zu, um nicht verrückt zu werden. Aber all das wäre noch ertragbar gewesen, wenn der Wind, der flussaufwärts blies, nicht noch zusätzlich das Wasser gestaut hätte.

Voller Angst blickte er sich in der Höhle um. Das Einzige, was er in der Eile von zu Hause mitgenommen hatte, bestand aus einem Biwaksack und einem Rucksack, gefüllt mit Nahrungsmitteln als Notration. An der Decke der kleinen Höhle entdeckte er zwei stark gewachsene Strauchwurzeln, die er wenn er viel Glück hatte, für den Biwaksack benutzen konnte, um ihn wie eine Hängematte aufzuhängen. Dann hätte er zumindest noch eine Galgenfrist, bis ihn das Wasser erreichen würde.

Es dauerte nicht lange, bis die Wellen in die Höhle schwappten. Seine Fingernägel brachen und die kleinen, scharfen, felsigen Kanten in den Wänden, die er benutzte, um nach oben zu klettern, schnitten sich in seine Fingerkuppen. Der erste Karabiner hängte bereits an einer dicken Wurzel, die in einer Felsspalte verschwand und sich dort verkeilt hatte. Irgendwie schien das Glück doch auf seiner Seite zu sein, denn es gelang ihm auch noch, den zweiten Karabiner oben an der anderen Wurzel so zu befestigen, dass er nach einer weiteren Kletterei in den Biwaksack steigen und an einer Schnur den Rucksack hochziehen konnte. Nicht zu früh, denn schon stieg der Wasserspiegel ruckartig an.

Bastian atmete heftig, er konnte nichts mehr tun, nur noch abwarten. Der Sturm ließ etwas nach, aber das Wasser stieg stetig weiter.

Sollte das hier das Ende seiner Flucht bedeuten, nachdem er endlich dem Suchtrupp entkommen war? Sie hatten ihn durch drei Länder gejagt, bis er über Umwege und falsch gelegte Spuren diesen Ort im Süden Frankreichs, anpeilen konnte, den er vor Jahren während eines Urlaubs zufällig entdeckt hatte. Hoffentlich stieg das Wasser nicht über den Eingang der Höhle hinaus, sonst würde auch noch die Luft knapp werden. Die Höhle selbst besaß keine Tiefe, weshalb das eindringende Wasser auch sofort wieder zurückschwappte und dadurch noch schneller anstieg. Noch hoffte er, wollte keine Panik aufkommen lassen, dachte an eine Rückkehr zu seiner Familie.

*

Eigentlich war Bastian ein ganz gewöhnlicher Mensch und lebte zusammen mit Frau und zwei Kindern ein ganz normales Leben, mit einem ganz normalen Beruf. Das einzig Extreme an ihm, das war ihm klar, bestand in seinen Interessen. Schon seit seiner Kindheit beschäftigte ihn das Leben selbst mehr als sein Beruf. Er wollte alles darüber wissen, wirklich alles. Er wollte wissen, wer er selbst war, warum er war, wer Gott war, warum es ein Universum gab, warum die Menschen so unterschiedlich agierten, sich in ihren Eigenschaften und ihrer Psyche jedoch so ähnelten. Er wollte sogar hinter die Naturgesetze blicken und versuchte, wichtige Lebensprinzipien zu begreifen. Mit weniger wollte er sich nicht zufrieden geben. Eigentlich hinterfragte er alles, das Leben selbst, menschliche Beziehungen, die Idee der Partnerschaften, den Sinn von Religionen mit eingeschlossen. Deshalb las er auch eine Menge an wissenden Büchern, beschäftigte sich mit Autobiographien großer, spiritueller Meister und ihren Weisheiten. Ihn begeisterten östliche Gesundheitspraktiken wie Joga, Feng Shui, Akupunktur und Meditation. Bastian übte sich darin, praktizierte selbst und begann in Selbsterfahrungsgruppen immer mehr an verborgenen Eigenschaften aus sich, aus seiner Psyche und Seele heraus zu kitzeln. Er wollte einfach wissen, wer er war, wer „Mensch“ war.

Eines Tages aber, als er wieder einmal in der Natur versuchte, einen Punkt der absoluten Balance, Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, geschah es. Es ereignete sich plötzlich etwas Unfassbares, Unglaubliches, noch nie Dagewesenes. Als er genau auf diesem bestimmten Ortspunkt, aus der Tiefe seiner Meditation kommend, wieder die Augen aufschlug, sah er für wenige Augenblicke seinen eigenen Körper nicht mehr. Kurz darauf erschien er wieder, als ob ihn ein Projektor an die Wand geworfen hätte. Bastian, völlig verstört, hatte Angst übergeschnappt zu sein. Doch dann glaubte er, dass ihm seine Augen einen Streich gespielt hätten. Um nicht weitere Ängste zu produzieren, hielt er an der zweiten Version fest. Erst Wochen später, als er sich im Urlaub an einem ähnlich fantastischen Punkt der Ruhe befand, musste er diese zweite Version loslassen und sich wieder über erstere Gedanken machen. Seiner Familie erzählte er nichts davon, sie stempelten ihn sowieso als einen etwas merkwürdigen Eigenbrötler ab.

Ein drittes Mal ereignete es sich, als Bastian ganz in sich versunken auf einem kleinen, von Wasser umflossenen Felsen saß. Zum Glück bemerkte es niemand, denn es begann zu dämmern und das Ufer war fast menschenleer. Er fühlte, während er in sich versank, wie sich sein Körper auflöste und nach kürzester Zeit wieder zusammensetzte. Anders konnte man es nicht beschreiben. Das Angstmachende daran war, dass er das Geschehen nicht willentlich beeinflussen noch kontrollieren konnte. Es geschah einfach so. Bastian fühlte sich nicht krank, nicht merkwürdig davor und nicht komisch danach. Die Ungewissheit jedoch, wann es das nächste Mal passieren würde, hatte ihn aufs Neue verunsichert. Heute wüsste er, dass der Ort, den er unbewusst zum Meditieren ausgesucht hatte, mitentscheidend gewesen war. Es war ein Ort, an dem seine sonstige Hektik total zur Ruhe kam. Wie sollte er in Zukunft damit umgehen? Auf jeden Fall wollte er es geheim halten, bis sich eine Gelegenheit ergab, es mitteilen zu können. Diese Gelegenheit ließ jedoch nicht allzu lange auf sich warten, denn das vierte Verschwinden geschah dieses Mal wieder völlig unerwartet inmitten einem Kreis von Bekannten.

*

Das Wasser füllte inzwischen die halbe Höhle und irgendwo ganz hinten in seinem Kopf begann er sich auf das Unausweichliche einzustellen. Bastian würde dieses Mal einfach tatsächlich verschwinden, auf Nimmerwiedersehen. Ertrinken käme einem Auflösen des Körpers gleich, nur würde es dieses Mal etwas länger dauern. Laub, Äste, Sand und Geröll füllten langsam den Boden der Höhle. Eigentlich hatte er den Glauben an ein Wunder schon verloren. Warum sollte er hier nicht sterben? Starben nicht überall irgendwo auf der ganzen Welt Menschen, ohne dass es andere bemerkten? Gab es für ihn überhaupt noch eine Überlebenschance?

*

Seit dem letzten Verschwinden, aus der Mitte seiner Freunde, lebte er kein altes Leben mehr, denn nach seinem körperlichen Wiederauftauchen, fielen einige Frauen in Ohnmacht und ihre Männer riefen nach der Polizei, Krankentransport und Psychiater gleichzeitig. Bastian lief sofort nach Hause, packte, nachdem er seine Frau über die veränderte Situation aufgeklärt hatte, seinen Biwakschlafsack samt Notgepäck, das ihn immer in die Berge begleitete. Für seine Frau ging alles viel zu schnell, um zu begreifen. Beruhigend redete er auf sie ein und versuchte ihr zu erklären, was für Folgen das Ganze mit sich bringen würde.

Seine Vorahnung war berechtigt gewesen und er hatte gut daran getan, sofort aufzubrechen, denn von nun an setzte sich eine Lawine in Bewegung, die er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte. Sie bestand aus falschen Aussagen, fehlinterpretierten Vermutungen seitens seiner Freunde, unglaubwürdigen Interviews und polizeilichen Spekulationen.

Bastian schrieb seinen Kindern noch einen kurzen, liebevollen Brief mit dem Hinweis, sie sollten ihn nach dem Lesen sofort vernichten und seiner Frau erklärte er: „Bitte, Mara, sobald Reporter und andere dubiose Gestalten auftauchen, erzähle ihnen, dass ich schon immer etwas merkwürdig introvertiert gewesen sei und dass ich, ohne etwas zu sagen, auf einmal meine Sachen gepackt hätte. Ich lasse auf jeden Fall, sobald sich der Trubel gelegt hat, wieder etwas von mir hören, wahrscheinlich heimlich, nicht über Telefon oder Mobilfunk.“ Mara war entsetzt gewesen aber nach einigen Stunden, als er bereits unterwegs gewesen war, verstand sie den Grund. Der Medienterror nahm seinen Lauf. Bastian erhielt Platz eins auf den Titelseiten der Zeitungen und wurde beliebtestes Gesprächsthema in Stadt und auf dem Land, ganz besonders an den Bier- und Stammtischen.

Die Meinungen der Medien wogten hin und her. Einmal bezeichnete man ihn als einen brillanten Magier oder Zauberer, dann wieder als einen egozentrischen Menschen, der sich bewusst auf diese Art Zutritt in die Welt der Medien verschaffen wollte. Dann sprach man wieder von einem Wunder und sogar vom zurückgekehrten Messias. Seinen Freunden, die das Verschwinden miterlebt hatten, schob man gemeinsame Sache mit ihm unter, doch konnte es auch sein, dass zwei Tage später die gleiche Zeitung, aus Gründen falschen Recherchierens, plötzlich eine andere, noch abstrusere Erklärung fand. Gott sei Dank sprach seine Frau in der Öffentlichkeit von Scheidung, auch um ihre Kinder in der Schule vor verbalen Angriffen zu schützen. Mitleid von ihren Freunden in der Schule zu erhalten, war für sie besser, als mit Aggressionen und Ablehnung leben zu müssen.

*

Die Regengeräusche waren kaum noch hörbar. Obwohl sich der Sturm entfernte und das Unwetter nachließ, tobte es in dem engen Tal wie eine losgelassene, wilde Bestie. Das Wasser stieg nur noch ganz langsam und die Öffnung des Höhleneingangs konnte er gerade noch an seiner höchsten Stelle erkennen. Wenige Zentimeter trennten seinen Biwaksack vom sprudelnden Nass. Er konnte es mit seinen Händen bereits berühren. Es wirbelte im Kreise wie ein Strudel. Zum Glück hielt die Aufhängung. Die drohende Gefahr lenkte seine Gedanken 14 Tage zurück.

*

Von den Medien und den Journalisten war ebenfalls eine große Gefahr ausgegangen. Nicht direkt, aber über sie gelangte sein spurloses Verschwinden zu anderen Menschen, zu Menschen, die sehr hellhörig wurden und sich ohne lange zu zögern, aufmachten, nach den wahren Begebenheiten zu suchen. Ihr Interesse galt dem Schutz des Staates und ….

Bastian hatte es schon befürchtet, als es das erste Mal passierte und aus diesem Grunde versuchte er es auch vor seiner Familie zu verheimlichen. Die sofortige Flucht war die einzige Alternative, die ihm blieb. Trotzdem kamen sie ihm auf die Spur. Sie waren mit allen Wassern gewaschen, ausgebildet und erfahren im Spurensuchen. Sie besaßen Spürnasen wie Hunde und fanden Zeichen, wo man eigentlich keine sehen und finden konnte.

Sie durchforsteten sein ganzes Leben, seine Gewohnheiten, seine Hobbys, seine Vorlieben, seine bevorzugten Urlaubsziele, seine Sprachkenntnisse und schon öffnete sich ein möglicher Weg für seine Fluchtrichtung. Der Norden wurde so gut wie ausgeschlossen, denn sie wussten nun, dass er ihn nur ganz selten besucht hatte und den Süden Frankreichs oft als seine wahre Heimat titulierte. Die Menschen, die ihn verfolgten, verfügten über ein enormes Repertoire an Strategien und Möglichkeiten. Eigentlich führten ihre Ermittlungen fast immer zum Erfolg. Ein Einzelgänger wie er hatte im Grunde genommen so gut wie keine Chance, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn zu fassen bekämen. Aber Bastian war auch nicht auf den Kopf gefallen und außerdem arbeitete er verstärkt mit anderen Sinnen. Intuitiv spürte er ihre Vorgehensweisen, ahnte, wie sie ihn aufspüren wollten und legte deshalb jede Menge falscher Spuren.

Zum Beispiel setzte er sich zu Hause in Ulm ins Auto, fuhr um ein paar Ecken, stellte es ab, rannte zurück, schnappte sein Fahrrad. Bastian erhoffte sich damit ein paar Stunden Vorsprung zu verschaffen. Dann radelte er zum Bahnhof, erkundigte sich auffällig nach dem Fahrpreis in Richtung München - Rom, löste dann aber doch eine Karte aus dem Automaten bis nach Karlsruhe. Glücklicherweise lud ihn schon nach wenigen Minuten ein IC zum Mitfahren ein. Während der Fahrt überlegte er sein weiteres Vorgehen. Bastian machte sich nichts vor, lange würde es nicht dauern, bis sie seinen Bluff entdeckten. Geistig sah er sie bereits vor der Landkarte sitzen, sie kannten ja inzwischen seine Vorliebe für den Süden. Das Aufdecken des nächsten Tricks würde sie in dieser Annahme bestärken, aber vielleicht gelang ihm etwas Anderes. Eine Idee bildete sich in seinem Kopf.

Am Karlsruher Bahnhof angekommen löste er eine Karte in Richtung Westen, nach Paris, warf sie aber sofort in den Müll und verließ den Bahnhof zu Fuß. Noch konnte er einigermaßen sicher sein, dass ihn niemand erkannte, allenfalls die Polizei über ein Suchbild, dann hätten sie allerdings blitzschnell gearbeitet. Er eilte die Erhartstraße entlang, weiter bis zur Europahalle. Von da an zum kleinen Flüsschen „Alb“, durch die Günther Klotz-Anlage, entlang den künstlich angelegten Seen und Nussbäumen. In Grünwinkel ging ihm die Puste aus und er musste anhalten. Langsam wurde Bastian bewusst, dass er durch eine wunderschöne grüne Lunge von Karlsruhe eilte, in welcher viele Menschen im Augenblick ihren freien Abend verbrachten. Er atmete tief ein und aus. Eigentlich konnte er auch genauso gut langsamer gehen, niemand folgte ihm bis jetzt. Das Flüsschen, wenngleich auch kurvig, half ihm den Rhein zu finden, in den es münden musste. Am Rheinbad, zwischen der Albsiedlung und Mühlburg tauchten endlich fünf Becken zum Anlegen der Rheinschiffe auf. Gegen ein geringes Entgelt fand er eine Mitfahrgelegenheit auf einem Transportschiff, das mit Erz beladen war. Obwohl es sehr langsam fuhr, wollte er bis Basel und von dort irgendwie mit einem Auto die Grenze Frankreichs erreichen.

Tatsächlich endete die Spurensuche seiner Verfolger in Karlsruhe. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als die Suche über Zeitung und Fernsehen zu veröffentlichen. Als Begründung sprach man von einem gefährlichen Doppelagenten. Am nächsten Tag kannte man sein Gesicht in ganz Deutschland einschließlich der schweizerischen und österreichischen Grenzpolizei. Nur sein Kapitän ahnte noch nichts, er sah nicht fern und musste sein Schiff durch die Nacht steuern, um am nächsten Morgen seinen Zielort Basel zu erreichen. Für Bastian eine wertvolle Verschnaufpause zum Nachdenken.

Welch Einschnitt im Leben Bastians, herausgerissen aus der gewohnt sicheren Umgebung. Alles ließ er liegen. Wo sollte das enden? Hätte er sich vielleicht doch stellen und alles erzählen sollen? Hätten sie ihm geglaubt, dass alles nur ein Zufall war und hätten sie ihn dann in Ruhe gelassen? Seine Fragen überzeugten ihn nicht wirklich, er wäre sicher zu ihrem Versuchskaninchen geworden, mit dem Hintergedanken, ihn zu einem unsichtbaren Spionageagenten auszubilden. Bastian wollte dieses Risiko nicht eingehen. Das Schlimme war nur, er kannte seine Verfolger nicht, sie aber ihn. Als er das Schiff verlassen hatte, wusste er, dass ihn jetzt jeder, der ihn etwas genauer anschaute, über die Bilder in den Zeitungen identifizieren konnte, es konnte eigentlich nicht mehr lange gut gehen. In der Nähe der Grenze gelang es ihm, in einen französischen Gemüsetransporter zu klettern und sich hinter Kisten zu verstecken. Sein Fluchtstress relativierte sich, als der Laster losfuhr. Unbequem aber unbehelligt erreichte er den französischen Boden. Seine Gemüsekisten-Tour-de-France führte über Lyon, Montélimar, Valence und endete bei Bollène, wo der Laster Benzin benötigte. Dort hielt der Fahrer an einer Raststätte an, tankte und während er bezahlte, nützte Bastian die Gelegenheit zum Aussteigen. Jetzt spürte er eine riesige Last von sich abfallen. Er war seinem Ziel so nahe gekommen. Mit ein wenig Glück, würde er es in kurzer Zeit erreicht haben. Nur seine Familie und er kannten das Versteck. Per Anhalter trampte er nach Pont-Saint-Esprit und von dort nahm ihn ein Motoradfahrer auf seinem Sozius mit in Richtung St.- Martin, dann lief er etwa insgesamt 3 km zu Fuß, überquerte die alte, eiserne Hängebrücke nach St. Martin, genehmigte sich ein belegtes Baguette und lief auf der Umgehungsstraße der Ardèche-Schlucht zu einer bestimmten Kreuzung hoch. Dann jedoch, es durfte nicht wahr sein, als er gerade die Straße überqueren wollte, um auf einem Trampelpfad in die Schlucht abzuzweigen, raste ein deutsches Auto an ihm vorbei. Beide Insassen starrten ihn an und er wusste auch sofort warum. Hinter der nächsten Kurve ließ das Autogeräusch abrupt nach, sie drehten um. Ohne lange zu überlegen hastete Bastian den Trampelpfad entlang, bis zu einem Abbruch. Er hörte noch das Auto, das versuchte, ihm den Weg abzuschneiden. In diesem Augenblick, verschwand er allerdings bereits abseits im Dickicht. Das Auto, war zu seinem Glück stecken geblieben, er hörte es an den durchdrehenden Reifen. Sein Ziel war jetzt nur, so schnell wie möglich zu verschwinden, um seinen zukünftigen Aufenthaltsort nicht zu verraten. So geräuschlos wie nur irgendwie möglich bahnte er sich einen Weg, ohne Spuren, wie z.B. abgeknickte Zweige, zu hinterlassen. Nach einer dreistündigen Odyssee durch kratziges, südfranzösisches Gestrüpp, erreichte Bastian endlich sein Ziel, die Höhle. Nun saß er da, vollkommen erschöpft und harrte der Dinge, die er jetzt, ohne sich zu wehren, auf sich zukommen lassen wollte, denn er konnte nicht mehr.

*

In dieser Höhle starrte er ängstlich auf die Höhlenöffnung, die sich nun schloss. Das ist das Ende, dachte er: „Ich habe höchsten noch für ein bis zwei Stunden Luft zum Atmen, vorausgesetzt das Wasser ertränkt mich nicht vorher.“ Herz und Puls begannen zu rasen. Der Atem verstärkte sich um ein Vielfaches. Doch, oh Wunder, nach zwei Stunden geschah immer noch nichts. Das Wasser hatte den Eingang verschlossen, stieg aber nicht höher und die Luft ging trotzdem nicht aus. Gab es eine Öffnung nach oben? Plötzlich kam die Erleuchtung. In den Zeitungen hatte er vor nicht allzu langer Zeit gelesen, dass in Bergwerken, in die Wasser eindringt, sich Luftblasen bilden können, in denen man durchaus eine Zeitlang leben konnte. Seine Luftblase war aber nicht sonderlich groß, warum lebte er trotzdem noch? Bastian betrachtete das Wasser, das seinen Schlafsack bereits erreicht hatte. Es sprudelte stark und jetzt wusste er den Grund. Das Wasser trug frische Luft in Form von Luftblasen in diesen kleinen Raum. Er würde also solange weiterleben können, so lange es sprudelte. Trotz seiner durchnässten Hose fielen ihm vor Erschöpfung die Augen zu. Im Traum sah er Flugzeuge auf sich zu fliegen. Sie orteten ihn nicht, denn er lag gut getarnt im Unterholz. Trotzdem wurde es immer schwieriger, sich weiter durchzukämpfen und plötzlich stürzte er ab.

Das kalte Wasser, in das er fiel, brachte ihn wieder in die Realität zurück. Laut hustend und keuchend fasste er nach seinem Biwaksack, der jetzt nur noch an einer Schlinge hing, das andere Ende konnte das Gewicht des wassergefüllten Sackes nicht mehr tragen. Zutiefst schockiert und mit einer Hand am Seil blickte er panisch nach oben und erkannte, Gott sei gedankt, wieder ein Stück Öffnung. Der Wasserspiegel sank. Er sank sogar sehr rasch. Nach einer weiteren kalten, zitternden Stunde im Wasser konnte er schon auf dem Boden stehen. Bastian musste durchhalten und er hielt zwei weitere Stunden durch, bis nur noch seine Füße im Wasser standen. Aber alles triefte, die unverpackten Lebensmittel konnte er wegwerfen, seine Wertsachen, wie Euros und Ausweis gab es noch, mussten aber getrocknet werden. Etwas Gutes besaß das Ganze. Vermutlich wurde er für vermisst erklärt, denn sein zerrissener Rucksack, mit den Restnahrungsmitteln und einigen Kleidungsstücken wurden bei St. Martin am Ufer der Ardèche gefunden.

Bastian fühlte sich, als ob sein altes Leben jetzt wirklich zu Ende gegangen wäre. Losgelöst von allem. Seine Familie trauerte, als sie von dem vermeintlichen Schicksal hörte. Doch eine winzige Hoffnung blieb ihnen, denn natürlich fand niemand seinen Körper.

Am nächsten Tag schien wieder die Sonne. Das tiefe Tal hatte die wilde Flussschlange gezähmt, sie floss wie eh und je durch die Schlucht, begleitet von Vogelgezwitscher und dem Zirpen der Zikaden. Alle Kleidungsstücke, die Bastian an hatte, samt Biwaksack, trockneten relativ schnell unter der heißen Sonneneinstrahlung. Nackt und vollkommen erschöpft, schlief er an eine Felswand gelehnt, ein.