Der Reis ist heiß - Stefan Michelfeit - E-Book

Der Reis ist heiß E-Book

Stefan Michelfeit

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Beschreibung

Ginge es nach den Autoren einschlägiger Reiseführer, man wäre schon von tiefgründig lächelnden Geishas, geheimnisvollen Ureinwohnern oder erleuchteten Gurus umzingelt, sobald man nur einen Fuß auf asiatischen Boden setzt. Stattdessen lauern einem Kleinkriminelle, Keiler und unverschämte Taxifahrer auf, die dem arglosen Reisenden den Tag vermiesen wollen. Über die lässt sich Stefsechef genauso aus wie über Sand im Reis, verwanzte Betten, größenwahnsinnige Bettler oder vertrottelte Touristen. Aber keine Sorge vor der großen Depression, dazwischen schwärmt er selbstredend von epochalen Begebenheiten und schildert schier unglaubliche Abenteuer, die sogar den letzten Sesselpupser umgehend in Reisefieber versetzen. Travelex: ''Ja nicht kaufen! Der totale Dreck!'' Der Reisekollege. In Indien glaubt er sterben zu müssen und hat doch nur eine Lebensmittelvergiftung, in Thailand hadert er mit einem Käfer im Ohr. Leidet an ausgeprägter Flugangst und düngt das fremde Land im Zuge seiner monströsen Durchfallattacken. Die Gefährtin: ''I'm loving it!'' Streng und hochseriös. Moralische Instanz, die Mahnerin im Hintergrund. Ständig auf der Suche nach westlichem Fastfood und auf der Hut vor distanzlosem Ungeziefer, anmutige Hüterin der Zeit und der Urlaubskassa. Stefsechef: ''Nichts als die reine Wahrheit, schwöre!'' Ein gewöhnlicher Reisender, der sich unvermutet mit den seltsamsten Umständen konfrontiert sieht, während er versucht, mit Anstand und Stil die Fremde zu erkunden.

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Seitenzahl: 656

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Habe die Ehre!

Die erste Reise

25.10., Nepal, Kathmandu

27.10., Syabrubesi

28.10., Langtang Trek

03.11., Syabru Besi

04.11., Kathmandu

08.11., Sokote Beach

16.11., Entlang des Sun Kosi

26.11., Kathmandu

27.11., Indien, Delhi

29.11., Thailand, Goa, Baga Beach

03.12., Goa, Palolem Beach

27.12., Indien, Delhi

29.12., Die Zugfahrt von Delhi nach Varanasi

30.12., Varanasi

05.01., Thailand, Bangkok

06.01., Ranong, Ko Phayam

18.01., Ranong, Kao Sok

22.01., Ko Phayam

27.01., Bangkok

29.01., Indonesien, Denpasar, Tulamben

14.02., Tulamben, Ubud

16.02., Denpasar, Kuala Lumpur, Tapah, Cameron Hills

17.02., Malaysia, Tanah Rata

19.02., Perenthian Islands

Die zweite Reise

01.12., Wien, London

02.12., London, Indien, Delhi

07.12., Varanasi

19.12., Kalkutta

20.12., Kalkutta, Thailand, Bangkok

22.12., Ko Phayam

23.12., , Ko Phayam

24.12., Ko Phayam

Die dritte Reise

04.12., Wien, China, Peking

07.12., Peking, Qingdao

13.12., Qingdao, am Weg nach Hohhot

15.12., Hohhot

23.12. Peking, am Weg nach Thailand, Bangkok

27.12., Chiang Mai, Mae Ngat Stausee

31.12., Ran Tong

02.01., Bangkok

03.01., Ranong, Ko Phayam

08.01., Ko Samui

10.01., Am Weg nach Ko Bulon Leh

14.01., Malaysia, Langkawi

16.01., Pangkor Island

18.01., Kuala Lumpur

20.01., Indonesien, Medan

21.01., Im Dschungel

23.01., Bukit Lawang

25.01., Samosir

30.01., Padang

01.02., Nagari Sungaj Pinang

07.02., Padang, auf der Fähre nach Siberut

08.02., Siberut

12.02., Nyanyang

15.02., Siberut

16.02., Padang

18.02., Malaysia, Kota Kinabalu

19.02., Mount Kinabalu

23.02., Mabul Island

27.02., Semporna

01.03., Tawau

02.03. Indonesien, Banda Aceh, Pulau Weh

10.03., Banda Aceh

Die vierte Reise

08.01., Philippinen, Manila, Cebu, Lepanto

12.01., Cebu, Negros, Siquijor

21.01., Bohol Island, Pangao Island

27.01., Camiguin

05.02., Cebu City, Thailand, Bangkok

08.02., Bangkok, Kambodscha, Poipet, Siem Reap

15.02., Phnom Penh

17.02., Kep

19.02., Kampot

21.02., Chi Phat

23.02., Koh Kong, Cardamom Hills

24.02., Battambang

26.02., Pursat

27.02., Kampong Chnang

01.03., Phnom Penh

03.03., Vietnam, Ho Chi Minh Stadt

06.03., Phu Quoc

11.03, Phu Quoc, Ho Chi Minh Stadt, Danang

13.03., Hue, Hoi An

14.03., Ho Chi Minh Stadt

15.03., Con Son

Die fünfte Reise

23.11., Von Wien nach Dubai

24.11., Von Dubai nach Indonesien, Jakarta

25.11., Von Jakarta nach Bira

26.11., Bira

02.12., Von Bira nach Rantepao

07.12., Von Rantepao nach Tentena

08.12., Von Tentena nach Ampana

10.12., Kadidiri

18.12., Gorontalo

20.12., Von Gorontalo nach Jakarta

21.12., Von Jakarta nach Semarang

22.12., Von Semarang nach Jepara

23.12., Von Jepara nach Karimunjava

24.12., Karimun, Menjangan Kecil

27.12., Yogyakarta

28.12., Von Yogyakarta zum Bromo.

29.12., Bromo, Ijen

30.12., Ijen-Massiv, Bali

31.12., Von Bali nach Lombok

03.01., Lombok, Gili Air

05.01., Gili Meno

06.01., Jakarta

Glossar (Österreichisch-Deutsch)

Habe die Ehre!

Ahahahahahaaaaaa, was ist denn mit Ihnen los, ich packe es nicht! Sie haben sich tatsächlich dieses Machwerk andrehen lassen? Wie verzweifelt sind sie? Travelex hat Sie ja auf der Rückseite noch extra gewarnt! Wollen Sie wirklich dabei sein, wenn ich den Strand vor meiner Hütte beschreibe oder meinen letzten Stuhlgang auf einem zugekofferten asiatischen Hockklo? Na auch wurst, da müssen Sie jetzt durch. Als Reiselektüre für die eine Woche am Balaton oder in der Türkei wird's schon reichen.

Menschen, die bis jetzt noch nicht viel weiter in den Osten vorgedrungen sind, hegen ja meistens falsche Erwartungen, wenn sie sich Reisen ins tiefste Asien ausmalen. Die Illusion, es sei dort überall schöner und exotischer als daheim, wird noch vom Zweckoptimismus der einschlägigen Reiseführer geschürt. Wenn es nach deren Autoren geht, ist man schon von tiefgründig lächelnden Geishas, geheimnisvollen Ureinwohnern oder erleuchteten Gurus umzingelt, sobald man nur den Flughafen oder Bahnhof verlassen hat. Stattdessen lauern einem Kleinkriminelle, Keiler und unverschämte Taxifahrer auf, die einem den Tag vermiesen wollen. Über die werde ich mich genauso auslassen wie über Sand im Reis, verwanzte Betten, größenwahnsinnige Bettler oder vertrottelte Touristen.

Jetzt aber keine Sorge vor der großen Depression, dazwischen habe ich selbstredend epochale Sachen erlebt und damit meine ich nicht nur das schöne Wetter oder das scharfe Essen. Die Bewohner Asiens sind von einer umwerfenden Freundlichkeit und Offenheit, wie man sie in Europa nicht mehr oft findet. Schräge Typen unterwegs, die nächtliche Milchstraße am Himmel, Natur und Abenteuer zuhauf. Und selbst wenn beim letzten Trip nicht alles eitel Wonne war, das Fernweh packt mich trotzdem immer wieder pünktlich mit dem Beginn der kalten Jahreszeit. Seit nunmehr fünfzehn Jahren besteht meine Motivation, regelmäßig den Ranzen zu packen und nach Asien zu entfleuchen, hauptsächlich darin, mir den langen österreichischen Winter etwas abzukürzen, der grau und kalt über die Stadt kommt und die Leute und mich grantig macht.

Lieber eine Kokosnuss unter Palmen als Glühwein am Punschstandl im Schneegestöber, wo man sich Fieberblasen und kalte Füße holt. Lieber Karaoke in fremden Zungen als Last Christmas im heimischen Diskonter.

Eine weitreichendere Reisemission habe ich leider nicht zu bieten, sorry. Ich sammle kein Geld für die Armen, ich erforsche nicht das Freizeitverhalten irgendwelcher Urwaldmenschen, ich propagiere unterwegs nicht die Vorteile einer demokratischen Republik oder von Socken aus Baumwolle. Kein theatralischer Aufbruch ins Ungewisse läutet meine Reisen ein, keine ausgezehrt heldenhafte Rückkehr ins Heimatland beendet sie. Auch erfinde ich das Reisen nicht neu, im Gegenteil. Man findet mich häufig dort, wo alle anderen sind. Das ist nur selten so beabsichtigt, sondern ergibt sich vielmehr aus mangelnder Recherche im Vorfeld und genereller Bequemlichkeit. Ich bewege mich außerdem höchst konventionell auf durchwegs gängigen Transportmitteln fort, nicht auf Einrädern, selbstgebastelten Tretbooten oder aufgemotzten Rennschweinen. Dem nicht genug, erheben meine asiatischen Schilderungen noch nicht einmal Anspruch auf Vollständigkeit. Der Kontinent ist einfach riesig und überall muss ich ja auch nicht hin. Die meisten Länder habe ich aufgemischt, ein paar auch nicht. Suchen Sie also nicht nach einem roten Faden, es gibt keinen. Viel braucht es nicht, mich für ein paar Monate abzusetzen. Mein Gepäck ist seit Anbeginn der Zeit immer dasselbe. Eine neue Packung Breitbandantibiotika vielleicht, zwei, drei ungelesene Bücher. Eventuell noch eine Impfung auffrischen lassen. Ich bin gegen alles geimpft außer gegen Blödheit.

Dann sage ich zum Abschied leise servus. Die ersten ein, zwei Tage unterwegs komme ich mir noch recht versprengt vor, bis sich langsam die Gewöhnung einstellt. Ein Leprakranker, der im Zug fordernd an meinem Leiberl zupft, wird schließlich so normal wie daheim ein Schwarzkappler, der meinen Fahrschein sehen will. Ein Gecko wird so spannend wie eine Taube.

Die Ausgaben sind bis jetzt immer überschaubar geblieben, ginge auch gar nicht anders. Mit dreißig Euronen Budget am Tag ist man in Asien schon ganz gut dabei. Die brauche ich in Wien auch und da gehen sich keine Schirmchendrinks oder ein gelegentlicher Tauchgang aus. Englisch hilft, aber ohne geht's auch. Ich habe im Land des Lächelns Reisende ohne jegliche Fremdsprachenkenntnisse getroffen, die sind auch irgendwie durchgekommen.

Ganz wichtig ist es aber, beruflich möglichst entbehrlich zu sein. Die meisten Traveler arbeiten als Staplerfahrer, Kellner oder Lieferanten. Ob die gerade da sind oder nicht, interessiert eigentlich niemanden. Besondere Narrenfreiheit genießen außerdem Physiotherapeuten, Pfleger und Masseusen, die können scheinbar kommen und gehen, wie es ihnen gefällt.

Meine Holde hingegen muss für ihre wohlverdiente Auszeit Jahr für Jahr kämpfen wie eine Löwin. Sie verkauft im großen Stil dubiose Finanzprodukte und ihre Chefitäten tun gerade so, als ob die Welt auf das Niveau der Kaurimuschel zurückfallen müsste, würde sie einen Tag länger als der unter Heulen und Zähneknirschen ausverhandelten Frist dem Geldmarkt fern bleiben. Nichtsdestotrotz: Seit ich sie vor Beginn der dritten Reise kennengelernt habe, kommt sie regelmäßig für ein paar Wochen nach und wir reisen ein Weilchen gemeinsam. Beides hat was. Als Lone Star bin ich nur für mich selbst verantwortlich und brauche mich nach niemandem zu richten, im Duo hat man immer einen Verbündeten an seiner Seite und Sonnenuntergänge geben einfach mehr her mit ihr. Meinen langjährigen Reisefreund Travelex oder andere Kumpane treffe ich meistens unterwegs.

Und war ich dann ein Weilchen weg, erscheint die Heimat in ganz neuem Licht. Die Sprache, der Schmäh, die gute Luft sogar in der Stadt. Ein Kornweckerl mit Butter und ein Glas Milch dazu, das eigene Bett. Aber soweit sind wir noch lange nicht.

Vorher müssen wir uns erst einmal ansatzlos ins ferne Asien katapultieren, vom hohen Norden Nepals und der Inneren Mongolei bis zu den südlichsten Ecken Indonesiens. Geben Sie sich dem Zauber der Banalität hin, tauchen Sie mit mir ein in die Magie des Stinknormalen. Ist das schon aufregend genug, glauben Sie mir. Außerdem ist alles wahr, ich schwöre.

Sollten Sie auch etwas zur gelungenen Unterhaltung beitragen wollen, hier noch ein paar Tipps, wie sie den Kulturschock etwas abfedern und mit wenig Aufwand eine tolle, authentische Atmosphäre aufbauen können.

Imitieren Sie die Symptome des Jetlags einfach dadurch, dass sie dieses Buch fortan bis spät in die Nacht lesen, egal, wann sie am nächsten Tag raus müssen. Halten Sie sich möglichst an die fremde Etikette. Unterlassen sie ausholende Gesten, während wir uns literarisch in China befinden, putzen Sie sich in Thailand nicht die Nase und legen Sie Ihre Latschen in Malaysia möglichst so ab, dass man Ihre Fußsohlen nicht sehen muss. Die Verwendung von Klopapier ist einzustellen, freizügige Kleidung können Sie vergessen und Ihre linke Hand auch, die ist nämlich ab jetzt unrein. Spucken ist dafür in Ordnung und Pupsen auch, sollte sich Ihr heimatliches Umfeld nicht allzu sehr daran stoßen.

Die restlichen vierhundertdreizehn kulturellen Sonderregelungen werde ich Ihnen verschweigen, so können Sie nach Art der Ausländer nach Lust und Laune in allgegenwärtige Fettnäpfchen treten.

Verteilen Sie noch etwas Abfall in Ihrer näheren Umgebung, das Ungeziefer wird dann den Weg von alleine finden.

Ernähren Sie sich die nächsten Tage vorwiegend von Reis und Hülsenfrüchten. Brot und Milchprodukte sind gestrichen. Lächeln Sie trotzdem anmutig und gleichzeitig unergründlich.

Sollten Sie unterwegs über den einen oder anderen Austriazismus stolpern: Im Anhang gibt's die Auflösung im Glossar.

Die erste Reise

25.10., Nepal, Kathmandu

Nach vierzehn Stunden Anreise, zwei Plastikmenüs und zu vielen Folgen von How I met your mother steige ich glücklich aus dem letzten Flieger. Namaste, Stefsechef ist in Nepal angekommen.

Ich muss mich gleich zu Beginn erklären. Stefsechef, das bin natürlich ich selbst. Und um die lähmende Langeweile eines Interkontinentalfluges für einige kostbare Minuten abzufedern, gibt es für mich nichts Hilfreicheres als das Bordmenü. Es ist mir dann auch vollkommen egal, was mir der Serviertraktor nach Stunden fiebrigen Wartens hinstellt, ich werde sicher keinen Brösel davon übrig lassen. Mit den Ellbogen fest am Körper anliegend werde ich mich wie ein geschäftiger Hamster über Speisen fragwürdiger Natur hermachen, für die ich am Boden wohl nicht hinter dem Ofen hervor kommen würde.

Dankenswerterweise übernimmt die zähen Preisverhandlungen mit den Flughafentaxlern meine Sitznachbarin, eine des Nepali mächtige, slowakische Reiseführerin mit Eigenheim in Kathmandu, während ich noch mit Akklimatisieren und gierigem Rauchen beschäftigt bin.

Vor ein paar Jahren war ich zwar schon mal hier, aber ich bin für jede mir gewährte Eingewöhnungsfrist in der Fremde dankbar. So hänge ich mich also an die Lady an und ergebe mich dem gebotenen Szenario. Wer sich hier nebelverhangene Beschaulichkeit am Fuße des Himalajas erwartet, wird ziemlich geflasht sein. Kathmandu ist immerhin die pulsierende Hauptstadt Nepals und mit seiner viel zu schnell wachsenden Bevölkerung ein Moloch erster Klasse. Keine drahtigen Sherpas mit wettergegerbten Gesichtern, keine zotteligen Yaks kann ich ausmachen, Gebetsfahnen hängen auch keine von den Stromleitungsknäueln an jeder Ecke.

Obwohl in Nepal knapp die Hälfte des Landes über dreitausend Meter liegt, ist von alpinem Gelände keine Spur. Sollten hier irgendwo schneebedeckte Berge sein, liegen sie gut hinter dem Smog versteckt, in den die lärmende Stadt gehüllt ist.

In Punkto Verkehr herrscht das Faustrecht. Auf den schmalen Gassen fährt jeder gegen jeden, Gehsteige waren in der Stadtplanung nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Motoristen, Fußgänger und Tiere teilen sich das Terrain, die Idee des Shared Space ist hier nicht neu. Angewandte Verkehrsvorschriften sind soweit keine auszumachen, scheinbar herrscht aber überwiegend Linksverkehr. Der Abgasdunst ist atemberaubend, die Bronchien pfeifen. Alle hupen größtenteils sinnfrei und ununterbrochen, der Klangteppich liegt schwer über den verwinkelten Straßenschluchten. Unser rotäugiger Rikschafahrer, wegen der Abgase oder der hierzulande sehr populären Bindehautentzündung, hoffe ich, informiert mich auf Nachfrage über die Notwendigkeit dieses Systems. Neben den gängigen Gründen für die Betätigung der Hupe werden vom lokalen Verkehrsteilnehmer auch noch folgende Inhalte transportiert: „Achtung, ich werde dich jetzt überholen.“, „Ich bin hier.“, „Hallo, wie geht's?“, „Ich besitze eine Hupe.“ und noch einiges mehr. Viele Fahrzeuge verfügen zudem über kolossale Fanfarenreihen, die im Bedarfsfall nicht nur einen lumpigen Ton, sondern gleich ganze Melodien absondern. Der Fahrer lächelt verstört, als ich ihm mitteile, dass Hupen in meinem Land größtenteils verboten ist. Wie um diesen schlimmen Gedanken wieder abschütteln zu müssen, drückt er mehrmals mit Nachdruck seine Handtröte und entspannt sich dann wieder.

Gab es hier jemals Zeiten, als das Hupen noch Sinn machte? Vielleicht in den Fünfziger Jahren, als die ersten Autos in ihren Einzelteilen in die Stadt getragen wurden. Kathmandu war damals noch durch keine ernstzunehmende Straße mit der Außenwelt verbunden, deswegen die Plagerei.

In Thamel, dem touristischen Zentrum Kathmandus, verursacht eine teilnahmslose, knochige Kuh einen respektablen Stau, steht ungeniert mitten auf der Fahrbahn und käut, bedrängt von Bussen, Taxis, Rikschas und Motorrädern, wieder. Höchstwahrscheinlich Abfall aller Art, der liegt nämlich überall reichlich herum. Viele Häufchen glosen rauchend vor sich hin, hier schaut's aus wie in Palermo. „Garbagestrike“, kommentiert der Taxler und hupt. Die einzige Deponie weit außerhalb der Stadt sei schon lange voll. Die Flüsse werden ebenfalls ganz offiziell als Müllkippen genutzt, die schwemmen den Dreck immerhin außer Sichtweite. Irgendwo hüpfe ich raus und sehe mich um nach einem leistbaren Quartier.

Es dauert gar nicht lange, da habe ich schon einen neuen besten Freund, eine feine Sache fern der Heimat. Ein beschlapfter, schnauzbärtiger Mann mit kariertem Hemd und einer gebügelten Anzughose hat alles für mich, weil er mich lieb hat: Eine Unterkunft, Adressen für Trekking, Rafting oder Elefantentrips. Vielleicht ein wenig Ganja? Zum Dank für seine Bemühungen ziehe ich mir in seinem „Büro“, mehr einem rustikalen Verschlag, die Schuhe aus, was eine angenehme Einbremsung seines Elans zur Folge hat. Shanti shanti. Wie gesagt, die Anreise hat etwas länger gedauert. Während wir Chai, raffiniert gewürzten Milchtee, trinken, organisiert er dennoch tranceartig alles, was das Herz des Reisenden begehrt.

Ich hab' die Taschen voller Geld, ich reise um die ganze Welt. Bündelweise Rupees nämlich, für ein paar hundert Euro hat mir der Schalterbeamte haufenweise die hiesige Kohle über den Schalter geschoben. So müssen sich Millionäre fühlen oder Bankräuber. Ich gebe mich trotzdem volksnah und suche sogleich die örtliche Ausschank auf. Nach dem ersten endemischen Fusel und ein paar Momos ereilt mich ansatzlos der Ruf der Wildnis. Extremschranzhocke über einem zugesprenkelten Erdloch mit ohne Klopapier. Die sportbefreiten Oberschenkel brennen, die Haltungsnoten noch verbesserungswürdig. Willkommen in Nepal, brüllt mir mein Gedärm entgegen. Die Sonne scheint bei fünfundzwanzig Grad, morgen borge ich mir ein Rad.

26.10., Kathmandu

Die erste Nacht habe ich hinter mir, mein neuer Schlafsack hielt Tiefsttemperaturen um die neunzehn Grad souverän stand. Ich hoffe das Beste für die Zukunft.

Nach einem Pot nepalesischem Tee mit reichlich Gewürznelken, Kardamon und Zimt schlendere ich zum Durbar Square, seines Zeichens eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt mit seinen hinduistischen Tempeln und Pagoden, Plätzen und Palästen und schon Neunzehnhundertneunundsiebzig aufgenommen in das Unesco-Weltkulturerbe. Die Tauben kacken trotzdem alles voll und sorgen so noch zusätzlich für Lokalkolorit. Für den Eintritt bezahle ich an einer Straßenecke dreihundert Rupees, umgerechnet fünf Euro, um mich kurz darauf in einer Oase der Ruhe wiederzufinden. Kein motorisierter Verkehr mehr, hervorragend. Dichtes Gedränge herrscht trotzdem, man schiebt sich und mich vorbei an verfallenen, alten Häusern mit filigran geschnitzten Fensterläden, dazwischen hocken hässliche Betonbauten. Vor kleinen Altären huldigen die Leute dem Elefantengott Hanuman, dem hinduistischen Oberchecker Shiva oder auch der blutrünstigen Kali, mehr als drei Viertel der knapp dreißig Millionen Nepalesen gehören dem Hinduismus an.

In der auch in den offiziellen Stadtplänen als solcher geführten Freakstreet hängen die letzten der in den Sechzigerjahren zugezogenen Hippies ab, die für die Namensgebung dieser Straße verantwortlich zeichnen. Hennagefärbte Bärte, Lederbänder und grober Silberschmuck, dreckige Schlaghosen und Joints. Geraucht zu Ehren der Götter, obwohl das Gras hier zur Eindämmung der Sinn suchenden Massen schon vor vielen Jahren verboten wurde.

Ziel- und orientierungslos schlendere ich durch die krummen, engen Gassen. In der Altstadt preisen Fleischhauer ungekühlte Fleischklumpen an, während die hinter dem Dunst nur schwach glimmende Sonne schon untergeht. Vereinzelt geht die Straßenbeleuchtung an und dann wieder aus. Die häufigen Stromausfälle haben scheinbar System und alle außer mir wissen, wann der Saft wieder fließen wird. Verlöschen des Nächtens die Lichter der Stadt, wird's so richtig finster. Stirnlampen werfen dann verrauchte Lichtkegel in die Dunkelheit und Butterlampen flackern in den Fenstern.

Und das ist dann auch schon wieder genug Stadt für eine Weile. Morgen gehe ich wandern, der Langtang Trek lockt. Der Marsch zum Mount Everest-Basecamp schied ob vermehrtem Yeti- und Touristenaufkommen aus, ich veranschlage zehn bis vierzehn Tage für den Trip. „Hörst du nicht den Ruf der Berge, sie rufen, sie rufen dich…“, trällere ich, während ich am Zimmer alles Entbehrliche aus meinem Rucksack ausmustere. Letztendlich bleiben noch immer gute zehn Kilo übrig. Als erste Maßnahme dezimiere ich den für klimatische und seelische Notfälle vorgesehenen Alk um die Hälfte, außerdem schneide ich mir zwecks Reduzierung der Gesamtlast die Nägel. Ein Besuch beim Frisör steht auch noch aus, jedes Gramm zählt. Da mich dieser Trek in ungeahnte Höhen führen wird, habe ich mir außerdem eine Schlagobersflasche zugelegt, um mich mittels regelmäßiger Lachgaseinspritzung fit zu halten. Morgen früh werde ich den Bus nach Syabrubesi nehmen, den Ausgangspunkt für den Marsch. Die hundertsiebzehn Kilometer dorthin wird er laut Aushang mit lächerlicher Geschwindigkeit in neun Stunden bewältigen. Ich kann also locker nebenher mitrobben, sollte ich während der Fahrt schon Lust auf Bewegung verspüren.

27.10., Syabrubesi

Den Haarschnitt gestern musste ich um zwei Stunden verschieben, Powercut. Eine fremde Klinge an meiner Kehle bei Kerzenschein muss nicht sein. Dann aber wurde mir Service vom Feinsten für gerade einmal siebzig Cent zuteil, inklusive Abklopfen der Birne und einer Gesichtsmassage. Der Typ knetete meine Wangen und Ohren durch und zog dann meine Mundwinkel rauf und runter, während ich mich total unseriös abpecken musste, ich konnte nicht anders. Zum Abschluss verteilte er noch reichlich bunte und duftende Cremes auf meinem glänzenden Haupt, als strahlender Metrosexueller verließ ich das Etablissement.

Heute hüpfe ich schon im Morgengrauen aus den Federn, gerade als der erste Hahn sein Ei legt. Nach zermürbenden Verhandlungen bringt mich letztendlich ein Taxi zum Dreifachen des empfohlenen Richtpreises zum Busbahnhof. Theorie und Praxis entfernen sich hier oft weit voneinander, damit muss man leben. Das Terminal ist ein verdrecktes Eck, wo ein paar schrottreife Busse herumstehen und in Tücher gehüllte Menschen bedächtig Tee schlürfen, während die Stadt langsam erwacht. Ein wohl noch schlaftrunkener Hund wird von einem Motorrad mit Rammschutz angefahren und zwar so heftig, dass er sich noch stehend zweimal um die eigene Achse dreht. Der arme Hund müsste jetzt mindestens tot sein, sucht aber nach ein paar Schrecksekunden noch jaulend das Weite.

Ich finde meinen Bus und da ich der erste bin, wähle ich den komfortabelsten und meiner Meinung nach sichersten Platz aus, nämlich den direkt hinter dem Fahrer. Einen alten Knacker, der ein paar Minuten später meinen Sattel beansprucht, wedle ich hochherzig weg wie einen frischen Furz. First come, first serve. Leider sind die Sitze aber durchnummeriert und entsprechend reserviert, deswegen hatte es auch keiner eilig außer mir. Der Schaffner verweist mich nach hinten auf die billigen Ränge und der Pensi grinst schadenfroh. Wissen schafft Vorsprung. Oberhalb der Hinterachse finde ich mich wieder, dort, wo in unseren Breiten maximal der Feuerlöscher verstaut wird. Meine Kniescheiben lösen sich folglich zu Brei auf, während einer der schrecklichsten Fahrten meines doch nicht mehr so jungen Lebens. Aber schön der Reihe nach.

Binnen weniger Minuten füllt sich der Bus bis auf den letzten Winkel mit Fahrgästen, darunter Frauen in bunten Saris, viele Kinder und plärrende Säuglinge, die mir bisweilen formlos von ihren Müttern überantwortet werden. Aus Spaß wurde Ernst, Ernst ist heute ein Jahr alt. Wobei der Nachwuchs hier selten Ernst heißt, eher Bhupal oder Mrigesh. Ein paar Landbewohner steigen auch noch zu, die böckeln hardcore nach Stall und altem Schweiß. Stefsechef treibt es die Tränen in die verschlafenen Augen, ärger als bei uns im O-Wagen. Jeder latscht mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit auf meinem Rucksack herum, es geht auch nicht anders. Der Mittelgang ist schon einen guten Meter hoch vollgeräumt mit Waren aller Art, als wir uns endlich in Bewegung setzen. Bleibt der Bus wieder irgendwo stehen, stürmen ihn sofort Händler und verkaufen lautstark Wasser, Nüsse, Zeitungen und Obst.

Langsam zuckeln wir raus aus Kathmandu. Die Leute sind auf eine angenehme Art neugierig, aber nicht aufdringlich. Ein kurzer Blickkontakt, ein Lächeln, mein Sitznachbar übt sich in belangloser Konversation. Wir schrauben uns in luftige Höhen und umrunden das Kathmandutal, um nach neun Stunden am Gegenhang anzukommen. Die weißen Berggipfel dahinter sehe ich schon nach kurzer Zeit. Wir passieren Wasserfälle, überqueren breite Flüsse auf dauerprovisorischen Brücken, neben dem Weg liegen Felsen so groß wie Häuser. Schnell füllt sich auch noch das Dach des Busses und wer aussteigen will, drischt beherzt aufs Blech unter ihm. Ein armes Schwein kotzt sich da oben an und der Grind rinnt die Seitenscheiben runter, halleluja. Nach ein paar Stunden ist's vorbei mit Asphalt, ab jetzt holpern wir über Stock und über Stein. Es staubt gewaltig. Die Schlauen besitzen einen Mundschutz, die anderen knirschen mit den Zähnen. Ich bin keiner von den Schlauen.

Die Straßenverhältnisse werden von Minute zu Minute schlechter und ich bin knapp davor, mir in die Hose zu machen. Bei abschüssiger Fahrbahn oder Unebenheiten droht das Ding den Steilhang runterzukippen, zwischen uns und dem gähnenden Abgrund ist nichts, absolut nichts. Alle sind jetzt still, der Fahrer dreht das übersteuerte Gedudel aus den Lautsprechern auch noch ab. Die Anspannung ist fast mit Händen zu greifen. Im und auf dem Bus befinden sich insgesamt rund achtzig Leute und jedem geht der Reis. Wir fahren mittlerweile selten schneller als zehn Stundenkilometer und das ist vollkommen ausreichend. Hinten hüpft der Bus bei jeder Rinne gute zwanzig Zentimeter und ich mit ihm. Warum Fahrer, Passagiere oder Maschine nicht nach schon einem Trip den Geist aufgeben, wird wohl ein kosmisches Rätsel bleiben. Einen Patschen am inneren Zwillingsreifen beheben der Schaffner und ein paar Tatkräftige in fünfzehn Minuten, reine Routine.

Während einer Pause beim Gasthaus am Ende der Welt bestelle ich mir das erste Dal Bhat von vielen. Diese frugale Nationalspeise setzt sich zusammen aus Reis, Linsen und diversem Currygemüse, meistens sind das Kichererbsen und Kartoffeln. Besteck ist nicht vorgesehen und der Hunger ist groß. Der Benimmführer empfiehlt folgenden Ablauf: Alles portionsweise miteinander vermischen, Greifen einer Ladung mit allen fünf Fingern, Schaufel formen, mit dem Daumen die Nahrung elegant in den Mund schieben. Mit rechts, wohlgemerkt, mit der Linken macht man was anderes. Die Finger muss man nicht nach jedem Hub abschlecken, die dürfen für die Dauer des Essens angeschweindelt bleiben. Ein Kind mir gegenüber ist begeistert von meiner Unfähigkeit und genießt die Show.

Am Ende der Fahrt fühle ich mich, als wäre ich stundenlang von jemandem leicht getögelt worden, und danke allen erfundenen und wirklich existierenden Göttern für meine heile Ankunft. Eingedenk des erlittenen Martyriums werde ich den Langtang Trek noch mit einem anderen Weg kombinieren, die Fahrt zurück nach Kathmandu sollte sich durch diesen Kunstgriff auf aushaltbare zwei Stunden reduzieren.

28.10., Langtang Trek, erster Tag

Gestern habe ich in Erwartung entbehrungsreicher Zeiten noch auf Vorrat mit allem Drum und Dran schnabuliert, es gab sogar Kürbiskuchen. Tschickvorräte und Schoko sind reichlich gebunkert, die heiße Dusche habe ich mir mit dem Schöpflöffel aus dem Waschbecken gegeben. Es ist schon recht frisch hier, im unbeheizten Zimmerchen auf rund eintausendvierhundert Metern Höhe. Das Panorama verheißt Gutes und es sind haufenweise Österreicher in der Gegend. Als ob wir zu Hause nicht schon genug Berge hätten. Im breitesten Tiroler Dialekt bietet mir ein nepalesischer Guide seine Dienste an, er hat sechs Jahre in Österreich auf einer Almhütte gearbeitet und könnte mir auf Wunsch vom Burenheidl bis zum Schweinsbraten so ziemlich alles zubereiten. Zu bizarr ist der Freund der Berge, ich lehne dankend ab. Außerdem gehe ich sowieso lieber allein.

Nach elf Stunden Schlaf der Gerechten frühstücke ich noch ausgiebig Fladenbrot mit ranziger Butter und dann latsche ich los, dem Himmel entgegen. Heroisch, frohgemut, zu fast allem bereit. Die Dorffrauen lachen mich an oder aus und eine zeigt mit dem Finger auf mich, Bauerndeppen. Ein paar hundert Meter weiter melde ich mich ordnungsgemäß beim verschlafenen Militärstützpunkt, auf dass alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, sollte ich unterwegs Blasen bekommen oder in anderweitige Bedrängnis geraten. Rene, ein in die Jahre gekommener Holländer, schließt sich mir an. Der höchste Berg seiner Heimat ist um die dreihundert Meter hoch, da gehe sogar ich als Bergführer durch.

Der Pfad führt mal rauf und dann wieder runter, immer dem imposanten Langtang-Fluss entlang. Über wackelige Hängebrücken queren wir ihn auch hin und wieder, angenehm betäubt vom ständigem Rauschen und Dröhnen des Wassers. Über die Jahre rund gelutschte Felsbrocken glänzen im Flussbett. Begrenzt ist die Optik von steil abfallenden Berghängen. Schön, dass ich mein Wanderführerbuch mithabe. Die Abzweigungen sind nicht markiert und außer uns ist kaum jemand unterwegs. Ich transpiriere erwartungsgemäß und bald bewege ich mich nur mehr in Zeitlupe. Mein Wanderkollege läuft ebenfalls schon im roten Bereich. Mit Hilfe einer bislang ungetragenen Socke als improvisiertem Filter, da lasse ich mich nicht lumpen, fülle ich meine Wasserflasche bei der ersten Möglichkeit, ich habe schon längst alle Reserven ausgetrunken. Das Wasser sickert direkt aus einem Felsen, ist eiskalt, schaut gut aus und schmeckt wie in der Werbung. Glugluglug, ahhhhhh!

Ein einheimischer Eierträger, damit meine ich seine berufliche Tätigkeit, ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wird von mir mit großen Teilen meiner Rauchwaren bedacht. Diesmal wird mein lauterer Vorsatz zur Nikotinaskese immerhin an die drei Stunden halten. Nach einer Weile steigt der eindeutige Duft von Cannabis in unsere Nasen und wir erwarten einen kiffenden und höchstwahrscheinlich schnorrenden Pseudo-Sadhu ums Eck, einen Betrüger, der sich als heiliger Mann ausgibt. Bei näherer Betrachtung finden wir uns allerdings mitten in einem wahrscheinlich wilden Hanffeld wieder. Rene ist entzückt, er hüpft spontanvitalisiert wie einstmals Heidi durch die Sträucher und streichelt liebevoll die klebrigen Blüten. Dann stopft er seinen Schlafsack damit voll. Erstens, weil er sich selbigen in Kathmandu ausgeliehen hat und der angeblich stinkt und zweitens, „not to get too homesick."

Die Lodges am Weg sind alle sehr einfach gehalten, aber immer wunderschön gelegen. Entweder direkt am Fluss, wo man sich wie in der Disco anschreien muss, oder auf einer sonnigen Lichtung irgendwo im Wald mit Blick auf die verschneiten Berge. Beim empfohlenen Tagesziel Bamboo Lodge bin ich schon zu Mittag, ich liebe mich. Der Holländer raucht sich mal einen an und ändert dann kurzfristig seine Wanderpläne. Auf unbestimmte Zeit hierzubleiben, plant er, erst einmal in Ruhe seinen Schlafsack auszurauchen. Überhaupt möchte er sich gar nicht mehr allzu weit von seiner Quelle des Glücks wegbewegen, wozu in die Ferne schweifen?

Nach einem bescheidenen Dal Bhat ziehe ich weiter. Der Pfad entfernt sich zeitweise vom Fluss, dann löst Dschungelsound das ewige Rauschen ab. Nach der Überquerung einer weiteren Brücke wechsle ich schließlich ans sonnige Ufer, die Sonne knallt jetzt runter wie in einem billigen Spaghetti-Westler und außer einer gestrickten Bommelhaube mit Ohrprotektoren war in Kathmandu keine adäquate Kopfbedeckung mehr aufzutreiben.

Am späten Nachmittag checke ich mit rotem Schädel in Upper Dunche ein. Das einzige Quartier ist schon ausgebucht, aber zwei Minuten entfernt wohnen die Träger anderer Partien und bald auch ich. Das Zimmer ist mehr ein Kobel und riecht modrig, eine fette Spinne sitzt stoisch im Eck und wartet wohl auf ihr Abendmahl. Als Pazifist und Feigling lasse ich sie leben und hoffe auf Waffenstillstand. Die heiße Dusche mittels winzigen Durchlauferhitzers macht Laune, in der Lodge haben sich indes drei Französinnen und drei Austrianer eingefunden. Sobald die Sonne weg ist, wird's binnen Minuten empfindlich kalt und finster, in der Mitte des Raumes knistert ein Ofen. Dessen Feuerschein und eine kleine Neonröhre in der Küche sind die einzige Beleuchtung.

Dort brät die dicke Köchin auf einem Lehmofen mit zwei Kochstellen Gemüse in einer großen Pfanne ab, es ist warm und behaglich. Die Träger und Führer hocken im Kreis und essen ihr Dal Bhat. Viel, schnell, mit Hingabe, schweigend. Zur Feier des Tages leiste ich mir ein Bier. Es wird mir von der Dicken dargereicht wie Rotwein in der Kirche, es kostet doppelt so viel wie mein Zimmer. Dazu reicht sie Sherpa stew soup, eine leckere Pampe mit einmal Allem, was sich so finden lässt, nachher Brotfladen mit Yakkäse. Der sollte eigentlich Nakkäse heißen, weil Yak das Männchen bezeichnet und Nak das Weibchen.

Während ich in der Küche rauche, spielen die Nepalesen Karten. Das tun sie immer und überall, sobald sich auch nur ein paar Minuten finden. Und schon am frühen Abend haue ich mich in die Heia, ich fühle mich wie gesteinigt. Ich bin ein Kind der Stadt, da sind Gehsteigkanten schon ernstzunehmende Erhebungen. Mein Schlafsack verweigert seine Dienste bei zehn Grad, die vom Hersteller propagierte Wärmeleistung ist nichts als eine gottverdammte Lüge. Und ich bin ein richtig blöder, naiver Konsument, wenigstens einmal hätte ich ihn daheim ja ausprobieren können. Ich erhöhe um einen Pulli und eine Trainingshose.

Langtang Trek, ein Anrainer

29.10., Langtang Trek, zweiter Tag

Mit neun juckenden, nässenden Beulen am Hintern erwache ich, da, wo das Leiberl aus der Hose gerutscht ist. Die Spinne ist weg und andere Verdächtige, die ich zur Rechenschaft ziehen könnte, sind nicht auszumachen. Wanzenbisse sind das auf alle Fälle keine, so viel ist sicher. Ich tröste mich mit einem doppelten Omelett und schwarzem Tee in der geheizten Hütte und verlasse die versiffte Bude.

Zuerst fällt die Jacke, dann der Pulli, es ist heiß! Sicherheitshalber leiste ich mir dennoch vom fliegenden Händler Yakhandschuhe um kleines Geld, die Gletscher in der Ferne wirken etwas einschüchternd. Ich fühle mich saftlos und lasse keine Teehütte entlang des Weges aus. Mein in Kathmandu erstandenes Wanderbuch kommt bei den Eingeborenen wahnsinnig gut an, obschon keiner von ihnen lesen kann. Aber bei den Fotos gibt's immer wieder ein Ahh und Ohh! Der eine erkennt seine Schwester, die andere ihre Hütte. Stefsechef lässt sich nicht zweimal bitten und spendiert Seite um Seite. Einer erkennt sogar sein Yak. Da das Tierchen aber schon letztes Jahr das Zeitliche gesegnet hat, hebe ich mir die Seite auf. Wie es zu Tode kam, traue ich mich nicht zu fragen. Vielleicht hängt ja noch eine letzte Schwarte von ihm in der Speis, vielleicht ein tragisches alpines Unglück, wer weiß?

Da betritt ein Japaner schnaufend den Laden und möchte gern Pringles Chips erstehen. Der Hinterbliebene des Yaks meint, das mache vierhundert Rupees, worauf der gelbe Mann kurz vor der rituellen Selbstentleibung steht, verständlich. Genauso verständlich wie der Preis. Schließlich muss ja irgendwer das ganze Zeug heraufschleppen, der nächste Markt befindet sich weit unten im Tal.

Nach einer spontanen Walddüngung mit geschätzter Vorwarnzeit von dreißig Sekunden marschiere ich frohgemut weiter den Fluss entlang auf gemeinen Steigungen und in den Hang geschlagenen Stufen quer durch die Landschaft. Und hinter dem nächsten Hügel geht's wieder runter, die meisten Höhenmeter macht der Wanderer hier doppelt und dreifach. Im Schatten lässt sich's leben, in der prallen Sonne klopft der Kuckuck an. Hastdunichtgesehen hüpft plötzlich ein großer, weißer Affe aus der Botanik! Irgendwas zwischen Lemure und Gorilla, ich bin hin und weg. Und das Viech ist auch hin und weg und dann isses weg. Ich bin versucht, mein Beinkleid zu beschmutzen.

War das Ding vielleicht nur eine Halluzination infolge akuten Sauerstoffmangels? Auf dreitausend Metern wohl eher nicht. Jetzt verstehe ich Gebirgskollegen wie Reinhold Messner. War der Yeti echt? War er vielleicht geistiges Produkt eines selbst gesammelten Pilzmahls oder gar nur ein ungepflegter Passant am Weg zur Schutzhütte? Who knows?

Während eines wohlverdienten Päuschens auf der Blumenwiese stoßen drei Israelis dazu und wir gehen ein Stück des Weges gemeinsam. Geselligkeit Fremden gegenüber bei Israelis im Rudel ist mir noch nicht oft passiert. In Indien traf ich sie zuhauf und dort hauptsächlich in Goa, wo sie prinzipiell unter sich bleiben und ordentlich die Sau raus lassen. Mit den größten verfügbaren Enfields, das sind Harleys für Arme, fetzen sie dort unter Tags in der Gegend herum, schon völlig breit vom Saufen und vom Kiffen. Am Abend rotten sie sich dann zusammen und hacken sich kollektiv und lautstark um. Manche Herbergen haben deshalb Schilder aufgestellt, No Israelis welcome. Das ist hart, aber mit so einer Truppe neben dir kannst du dir den Schlaf tatsächlich abschminken. Nach drei Jahren Wehrpflicht muss aber auch einmal der Bär steppen, ist schon klar. Und die Mädels haben es nicht viel besser, die müssen immerhin noch für einundzwanzig Monate einrücken.

Beim Mittagessen tausche ich mit dem fußlahmen Amit, scheinbar einem ehemaligen Systemerhalter beim Heer, vier meiner Blasenpflaster gegen einen taktischen Vorrat an Chilischoten ein. Pimp my Dal Bhat, Kampf der Fadesse. Das Nationalgericht schmeckt beim ersten Mal wirklich hervorragend, beim zweiten Mal noch sehr gut, beim dritten Mal immerhin noch gut. Nach dem zehnten Dal Bhat in Folge reicht es dann für ein ganzes Leben.

Serviert wird heute aber Egg chomein, für Interessierte auch mit Stückchen vom Büffel. Zum Dessert lasse ich mir noch Nakjoghurt aufdrängen. Besteht aus jeder Menge Bröckerl mit gelben Fetteinlagerungen, wie vorverdaut. Schmeckt gut, schaut ekelhaft aus.

Ein Adler winkt von oben. Das Rauschen ist weg, ich bin wieder allein und schon gute dreihundert Meter oberhalb des Flusses. Vor mir geht eine alte Frau, tief gebückt unter dem großen Bündel Brennholz, das sie auf ihrem Rücken trägt. Ich folge ihr bis in die nächste Ortschaft, wo Männer am Wegrand sitzen und Steine klopfen. Sie bauen gemeinsam ein Haus.

Ich falte die Hände vor der Brust, verneige mich und komme mir ganz schön seltsam vor, Namaste. Eine rauche ich mit ihnen und unser linkisches Gespräch kreist um die üblichen beliebten Themen. Verheiratet? Nein. Kinder? Nein. Sie bemitleiden mich ein bisschen und arbeiten dann weiter.

Über der Baumgrenze pfeift nur mehr der Wind, sonst ist's ganz still. Am Nachmittag erreiche ich Langtang auf dreitausendvierhundert Meter Höhe und quartiere mich in ein Liliput-Zimmer mit fast schon kitschiger Aussicht auf die mittlerweile näher gerückten Gipfel ein. Nach einer solarbetriebenen heißen Dusche verarzte ich fachmännisch einen kleinen Hosenscheißer mit harmloser Fleischwunde oberhalb des Ellbogens. Seine Mama hat mich darum gebeten, die Wanderer mit ihren Verbandspäckchen und Tabletten sind hier bescheidenste Alternative zu anständiger ärztlicher Versorgung. Als der Zwerg mein Messer sieht, bekommt er große Augen. Wahrscheinlich glaubt er, ich will an ihm herumschnippeln. Aber ich brauch's nur fürs Endlospflaster, da hat er noch einmal Glück gehabt.

Als geilster Schamane und Zauberheiler ever, als mögliche Emanation des amtierenden Lamas werde ich nach der gelungenen Operation von der Herbergsmutter ehrfürchtig in die gute Stube gebeten. Dort wärmen sich bereits zwei Holländerinnen, zwei Hühner aus deutschen Landen und eines aus Großbritannien am Ofen. Und zwei Japaner, die eine große Glasflasche mit erstklassigem Glenfiddich mit sich führen. Wandern, aber mit Style. Hai! Auf die Essstäbchen dürften sie allerdings vergessen haben, ihr Tisch gleicht nach dem Abendmahl einem Schlachtfeld.

Im Laufe des Abends findet sich eine illustre Runde ein und jeder darf ein paar Wuchteln und bestandene Abenteuer zum Besten geben. Irgendwann muss ich trotzdem zurück ins kalte Zimmer, es wird richtig ungemütlich. Trotz zweier und somit aller mitgeführten Hosen, meinem Pulli und der Jacke.

Bergbauer mit Kopfschmuck

30.10., Langtang Trek, dritter Tag

Nach dem Frühstück wohne ich einer ergreifenden Geburtstagsfeier über den Wolken bei. Eines der holländischen Mädels hat nämlich und bekommt zwei Luftballons geschenkt, einen gelben und einen blauen.

Zur allgemeinen Stärkung empfiehlt mir der Wirt am Vormittag einen ominösen Thorndrink, der wird angeblich in Handarbeit aus irgendwelchen Dornenbemmerln gewonnen. Schmeckt verdächtig nach heißem Isostar. Anyway, ich ziehe weiter.

Es ist vollkommen windstill. Linkerhand tut sich der erste Gletscher auf, ein mächtiges, zackiges Etwas aus Eis und Schnee. Oben weißer als weiß, unten schmutziggrau, mit Dreck und Felsen vermischt. Als neu berufener Heiler versorge ich am Weg ein aufgebranntes Nepalikind mit Sonnencreme, die Mama schmiert noch eine Portion davon für morgen in ein Plastiksackerl und gibt einen Tee aus. Bezahlt in Naturalien, das Los des Landarztes. Vorbei an Stupas wandere ich, das sind Halbkugeln aus Stein und Beton, in denen fragwürdige Reliquien von Heiligen aufbewahrt werden, und schrecke halbwilde Schafe aus ihrer nachmittäglichen Lethargie.

In der Nähe von Tempeln und Klöstern ist der Weg oft in der Mitte geteilt durch hunderte Meter lange Mani-Mauern. Einzelne Steine werden von Pilgern mit heiligen Texten beschriftet und hier abgelegt, mit der Zeit sind dadurch Mauern entstanden. Die Anfänge dieser Riten liegen wohl in Tibet, wobei die hiesigen Bräuche ohnehin eng mit der tibetanischen Kultur verwoben sind. Auch an den Wegkreuzungen komme ich oft an großen Steinhaufen vorbei, in denen Bilder von Buddha und anderen Heiligen stecken. Ein Passant bedeutet mir, ich möge immer links an den Mauern vorbeigehen. Aus religiösen, nicht aus verkehrstechnischen Gründen.

Viele stattliche Yaks stehen in der Landschaft herum, die meisten wirken sehr gepflegt und sauber. Yaks sind in den Bergen Nepals so etwas wie Alleinunterhalter im Versorgungswesen. Die Bauern nutzen sie als Last- und Reittiere und als Milch-, Fleisch-, Leder-, Haar- und Wolle-Lieferanten. Sogar die Kacke ist kostbar, die wird verheizt. Dazwischen tummeln sich einige wenige Pferde, so klein, dass man beim Reiten die Füße einziehen muss.

Vereinzelt wachsen noch ein paar Büsche, ansonsten wird's schon recht karg hier oben. Voller Elan erreiche ich mein Tagesziel, Kyanjin Gomba auf dreitausendneunhundert Meter Höhe, schon am frühen Nachmittag und lasse mir von einem englischen Senior am sonnigen Platz vor der Herberge die Kricketregeln erklären. Es gibt tatsächlich Partien, die fünf Tage dauern. Während seiner ergreifenden Schilderungen muss ich stark an mich halten, um nicht pennend vom Sessel zu rutschen.

Nach Kartoffeln mit Gemüse und Käse gönne ich mir ein Verdauungsschläfchen bei erfrischenden zwölf Grad, dann erkunde ich das malerische Kaff. Die Höhepunkte: Eine „Käsefabrik“, also eine Hütte mit ein paar Laib Käse drin und zwei Bottichen, ein Hubschrauberlandeplatz, also ein Steinkreis mit einem aus Steinen geformten H in der Mitte und zwei German Bakeries, beide geschlossen. Schade, ein Stück Brot wäre schon etwas gewesen. Zwecks Stabilisierung meiner aus dem Lot gelaufenen Verdauung kippe ich eine Ladung Kohletabletten mit Rum, dann haue ich mich wieder aufs Ohr.

Es hat mittlerweile unter Null und ich erhöhe um alle sieben Shirts, das Regenzeug und die Sturmhaube. Nicht zu vergessen die Handschuhe. Das ist definitiv alles, was ich an Textil mit mir führe.

31.10., Langtang Trek, vierter Tag

Um sieben flüchte ich aus meiner Gefrierkammer in die ersten Sonnenstrahlen, von dort lockt mich bald der Duft frisch gebrühten Kaffees in die warme Küche. Der Chef läuft barfuß herum, ein paar Mäuse sind auch schon wach.

Sobald meine Betriebstemperatur erreicht ist, starte ich zu einem kleinen Ausflug in die Umgebung. Vorbei an der örtlichen Gomba, das ist eine heilige Betonkugel auf einem Sockel mit einem Fähnchen dran, den Hang hinauf zum Lirung Ampheetheatre, wo's in der Ferne, umgeben von Gletschern und steilen Geröllhängen, einen kleinen Bergsee zu bewundern gilt.

Aus den veranschlagten drei Stunden werden sieben, die Gletscherzunge den Hang rauf ist einfach zu verlockend und will erforscht werden. Sie wirkt allerdings näher, als sie letztendlich ist, und es geht steil bergauf. Schon bald bewege ich mich wie Ötzi auf seinem letzten Weg, oft bleibe ich stehen. Nicht weil ich will, sondern weil sich mein Gehtempo einfach unmerklich auf Stillstand reduziert hat. Am Gegenhang, ein paar beruhigende Kilometer entfernt, geht eine Lawine ab. Nach lautem Donner wälzt sich eine massive Schneewolke fast lautlos ins Tal hinab. Oben am Grat bleibt eine Schneestufe zurück, die so scharfkantig und gleichmäßig wirkt, als wäre sie mit einem überdimensionalen Messer abgeschnitten worden.

Am Nachmittag erreiche ich endlich den unteren Ausläufer der Gletscherzunge und das Ding lebt. Es kracht und knackt, Steine fallen

irgendwo herunter, mittendrin balancieren Felsen so groß wie Autos auf fragilen Schneesäulen. Aus riesigen Spalten und Auftürmungen sickert Wasser heraus. Kein Schwein da außer mir, das fasziniert mich fast noch mehr. Die einzige Begegnung den ganzen Tag über hatte ich mit zwei Nepalesen und die suchten ein abgängiges Yak.

Riesiges Eisding

Ich erklettere einen Felsen zehn Meter seitlich vom riesigen Eisding entfernt, näher traue ich mich nicht heran. Dort verscheuche ich ein paar schnepfenartige Vögel, zapfe vielleicht Jahrmillionen altes, eiskaltes Wasser und bereite mich darauf vor, den monumentalsten Naturfilm zu drehen, der jemals mit einer Sangsum-Kamera um neunzig Juros produziert wurde.

Nach drei Sekunden ist der Akku leer. Hätte ich noch Haare am Kopf, ich würde sie mir in einem Anfall von Wahnsinn und Verzweiflung ausreißen. Den Versuch, mich selbst zu erwürgen, muss ich wegen akutem Sauerstoffmangel abbrechen. Das Ladegerät blieb versehentlich zurück in Kathmandu. Keine Fotos mehr während dem restlichen Trek.

Zerknirscht latsche ich zurück zum Dorf, vorbei an hausgroßen Findlingen. Keine Wolke weit und breit, heute nicht und sonst auch nicht. Ich erstehe einen viertel Kilo Käse und teile ihn mir in der Sonne mit den holländischen Wanderinnen, als eine Horde ausgelassener und vollgerotzter Kinder auftaucht. Sie hätten gerne ihre zugegrindeten Luftballons aufgeblasen, ich passe. Erstens kann ich sowieso keine kostbare Luft entbehren, zweitens bin ich Ästhet. Ich kann auch Eltern nicht verstehen, die die vollgekleisterten Pratzen ihrer Liebsten in den Mund nehmen und abschlecken, das kann nicht normal sein. Ein Jungbürger deponiert dann noch nonchalant einen Riesenrammel auf der Tischplatte, time to go.

Da in meiner Bude die Solaranlage kaputt ist, schleiche ich mich in ein anderes Guesthouse, um mir die Enttäuschung und den Schweiß abzurubbeln. Hier funktioniert alles gut, zu gut. Es kommt nur kochend heißes Wasser direkt aus der schwarzen Plastiktonne am Dach, kein kaltes Wasser zum Abmischen verfügbar. Der Verschlag verwandelt sich in Sekundenschnelle in ein türkisches Dampfbad und ich tanze den Acidfolk, während ich noch zusätzlich meine Wäsche in einem Sackerl wasche.

Schnell setze ich mich wieder in die letzte Sonne mit einem Häferl heißer Zitrone, hier kann ich den Graden beim Purzeln zuschauen. Ein Slowake gesellt sich dazu. Er schleppt dreiundzwanzig Kilo Gepäck, inklusive Zelt. Am nächsten Tag werde ich ihn im Morgengrauen in kurzer Hose losmarschieren sehen, mit dem Ziel Gangja La Pass auf fünftausendzweihundert Meter Höhe. Dort oben gibt's keine Unterkünfte mehr, da muss er sich sein Eigenheim schon selbst mitbringen.

Zum Abendessen kämpfe ich mit einer laaaange Fäden ziehenden Käsesuppe, dann tauche ich mit den Holländerinnen ins dörfliche Nachtleben ein. Am Ende der Ortschaft wartet das Poolhouse mit einem Billardtisch. Unglaublich, aber wahr. Das Ding muss hier oben geschnitzt oder mit dem Hubschrauber eingeflogen worden sein, weswegen wohl ein Spiel so viel wie daheim kostet. Zu später Stunde wanke ich in sternenklarer Nacht durch das schlafende Nest, die Hunde bellen mir den Weg. Die restlichen Stunden sind auszuhalten, ich bin von innen gewärmt.

01.11., Langtang Trek, fünfter Tag

Grunzendes Zottelgetier im Innenhof treibt mich aus dem Bett, wir steigen ab ins Tal. Ich, weil ich keinen Akku, einen beschissenen Schlafsack und eigentlich schon genug vom Wandern habe, die Damen, weil sie weiter nach Pokhara wollen.

Just aus dieser beschaulichen Stadt im Herzen Nepals wurde ich vor einigen Jahren vom Militär evakuiert und das kam so: Während ich für zwei Wochen nichts Böses ahnend im Annapurna-Gebiet wandern war, kam es im Zuge der damaligen Auseinandersetzungen zwischen den Maoisten und dem König zu gewalttätigen Ausschreitungen in Kathmandu, worauf es der Monarch vorzog, sich per Helikopter nach Pokhara ausfliegen zu lassen. Binnen kurzer Zeit kam es dann auch in diesem vormals friedlichen Städtchen zu Demonstrationen und blutigen Zusammenstößen. Als ich vom Basislager des Annapurna zu Fuß die Straße zurück nach Pokhara ging, weil schon weit und breit keine Transportmöglichkeit mehr aufzutreiben war, sah ich schon von Weitem den Rauch vor sich hin kokelnder Straßenblockaden, an manchen Kreuzungen standen gepanzerte Fahrzeuge der Vereinten Nationen. Alle Geschäfte hatten geschlossen, ein unbefristeter Generalstreik war ausgerufen worden. Irgendein Militarist fragte mich, was ich denn noch hier verloren hätte, als ich so durch die Straßen streunte, alle Ausländer wären doch schon lange abgereist. Am nächsten Tag musste ich mich noch vor Morgengrauen auf einem Militärflughafen einfinden, von wo ich nach vielen Stunden des Wartens mit einer kleinen Transportmaschine ausgeflogen wurde. Direkt hinter dem nach hinten offenen Cockpit saß ich auf irgendeiner Kiste und konnte den zwei Piloten und dem Funker über die Schulter schauen, während sie das Flugzeug möglichst flach über die Landschaft steuerten, ihre automatischen Gewehre hatten sie in Griffweite neben mich gelehnt. Der ganze Rumpf war voll mit Soldaten, die wohl irgendwohin verlegt wurden. Das letzte Stückchen bis zur indischen Grenze musste ich noch auf einem Eselsfuhrwerk zurücklegen und das war's damals mit Nepal.

Der Rückweg geht sich fast von alleine. Via Kopfhörer berausche ich mich mit billigstem Dancefloor und fliege quasi die Geländestufen hinunter. Im Schweinsgalopp marschieren wir durch Dörfer und durch Bambuswälder und nach ein paar Stunden wird die Gegend wieder bunter.

Hier wachsen Ingwer, Reis, Linsen, Tomaten, Hirse, Chili und Senf. Manche Bauern haben noch zusätzlich ein paar Bienenstöcke hinter dem Haus. Wir werden heute insgesamt drei Tagesetappen absolvieren, ab neun Uhr morgens nur mehr im T-Shirt. Die Wegzehrung besteht aus Käse und hartgekochten Eiern, außerdem spritze ich mir ein Nakjoghurt mit Wasser auf. Der fromme Wunsch, die Fettklumpen mögen sich dadurch auflösen, geht nicht in Erfüllung.

Am Nachmittag kommt mir in steilem Terrain auf schmalem Pfad eine Karawane Esel entgegen, jeder schwer beladen mit in Jute vernähten Kisten. Ich bin hingerissen, so kitschig. Und merke zu spät, dass ich mich zum Berghang drücken sollte. Stattdessen stehe ich talseitig, wo es steil runter geht, und schaue blöd. Zwei Esel steigen auf meinen Fuß, das ist akzeptabel. Der Nächste bleibt genau neben mir stehen und beginnt an einem Busch zu knabbern. Endlich kommt der Treiber und dreht ihm den Schwanz auf hundertachtzig, woraufhin der Esel einen Satz macht, ordentlich herumscharwenzelt und sich dann endlich schleicht. Mir steht der Schweiß, so schnell kann's gehen für Unbedarfte.

Später sitze ich vorm heißen Ofen der Unterkunft und knabbere selbst an Grünzeug. Wir sind die einzigen Gäste, die Saison geht schon zu Ende.

02.11., Langtang Trek, sechster Tag

Es ist noch früh, der Ofen in der Stube ist kalt. An den Wänden hängen Poster in knalligen Farben. Zwei Rehe auf einer Blumenwiese, Where there is love, there is life. Ein Wasserfall, Adventure is worthwile itself. Ein westliches Haus mit reinkopiertem See und einer Brücke, The end of sorrow is joy forever. Ein sagenhaft buntes Teil noch mit Villa im Blumenmeer, in der Einfahrt stehen ein gelber Lamborghini und ein blauer BMW, Only people can make a house into a home.

Der Mann des Hauses sitzt in der Ecke und näht an seiner Hose, seine Alte schreit ständig mit ihm. Ich bemitleide den armen Hund, bis ich verstehe, dass er schwerhörig ist. Die Chefin winkt mich zu sich herüber und dann sitzen wir gemeinsam in der Küche auf kleinen Schemeln, schlürfen Kaffee und schauen ins Feuer.

Den Ausgangsort Syabrubesi erreiche ich am frühen Nachmittag. Hier ist es auch schön. Neben meinen Schuhen sitze ich in der Wiese mit einer Tasse Lavazza-Kaffee und einer Portion Apfelkuchen, der pure Luxus. Alles ist gut.

Kleine Stupa

03.11., Syabru Besi

Gestern krönte ich den Tag noch mit einer nahrhaften Tomatensuppe ohne Tomaten und reichlich Raksi. Das ist der Nationalfusel für Besitzlose und Tschecheranten und wird scheinbar aus vergammeltem Reis gewonnen. Das Odeur des Klaren erinnert an das unserer Biotonnen im Hochsommer und ich empfehle ihn hiermit ausdrücklich nicht weiter. Komatöser Schlaf umfing Stefsechef daraufhin, er fand sich wieder in sinnlichen Träumen.

Gerade als mir im Wunderland von einer kurzberockten Gastrogöttin eine gebackene Leber mit Mayo-Salat serviert wird, werde ich durch eindringliches Hämmern an meiner Zimmertüre jäh aus meinen Träumen gerissen. Mein billigsdorfer Thai-Wecker hat seinen Dienst versagt, in fünf Minuten geht der Bus.

In einem beispiellosen Amoklauf packe ich mit allen verfügbaren Extremitäten meine Habseligkeiten, während ich mich notdürftig anziehe, und hechte in den wartenden Bus. Der Fahrer gibt gleich ordentlich Stoff. Es scheint, er ist im Morgengrauen aus der örtlichen Klapse ausgebrochen und befindet sich jetzt mit uns auf der Flucht nach Kathmandu. Sein debiler Handlanger klettert während der rasanten Fahrt mit affenartiger Grazie aufs Dach und wieder retour, vielleicht um etwaige Verfolger auszumachen. Anträgen auf kurze Lulu-Stopps wird nicht stattgegeben.

In Kathmandu dauert's ein wenig, bis ich meinen Rucksack im Kofferraum wieder finde, er ist über und über mit gelbem Staub bedeckt. Aber immerhin ist er noch da, das ist die Hauptsache. Ich esse einen fabelhaften Snack um zwanzig Cent, der besteht aus schwarzen Bohnen, Kichererbsen, Curry und Bambus, alles spicy angemacht, nachher noch einen in altem Fett herausgebackenen Teigkringel, dann suche ich mir eine Unterkunft.

Da in meinem Yeti Guesthouse kein Zimmer mehr frei ist, quartiert der Besitzer kurzerhand seinen Sohn aus. Den Rucksack nehme ich gleich mit unter die Dusche und die Dreckwäsche gebe ich unter der eindringlichen Warnung, die Tasche nicht ohne vorherige Sicherheitsmaßnahmen zu öffnen, bei der Rezeption ab. Dann suche ich einen Coiffeur auf, einmal rasieren bitte. Was kostet's? „You give what you want." Sicher nicht, denn nach vollbrachter Dienstleistung wird mein Obolus niemals genug sein, selbst wenn ich noch eine Spenderniere dazulegen würde. Nach harten Verhandlungen, „Nepali money is little money, Sir!“, einigen wir uns auf hundertfünfzig Rupien für die Rasur. Die inkludierte Kopfmassage fällt dann auch recht ruppig aus. Gnadenlos hämmert der Barbier auf meine Rübe ein, verteilt emsig Kopfnüsse und schaut von Zeit zu Zeit hoffnungsvoll in meine Ohren, ob schon Gehirnmasse austritt.

Ich erhole mich in feudalem Ambiente, einem versteckten Gastgarten, den man durch einen Buchladen betritt. Die Kellner tragen weißes Hemd und Krawatte und sind angenehm unterwürfig, auf der Speisekarte steht Never end peace and love. Ganz meine Meinung. Ich diniere ein Sandwich mit Fritten, nachher einen Reispudding mit Cashews und Rosinen. Mäuse wuseln auch hier herum, aber mit Stil.

04.11., Kathmandu

Ich beginne den Tag in einem lauschigen Gärtchen mit indischem Frühstück, dann schlendere ich zum Quartier der holländischen Wanderbekanntschaften. Maike lümmelt auf einem Sessel und blickt abwesend ins Leere. Ihre Freundin Julia erzählt, sie hätte anderntags in der Apotheke nach Hustenmedizin verlangt. Was immer Maike eingepfiffen hat, es dürfte ziemlich stark gewesen sein. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten, aber der Husten ist wenigstens weg. In Asien pilgern gerade deswegen die Erledigten mit Vorliebe in die Apotheken und decken sich mit codeinhältigem Hustensaft ein, der hält gesund und macht bei entsprechender Dosierung ganz schön breit.

Den ursprünglichen Plan, Fahrräder zu mieten, können wir somit vergessen, wir heuern stattdessen ein Taxi für den ganzen Tag an. Zuerst fetzen wir mit höchstmöglicher Geschwindigkeit zum hinduistischen Pashupatinath-Tempel am Ufer des Bagmati-Flusses. Bei den Burning-Ghats, wo die Verstorbenen verbrannt werden, sieht's aus wie auf der Deponie. Inmitten der pompösen Tempelanlagen zu Ehren Shivas türmt sich der Dreck und Sandler graben in der braunen Brühe nach brauchbaren Überbleibseln der Eingeäscherten. Weiter flussaufwärts befindet sich ein Areal, das den Reichen vorbehalten ist. Hier fischen Kinder mit an Schnüren befestigten Magneten oder Klettbändern nach

Münzen, Goldzähnen und ähnlichem, Hausmüll treibt vorbei. Bei den Armen werden gerade zwei Leichen eingeäschert, alles ohne großen Pomp und Zeremonie. Die Trauergemeinde steht schweigend neben dem Feuer. Im reichen Sektor geht's später rund. An die fünfzig Frauen erscheinen rot gewandet, jede trägt eine Tonschale mit Hanfseil darin, das später angezündet wird. Eine Kapelle spielt auf, ein Typ im Hanuman-Kostüm tanzt dazu. Am unteren Ende der Stufen liegt notdürftig mit einem Tuch bedeckt die Leiche, die Füße im Wasser. Blumengirlanden und Müll bilden mit übriggebliebenem, halbverbranntem Holz kleine Inseln.

Inmitten dieses Auflaufs haben sich auch noch eingefunden: Eine große, wie immer unverschämte Affenfamilie, vermeintliche Sadhus mit funky Sonnenbrillen, leprakranke Bettler, Verkäufer von Waren aller Art und ein sich permanent kratzender Hund, dem nur mehr ein kleines Büschel Haare am Rücken verblieben ist. Der Rest, auch der Kopf, ist komplett kahl. Man sieht ihm seine Qualen an, er schaut unendlich traurig aus seinen entzündeten Augen.

Wir reißen unseren Chauffeur vom Kartenspielen los und fahren weiter nach Bhaktapur, der ehemaligen Hauptstadt Nepals. Dort ergötzen wir uns an historischer Architektur, strollen vorbei an Töpfereien und Webereien, Tempeln und künstlichen Wasserbecken. Der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft, Straßenmusikanten spielen für ein paar Münzen.

An der Handelsroute zwischen Tibet und Indien gelegen, ist diese Stadt einst reich geworden und deren Bewohner haben es sich nicht nehmen lassen, zahlreiche herrschaftliche Hütten mit kunstvoll geschnitzten Holzfassaden zu bauen. Die engen, dunklen Gassen erlauben keinen nennenswerten Verkehr, Autos sind generell nicht gestattet. Sehr lauschig. An allen Ecken wird der geerntete Reis gesiebt, die Frauen arbeiten oft synchron in Gruppen. Schaut anstrengend aus, wie sie die vollen Siebe weit weg vom Körper halten, aber trotzdem ein anmutiges Schauspiel.

Ein paar proklamierende Maoisten ziehen durch die Straßen und werden von einer Hundertschaft Soldaten begleitet. Gerüchten zufolge ist schon wieder irgendwas im Busch und demnächst soll der Flughafen gesperrt werden. Nach zehn langen Jahren des Bürgerkrieges vertraut noch niemand so recht dem Frieden.

Abschließend umrunden wir noch die größte heilige Betonkugel Nepals in Bodnath. Die Straße dorthin ist apokalyptisch, besteht in Summe aus mehr Schlaglöchern als Asphalt. Teile der Fahrbahn sind notdürftig mit großen, scharfkantigen Steinen ausgebessert, vom ursprünglichen Belag verbleibt oft nur ein meterbreiter Mittelstreifen. Links und rechts davon ist's abschüssig und die vielen überladenen Busse und Lastwagen auf ihr neigen sich hart am Limit zur Seite. Der Staub und der Smog haben die Stadt fest im Griff. Es ist schon finster. Manche fahren ohne Licht, die sieht man erst im letzten Moment. Die Scheinwerfer der anderen blenden uns durch die verschmierte Windschutzscheibe.

Das Betonding ist dann riesig und mit unzähligen Gebetsfahnen geschmückt. Gläubige umrunden es im Uhrzeigersinn, drehen an überdimensionalen Gebetsrollen und zünden Butterkerzen an.

Ich verabschiede mich von meiner Begleitung, ich muss wieder raus aus dieser Stadt.

05.11., Kathmandu

Der heutige Tag steht im Zeichen der Planung und Vorbereitung. Nach langem Hin und Her, vorbei an Wegelagerern und selbst ernannten Führern, überteuerten Angeboten und zwielichtigenen Agenten, buche ich vier Tage in einer Kajak-Clinic. Das klingt seltsam nach Krankenhaus, ist allerdings nichts anderes als ein Ort, wo Kajakkurse angeboten werden. Übermorgen geht`s los, das Camp ist rund drei Stunden von Kathmandu entfernt. Dann wird noch eine Woche ins Land ziehen, während der ich mir hoffentlich alle notwendigen Fertigkeiten aneignen werde, um für den anschließenden, zehntägigen Trip von ebendort flussabwärts entsprechend gewappnet zu sein. So schaut's aus. Klingt alles supercool und kostet im Paket leistbare dreihundert Euro. Das Zeltcamp ist den Propagandafotos zufolge idyllisch am Wasser gelegen und verfügt über einen Strand und eine Poolbar.

Wenn ich schon mal da bin, denke ich mir, kann ich ja schauen, was das Nachtleben Kathmandus so zu bieten hat. Zuerst rein in eine finstere Hütte, wo fünf Asiaten in Richtung nicht vorhandenem Publikum plärren. „Nag nag nagging on the heabns doa, nag nag nagging...“ Inbrünstig und grausam. Beim ersten Stromausfall fünf Minuten später entfleuche ich unauffällig. In der nächsten Absteige, Tom und Jerry's Bar, erzählt mir der einheimische Kellner von seiner geplanten Flucht nach Europa. Er hat sich schon recht schlau gemacht, müsste sich das Geld für die Schlepper von seiner Familie borgen und hätte, auch wenn er nicht als Flüchtling anerkannt wird, Schulden auf ewig. Klingt nicht sehr prickelnd. Neben mir hockt ein französischer Landvermesser, der mir abenteuerliche Geschichten aus dem Dschungel erzählt, wo er im Zuge seiner Tätigkeit jahrelang hausen musste. Ich stelle mir unterdessen drei Long Island Icetea extrastrong rein und bin viel zu schnell viel zu dicht. Teufelszeug! Die Erddrehung erhöht sich minütlich, die Zentrifugalkraft treibt mich aus der Spelunke. Ich empfehle mich lallend und eiere als selbst für die hartgesottenen Verkehrsteilnehmer uneinschätzbares Verkehrshindernis durch die nächtliche Stadt. Lost in translation. „Yeti, Yeti?", befrage ich Passanten im Versuch, meine Unterkunft ausfindig zu machen, es fühlt sich niemand angesprochen. Den Rest der Nacht verschweige ich aus humanitären Gründen.

06.11., Kathmandu

Ich wache auf mit dem Hauch des Todes, torkle in die Sonne und nehme zwei Cola auf ex. Wieder rein ins Zimmer und weiterpennen. Erst um die Mittagszeit nehme ich behutsam feste Nahrung zu mir, Eier mit einer gebratenen Banane. Keine Ahnung, was die auf dem Teller zu suchen hat. Bestellt habe ich sie jedenfalls, glaube ich, nicht. Egal, ich esse was ich kann, aber der Kellner ist enttäuscht. „Why not eat, Sir?", schiebt er mir den halbvollen Teller wieder hin. „Stomach problems", sage ich und halte leidend meinen Wanst. Er ist's zufrieden und lächelt wieder. Bei der Rezeption bekomme ich meine Wäsche zurück. Kostet mehr als erwartet, nämlich einen Euro. „Double wash, Sir", sagt der Mann und wir nicken beide wissend. Einigermaßen wiederhergestellt trete ich den langen Weg zum Immigration Office an, ich muss mein Visum um eine Woche verlängern lassen. Eine Stunde in Staub und Sonne herumgehatscht, an die zwanzigmal nach dem Weg gefragt. Überall Straßensperren und Militaristen. Geschlossene Sandalen brauche ich noch fürs Kajaken, dann ist mein Tagwerk erledigt.

Spieler unter sich

07.11., Kathmandu, Sokote Beach

In beispiellosem Konsumrundumschlag deckte ich mich gestern noch mit Dingen des täglichen Bedarfs ein, als da wären: Sandalen mit Riemen hinten, strömungsresistent, weiters einen Ersatz für meine doch tatsächlich zu Hause vergessene Badehose. Ich erstand das zeitlose Modell Patrick Duffy, der Mann aus dem Meer. Außerdem einen wasserdichten Beutel für die Zigaretten und die Kamera. Bei einem gesalzenen Lassi und buntem Reis beim Stammwirten outete sich mein Kellner als Moneycollector. Obwohl ich mich zu ebensolchen zähle, fasste er einen druckfrischen Dollar von mir aus. Nicht wirklich selten in dieser Gegend, kam aber trotzdem sehr gut an. Nachdem ich mein Mahl schützend vor seinen geifernden Dankesreden mit beiden Handflächen erfolgreich vor etwaigen Krankheitserregern verteidigen konnte, gönnte ich mir noch eine angestaubte Nuss-Schnecke und fiel wohligem Schlaf anheim.

Um sieben Uhr breche ich auf zum Sukute Resort, drei Fahrstunden von Kathmandu entfernt. Im Ortsgebiet noch das übliche Szenario. Ein Rudel Hunde verzehrt einen ihrer verendeten Artgenossen. Rund fünfzig Mann der berittenen Polizei bereiten sich in einem Park auf einschlägige Beschäftigung vor. Ein Lastwagen kippt eine Ladung Abfall direkt in irgendein schmutziges Rinnsal.

Kaum verlassen wir die Stadt, wird die Luft besser, die Landschaft grün und irgendwann richtig spektakulär. Die Serpentinen schlängeln sich vorbei an Reisterrassen, Bananenplantagen und Ziegelfabriken. Hier hat noch niemand jemals eine Holzpalette, geschweige denn einen Gabelstapler gesehen. Jeden Ziegel schlichten die Arbeiter händisch zu riesigen Quadern, die selbst so groß sind wie kleine Häuser. Wir folgen einem kleinen Fluss, der sich kreuz und quer durch ein viel zu großes, fast vollständig ausgetrocknetes Flussbett windet. Hackler schaufeln dort feinen Sand in Lastwägen, aus dem wird später Beton. Für zehn Stunden schaufeln gibt's umgerechnet eineinhalb Euro. Kein Wunder, dass der Kellner in Kathmandu wegen meinem Spendendollar vor Freude außer sich war.

Im Zuge der ersten Pinkelpause bestellt ein Engländer bei der Raststättengetränkebude Kaffee, bekommt aber irrtümlich Tee. Nach eindringlichem Urgieren kommt der Chef, kippt ihm einen Esslöffel voll Pulverkaffee in seinen Tee und freut sich. „Okay, Sir?"

Das Camp ist eine Insel der Seligen. Der gepflegte Garten liegt tatsächlich direkt am Fluss und geht über in einen Sandstrand. Buddhastatuen und Obstbäume mit exotischen Früchten, in der Mitte ein Pool, daneben eine überdachte Lounge mit Billard- und Tischtennistisch, ein paar Lümmelecken. Im eingezäunten Biotop schnorcheln sieben wohlgenährte Gänse herum. Während der Nacht werden sie unter lautem Gezeter weggesperrt werden, Fuchs und Schakal sind geil auf sie. Ich auch. In einem der freien Zelte richte ich mich ein. Jeweils zwei Betten stehen auf einem Betonfundament mit einer Schilfüberdachung für die Dschungelatmosphäre und gegen die Hitze, direkt am Wasser. Platz für meine Hängematte findet sich auch. Die mittägliche Ausspeisung erschöpft sich in ungetoastetem Toast, einem Kraut-Thunfischsalat und nackten Hörnchen-Nudeln, dann mache ich mich auf zur ersten Kajakeinheit im Pool, einem Steinbassin im Stile einer überdimensionalen Badewanne mit drachenmäuligen Wasserspeiern in der Mitte. Abfluss kann ich keinen entdecken, obschon ich sehr hoffe, dass es sich hier um keinen geschlossenen Kreislauf handelt. Im Laufe der nächsten zwei Stunden werde ich