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Was wäre, wenn du auf einem alten Dachboden eine Entdeckung machst, die dein bisheriges Leben komplett auf den Kopf stellt? Plötzlich stehst du an einem Flughafen in einem fremden Land, dessen Sprache du nicht verstehst und dein einziger Begleiter sind dein Koffer und ein altes Foto? Hättest du den Mut, in das Auto eines Mannes zu steigen, von dem du nicht mehr weisst, als seinen Vornamen? Würdest du es wagen, die Reise deines Lebens zu beginnen, ohne zu wissen, was genau dich erwartet? Einen Roadtrip, der dein Leben verändern wird? Würdest du es tun?
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Stefanie Gislason
Der Ruf der wilden Insel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Epilog
Impressum neobooks
„Má bjóða þér kaffi?“
Erschrocken wandte sich Kristín von ihrem Fenster ab.
Verwirrung zeigte sich in ihrem Gesicht, als ihr Blick auf die Flugbegleiterin fiel.
Diese schenkte ihr bereits ein entschuldigendes Lächeln.
„Verzeihung! Möchtest du noch Kaffee? Oder etwas anderes?“, übersetzte sie auf Englisch.
Verneinend schüttelte Kristín den Kopf.
Wie könnte sie jetzt nur etwas trinken?
„Wir sollten in einer guten Stunde landen.“, fügte die nette Dame dann sanft, mit einem Seitenblick auf Kristíns leicht verkrampfte Hände, an.
Etwas verlegen lockerte die Angesprochene ihren Griff um die Armlehnen und lächelte schüchtern.
„Ich bin noch nie mit einem Flugzeug geflogen.“, fügte sie hastig hinzu.
Die Stewardess nickte verstehend und tätschelte ihr mitfühlend die Hand.
„Beim nächsten Mal geht es besser.“, meinte sie dann aufmunternd und zwinkerte belustigt.
Da drehte sich ein paar Reihen vor ihr ein älterer Mann um.
Sein Blick fiel zuerst auf Kristín, dann auf die Flugbegleiterin.
Diese nickte mit dem Kopf zu ihm hinüber.
„Ich bin gleich bei Ihnen, mein Herr.“
Er drehte sich wieder herum und trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tablett herum.
„Du kommst zurecht?“, fragte die Stewardess die junge Frau mitfühlend, während ihr Blick missbilligend zu dem Mann wanderte, der sich bereits wieder in seinem Sitz herumdrehte, um sich zu vergewissern, wo die Dame auch so lange blieb.
Kristín nickte dankbar und mit einem letzten abschätzenden Blick auf ihren Fluggast war die hilfsbereite Stewardess bereits wieder ein paar Reihen nach vorne zu dem ungeduldigen Mann geeilt.
Kristín sah ihr einen Moment hinterher und fing dabei den Blick eines weiteren Fluggastes auf, der sie interessiert beobachtete.
Er war ihr bereits in der Wartehalle aufgefallen, da er die ganze Zeit nervös auf und ab gegangen war, während er hastig und unverständlich telefonierte.
Sie betrachtete ihn nun etwas genauer.
Der Sitz eines Flugzeuges war eindeutig nicht für Männer seines Formates gebaut worden.
Er schien seine liebe Mühe zu haben, um seine Beine auf einigermassen bequeme Weise zu organisieren.
Sie konnte sich bei seinem Anblick ein amüsiertes Kopfschütteln nicht verkneifen.
Er liess Kristín die ganze Zeit nicht aus den Augen.
Sein anfängliches Schmunzeln, beim wissenden Blick auf ihre verkrampften Hände, wuchs zu einem breiten Grinsen, als ihm klar wurde, dass es sein Anblick war, der die junge Frau zu belustigen schien.
Verlegen wandte sich Kristín von ihm ab und setzte sich so in ihren Sitz, dass er von seinem Platz höchstens noch ihre Schulter bewundern konnte.
Nach Konversation war ihr nun gerade wirklich nicht zumute.
Doch auch mit geschlossenen Augen sah sie seinen Anblick lebhaft vor sich.
Rote Haare.
Roter Bart.
Und faszinierend blaue Augen, in welchen der Schalk blitzte.
Er musste ein Isländer sein, stellte sie fest.
Sein Aussehen war dem vieler Männern hier in diesem Flugzeug nicht unähnlich.
Doch seine Ausstrahlung hob ihn eindeutig aus der Masse heraus.
Kristín atmete tief durch und versuchte sich etwas zu entspannen.
Sie hatte den ersten Teil des Fluges überlebt.
Dann wäre der Rest doch auch machbar.
Immer wieder drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr.
Worte aus einer Sprache, die ihr so unverständlich war, aber diesen Isländern so flüssig über die Lippen glitt.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Was hatte sie sich da bloss angetan?
Wem wollte sie es mit diesem Trip beweisen?
Sie schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als das Flugzeug etwas holprig auf dem Boden aufsetzte.
Der Pilot steuerte sicher seinen Standplatz an, um die Menschen im Innern seines Flugzeugs freilassen zu dürfen.
Auf einer Insel mitten im Atlantik.
„Velkomin heim.“, erklang die Stimme der Flugbegleiterin durch die Lautsprecher.
Und dann folgte ein Schwall unverständlicher Worte, welche ein sanftes Lächeln auf die Lippen von Kristín zauberten, bevor sie ihren Rucksack unter dem Sitz hervorholte und sich der Reihe der Aussteigenden anschloss.
Sie war hier.
In Island.
Der erste Schritt war geschafft!
Die unterschiedlichsten Menschen drängten sich am Flughafen Keflavík um das Gepäckband.
Hallgrímur war einer davon und beobachtete mit unverkennbarer Neugier die junge, etwas unsicher wirkende Frau aus dem Flugzeug, welche sich in dieser Menschenmasse nicht wohl zu fühlen schien.
Nervös glitt ihr Blick hin und her, während ihre Hand immer wieder in ihre Jackentasche wanderte.
Was sie dort wohl für einen Schatz verbarg?
Sie war ihm bereits beim Einstieg ins Flugzeug aufgefallen.
Ihre blonden Haare hatte sie zu einem lockeren Zopf geflochten.
Mit aufmerksamem Blick musterte sie immer wieder die Menge an Leuten um sich herum.
Fast so, als wäre sie auf der Suche nach etwas oder jemandem.
Als ihre Blicke sich schliesslich trafen, lächelte Hallgrímur sie offen und neugierig an, während Kristín erneut ertappt und verlegen den Kopf abwandte.
Kurz darauf schallte ein akustisches Signal durch die Halle und das rote Lämpchen an der Gepäckanlage begann hektisch zu blinken. Es dauerte nicht lange, als die ersten Koffer polternd auf dem Förderband landeten und wieder zurück zu ihren Besitzern kamen.
Der Isländer war einer der Ersten, der das Glück hatte und seinen Koffer vom Band nehmen durfte.
Sein Blick wanderte wieder suchend durch die Menge.
Die blonde Frau stand noch immer an derselben Stelle, nervös zupfte sie an den Enden ihres Zopfes herum.
Er lächelte still in sich hinein.
Dann schlängelte er sich durch die anderen Wartenden unbemerkt an sie heran.
Seine Augen immer auf ihr Gesicht gerichtet.
All ihre kleinen Sommersprossen waren ihm noch gar nicht aufgefallen.
Und die Art, wie sie den Mund verzog, wenn sie sich konzentrierte.
Hübsch, dachte er im Stillen und lächelte.
Sie war so beschäftigt damit, ihren Koffer zu finden, dass sie dem grossen Mann, der sich nun entspannt an eine Betonsäule lehnte, keine Beachtung schenkte.
Hallgrímur jedoch liess sie nicht aus den Augen.
Da.
Ihr Koffer schien aufgetaucht zu sein.
Er konnte die Erleichterung in ihrem Gesicht erkennen.
Ihr Blick richtete sich auf einen alten, roten Koffer, der seinem Aussehen nach, wohl schon einiges an Reisen mitgemacht hatte.
Ihre Hände schlossen sich um den Griff, als er vorbeiglitt.
Überraschung spiegelte sich in ihrem Gesicht, als sie vergeblich versuchte, ihren Begleiter vom Band zu heben.
Er schien wohl schwerer zu sein, als sie gedacht hatte.
Sie versuchte es ein weiteres Mal, aber ihr Koffer blieb stur liegen, wo er war.
Hallgrímur lachte leise, als er sich aus seiner entspannten Position löste, um ihr zu Hilfe zu kommen.
„Augnablik.. Ég skal hjálpa þér.“
Eine tiefe, samtene Stimme trug diese unverständlichen Worte an ihr Ohr, als plötzlich der rothaarige Isländer aus dem Flugzeug neben sie trat und ihr galant den Koffer vom Band hob.
Ein dankbares Lächeln glitt über ihr Gesicht, als sie endlich ihren roten Begleiter in Empfang nehmen konnte.
Suchend tastete ihre Hand in ihre Jackentasche.
Als sie fand, was sie suchte, begann sie sich etwas zu entspannen und hob ihren Blick zu dem grossen Mann vor sich, der sie mit leicht zur Seite geneigtem Kopf betrachtete.
Seine blauen Augen waren belustigt auf sie gerichtet.
Und dann noch dieses entwaffnende Lächeln.
Trotz all der Hektik an diesen Flughafen strahlte er eine bemerkenswerte Ruhe aus.
Schon wieder fühlte sie die Hitze in ihrem Gesicht.
Was hatte dieser Mann nur an sich?
„Thank you.“, bedankte sie sich auf Englisch.
Verdutzt starrte er sie an.
„Du siehst aus wie eine Isländerin, sprichst aber wie keine.“, erwiderte er dann lächelnd mit einem leichten Akzent.
„Und was hast du auch in diesem Koffer alles drin? Der ist viel zu schwer für eine Frau.“
Einen Moment war Kristín erstaunt über seine Neugierde, doch dann schmunzelte sie.
„Mein ganzes Leben.“
Er musterte sie kurz kritisch, als würde er ihre Aussage überdenken, dann begann er zu lachen.
Ein tiefes, warmes Lachen.
Und in diesem kleinen Augenblick fasste Kristín Vertrauen zu diesen Bären von einem Mann.
„Man nennt mich Hallgrímur.“, stellte er sich vor, als er sich wieder beruhigt hatte und reichte der jungen Frau die Hand.
„Für dich bin ich aber auch gerne Halli“, fügte er grinsend hinzu, als er ihren verständnislosen Blick bemerkte.
„Kristín.“, antwortete sie einen Augenblick später und legte ihre kleine Hand in seine.
„Für dich bin ich gerne Kristín.“
Sie grinste ihn frech an.
Er drückte ihre Hand kurz, dann gab er sie wieder frei..
Erneut legte er seinen Kopf leicht zur Seite und betrachtete sie neugierig.
„Was treibt dich hierher, Kristín? Hier, auf diese Insel? Was macht eine junge Dame wie du auf Island?“
Als die blonde Frau ihren Namen aus dem Mund des Isländers hörte, mit derselben weichen Betonung wie ihr Vater es immer zu tun pflegte, zuckte sie kurz zusammen.
Die Betonung ihres Namens entstammte also der isländischen Sprache?
Ihr Vater war tatsächlich der isländischen Sprache mächtig gewesen.
Und Kristín begann zu begreifen, wie sehr das Geheimnis ihres Vaters ihr Leben verändern würde.
Halli entging ihre Reaktion nicht, er liess ihr aber die Zeit, sich zu ordnen.
„Ich suche jemanden.“, antwortete Kristín schliesslich leise.
Ihre Hand glitt erneut in ihre Jackentasche.
Mit zittrigen Händen streckte sie dem Isländer das alte Foto hin.
Ihr einziger Anhaltspunkt.
Sie holte tief Luft.
„Sie heisst Sigrún. Und sie ist meine Schwester.“
Dann seufzte sie leise, als sie seinen fragenden Blick bemerkte.
„Leider habe ich keine weiteren Informationen...“
Sie senkte beschämt den Kopf.
„Ich suche wohl einen Geist...“
Erstaunen huschte über Hallis Gesicht, als er schliesslich die Personen auf dem Foto betrachtete, doch die junge Frau vor ihm bemerkte es nicht.
Zu sehr fürchtete sie sich vor seiner Reaktion.
Würde er sie auslachen?
Sie einen Dummkopf nennen, weil sie Hals über Kopf hierher gekommen war, ohne weitere Details zu kennen?
Der Isländer studierte das Foto sehr lange, bevor er es ihr zurückgab.
Seine Augen suchten ihren Blick.
„Nun gut, Kristín… Dann komm mal mit. Lass uns deine Schwester suchen. Ich hab da vielleicht eine Idee, wer uns helfen könnte…“
Und mit diesen Worten packte er ihren Koffer, liess ihr keine Zeit für eine Reaktion und steuerte zielstrebig den Ausgang am Flughafen an.
Kristín folgte ihm hastig, ohne einen Augenblick daran zu denken, dass dieser Mann, der so leichtfüssig ihren Koffer hinter sich her zog, als er den Parkplatz ansteuerte, ein völlig Fremder war.
Ein unbekannter Mann, von dem sie nicht mehr wusste, als seinen Vornamen.
Und noch dazu in einem völlig fremden Land, von dessen Verbindung zu ihrem Leben sie bis vor wenigen Tagen keine Ahnung hatte.
Aber es war Kristín in diesem Augenblick egal.
Halli war bereit, ihr zu helfen.
Für ein bisschen Verstand war später auch noch Zeit.
Als Kristín die ersten Schritte über die Schwelle am Flughafen nach draussen trat, hielt sie einen Moment verblüfft inne.
Sie schloss ihre Augen und atmete tief ein.
Wie konnte die Luft, bei all diesen Flugzeugen um sie herum, so klar und belebend sein?
Doch weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht, als sie plötzlich spürte, wie sie angerempelt und zur Seite gedrängt wurde.
Leicht angesäuert wandte sie sich nach dem Übeltäter um.
Aber das ältere Ehepaar hastete an ihr vorbei, ohne sich zu entschuldigen und steuerte wild diskutierend den grossen Bus an, der direkt vor dem Flughafen auf seine Fahrgäste wartete.
Kristín liess ihren Blick staunend über den riesigen Parkplatz wandern und konnte gerade noch erkennen, wie ihr roter Koffer zwischen all diesen Autos verschwand.
Hastig überquerte die junge Frau die Strasse und folgte Halli.
Sie musste beinahe rennen, um mit dem Isländer Schritt halten zu können.
Zum Glück war er aber so gross, dass er gut sichtbar mit seinen roten Haaren, immer wieder zwischen den Autos auftauchte.
Das machte die Verfolgung etwas leichter.
Neugierig musterte Kristín die Fahrzeuge, die hier herumstanden, als Halli plötzlich stehen blieb und in seiner Jacke nach dem Schlüssel zu suchen begann.
„Gefunden.“, rief er ihr schliesslich zu, hielt den Schlüssel triumphierend in die Höhe und lächelte etwas verlegen.
Ihre Augen folgten ihm, als er zielstrebig sein Auto ansteuerte.
Der Geländewagen hatte die besten Jahre wohl schon hinter sich gebracht.
Kritisch musterte die junge Frau das Gefährt von oben bis unten.
An vielen Stellen war die rote Farbe abgesplittert und liess den Rost durchschimmern.
Überhaupt schien der Rost ein treuer Begleiter zu sein.
Und als Halli schliesslich ihre beiden Koffer in das Heck einlud und das Auto unter der Last zu ächzen begann, bekam sie eine kleine Ahnung davon, wie es um den Restzustand des Autos stand.
Der Isländer bemerkte ihren Blick und schien plötzlich zu wachsen, als er stolz die Brust reckte.
„Sein Aussehen täuscht. Er ist sehr zuverlässig. Hat mich noch nie im Stich gelassen, der Gute.“
Seine grosse Hand tätschelte das Dach des Suzukis, als würde er einem Pferd lobend auf den Hals klopfen.
Der Geländewagen knarrte zustimmend.
Ein grosses Grinsen erschien in Hallis Gesicht, als er sich der Komik dieser Situation bewusst wurde, dann schritt er um das Auto herum und hielt Kristín galant die Tür auf.
„Na los, komm her und steig ein. Er beisst dich nicht und ich verspreche dir, dass er sich benehmen wird.“
Die junge Frau schüttelte belustigt den Kopf und kam näher, den Blick immer noch misstrauisch auf den roten Suzuki gerichtet.
„Augnablik…“, rief Halli plötzlich, als sie gerade neben ihn trat.
Er kletterte ins Auto und man konnte hören, wie einige Dinge auf dem Rücksitz landeten.
Kristín wagte einen Blick durch die Scheibe, um zu sehen, was vor sich ging.
Der Isländer war geschäftig dabei, eine Unmenge an leeren Flaschen, Plastiktüten und Getränkedosen auf dem Rücksitz und in dessen Fussablage zu verstauen.
Leicht verlegen kratzte er sich am Kopf, als er wieder auftauchte und ihr nun mit einer einladenden Geste den Beifahrersitz anbot.
„Tut mir leid.. Ich war nicht auf eine Mitfahrerin vorbereitet. Hab nicht aufgeräumt…“
Kristíns Blick glitt über das Chaos auf der Rückbank, als sie sich auf den Sitz fallen liess, doch sie sagte nichts.
Stattdessen lächelte sie still in sich hinein, als sie dem grossen Mann dabei zusah, wie er sich behände auf den Fahrersitz gleiten liess und den Schlüssel ins Schloss steckte.
Sein Gesicht strahlte vollste Konzentration aus, als er den Motor startete.
Würde es peinlich werden?
Oder bewies der Gute vierrädrige Begleiter Anstand in Gegenwart einer schönen Frau?
Der Geländewagen sprang knatternd an und Halli atmete erleichtert aus.
„Guter Junge. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann…“
Erneut wurde Kristín Zeuge davon, wie der Isländer lobend den Suzuki tätschelte, dieses Mal jedoch weniger kraftvoll.
Es war eher ein Streicheln des Armaturenbrettes.
Doch die junge Frau nahm es belustigend zur Kenntnis.
„Áfram... Bist du bereit, Kristín?“
Halli wandte sich ihr zu, als er den Gang einlegte und die Handbremse des Wagens löste.
Sie suchte in ihrer Jackentasche nach dem Foto.
Als sie es zwischen ihren Fingern spürte, begegnete sie dem Blick des Isländers.
Dann nickte Kristín zustimmend.
„Ich bin bereit.“
Ihre Augen trafen sich einen Moment länger als nötig.
Dann rollte der Rothaarige den Wagen zielsicher über den Parkplatz Richtung Ausgang.
Zerklüftete, moosbewachsene Felder, die verschiedensten herbstlichen Farben und die unendliche Weite des Landes zogen Kristín in ihren Bann, während Halli sicher und ruhig das Auto auf der Strasse hielt.
Immer wieder warf er ihr einen kleinen Seitenblick zu und lächelte warm und belustigt über ihre Faszination, doch sie bemerkte es nicht.
Erst, als wieder vermehrt Häuser in Sichtweite kamen, wandte sich Kristín dem Fahrer zu.
„Wohin fahren wir eigentlich?“
Halli grinste breit und deutete auf seine Tankanzeige.
„Wir sollten wohl als Erstes eine Tankstelle ansteuern. Der gute Junge hat Durst.“
Wie um seine Worte zu unterstreichen, verliess er die Strasse nach links und fuhr auf einen grossen Platz, auf dem sich eine Tankstelle und ein Supermarkt niedergelassen hatten.
Zielsicher steuerte er die letzte freie Tanksäule an, schaltete den Motor aus und öffnete die Fahrertür.
Doch er stieg nicht gleich aus.
Halli begann erneut wie bereits auf dem Flughafenparkplatz, in den Tiefen seiner Jackentasche zu wühlen.
Dann beförderte er ein Handy ans Tageslicht, das dem Zustand des Autos in Nichts nachstand.
Er grinste schief, als er ihren skeptischen Blick bemerkte.
„Nicht mehr das neueste Modell, aber es erfüllt seinen Zweck.“
Er drehte den Autoschlüssel etwas im Schloss und fummelte am Radio herum.
Plötzlich erklang leise Musik.
„Du entschuldigst mich, Kristín? Ich tanke das Auto und erledige noch kurz einen Anruf. Wartest du hier drin?“
Doch wirklich Zeit, zu antworten, liess er der jungen Frau nicht.
Er drehte die Musik lauter und mit dem Zuknallen der Tür war er auch schon am hinteren Teil des Autos verschwunden.
Sie konnte hören, wie er am Tankdeckel herumschraubte und einen Moment später sprang die Säule an und begann das Benzin in den Suzuki zu pumpen.
Kristín drehte die Musik wieder etwas leiser und konnte nun deutlich hören, wie Halli ein angeregtes Telefonat führte.
Einen Moment war sie versucht, ihn auf das Schild „Telefonieren verboten“ aufmerksam zu machen, dann überlegte sie es sich jedoch anders, als ihr zwei weitere Isländer auffielen, die sich ebenfalls nicht um diese Tafel zu kümmern schienen.
Wofür ein Verbots-Schild, wenn sich doch keiner dran hielt?
Verständnislos schüttelte sie den Kopf.
Dann konnte sie deutlich ihren Namen hören.
Halli war immer noch in ein angeregtes Gespräch vertieft.
Sie konnte durch den Rückspiegel erkennen, wie er aufgebracht hinter dem Auto hin und her lief.
Mit wem sprach er wohl?
Doch weiter kam sie mit ihren Gedanken nicht, denn der Isländer beendete das Telefonat abrupt, klapperte erneut mit dem Tankdeckel und trat wieder neben die Fahrertür.
Als er diese öffnete, war die Verärgerung aus seinem Gesicht verschwunden und er lächelte sie schelmisch an.
„Na, hast du Durst? Wir könnten uns hier mit etwas Proviant eindecken.“
Halli deutete in Richtung Supermarkt.
Kristín nickte zustimmend.
„Das ist eine gute Idee. Mein Magen könnte nach dem Flug eine Kleinigkeit vertragen.“
Erneut knallte Halli seine Tür zu, setzte sich zurecht und startete dann den Motor.
Dann lenkte er den Suzuki auf einen Parkplatz und kam dann um das Auto herum auf ihre Seite.
Wie ein Gentleman hielt er ihr die Hand hin.
Seine Hand war gross und rau, als er ihr aus dem Auto half und hielt sie einige Sekunden länger als nötig.
Dann ging er eilig voraus und sie betraten gemeinsam den Supermarkt.
Als sie wieder ins Auto einstiegen, war jeder mit einer Tüte vollgepackt, die zum Bersten gefüllt war mit Kleinigkeiten, bei denen Halli angemerkt hatte, die müsste sie unbedingt einmal in Island gegessen haben.
Kristín war so belustigt über die Art, wie er sie durch den Supermarkt lotste, dass sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen alles in den Einkaufswagen packte, was er ihr begeistert in die Hand drückte.
Jetzt sassen sie beide draussen im Auto, jeder eine Flasche Limonade zwischen die Beine geklemmt und bissen hungrig in ihre belegten Brote.
„Was hältst du davon…“, schmatzte Halli, schluckte geräuschvoll und spülte mit einem Schluck Limonade nach, ehe er sich ihr zuwandte.
„… wenn wir unsere erste Nacht in Reykjavík verbringen?“
Kristín verschluckte sich beinahe an ihrem Sandwich, als ihr die Zweideutigkeit dieses Satzes bewusst wurde.
Als sich ihr Hustenanfall wieder beruhigt hatte, begegnete sie dem schelmischen Blick des Isländers.
„Unsere erste Nacht?“, lachte sie und trank erneut einen Schluck aus der Flasche.
„Werden denn noch viele folgen?“
Sie bemerkte die Verlegenheit in Hallis Gesicht, als er ihr antwortete.
„Ich kann es dir nicht sagen, Kristín. Kommt darauf an, wie schnell wir deine Schwester finden. Und auch wo genau sie hier auf Island lebt.“
Er suchte ihren Blick.
„Du hast wirklich keine weiteren Hinweise? Nur dieses Foto?“
Kristín schüttelte traurig den Kopf.
„Nein, leider nicht. Nur die Namen Sigrún und Guðrún und dieses alte Foto.“
Sie war sich im Klaren darüber, dass sie die Namen völlig falsch aussprach, schliesslich hatte sie keinerlei Kenntnisse über die isländische Sprache, aber der Isländer verstand sie trotzdem.
„Sigrún...“, ,wiederholte Halli abwesend und schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein.
Dann seufzte er tief.
„Das ist nicht viel…“
Er stupste sie leicht in den Oberarm und grinste breit.
„Aber wir Isländer sind ja nur ca. 330‘000. Da wird wohl jemand darunter sein, der deine Schwester oder deine Mutter kennt und uns weiterhelfen kann. Und genau den Menschen suchen wir jetzt. Ich bin überzeugt, wir werden ihn finden.“
Halli tätschelte aufmunternd ihr Knie, bevor er nach seiner Flasche griff, den letzten Schluck nahm und sie dann hinter sich auf den Rücksitz warf.
Der Blick der jungen Frau folgte dieser Bewegung missbilligend.
Der Isländer kratzte sich verlegen am Kopf, als er sich das Chaos auf der Rückbank wieder ins Gedächtnis rief.
„Ich verspreche dir, mich in Reykjavík um dieses Dilemma zu kümmern.“
Kristíns Blick wanderte erneut über all den Müll.
In diesem Moment spürte sie, wie er sie sanft am Kinn anfasste und sie so zwang, ihn anzusehen.
Er lächelte warm.
„Ich schwöre.“
Er legte sich die Hand auf seine Brust, um sein Versprechen zu unterstreichen.
Als sie die Röte auf ihren Wangen spürte, weil ihr sein Lächeln so durch und durch ging, wandte sie sich hastig ab und gab vor, in der Plastiktüte aus dem Supermarkt etwas zu suchen.
Dann zog sie zufrieden eine kleine Kartonschachtel heraus.
„Lass uns auf dem Weg nach Reykjavík diese Schokoladenrosinen testen.“
Sie öffnete die Packung und hielt sie dem Isländer unter die Nase.
Beherzt griff dieser hinein und liess eine Hand voll in seinem Mund verschwinden.
„Na dann, los. Die Hauptstadt wartet auf uns.“
Er startete das rote Ungetüm und lenkte es zurück auf die Strasse.
Dass Halli sein Auto parkierte, nahm Kristín nur unbewusst wahr.
Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf die riesige Kirche gerichtet, die der Isländer ihr unbedingt zeigen wollte.
„Und von da oben kannst du wirklich die ganze Stadt sehen?“, fragte sie ungläubig und drehte ihren Kopf so, dass sie die Kirchturmspitze durch das Autofenster sehen konnte.
Halli gluckste vergnügt, als er die Frau auf dem Beifahrersitz betrachtete und öffnete die Autotür.
„Na los, steig aus und lass mich es dir zeigen.“
Und ehe Kristín etwas darauf erwidern konnte, hastete sie bereits schon wieder hinter dem grossen Mann her, der unter all den Touristen verschwunden war.
Doch mitten auf dem Platz musste sie stehen bleiben und den Anblick des Bauwerks auf sich wirken lassen.
Noch nie hatte sie eine Kirche wie diese gesehen.
Sie schien aus lauter kleinen Säulen zu bestehen und als die junge Frau ihren Blick nach oben zu dem Kreuz auf der Spitze richtete, kam sie sich unglaublich klein vor.
Eine Windböe wehte ihr ins Gesicht und erinnerte sie daran, dass ihre Kleidung wohl nicht geeignet für eine Reise auf Island war.
Und so beeilte sie sich, zu Halli aufzuschliessen.
Erst in der Halle fand sie ihn wieder und bemerkte amüsiert, wie sich immer wieder Köpfe nach dem rothaarigen Isländer umdrehten.
„Ich habe uns bereits Tickets für unsere Reise nach oben besorgt.“, grinste er und hielt sie ihr vor die Nase.
„Aber als Erstes musst du dir die Kirche von innen ansehen. Lassen wir den grössten Teil dieser Leute hier zuerst mit dem Aufzug nach oben fahren. Die schauen uns schon nichts weg.“
Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Menschenmenge, die sich vor dem Aufzug dicht an dicht drängte.
Jeder wollte der Erste sein, der mit seinem Fotoapparat ein Bild von der Stadt schoss.
Kristín schmunzelte belustigt und wandte sich wieder dem grossen Mann an ihrer Seite zu.
„Das Aussehen dieser Kirche ist sehr speziell...“
Genau wie in dem Moment, als er ihr den Suzuki vorstellte, reckte Halli nun seine Brust erneut stolz nach vorne.
„Sie ist schön, nicht wahr? Die Säulen spiegeln einen Teil unserer isländischen Natur wider. Sie sind Basaltsäulen nachempfunden. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit für uns, in der ich dir die Echten näher zeigen kann.“
Dann suchte er wie selbstverständlich ihre Hand und zog sie durch die Menschenmassen hinter sich in den Bauch der Kirche hinein.
Kristín war völlig gebannt von der Magie und der Anziehung, die in dieser Kirche herrschte.
Die Ruhe und die Andacht, mit der die Menschen sich in ihr bewegten.
Und über all dem stand da dieser Riese von Mann, der ihr leise flüsternd, aber mit eindeutigem Stolz in der Stimme, die Geschichte dieses Bauwerks näher brachte.
Als sie ihren Blick einen Moment durch den Raum schweifen liess, bemerkte sie belustigt, dass längst nicht nur sie seinen Erzählungen folgte.
Die Leute scharten sich um den Isländer und hingen an seinen Lippen, um ja kein Wort über den historischen Hintergrund der Kirche zu verpassen.
Kristín jedoch zog sich langsam aus der Menschenansammlung zurück und setzte sich auf eine der Bänke, um etwas für sich zu sein.
Ihre Hand wanderte in ihre Jackentasche und zog das Foto heraus.
Lange betrachtete sie es und versuchte verzweifelt, sich an irgendetwas zu erinnern, was ihr Vater gesagt haben könnte, was ihr helfen würde, ihre Schwester und ihre Mutter zu finden.
Warum hatte sie seinen Schwärmereien für die Insel nicht mehr Beachtung geschenkt?
Warum war sie nicht an seiner Seite sitzen geblieben, statt aufzustehen und das Wohnzimmer zu verlassen, wenn im Fernsehen ein Dokumentarfilm über Island kam?
Warum hatte sie ihn nie nach der Herkunft seines Pullovers gefragt, statt ihm vorzuhalten, wie schrecklich der aussähe?
Warum hatte sie nie hinterfragt, dass da noch etwas sein könnte, ein Geheimnis, ein anderes Leben, wenn er seine Zeit wieder auf den Dachboden verbrachte?
Warum?
Das Foto verschwamm vor ihren Augen, doch sie klammerte sich weiter daran fest.
Es war das Einzige, was ihr Halt gab.
Plötzlich erschien eine grosse Hand in ihrem Blickfeld und als sie ihren Kopf hob, um zu Halli aufzusehen, lächelte er warm und einladend.
Er hatte ihre Tränen bestimmt bemerkt, auch sein Seitenblick auf die Fotografie in ihren Händen war ihr nicht entgangen, aber er stellte keine Fragen.
Und im Stillen war sie ihm dankbar dafür.
„Komm. Die Zeit ist günstig, nach oben zu fahren. Ich habe die Meisten etwas abgelenkt…“
Sie sah ihn fragend an, ergriff jedoch seine Hand und liess sich auf die Beine ziehen.
Einen Moment berührten sich ihre Körper, dann trat Halli einen Schritt zur Seite und gab ihr ein Zeichen, voranzugehen.
Verwundert betrachtete sie im Vorbeigehen die hochkonzentrierten Gesichter der Touristen, die nun ihre Blicke auf die grosse Orgel gerichtet hielten und es schien ihr, als würden sie leise zählen.
Sie drehte sich zu Halli um, der sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht animierte, weiter zu gehen.
„Ich erklär es dir gleich.“
Als sie den Lift erreichten, öffnete sich gerade die Tür und eine Traube Menschen drängte nach draussen.
Halli schubste sie regelrecht in den leeren Lift hinein und es schien ihr, als machte er sich extra breit, dass ja keiner auf die Idee kommen sollte, mit ihnen gemeinsam nach oben zu fahren.
Seine Taktik schien aufzugehen, denn als sich die Lifttüren schlossen, waren sie noch immer allein.
Sie suchte seinen Blick und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Also? Was hast du denen erzählt?“
Er lachte sein tiefes Lachen.
„Ich habe ihnen eine Aufgabe gegeben…“
„Eine Aufgabe?“, fragte sie misstrauisch, verschränkte die Arme vor ihrer Brust und lehnte sich etwas zurück, um ihn besser im Auge behalten zu können.
„Was genau verstehst du unter einer Aufgabe?“
Er lachte erneut.
„Sie zählen die Orgelpfeifen.“
Kristín glaubte, sich verhört zu haben.
„Sie tun was?“
Er blickte amüsiert auf sie herunter.
„Du hast es schon richtig verstanden. Sie zählen die Orgelpfeifen."
Kristín bemühte sich, ernst zu bleiben.
„Und kannst du mir noch sagen, warum sie das tun?“
Es fiel ihr schwer, das Lachen zurückzuhalten und der Isländer spürte das nur allzu deutlich.
„Naja..“
Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Ich habe ihnen da vielleicht von einem Wettbewerb erzählt.. Wenn sie die richtige Anzahl Orgelpfeifen erraten, gewinnen sie eine Übernachtung hier in Reykjavík.“
Es fiel ihr wirklich sehr, sehr schwer, weiterhin ein ernstes Gesicht zu machen, als Halli sogar verlegen mit dem Fuss am Boden herum scharrte und die Hände hinter dem Rücken verschränkte.
„Und diesen Wettbewerb gibt es wirklich?“
Er suchte ihren Blick, seine Augen glitzerten vergnügt, als er ein leises „Nein…“ aussprach.
Da war es um Kristín geschehen.
So konnte nicht mehr an sich halten und brach in lautes Gelächter aus, in welches der Isländer einstimmte.
Kichernd wie zwei kleine Kinder taumelten sie aus dem Lift, als sich die Türen öffneten.
Die missmutigen Blicke der Leute um sie herum bemerkten sie gar nicht, als sie sich keuchend an die Wand lehnten und versuchten, wieder zu Atem zu kommen.
„Danke.“, war alles, was die junge Frau sagte, als sie sich wieder beruhigt hatten.
Er hatte in der Kirche bereits keine Fragen gestellt und hinterfragte es auch jetzt nicht.
Er verstand auch so, dass sie eine kleine Ablenkung gut hatte gebrauchen können.
„Komm, lass mich dir die Stadt endlich zeigen.“
Mit diesen Worten öffnete er die Tür zur Aussichtsplattform und gewährte Kristín einen Ausblick, der ihr den Atem verschlug.
All die bunten Häuser, die sich aneinander reihten, der Weitblick und das Meer liessen sie all ihre dunklen Gedanken vergessen.
Sie schloss die Augen und genoss den Augenblick, als der Wind ihr um die Nase wehte.
Hinter ihr stand Halli und betrachtete die blonde Frau fasziniert.
Die Aussicht auf die Stadt war für ihn nebensächlich.
Er hatte einen viel besseren Ausblick vor sich.
Erst als sie wärmend ihre Arme um den Körper schlang, erwachte er aus seiner Starre.
„Hast du auch noch wärmere Kleidung dabei?“
Sie drehte sich um und lächelte verlegen.
„Ich fürchte nicht wirklich…“
Er machte sich nicht über sie lustig, sondern zog sie zurück zum Ausgang und zum Lift.
„Dann lass mich dir unsere berühmteste Einkaufsmeile zeigen. Dort finden wir bestimmt etwas, was dich wärmt. Und etwas Leckeres zu essen finden wir auch noch.“
Sie liess sich von seiner Begeisterung mitreissen, betrachtete im Vorbeigehen belustigt, dass noch mehr Menschen sich um die Orgel versammelt hatten und bedachte Halli mit einem mahnenden Blick.
Doch er zuckte nur mit den Schultern und schlug den Weg zu seinem Auto ein.
„Warte kurz hier… Ich hol nur was.“
Mit diesen Worten verschwand er auf der Rückbank seines Autos und Kristín konnte ihn leise fluchen hören.
Keine zwei Minuten später kam er wieder aus seinem Auto hervor und hielt ihr etwas hin, was sie bei genauerer Betrachtung als einen Pullover identifizierte.
Einen ähnlichen, wie ihr Vater einen besessen hatte.
Ihre Finger glitten prüfend über die kratzige Oberfläche.
„Nicht der Schönste, aber er wärmt.“, versuchte sich der Isländer zu rechtfertigen.
Ohne weiter zu überlegen, streifte sie ihn sich über.
Er war viel zu gross, aber sofort spürte sie, dass der Wind viel weniger an ihre Haut herankam.
Ungläubig sah sie Halli an.
Dieser schmunzelte.
„Isländische Wolle. Unsere Schafe sind berühmt dafür.“
Er zupfte den Pullover etwas zurecht und wies dann mit der Hand die Strasse hinunter.
„Wollen wir? Ich könnte etwas zu essen vertragen.“
Kritisch beäugte Kristín den Hotdog, eine Pylsa með öllu, wie Halli ihn nannte, in ihrer Hand.
„Unser inoffiziellesNationalessen hier in Island. Na los, versuch es.“
Aufmunternd wedelte er mit seinem Hotdog vor ihrem Gesicht herum, ehe er genüsslich hinein biss.
Ungläubig sah sie ihm dabei zu, wie er sein Essen mit drei Bissen hinunterschlang und sich anschliessend die Finger sauber leckte.
Er lächelte, als er ihre hochgezogene Augenbraue bemerkte.
„Schmeckt es dir nicht?“, fragte er belustigt und betrachtete sie mit leicht geneigtem Kopf.
Verlegen lenkte die junge Frau ihren Blick zurück auf den Hotdog in ihrer Hand, holte tief Luft und biss zögerlich hinein.
Der Geschmack überraschte sie durchaus positiv.
Und als sie sich schliesslich ebenfalls die Finger säuberte, stupste Halli Kristín lachend in die Schulter.
„Wusste ich es doch, dass dir das schmeckt. Aber sei nicht zu gierig. Später bekommst du noch die beste Hummersuppe, die du je in deinem Leben essen wirst.“
Kristín schüttelte panisch den Kopf.
„Tut mir leid, Halli. Ich esse keinen Hummer.“
Der grosse Isländer hob belustigt eine Augenbraue und lächelte wissend.
„Das haben schon viele gesagt. Aber ich verspreche dir, wenn du diese Suppe gekostet hast, wirst du deine Meinung revidieren. Bitte, lass es uns versuchen, ja?“
Er neigte den Kopf erneut zur Seite und betrachtete sie mit einem Blick, dem man am ehesten mit einem bettelnden Hund vergleichen konnte.
Und Kristín spürte, wie ihr Widerstand brach.
Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er sie so leicht um seinen Finger wickeln konnte?
Er wusste eindeutig, dass er gewonnen hatte.
Sie sah es in seinen Augen.
Diese glitzerten vergnügt, als er begeistert in die Hände klatschte.
„Komm, Kristín. Lass uns sehen, dass wir für dich eine etwas wärmere Kleidung finden.“
Dann eilte er mit schnellen Schritten vor ihr her und die junge Frau hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten.
Sie hatte keine Gelegenheit, ihren Blick auf die Ladengeschäfte links und rechts zu richten, ihr Fokus lag allein auf dem rothaarigen Mann vor ihr, der gar nicht mitbekam, wie er die Blicke auf sich zog und ohne Probleme die Menge vor sich teilte.
Eine Zeit lang hielt er sich das Mobiltelefon an sein Ohr.
Aber sie bekam kein Wort des Gespräches mit.
Das Geschnatter der anderen Menschen um sie herum war zu laut.
Erst als er eine Nebenstrasse zum Laugavegur erreicht hatte, verlangsamte er seine Schritte.
Das Telefon war wieder in seiner Jacke verschwunden.
Vor einem Ladenfenster mit Wollwaren blieb er schliesslich stehen und sah sich nach ihr um.
Leicht ausser Atem blieb sie neben ihm stehen und versuchte ihren Puls etwas zu beruhigen.
„Sag mal, musst du immer so rennen?“
Sie war ziemlich sauer, weil es ihr sehr schwer gefallen war, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
Zum Glück war er so gross, dass er die Leute um ein gutes Stück überragte.
So fiel es ihr bedeutend leichter, ihm zu folgen.
Halli sah irritiert auf sie herab.
„Rennen? Ich bin doch ganz normal gelaufen…“
Kristín musterte ihn kritisch, doch er schien wirklich nicht zu verstehen, was sie gegen seine Gangart hatte.
Also stupste sie ihn in den Oberarm und schenkte ihm ein versöhnliches Lächeln.
„Versuch doch in Zukunft bitte, daran zu denken, dass ich etwas kürzere Beine habe als du.“
Er nickte bekräftigend und schenkte ihr einen entschuldigenden Blick.
Dann drehte er sich um und deutete auf die Wollwaren in der Auslage des Ladens.
„Meinst du, wir finden hier etwas für dich?“
Er klang etwas kleinlaut.
Kristín berührte ihn an der Hand, so dass er sich wieder zu ihr umwandte.
„Lass es uns herausfinden.“
Dann trat sie mit dem sicheren Wissen in den Laden ein, dass der Isländer ihr folgen würde.
Mit einem warmen Pullover, einer neuen Jacke, einem Schal und einer Mütze bewaffnet verliess Kristín sauer den Laden.
Wütend stapfte sie die Strasse hinunter, aus der sie vorhin gekommen waren.
Nicht ein einziges Mal drehte sie sich herum, um zu sehen, ob Halli ihr folgte.
Aber sie konnte deutlich hören, dass er hinter ihr war.
Er rief ihren Namen, doch sie reagierte nicht.
Sie konnte hören, wie der Isländer hinter ihr erneut zu telefonieren begann.
Sein Tonfall war sehr harsch und es schwang deutlich Verärgerung mit, als er mit seinem Gegenüber sprach.
Doch sein Isländisch war so fliessend und schnell, dass Kristín
