Der Satansgedanke - Bartsch, Rudolf Hans - kostenlos E-Book

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Bartsch, Rudolf Hans

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The Project Gutenberg EBook of Der Satansgedanke, by Rudolf Hans BartschThis eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and mostother parts of the world at no cost and with almost no restrictionswhatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms ofthe Project Gutenberg License included with this eBook or online atwww.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll haveto check the laws of the country where you are located before using this ebook.Title: Der SatansgedankeAuthor: Rudolf Hans BartschRelease Date: September 11, 2015 [EBook #49940]Language: German*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SATANSGEDANKE ***Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Norbert Müllerand the Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net

Rudolf Hans Bartsch

Grenzen der Menschheit

Rudolf Hans Bartsch

Der Satansgedanke

L. Staackmann Verlag. Leipzig

Titelzeichnung von Oswald Weise, Leipzig

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten

Druck von Günther, Kirstein & Wendler in Leipzig

Um die Zeit, als die ersten Jünger der Gesellschaft Jesu nach Innsbruck gerufen wurden, um auch dort einer etwas verwilderten Deutschheit, die selten lutherisch bibelfromm, sondern eher heidnisch und ungläubig geworden war, durch ihr, in den ersten Jahrzehnten hinreißendes Beispiel, einen neuen, glühend passionierten Glauben zu erwecken, da lebte im adeligen Damenstift ein altes Fräulein, von dem es hieß, daß es ehedem die schönste Jungfrau in dreien Königreichen gewesen und mit der griechischen Helena verglichen worden war, nach der sie auch hieß.

Sie war die Tochter des Bankmannes und Händlers Manuel Chrysoloras, eines Nachkommen des berühmten Humanisten gleichen Namens.

Dieser Chrysoloras soll ein bis an alle Grenzen gescheiter und kalter Geldmann gewesen sein, der sich übrigens rühmte, das schönste und das widerlichste Menschenkind auf Erden nebeneinander bei sich und zu Diensten zu haben. Und wenn man sich über das letztere, einen schamlosen Knecht, entsetzte, pflegte er lachend zu sagen: „Was wollt ihr? Er ist eben die Materia, ohne allen Umweg menschgeworden. So ist sie, und so sieht sie aus.“

Der war einmal als Troßbube, eine entlaufene Bestie vom Landsknechtsheere, das Rom geplündert hatte, zu ihm gekommen: Klein, krumm, frech, breitmäulig und stark; zu alledem unerhört behende und gewandt, nur zu nichts Gutem. Der trug ihm seine Dienste an. Es wird erzählt, daß ihn der Chrysoloras gefragt: „Was willst du dafür?“

„Eh, Geld,“ hatte der Kerl gegrinst.

„Was hast du bisher getrieben?“

„Ich? Na: Ich hab, als wir Rom eingenommen, einen berühmten Maler erstochen. Weils mich geärgert hat, daß es sowas gibt. Ich hab’ dem Papst selber eine Maulschelle heruntergehauen, die war ungut, sag’ ich euch. Und ich hab’ unsern alten Frundsperg dermaßen geärgert, daß ihn der Schlag darüber gerührt hat, auf der Stelle. Vor niemand hab’ ich Respekt. Bloß vorm Geld. So tät’ ich all’ eure Feinde traktieren, und wärens Papst oder Feldoberst!“

„Das sind ja hübsch weite Grenzen, die deine Natur da erreicht hat,“ soll der Chrysoloras dazu gesagt haben. „Aber wer bürgt mir denn, daß du nicht auch mich erstichst, oder traktierst oder zutode ärgerst?“

„He! Wer soll mich denn dann sicherer und besser bezahlen?“ fragte die krummbeinige Bestie. „Ihr könnt ja auch immer noch einen entlohnen, der mich aus dem Hinterhalt niederschießt. Denn mir von vorn entgegenkommen? Das hat noch jeden gereut. Wenn ich ihm Zeit dazu gelassen,“ schloß er.

„Dann stimmt die Rechnung,“ hatte der Chrysoloras gesagt und den Troßbuben in seine Dienste genommen. Jeder entsetzte sich darob, aber dem ohnemaßen kühlen Geldmenschen gefiel er gut, wennschon er mit ihm zeitlebens nicht hundert Worte geredet hat und sicherlich keines zuviel. Es schien, als lächelte der Chrysoloras, daß er sich das größte Frechheitsexemplar der damaligen Zeit zinsbar und zu Diensten gemacht hätte. Soviel über den Vater der Helena.

Sie selber war, seit man sie kannte, wunderlich; sie weinte viel und man sagte, daß in ihrem Blut die Melancholie erblich wäre. Ein Vetter von ihr, der sie inniglich geliebt, den sie aber freundlich abgewiesen, hatte schon als junger Student die heilige Schrift völlig und ohn’ alle Rücksicht ergründen wollen, hatte sogar bei Juden Unterricht dazu genommen, war darüber schwermütig geworden. Er hätte sich erhenkt, wenn die Base ihn nicht abgeschnitten und ihn nach Salzburg gebracht hätte, wo damals der berühmte Theophrast Paracelsus seinen Wissensdurst wohl stillen konnte und wohin auch mehrmals der Doktor Faustus kam, mit dem dann der Student und Helena gar vertraute Kundschaft hatten. Der Bursch soll davon ein erschreckliches und elendigliches Ende genommen haben und das Fräulein ist dem Trübsinn gänzlich verfallen.

Sie sah sodann, eine Gealterte, keinen Menschen mehr recht an, ging an allen vorbei wie ein Rauch. Nur Kinder liebte sie und holte sich solche immer wieder herzu. Aber das kleine Volk, so viel es auch von dem adligen Stiftsfräulein beschenkt wurde, fürchtete und mied sie. Zuerst wegen der tuschelnden Nachrede mit dem Zauberer Faustus. Dann aber hatten sie Angst, weil das Fräulein ihnen oft ein grusliges Volkslied von einem buckligen Männchen vorsang, das immerzu dastände, wenn und wo ein Menschenkind einmal so recht allein wäre. Hinter der Stiegen, in der Speisekammer, bei der Mehltruhen. Sogar am Bette, wenn man zu Abend beten wollte. Immer stand gleich das bucklig Männlein dabei, —

— „fängt als’ an, zu beten:Liebes Kindlein, ach, ich bitt,Bet’ fürs bucklig Männlein mit.“

Die Helena hat sich dann ganz an die Väter von der Gesellschaft Jesu angeschlossen und soll im Geruch der Heiligkeit gestorben sein.

Das zuvor, ehe von der besagten Helena Chrysoloras und dem Faust näherer Bescheid ergehen soll, der damals nach Salzburg gekommen war, niemand wußte warum. Nur die versoffenen Studenten scherzten, er hätte durch seine Kunst dort des Bischofs halben Keller ausgesogen und mit ihnen verzecht. Mit dem Kellermeister, der sie zu unguter Stund erwischte, wäre er auf eine hohe Tanne am Untersberg geflogen und hätte ihn dort im Wipfel alleingelassen, wie ja auch das alte Volksbuch zu berichten weiß.

Nun aber zum endlichen Bericht.

Das war am Hoch- und Domstift Salzburg. Mitten aus der erregten Studentenmenge puffte sich ein wunderlicher Junge heraus, so sehr ihn die andern zu halten versuchten. „Laßt mich allein, sag’ ich!“

Als er ging, hörte er gar wohl, daß es hieß: „Armer Querschädel!“ Er zuckte die Schultern. „Bertel, Bertel Stainer?“ rief ihm noch einmal einer nach. Er hörte gar nicht mehr hin; es riß ihn zu mächtig in Einsamkeit und in freie Höhe, und er rannte den steilen Festungsweg zur Bischofsburg hinauf. Droben war er dem Untersberge, dem Tännengebirge gegenüber. Schneeeinsamkeit, gewaltige Verschwiegenheit, unnahbare Höhenweiten. Danach war ihm selber zumut. Er hätte auffliegen mögen, um bloß droben mit den Wolken allein zu sein. Nur nicht mehr unter Menschen!

Ungeheures war ihm nahe.

Doktor Johannes Faustus selber war nach Salzburg gekommen, um den Philippum Paracelsum aufzusuchen, wie es hieß. Und man hatte die beiden schon zusammen gesehen. Da turbulierte es unter dem jungen Blute. Die ganze Studentenschaft versammelte sich; sogar die wenigen frommen und gläubigen Kleriker, welche es damals noch in Salzburg gab, waren mit verschreckten Mienen herzugeeilt. Schon daß der Philipp von Hohenheim, der Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus, wie er sich prahlend nannte, der gottlose Spötter, fürstbischöflichen Schutzes und reicher Belohnung genoß, machte den christgläubigen Seelen bange. Es war nicht geheuer damals in Salzburg. Der die fürstliche Tiara trug, der erste Kirchengewaltige nach dem Papste, er hatte nicht einmal die Priesterweihe genommen, weigerte sich ihrer auch beharrlich und man konnte ihn, weil er der Bruder des Bayernfürsten war, nicht gut maßregeln.

So sah es für die wenigen stillen Gläubigen damals aus, als begänne nun in Wahrheit das Reich des Antichrist im Schutze des Krummstabes des heiligen Rupprecht.

Paracelsus war verhaßt und gemieden; abergläubisch tuschelte das Volk dem bleichen Männlein mit den schwermütig mißtrauischen Augen nach. Aber er konnte gesund machen und er konnte Gold machen. So ließ man ihn beiläufig in Ruhe. Auch glaubte er noch halberwege an Gott, Doktor Johann Faustus aber bekannte sich offenkundig zur schwarzen Magie, die man dem Paracelso nur insgeheim zutraute. Sogar die ketzerischen Wittenberger Seelenhirten hatten Acht und Aberacht über ihn geschrien. Evangelischer und Katholik hatte ihm abgesagt und nur gottloses oder verbrecherisch neugieriges Gesindel mehr lief dem Unheimlichen nach, der sich dem Teufel lachend übergeben und verschrieben hatte und ihn seinen Schwager nannte.

„Denn des Teufels Schwester ist die sündige Schönheit.“

Sympert Stainer hatte noch das wirre Durcheinanderfragen in den Ohren: „Wie sieht er aus?“ „Was hat er an?“ „Kann er keinem Menschen in die Augen sehn, wie man sagt?“ — „Wehe dem, den er aber ansieht!“

„Wie sieht er aus?“ Stainer hörte noch, daß ein kleiner Kerl plötzlich gemacht hatte: „Pssst!“ Und Alle waren zusammengeschrocken, weil sie glaubten, der Schwarzrote stünde hinter ihnen. Aber der kleine Student sagte ihnen, man dürfe von Faustens Äußerm nicht laut reden: „Das nimmt er euch gewaltig übel. Und sorgt dann nur um eure Häls’!“

„Warum, warum?“

„Wißt ihr nicht die Geschicht’ aus Schwäbischhall? Wo er ganz unerkannt und verhohlen gelebt, weil ihm die Wittenberger Pfaffen an Leib und Leben gewollt? Kein Mensch hätt’s erraten sollen, daß der beschriene Magus im Städtel wär! Wie aber die dortigen Salzknappen, ein hohnvoll und übermütig Volk, das keine Seel in Ruh ihrer Weg ziehen läßt, ihm wegen seiner kleinen und höckrigen Gestalt nachgespottet haben, „Äsop, Äsop,“ da hat er ihnen aus dem Flußwasser einen Feuerteufel herauszitieret; — auf grauslichste Weis’ hat er’s getan! Hat in seiner Wut die Hosen heruntergerissen — —“

„Still,“ rief ein Anderer. Aber es war diesmal nur Theophrast Paracelsus, der an der Hochschule vorüber nach der Residenz ging, wo er zu einer alchymistischen Sitzung befohlen war. Die Studenten verhielten sich sehr, solange der kleine, blasse Mann in Hörweite war. Er warf aus seinen sonst unsagbar traurigen und vorwurfsvollen Augen nur einen mürrischen Blick nach der Seite hin, wo das Rudel aufgeregter junger Leute zusammenstand; den Kopf hielt er aber geradaus und ziemlich geneigt. Aber mit den Augen sah er nach der Seite hin; — mahnend? Oder prüfend? Ein Blick, ahnungsvoll klug wie der eines Kindes, oder eines Tieres, und ebenso geängstet, ging allen durchs Innerste.

Als Paracelsus vorüber war, ging das Tuscheln von neuem an:

„Der Doktor Faustus hat beinah dieselben Augen: Ebenso traurig, aber dazu eher grimmig und bedrohlich.“

„Wer ihn reizt, dem ergehts auch schlecht,“ sagte der kleine Student von ehedem wieder.

„Was haben die Salzsieder in Hall denn gesagt?“

„‚Wer ist das elend klein huckrig Männdl?‘ haben sie bloß gefragt.“

„Hat ihn wer hier gesehen? Ist er höckerig?“

„Ja,“ sagte der, welcher vorhin so bedenksam über die Augen des Magus gesprochen hatte. „Er geht in Schwarz und Rot, ist nach spanischer Art gekleidet, hat ein klein’ Barettl, einen kurzen, graugemischelten Bart, der dicht ums ganze Gesicht geht, so daß man die gepreßten Lippen kaum sehen mag. Nur eben die Augen kannst ansehen: Traurig, mißtrauisch und zornig schaut er her.“

„Ist es wahr, daß er keinen Menschen mag ansehen?“

„No, mich hat er so von der Seiten her ganz kurz abtaxiert. Ist mir heiß und kalt davon worden. Er ist nicht größer als der Paracelsus und hat wirklich ein bissel so einen hohen Rücken; geht also hucket neben dem Paracelso her. Ich hinten nach. Sind aber allbeide recht einsilbig.“

„Aber geredt haben sie doch?“ war Sympert Stainer aufgefahren.

„Ja, aber nur zwei Wörtl.“

„Was, was haben die zwei gesagt?“ drängte Stainer.

„Der Faust hat gesagt: ‚Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einziges Trachten bleibt schön: Der großen Kraft nachgehn.‘“

‚Die sein wir ja selber‘, hat der Paracelsus gesagt.

‚Die ‚ist‘ auchs liebe Vieh‘, hat der Faust repliziert. ‚Vom Sein hab’ ich nichts. Anfassen muß ichs können. Verstehen. Gebrauchen.‘“

„Und der Paracelsus?“

„Hat geschwiegen.“

Von da ab hatte Bertel Stainer nur mehr Klatsch, Wundergeschichten, Derbheiten und Aberglauben über den Faust gehört und war endlich weggerannt, um nur wieder zu seinem machtvoll aufbegehrenden Herzen zurückzukommen.

Jetzt war er allein mit diesem klammgepreßten Herzen, das ihn zwang, immerzu nach Atem zu ringen. Er stand, holte Luft, aber es war zu wenig. Aufstöhnend wankte er weiter, gegen die Bürgerwehr zu. Er sah die hohen Schneeberge jammervoll an, dachte an die dünne und reine Luft dort oben und daß er dort leichter atmen würde können und faßte wieder nach seinen tobenden Herzen, wie ein Erstickender.

„Der allein auf Erden ist es, dem ich folgen muß, wohin er mich auch führen mag. Sei es in den Himmel oder in die Hölle!“

Er blieb stehen und rang nach Luft. „Mein Vater ist verketzert worden. Mein Bruder glaubt an nichts auf dieser Erden, geht ins Italienische und sagt: ‚Musik ist noch das best’ und einzig Ding; — das macht fliegen! Nur der Musikant kann sagen, wes Gemütes Gott und der Teufel sein mögen.‘“

Etwas ruhiger und nachdenklicher setzte Stainer seinen Weg fort: „Und ich? Bei den Rabbis hab’ ich Christus und den Glauben an irgend eine Jungfrau verloren, mag sie heilig oder irdisch sein. Unsere Professores, von denen ich mir aller Geheimnis Essenz erwartet hab’, die sind arme Esel. Sogar ich dummer Kerl ahn’ doch, was die nimmer wissen können! — Der Paracelsus? Er steckt zuviel in der Chemie, als daß man von ihm erfahren könnt, was dies wär, dies erschröcklich, grausam und süß Geheimnis Leben!

Woher das kommen sein mag und warum wir nie davon genug haben mögen? Warum wir’s ewig genießen wollen, so viel Martern es hat? Und warum wir wieder wegmüssen, nachdem wir graue Bärt’ und kahle Köpf’ und faltige Häls’ erleiden mußten? Ein Schand und Spott, wenn das, von Gottes Ebenbild, wahr wär’! Fauste! Fauste!“ — — Und er wiederholte sinnend: „Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einzigs Trachten bleibt schön; der großen Kraft nachgehen!“

Der kränkelnde Student hob beide Arme: „Da allein glüht die große Schatzkohlen! Da allein glost das Feuer, an dem ich mich wärmen kunnt!“

Er stöhnte noch einmal auf, als wäre er auf den Tod verwundet. Mit einem namenlos hilfsbedürftigen Blick sah er die Berge an, den hellen Himmel, über den leichtsinnig die kleinen Wolken hinzierten; nirgend war Antwort! — — „Ich geh’ zum Fausto.“

In der Bibliothek des Fürstbischofs hatte Faust, wie überall, alle Bücher durchwühlt. Je älter das Geschrift war, desto gieriger suchte er in ihm und immer wieder warf er weg, was ihm unter den Händen einen Augenblick gezuckt hatte. „Nichts. Nichts.“ Faustens Augen brannten schwermütig und drohend. „Steh’ denn am Ende aller Weisheit dieser Erden ich?! Das wär doch, um sie ins Feuer zu schmeißen, wie Mist!“

Einen Augenblick hielt er aber inne, — als er in den Visionen des Ezechiel blätterte. Da war eine Randnote in veralteter Schrift beigesetzt, die sagte: „Es gibt ein ding, geschaffen von gotte, ist die Ursach alls Wunderbarn, so im Himmel oder auf Erden sein mag, als da wär Tier, Stein und Kraut. Und ist selbigs kein ander ding, als unser seel auch. Du findsts allerort, wenige kennens und keiner gibt ihm den rechten namen. Ist auch vermummt unter zallos rätsel und gestaltung. Aber ohn das künnen weder alchemie noch magia zu einem rat und ziel kummen.“

Faust nickte wissend. Dann las er im Ezechiel die Stelle, die zu jener verschollenen Anmerkung geführt hatte:

„Dieselbige Substanz, welliche der Grund aller Wurzel ist, gehört zum Ort, den man nennet Schamaim (heißet die Himmel). Ist ein Mysterium, all jenen kundt, die von diesem himmlischen Stoffe wissen und von dem jegliche Gattung alle Kraft und Frischheit ihres Wesens erhält. Von dorther auch kommt die Influenz, welche reicht bis auf den Ort, welcher genennet wird Sheakin, oder die Aetherregion.“

„Das ist es; ja, das ist es,“ sagte Faust. „Und weiter kam bisher niemand. Nützen kann mans. Anfassen und ergründen nicht.“

Er warf den Band zu dem Übrigen und griff nach einer Pergamentrolle mit bunten Initialen. „Lieder?“ sagte er bitter lächelnd. Aber er warf aus Langeweile, oder aus Zeitvertreib, einen Blick hinein. Und dann las er:

„owê, war sint verswundenalliu mîniu jâr!ist mir mîn Leben getroumet,oder ist ez wâr?“

Da ließ Faust die Rolle sinken und ließ auch das Haupt noch mehr zwischen die armselig hohen Schultern sinken, als eh.

„O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“

Wo war dies Leben hin und was war es gewesen! Viel Betrug und lautes Prahlen, Zechgelage, wüste Nächte mit allsatten Weibern, welche die Neugierde gereizt hatte, wie der Zauberer schmecken mochte. Oder rücksichtslose Besitznahme von kleinen Mädchen, welche seine Kunst und die Macht seiner Augen gelähmt hatte und die nun, zu früh erschauernd und ohne Liebe, duldeten, was sie sonst, später, aber inniglich, dem Einzigen ihres Lebens hingegeben hätten. Immer hatte er von der Furcht der Menschen gelebt oder von ihrer Dummheit und hatte töricht, toll und prasserisch gegen seine eigenen Kräfte gelebt! Jene wunderbare Kraft, die insonderheitlich aus den Augen strahlt, jene Kraft „von der jegliche Gattung alle Frische ihres Wesens erhält,“ er hatte sie ausgestreut und um sich geworfen wie Häckerling, jahraus, jahrein. Und nun brannte sie nicht mehr in so durchnervender Glut aus seinen erlöschenden Augen wie ehedem. Er hatte sich ihrer bedient, wie eine böse Schlange; also bestialisch.

Gaukeleien, Schabernacke, kleine Betrügereien, ob deren er von Land zu Land ausgewiesen wurde. Überall zwar groß Gered, aber auch das übelste Zeugnis hinter sich, Furcht, Haß und Abscheu aller Menschen. Dazu die gelähmt gaffende und zitternde Neugier der kindlich Gebliebenen, denen er gewaltiges Aufsehen erregte. Das war sein Anteil auf Erden und darüber war er nun alt geworden.

Gelten wollen! Das war das verzehrende Feuer seiner Kinderjahre gewesen, wenn Andere, Starke, ihn wie ein Bündel in die Ecke geschmissen! Gelten, erstrahlen wollen, trotz seinem Höcker! Wie dieser Wunsch zehrte und brannte: So sehr, daß er sich selber immer wieder großmäulig zu rühmen begann, wenns andere nicht tun wollten!

Später, als die glühende Sinnlichkeit der Jünglingsjahre zu seiner verzehrenden Großmannssucht noch hinzu kam, war es noch viel ärger geworden. Jeder schöne Kerl nahm ihm ja lachend das Mädchen fort, das er, mit brennenden Augen und fressenden Träumen, monatelang erbetet und erlechzt hatte. Was für Madonnengesichtlein wußte er sündig und doch schienen sie allen andern rein, wie ein heller Tag! Er aber war hinterher geschlichen und hatte horchen und zusehen dürfen. — Zudem hatte sich sein Mißtrauen mit seinem Spürsinn geschärft und bald glaubte er überhaupt keine Reinheit mehr, — auch wo sie war. Haß und Verachtung dem Weibe, glühender Neid dem Manne, das war der Inhalt seiner Jünglingsjahre. Nur wenn er anführen, verleiten, in Abgrund reißen konnte, dann quoll ihm hoch das verwilderte Herz! Je lästerlicher seine Zunge wurde, je schärfer sein Witz, je unfehlbarer sein rachsüchtiges Wort, desto mehr Gefolgschaft fand er unter denen, welchen dies Leben, wie ihm, zu karg zugemessen erschien. Ja, solche Bestien hatten oft mehr Freude an seiner Bosheit, als er und wenn ihm ob einem grauenhaft ersonnenen Schabernack selber das Blut in den Adern zu Eis werden wollte oder seine Haare sich wegen der eigenen Bosheit sträubten, sie johlten und juchten wie freigelassene Sklaven dazu. Unbändig war ihr Vergnügen.

Daß ihm manchmal so das Herz zuckte vor Mitleid, vor Reue oder vor Scham, das waren noch seine besten Stunden gewesen.

Dann endlich kam der große Ruf über ihn. Wilde Studenten, die, wie er, bald von Wittenberg nach dem katholischen Ingelstadt renegierten, dort ebenfalls hinausgeworfen worden waren und nun nach Heidelberg oder Straßburg oder Innsbruck, nach Wien, Krakau, Graz und Prag ausschwärmten, berühmten sich überall seiner Zechgenossenschaft. „Und sie hatten Tod und Teufel nicht gefürchtet.“ Und in Prag hatte der Leibhaftige einmal unter Faustens Präsidium ein Fiduzit auf Alexander Borgias Tod getrunken, seines Freunds, des Papstes! „Gottverdammich, wenns nicht wahr sei!“

So, ja so war sein Ruhm angegangen in deutschen Landen, und was bisher sein Elend gewesen und seine glühende Kohle im Herzen, daß er nicht groß und wohlgestaltet war, eben das wurde nun seine Tugend: Faustus konnte nicht anders mehr aussehen; durfte nicht! Das Volk kannte ihn so, fürchtete sich vor dieser Gestalt und liebte insgeheim das berühmte „bucklig Männlein“, das sich dem „andern Fürsten dieses Weltalls“ verschrieben hatte!

Doktor Johann Faustus (der in Wittenberg sich, dem Kurfürsten zuliebe Johann Georg genennet) hatte jetzt die wilde Freude, daß er zu genießen anfangen durfte in einem Alter, da sich die Weiber andern Männern gegenüber zu versagen beginnen. Als die Zahl Vierzig sich, mit den ersten grauen Fäden, um seine Schläfen schrieb, da erst begannen die Frauen unter dem wilden und ausgefasteten Blick seiner Augen zu erröten oder angstgeschüttelt zu erbleichen, und wußten, sie wären verloren sobald er forderte.

Auch nannte seit diesen Tagen niemand mehr seinen etwas hohen Rücken und seine gehobenen Schultern einen Höcker, wie ehedem die boshaft übertreibenden Salzknappen in Schwäbischhall. Es schien allen Menschen, als könnte ein Mann bei solcher Last des Erkennens, bei solcher Schwere des Gewissens und bei der ungeheuren Schwermut, am Ziele alles Menschendenkens zu sein, gar nicht anders aussehen, als etwas gebeugt und beschwerlich. Das Volk sah nur mehr seine grauen Augen und die waren wie ein Element. So erstaunlich: Sie konnten wie der Himmel leuchten, sie konnten wie das Meer wechseln, schillern, erlöschen oder drohen. Sie waren oft so demütigend ironisch, daß es dem Angeschauten durch Mark und Bein ging. Sie waren oft so todtraurig, daß den Frauen die Tränen kamen. Und niemand wagte sich mehr in seine majestätisch gewordene Nähe, außer er redete ihn selber an.

Jetzt prahlte er nicht mehr. Es lag ihm, den früher die Nichtbeachtung beinahe zerrissen hatte, nichts mehr an der Menschen Meinung. Das war vorüber. Seltsam, daß ihn jemals das luftige Gebilde, welches in eines vergänglichen Wesens Kopf über ihn entstand, mehr aufwühlen konnte, als das, was in irgend einem Kohltopf als Sud brodelt! War nicht sogar der Kohltopf wichtiger, dauernder, notwendiger, als beinahe jedes Menschen Gehirn mit der ewig bestochenen, ewig veränderlichen, ewig betrogenen Meinung darin?

Und je gleichgültiger Johannes Faust über der Menschen Achtung geworden war, desto eifriger richteten sie, dichteten sie, verwunderten sie sich. Über ihn, von ihm, von dem das ganze Reich fabelte.

Längst galt er in Wittenberg als der lebendige Antichrist. Als Gegenbild des frommen, gottestapfern Luther. Luther: fleißig, einfältig und gewährend wie Gott, Faust lässig, gescheit und absagend wie Satan. Das waren die beiden seelischen Enden Deutschlands.

Aber des war Johannes Faustus nicht zufrieden. Hätte er stehen bleiben können auf dem Jetzt seiner fünfzig Jahre, er hätte dem Teufel unbedenklich die selben Vasallendienste verbrieft, die er ihm, ungefordert, ohnedies tat! Aber er glaubte an keinen Teufel, und die einzige Macht, die er fürchtete und inbrünstig haßte, das war die Zeit. Noch brannten seine Sinne, und je weiter er auf Erden umhergekommen war, desto mehr erkannte er, daß er immer ergriffener zu wissen begönne, was Schönheit sei.

Er suchte keine Weisheit mehr. Nur Schönheit begehrte er noch.

Er war durch Italien gekommen und hatte die antiken Bildsäulen gesehen und Giorgiones und Tizians entblößte, goldklare Frauen. Jetzt erst war er dahin gekommen, mit allen fünf Sinnen zugleich Liebe zu ergründen! Und jetzt rannte die Zeit vor ihm davon, wie sonst die kleinen Kinder.

„Weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“

„Und was hab’ ich aus diesen Jahren gemacht? Zu allem Heil Gottes: was hab’ ich aus ihnen gemacht!“

Irgendein gestörtes Fühlen weckte den Doktor aus seinen aufjammernden Gedanken, — er fuhr herum. Die Türe hinter ihm ging zögernd auf, dann stand, leichenblaß vor Erregung, Bertel Stainer, der Student, in der Türe. Er war entsetzt, daß der unheimliche Doktor, so mäuschenleise er die Pforte zur Bibliothek geöffnet hatte, seine grauen Augen geradezu nach ihr hinbohrte, ehe sie aufgegangen sein konnte und er blieb stehen wie ein Kind, dem übel wird.

„Ich hab’ Euch gefühlt,“ sagte Faust. „Kommt immer heran. Was wollt Ihr?“

Der Ton seiner Stimme war ruhig und traurig; beinahe gerührt. Da gewann der Student einen mächtigen Mut, stürzte zu Fausto hin und wollte sich auf die Knie werfen: Der Doktor wehrte es ab.

„Doktor, Doktor Johannes Fauste,“ rief er dem Manne, der eben selber so hilflos mit dem Leben abgerechnet hatte, zu: „Ihr allein auf der ganzen weiten Erden könnt mir helfen und mich glücklich machen!“