Der Satanskult - Adrian Renshaw - E-Book

Der Satanskult E-Book

Adrian Renshaw

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Beschreibung

Der frühere Leiter des Dezernats für Kapitalverbrechen, Arturo Romero, der sich vor längerer Zeit auf Grund eines Lottogewinns in sein luxuriöses Privatleben zurückgezogen hatte, fand sich in der Vergangenheit durch einige unvorhersehbare und überraschende Umstände schon öfters in seiner alten Rolle als Mordermittler wieder. Man hatte vereinbart, dass dies nicht mehr vorkommen sollte, sein altes Team wollte ihn von nun an in Ruhe seine Frühpension genießen lassen. Und doch läutet wieder unerwartet sein Telefon und er wird um Unterstützung gebeten. Es liegt nämlich ein Verbrechen vor, das außergewöhnlicher nicht sein kann und das Dezernat schon seit einigen Tagen vor unlösbare Probleme stellt. Ein Pfarrer war mit seinem eigenen Gürtel erwürgt und auf dem Altar seiner Kirche abgelegt worden. Nicht nur das, auf seinem leblosen Körper wurden Zeichen hinterlassen, die eindeutig mythologischen und satanistischen Ursprungs sind. Romero übernimmt den Fall widerstrebend und nur unter der Voraussetzung, dass er Informationen beschaffen und das Ermittlungsteam beraten wird. Keinesfalls will er wieder aktiv in Mordermittlungen eingreifen, sein ehemaliges Team akzeptiert diesen Wunsch. Er beginnt mit seinen Recherchen und lernt bald eine komplett neue Welt kennen, in denen Hexen, Dämonen und deren rituelle Bräuche eine tragende Rolle spielen. Doch nicht nur das, bald tauchen Erkenntnisse auf, dass tatsächlich Teufelsbeschwörungen in seiner Heimatstadt stattfanden, die mit dem Tod des Geistlichen in engem Zusammenhang stehen müssen. Während seiner Recherchen, die sich fast zwangsläufig wieder zu Mordermittlungen entwickeln, tritt Romero mit einer mystischen Dämonin mit unheimlichen Fähigkeiten in Kontakt. Um herauszufinden, um wen es sich bei dieser Person handelt und welche Rolle sie in diesem Kriminalfall spielt, muss er in eine mystische Schattenwelt eintauchen, die mehr als nur eine Überraschung für ihn bereithält. Begleiten Sie den gutaussehenden Special Agent Arturo Romero bei seiner sechsten abenteuerlichen, aber auch humorvollen Verbrecherjagd, bei der sein ausschweifendes, detailgetreu geschildertes Liebesleben mit aufregenden Frauen nie zu kurz kommt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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1 – Der Hilferuf

‚Der Mann öffnete die Schlafzimmertür langsam und vorsichtig. Er wollte unter allen Umständen jedes Geräusch vermeiden, die Frau sollte keinesfalls durch sein Eindringen aufgeweckt werden. Kaum war die Tür einen Spalt geöffnet, schlüpfte er hindurch. Er blieb stehen und sah sich um. Da sich seine Augen schon längst an die dunkle Umgebung gewöhnt hatten, konnte er deutlich den Haarschopf der Frau auf dem Polster erkennen. Die Decke hatte sie bis ans Kinn hinaufgezogen. Allem Anschein nach schlief sie tief und fest.

Lautlos zog er das Messer, das er unter den Gürtel seiner Hose gesteckt hatte, hervor und betrachtete es bewundernd. Die 25 Zentimeter lange Klinge glänzend polierten Stahls spiegelte das Laternenlicht wider, das durch das einzige Fenster des Raums geworfen wurde. Sein Mund verzog sich zu einem gehässigen Lächeln. Einige Nächte hatte er damit zugebracht, es so scharf zu schleifen, bis er am Schluss ein Blatt Papier, während es durch die Luft segelte, mit einem Hieb sauber durchtrennen konnte. Für seine Zwecke konnte es nicht geschliffen genug sein.

Er warf der schlafenden Frau einen hasserfüllten Blick zu. Sie war es gewesen, die ihn durch ihre Aussage vor Gericht die zwanzigjährige Freiheitsstrafe eingetragen hatte. Diesem Miststück, dachte er grimmig, hatte er es zu verdanken, dass er die Hälfte seines Lebens hinter Gittern zugebracht hatte. Das würde sie nun büßen müssen. Und wie sie büßen würde. Er musste sich zurückhalten, um vor Triumpf nicht laut aufzulachen. Zwei Jahrzehnte hatte er auf seine Rache warten müssen, heute war es soweit. Und er würde die Situation nicht durch einen unbedachten Laut verderben.

Die Frau gab ein Murmeln von sich und drehte sich von einer Seite auf die andere. Der Mann erstarrte und fixierte sie intensiv. Doch seine Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht, sie hatte sich lediglich im Schlaf bewegt. Er entspannte sich wieder, das mörderische Grinsen schlich sich wieder in sein Gesicht. Er würde zu seiner Genugtuung kommen, da war er sich sicher. Und es würde nicht schnell gehen, auch das hatte er sich geschworen. Sie würde leiden müssen, sehr lange. Ihr Tod würde nicht rasch eintreten, sie würde viel Zeit damit zubringen, ihre Aussage von damals bitter zu bereuen.

Wie in Zeitlupe schlich er sich näher ans Bett heran, immer darauf bedacht, sich völlig geräuschlos zu verhalten. Schließlich hatte er den Bettrand erreicht. Er nahm das Messer in seine geschicktere, linke Hand und beugte sich leicht vor. Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er sich ausmalte, wie er beginnen würde, ihren Körper langsam aufzuschlitzen, ihr einzelne Finger und Zehen abzutrennen und ihr die Zunge herauszuschneiden, mit der sie so viel Unheil angerichtet hatte. Und währenddessen konnte sie schreien und brüllen so viel sie wollte. Das Haus lag derart abseits, dass sie niemand in ihrem Todeskampf hören würde.

Jetzt würde es losgehen. Zitternd vor Begierde streckte er seine rechte Hand aus und umfasste den Rand der Decke. Um den Körper der Frau abzudecken, riss er mit einem Ruck den Stoff zur Seite. Da hörte er plötzlich …‘

GOOOOONNNNNGGGGG

Mein rechter Arm zuckte vor Schreck in einer unwillkürlichen Abwehrbewegung derart nach oben, dass der Roman katapultartig meine Hand verließ und in hohem Bogen davonsegelte. Aus den Augenwinkeln konnte ich beobachten, dass er zwischen Couchtisch und Sofa auf den Boden fiel. Darauf richtete ich in diesem Moment allerdings nicht meine Aufmerksamkeit, da mein Herzschlag ausgesetzt hatte und erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder begann, dieses Mal im Takt einer Maschinengewehrsalve.

GOOOOONNNNNGGGGG

Ich rang nach Luft, während sich blitzartig auf meiner Stirn Angstschweiß bildete. Mit zitternden Fingern tastete ich nach meinem Smartphone, das ich unvorsichtigerweise auf der Lehne meiner Sitzbank im Wohnzimmer deponiert hatte, auf die ich mich an diesem trüben Dezembervormittag gelegt hatte, um in Ruhe den Thriller zu lesen, den mir ein Bekannter empfohlen hatte. In meinem Haus war es völlig still gewesen, kein Radio spielte, kein Fernseher lief, nicht einmal das Surren des Kühlschranks aus der Küche war zu hören. Ich war komplett in meine Lektüre vertieft gewesen, die sich als ausgesprochen spannend erwiesen hatte. Darüber hinaus hatte ich die Angewohnheit, mich in meinem Lesestoff völlig zu verlieren und alles um mich herum auszublenden. In meiner Phantasie lief ein Spielfilm ab, der von keinem Regisseur der Welt spannungsreicher inszeniert werden konnte.

GOOOOONNNNNGGGGG

Ich fluchte innerlich, dass ich den Klingelton für Anrufe von Karen noch immer nicht geändert hatte. Ich schätzte zwar Hells Bells von AC/DC außerordentlich, doch nicht in voller Lautstärke etwa fünf Zentimeter von meinem Ohr entfernt, während ich mich in der aufregenden Geschichte eines packenden Romans verloren hatte. Mit unsicheren Fingern ergriff ich mein Telefon. Erst nach dem dritten Versuch schaffte ich es, das Gespräch anzunehmen.

„Ha … Hall …“ Ich räusperte mich. „Hallo Karen“, brachte ich endlich mit schwacher und zitternder Stimme hervor.

Auf der anderen Seite der Verbindung blieb es ein paar Sekunden lang still. Dann: „Arturo? Ist alles in Ordnung?“ Ihre Stimme klang besorgt.

Karen Walsh kannte ich schon seit vielen Jahren. Als Teammitglied im Dezernat für Kapitalverbrechen in Glenrock County und meine Stellvertreterin als Leiter der Einheit war sie die logische Wahl meiner Nachfolgerin gewesen, als ich mich vor etwa zweieinhalb Jahren kurzerhand aus meiner Funktion ins Privatleben zurückgezogen hatte. Ein ebenso überraschender wie erheblicher Lotteriegewinn hatte es ermöglicht, dass ich meinen Job als Mörderjäger an den Nagel hängen konnte. Obwohl ich meinen Beruf immer mit Begeisterung und Erfolg erledigte, schließlich hatte ich während meiner aktiven Zeit eine perfekte Aufklärungsquote vorzuweisen, war der Reiz, mir urplötzlich alle, auch die kostspieligsten Wünsche erfüllen und mein Leben genießen zu können, zu groß gewesen.

Meine Abstinenz von der Verbrecherjagd war allerdings nicht von langer Dauer. Schon bald nach meinem Ausstieg hatte mich Karen zu einem verzwickten Fall hinzugebeten. Und daran schlossen sich in kürzeren Abständen weitere Ermittlungen an, in die ich durch unglaubliche und unwahrscheinliche Ereignisse hineingezogen worden war. Ohne dass ich den Wunsch danach verspürt hatte.

Nachdem ich anlässlich der letzten Nachforschungen einige menschenfreundliche Taten setzen konnte, über die es geheißen hatte, dass sie mein negatives Karma bewältigen halfen, hatte ich gehofft, dass ich dadurch von weiteren beruflichen Einsätzen verschont bleiben würde. Daher rechnete ich auch nicht mehr damit, dass mich Karen je wieder über ihr Diensttelefon kontaktieren würde. Noch dazu, wo sie in den vergangenen zwei Jahren alles andere als erfreut gewesen war, dass ich durch meine ungewollten Einsätze ihr jedes Mal den Rang abgelaufen und außerdem den Großteil des Erfolgs und der Glückwünsche geerntet hatte.

„Arturo, bist du noch da? Ist etwas passiert? Soll ich jemanden vorbeischicken?“

„Nein, nein“, beruhigte ich sie sofort. „Es ist alles ok. Du hast mich nur aus tiefem Schlaf gerissen, das ist alles.“

Ihr den wahren Grund für meinen nervlichen Ausnahmezustand zu schildern, dafür sah ich keine Notwendigkeit. Langsam beruhigte sich mein Körper wieder. Ich war froh, dass ich meine Stimme wiedergefunden hatte. Auch hatte sich mein Herzschlag fast wieder normalisiert und die Schweißperlen auf meiner Stirn begannen aufzutrocknen.

„Du hast geschlafen? Um 11 Uhr am Vormittag?“ Sie klang zweifelnd. „Ich dachte, deine wilde Zeit mit täglichen Partys bis in die Morgenstunden ist vorüber?“

„Ist sie auch“, antwortete ich, „ich konnte nur …“

„Walsh, was ist los mit Ihnen?“, unterbrach mich die unverkennbare, donnernde Stimme meines ehemaligen Captains, die ich so deutlich über den Lautsprecher meines Telefons hörte, als stünde er direkt neben mir. „Kaffeetratsch können Sie in Ihrer Freizeit führen, wir haben hier einen Job zu erledigen.“

„Ist gut“, antwortete sie kleinlaut, „ich komme gleich zur Sache.“

„Was für eine Sache?“, fragte ich gleich nach.

„Na ja“, begann sie zögerlich, „wir haben da so eine Geschichte am Hals.“

„Etwa einen Mordfall?“ Ich wurde argwöhnisch.

„So sieht es aus.“

„Was heißt, so sieht es aus?“, brüllte daraufhin Capitain Ryker, der jedes Wort unserer Unterhaltung verstehen musste. „Es ist ein glasklarer Mord.“

Ich ließ Karen nicht zu Wort kommen. „Du willst mir aber nicht im Ernst erzählen, dass du dich bei mir wegen der Unterstützung zu einem Tötungsdelikt meldest, oder?“

„Weißt du, es ist kompliziert. Ich wollte eigentlich nicht, aber andererseits …“ Ihre Stimme versagte.

Die Angelegenheit wurde immer eigentümlicher. Karen Walsh war eine harte, durchsetzungsfähige Person, die normalerweise vor nichts und niemandem zurückschreckte. Zumindest nicht vor bewaffneten Gangster, gegenüber ihrem jähzornigen Chef sah die Sache bisweilen anders aus. Aber so zaghaft und unsicher hatte ich sie noch nie erlebt. Jedenfalls nicht, wenn sie mit mir zu tun hatte.

„Ich wollte es!“ Die unvergleichliche Lautstärke Rykers Stimme ließ mich das Telefon etwa weiter weg von meinem Ohr halten.

„Ja, der Captain wollte es“, wiederholte sie. „Ich wollte dich ohnedies nicht anrufen, ich bekam aber den Auftrag, dich …“

„Machen Sie schon weiter“, unterbrach sie erneut der Captain schroff. „Sagen Sie ihm endlich, dass er seinen Hintern in Bewegung setzen und ins Revier kommen soll.“

Feinfühligkeit war noch nie die Stärke Rykers gewesen, stellte ich mit einem gewissen Gleichmut fest. Ich war weit davon entfernt, mich durch seine Art aus der Ruhe bringen zu lassen.

„Es tut mir leid“, entschuldigter sich Karen für ihn, „aber du hast gehört, der Captain ersucht dich um deine Anwesenheit.“

„Ersucht mich?“, amüsierte ich mich. „Klingt ein Ersuchen sonst nicht anders?“

„Du kennst ihn ja“, flüsterte Karen ins Telefon.

Ich überlegte kurz, was ich tun wollte. Im Grunde genommen könnte ich ihm erst sagen, er solle mich in Ruhe lassen und anschließend das Gespräch beenden. Nichts würde passieren, es hatte niemand eine Handhabe, mich zu einer weiteren temporären Rückkehr zu überreden oder gar zu zwingen. Auf der anderen Seite konnte ich meine überlegene Situation auch ausnützen und mir einen Spaß erlauben. Wann würde sich denn wieder solch eine günstige Gelegenheit ergeben, meinem früheren und immer noch autoritären Vorgesetzten einen Streich zu spielen und ihm vor Augen zu führen, wie es sich anfühlt, von jemand anderem abhängig zu sein.

„Kann er mich hören?“, fragte ich zuerst Karen.

„Ja, du bist die ganze Zeit auf Lautsprecher.“

„Fein. Hallo, Captain Ryker“, begrüßte ich ihn freundlich. „Es freut mich, wieder einmal etwas von Ihnen zu hören.“

„Lassen Sie das Herumgetue und kommen Sie rasch ins Büro. Ich habe eine Aufgabe für Sie.“

„Ach, haben Sie das?“, antwortete ich mit feiner Ironie in meiner Stimme. „Sie wissen aber schon, dass ich seit über zwei Jahren kein Mitarbeiter des Reviers mehr bin?“

„Sie haben aber dazwischen schon einige Male ausgeholfen. Also vergeuden Sie nicht meine Zeit mit sinnlosem Gerede und bewegen Sie sich endlich.“

„Gerne“, erwiderte ich und konnte dabei ein Grinsen nicht unterdrücken. „Sofern Sie mich höflich darum bitten, besuche ich Sie doch mit Freuden.“

„Was? Was wollen Sie?“ Ich konnte deutlich hören, dass Ryker außer sich war.

„Höflich gebeten werden“, sagte ich entspannt und genoss jede Sekunde des Gesprächs. „Sagen Sie doch einfach, Mister Romero, seien Sie doch so freundlich und besuchen mich bitte im Dezernat. Ist überhaupt nicht schwierig, glauben Sie mir.“

Ich hörte im Hintergrund ein unterdrücktes Kichern und meinte, dass es von Lucy stammen könnte. Sicher war ich mir allerdings nicht. Von Ryker vernahm ich stattdessen, „Romero, sind Sie verrückt geworden? Machen Sie, dass Sie herkommen. Aber ein bisschen plötzlich.“

„Tut mir leid“, entgegnete ich bestimmt, „das waren die falschen Worte. Leben Sie wohl, Captain.“

Bevor ich auflegen konnte, hörte ich Rykers aufgeregte Stimme. „Warten Sie.“

„Ja?“

Einige Sekunden war nichts zu verstehen. Als ich mich schon erneut verabschieden wollte, hörte ich seine gepresst wirkenden Worte. „Mister Romero, sind Sie so freundlich und kommen ins Büro?“

„Bitte“, sagte ich.

„Was?“

„Sie haben das Bitte vergessen.“

Erneut ein kaum hörbares Kichern. Ansonsten blieb es ruhig. Nach einigen Sekunden hörte ich eine neue, eine aufgeregte Stimme, die ich gleich als jene Sheilas erkannte.

„Oh Gott, was ist mit dem Captain los? Die Augen sind aufgerissen und treten hervor. Und sein Gesicht ist so… äh … verzerrt.“

„Sheila hat recht.“ Das war nun definitiv Lucy, ebenfalls stark beunruhigt. „Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Hat er einen Infarkt? Einen Schlaganfall?“

„Aber nein.“ Das war Daniels gelassene Baritonstimme. „Es ist alles in Ordnung mit ihm. Er versucht nur, das erste Mal in seinem Leben zu einem von uns das Wort Bitte zu sagen.“

„Und dann sieht er so aus, als würde er in wenigen Sekunden einen Defi brauchen?“, wollte Sheila wissen.

„Natürlich. Auch Sauerstoff könnte hilfreich sein. Er hat schon länger nicht mehr geatmet.“

„Captain“, ermahnte ihn nun Karen. „Bitte holen Sie Luft, Ihr Kopf wird schon ganz rot… äh … dunkel … äh … anders.“

Darüber musste ich nun tatsächlich lachen. Einem Mann mit pechschwarzer Körperfarbe auszurichten, seine Gesichtsfarbe würde rot oder dunkel werden, entbehrte nicht einer gewissen Komik.

„Warte“, unterbrach nun wieder Daniel. „Ich glaube, er will etwas loswerden. Halt ihm das Telefon zum Mund.“

Ich hörte ein Knistern, als das Smartphone offenbar in die Hand genommen und bewegt wurde. Dann herrschte wieder Stille, lediglich ein tiefes Knurren war zu hören, dass wohl aus Rykers Kehle stammte. Dann holte er tief Luft und presste unter höchster Kraftanstrengung und zwischen zusammengebissenen Zähnen das gewünschte Wort heraus. Obwohl es sich eher wie ‚Biertee‘ anhörte. Ich beschloss, mein böses Spiel mit ihm zu beenden, bevor er tatsächlich noch einen körperlichen Schaden davontrug.

„Na gut“, sagte ich also versöhnlich. „Da Captain Ryker so zuvorkommend ist, mich zu bitten vorbeizukommen, dann kann ich doch nicht ablehnen.“

„Aber flott, wenn ich bitten darf“, herrschte er mich sofort an. Er hatte rasch zu seiner üblichen Stimmung zurückgefunden.

Ich begann, meine vorschnelle Entscheidung ein wenig zu bereuen. „Aber worum geht es denn eigentlich?“

„Um einen eigentümlichen Fall“, antwortete Karen an seiner Stelle. „Dafür bräuchten wir, sagen wir, eine außenstehende Meinung.“

„Es handelt sich um Mord?“

„So ist es. Um einen, hm, einen ungewöhnlichen.“

„Aber Karen“, versuchte ich sie, aus ihrer Zurückhaltung zu locken, „wir haben doch schon alle nur möglichen Konstellationen erlebt. Es kann doch keinen Mordfall mehr geben, der dich aus dem Gleichgewicht bringen kann.“

„Täusche dich nur nicht“, warnte sie mich. „Aber komm erstmal her, dann reden wir über alles.“ Die Leitung war tot.

Ich legte mein Smartphone zur Seite. Was hatte ich jetzt getan, überlegte ich unsicher. Hatte ich tatsächlich wieder zugestimmt, einen Mordfall zu übernehmen? Nein, versicherte ich mir mit Nachdruck, das hatte ich definitiv nicht. Ich hatte mich nur dazu hinreißen lassen, ins Dezernat zu fahren, um mir die Story eines Verbrechens anzuhören. Es war keine Rede davon gewesen, dass ich in irgendeiner Form an seiner Aufklärung beteiligt sein würde.

Dies würde auch ganz sicher nicht passieren. Das schwor ich mir.

2 – Ein etwas anderer Mord

Als ich etwa eine halbe Stunde später das Dezernat im zweiten Stock von Glenrocks Polizeirevier betrat, stellte ich zweierlei fest. Einmal, dass mich meine Ahnung nach Beendigung der letzten Mordermittlung vor wenigen Monaten, ich würde das Büro nie wieder betreten, getrogen hatte. Und dann, dass nichts so war, wie ich es in Erinnerung hatte.

Um präzise zu sein, das Großraumbüro war unverändert. Grauweiße Wände, in die Jahre gekommenes Mobiliar, leidlich aktuelles IT-Equipment, in dieser Beziehung hatte sich nichts Wesentliches geändert. Ich war jedoch hektische Betriebsamkeit gewohnt und sprühende Energie, wohin man blickte. Und trotz des Erfolgsdrucks und der nicht immer ganz ungefährlichen Einsätze des Teams war bei allen und jederzeit Freude und Begeisterung für ihren Job zu verspüren gewesen. Doch nichts von alldem war momentan zu bemerken.

Karen saß niedergeschlagen hinter ihrem Schreibtisch. Ihre Frisur sah unordentlich aus, als ob sie sich erst unlängst mit den Händen durch ihr blondes, kurzgeschnittenes Haar gefahren wäre. Selbst ihr ganzjährig gut gebräuntes Gesicht schien eine Nuance blasser als sonst zu sein. Sie sah nur kurz auf, als ich eintrat, und widmete sich danach wieder einem Schriftstück, das vor ihr auf dem Tisch lag, auf dem gewaltige Unordnung herrschte.

Auch die begnadete Nachforscherin im Internet, Lucy Lu, eine zierliche Asiatin mit einem knabenhaften Körper und schwarzen, langen Haaren, die immer schon zu meinen heimlichen Verehrerinnen gehört und mich bei unseren Wiedersehen jedes Mal stürmisch begrüßt hatte, drehte sich nur kurz zu mir um, sagte beiläufig „Hi, Art, schön, dass du da bist“, und richtete anschließend ihre Aufmerksamkeit wieder auf eine der Seiten auf ihrem Bildschirm. Es machte aber nicht den Anschein, dass sie mit Engagement und Enthusiasmus bei der Arbeit war.

Neben ihr stand Sheila Campbell, der ich erst vor wenigen Monaten den Einstieg ins Team ermöglicht hatte. Während der letzten Ermittlungen hatte sie mit mir gemeinsam erfolgreich an der Aufklärung eines Falles gearbeitet. Das letzte Mal, als ich sie gesehen hatte, hatten wir uns in einer lauen Sommernacht in und danach neben dem Pool meines Wohnsitzes aufgehalten und hatten keine Kleidung am Körper. Als ich an diese Nacht zurückdachte, tauchten sehr angenehme Erinnerungen auf. Sie hatte einen schlanken und durchtrainierten Körper und dunkelbraunes Haar, die sie nun etwas länger trug, was ihr außerordentlich gut passte. Sie lächelte mich zumindest leicht an und machte mit einer Hand eine winkende Bewegung. Leidenschaft und unbändigen Arbeitseinsatz konnte ich aber auch bei ihr nicht ausmachen.

Der Einzige, der wie immer relaxed und unbeeindruckt aussah, war Daniel Moreno, unser Mexikaner mit den Körpermaßen und einer Figur eines Schwergewichtsringers. So angsteinflößend er auch wirkte, handelte es sich doch bei ihm um einen friedlichen Gefährten, zumindest, solange man ihn nicht reizte. Wortgewaltiger Dauerredner war er nie gewesen und würde auch niemals einer werden. Wenn er allerdings etwas sagte, hatte es meist Gewicht. Außerdem neigte er dazu, Kommentare mit einem trockenen Humor zu würzen, die Heiterkeit auslösen konnten. Meist zu Zeitpunkten, an dem Gefühlregungen dieser Art sehr fehl am Platz waren. Er kam mir entgegen, klatschte mit mir mit der flachen Hand ab und setzte sich danach auf einen der Schreibtische, der unter seinem Gewicht verdächtig zu knirschen begann.

Dass die allgemeine Stimmungslage etwas getrübt war, hatte sicher auch mit der verbliebenen Person in diesem Raum zu tun. Schräg hinter Karen stand Captain Ryker, mindestens 150 Kilogramm geballte Boshaftigkeit und Jähzorn in einer Person, tiefschwarze Körperfarbe und meist miserabler Laune, wodurch er sich auch den Beinamen afrikanischer Kugelblitz verdient hatten. Ein Spitzname, den selbstverständlich niemand in seiner Gegenwart erwähnte, sofern man seinen nächsten Geburtstag noch erleben wollte. Er stand breitbeinig am entfernten Ende des Raumes, mit seinen Händen in die Hüften gestützt und einer finsteren Miene. Er war sichtbar übelst gelaunt und vor Wut kochend, woran ich sicher auch etwas beteiligt war. Seine Stimmung war derart miserabel, dass ich mich nicht gewundert hätte, wären über seinem Kopf dunkle Wolken aufgezogen, aus denen Blitze gezuckt wären.

„Die überschäumende Stimmung bei euch wirkt echt ansteckend“, erwähnte ich gutgelaunt, als ich mir einen freien Sessel aussuchte, auf den ich mich fallen ließ. „Man könnte meinen, jeder von euch hat eine Zahnwurzelbehandlung hinter sich. Oder noch vor sich.“ Ich grinste meine ehemaligen Teammitglieder der Reihe nach an.

„Romero, lassen Sie die Scherze“, fauchte mich sofort Ryker an, „wir sind zum Arbeiten hier und nicht, um faule Witze zu reißen.“

Ich wandte mich dem Captain zu. „Ah, und der Zahnarzt ist auch schon da.“

Trotz der angespannten Stimmung erreichte ich, dass sich die Mundwinkel der Damen etwas nach oben zogen. Ryker andererseits war nicht von meiner Bemerkung angetan. Was mich auch nicht weiter verwunderte.

„Romero, passen Sie auf, dass ich nicht Ihre Zahnstellung in Unordnung bringe.“ Seine nächsten Worte richtete er an Karen. „Damit wir nicht weiter Zeit verschwenden, erzählen Sie ihm endlich, warum er da ist.“

Sie blickte mich aus müden und erschöpften Augen an. Die letzten Tage konnten nicht einfach für sie gewesen sein.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte sie. „Vielleicht ist es wirklich gut so, dass du dir die Geschichte anhörst. Möglicherweise hast du noch eine Idee, wo wir ansetzen könnten. Wir kommen jedenfalls nicht mehr weiter und die Zeit drängt.“

„Ich versuche mein Bestes“, antwortete ich. „Dann lass einmal hören. Nur eines möchte ich gleich vorweg klarstellen.“ Mit diesen Worten wandte ich mich in erster Linie an Ryker, obwohl ich weiterhin Karen in die Augen sah. „Ich werde keinesfalls wieder in die Mordermittlungen einsteigen. Das höchste der Gefühle ist, dass ich euch als Berater zur Seite stehe. Ich sage euch vielleicht, wie ich es anginge, ausführen müsst aber ihr alle Schritte selbst. Ist das klar?“

Sie nickte. „Klar. Dafür sind wir dir auch sehr dankbar.“

„Na gut.“ Ich machte es mir in meinem Bürosessel so bequem wie möglich. „Dann schieß los.“

Karen brauchte ein paar Sekunden, um ihre Gedanken zu ordnen, dann begann sie zu reden. „Heute vor einer Woche, also letzten Montag in der Früh wurde in der Heiligen-Geist-Kirche am Stadtrand von Glenrock County die Leiche des Pfarrers Paul Herbert entdeckt.“

„Ein Geistlicher wurde ermordet?“, fragte ich gleich erstaunt nach. „Das kommt tatsächlich nicht so oft vor. Sorry für die Unterbrechung, erzähl weiter.“

„Der Mesner der Kirche, namens Duncan O’Neil, hat ihn am Morgen entdeckt, da muss der Mann aber schon etliche Stunden tot gewesen sein.“

„Wie wurde er ermordet?“

„Erwürgt.“

„Mit seinem Zingulum“, warf Lucy ein.

„Mit seinem was?“, fragte ich sie entgeistert.

Die Asiatin grinste über das ganze Gesicht, was sie immer tat, wenn sie einen Wissensvorsprung hatte, den sie auszukosten gedachte. „Ein Zingulum ist ein liturgischer Stoffgürtel, der von Geistlichen während kirchlicher Zeremonien getragen wird“, dozierte sie. „Er wird über der Soutane um die Hüfte gebunden und dann verknotet.“

„Er hatte noch jene Kleidung an, mit der er am Sonntag den Gottesdienst gefeiert hat?“, fragte ich sie.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Herbert hatte seine schwarze Alltagssoutane an. Er muss sie am Vortag nach der Messe angezogen haben.“

„Verstehe.“ Ich nickte Karen zu. „Weiter. Wurde er in der Kirche getötet?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist noch nicht restlos geklärt, wahrscheinlich aber nicht. Noch spannender ist allerdings, wo er in der Heiligen-Geist-Kirche aufgefunden wurde.“

„Und zwar?“

„Er lag auf dem Altar.“

Ich beugte mich ruckartig nach vor. „Der Mörder hat ihn auf dem Altar abgelegt? Ist das dein Ernst?“

„Ja, ist es.“

„Da kann jemand wohl nicht vom Heiligen Geist erleuchtet gewesen sein“, murmelte Daniel hinter meinem Rücken vernehmlich.

„Das sehe ich auch so“, bestätigte ich. „Das wirkt für mich wie eine symbolhafte Geste.“

Karen und Sheila tauschten einen Blick aus, der mir nicht entging.

„Was ist? Da steckt doch noch mehr dahinter, richtig?“

„Dazu kommen wir noch“, wehrte Karen ab. „Lass uns vorher noch alle Fakten durchgehen. Hier sind die Bilder vom Tatort.“ Sie reichte mir eine Handvoll Fotos im A4-Format, die sie aus den ungeordneten Papieren auf ihrem Schreibtisch hervorgezogen hatte.

„In Ordnung“, akzeptierte ich gezwungenermaßen die Reihenfolge ihrer Schilderung der Geschehnisse und nahm die Bilder entgegen.

Die Aufnahmen zeigten, soweit ich erkennen konnte, von allen Seiten einen gut genährten, mittelgroßen Mann, zwischen 50 und 60 Jahre alt, auf dem steinernen Altar am Rücken liegend, wobei der Kopf etwa auf der Mitte der Platte ruhte, und seine Unterbeine über den Rand herabhingen. Er war mit einer schwarzen, knöchellangen Soutane und schwarzen Schuhen komplett bekleidet, lediglich der Gürtel, also das vorhin erwähnte Zingulum, war nicht an seinem richtigen Platz. Statt um die Taille geschlungen war das Stoffband fest um den Hals des Opfers gelegt und fest zugezogen worden. Das Gesicht des Pfarrers war stark geschwollen und gerötet, seine Augen waren leicht hervorgetreten.

„Das sind alles typische, körperliche Merkmale des Erstickens, wie ich auf den Bildern hier sehe.“

„Korrekt“, antwortete Karen. „Das hat auch die Autopsie ergeben.“ Sie kramte in ihren Unterlagen und holte ein engbeschriebenes Blatt hervor. „Unser Pathologe, Theo Woolve, bestätigte auf Basis der Obduktion auch die erste und naheliegendste Annahme. Lass mich kurz schauen. Ja, hier steht es in seinem Bericht: Aufgedunsenes Gesicht, Blutaustritt im Kopfbereich, Lungenblähung, alles Symptome, die du bei einem Körper erwartest, der stranguliert worden war.“

„Müssen die Details unbedingt sein?“, warf Lucy ein, die ein sensibles Gemüt besaß, wenn es um die Ansicht oder die Beschreibung obduzierter Leichen ging. „Ihr wisst doch, mein Magen wird leicht rebellisch bei diesen Dingen.“

Ich sah sie an. Wenn ich mich nicht täuschte, hatte ihre Gesichtsfarbe eine leicht grünliche Tönung angenommen. „Keine Angst“, beruhigte ich sie, „wir werden diese Details beiseitelassen.“

Und zu Karen gewandt: „Kamen bei der Obduktion noch weitere Verletzungen zutage?“ Mit einem Seitenblick auf Lucy fügte ich hinzu, „Ohne auf Einzelheiten einzugehen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine, die mit dem Mord im Zusammenhang stehen. Auf der rechten Seite in Höhe des Beckens hat er eine längere Narbe, die von einer Hüftgelenksoperation herrührte. Sonst nichts.“

„Keine Kampfspuren?“, wunderte ich mich. „Es kommt selten vor, dass sich ein Mensch widerstandslos erwürgen lässt.“

„Nein, es hat keine Abwehrhandlungen gegeben. Das hat allerdings mit einem anderen Ergebnis zu tun, das die Obduktion mit sich brachte. In seinem Blut fanden die Kollegen im Labor deutliche Spuren von Gamma-Hydroxy­Buttersäure.“

„Liquid Ecstasy?“, sagte ich verblüfft. „Oder besser bekannt unter der langläufigen Bezeichnung KO-Tropfen? Sie waren tatsächlich in seinem Blut nachweisbar? Soweit ich weiß, lässt sich diese Chemikalie nur bis wenige Stunden nach der Einnahme feststellen.“

„Das ist auch richtig. Man konnte auch nur deshalb diese Reste im Blut belegen, da Pfarrer Herbert relativ kurz, nachdem er sie zu sich genommen hatte, ermordet wurde. Sonst hätten wir diesen Nachweis nicht.“

„Das bedeutet aber auch“, dachte ich laut nach, „dass es sich um eine vorsätzliche Tat und keine im Affekt gehandelt haben muss. Der Täter oder die Täterin musste alles fein säuberlich geplant haben. Wie kam das Mittel in seinen Körper? Was weiß man überhaupt über den Ablauf des Mordes?“

„Nun, das Folgende steht fest.“ Karen suchte ihre Notizen zusammen, auf denen sie den vermuteten Ablauf der Tat festgehalten haben musste. „Paul Herbert hat am Sonntag vor seiner Ermordung noch um 18 Uhr die Abendmesse gefeiert. Danach, also gegen 19 Uhr, hat er sich umgezogen und hat im Pfarrhaus, das an das Kirchengebäude angrenzt, auf einen Besucher oder eine Besucherin gewartet. Dem Mesner und der Haushälterin, die ebenfalls in diesem Gebäude untergebracht sind, hatte er schon zeitgerecht vorher klargemacht, dass sie den Abend auswärts verbringen sollen, da er ungestört sein wollte.“

„Moment, Moment“, griff ich ein, „da verstehe ich jetzt einiges nicht. Du sagst, dass Pfarrer Herbert, der Mesner der Kirche und seine Haushälterin im selben Nebengebäude wohnen, richtig?“

„Richtig.“

„Wieso müssen die beiden dann das Haus verlassen, wenn er sich mit jemandem treffen will?“

„Da sie sich manche Räume teilen, haben sie mir erklärt, beispielsweise den Wohnraum samt Küche. Und Herbert wollte unter keinen Umständen, dass sie mitbekämen, mit wem er sich an diesem Abend verabredet hat.“

„Und die beiden haben dabei so ohne Weiteres mitgespielt?“, wunderte ich mich.

„Das haben sie. Offenbar hat Herbert mit ein paar Geldscheinen nachgeholfen, wenn ich ihre Aussagen richtig gedeutet habe.“

„So weit, so gut. Die beiden waren also im Kino oder bei McDonalds und kamen anschließend wieder retour. Um welche Uhrzeit?“

„Gegen 22 Uhr.“

„Fein. Das bedeutet, Herberts Gast könnte so gegen 20 Uhr oder knapp danach eingetroffen sein. Zeit genug, um sich zu unterhalten, das Gegenüber zu betäuben und anschließend zu erwürgen. Was fanden die zwei vor, als sie ins Haus zurückkamen?“

„Dass sich der Pfarrer und sein Besucher anscheinend zu einem Glas Rotwein zusammengesetzt hatten. Eine kurz zuvor geöffnete Flasche stand auf der Arbeitsplatte der Küche, zwei Rotweingläser fanden sich neben dem Abwaschbecken. Und bevor du fragst, es waren keinerlei Spuren darauf zu entdecken. Die Gläser waren mit Spülmittel gereinigt und abgetrocknet worden, auch die Flasche wies keinerlei Fingerabdrücke auf.“

„Hm“, sinnierte ich. „Offenbar ein kaltblütiger Geselle. Führt zuerst Smalltalk bei einem Glas Wein, schüttet zwischendurch KO-Tropfen in den Rotwein des Pfarrers, wartet, bis er bewusstlos wird und erstickt ihn anschließend mit dessen eigenen Gürtel. Wo eigentlich? Wahrscheinlich noch im Nebengebäude. Ich denke nämlich nicht, dass sie mit ihren Gläsern zwischendurch in die Kirche spaziert sind.“

„Das denken wir auch nicht“, stimmte mir Karen zu. „Das wahrscheinlichste Szenario ist jenes, dass der Mord noch im Wohnraum des Nebenhauses stattgefunden hat und der Mörder ihn anschließend in den Altarraum der Kirche getragen hat.“

Ich kratzte nachdenklich meinen Kopf. „Dafür muss es doch einen bestimmten Grund gegeben haben. Warum hat er, oder sie, den Leichnam nicht einfach dort liegengelassen, wo er ums Leben gekommen ist? Das wäre doch viel logischer gewesen. Und einfacher.“

Karen und Sheila warfen sich erneut einen bedeutungsschweren Blick zu. Ich ging auf diesen allerdings nicht ein, da mir noch etwas anderes Kopfzerbrechen bereitete.

„Eines verstehe ich aber überhaupt nicht“, sagte ich deshalb. „Ich lese täglich aufmerksam den Glenrock Herold. Und wie wir alle wissen, stürzen sich die Redakteure auf Skandalgeschichten dieser Art und treten manchmal wochenlang das Thema eines aufsehenerregenden Mordfalls breit. Ich kann mich aber nicht erinnern, auch nur eine einzige Zeile darüber gelesen zu haben.“

Karen lächelte säuerlich. „Auch das kann ich dir erklären. Das hat damit zu tun, dass wir den Mordfall verschwiegen haben.“

„Was?“ Ich konnte das Gehörte nicht glauben. „Ihr habt den Fall unter Verschluss gehalten? Wie ist euch das gelungen? Und weswegen eigentlich?“

„Wie wir das gemacht haben? Nun, wir haben die beiden Kirchengehilfen unter Androhung schwerer Strafen dazu aufgefordert, Stillschweigen zu bewahren.“

„Unter Androhung schwerer Strafen?“ Ich musste schmunzeln. „Das könnt ihr doch überhaupt nicht umsetzen.“

Nun meldete sich erstmals Sheila zu Wort. „Das wussten wir ohnedies. Übrigens, es war meine Idee gewesen. Beim letzten Fall, den wir gemeinsam bearbeitet haben, hast du einige Leute eingeschüchtert, indem du ihnen Sachen angedroht hast, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Ich dachte mir, wenn es bei dir funktioniert hat, warum dann nicht auch bei mir?“ Sie grinste mich an und zwinkerte mir zu.

„Ungezogenes Kind“, tadelte ich sie lächelnd. „Mich auf so unverschämte Art und Weise zu imitieren. Schämen solltest du dich.“

„Es ist wirklich schrecklich, was du aus meinem jüngsten Personalzuwachs gemacht hast“, seufzte Karen. „Sie hat die ganze Zeit die abenteuerlichsten Ideen, sodass ich jedes Mal dich vor Augen habe, wenn sie einen Vorschlag macht. Es ist schrecklich, du hast Sheila völlig verdorben.“

Das Mädchen war schon vorher verdorben genug, dachte ich. Aber in einer ganz anderen Art und Weise, wie Karen dies verstanden hätte. Also hielt ich lieber meinen Mund.

„Und die Kirche habt ihr geschlossen?“, fragte ich stattdessen.

„Das haben wir“, antwortete Karen. „Am Tor haben wir eine Nachricht angebracht, dass wegen Erkrankung des Geistlichen bis auf Weiteres keine Gottesdienste stattfinden können.“

„Das kaufen euch die Leute ab?“

„Offensichtlich. Beschwert hat sich noch keiner darüber. Wie es aussieht, waren die Messen von Pfarrer Herbert auch nicht überlaufen.“

Das klang nachvollziehbar, da ich auch nicht annahm, dass in Glenrock County Veranstaltungen in katholischen Kirchen gestürmt wurden.

„Nur müssen wir dennoch langsam vorwärtskommen“, ergänzte Karen. „Wir können die Angelegenheit nicht auf unbestimmte Zeit geheim halten.“

Ich nickte. „Das ist schon richtig. Was mir aber nach wie vor nicht klar ist, wieso ihr solch ein Geheimnis daraus macht. Gut, es kommt nicht so häufig vor, dass ein Pfarrer ermordet wird. Und dass er auf dem Altar seiner Kirche aufgebahrt wurde, ist auch ungewöhnlich und makaber. Es sind jedoch in Glenrock schon andere Verbrechen geschehen, die weit entfernt jeder Normalität waren und auch alle veröffentlicht wurden. Ich weiß, wovon ich spreche, für die Aufklärung der meisten dieser Fälle war ich selbst verantwortlich. Und ihr wart zumeist auch bei den Ermittlungen dabei. Also, was ist das Besondere an diesem Fall?“

Ich blickte neugierig in die Runde und erkannte, dass sich Karen und Sheila erneut einen Blick zuwarfen.

„So, jetzt reicht es“, protestierte ich energisch. „Wenn ihr von mir eine Hilfestellung haben wollt, dann müsst ihr auch alle Karten auf den Tisch legen.“

„Das hatten wir ohnedies vor“, erklärte Karen. „Es ist nämlich so, dass Woolve bei der Untersuchung der Leiche noch auf etwas anderes gestoßen ist.“

„Ich dachte, die Obduktion brachte keine weiteren Erkenntnisse zutage“, wunderte ich mich.

„Es war auch nicht während der Obduktion. Es war davor, nachdem ihm Woolve die Kleidung entfernt hatte.“ Sie kramte in den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und fischte eine weitere großformatige Fotografie heraus. „Schau dir das einmal an. Das ist eine Aufnahme des Bauches von Paul Herbert.“ Sie reichte mir das Bild.

„Seid ihr in der Zwischenzeit wieder auf analoge Beweissicherung umgestiegen?“, witzelte ich, als ich das Bild entgegennahm. „Erst die Bilder über den Fundort der Leiche, jetzt das. Vertraut ihr der Elektronik nicht mehr?“

„Hör auf, dich lustig zu machen. Du hast aktuell keinen Zugang zu unseren Verzeichnissen und auf deinen Privataccount konnten wir dir das Material klarerweise nicht schicken. Und vielleicht brauchst du auch etwas in der Hand bei deinen Nachforschungen.“

Mit einem Zusatz unterband sie meinen vorhersehbaren Einwand. „Natürlich nur, sollte es zu Nachforschungen von dir kommen. Aber jetzt schau dir einmal das Foto an und sag mir, was du siehst.“

Ich warf einen Blick auf die Aufnahme. Es war der Bauch eines Mannes zu sehen, auf dem jemand eine Malstunde abgehalten haben durfte. Rund um den Nabel waren, soweit ich erkennen konnte, mit roter Farbe einige Ornamente gemalt worden.

Ich sah Karen fragend an. „Körpermalereien?“

Sie nickte. „Erkennst du nichts?“

Ich sah mir die Aufnahme nochmals und dieses Mal genauer an. Da wurde mir bewusst, worauf Karen anspielte. „Ah, du meinst, dass ihm jemand Ziffern auf den Leib gemalt hat?“

„Ganz genau. Findest du nicht spannend, um welche es sich handelt?“

Ich wusste nicht genau, worauf sie hinauswollte. „Na ja, ich sehe eine Sechs, eine Neun und noch eine Neun. Sollte mir das etwas sagen?“

Fünf Augenpaare starrten mich verständnislos an. Ich hatte den starken Verdacht, alle hielten mich für schwer von Begriff.

Captain Ryker bestätigte in seiner diplomatischen Art meinen Verdacht. „Romero, was ist los mit Ihnen, Mann? Brauchen Sie Brillen oder haben Sie Ihren Verstand verloren?“

„Drehe doch das Bild“, schlug Karen in deutlich verständnisvollerem Tonfall vor, „und sag dann nochmals, welche Ziffern du erkennst.“

Ich tat, wie sie mir geraten hatte. Sofort erkannte ich den Trugschluss, dem ich aufgesessen war. „Ok, ich sehe schon, es sind immer dieselben Ziffern. Also drei Neuner.“ Ich sah sie verblüfft an. „Oder aber drei Sechser. 666 wäre es dann, das Symbol des Teufels. War es das, was du mir klarmachen wolltest?“

---ENDE DER LESEPROBE---