Der Scharfrichter II - Werner Uebel - E-Book

Der Scharfrichter II E-Book

Werner Uebel

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Beschreibung

Eine junge Frau am Abgrund Birkenfeld, im Jahre des Herrn 1388. Aus Rudolf Nagel, dem Sohn des ehemaligen Scharfrichters, ist ein ehrbarer Kaufmann geworden. Nach Jahren des Friedens und des Glücks wird er von einem grausamen Schicksalsschlag heimgesucht. Seine geliebte Gemahlin Christine wird bei einem Überfall verwundet und stirbt an ihren schweren Verletzungen. Auf dem Sterbebett nimmt sie Rudolf ein Versprechen ab, das ihn in große Gewissensnöte stürzt. Gemeinsam mit seinem Gefährten, dem Ritter Biz von Sterrenberg, begibt er sich auf die Suche nach Christines Mördern. Während in Birkenfeld zwei ungleiche Schwestern um Rudolfs Gunst buhlen, lebt in einem anderen Teil des Landes eine unglückliche junge Frau, die alle nur die Schöne Witwe nennen. Eine gefährliche Räuberbande macht den Hunsrück unsicher und entführt die Frauen und Töchter wohlhabender Bürger. Fest entschlossen, sein Versprechen einzulösen, wird Rudolf von seiner Vergangenheit eingeholt. In den weiten Wäldern des Hunsrücks kommt es zu einer dramatischen Verfolgungsjagd. Danach überschlagen sich die Ereignisse und plötzlich ist nichts mehr so, wie es den Anschein hatte ... Ein spannender Roman aus dem ausgehenden Mittelalter. Fesselnd und unterhaltsam bis zur letzten Zeile.

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Seitenzahl: 727

Veröffentlichungsjahr: 2023

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WERNER UEBEL

DER SCHARFRICHTER * BAND II * DIE SCHÖNE WITWE

Werner Uebel, geboren 1962 in Birkenfeld/Nahe, studierte Wirtschaftswissenschaften in Mainz und Trier. Die Verbundenheit zu seiner Heimat animierte ihn schon vor Jahren zum Schreiben seines ersten historischen Romans Der Scharfrichter. Mit dem vorliegenden Werk Der Scharfrichter Band II – Die schöne Witwe ist nun endlich eine Fortsetzung verfügbar.

WERNER UEBEL

DER SCHARFRICHTER

BAND II

DIE SCHÖNE WITWE

HISTORISCHER ROMAN

© 2023 Werner Uebel

Druck und Distribution im Auftrag von Werner Uebel: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg Deutschland

ISBN Paperback 978-3-347-94456-5

ISBN Hardcover 978-3-347-94457-2

ISBN E-Book 978-3-347-94458-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“ Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Deutschland

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Titelblatt

Urheberrechte

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Der Scharfrichter II

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Erster Teil

Dritter Teil

Der Scharfrichter II

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Erster Teil

Birkenfeld Im Jahre des Herrn 1388

 

„Philippa! Komm rasch! Im Augenblick sieht uns niemand. “

Die Magd schaute sich hastig um, konnte aber gleichfalls keine Menschenseele entdecken. Sie folgte dem Knecht, der bereits über den kleinen Hügel geklettert und fast aus ihrem Sichtfeld entschwunden war. Atemlos fiel sie ihm in die Arme.

„Oh Kaspar!“, stöhnte sie. „Ich lebe in ständiger Furcht, dass uns die anderen oder gar die Herrin zusammen sehen.“

Liebevoll wischte Kaspar ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. „Die Herrin weiß längst von unseren heimlichen Treffen. Solange wir den Dienst ordentlich verrichten und keinen Anlass zur Klage geben, wird sie nichts dagegen haben.“

Philippa schlug entsetzt die Hand vor ihren Mund. „Woher weiß sie von uns?“

Kaspar küsste sie sanft auf die Nasenspitze. „Sie ist nicht dumm und hat einen scharfen Blick. Würde sie Anstoß daran nehmen, wüssten wir es längst.“

„Die Heimlichtuerei zehrt trotzdem an meinen Nerven. Meinst du, sie wird uns erlauben, den Bund der Ehe einzugehen? Deine Kammer ist groß genug und würde uns beiden Platz bieten. Gerda und Walter sind doch auch ein Paar.“

Kaspar runzelte die Stirn. „Die waren schon verheiratet, bevor sie ihren Dienst hier auf dem Hof angetreten haben. Da liegt die Sache anders. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass sie uns die Erlaubnis erteilen wird. Sie kann streng, aber auch sehr verständnisvoll und gütig sein. Ich werde …“

„Was hast du?“, fragte Philippa, als Kaspar plötzlich verstummte und Sorgenfalten auf seine Stirn traten.

„Siehst du die Reiter dort unten an der Wegbiegung?“

Die Magd drehte sich um und nickte.

„Die machen keinen vertrauenerweckenden Eindruck“, knurrte Kaspar leise. „Lauter zerlumpte Gestalten. Einer hat gerade auf unseren Hof gezeigt. Komm rasch! Wir müssen die Herrin und die anderen warnen. Die Kerle führen ganz sicher nichts Gutes im Schilde.“

Im Schutz der Bäume rannten sie zurück auf den Hof. Christine Nagel kam gerade aus ihrem kleinen Kräutergarten, als Kaspar ihr schon von weitem zuwinkte. Keuchend blieb er vor ihr stehen.

„Herrin! Ich habe fremde Reiter gesehen und kein gutes Gefühl dabei. Sie …“

Er hielt inne, denn in diesem Augenblick drang das Donnern schwerer Hufe an sein Ohr. Nur wenige Herzschläge später tauchten die ersten Pferde am Hoftor auf.

Christine packte den Knecht am Arm. „Rasch, Kaspar! Sag den anderen Bescheid. Sie sollen sich bewaffnen.“

Sie raffte ihre Röcke und lief eilig dem Haus entgegen, wo ihre beiden Kinder in der Nachmittagssonne spielten.

„Abraham! Maria! Lauft schnell hinein zu Großmutter und versteckt euch. Ich komme gleich nach.“

Während die Kinder der Aufforderung folgten, ließ sie ihren Blick über den Hof gleiten. Die Mägde befanden sich, bis auf Philippa, alle im Haus, aber auch die flüchtete gerade durch die Tür ins Innere. Kaspar tauchte wieder auf und war mit einem dicken Knüppel bewaffnet. Der Stallknecht kam herbeigeeilt und hielt eine eiserne Mistgabel in der Hand. Die restlichen Knechte hatten sich schnell einige Zaunlatten gegriffen und fanden sich jetzt ebenfalls ein. Kampfbereit stellten sie sich schützend vor ihre Herrin.

Inzwischen hatten sich die Reiter gesammelt und empfingen Befehle von einem schwarzbärtigen Mann. Christine zählte neun Eindringlinge und den Anführer. Die Kerle schienen zu allem entschlossen und waren in der Überzahl. Zu viel für die fünf Knechte, das erkannte sie sofort.

„Flieht!“, rief sie ihnen zu. „Flieht in den Wald und versteckt euch zwischen den Bäumen.“

Die Knechte schauten sich unsicher an, missachteten jedoch den Befehl ihrer Herrin und wichen nicht von ihrer Seite.

„So rettet euch doch!“, schrie Christine erneut, aber auch diese Auforderung blieb wirkungslos. Während der Anführer in einiger Entfernung am Hoftor auf seinem Pferd verharrte und weitere Befehle erteilte, sprengten die anderen heran.

„Das muss die Henkersmetze sein. Ergreift sie!“, brüllte er ihnen zu.

Christine versuchte, ins Haus zu gelangen, aber es war bereits zu spät. Zwei Männer drängten sich auf ihren Pferden an den Knechten vorbei, sprangen aus den Sätteln und warfen sie zu Boden. In Windeseile banden sie ihr die Hände auf dem Rücken zusammen und zogen einen Leinensack über ihren Kopf.

Der Rest der Bande war inzwischen über die Knechte hergefallen. Obwohl diese sich mutig zur Wehr setzten, hatten sie der rohen Gewalt der Angreifer nichts entgegenzusetzen. Schon nach kurzer Zeit lagen sie erschlagen oder mit durchtrennter Kehle im Staub. Kaspar war der letzte, der verzweifelt gegen die Übermacht ankämpfte. Er erwischte mit seinem Knüppel einen seiner Widersacher am Bein, aber im gleichen Augenblick traf ihn die eisenbeschlagene Keule des Mannes mit voller Wucht am Kopf. Sein letzter Gedanke galt Philippa, bevor sein lebloser Körper auf der Erde aufschlug.

„Bringt die Metze zu mir!“, rief der Anführer.

Er war inzwischen auf den Hof geritten und stieg vom Pferd. Seine Augen wanderten über Christines schlanken Körper. Dabei leckte er sich lüstern die Lippen. Eine hübsche Braut, diese Fremde. Gerne hätte er einen Blick auf ihr Gesicht geworfen, indes war es besser, wenn sie keinen von ihnen zu sehen bekam. Zwar würde sie vermutlich nie wieder auf ihren Hof zurückkehren, aber man wusste ja nie. Wirklich schade, dass der Hauptmann dich haben will, dachte er bei sich.

Christine war es unterdessen gelungen, die Fesseln zu lockern, ohne dass ihre Aufpasser es bemerkt hatten. Es gelang ihr, sie heimlich abzustreifen. Bevor die beiden Männer es verhindern konnten, hatte sie sich den Sack vom Kopf gezogen. Erstaunt riss sie die Augen auf und starrte einen Augenblick in das verblüffte Gesicht des Anführers. Gerade wollte sie den Mund öffnen, da zog er mit einer ruckartigen Bewegung einen langen Dolch aus seinem Gürtel und holte zum Stoß aus.

Der Maitag hatte mit einem warmen Frühlingsregen begonnen, aber bereits zur Mittagszeit war die Sonne als Sieger im Kampf gegen die letzten Wolkenschleier hervorgegangen und hatte die Herrschaft am Firmament übernommen. Die Vögel hatten sich aus ihrer Deckung gewagt und zwitscherten seitdem in allen erdenklichen Tonlagen, während die Nachmittagssonne in voller Pracht am wolkenlosen Himmel erstrahlte.

Christine Nagel hatte sich auf einer Ruhebank im Garten zurückgelehnt und streckte entspannt die Beine von sich. Ein liebevolles Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihren beiden Kindern beim Spielen zuschaute. Mit verbissener Miene versuchte der fünfjährige Abraham, seiner zweijährigen Schwester Maria eine Puppe aus den Händen zu reißen, aber sie leistete heftigen Widerstand und wollte nicht loslassen. Sie hielt die Puppe fest umklammert und schrie vor Wut und Ärger über ihren großen Bruder aus Leibeskräften.

„Abraham!“, rief Christine tadelnd. „Lass deiner Schwester die Puppe und nimm dir etwas anderes zum Spielen.“

Der Junge schaute kurz zu seiner Mutter hinüber und schien zu überlegen, ob er gehorchen sollte. Die kleine Maria nutzte diesen Augenblick, rappelte sich unbeholfen auf und lief, die Puppe immer noch fest mit beiden Händen gepackt, zu ihrer Mutter. Christine streckte die Arme aus und nahm ihre Tochter lachend in Empfang.

„Sind die beiden nicht allerliebst?“, erklang die Stimme von Adelheid, Christines Mutter. Sie war unbemerkt hinzugetreten und ließ sich müde in ihrem Lehnstuhl nieder.

„Ja, Mutter“, bestätigte Christine lächelnd. „Es sind wirklich zwei kleine Schätze, die uns der Allmächtige in seiner Güte geschenkt hat.“

Zärtlich strich sie über Marias braune Locken und drückte sie fest an ihre Brust. Das Mädchen strahlte vor Wonne und streckte ihrem Bruder im nächsten Augenblick die Zunge heraus.

„Aber Maria!“, schimpfte Christine. „Das darfst du nicht! Hörst du? Jetzt geh zu Abraham hin und sage, dass es dir leidtut.“

Maria verzog widerwillig ihren Mund und zögerte, gehorchte dann aber den Worten ihrer Mutter.

Adelheid lächelte. „Die beiden erinnern mich so sehr an Peter und dich. Ihr habt früher auch ständig miteinander gezankt, aber danach habt ihr euch gleich wieder vertragen.“

Christine stöhnte leise auf und schloss die Augen. Wie immer, wenn die Rede auf ihren verstorbenen Bruder kam, versetzte es ihr einen Stich ins Herz. Er ruhte jetzt schon seit einigen Jahren unten in der Stadt auf dem Kirchhof, aber sie vermisste ihn auch heute noch.

„Es ist wirklich jammerschade, dass Philipp mehr nach Vater geraten ist“, seufzte sie. „Du wolltest ihn doch heute aufsuchen. Wie geht es ihm denn?“

Philipp Tillmann war Christines älterer Bruder. Nach dem frühen Tod ihres Vaters hatte er dessen Nachfolge als Kesselmacher angetreten. Er betrieb in der Stadt eine kleine Werkstatt, mit deren Einnahmen er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

„Er ist wohlauf“, berichtete Adelheid. „Zu meinem Leidwesen macht er immer noch keine Anstalten, sich ein Weib zu suchen. Eine Magd, die ihm den Haushalt führt, will er sich auch nicht nehmen. Den Umständen entsprechend hat die Wohnung sehr gelitten. Seit wir das Haus verlassen haben, hält er überhaupt keine Ordnung mehr.“

Christine murmelte einige unverständliche Worte. Das Verhältnis zu Philipp war von jeher schwierig gewesen. Auch nach ihrer Vermählung mit Rudolf Nagel hatte sich an dieser Tatsache nichts geändert. Sie lebten nicht im Zwist miteinander, pflegten aber keinen Kontakt und sahen sich nur gelegentlich.

„Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, wie sauber und ordentlich die Wohnung früher ausgesehen hat, als ich ihm noch den Haushalt führte. Am liebsten würde ich mir die Zeit nehmen und einmal richtig bei ihm aufräumen.“

Adelheid winkte resigniert ab. „Du meinst es gut, aber die Mühe kannst du dir sparen. Schon in wenigen Tagen würde es wieder ebenso aussehen wie jetzt, denn Ordnung wird Philipp nie mehr lernen. Was mich wirklich bedrückt, ist der Umstand, dass ihr beiden euch so selten seht. Ich glaube, er schämt sich immer noch, weil er damals beim Würfeln beinahe unser Haus und das Geschäft verspielt hätte, wäre Rudolf ihm nicht rettend zur Seite gesprungen.“

Christine zuckte mit den Achseln. „Er ist jederzeit willkommen, hinterherlaufen werde ich ihm indes nicht.“

Adelheid seufzte und wollte etwas erwidern, ließ es aber bleiben. Sie musste sich wohl damit abfinden, dass ihre beiden Kinder zu unterschiedlich waren und auch in den nächsten Jahren kein gutes geschwisterliches Verhältnis miteinander pflegen würden.

„Ich habe mich heute übrigens von Walter in die Stadt fahren lassen“, wechselte sie das Thema. „Mit dem Gehen will es doch nicht mehr so klappen. Vor allem der letzte Anstieg hinauf zu unserem Hof fällt mir inzwischen schwer.“

„Siehst du es endlich ein?“, erwiderte Christine trocken. „Deine Beine machen schon seit einer Weile nicht mehr richtig mit. Die Knechte sind auch dazu da, dich zu fahren.“

Sie hielt Ausschau nach den Kindern, konnte sie aber nirgends entdecken. „Ich muss mich um die Kleinen kümmern, damit sie nicht wieder Unfug treiben. Gewiss haben sie sich in den Stall verkrochen und ärgern die Hühner und Ziegen.“

„Ich begleite dich“, entschied Adelheid.

Sie rafften ihre Röcke und schritten über den Hof zu den Stallungen, aber außer dem Stallknecht war niemand zu sehen.

„Hast du die Kinder gesehen?“, fragte Christine.

„Hier nicht, Herrin. Aber vorhin habe ich gehört, wie sie draußen miteinander stritten. Vielleicht sind sie zur Pferdekoppel gelaufen.“

„Dann bekommen sie etwas von mir zu hören“, sagte Christine verärgert. „Ich habe ihnen strengstens verboten, in der Nähe der Pferde zu spielen. Wie leicht kann etwas Schlimmes geschehen.“

Sie wandte sich zur Koppel, wo sie die Kinder entdeckte.

„Abraham! Maria! Ihr kommt jetzt sofort zu mir“, rief sie so laut, dass beide erschrocken aufschauten. Als sie die ernste Miene ihrer Mutter erblickten, beeilten sie sich, der Aufforderung Folge zu leisten.

„Habe ich euch nicht verboten, alleine zur Koppel zu laufen?“, schimpfte Christine.

„Wir dachten …“, versuchte Abraham sich zu rechtfertigen, aber seine Mutter schnitt ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort ab.

„Ich möchte keine Ausrede hören. Ihr geht jetzt sofort in eure Kammer und bleibt dort, bis euer Vater zurückkehrt. Der wird euch auch noch gehörig ausschimpfen.“

„Aber …“, wagte Abraham einen weiteren Versuch, brach jedoch sofort wieder ab, als ihn die bösen Blicke seiner Mutter trafen.

„Keine Widerrede“, bestimmte Christine. „Hinein mit euch!“

Nachdem die beiden weinend im Haus verschwunden waren, zog Christine die Augenbrauen hoch und schaute ihre Mutter fragend an: „Waren wir früher auch so?“

„Wie ich dir vorhin bereits sagte: Es wiederholt sich alles im Leben. Wir hatten zwar keine Pferde und auch kein so prächtiges Heim wie dieses, aber auch ihr habt ständig Unfug getrieben.“

„Ich bedarf keiner Pferde und wäre mit einem viel kleineren Anwesen zufrieden gewesen“, erwiderte Christine. „Rudolf hatte jedoch in Kastellaun ein ähnliches Fachwerkhaus gesehen und sich in den Kopf gesetzt, auch für uns einen solchen Prachtbau zu errichten.“

Ihre Blicke wanderten über das große dreigeschossige Gebäude, das vor einigen Jahren auf dem ehemaligen Scharfrichterhof entstanden war. Neben ihrer Familie lebte auch das Gesinde in dem Haus und bewohnte ein eigenes Stockwerk direkt unter dem Dach. Nichts deutete mehr darauf hin, dass früher an dieser Stelle eine einfache Hütte gestanden hatte, in der Rudolf mit seinen Eltern unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Da sein Vater das Amt des Birkenfelder Scharfrichters innehatte, machten damals alle einen großen Bogen um den Hof, denn das Gewerbe galt als unehrenhaft. Inzwischen hatte das Anwesen bei den meisten Leuten seinen Schrecken verloren. Der vom Sponheimer Grafen Johann neu eingesetzte Scharfrichter Kylian hatte seine Hütte in einiger Entfernung am Fuße des Krausbergs errichtet, den alle nur den Galgenberg nannten, weil sich dort oben seit ewigen Zeiten die Hinrichtungsstätte befand.

Unmittelbar neben dem Hauptgebäude erstreckte sich ein großer Stall mit Hühnern, Ziegen, einigen Schafen und Kühen. Daran schloss sich ein gepflegter Garten an, in dem verschiedene Gemüsesorten und Obstbäume wuchsen. In einer gemütlichen Ecke im hinteren Bereich hatte sich Christine einen kleinen Kräutergarten angelegt, den sie nach Möglichkeit selbst hegte und pflegte.

Rudolf und sie hatten sich hier oben ein gemütliches Zuhause geschaffen. Christine fragte sich manchmal, womit sie ein solches Glück verdient hatte. Ein liebenswerter Ehemann, zwei vortrefflich geratene Kinder und dazu ihre liebe Mutter. An den einstigen Scharfrichterhof erinnerten nur noch drei Gräber, deren Kreuze unterhalb einer knorrigen Eiche am Rande des Hofs aus dem Boden ragten. Dort ruhten Rudolfs Eltern Abraham und Maria, nach denen sie ihre Kinder benannt hatten. Das dritte Grab beherbergte die sterblichen Überreste von Sander, einem fahrenden Spielmann, der damals einer Räuberbande zum Opfer gefallen war.

Die Erinnerung spülte die dramatischen Ereignisse wieder in Christines Gedächtnis. Sie hatte Rudolf nach seiner Rückkehr aus Kastellaun zufällig auf dem Kirchhof getroffen. Er war viele Jahre fort gewesen und nach Birkenfeld zurückgekehrt, um den gewaltsamen Tod seines Vaters aufzuklären. Sie hatten gleich Gefallen aneinander gefunden und bereits kurze Zeit darauf den Bund fürs Leben geschlossen. Durch glückliche Umstände und die Hilfe seines Vetters Daniel war Rudolf zu einem großen Geldvermögen gelangt, das es ihm ermöglicht hatte, all das hier zu bauen.

Vor ihrer Vermählung mussten sie noch zahlreiche Schwierigkeiten überwinden. Der Gedanke daran jagte ihr auch heute noch eiskalte Schauer über den Rücken. Das ohrenbetäubende Prasseln der Flammen dröhnte in ihren Ohren, und sie sah Rudolf auf dem brennenden Dach des Rathauses, wie er in der Höllenglut beinahe verbrannt wäre. Glücklich dem Tod entronnen, wurde er kurze Zeit später von Räubern verschleppt. Den Rittern von Burg Birkenfeld gelang es erst im letzten Augenblick, ihn aus den Fängen der Bande zu befreien, sonst hätten Sie ihn gnadenlos getötet. Letztlich hatte sich aber alles zum Guten gewendet, und aus dem Sohn des ehemaligen Scharfrichters war ein angesehener und wohlhabender Kaufmann geworden.

Adelheid riss sie lächelnd aus ihren Gedanken. „Kind! Träumst du? Wir Frauen sind eben weniger anspruchsvoll als die Männer.“

Christine lachte herzhaft, als sie sich das Gespräch mit ihrer Mutter wieder in Erinnerung rief. „Sag das Rudolf. Er wird dir etwas anderes erzählen.“

Adelheid stimmte in das Lachen ein und hakte sich bei Christine unter. „Lass uns ins Haus gehen“, sagte sie müde. „Der Tag war anstrengend, und ich fühle mich ein wenig erschöpft.“

Christine nickte. „Rudolf wird bald zurück sein. Dann können wir gemeinsam das Nachtmahl einnehmen. Ich werde gleich nachschauen, ob Philippa und die anderen Mägde alles vorbereitet haben.“

Seit Kaiser Ludwig der Bayer, aus dem Geschlecht der Wittelsbacher, Birkenfeld im Jahre 1332 das Stadt- und Marktrecht verliehen hatte, war aus dem verschlafenen Ort ein führender Handelsplatz an der oberen Nahe geworden. Die einstmals schmale Gasse in Verlängerung des Marktplatzes hatte man zu einem breiten Karrenweg ausgebaut, der von florierenden Handwerksbetrieben und stetig wachsenden Handelshäusern gesäumt wurde.

Ein wuchtiges, alle anderen überragendes Gebäude, das von weitläufigen Lagerhallen umgeben war, stach dabei besonders ins Auge. Innerhalb der Mauern befanden sich die Geschäftsräume der beiden Partner Nikolaus Ruhlmann und Rudolf Nagel. Ruhlmann war schon seit Jahrzehnten in Birkenfeld ansässig und hatte bereits, kaum dem Knabenalter entwachsen, als kleiner Krämer seine ersten Waren verkauft. Durch Fleiß und Geschick war es ihm gelungen, sein Geschäft stetig zu vergrößern und dadurch zu einem der wohlhabendsten und einflussreichsten Bürger der ganzen Stadt aufzusteigen.

Rudolf Nagel zählte an Jahren weniger als die Hälfte, hatte sich jedoch in kurzer Zeit ebenfalls zu einem geschickten und geschäftstüchtigen Kaufherrn entwickelt, der die volle Anerkennung seines älteren Partners und Freundes genoss. Die beiden saßen gerade in Nikolaus’ Schreibstube zusammen und brüteten über ihren Büchern.

„Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob wir uns am Handel mit Getreide beteiligen sollen“, sagte Nikolaus zweifelnd, während er sich nachdenklich am Kopf kratzte.

„Wir müssen allmählich zu einer Entscheidung gelangen“, mahnte Rudolf. „Wenn wir wirklich in den Getreidehandel einsteigen, müssen wir bis zur Ernte im Sommer ausreichend große Speicher errichten oder wenigstens anmieten. Seit ich dein Partner bin, haben wir es stets vermieden, mit Gütern Handel zu treiben, die vom Wetter abhängig sind. Die Sommer der letzten Jahre waren allesamt verregnet. Traue ich meinem Bauchgefühl, wäre es keine kluge Entscheidung, zum jetzigen Zeitpunkt mit Getreide zu handeln. Ich habe vorhin mit Friedrich darüber gesprochen, und er ist der gleichen Ansicht.“

Friedrich Moor war schon seit einiger Zeit Rudolfs Gehilfe, und seine Meinung galt ihm, wie auch seinem Partner, viel. Nikolaus zog unschlüssig die Augenbrauen hoch und brummte etwas in seinen Bart. Dann stand er auf und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. Seine älteste Tochter Rebecca, die gerade mit fein säuberlicher Schrift Eintragungen im Auftragsbuch vornahm, schaute ihn erwartungsvoll an. Vor einigen Jahren hatte sie zunächst als Hilfskraft ihres Vaters begonnen, sich jedoch durch Eifer und Hingabe so gut eingearbeitet, dass sie inzwischen sogar einen Teil der Geschäftsbücher führen durfte.

„Rebecca! Bring mir doch bitte das Buch, worin die Namen unserer Lagerhelfer vermerkt sind.“

„Ist gut, Vater“, erwiderte sie und überreichte ihm kurze Zeit darauf die gewünschte Übersicht.

Nikolaus blätterte die Seiten durch und warf einen prüfenden Blick auf die Einträge, bevor er sich wieder Rudolf zuwandte.

„Wir haben nicht genügend Leute zur Verfügung, und im Augenblick ist es schwierig, neue anzuwerben. Ein Grund mehr also, unsere Entscheidung auf nächstes Jahr zu verschieben. Bis dahin haben wir auch Gewissheit, ob der diesjährige Sommer ebenso verregnet war wie in den vergangenen Jahren.“

Rudolf war erleichtert. „Wir können uns auch so über genügend Arbeit nicht beklagen, und verhungern werden wir sicher auch nicht. Was meinst du, Rebecca?“

Die Angesprochene nickte. „Ich muss mich immer wieder wundern, warum Vater selbst in seinem fortgeschrittenen Alter unablässig darüber nachsinnt, wie er unserem Handelshaus zu noch größerer Bedeutung verhelfen kann. Mehr als ein Dach über dem Kopf und ausreichend Speise und Trank benötigen wir doch gar nicht.“

„Mein ganzes Leben habe ich danach getrachtet, ein erfolgreicher Händler zu sein“, erklärte Nikolaus achselzuckend. „Ein solches Streben lässt sich auch im Alter nicht so leicht ablegen. Deshalb habe ich vor Jahren zugegriffen, als Rudolf uns das Handelshaus des ehemaligen Schultheißen Arnold verkauft hat, der damals der reichste Händler der Stadt war.“

Rudolf musste daran denken, dass er seinen Anteil an Arnolds Besitztümern zunächst an Nikolaus veräußert hatte. Später war er bei ihm in die Lehre gegangen, und der erfahrene Kaufmann hatte ihm alles beigebracht, was ein erfolgreicher Händler wissen muss. Die Arbeit hatte ihm so viel Freude bereitet, dass er sich nach Beendigung der Lehrzeit bei seinem Lehrmeister wieder eingekauft hatte. Seitdem leiteten sie als gleichberechtigte Partner das Handelshaus Ruhlmann & Nagel. Obwohl erheblich älter, war Nikolaus meist derjenige, der für neue Geschäftsfelder offener war.

„Dein Vater gibt sich eben nie zufrieden“, sagte Rudolf zu Rebecca. „Zum Glück aber bin ich auch noch da, um ihn bisweilen in die Schranken zu weisen, wenn er es zu arg treibt.“

Rebecca schenkte Rudolf ein dankbares Lächeln, was höchst selten vorkam, denn Nikolaus’ älteste Tochter war gewöhnlich verschlossen und zurückhaltend. Seit ihr Angetrauter Markus vor einigen Jahren bei einer Reparatur vom Dach gestürzt und kurz darauf seinen schweren Verletzungen erlegen war, lebte sie als Witwe im Hause ihrer Eltern.

Rudolf verstand sich sehr gut mit Rebecca, die mit ihm im gleichen Alter stand. Sie besuchte ihn und seine Gemahlin Christine häufig auf ihrem Hof, und er wünschte ihr von ganzem Herzen, dass auch sie bald wieder ein neues Eheglück finden würde.

Soeben schlug die Kirchturmuhr zur fünften Stunde. Rudolf rief sich das seiner Frau gegebene Versprechen in Erinnerung, heute rechtzeitig zum Nachtmahl zu erscheinen.

„Ich muss jetzt los“, erklärte er daher, während er sein Wams vom Haken raffte. „Wenigstens hin und wieder möchte ich zeitig genug nach Hause kommen, damit ich die Kinder noch zu Gesicht bekomme.“

Nikolaus lächelte verständnisvoll. „Ich habe noch einige Rechnungen zu prüfen, aber das ist rasch erledigt. Rebecca, richte deiner Mutter aus, dass es heute nicht so spät wird wie gewöhnlich.“

Rebecca versprach es und warf ihren Mantel über, denn ein kühler Wind blies durch die Gassen. Zusammen mit Rudolf verließ sie die Geschäftsräume.

„Grüß Christine von mir“, trug sie Rudolf auf. „Mein Plan sah eigentlich vor, sie morgen aufzusuchen, nun aber muss ich Mutter zu ihrer kranken Base begleiten. Ich sehe sie aber auf jeden Fall am Sonntag beim Kirchgang.“

Rudolf nickte. „Ich werde es ihr ausrichten.“

Sein Hof lag auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt, so dass der Weg zu Fuß beinahe eine halbe Stunde in Anspruch nahm. Aus diesem Grund war Rudolf meist zu Pferd unterwegs, wenn ihn sein Weg nach Birkenfeld in die Niederlassung führte. Hinter dem Gebäude hatte er vor Jahren einen kleinen Stall errichten lassen, der den Pferden tagsüber als Unterstand diente. Er zog seinen Braunen heraus und ritt auf dem kürzesten Weg zu seinem Hof.

Als er in freudiger Erwartung das Speisezimmer betrat, verwunderte es ihn, dass seine Kinder ihm nicht jubelnd entgegensprangen, wie sie es sonst meist taten. Im Gegenteil hockten sie mit zusammengepressten Lippen und herunterhängenden Mundwinkeln still auf ihren Stühlen und zankten nicht einmal miteinander.

„Was ist denn mit unseren Kleinen los?“, flüsterte er Christine zu, nachdem sie ihn begrüßt hatte.

Sie lächelte ihm verschwörerisch zu. „Sie fürchten sich vor deiner Strafpredigt, weil sie vorhin alleine bei der Pferdekoppel waren. Ich habe ihnen angedroht, du würdest sie gehörig ausschimpfen.“

Ein Schmunzeln stahl sich auf Rudolfs Gesicht. „Erwartest du das wirklich von mir, oder sind sie bereits gestraft genug? Ihrem Mienenspiel entnehme ich, dass du ihnen ordentlich den Kopf gewaschen hast.“

„Ich hatte sie für eine Weile in ihre Kammer verbannt. Das und die Furcht vor deinem Donnerwetter sind, so hoffe ich, Strafe genug. Es wird genügen, wenn du ihnen noch einmal in aller Deutlichkeit erklärst, dass sie es zukünftig unterlassen sollen.“

Stolz betrachtete Rudolf seine Gemahlin. Obwohl sie bereits zwei Kindern das Leben geschenkt hatte, gab es an ihrer Figur nichts auszusetzen. Trotz ihrer schlanken Taille verfügte sie über Rundungen, die sein Herz auch nach Jahren der Ehe höherschlagen ließen. Ihr früher schulterlanges, kastanienbraunes Haar wallte inzwischen weit den Rücken hinunter, so dass sie es häufig mit Haarnadeln hochsteckte. Unter den langen Wimpern strahlten zwei große, blaugrüne Augen hervor, die sich wie funkelnde Edelsteine in das von der Sonne gebräunte Antlitz einfügten. Die Sommersprossen auf ihren Wangen hatte Rudolf schon damals als besonders anziehend empfunden, als er sie nach vielen Jahren wiedergetroffen hatte. Zu ihrer Freude und zu seinem Leidwesen waren sie allerdings inzwischen beinahe bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Neben diesen Äußerlichkeiten waren es vor allem ihre Fähigkeiten als liebevolle Ehefrau und Mutter, die ihn so beeindruckten. Welch eine Frau hat mir der Herrgott in seiner Güte geschenkt, dachte er zufrieden.

Nachdem er Adelheid begrüßt hatte, nahm er seinen Platz ein und erlöste die Kinder, die ihn während der ganzen Zeit mit angstvollen Blicken beobachtet hatten.

„Eure Mutter hat mir erzählt, was ihr heute wieder angestellt habt“, begann er innerlich schmunzelnd. „Ich werde jetzt nicht schimpfen, aber ihr müsst mir versprechen, nie wieder ohne Aufsicht in der Nähe der Pferde zu spielen. Es kann sehr gefährlich werden, wenn ihr zu ihnen auf die Koppel geratet. Sie könnten sich erschrecken und euch zu Tode trampeln.“

Die kleine Maria begann zu weinen. „Wir werden es nicht wieder tun, nicht wahr, Abraham?“

Ihr Bruder beeilte sich, zustimmend zu nicken.

„Dann ist ja alles gut“, beruhigte Rudolf die beiden. „Lasst uns das Tischgebet sprechen und danach mit dem Essen beginnen.“

Nach Beendigung des Nachtmahls brachte Christine die Kinder zu Bett. Als auch Adelheid sich in ihre Kammer zurückgezogen hatte, saßen Rudolf und Christine noch eine Weile aneinandergeschmiegt vor dem knisternden Kaminfeuer in der großen Wohnstube.

„Ich muss demnächst zu unserem alten Freund Gaston nach St. Wendel“, unterbrach Rudolf die Stille. „Er war mit der letzten Warenlieferung nicht zufrieden und daher etwas ungehalten, wie mir der Fuhrknecht berichtete. Es wird aber nicht länger als ein bis zwei Tage dauern, dann werde ich wieder zurück sein.“

„Schade, dass die Zeit, die wir gemeinsam miteinander verbringen, nur so knapp bemessen ist“, seufzte Christine. „Abraham und Maria hätten auch gerne mehr von ihrem Vater.“

Rudolf strich seiner Gemahlin zärtlich über die Haare. „Ich habe mir schon häufig vorgenommen, weniger zu arbeiten. Aber Nikolaus findet oft kein Ende, und so fühle ich mich genötigt, ebenfalls noch zu bleiben.“

Christine musste jetzt lächeln. „Der ist ja auch bereits seit einer Ewigkeit vermählt, und die Sehnsucht nach seiner Frau wird in diesem Alter nicht mehr so groß sein. Außerdem sind seine Kinder erwachsen, wie dir ja wahrscheinlich nicht entgangen ist. Wenn wir beide erst einmal so lange verheiratet sind, darfst du so viel Zeit hinter deinem Schreibtisch verbringen, wie es dir beliebt.“

Rudolf neigte den Kopf leicht zur Seite und blickte Christine in die Augen. „Obwohl wir uns schon lange kennen und unter einem Dach leben, bin ich mir bei dir manchmal nicht sicher, ob du etwas ernst meinst oder nur im Scherz gesagt hast.“

Christine lachte laut. „Wenn das so ist, darfst du es dir aussuchen.“ Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, schenkte ihm ein verliebtes Lächeln und gab ihm einen innigen Kuss.

„Oh Rudolf!“, presste sie leise hervor. „Ich bin so glücklich, dass wir beide uns gefunden haben.“

Rudolfs Herz tat einen Sprung, denn dieses Mal war er sicher, dass sie ihre Worte nicht im Scherz gesagt hatte.

Als Christine am nächsten Morgen die Treppe hinunterstieg, saß Rudolf, mit einem Bündel Papieren in der Hand und scheinbar in Gedanken vertieft, in seinem Lehnstuhl. Christine stutzte für einige Atemzüge und konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.

„Was machst du denn noch hier? Ich dachte, du säßest schon lange hinter deinem Schreibtisch in der Stadt.“

Rudolf legte die Blätter zur Seite und lächelte seine Gemahlin an. „Ich hatte noch keine Lust und glaubte, du würdest dich freuen, wenn ich euch beim Frühmahl Gesellschaft leiste. Deiner Miene nach zu urteilen, scheint das aber nicht der Fall zu sein, meine Liebste.“

Christine trat schuldbewusst auf ihn zu und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. „Einen gesegneten Morgen, mein Liebster. Natürlich freue ich mich, aber ich war so überrascht, dich noch hier zu sehen. Wo stecken denn die Kinder? Wenn es so still ist, hege ich jedes Mal die Befürchtung, dass sie wieder Unfug treiben.“

„Die sitzen bereits mit hungrigen Bäuchen am Tisch und warten auf uns“, erwiderte Rudolf beiläufig, während er seine Unterlagen wieder zur Hand nahm.

„Dann werde ich mich jetzt ebenfalls ins Speisezimmer begeben und mit einer guten Mahlzeit den Tag beginnen. Was ist mit dir?“

„Ich bin hiermit fast fertig und komme sogleich nach.“

Sie verließ die Stube, kehrte aber kurz darauf mit einem verblüfften Gesichtsausdruck wieder zurück. „Von meiner Mutter und den Kindern keine Spur. Nicht einmal der Tisch ist gedeckt. Was hat das zu bedeuten?“

Rudolf legte seine Blätter zur Seite und stand auf. Er nahm Christine bei der Hand, während sich ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht breitmachte.

„Ich würde dich gerne noch ein wenig auf die Folter spannen, bringe es aber nicht fertig. Schließe jetzt deine Augen und folge mir nach draußen.“

Christines Verblüffung war immer noch nicht gewichen. Sie verkniff sich jedoch eine weitere Bemerkung und ließ sich von Rudolf in den Garten führen.

„Jetzt darfst du deine Augen wieder öffnen, Liebes“, erlaubte er ihr mit gespannter Vorfreude.

Christine gehorchte und blickte voller Erstaunen auf einen reich gedeckten Tisch, um den sich ihre Mutter, Abraham und die kleine Maria bereits versammelt hatten.

„Das ist ja eine Überraschung!“, rief sie freudig aus, während ihre Augen strahlten.

Sie schlang ihre Arme um Rudolfs Hals und schenkte ihm einen liebevollen Kuss. Die Kinder waren inzwischen aufgesprungen und zu ihrer Mutter gelaufen.

„Wir haben uns ganz still verhalten, wie Papa es von uns verlangt hat“, erklärte Abraham stolz.

Christine umarmte ihre Kinder zärtlich und gab auch ihnen einen Kuss. „Ich bin nahezu sprachlos. Da habt ihr euch ja etwas Schönes ausgedacht, um mir eine Freude zu bereiten. Und bei Gott, dem Herrn, es ist euch trefflich gelungen.“

Nachdem sie auch ihre Mutter begrüßt hatte, nahmen alle ihre Plätze ein.

„Wollen wir einmal schauen, was die Mägde uns alles aufgetischt haben“, wandte sich Rudolf an seine Kinder. „Lecker duftendes Brot aus unserem eigenen Backofen, Käse von unseren Ziegen, Milch von unseren Kühen und gebackene Eier von unseren Hühnern. Dazu mehrere Sorten Brotaufstrich aus Beeren, die von unseren Sträuchern gepflückt wurden und allerlei Früchte, die, wie sollte es anders sein …“

Er machte eine Pause und blickte Abraham an.

„… auf unseren Obstbäumen wachsen“, ergänzte der Kleine den Satz und alle lachten.

„Ihr seht, dass die Natur uns alles schenkt, was wir zum Leben benötigen. Wir können uns glücklich schätzen, dass der Allmächtige es so gut mit uns meint. Das Allerschönste ist jedoch, dass wir eine glückliche Familie sind.“

Christines Augen leuchteten, als sie Rudolf zuflüsterte: „Du bist wirklich ein Schatz. Ich frage mich immer wieder, womit ich all das verdient habe.“

Rudolf lächelte und drückte ihre Hand. Sie sprachen gemeinsam ein Tischgebet und griffen danach reichlich zu, bis kaum noch etwas übriggeblieben war. Nachdem die Mägde die Reste abgetragen hatten und Adelheid zusammen mit den Kindern im Haus verschwunden war, schaute Christine Rudolf fragend an.

„Was ist los? Du siehst so nachdenklich aus.“

„Mir geht unsere Unterhaltung vom gestrigen Abend nicht aus dem Sinn.“

„Was meinst du?“, erkundigte sich Christine neugierig.

„Du hast dich beklagt, wir würden zu wenig Zeit miteinander verbringen und ihr wärt zu häufig alleine. Es war ja nicht das erste Mal, und ich habe dir nie widersprochen, aber geändert habe ich nichts daran.“

Rudolf hielt inne und ergriff ihre Hände. „Das Leben ist so kurz und niemand von uns weiß, wann der Herr ihn einst zu sich rufen wird. Wenn mein Tag gekommen ist, möchte ich mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass mir die Arbeit wichtiger war als meine Familie. Ihr seid mir lieb und teuer, und jede Stunde ohne euch ist eine verschenkte Stunde.“

Rudolf hielt erneut inne und schaute Christine in die Augen. „Ich verspreche dir, das wird sich fortan ändern. Unser Handelshaus wirft genügend ab, dass wir für den Rest unseres Lebens keine Not leiden müssen. Wir sollten nicht ständig danach streben, immer noch mehr Reichtum anzuhäufen. Ich werde gleich nachher mit Nikolaus darüber reden. Er muss einsehen, dass es so nicht weitergehen kann und er sich, zumal in seinem Alter, selbst zügeln muss, bevor ihn eines Tages der Schlag trifft. Rebecca, die ständig in Sorge um ihn lebt, wird mich dabei unterstützen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er Vernunft annimmt.“

Christine lächelte zweifelnd, denn sie glaubte nicht daran, dass sich Nikolaus Ruhlmann auf seine alten Tage mäßigen würde. Sie widersprach jedoch nicht, um Rudolf seine Hoffnung nicht zu rauben.

„Auf Reisen werde ich mich nur noch begeben, wenn es sich um wichtige Geschäfte handelt. Ansonsten werde ich Friedrich schicken, der, wie du weißt, sehr zuverlässig ist und schon viele Aufträge zu meiner Zufriedenheit ausgeführt hat. Du wirst in Zukunft keinen Grund mehr finden, dich über mich zu beklagen.“

Christine, die während Rudolfs Ausführungen still zugehört hatte, wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.

„Oh Rudolf, das wäre so schön. Wenn es dir wirklich ernst damit ist, denke ich auch darüber nach, die Heymbacherin aufzusuchen.“

Rudolf dachte an die alte Kräuterfrau, die ganz in der Nähe in einer kleinen Hütte am Waldrand wohnte. Vor Jahren hatten sie aufgebrachte Leute aus einem nahegelegenen Dorf davongejagt, weil man sie der Hexerei bezichtigte. Rudolf hielt das für Unsinn. Auch Christine hatte nach einigem Zögern Vertrauen zu der kauzigen Alten gefunden und sie in ihr Herz geschlossen. Das Kräuterweib war in vielen Dingen der Medizin kundig und nicht wenige Frauen suchten sie auf, wenn sie die unreinen Tage plagten. Die Heymbacherin galt außerdem als zuverlässige Ratgeberin für den besten Zeitpunkt der körperlichen Vereinigung zweier Ehegatten, sollte diese Früchte tragen. Sie verfügte über erprobte Mittelchen, die bereits bei Abraham und Maria geholfen hatten. Rudolf empfand Mitleid mit den bedauernswerten Frauen, die stundenlang Gebete herunterleierten oder gar eine Wallfahrt auf sich nahmen, wenn sich der ersehnte Sprössling nicht einstellen wollte. Da glaubte er doch eher an die Alte mit ihren Ratschlägen und Kräutern.

„Du willst wirklich …?“ Er brachte den Satz nicht zu Ende und zog Christine fest an sich.

„Oder möchtest du etwa nicht mehr, dass wir Abraham und Maria ein Geschwisterchen schenken?“, fragte sie schmunzelnd.

„Du würdest mich damit unendlich glücklich machen. Ich weiß auch schon, welchen Namen wir ihm geben.“

„Dann weißt du mehr als ich“, gab sich Christine unwissend. „Welcher Name sollte das sein?“

Rudolf machte das Spiel mit, denn natürlich wusste sie genau, welche Namen er im Sinn hatte.

„Wird es ein Junge, so nennen wir ihn Peter, wie deinen Bruder. Sollte uns der Allmächtige ein Mädchen schenken, so lautet ihr Name Adelheid, nach deiner Mutter.“

Christine schürzte die Lippen und tat, als überlege sie. „Ich finde deine Vorschläge gut. Darauf wäre ich selbst nie gekommen.“

Lachend schlossen sie sich in die Arme und blieben, in dieser Weise verschlungen, noch eine Weile im Garten sitzen.

Das Wirtshaus „Zum Ochsen“ konnte auf eine lange Geschichte zurückblicken und war eine der ältesten Gaststuben der Stadt. Früher beliebter Treffpunkt von Bürgern aller Schichten, hatte der Ruf des „Ochsen“ in den vergangenen Jahren erheblich gelitten. Inzwischen verkehrte hier, neben vielen Fremden, eine beträchtliche Anzahl zwielichtiger Gestalten, die nicht immer nur Gutes im Sinn hatten.

Die Kirchturmuhr hatte gerade die dritte Nachmittagsstunde verkündet, und so waren in der Schankstube noch viele Plätze frei. Erst gegen Abend würde es voll werden, wenn die Leute nach erledigter Arbeit den Tag bei einem Schoppen Wein oder einem Becher Gerstensaft ausklingen ließen. Die besser begüterten Bürger zog es schon lange nicht mehr in den „Ochsen“. Sie trafen sich stattdessen zumeist in anderen Gasthäusern der Stadt.

In einer stillen und nur vom trüben Licht einer Talglampe erleuchteten Ecke des Wirtshauses hatten sich zwei Männer eingefunden, um sich dort in Ruhe und ungestört zu unterhalten. Einer der beiden hatte einen nahezu kahlen Schädel und machte einen heruntergekommenen Eindruck. Im Gegensatz zu dem zweiten Mann, der einen schwarzen Vollbart trug und erst vor wenigen Stunden die Stadtgrenze passiert hatte, lebte er bereits seit seiner Geburt in Birkenfeld. Der Bärtige hatte die Mütze tief ins Gesicht gezogen und seinen Platz so gewählt, dass er mit dem Rücken zur Schankstube saß, denn er wollte nicht erkannt werden. Nachdem der Wirt ihnen Bier gebracht hatte, ergriff der Kahlköpfige das Wort.

„Du hast mich vorhin neugierig gemacht, als du mich in meinem Haus aufgesucht hast. Meine Alte spitzt zuweilen gern die Ohren, deshalb ist es besser, wenn wir uns hier unterhalten. Zunächst habe ich dich gar nicht erkannt mit deinem Bart, aber seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, sind ja auch Jahre vergangen. Wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben?“

Der Bärtige kicherte leise. „Mal hier, mal da“, erwiderte er ausweichend. „Wie du dich gewiss noch erinnerst, war ich früher als Wanderkrämer die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Lediglich im Winter bin ich für einige Wochen zu meiner Frau und meinen beiden Söhnen auf unseren Hof in der Nähe von Thalfang zurückgekehrt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur habe ich jetzt eine sehr viel einträglichere Beschäftigung.“

Der Kahlköpfige hob die Brauen. „Du ziehst also nicht mehr mit deinem Bauchladen durch das Land?“

„Schon lange nicht mehr. Eines Tages hatte ich dieses Leben gründlich satt. Von Dorf zu Dorf zu wandern und den Leuten Seife, Kräuter oder anderen Unsinn aufzuschwatzen, ist ziemlich mühsam, aber nicht sehr lohnend. Reich geworden bin ich dabei nicht, da geht es mir heute doch weit besser.“

Der Kahlköpfige wurde allmählich ungeduldig. „Jetzt rück schon raus mit der Sprache, und lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Was hast du mit mir zu besprechen?“

Die Lippen des Bärtigen umspielte ein überlegenes Lächeln. „Hast du schon einmal von der Bande des Schönen Lenz gehört?“, fragte er leiser als zuvor.

Der Kahlköpfige nickte, denn der Name des weithin berüchtigten Räuberhauptmanns war ihm bekannt. „Erzähl mir nicht, dass du Mitglied dieser Bande bist.“

„Und wenn es so wäre?“

„Dann würde ich mich fragen, was du ausgerechnet von mir willst, da ich mit Gesetzlosen oder anderen Schurken nichts zu schaffen habe.“

Der Bärtige verzog spöttisch das Gesicht und rollte die Augen. „Du brauchst dich nicht zu verstellen. Oder hast du inzwischen vergessen, dass du mir in früheren Jahren den ein oder anderen guten Hinweis für einen lohnenswerten Diebstahl gegeben hast?“

„Das war früher. Heute bin ich ein ehrbarer Bürger und habe mit krummen Dingern nichts mehr zu schaffen.“

„Es könnte aber einiges für dich herausspringen“, versprach der Bärtige. „Wenn du mir hilfst, meinen Auftrag auszuführen, wird es dein Schaden nicht sein.“

„So gibst du zu, unter die Räuber gegangen zu sein?“

„Was schadet es schon, wenn du es weißt? Sonst darf es aber keine Menschenseele erfahren, das musst du mir schwören. Auch mein Weib und meine Söhne wissen nichts davon. Sie leben nach wie vor in dem Glauben, ich wäre mit meinem Bauchladen auf Wanderschaft.“

Der Kahlköpfige schaute immer noch argwöhnisch drein und wog ab, ob er nach Hause gehen oder sich das Anliegen des ehemaligen Krämers anhören sollte. Er entschied, dass es zumindest nichts schadete; ablehnen konnte er immer noch.

„Also gut. Ich schwöre es in Teufels Namen. Jetzt aber raus mit der Sprache! Wieso bist du nach so langer Zeit wieder in Birkenfeld aufgetaucht, und was habt ihr geplant?“

Der Bärtige blickte sich unauffällig in der Schankstube um, aber niemand schien ihnen Beachtung zu schenken. Er kratzte sich am Kinn und begann zu erzählen:

„Jahrelang habe ich mich abgerackert, aber irgendwann verging mir die Lust, als armseliger Wanderkrämer durch die Gegend zu ziehen. Da traf ich durch Zufall ein Mitglied der Räuberbande. Er warb mich an, und seitdem gehöre ich zu ihnen. Das Räuberleben wird jedoch zunehmend schwieriger. War es früher noch gefahrlos möglich, einen Handelszug zu überfallen, so ist das mittlerweile zu einer sehr gefährlichen Angelegenheit geworden. Die meisten verfügen über eine bewaffnete Bedeckung, und ohne Verletzte oder gar Tote geht ein solcher Überfall nie ab. Auch die Städte sind inzwischen durch wehrhafte Stadtmauern, bewaffnete Bürger und die nahegelegenen Ritterburgen gut geschützt. Unser Hauptmann ist aber nicht nur mutig und verwegen, sondern auch listig und schlau.“

Er führte seinen Becher zum Mund und genehmigte sich einen Schluck dünnes Bier. Der Kahlköpfige sagte kein Wort und wartete gespannt darauf, dass der Bärtige mit seinen Ausführungen fortfuhr.

„Er kam auf den großartigen Einfall, die Weiber und Töchter reicher Geldsäcke zu entführen. Das kann vergleichsweise gefahrlos geschehen. Danach lässt sich ein hohes Lösegeld aus den Männern herauspressen.“

„Alles schön und gut, aber was habe ich mit der Sache zu tun?“, fragte der Kahlköpfige verständnislos.

„Stell dich nicht so dumm“, knurrte der Bärtige. „Ich war schon ewig nicht mehr in Birkenfeld, und vieles hat sich seitdem verändert. Du aber verbringst dein Leben hier und hast mir bereits früher gute Hinweise zugesteckt. Du wirst doch sicher ein Weib kennen, deren Entführung sich lohnt. Wenn der Überfall in der geplanten Weise gelingt, erhalte ich eine hohe Belohnung, von der ich dir zum Dank einen beträchtlichen Teil abgebe.“

Sein Auftrag lautete eigentlich, als Krämer getarnt heimlich Nachforschungen in der Stadt anzustellen, damit es keine Mitwisser gab. Da war ihm sein früherer Gewährsmann in den Sinn gekommen, und er hoffte, auf diese Weise rascher und leichter ans Ziel zu gelangen.

Der Kahlköpfige hatte sich alles angehört und überlegte angestrengt. Ihm war ein Einfall gekommen. Bei dem Gedanken huschte ein bösartiges Grinsen über sein Gesicht.

„Und wenn ich ein Opfer wüsste?“, fragte er herausfordernd.

„Nenn mir ihren Namen, sag mir, wo wir sie finden und was du sonst von ihr weißt. Jeder Hinweis kann wertvoll sein. Unabdingbar ist natürlich, dass jemand bereit ist, das Lösegeld aufzubringen.“

Der Kahlköpfige stieß einen knurrenden Laut aus. „Ich kenne da ein liebliches Pärchen. Der Bastard ist einer der reichsten Kaufleute der Stadt und würde für seine Henkersmetze wahrscheinlich den letzten Heller hergeben.“

Der Bärtige schaute sein Gegenüber erstaunt an. „Wieso nennst du sie Henkersmetze, wenn sie doch die Gemahlin eines angesehenen Kaufmanns ist?“

„Ihr Angetrauter ist der Balg des ehemaligen Birkenfelder Scharfrichters. Er muss auch heute noch mit dem Teufel im Bunde sein, da er es geschafft hat, in dieser Stadt zu Einfluss und Reichtum zu gelangen. Sein Name ist Rudolf Nagel, und er wohnt mit seiner Metze außerhalb der Stadt auf dem alten Scharfrichterhof. Dort steht jetzt ein prunkvolles Haus, in dem sich die beiden ihr Liebesnest eingerichtet haben. Es sollte für euch ein Leichtes sein, sie von dort zu entführen. Ist dir noch bekannt, wo sich der Hof befindet?“

Der Bärtige hatte den Ausführungen des Kahlköpfigen aufmerksam zugehört. Das hörte sich tatsächlich sehr einfach an.

„Vergiss nicht, dass ich früher durch die Gassen der Stadt gezogen bin. Natürlich weiß ich, wo der Hof liegt, auch wenn ich mich nie in seine Nähe gewagt habe.“

„Am liebsten wäre es mir“, ergänzte der Kahlköpfige, „wenn ihr diesen Lumpenhund gleich mit entführt und er spurlos verschwindet.“

Der Bärtige schüttelte belustigt den Kopf. „Daraus wird nichts werden, denn wer soll dann das Lösegeld bezahlen?“

Der Kahlköpfige überlegte einen Augenblick und mahlte enttäuscht mit den Zähnen. „Zur Hölle mit dem Kerl.“

„Weißt du sonst noch etwas, was von Bedeutung sein könnte?“, fragte der Bärtige, der sein Ziel erreicht hatte und die Unterhaltung nun rasch beenden wollte.

Der Kahlköpfige schüttelte den Kopf. „Mit diesen Leuten hat unsereins nichts zu schaffen. Den Rest müsst ihr schon selbst erledigen.“

Der Bärtige flüsterte jetzt wieder. „Du darfst aber keiner Menschenseele von unserem Gespräch erzählen. Der Schöne Lenz lässt mich am nächsten Baum aufknüpfen oder stößt mir ein Messer zwischen die Rippen, wenn der Überfall misslingt.“

Der Kahlköpfige hob beruhigend die Hände. „Mach dir keine Sorgen. Ich hänge auch an meinem Leben. Wann soll der Überfall stattfinden?“

„So rasch wie möglich. Ich habe bereits einige Männer mitgebracht, die ein Stück von hier entfernt, im Wald versteckt, nur noch auf mein Zeichen warten.“

„Wann bekomme ich meinen Anteil?“

„Wenn das Lösegeld bezahlt ist und ich meine Belohnung erhalten habe, werde ich mich bei dir melden.“

Der Kahlköpfige schüttelte den Kopf. „Wer garantiert mir, dass du nicht für alle Zeiten verschwindest und ich dich nie mehr wiedersehe?“

Der Bärtige hatte mit diesem Einwand gerechnet und zog einen kleinen Beutel unter seinem Wams hervor.

„In dieser Börse befinden sich drei Gulden, die du bereits heute als Anzahlung erhältst.“

Der Schöne Lenz hatte ihm das Geld eigentlich für Unterkunft und Verpflegung mitgegeben, da er von einem weit längeren Aufenthalt in Birkenfeld ausgegangen war. Da er jetzt aber einen zuverlässigen Handlanger gefunden hatte und der Überfall kurz bevorstand, benötigte er das Geld nicht mehr. Die Belohnung, die der Hauptmann ihm in Aussicht gestellt hatte, würde diesen Verlust um ein Vielfaches wettmachen.

Der Kahlköpfige pfiff durch die Zähne und griff gierig nach dem Beutel. Er warf einen kurzen Blick hinein und ließ ihn danach unter seinem schmutzigen Wams verschwinden.

„Eine hübsche Summe. Einstweilen gebe ich mich damit zufrieden. Aber wage es nicht, mich zu betrügen.“

„Keine Sorge“, beschwichtigte ihn der Bärtige. „Ich werde ganz sicher wiederkommen. Darauf kannst du dich verlassen.“

Zufrieden, sein Ziel so einfach erreicht zu haben, verabschiedete er sich. Er zog seine Mütze noch tiefer ins Gesicht und verließ danach die Schankstube so unauffällig wie möglich.

Da er zuvor noch einige Handelspartner aufgesucht hatte, war Rudolf erst spät am Abend in St. Wendel eingetroffen. In Anbetracht des anstrengenden Tages und der fortgeschrittenen Zeit hatte er beschlossen, die Nacht in einer Herberge zu verbringen. Am nächsten Morgen wollte er zeitig bei Gaston vorsprechen. Den kleinen Franzosen hatte es bereits vor Jahrzehnten aus der Nähe von Colmar nach St. Wendel verschlagen. Seitdem betrieb er einen gutgehenden Laden mit Gewürzen im Zentrum der Stadt. Da es sich bei ihm um einen langjährigen Kunden und guten Freund von Nikolaus handelte, war Rudolf bei seiner Entscheidung geblieben, die Reise selbst zu unternehmen und nicht seinem Gehilfen Friedrich zu überlassen.

Nach einer entspannten Nacht war er mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden, denn heute war Sonntag und üblicherweise nicht der passende Tag für einen Geschäftsbesuch. Geplant war lediglich ein kurzer Aufenthalt, zumal Rudolf wusste, dass der Franzose großen Wert auf den morgendlichen Kirchgang legte. Er lenkte seinen Braunen im Schritt durch die verschlafenen Gassen der Stadt, bis er vor Gastons Anwesen anhielt. Den kleinen Gewürzladen fand er, wie erwartet, verschlossen, aber die Eingangspforte zum Wohnhaus wurde nach Anschlagen des Türklopfers geöffnet.

„Rudolf!“, rief Gaston erstaunt und erfreut zugleich. „Gott zum Gruße. Welch schöne Überraschung … und das an einem Sonntag. Du kommst sicher wegen der fehlerhaften Lieferung?“

Rudolf nickte und vollführte mit den Armen eine entschuldigende Geste. „Sei gegrüßt, Gaston. Verzeih den unerwarteten Besuch am heiligen Sonntagmorgen, aber ich habe es gestern Abend nicht mehr geschafft. Ich verspreche dir, es wird nicht lange dauern.“

„Komm herein in die Stube. Bis zum Kirchgang habe ich noch ein wenig Zeit.“

„Christine und ihre Mutter müssen heute ohne mich dem Wort Gottes lauschen“, seufzte Rudolf. „Der Pfarrer wird es mir hoffentlich nachsehen.“

Nachdem sie einige Höflichkeiten ausgetauscht hatten, kam Gaston auf die beanstandete Warenlieferung zu sprechen.

„Ich beziehe die Gewürze für meinen Laden schon seit vielen Jahren von euch. Bisher gab es nie Grund zur Klage. Beim letzten Mal war jedoch ein beträchtlicher Teil mit Feuchtigkeit durchzogen und daher nicht mehr zu gebrauchen. Ich habe alles aufbewahrt, damit ich es dir zeigen kann.“

Rudolf schüttelte den Kopf. „Das ist nicht notwendig. Wir kennen uns so lange, da bedarf es keines Beweises. Die Ursache der Feuchtigkeit haben wir inzwischen ermittelt und beseitigen lassen. Das Dach des Gewürzlagers war undicht, und die heftigen Frühjahrsstürme hatten Regen in die Halle getrieben. Dadurch war ein kleiner Teil unserer Bestände feucht und unbrauchbar geworden. Ich habe bereits veranlasst, dass du eine neue Lieferung erhältst, die morgen bei dir eintreffen wird.“

Gaston nickte zufrieden. „Das ist sehr großzügig von euch. Da du dich selbst zu mir bemüht hast und ich jetzt den Grund für den schlechten Zustand der Ware kenne, ist die Angelegenheit für mich erledigt.“

Gaston bot Rudolf eine Erfrischung an, aber der lehnte dankend ab und drängte stattdessen zum Aufbruch. Er wollte auf jeden Fall vor Einbruch der Dämmerung zurück in Birkenfeld sein.

Als er einige Stunden später sein Pferd auf den Hof lenkte, sah er sofort, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick fiel auf einen bewaffneten Mann, der Wache zu halten schien. Aufs tiefste beunruhigt sprang er aus dem Sattel, um ihn nach dem Grund seiner Anwesenheit zu fragen. Da flog die Haustür auf, und eine junge Frau eilte mit gerafften Röcken auf ihn zu.

„Nora?“, rief Rudolf verblüfft, denn Rebeccas jüngere Schwester hatte er nicht erwartet. „Ist etwas geschehen?“

„Etwas ganz Schreckliches“, keuchte sie. „Euer Hof wurde gestern überfallen.“

„Was … was sagst du da?“, stammelte Rudolf, dessen Gesicht aschfahl geworden war.

„Euer Hof wurde überfallen“, wiederholte Nora, „und Christine wurde dabei niedergestochen.“

„Oh heilige Mutter Gottes!“, entfuhr es Rudolf. „Wie geht es ihr?“

Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern eilte ins Haus, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zur ehelichen Schlafkammer hinauf. Christine lag auf dem Bett und schien zu schlafen. Ihr Angesicht war bleich wie das einer Toten, aber zu seiner Erleichterung nahm er wahr, dass sich ihr Brustkorb unter der Decke regelmäßig hob und senkte. Auf einer Seite des Bettes saß Rebecca, auf der anderen der alte Medicus Hubertus Zenker, der Rudolf mit ernster Miene entgegenblickte.

„Rudolf! Wie gut, dass du endlich da bist“, begrüßte ihn Rebecca mit Tränen in den Augen.

Der Medicus hatte sich inzwischen von seinem Schemel erhoben und zog Rudolf aus der Kammer.

„Es steht nicht gut um sie“, begann er seufzend. „Euer Hof wurde gestern von Räubern überfallen. Die Schurken haben Christine mit einem Messer schwer verwundet. Sie lag die ganze Nacht draußen vor der Tür und hat eine Menge Blut verloren. Erst heute Morgen hat Rebecca sie gefunden und konnte endlich Hilfe holen. Ich habe Chirurgus Adam hinzugezogen, aber auch er weiß keinen Rat. Die Klinge hat in ihrem Leib so viel Unheil angerichtet, dass wir mit unseren Künsten am Ende sind. Ich fürchte, wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird deine Frau die kommende Nacht nicht überstehen.“

Rudolf schaute zunächst nur fassungslos drein. Ein eiserner Griff legte sich um seinen Hals und schnitt ihm beinahe den Atem ab. Verzweifelt schlug er die Hände vors Gesicht und raufte sich die Haare.

„Das kann doch nicht wahr sein“, presste er hervor. „Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie sie vor unseren Augen stirbt.“

Der alte Medicus schüttelte den Kopf. „Glaub mir, Rudolf. Wir haben alles getan, was in unserer Macht steht. Adam sagt, die Wunde liege so nahe am Herzen und der Blutverlust sei so immens, dass keine Rettung möglich ist.“

„Nein! Nein!“, schrie Rudolf verzweifelt, während er mit den Fäusten gegen die Wand hämmerte. „Sie hat doch niemandem etwas getan.“

„Ich werde jetzt wieder zu ihr gehen“, seufzte der Medicus. „Sie hatte heute Morgen für kurze Zeit das Bewusstsein wiedererlangt und Rebecca von dem Überfall erzählt. Ich werde sie herausschicken, damit sie dir berichten kann.“

Rudolf packte den Medicus an den Schultern. „Was ist mit den Kindern und Adelheid geschehen?“

„Dem Herrn sei Dank, sind sie wohlauf. Die Kerle hatten sie gemeinsam mit den Mägden in den Kellerräumen eingeschlossen. Deine Kinder sind jetzt bei Nikolaus im Haus, Adelheid haben wir zu ihrem Sohn gebracht. Dort ist sie im Augenblick am besten aufgehoben. Alle haben natürlich einen gewaltigen Schrecken davongetragen, sind aber körperlich unversehrt.“

„Ist sonst jemand zu Schaden gekommen?“, fragte Rudolf, während er in banger Erwartung die Augen schloss.

Der Medicus zog hörbar die Luft ein. „Eure fünf Knechte sind nicht mehr am Leben. Die Schurken haben sie erschlagen oder ihnen die Kehle durchschnitten.“

„Mein Gott!“, stöhnte Rudolf.

Der Medicus verschwand im Schlafgemach, und Rebecca trat kurze Zeit darauf auf Zehenspitzen aus der Kammer. Rudolf war wie benommen. Langsam ließ er sich auf die Treppe niedersinken, denn er fürchtete, seine Beine würden ihm den Dienst versagen. Rebecca setzte sich zu ihm und ergriff seine Hand.

„Ich bin schon seit heute Morgen hier. Da ich Christine beim Kirchgang vermisst habe, war ich in Sorge und beschloss, sie aufzusuchen. Ich fand sie vor der Haustür, schwer verwundet und ohne Bewusstsein. Da ich aus dem Haus Schreie vernahm, bin ich zunächst hineingeeilt, um zu forschen, woher die Laute kamen. Rasch bin ich in den Keller gelaufen, fand aber die Tür zum Vorratsraum verschlossen. Zum Glück hatten die Kerle den Schlüssel von außen stecken lassen. So konnte ich Adelheid, deine Kinder und die Mägde befreien. Philippa habe ich sogleich in die Stadt geschickt, um Hilfe zu holen.“

Rebecca hielt einen Augenblick inne und rang nach Atem. „In der Zwischenzeit habe ich Christine gemeinsam mit den anderen Mägden in eure Schlafkammer gebracht. Ihre Kleidung war mit Blut durchtränkt, und mit Schrecken dachte ich daran, dass sie die ganze Nacht im Freien gelegen hatte. Kurze Zeit darauf trafen Doctor Zenker, die Büttel und Schultheiß Barth ein. Der hatte bereits einen Boten zur Burg geschickt, woraufhin der Amtmann einige Waffenknechte gesendet hat. Sie sollen das Haus bewachen und Christine schützen, falls die Kerle wiederkommen. Die Büttel haben Adelheid, die Kinder und die Mägde mit hinunter in die Stadt genommen. Später kam der Chirurgus mit meinem Vater und Nora, die hiergeblieben ist, um mich zu unterstützen.“

Rudolf hatte stumm zugehört. Ihm war eine Last vom Herzen gefallen, als er gehört hatte, dass die Kinder und seine Schwiegermutter wohlauf waren. Langsam hob er den Kopf und blickte Rebecca an.

„Doctor Zenker sagt, Christine war zwischendurch bei Bewusstsein?“

Rebecca nickte. „Ja, aber nur für kurze Zeit. Sie hat sich zuerst nach den Kindern und ihrer Mutter erkundigt. Dem Herrn sei Dank, konnte ich sie beruhigen. Sie schien im Kopf ganz klar zu sein, denn als ich sie fragte, wer ihr das angetan hat, erwiderte sie, sie habe den Mann schon einmal gesehen, wisse aber nicht mehr wann und wo. Die Kerle wollten sie scheinbar entführen und hatten ihr deshalb einen Sack über den Kopf gestülpt. Es gelang ihr aber, sich davon zu befreien, und da hat sie einen der Männer erkannt. Dieser Mistkerl hat ihr mit seinem Messer die schlimme Verwundung zugefügt.“

„Beim allmächtigen Gott“, stammelte Rudolf. „Was für erbarmungslose Schurken, eine wehrlose Frau einfach niederzustechen. Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

Rebecca nickte. „Der Lump hat wohl vorher laut geschrien: ‚Das muss die Henkersmetze sein. Ergreift sie!‘.“

Hubertus Zenker war inzwischen unbemerkt hinzugetreten und berührte Rudolf an der Schulter.

„Rudolf, ich glaube, sie erlangt noch einmal das Bewusstsein. Komm rasch!“

Rudolf verdrängte alle Gedanken an die Räuber und eilte an Christines Bett. Sie war soeben erwacht und starrte an die Decke. Während er sich auf einen Stuhl sinken ließ, flößte Doctor Zenker seiner Patientin einen Trank ein.

„Ich habe ihr ein Mittel gegen die Schmerzen verabreicht“, erklärte er. „So werden ihre Leiden wenigstens erleichtert.“

Nach diesen Worten zog sich der Medicus zurück und ließ Rudolf mit seiner sterbenden Gemahlin alleine. Als sie ihren geliebten Ehemann erblickte, flackerten Christines Augen vor Freude auf. Ihre Lippen bebten, teilten sich aber dann zu einem zaghaften Lächeln.

„Mein Liebster“, begann sie mit brüchiger Stimme. „Wie schön, dass ich dich noch einmal sehe. Ich stehe an der Schwelle zur Ewigkeit, aber ich spüre keinerlei Furcht. Die Jahre mit dir und unseren Kindern waren die schönsten meines Lebens. Ich bin dir unendlich dankbar für diese wunderbare Zeit.“