Der Scharfrichter III - Werner Uebel - E-Book

Der Scharfrichter III E-Book

Werner Uebel

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Beschreibung

Rudolf Nagel, Sohn des ehemaligen Scharfrichters, hat nach Jahren der Trennung seine alte Liebe Anne-Marie wiedergefunden und nimmt sie zur Frau. Doch das neugewonnene Glück währt nur kurz, denn ein dunkler Sturm braut sich über ihnen zusammen. Unter tragischen Umständen verliert Anne-Marie ihr ungeborenes Kind. Rudolf und sein Partner Nikolaus müssen sich den Intrigen eines skrupellosen Rivalen stellen, während ein ehrloser Ritter auf tödliche Rache sinnt. Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu, als ein fanatischer Dominikanermönch in Birkenfeld auftaucht und behauptet, eine Hexe ginge um. Rudolf sieht sich einer übermächtigen Front aus Hass, Aberglaube und Verrat gegenüber. In einem verzweifelten Wettlauf gegen die Zeit setzen er und seine Mitstreiter alles daran, das drohende Unheil abzuwenden. Doch der Henker wartet schon … Der letzte Teil der spannenden Scharfrichtertrilogie führt in eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte: Die grausame Zeit der Hexenverfolgung.

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Seitenzahl: 606

Veröffentlichungsjahr: 2025

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WERNER UEBEL

DER SCHARFRICHTER * BAND III * VERBRENNT DIE HEXE

Werner Uebel, geboren 1962 in Birkenfeld/Nahe, studierte Wirtschaftswissenschaften in Mainz und Trier. Die Verbundenheit zu seiner Heimat animierte ihn schon vor Jahren zum Schreiben seines ersten historischen Romans Der Scharfrichter. Mit dem vorliegenden Werk Der Scharfrichter Band III – Verbrennt die Hexe endet die spannende Scharfrichtertrilogie.

WERNER UEBEL

DER SCHARFRICHTER

BAND III

VERBRENNT DIE HEXE

HISTORISCHER ROMAN

© 2025 Werner Uebel

www.werner-uebel.de

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«

Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Deutschland

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Vorwort

Im 14. Jahrhundert zogen dunkle Wolken über Europa auf. Eine Epoche, in der Angst und Misstrauen erste Schatten auf das Dasein warfen. Die Furcht vor dem Unsichtbaren, vor verborgener Gefahr, nahm ihren Anfang. Eine Zeit begann, in der Grausamkeit die Oberhand gewinnen sollte.

Es war der Anfang der Hexenprozesse, wie wir sie heute kennen. Das Bild einer Hexe war noch unklar; Verfolgungen fanden zunächst nur vereinzelt und regional begrenzt statt. Die Saat war jedoch gelegt, und die kommenden Jahrhunderte sollten sie mit schrecklicher Wucht zum Blühen bringen.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts begannen Anklagen wegen Hexerei zunehmend das Bewusstsein zu prägen. Die Menschen suchten nach Erklärungen für Seuchen, Ernteausfälle und Unglück. In dieser Zeit der Ungewissheit wurden häufig Frauen beschuldigt, sich mit finsteren Mächten verbündet und den Teufelsfluch über ihre Dörfer gebracht zu haben. Ein falsches Wort, eine verdächtige Tat, und schon galten sie als Hexe.

Die Landesherren reagierten auf diese Vorwürfe keineswegs einheitlich. Einige sahen die Geschichten als Aberglaube und waren skeptisch gegenüber den unzähligen Berichten über Teufelswahn. Sie schenkten dem wenig Aufmerksamkeit und versuchten, die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Andere hingegen orientierten sich an den strengen Auslegungen der Inquisitoren, die eine globale Bedrohung durch Hexen sahen und deren gnadenlose Vernichtung forderten. Die Zerrissenheit einer Zeit, die zwischen dem Glauben des späten Mittelalters und der aufkommenden rationalen Weltanschauung schwankte, fand Ausdruck in diesem Widerspruch.

Die schwersten Auswüchse der Hexenjagd lagen jedoch noch in weiter Ferne. Erst in der Folgezeit, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, entlud sich die Angst vor Hexerei in regelrechten Wellen von Prozessen. Allein im Heiligen Römischen Reich, zu dem auch das heutige Deutschland gehörte, gab es mehr als dreißigtausend Hinrichtungen. Eine dunkle Epoche, deren Schatten bis heute nachwirkt.

Prolog

Heidelberg

Im Jahre des Herrn

1389

Prolog

Die Sonne versank allmählich hinter den dichten Baumwipfeln und färbte den Himmel in glutrote, warme Töne. Ihre letzten, verblassenden Strahlen tauchten den Wald in ein fahles Licht und warfen lange, unheilvolle Schatten auf den moosbedeckten Boden.

Zwei Männer traten mit ihren Pferden aus der aufziehenden Dämmerung auf die Lichtung. Ihre Blicke hafteten gierig auf der jungen Frau, die dort bereits auf sie wartete. Das grobe Leinenkleid und die schlichte Haube auf ihrem Schopf ließen vermuten, dass sie sich als Magd verdingte. Lächelnd löste sie die Verschnürung ihrer Kopfbedeckung und ließ sie mit einer anmutigen Bewegung zu Boden fallen. Dunkle Locken umspielten nun ihr Gesicht, und beim Lachen bildeten sich kleine Grübchen auf ihren Wangen. Die ungewöhnlich weißen Zähne blitzten im Abendlicht wie Schneekristalle in der Frühlingssonne.

Die Männer ließen ihre Pferde zurück und schritten langsam auf die Frau zu. Nur das kaum vernehmbare Knacken von Zweigen unter ihren Stiefeln durchbrach die Stille des Waldes. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich hier trafen. Bereits an den Abenden zuvor war die junge Magd den Männern zu Willen gewesen und hatte ihnen Vergnügen und Erleichterung verschafft. Der Ältere spürte jedoch trotz des Lächelns die Veränderung auf ihrem Antlitz, die wie ein aufziehendes Gewitter in der Luft hing. Wie gewohnt lockerte sie die Verschnürung ihres Kleides, doch in den grünen Augen glomm ein unheilvolles Leuchten. Als die beiden sich ihr nähern wollten, hob sie plötzlich die Hand.

»Was ihr hier mit mir treibt, soll nicht länger ohne Lohn bleiben«, sagte sie mit fester Stimme. »Ich lasse mich nicht mehr mit Almosen abspeisen. Von jedem verlange ich zehn Gulden.«

Der Jüngere lachte laut auf. »Bist du des Teufels, Weib? Für diese Summe können wir uns einen ganzen Monat mit der schönsten Hure von Paris vergnügen.«

»Meine Brüder haben Verdacht geschöpft und herausgefunden, dass ich mich heimlich mit euch treffe«, erklärte die Magd. »Sie schlugen mich und verlangen nun, dass ihr feinen Herren wenigstens angemessen dafür bezahlt, wenn ihr mir schon Schande antut. Ich bin nicht die Erste und auch nicht die Einzige, mit der ihr es im Stillen treibt. Einigen Frauen habt ihr euren Willen sogar mit Gewalt aufgezwungen. Auch deshalb verlangen meine Brüder die hohe Summe. Sie haben das ganze Dorf gegen euch aufgewiegelt und sind mir heute Abend gefolgt. Sie kommen nicht allein. Wenn ihr nicht auf meine Forderung eingeht, schreie ich so laut, dass sie mich hören können. Euer Leben ist dann keinen Pfennig mehr wert.«

Kaltes Schweigen hing nun über der Lichtung. Die Männer horchten in den Wald hinein, doch außer dem sanften Rascheln der Blätter war es totenstill.

Der Jüngere trat langsam auf sie zu. »Du wagst es, uns zu drohen, du Miststück?«, stieß er zornig hervor.

»Zehn Gulden von jedem, und keinen Pfennig weniger«, beharrte die Magd auf ihrer Forderung. »Sonst ...«

Sie konnte den Satz nicht vollenden, denn er riss plötzlich ein Messer aus seinem Gürtel und stieß es ihr zwischen die Rippen. Ein gellender Schrei hallte durch den Wald, der schlagartig in einem sterbenden Röcheln endete. Sein Begleiter hatte ihn noch zurückhalten wollen, aber es war zu spät. Betroffenheit lag in seinem Blick, als der erschlaffte Körper der Magd auf den Waldboden sank und leblos liegen blieb. Wieder horchten die Männer. Sie wollten bereits erleichtert aufatmen, da drang aus der Ferne das Bellen von Hunden an ihr Ohr. Flackerndes Licht schimmerte plötzlich bedrohlich durch die Bäume.

»Was machen wir jetzt?«, rief der Jüngere, während er einen hastigen Blick auf die tote Frau warf, deren Körper stumm im feuchten Moos lag. Ihr Kopf war zur Seite geneigt, die gebrochenen Augen, in denen sich auch jetzt noch das blanke Entsetzen spiegelte, schienen ihn voller Anklage anzustarren.

»Abhauen, was sonst!«, fauchte ihn der Ältere an. »Du gottverdammter Holzkopf hast sie getötet.«

Beinahe zärtlich ruhte sein Blick auf dem Gesicht der Toten, und er dachte an die schönen Stunden, die sie gemeinsam miteinander verbracht hatten.

»Was sollte ich denn tun?«, verteidigte sich der Jüngere, jetzt bleich wie der Tod. Auf seiner Oberlippe, auf der zaghaft erster Flaum zu sprießen begann, glänzte der Angstschweiß wie Tautropfen in der Morgensonne. »Wieso wollte die dumme Gans plötzlich Geld von uns haben? Ihre verfluchten Brüder und die Dörfler soll der Teufel holen.«

Bereits an mehreren Stellen drang der Schein brennender Fackeln wie die glühenden Augen des Satans durch die Finsternis des Waldes. Das wilde Kläffen der Hunde kam näher und wurde immer bedrohlicher.

»Auf die Gäule und weg!«, befahl der Ältere, während er sich hastig in den Sattel schwang und seinem Pferd die Hacken in die Flanken drückte.

Die schemenhaften Umrisse der Verfolger waren bereits zu erkennen, und ein zottiger Hund kam mit weit aufgerissenem Maul und geifernder Zunge herangehetzt. Spitze Zähne blitzten gierig im aufgehenden Mondlicht. Die Mordlust in den Augen der Bestie ließ das Schlimmste befürchten. Von panikartiger Angst erfasst, wollte sich der Jüngere ebenfalls in den Sattel schwingen, aber da schlug das heranstürmende Tier bereits die Zähne in sein Bein. Der Mann brüllte vor Schmerzen laut auf, versetzte dem Hund jedoch mit seinen eisenbeschlagenen Stiefeln einen kräftigen Tritt, sodass er jaulend von ihm abließ. Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer, denn bereits wenige Herzschläge später näherten sich die nächsten Angreifer mit wütendem Gekläffe.

Fieberhaft überlegte der Ältere, dessen Pferd sich in Panik aufgebäumt hatte, ob er allein die Flucht ergreifen sollte, doch es war zu spät. Mehrere Männer schälten sich wie blutdürstige Racheengel aus der Dämmerung und streckten ihm die spitzen Zinken ihrer eisernen Mistgabeln entgegen. Den grimmigen Mienen war zu entnehmen, dass sie keinen Augenblick zögern würden, von ihnen Gebrauch zu machen. Ein letzter Blick auf die tote Frau, und er wusste, dass sie es zu weit getrieben hatten.

Teil 1

Birkenfeld

Im Jahre des Herrn

1389

Kapitel 1

Das dumpfe Dröhnen des Jagdhorns hallte wie ein ferner Donnerschlag durch das Tal. Die Bauern auf den Feldern rissen ehrfürchtig die Strohhüte von ihren Köpfen und hielten inne. Ihre Blicke glitten hinauf zum Burgberg, wo die alte Sponheimer Festung mit ihren dicken Mauern und spitzen Zinnen majestätisch wie ein riesiger Wächter über dem Tal thronte.

»Was sind das für seltsame Töne, Papa?«, fragte der kleine Junge, der eben noch mit einem Stock einem Schmetterling hinterhergerannt war.

Der Vater schob die Unterlippe vor und bekreuzigte sich. »Die kommen von einem Jagdhorn. Wie man hört, ist der alte Amtmann dahingeschieden. Sein Leichnam wird heute der Erde übergeben. Das Jagdhorn verkündet den Abschied von dieser Welt und das Ende des irdischen Daseins.«

Der Junge machte große Augen. Er benötigte einen Moment, um die Antwort zu begreifen.

»Was ist ein Amtmann?«, fragte er schließlich.

»Der Verwalter der Burg im Namen der Grafen von Sponheim, denen dieses Land gehört«, antwortete der Vater. »Nach allem, was man hört, war er ein strenger, aber gerechter Mann.«

»Ich dachte, Schultheiß Barth ist der Verwalter«, wunderte sich der Junge.

»Barth ist nur Vorsteher der Stadt«, erklärte der Vater. »Der Amtmann aber ist Verwalter der Burg und des ganzen Sponheimer Gebietes. Er ist von Adel und hat eine höhere Stellung als der Schultheiß. Mit solchen Leuten hat unsereins nichts zu schaffen. Wir sind Leibeigene und haben unsere Arbeit zu verrichten, dann lassen sie uns in Ruhe.«

»Was ist ein Leibeigener?«

»Das erkläre ich dir ein anderes Mal«, knurrte der Vater. »Jedenfalls nichts Gutes. Geh jetzt zurück ins Haus und hilf deiner Mutter.«

Der Junge sah den Vater in gespannter Erwartung an, wagte aber nicht, noch einmal zu fragen. Das Horn war inzwischen verstummt, und die Bauern setzten ihre Hüte wieder auf. Es gab noch viel zu tun, und die wenigen Augenblicke mussten genügen, dem alten Amtmann die letzte Ehre zu erweisen.

Oben auf Burg Birkenfeld fegte ein kalter Wind über die Zinnen. Biz von Sterrenberg stand mit gesenktem Haupt am Rande der kleinen Grablege, die den heimgegangenen Lehnsmännern seit jeher als letzte Ruhestätte diente. Der mit feinen Schnitzereien und einem mächtigen Wappen versehene Holzsarg, in dem die sterblichen Überreste Gottfrieds von Rapweiler gebettet lagen, war soeben, im Beisein aller Ritter, der Erde übergeben worden. Der Burgkaplan hatte in seiner Predigt bewegende Abschiedsworte gefunden. Nun ruhte der verstorbene Amtmann – den Blick gen Osten, dem Sonnenaufgang und dem Heiligen Land entgegen – mehrere Fuß tief im kühlen Grund.

Biz lebte schon einige Jahre auf der Burg. Den alten Recken hatte er nach anfänglichen Meinungsverschiedenheiten achten und schätzen gelernt. Jetzt, da dieser vor dem ewigen Richter stand und vielleicht bald Einzug ins Paradies hielt, überkam Biz ein merkwürdiges Gefühl. Was ihn dort wohl erwartete? Diese Frage hatte Biz schon oft beschäftigt. Er war noch jung, doch für einen Ritter bedeutete das in Zeiten ständiger Fehden und Kriege wenig. Zu wenig.

»Du träumst ja mit offenen Augen«, ertönte plötzlich die Stimme Bertholds von Sötern, der den Sponheimern seit einer halben Ewigkeit als Lehnsmann diente.

Biz wandte den Kopf und blickte den meist schlecht gelaunten, ewig griesgrämigen alten Kämpfer an. Gemocht hatte er ihn nie, doch heute hielt sich die Abneigung in Grenzen. Vielleicht lag es daran, dass Berthold und Gottfried von Rapweiler im gleichen Alter waren. Die Tage des Söterners waren somit ebenfalls gezählt. Biz beschloss daher, ihm heute freundlicher zu begegnen als sonst.

Die Knechte hatten unterdessen begonnen, die zuvor ausgehobene Erde wieder ins Grab zu schaufeln, um den Sarg zu bedecken.

»Wir waren gerade Zeugen, wie ein bewegtes und ereignisreiches Leben sein Ende fand«, seufzte Biz. »Der Alte war auf unserer Burg der Fels in der Brandung, und wir werden ihm noch manche Träne nachweinen. Er hinterlässt große Fußstapfen, und ich frage mich, wer sein Nachfolger wird.«

»Graf Johann wird schon den Richtigen bestimmen«, mutmaßte Berthold. »Auch wenn es, verdammt noch mal, schwierig sein wird, den Alten zu ersetzen.«

Biz konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Genau wie er sprachen auch die anderen Ritter stets vom »Alten«, obwohl sie kaum jünger oder gar älter waren. Was die Nachfolge betraf, war er allerdings weit weniger zuversichtlich, denn der greise Graf, geplagt von einer fortschreitenden Augenkrankheit, war inzwischen nahezu blind.

Biz hatte die Wintermonate bei ihm auf der Grevenburg verbracht und wusste daher, dass es auch mit seiner übrigen Gesundheit nicht zum Besten stand. Deshalb hatte der Graf den beschwerlichen Weg von der oberhalb der Mosel gelegenen Residenz nach Birkenfeld gescheut, auch wenn er Gottfried von Rapweiler gerne auf seinem letzten Weg begleitet hätte.

»Wie wär’s mit dir?«, fragte Biz mit einem säuerlichen Lächeln, denn seine Frage war nicht ganz ernst gemeint.

»Eher friert die Hölle zu«, brummte Berthold. »Ein Schwert kann ich noch führen, doch mit der Feder konnte ich nie umgehen. Auch verspüre ich keinerlei Lust, mich mit faulen Bediensteten, unzuverlässigen Handwerkern oder feilschenden Händlern herumzuschlagen. Dafür bin ich, weiß Gott, nicht der Richtige.«

»Das dachte ich mir schon«, erwiderte Biz, während er Berthold einen freundschaftlichen Klaps versetzte. »Von den anderen wird es auch keiner machen wollen. Beten wir also, dass der Allmächtige Graf Johann eine göttliche Eingebung sendet, damit er die richtige Wahl trifft.«

Berthold kraulte seinen langen Bart und spuckte aus. »Meine Tage auf der Burg sind ohnehin gezählt. Vor Jahren schwor ich, dass meine Zeit hier endet, sollte der Alte vor mir abtreten. Ich kehre zurück zu meinen Wurzeln. Meine Familie besitzt in Sötern seit Generationen ein kleines Stück Land mit einem gemütlichen Haus und treuem Gesinde. Dort ist das Leben angenehmer als hier auf der zugigen Burg, wo einem im Winter das Wasser im Arsch gefriert und es selbst im Sommer nicht richtig warm wird. Solange mich der Herrgott noch nicht zu sich ruft, werde ich den Sponheimern von dort aus weiterhin dienen.«

Biz runzelte die Stirn und ertappte sich bei dem Gedanken, dass er den alten Griesgram vermissen würde, sollte dieser Burg Birkenfeld für immer den Rücken kehren.

»Vermutlich bin ich nicht der Einzige, der so denkt«, fuhr Berthold fort. »Die Älteren unter uns, wie Ludemann und Reinher, haben mir gegenüber ähnliche Absichten geäußert. Über kurz oder lang werden die alten Recken nicht mehr da sein.«

Ludemann von Kastell und Reinher von Hohenecken lebten, wie der Söterner, schon seit Jahrzehnten auf der Burg. Bertholds Worte brachten Biz erneut ins Grübeln.

»Vielleicht überlegen sie es sich noch mal«, antwortete er mit einem Blick, aus dem mehr Hoffnung als Glaube sprach. In Ludemann war ihm ein väterlicher Freund erwachsen, der ihm gerade in den ersten Jahren auf der Burg mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte. Sein Weggang wäre ein schmerzlicher Verlust.

»Vielleicht«, murmelte Berthold, doch sein Gesicht zeigte erhebliche Zweifel. »Da die Zeit nicht stillsteht, wird sich Graf Johann gewiss rasch entscheiden. Bis dahin werde ich, und vermutlich auch die anderen, noch hierbleiben.«

Biz nickte stumm, während sein Blick über die Holzkreuze und verwitterten Grabsteine längst dahingeschiedener Recken glitt. Ehrfurcht überkam ihn. Welche Schicksale, welche Tragödien mochten hinter diesen Namen ruhen? Er wusste nicht warum, doch eine innere Stimme flüsterte ihm zu, dass mit dem Tod des alten Amtmanns eine Zeitenwende begonnen hatte. Nichts würde mehr sein wie zuvor. Sein Blick schweifte weiter, über die Stadt hinweg bis zu den dunklen Höhen des Hunsrücks. Ein mulmiges Gefühl kroch in ihm empor, denn es schien, als zögen am Horizont bereits erste dunkle Wolken auf.

Kapitel 2

»Nein! Nein! Nicht! So lass mich doch!«

Rudolf Nagel fuhr im Bett hoch und warf einen besorgten Blick auf seine neben ihm liegende Gemahlin Anne-Marie, die eben im Schlaf um sich geschlagen und laut aufgeschrien hatte. Noch immer murmelte sie unverständliche Worte, deren Sinn er jedoch nicht zu deuten vermochte. Erste, zarte Sonnenstrahlen hatten sich bereits durch die schmalen Ritzen der hölzernen Fensterläden in das Schlafgemach geschlichen, und Rudolf gewahrte die Schweißperlen auf ihrer Stirn, die im sanften Morgenlicht schimmerten wie Frühtau auf einer saftigen Wiese. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen und ihr Atem ging unregelmäßig. Vermutlich wurde sie wieder von finsteren Träumen geplagt. Doch im Gegensatz zu sonst war sie dieses Mal nicht aufgewacht.

Leise seufzend schob Rudolf die Decke beiseite, stieg aus dem Bett und schritt lautlos zum Fenster. Mit geübten Handgriffen öffnete er die beiden Flügel und stieß vorsichtig die Läden auf. Die Maisonne stand schon wie ein glühender Feuerball am Horizont und kündete vom Beginn des neuen Tages. Die Welt lag noch im Schweigen. Da erklang aus den Zweigen der nahen Bäume das erste zaghafte Zwitschern der Vögel, begleitet vom lauten Schnauben eines Pferdes, das von der angrenzenden Weide herüberdrang.

Gierig sog Rudolf die frische Frühlingsluft in sich auf, schloss für einige Herzschläge die Augen und genoss die wohlige Wärme auf seinem Gesicht. Da er heute nicht ins Kontor hinter seinen Schreibtisch musste und nur der sonntägliche Kirchgang anstand, würde er den ganzen Tag mit Anne-Marie und seinen Kindern verbringen.

Langsam glitt sein Blick durch die geräumige Kammer. Er dachte an die kleine Hütte seines Vaters, die einst genau an der Stelle gestanden hatte, wo heute das große Fachwerkhaus mit den Stallungen thronte. Dort verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit in ärmlichsten Verhältnissen. Ein winziges Loch in der Bretterwand sorgte für ein wenig Tageslicht, das gerade ausreichte, um Licht von Schatten zu unterscheiden. Im Winter schützte eine alte, steife Kuhhaut nur unzureichend vor dem eisigen Frost. Glasscheiben oder Fenster mit Flügeln zum Öffnen konnten sich nur die wohlhabendsten Bürger leisten. Gleiches galt für bemalte Holzvertäfelungen an den Wänden und gewebte Teppiche, die jetzt auf den Dielen seiner Kammer lagen. Welch ein Unterschied zu damals, zählte er doch heute selbst zu den reichsten Männern der Stadt.

Nachdenklich kratzte er sich am Kopf und genoss den Zauber des Augenblicks. Voller Sehnsucht, Zuneigung und Bewunderung ließ er den Blick auf seiner schlafenden Gemahlin ruhen, deren Atem nun wieder sanft und gleichmäßig ging wie der Hauch des Frühlingswindes. Unter dem dünnen, seidenen Nachtgewand, das sie seit Einzug der warmen Jahreszeit trug, zeichneten sich deutlich ihre Formen ab. Eine schlanke Gestalt mit schön gewachsenen Beinen, schmaler Taille und festen, runden Brüsten, die an reife Äpfel erinnerten, gekrönt von zartrosa Knospen. Wie so oft hatte sie sich im Schlaf die Haube vom Kopf gestreift. Ihre goldblonden Locken fielen in losen Wellen über das blasse Gesicht, verdeckten die schmale, feingliedrige Nase und den sanft geschwungenen Mund mit den vollen, weichen Lippen. Sie war die schönste Frau, die Rudolf je in seinem Leben gesehen hatte, ein Wunderwerk aus Fleisch und Blut, entsprungen der Hand Gottes. Kein Bildhauer dieser Welt, nicht einmal die großen Meister in Nürnberg oder Florenz, hätte ein vollkommeneres Geschöpf erschaffen können.

Rudolf fröstelte, als sein Blick auf ihre Schulter fiel. Ganz ohne Makel war sie nicht mehr. Eine schmale, blassrosa Narbe, Überbleibsel jener schrecklichen Entführung im Herbst des vergangenen Jahres, zog sich über ihre Haut und verunzierte die sonst so vollendete Gestalt. Sie verlief zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt, eine stumme Erinnerung an die Stichwunde, die beinahe ihr Leben gekostet hätte. Die berüchtigte Bande des Schönen Lenz hatte sie entführt, um Lösegeld zu erpressen. Erst im letzten Augenblick war es Rudolf und seinem Gefährten Biz von Sterrenberg gelungen, sie nach einer wilden Hetzjagd durch die weiten Wälder des Hunsrücks aus den Händen der Gesetzlosen zu befreien.

Rudolf biss sich auf die Lippen und versuchte, die düsteren Gedanken zu vertreiben. Doch die schrecklichen Bilder lagen noch nicht weit zurück und hafteten wie ein dunkler Schatten an seinem Gedächtnis.

Er kannte Anne-Marie bereits seit jener Zeit, als man ihn, nach dem rätselhaften Tod seines Vaters, dem Scharfrichter von Birkenfeld, nach Kastellaun gebracht hatte. Dort verbrachte er Kindheit und Lehrjahre unter der Knute seines gewalttätigen Ziehvaters, bis dieser selbst auf dem Blutgerüst endete. Da Rudolf als Knecht eines Henkers zu den Ehrlosen zählte, war ihm der Umgang mit der schönen Lindenmarie, wie Anne-Marie damals genannt wurde, verboten. Dennoch trafen sie sich heimlich, bis ihr Vater sie überraschte und seine Tochter zur Heirat mit einem reichen Schneidersohn zwang, woraufhin Rudolf Kastellaun verbittert verließ. Das lag nun fast sieben Jahre zurück. Erst die dramatischen Ereignisse des vergangenen Herbstes hatten ihre Wege erneut zusammengeführt.

Während Anne-Marie ein unglückliches Dasein an der Seite ihres Ehemanns und nach dessen Tod als Witwe fristete, fand Rudolf, nach Birkenfeld zurückgekehrt, zunächst sein Glück. Doch seine erste Gemahlin Christine wurde ebenfalls Opfer des Schönen Lenz und bei einem Überfall getötet. Sie ruhte seit einem Jahr unten in der Stadt auf dem Kirchhof, von endloser Finsternis umfangen, in einem kühlen Grab.

Rudolf raufte sich die Haare, als ihn die Erinnerung übermannte. Ein leiser Fluch entwich seinen Lippen und er ballte die Hände zu Fäusten. Die Gesetzlosen hatten ihm seine geliebte Frau genommen und den Kindern die Mutter. Zuweilen suchte er Christines Grab auf, wenn ihn Kummer und Sorgen plagten. Anne-Marie schien das nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil zeigte sie großes Verständnis, wohl wissend, dass sie selbst meist der Anlass war.

Wieder fiel sein Blick auf das bleiche Antlitz der schönen Frau, mit der er erst vor wenigen Wochen den Bund der Ehe geschlossen hatte. Die Jahre ohne ihn hatten ihre Spuren hinterlassen und eine tiefe Schwermut hatte sich ihrer bemächtigt. Erst seit sie wieder vereint waren, besserte sich ihr Gemütszustand allmählich, auch wenn sie noch immer nicht die lebenslustige Marie war, in die er sich einst so heftig verliebt hatte. Es gab gute, weniger gute und mitunter auch schlechte Tage. Dann war sie in sich gekehrt, in Gedanken versunken und redete kaum ein Wort. In letzter Zeit wurde sie regelmäßig von finsteren Träumen geplagt, die auch ihm die Nachtruhe raubten. Oft sprach er mit Hubertus Zenker, dem alten Medicus, über Maries Zustand, doch dessen Rat blieb stets derselbe: Du musst Geduld mit ihr haben.

Ein sanftes Lächeln umspielte Rudolfs Lippen, denn sie regte sich jetzt und schlug die Augen auf.

»Einen gesegneten Morgen wünsche ich dir, meine Liebste«, begrüßte er sie mit einem Kuss.

»Den wünsche ich dir auch«, erwiderte Anne-Marie verschlafen. »Ein Kuss von dir ist die einzige Medizin, die nicht bitter schmeckt, sondern süß wie Honig.«

»Hast du wieder schlecht geträumt?«, fragte Rudolf besorgt.

Sie nickte. »Eines Tages wird mich der Satan holen.«

»Rede nicht so dummes Zeug«, ermahnte er sie kopfschüttelnd. »Es ist einfach so, dass du schreckliche Dinge erlebt hast, die dein Geist noch nicht verarbeitet hat.«

Anne-Maries Augen glänzten feucht. »Du meinst es gut, aber nachts erscheint er mir ständig in meinen Träumen. Eine abscheuliche Gestalt, mit langen, dürren Beinen, Bocksfüßen und einem behaarten Schwanz, der bis zum Boden reicht. Seine stechenden Augen rauben mir jegliche Willenskraft und während seine krallenbesetzten Hände nach mir greifen, umfasst mich sein stinkender Atem wie giftiger Nebel. Dann neigt er langsam den Kopf, als wolle er mich mit seinen gebogenen Hörnern aufspießen. Dazu lacht er wie ein Wahnsinniger, nur unterbrochen von gotteslästerlichen Flüchen und Verwünschungen.«

Rudolf holte tief Luft, zwang sich aber zur Ruhe. Diese Beschreibung hatte er schon oft aus ihrem Mund gehört, und seine Antwort war stets dieselbe:

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass niemand den Leibhaftigen je gesehen hat? Deine Beschreibung entspricht doch nur den Vorstellungen der Leute, die du dir in deinen Träumen zu eigen machst.«

»Vergiss nicht, dass ich kurz davor war, mich freiwillig zu ihm ins Reich der Finsternis zu begeben, als ich meinem Leben ein Ende setzen wollte. Das hat er nicht vergessen. Seitdem giert er danach, mich zu sich hinab in die Feuer der Hölle zu ziehen. Wenn er mich nicht selbst holt, wirst du mich eines Tages zu ihm jagen, weil ich dir ständig nur Sorgen bereite«, fügte sie leise hinzu.

Rudolf wurde ärgerlich und hob mahnend den Zeigefinger. »Sag das nie vor anderen! Du weißt, wie rasch sich so etwas herumspricht. Viele hier in Birkenfeld sehen dich noch immer als Fremde und betrachten dich mit Argwohn. Ständig wirst du bei der Heymbacherin gesehen. Du weißt, dass man ihr nachsagt, sie sei eine Hexe und stehe mit dem Teufel im Bund. Es ist ein großer Unterschied, ob du dir einfach nur Hilfe bei ihr holst, wie andere es auch tun, oder ob du den Eindruck erweckst, ihr mischt gemeinsam Zaubertränke. Von deiner wundersamen Heilung ist die Rede, und ...«

»Wer erzählt solch einen Unsinn?«, unterbrach sie ihn.

Rudolf seufzte. »Ein fahrender Händler verbreitete das Gerücht in der Stadt. Jemand hatte ihm zugetragen, das frisch angetraute Weib des Kaufmanns Nagel komme aus Kastellaun, wohin ihn seine Wanderschaft vor einigen Wochen führte. Ein Wundarzt namens Gabler, dessen Name dir gewiss noch vertraut ist, erzählte ihm von der Wunderheilung einer Frau, die Kastellaun wenig später verlassen habe.«

»Und wenn schon?«, fuhr Anne-Marie ihn an, während ihre Augen zornig aufblitzten. »Willst du mir wegen dieses Geredes verbieten, Reglind weiterhin zu besuchen? Hast du etwa vergessen, dass ich ohne sie längst tot wäre?«

Rudolf hob beschwichtigend die Arme. »Wie könnte ich das vergessen? Mein Dank ist ihr für alle Zeiten gewiss. Es kann auch keine Rede davon sein, dir den Umgang mit ihr zu untersagen, Liebes. Ich bitte dich nur, vorsichtig zu sein bei dem, was du sagst und was du tust.«

Anne-Marie wandte ihren Blick von ihm ab und seufzte leise. »Macht es dir etwas aus, heute mit den Kindern allein zum Gottesdienst zu fahren? Ich fühle mich nicht wohl.«

Rudolf hatte mit diesem Ansinnen gerechnet, denn es war nicht das erste Mal, dass sie diese Bitte an ihn herantrug. Auch das konnte zu Gerede führen. Von ihm als angesehenem Kaufmann wurde erwartet, dass seine Gemahlin ihn beim Kirchgang stets begleitete. Ihm selbst war das Getuschel gleich, doch er hätte es gern gesehen, wenn die Leute Marie als eine der ihren betrachteten. Christine stammte aus Birkenfeld und hatte durch ihre Hilfsbereitschaft viele Herzen gewonnen. Marie hingegen tat sich schwer damit. Sie war eine Fremde und als Folge ihrer Krankheit mied sie Begegnungen, die über das unbedingt Notwendige hinausgingen. Doch wollte er nicht mit ihr streiten, und so entschied er, wenn auch ungern, ihrem Wunsch zu entsprechen.

»Es macht mir nichts aus. Du musst mir aber versprechen, am nächsten Sonntag wieder mitzufahren.«

Sie rang sich ein zaghaftes Lächeln ab und sagte mit leiser Stimme: »Ich verspreche es dir.«

Kapitel 3

Die drei Spielleute hingen ermattet auf ihren Pferden und ritten langsam durch das Stadttor von Landau. Ihre bunten Gewänder waren von einer dicken Staubschicht bedeckt und die Instrumente baumelten, nur mit dünnen Lederriemen befestigt, auf ihren Rücken.

Der Wächter musterte die Landfahrer mit scharfem Blick, nickte ihnen dann aber zu und ließ sie passieren. Dem schwerfälligen Gang der Reittiere war anzusehen, dass auch sie nicht mehr lange durchhalten würden und dringend eine Rast benötigten. Sie waren seit den frühen Morgenstunden unterwegs und wie ihre Reiter von den Anstrengungen des Tages gezeichnet. Inzwischen war es später Nachmittag, denn die Kirchturmuhr hatte eben zur fünften Stunde geschlagen.

Der kleine Trupp bewegte sich träge durch die engen Gassen der Stadt. Der Duft von frisch gebackenem Brot und gebratenem Fleisch hing schwer in der Luft. Händler priesen lautstark ihre Waren an, und aus dem Fenster eines Wirtshauses drang schallendes Gelächter auf die Straße.

Plötzlich wurde die Eingangstür aufgestoßen und ein Betrunkener torkelte ihnen entgegen. Mit lautem Stöhnen stürzte er zu Boden und erbrach sich in mehreren Schüben in den Rinnstein. Zwei Gassenjungen versetzten ihm Fußtritte, ließen dann aber von ihm ab und sprangen zwischen den Pferden umher, während sie die Spielleute mit Schmähungen und Spottliedern bedachten. Diese störten sich nicht daran, war ihnen doch ein solch flegelhaftes Benehmen auf ihrer langen Reise schon häufiger begegnet. Als Spielleute gehörten sie, wie auch umherziehende Bettler, Gaukler oder Krämer, zum fahrenden Volk und standen am Rande der Gesellschaft.

Die Gasse wurde allmählich breiter, denn sie näherten sich dem Marktplatz, der von mächtigen Fachwerkhäusern gesäumt war. Der Anführer zügelte sein Pferd und deutete auf einen großen Haufen aufgeschichteter Holzscheite. Aus dessen Mitte ragte ein dicker Pfahl, der weit über eine Manneslänge maß.

»Was soll das sein?«, fragte einer seiner Begleiter, auf dessen Rücken eine Schalmei befestigt war, die ihrem Aussehen nach mindestens ebenso alt war wie ihr Besitzer. Dieser war mit Abstand der Älteste der Gruppe und mochte bereits an der Schwelle zur Fünfzig stehen.

»Ein Scheiterhaufen«, erwiderte der Anführer und kratzte sich nachdenklich am Kopf.

»Ein Scheiterhaufen?«, wiederholte der Dritte, ein junger, kräftiger Bursche mit himmelblauen Augen und blondem Oberlippenbart. Seufzend nahm er seinen vor Schmutz starrenden Filzhut ab und fuhr sich mit der anderen Hand über die kurze Stoppelfrisur. »Was um alles in der Welt ist das, Herr?«

Der Anführer warf ihm einen wütenden Blick zu und zischte leise:

»Michl Reinstadler! Wenn du mich noch einmal mit ›Herr‹ anredest, versohle ich dir dein Hinterteil so gründlich, dass du tagelang nicht mehr sitzen kannst. Wie oft habe ich dir erklärt, dass wir als arme Spielleute durch die Lande ziehen und uns deswegen natürlich beim Vornamen anreden. Es darf keiner merken, dass wir eine größere Summe Reisegeld mit uns führen. Du sagst Daniel zu mir, kapier das endlich!«

Der Gemaßregelte zuckte erschrocken zusammen und murmelte Worte des Bedauerns.

»Verzeiht ... ich meine, verzeih. Es kommt mir nur so schwer über die Lippen, aber es wird nicht wieder vorkommen.«

Daniel Nagel schüttelte verärgert den Kopf und fluchte leise vor sich hin. Inzwischen bereute er es, den jungen Knecht auf die gefahrvolle Reise mitgenommen zu haben, doch der konnte seiner Fiedel Töne entlocken wie kaum ein anderer. Als vermeintliche Spielleute mussten sie ihre Künste zumindest gelegentlich zeigen, wollten sie sich nicht verdächtig machen. Bei der Ausgestaltung Michls geistiger Fähigkeiten war der liebe Gott allerdings sehr sparsam gewesen, doch war der Knecht ihm treu ergeben, fürchtete sich vor niemandem und war ein guter Junge. Zum Glück konnte Daniel auf den besonnenen Andrä zählen, der ihm mit der nötigen Ruhe zur Seite stand, wenn es galt, Michl vor Dummheiten zu bewahren.

»Wofür soll dieser riesige Haufen Holz gut sein?«, präzisierte Andrä seine Frage. »Feuerbestattungen gibt es doch längst nicht mehr.«

Daniel verzog das Gesicht. »Hier soll auch niemand bestattet werden. Zumindest kein Toter.«

Michl riss erstaunt die Augen auf, und auch Andräs Blick ruhte neugierig auf Daniels Lippen.

Der lachte bitter auf. »Habt ihr noch nie von dunklen Mächten gehört? Von schwarzer Magie, Zauberern und Hexen? Hat man sie früher einfach nur verprügelt oder, in schlimmeren Fällen, aus der Stadt gejagt, werden sie heute in manchen Gegenden mit dem Tod bestraft. Dabei ist die Hinrichtung mit dem Schwert ein Gnadenakt, denn die meisten Hexen werden bei lebendigem Leib verbrannt, damit das Feuer die vom Teufel besessenen Seelen reinigen kann. Die gleiche Strafe trifft Ketzer und Sodomiten. Das sind Sünder, die mit Kindern Unzucht treiben oder für ihre Triebe Menschen gleichen Geschlechts oder gar Tiere auswählen.«

»Ein Mensch soll hier lebendig verbrannt werden?«, rief Andrä entsetzt. »Und die heilige Kirche lässt ein solches Verbrechen zu? Sind die Pfaffen denn alle des Teufels?«

»Die Kirche lässt es nicht nur zu, sondern ist die treibende Kraft in diesen Dingen«, knurrte Daniel.

»Habt Ihr ... hast du bei einer solchen Verbrennung schon einmal zugesehen?«, erkundigte sich Michl.

Daniel lagen einige harsche Worte auf der Zunge, doch er verzichtete darauf, den jungen Knecht ein weiteres Mal zu maßregeln und schüttelte den Kopf.

»Bisher nicht. Ich habe nur davon gehört. Da aber unsere Pferde unbedingt Ruhe brauchen und mein Rappe seit gestern etwas lahmt, müssen wir ohnehin einige Tage hier bleiben. Vielleicht steht uns in der Zeit das zweifelhafte Vergnügen bevor, eine Hexe oder einen Ketzer brennen zu sehen.«

»Wie lange wird es noch dauern, bis wir unser Ziel erreichen werden?«, fragte Andrä.

»Ich schätze, bis nach Birkenfeld sind es noch zwei Tagesreisen, was aber von der Verfassung der Pferde abhängt. Ich möchte sie so kurz vor dem Ende unserer Reise nicht tauschen, denn sie haben uns bisher gute Dienste geleistet und uns sicher über die Alpen bis hierher getragen. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es nicht an. Hier in der Pfalz ist es angenehm warm, da lässt es sich aushalten. Jetzt sehne ich mich nach einem Dach über dem Kopf, nachdem wir in den letzten Nächten Wind und Regen trotzen mussten.«

Seine Begleiter nickten zustimmend und sie machten sich auf die Suche nach einem Nachtlager. Das stellte sich jedoch als schwieriges Unterfangen heraus, denn wie die Wirte ihnen versicherten, platzte die Stadt wegen der bevorstehenden Hexenverbrennung aus allen Nähten. Sie konnten sich glücklich schätzen, überhaupt noch eine freie Unterkunft zu ergattern, wenn auch nur in einem feuchten, nach abgestandener Luft und altem Schweiß stinkenden Raum, den sie sich mit fünf anderen Reisenden teilen mussten. Immerhin hatte der Wirt an mehreren Stellen getrocknete Kräuter an die Pfosten gebunden, um den schlimmsten Gestank zu vertreiben. Außerdem schien er Wert darauf zu legen, dass zumindest gelegentlich gesäubert wurde, sodass außer dem üblichen Ungeziefer wenigstens keine Ratten durch die Gänge huschten.

Daniel war zufrieden, denn hier fielen sie nicht auf. Von früher her, als er mit seiner Laute tatsächlich noch als fahrender Spielmann durch die Dörfer und Städte gezogen war, kannte er Dreck und Gestank zur Genüge. Auch wenn er sich heute weit Besseres leisten konnte, wollten sie als vermeintlich mittellose Spielleute unerkannt bleiben. Also waren sie hier genau richtig.

Im Schlafraum lagen an den beiden gegenüberliegenden Wänden jeweils vier Strohmatratzen, von denen die Hälfte bereits belegt war. In der hinteren Ecke hatten sich zwei junge Männer breitgemacht und widmeten sich gerade einem Würfelspiel. An ihrer Tracht erkannte Daniel, dass es sich um fahrende Studenten, also Scholaren, handelte. Die beiden anderen Gäste waren wie Kaufleute gekleidet, allerdings sahen die bunten Beinlinge und die Wämser schon ziemlich abgetragen und zerschlissen aus. Die Geschäfte scheinen augenblicklich nicht zu florieren, oder ihr tut es mit Absicht, so wie wir es auch machen, lachte Daniel in sich hinein.

Da die Scholaren ihnen gegenüberlagen, konnten sie deren Unterhaltung mitverfolgen. Ihrer Ausdrucksweise war zu entnehmen, dass sie aus dem Bayerischen stammten. Während der langen Reise aus dem im Süden Tirols gelegenen Sterzing über Innsbruck, München, Rothenburg und Heilbronn waren Daniel und seine Gefährten eine geraume Zeit durch Bayern gereist. Daher war ihnen der herbe Dialekt einigermaßen geläufig.

»Nicht sehr gemütlich, aber immerhin sauber«, stellte Daniel mit einem Achselzucken fest. »Wir haben schon weit schlimmere Nächte erlebt.«

Sie richteten sich ihr Nachtlager ein und kamen bald mit den Scholaren ins Gespräch, die ihre Würfel inzwischen zur Seite gelegt hatten.

»Habt ihr schon einmal etwas von den sieben freien Künsten gehört?«, fragte der Ältere, der sich als Eugen Weyrich vorgestellt hatte.

Andrä und Michl schüttelten den Kopf und auch Daniel verneinte, obwohl er sehr wohl wusste, was es damit auf sich hatte.

»Wir studieren zunächst das Trivium«, fuhr Weyrich mit selbstgefälliger Miene fort. »Grammatik, Dialektik und Rhetorik, die Grundlage aller Wissenschaften. Es dient meinem Freund Peter Zacher und mir zur Vorbereitung auf ein Studium der Jurisprudenz. In Landau wurden wir mehrere Wochen von einem berühmten Magister unterwiesen. Seit gestern allerdings fesselt ihn eine hartnäckige Lungenentzündung an sein Bett. Er steht uns leider nicht länger zur Verfügung, daher werden wir in den nächsten Tagen weiterziehen.«

»Da seid ihr ja sehr gebildete Leute«, sagte Daniel spöttisch, denn Weyrich trug für seinen Geschmack ein wenig zu dick auf. »Wir sind nur einfache Spielleute und können nicht einmal lesen und schreiben, vom Lateinischen ganz zu schweigen.«

»Deshalb braucht ihr euch nicht zu schämen, denn solche Leute muss es auch geben«, meinte Zacher gönnerhaft. »Der Allmächtige hat für jeden eine Bestimmung vorgesehen, sei sie auch noch so klein.«

Daniel lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, doch in diesem Augenblick schwang die Tür auf, und ein Mann in einer Mönchskutte betrat den Raum. Der Geistliche war von auffallend hoher Gestalt und überragte selbst den großgewachsenen Daniel noch um fast eine halbe Haupteslänge. Unter buschigen Brauen blitzten wachsame Augen hervor, die prüfend durch den Raum glitten. Als sein Blick auf die Spielleute fiel, glaubte Daniel, ein verächtliches Zucken in den Mundwinkeln des Mannes zu erkennen. Doch der Mönch schenkte ihnen keine weitere Beachtung und ließ sich auf der letzten freien Matratze nieder.

Daniel erkannte an dem weißen Habit, dem gleichfarbigen Schulterüberwurf und dem auffällig großen Rosenkranz, der am Gürtel des Mönches baumelte, dass es sich um einen Dominikaner handelte. Da die Scholaren inzwischen in ihre Bücher vertieft waren und es wohl unterhalb ihrer Würde ansahen, sich weiterhin mit den ungebildeten Spielleuten zu unterhalten, konnte sich Daniel dem Neuankömmling widmen. Ein Dominikanermönch hatte ihm vor Jahren das Lesen und Schreiben beigebracht, und ihm auch in vielen anderen Dingen als Lehrmeister gedient. Grundsätzlich galten die Anhänger des Heiligen Dominikus als besonders strenggläubig, die für weniger ausgeprägte religiöse Ansichten kein Verständnis aufbrachten.

Einer der Kaufleute sprach den Mönch an: »Mir liegt schon seit Tagen eine Frage auf der Zunge, Vater Gregorius. Findet Ihr keine Aufnahme in einem der hiesigen Klöster? Warum verbringt ein Mann Eures Standes die Nacht in solch armseliger Herberge? Eure Mitbrüder würden Euch doch gewiss gern Obdach gewähren.«

Der Geistliche schnaubte verächtlich, als hätte er einen bitteren Geschmack auf der Zunge.

»Wir Dominikaner haben uns der Demut und Enthaltsamkeit verschrieben. Unser irdisches Dasein im Angesicht des Herrn verbringen wir in Armut, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Orden, deren Brüder die Grundsätze ihrer Ordensgründer längst mit Füßen treten. Am schlimmsten treiben es die Benediktiner. Ihre Klöster verfügen inzwischen über unermessliche Reichtümer. Die Mönche leben in Saus und Braus, frönen der Völlerei und häufig gar der Hurerei. Mit solch verdorbenem Lumpengesindel will ich nichts zu schaffen haben. Der allmächtige Gott wird sie eines Tages für dieses zügellose Leben strafen, das ist gewiss.«

Er bekreuzigte sich, sprach ein kurzes Gebet und schloss danach die Augen. Ein deutliches Zeichen, dass er in sich zu gehen gedachte und an weiterer Unterhaltung kein Interesse mehr hatte.

»Seltsamer Zeitgenosse«, murmelte Daniel, während er sich wieder seinen Knechten zuwandte. Die waren aber kaum noch in der Lage, die Augen offenzuhalten. Da der Abend inzwischen weit fortgeschritten war, streckten sie sich auf ihren Strohmatratzen aus.

»Wann gedenkt Ihr morgen aufzustehen, Herr? Soll ich ...?«

Michl hielt mitten im Satz inne, denn Andrä hatte ihm einen gezielten Stoß mit dem Ellenbogen versetzt. Daniel hätte dem jungen Knecht am liebsten ein paar kräftige Ohrfeigen verpasst. Konnte der Kerl denn nicht aufpassen? Unauffällig ließ er seinen Blick durch die Schlafkammer gleiten, doch weder die beiden Kaufleute noch der Dominikaner zeigten eine Regung. Eugen Weyrich hingegen rollte für einen Moment die Augen, sagte aber nichts und vertiefte sich wieder in sein Buch. Daniel warf Michl einen zornigen Blick zu. Den unvorsichtigen Knecht innerlich verfluchend, schloss er, von einem tiefen Seufzer begleitet, die Augen. Seine Gedanken kreisten noch eine Weile um die bevorstehende Hexenverbrennung. Erst als das regelmäßige Atmen der anderen an sein Ohr drang, umfing auch ihn der Schlaf.

Kapitel 4

Der Palas der alten Sponheimer Burg erstrahlte in festlichem Glanz. Unzählige Kerzenleuchter warfen ein goldenes Licht auf den großen Rittersaal, obwohl sich draußen die Dunkelheit längst über das Land gesenkt hatte. Das flackernde Kaminfeuer schuf eine behagliche Atmosphäre, und die auf den riesigen Wandteppichen verewigten Helden aus früheren Zeiten schienen ihre Blicke zufrieden über den Saal schweifen zu lassen. Emsige Diener huschten mit gefüllten Krügen voller Met und Wein zwischen den Tischen hindurch, während fleißige Mägde auf schweren Holztellern den ersten Gang auftrugen: frisches Dinkelbrot, zarter Weichkäse mit Kümmel und Schnittlauch, dazu geräucherter Schinken und luftgetrocknete Würste, deren würziger Duft sich rasch mit dem Holzrauch der Halle vermischte. In kunstvoll geschnitzten Schalen lagen eingelegte Zwiebeln und Gurken; süßliche, leicht gebräunte Apfelringe rundeten den Auftakt ab.

In gespannter Erwartung hatten sich die Sponheimer Lehnsmänner mit ihren Gemahlinnen versammelt, denn der neu bestellte Amtmann war am späten Nachmittag eingetroffen. Schnell machte die Nachricht die Runde, dass er beim Küchenmeister ein Festmahl in Auftrag gegeben habe. Ein üppiges abendliches Schmausen mit köstlichen Speisen und reichlich Met und Wein war durchaus nicht üblich, denn sein Vorgänger hatte sich in solchen Dingen eher knausrig gezeigt.

Biz von Sterrenberg hatte die Ankunft des Amtmanns beobachtet und sich über das große Gefolge gewundert, das ihn begleitete. Nun wartete er, ebenso wie die anderen Ritter, auf den neuen Burgverwalter, den Graf Johann von Sponheim als Nachfolger Gottfrieds von Rapweiler bestimmt hatte.

An seiner Seite stand der junge Ritter Crippin von Schwarzenberg, der ebenfalls heute eingetroffen war. Er hatte die Wintermonate zusammen mit Biz – und nach dessen Rückkehr nach Birkenfeld auch noch das Frühjahr – auf der Grevenburg verbracht. Erst Ende des vergangenen Jahres war er in den Kreis der Lehnsmänner aufgenommen worden, und Biz hatte sich verpflichtet gefühlt, sich des jungen Ritters anzunehmen. Während ihrer gemeinsamen Zeit auf der Grevenburg hatte sich zwischen beiden eine innige Freundschaft entwickelt.

»Kennst du unseren neuen Amtmann?«, fragte Crippin neugierig. Er zupfte mit den Fingern an seinem kurzen Spitzbart, den er sich in den letzten Wochen hatte wachsen lassen. »Graf Johann war diesbezüglich sehr schweigsam.«

Biz schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf. »Niemand kennt ihn. Er scheint nicht aus dieser Gegend zu stammen. Sein Name lautet Wolfgang von Landeck, was darauf hindeutet, dass sich die Wiege seiner Väter weiter im Süden befindet, denn dort gibt es eine Burg gleichen Namens. Zu seinem Gefolge gehören mehrere Ritter und Waffenknechte. Leider sieht es so aus, als würden Berthold, Ludemann und noch einige andere unsere Burg verlassen. Vermutlich hat Graf Johann dem neuen Amtmann gestattet, diese durch Lehnsmänner seines Vertrauens zu ersetzen. Hier wird sich daher manches ändern. Hoffentlich werden wir den Tag nicht erleben, an dem wir sogar dem alten Sauertopf Berthold nachtrauern. Beten wir also zum Allmächtigen, dass es nur Gutes ist, was uns die Zukunft bringen wird.«

Crippin musterte Biz mit einem nachdenklichen Blick. »Höre ich Besorgnis aus deinen Worten? Zumindest der Einstand ist doch mehr als standesgemäß. Gegen ein gutes Essen kannst auch du nichts einwenden.«

Biz lächelte und schüttelte den Kopf. »Nicht alles im Leben ist so einfach, wie es scheint. Du wirst es noch erleben. Doch im Augenblick gibt es keinen Grund zu zweifeln, und in einer Sache stimme ich dir zu: Gegen ein Festmahl kann auch ich nichts sagen. Vielleicht sind die trüben Gedanken, die mich seit dem Ableben des Alten beschäftigen, völlig fehl am Platz.«

Crippin boxte Biz freundschaftlich in die Seite. »So gefällst du mir schon wieder besser. Du wirst ...«

Er hielt inne, denn Wolfgang von Landeck betrat nun den Palas, begleitet von fünf Männern, die alle festlich gewandet waren. Biz musterte den Amtmann so unauffällig wie möglich. Er schien die Fünfzig überschritten zu haben, war von kräftiger Statur und mittelgroß. Sein rabenschwarzes Haar war kurz geschnitten, der dichte Vollbart wirkte frisch rasiert und gepflegt. Auf Biz machte er einen angenehmen Eindruck. Einzig die zusammengewachsenen Augenbrauen und einige Narben verliehen seinem Antlitz etwas Finsteres, was ihm aber nicht unbedingt zum Nachteil gereichte, wie Biz befand. In diesem Amt waren Härte und Unerbittlichkeit vonnöten, dabei konnte ein strenges Äußeres zuweilen hilfreich sein. Auch Gottfried von Rapweiler hatte man nur selten lachen sehen, trotzdem war er ein gerechter und allseits geachteter Mann gewesen.

Wolfgang von Landeck hatte inzwischen seinen Platz am Kopfende der großen Tafel erreicht, wo er künftig sitzen würde. Er ließ seinen Blick durch die Reihen wandern und schien zufrieden mit dem, was er sah.

»Ich bin kein Mann der großen Worte«, begann er. »Ich weiß, dass ich hier auf Burg Birkenfeld in große Fußstapfen trete, denn mein Vorgänger, Gottfried von Rapweiler, übte das Amt jahrzehntelang mit Bedacht und Weitsicht aus. So zumindest wurde mir berichtet. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, es ihm gleichzutun und das Vertrauen der Sponheimer nicht zu enttäuschen. Von Euch allen hier am Tisch habe ich nur Gutes vernommen, und ich bin sicher, wir werden gut miteinander auskommen. Da einige der älteren Ritter es vorziehen, Burg Birkenfeld zu verlassen, müssen diese Lücken wieder geschlossen werden. Graf Johann hat mir die Erlaubnis erteilt, die passenden Männer auszuwählen.«

Er gab seinen Begleitern einen Wink, vorzutreten. »Hier seht Ihr Gerhard von Dauchstein, Adolf von Hornberg, Isenbard von Eberbach und Emmerich von Dilsberg, die ich alle als zuverlässige und tapfere Männer kenne. Besonders glücklich macht mich der Umstand, dass auch mein Sohn Meinhard von Landeck zu ihnen gehört. Sie alle werden Graf Johann den Treueid schwören und zukünftig an Eurer Seite Land und Leben der Sponheimer verteidigen. Aber wie gesagt: Große Worte sind nicht meine Sache. Lasst uns nun unsere erste gemeinsame Schlacht beginnen. Greift tüchtig zu und sorgt dafür, dass das ein oder andere Weinfass den Abend nicht überlebt.«

Gelächter und Applaus erfüllten die große Halle. Auch Biz schloss sich an, denn er fand den ersten Auftritt des neuen Amtmanns durchaus gelungen. Und doch beschlich ihn von neuem Unbehagen, ohne dass er wusste, warum. Sein Blick fiel auf Meinhard von Landeck. Dem stand die große Ähnlichkeit mit seinem Vater ins Gesicht geschrieben, aber er strahlte nicht dessen Ruhe aus. Im Gegenteil wirkte er angespannt und gehetzt. Ich sehe schon Gespenster, schalt sich Biz. Er ist noch jung und neu in unserem Kreis. Mir erging es doch ebenso, als ich als blutjunger Ritter in die Dienste des Grafen trat.

»Hast du keinen Hunger?«, riss Crippin ihn aus seinen Überlegungen. »Der geräucherte Schinken schmeckt vorzüglich.«

Biz beschloss, den Abend zu genießen und keine weiteren düsteren Gedanken zuzulassen. Dem leckeren Festmahl konnte auch er nicht widerstehen, und so langte er ebenfalls tüchtig zu.

Kapitel 5

Anne-Marie warf einen zufriedenen Blick auf ihren Weidenkorb, der bis über den Rand hinaus mit frischen Kräutern gefüllt war, die sie unterwegs gepflückt hatte. Vergnügt sprang sie durch den sonnendurchfluteten Wald und genoss die sanfte Wärme des Frühlings. Dabei summte sie leise ein altes Kinderlied, das ihre Mutter ihr einst gesungen hatte, wenn sie abends nicht zur Ruhe kam.

Ein frischer Windstoß fuhr durch die neu erblühten Bäume, und ihre blonden Locken wehten wie Ähren im Wind. Sie genoss es, die Haare offen zu tragen und nicht wie sonst unter einem ungeliebten Tuch, wenn sie sich von ihrem auf einer Anhöhe gelegenen Hof hinunter in die Stadt begab.

Sie befand sich auf dem Weg zur alten Reglind, die alle nur die Heymbacherin nannten, weil es sie vor einiger Zeit aus einem Dorf gleichen Namens nach Birkenfeld verschlagen hatte. Man munkelte, sie sei eine Hexe, und dennoch suchten viele Frauen aus der Umgebung ihre Hütte auf, wenn sie ein Leiden plagte, das sie dem Medicus nicht anvertrauen wollten.

Anne-Marie war der alten Kräuterfrau auf ewig dankbar. Nur durch einen Trank und eine Salbe aus ihren kundigen Händen war sie dem schweren Wundfieber entronnen, als sie dem Tod bereits näher war als dem Leben. Mit Schaudern dachte sie an die furchtbare Zeit zurück, als Rudolf tage- und nächtelang an ihrem Bett gewacht und sich geweigert hatte, sie aufzugeben.

Die Hütte der Alten lag ein gutes Stück von Rudolfs Hof entfernt. Der Spaziergang durch die Einsamkeit des Waldes erfrischte ihre Sinne und brachte sie auf andere Gedanken, wenn sie wieder einmal schwermütig wurde. Der Umgang mit der alten Reglind war die beste Medizin, und Rudolf wusste, wie gut sie ihr tat. So blieb es bei seinen Ermahnungen, es mit der Anzahl ihrer Besuche nicht zu arg zu treiben, damit sich das Gerede der Leute in Grenzen hielt.

Bald schon erreichte sie ein kleines Bächlein, das sich wie eine silberne Schlange beinahe lautlos durch das Unterholz wand. Sie stellte den Korb auf einen moosbewachsenen Buchenstumpf und beugte sich über das klare Nass, um Arme und Gesicht zu benetzen. Die Kühle wirkte wohltuend. Dann zog sie die Schuhe aus und tauchte die Füße vorsichtig in das kalte Wasser. Sie lächelte, als die Frische ihre Beine umspielte und ein feines Kribbeln hervorrief.

Stunden hätte sie hier verweilen mögen – allein, fern der Welt. Nein, du dumme Gans, schalt sie sich. Solche Gedanken waren falsch und ungerecht, das wusste sie. Rudolf hatte ihr eine neue Heimat geschenkt, seine Liebe und seine Kinder, die sie ins Herz geschlossen hatten. Sie war so glücklich, nach den Jahren der Trennung wieder mit ihrem Liebsten vereint zu sein. Doch es war auch schön, der Enge des Alltags zu entfliehen und für kurze Zeit die entspannte Stille des Waldes zu genießen.

Unweit des Bächleins hatte einst ein wilder Herbststurm eine Lichtung gerissen, die zu einer kleinen Rast einlud. Anne-Marie trocknete ihre Füße und ließ sich ins weiche Gras sinken. Während sie die frische Waldluft tief in ihre Lungen einsog, starrte sie durch die Wipfel der Bäume in den strahlend blauen Himmel, an dem die Sonne ihren höchsten Stand bereits überschritten hatte. Eine Elster flatterte aufgeregt über sie hinweg, verfolgt von einem riesigen Raben, der ihr hinterherjagte. Dann war es wieder still, und nur das sanfte Plätschern des Wassers und das fröhliche Lied einer Amsel durchbrachen die Ruhe des Waldes. Anne-Marie streckte ihre Beine aus und schloss die Augen.

Ihre Gedanken schweiften zurück. Wie so oft, auch wenn sie sich innerlich dagegenstemmte. Die düsteren Jahre in Kastellaun, gezeichnet von Schwermut und Trauer, und die dramatischen Ereignisse des vergangenen Herbstes rissen noch immer wie die scharfen Krallen eines Raubvogels an ihrer Seele und ließen sie nicht los. Damals war sie fest entschlossen gewesen, ihr Kleid gegen einen Habit einzutauschen, um der Welt zu entsagen. Das gütige Gesicht der ehrwürdigen Priorin des Klosters Maria Engelport erschien vor ihrem inneren Auge. Mit ihr war bereits alles besprochen. Eine Braut Christi wollte sie werden, für alle Zeiten den Schleier nehmen und nichts anderes mehr tun als beten und arbeiten. »Ora et labora«, hatte es die alte Priorin genannt. Allem Irdischen abschwören und das Leben ausschließlich dem allmächtigen Gott weihen.

Anne-Marie seufzte tief und zitterte am ganzen Leib. Sie hatte sich letztlich gegen das Klosterleben entschieden und stattdessen einen finsteren Entschluss gefasst. In ihrer Verzweiflung wollte sie sterben, sich die Pulsadern öffnen, ihrem verpfuschten Dasein ein Ende setzen und in die Hölle fahren, denn für Selbstmörderinnen gab es nur diesen Weg.

Der Tod schien ihr der einzige Ausweg, doch das Schicksal hatte andere Pläne. Sie wurde von der Bande des Schönen Lenz entführt und sah sich schon als Räuberliebchen in den Wäldern hausen, als aus dem Nichts Rudolf auftauchte und sich doch noch alles zum Guten wendete. Sie müsste der glücklichste Mensch auf Erden sein, trotzdem ergriff die Schwermut immer wieder Besitz von ihr. Zu allem Überfluss wurde sie seit einiger Zeit von schweren Albträumen geplagt. War es anfangs der Allmächtige, der hart mit ihr ins Gericht ging, weil sie doch nicht seine Dienerin wurde, war es nun der Satan, der sie des Nachts heimsuchte.

Rudolf hatte sicher recht: Die furchtbaren Träume waren die Folge ihrer schrecklichen Erlebnisse. Aber was, wenn er sich irrte? Was, wenn der Satan sie wirklich eines Tages zu sich holte? Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Reiß dich zusammen!Rudolfs Kinder haben dich innig in ihr Herz geschlossen und von ihm, den du jahrelang so schmerzlich vermisst hast, willst du nie wieder getrennt sein. Sie musste gegen die Dämonen und bösen Geister ankämpfen, so schwer es ihr auch fiel. Bei dem Gedanken, dass auch Rudolfs unendliche Geduld irgendwann einmal erschöpft sein könnte und er sie aus dem Haus jagen würde, trat kalter Schweiß auf ihre Stirn. Nein! Das darf niemals geschehen. Niemals.

Ihre Hand berührte den Griff des kleinen Messers, das sie unter ihrem Kleid verborgen stets mit sich führte, wenn sie allein durch den Wald streifte. Rudolf hatte darauf bestanden und sie tat ihm nach anfänglichem Widerstand den Gefallen, auch wenn sie bei dem Gedanken, damit einen hungrigen Wolf in Schach zu halten, lächeln musste. Vermutlich würde das Raubtier über die kurze Klinge mitleidig lachen und sie danach genüsslich verspeisen. Rudolf war stets auf ihr Wohl bedacht, und nur zu gerne würde sie ihm eine Freude bereiten. Aber ihr fiel nichts Passendes ein.

Seufzend stand sie auf, glättete ihre Unterröcke und das neue Kleid mit den feinen Stickereien, das Rudolf ihr aus der Stadt mitgebracht und zum Geschenk gemacht hatte. Dann schlüpfte sie in ihre Schuhe und setzte den Weg zur Hütte der alten Kräuterfrau fort. Dabei bemerkte sie nicht, wie zwei Augenpaare, die sie die ganze Zeit beobachtet hatten, ihr aus der Ferne hinterherblickten.

Kapitel 6

Der Küfermeister Claus Frühauf saß in angespannter Erwartung hinter seinem massigen Eichentisch und knetete nervös die Hände. Mit eingezogenem Kopf und besorgter Miene musterte er die beiden Besucher, die sein Kontor soeben betreten hatten. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, denn er ahnte, warum Nikolaus Ruhlmann und Rudolf Nagel dringend um eine Unterredung gebeten hatten. Sie kannten sich schon lange, und mit Nikolaus verband ihn sogar eine jahrzehntelange Freundschaft, die bisher nie durch größere Streitereien oder Zwistigkeiten getrübt war. Gewiss, sie hatten in ihrer Jugend eine Zeit lang dem gleichen Mädchen nachgestellt, einer dunkelblonden Schönheit mit dicken Lippen und üppigen Brüsten. Ihretwegen hatten sie sich sogar einmal geprügelt, doch das war lange her, und letztlich hatte keiner von ihnen ihr Herz gewinnen können.

Schon ihre Väter waren befreundet und geschäftlich eng verbunden gewesen. Jahrelang hatte auch er seine Waren vom Handelshaus »Ruhlmann & Nagel« bezogen, aber dieses Mal war er ihnen untreu geworden. Der heutige Besuch hatte sicher damit zu tun. Vermutlich wollten die beiden wissen, warum er einem anderen Lieferanten den Zuschlag gegeben hatte.

Obwohl er sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen hätte, hatte er schweren Herzens beschlossen, sie zu empfangen und mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg zu halten. Zumindest das war er seinem alten Freund Nikolaus und dessen jungem Partner schuldig. Zunächst versuchte er jedoch, sich nichts anmerken zu lassen, und begrüßte seine Besucher mit der gebotenen Höflichkeit.

»Nikolaus! Rudolf! Wie schön, dass euer Weg euch wieder einmal zu mir führt.« Er deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf zwei Stühle auf der anderen Seite seines Schreibtischs. »Darf ich euch eine Erfrischung anbieten?«

Während sie Platz nahmen, hob Nikolaus abwehrend die Hände. »Heute nicht. Wenn du nichts dagegen hast, kommen wir gleich zur Sache. Deine vor einigen Wochen angekündigte Bestellung ist bis heute nicht bei uns eingetroffen. Da ich dich nur als äußerst zuverlässigen Geschäftspartner kenne, gehe ich davon aus, dass es sich hierbei nicht um eine Vergesslichkeit handelt. Die kann natürlich in unserem Alter vorkommen, aber da du noch rüstig und in solchen Dingen sehr gewissenhaft bist, fehlt mir der Glaube daran. Rudolf und auch mich hat daher das seltsame Gefühl beschlichen, dass du dich dieses Mal anderweitig umgesehen hast.«

Frühauf seufzte leise und wischte mit dem Ärmel die Schweißtropfen beiseite, die plötzlich auf seiner hohen Stirn glänzten. Obwohl er sich auf dieses Gespräch vorbereitet hatte, fiel es ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden.

»Lasst mich etwas weiter ausholen«, begann er, »dann werdet ihr meine Beweggründe vielleicht besser verstehen. Meine Familie betreibt die Küferei nun schon in vierter Generation. Birkenfeld war noch ein unbedeutendes Dorf, als mein Urgroßvater sich vor vielen Jahrzehnten hier niederließ. Mit Fleiß und Geschick wurde er zum angesehensten Küfer der Gegend. Mein Großvater und nach dessen Tod mein Vater standen ihm in nichts nach. Sie bauten diese Stellung, allen Unwägbarkeiten und Widrigkeiten zum Trotz, sogar weiter aus. Inzwischen sind wir einer der größten Handwerksbetriebe der Stadt und darauf sind wir, wie ich glaube, zu Recht sehr stolz. Wir beliefern unsere Kunden mit Eimern, Kübeln und Bechern, aber auch mit großen Fässern für Wein und Bier, Waschbütten, Wassertrögen und Badezubern. In nahezu jedem Haus, selbst in der kleinsten Hütte, findet ihr Waren, die in unserer Küferei gefertigt wurden. Ihr fragt euch vermutlich, warum ich euch erzähle, was ihr ohnehin schon wisst. Die Antwort ist einfach: Ich möchte, dass es so bleibt; dass mein Ältester Dietrich nach meinem Ableben unseren Betrieb in fünfter Generation weiterführt und die Leute auch in Zukunft ihre Eimer, und was sie sonst noch alles benötigen, bei uns kaufen.«

Er machte eine Pause und trocknete erneut seine Stirn. Rudolf wollte einhaken, aber Frühauf hob die Hand zum Zeichen, dass er noch nicht am Ende war.

»Mein Dietrich hat zuweilen gute Einfälle, wenn es darum geht, unsere Küferei weiter zu vergrößern. Vorsichtig wie ich bin äußere ich zwar häufig Bedenken, doch der Junge kann hartnäckig sein. Am Ende stimme ich meist zu, den von ihm vorgeschlagenen Weg zu beschreiten. Stillstand bedeutet Rückschritt, das wisst ihr ebenso gut wie ich. Dietrich verfügt über einen scharfen Verstand und hat sich zu einem würdigen Nachfolger entwickelt. Dabei erinnert er mich übrigens sehr an dich.«

Er hielt inne und blickte Rudolf an, doch der verzog trotz der lobenden Worte des alten Küfers keine Miene.

Frühauf seufzte leise und fuhr fort: »Zur Umsetzung unserer Pläne benötigen wir Geld, viel Geld. An den Löhnen der Arbeiter lässt sich nichts ändern, da erzähle ich euch nichts Neues. Die Kerle werden mit ihren Forderungen immer dreister. Weigern wir uns, das Verlangte zu zahlen, gehen sie zum Nächsten. Wo wir aber einsparen können, ist beim Material. Du weißt, Nikolaus, dass wir unser Holz über Jahrzehnte hinweg von euch bezogen haben. Schon mein Vater machte mit deinem Vater Geschäfte, nachdem mein Urgroßvater und mein Großvater die alten Eichen zur Herstellung unserer Gefäße in mühevoller Arbeit noch selbst fällen und verarbeiten mussten. Wir waren stets zufrieden mit eurer Ware, und es gab nie Anlass für Zwistigkeiten. Doch wie ich euch eben erklärte, müssen wir Wege finden, um das nötige Kapital für unsere Pläne aufzubringen. Hinzu kommt, dass ich meine Älteste, Magda, und auch die Sybilla demnächst gut verheiraten werde, wofür ich eine angemessene Aussteuer benötige. Meine Töchter sind mir beinahe ebenso wichtig wie der Dietrich, was nicht unbedingt üblich ist, denn häufig gelten Mädchen ihren Vätern nicht viel mehr als eine Magd oder ein Pferd. Dir muss ich das nicht erzählen, denn du hast für deine beiden Töchter ...«

Der Küfermeister hatte bei seinen letzten Worten Nikolaus angeschaut, brach den Satz aber ab und biss sich auf die Zunge. Gerade wurde ihm klar, dass er, ohne es zu wollen, ein heikles Thema angesprochen hatte. Nikolaus’ Töchter Rebecca und Nora waren im vergangenen Jahr ganz plötzlich verstorben, laut amtlicher Bescheinigung des Medicus an den Folgen eines Herzversagens. Nur wenige Menschen wussten, welche Tragödie sich tatsächlich im Hause Ruhlmann abgespielt hatte.

Beide Schwestern hatten nach dem Tod von Rudolfs erster Frau Christine um dessen Gunst gebuhlt. Die eifersüchtige jüngere Nora hatte ihre Schwester vergiftet und sich später auf die gleiche Weise selbst das Leben genommen. Um ihr ein christliches Begräbnis auf dem Kirchhof zu ermöglichen, war dieser Umstand mit Hilfe des Medicus Hubertus Zenker, einem alten Freund ihres Vaters, nie an die Öffentlichkeit gelangt. Frühauf wusste nichts davon, doch es war ihm unangenehm, Nikolaus auf seine Töchter angesprochen zu haben. Dessen Züge hatten sich verfinstert und seine Mundwinkel zuckten, doch er sagte nichts.

»Auf jeden Fall«, fuhr Frühauf fort, »liegt mir ein erheblich günstigeres Angebot vor, das ich angenommen habe. Glaubt mir, ich konnte nicht anders handeln. Hätte es nur geringfügig unter eurem gelegen, ich hätte mein Holz im Hinblick auf unsere langjährige Verbundenheit weiterhin von euch bezogen, doch dieses Angebot konnte ich einfach nicht ablehnen.«

Für einige Herzschläge herrschte Stille im Raum. Nikolaus legte Rudolf beruhigend seine Hand auf die Schulter, denn es war ihm nicht entgangen, dass sein junger Partner innerlich kochte.

»Verrätst du uns, um wie viel günstiger dein neuer Lieferant ist?«, fragte er in gespannter Erwartung.

»Nahezu ein Viertel«, erwiderte Frühauf.

Rudolf sprang von seinem Stuhl auf. »Ein Viertel?«, wiederholte er ungläubig. »Das ist doch nicht möglich.«

Frühauf zuckte mit den Achseln. »Die Verträge sind unterschrieben; ich habe es schwarz auf weiß.«

»Wenn wir zu solchen Preisen verkaufen, legen wir drauf«, ereiferte sich Rudolf. »Da ist doch etwas faul. Entweder handelt es sich um Raubgut oder die Ware taugt nichts.«

Der Küfermeister hob die Hände und machte eine verneinende Geste. »Wie ihr euch denken könnt, hegte ich ebenfalls Zweifel und prüfte daher alles doppelt und dreifach. Die gelieferten Proben waren von vorzüglicher Qualität, und die Dokumente, die bezeugen, dass mein Lieferant die Ware rechtmäßig erworben hat, haben jegliche Echtheitsprüfungen bestanden.«

Rudolf ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken und schüttelte den Kopf. »Trotzdem geht hier etwas nicht mit rechten Dingen zu.«

»Nennst du uns den Namen deines Lieferanten?«, fragte Nikolaus.

»Daraus mache ich kein Geheimnis. Mein Lieferant ist Clemens Burgstaller.«

Rudolfs Faust krachte auf den Tisch. »Der Burgstaller? Dieser Schurke! Und mit einem solchen Lump machst du Geschäfte?«

Frühauf zuckte zusammen, wandte dann den Blick Hilfe suchend zu Nikolaus, der immer noch ruhig auf seinem Stuhl saß und den Küfer mit unbewegter Miene anschaute.