Der Schattenmacher - Thomas Dobrokovsky - E-Book

Der Schattenmacher E-Book

Thomas Dobrokovsky

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Beschreibung

Albträume sind nur Träume - bis sie dich einholen. Nach dem Tod ihrer Großmutter zieht Tanja mit ihrer Tochter Nele in ein altes Haus auf dem Land. Schon bald häufen sich unheimliche Vorfälle, verdrängte Erinnerungen brechen hervor und mit ihnen ein uraltes Grauen. Der Name Schattenmacher kehrt zurück in ihr Leben. Zur selben Zeit jagt der rätselhafte Lamarr Nordstad als Wächter zwischen den Welten ein Wesen, das Kindern die Seelen raubt. Seine Spur führt ihn in Tanjas Welt und in ein Dorf voller dunkler Geheimnisse. Zwei Leben, zwei Zeiten - verbunden durch einen Gegner, der nicht von dieser Welt ist. Der Schattenmacher ist ein packender Urban-Fantasy-Thriller voller düsterer Atmosphäre, übernatürlicher Bedrohung und der Frage: Kann man der Vergangenheit entkommen, wenn sie im Schatten lauert? Für Fans von Markus Heitz, Stephen King und düsterer Urban Fantasy mit Mystery-Flair.

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Seitenzahl: 559

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Danksagung

Vorweg eine kurze Information: Münklingen heißt tatsächlich „Das schöne Dorf“ – und im Gegensatz zu dieser Geschichte sind seine Einwohner ausnahmslos herzlich und freundlich. Ich habe selbst einige Jahre dort gelebt und spreche aus guter Erfahrung.

Diese Geschichte begann einst als klassische Horrorstory, bis meine Lektorin Heike mit nur wenigen Fragen den ursprünglichen Plot zum Einsturz brachte. Rückblickend war das ein Geschenk – denn ohne diesen Moment wäre Der Schattenmacher wohl nie entstanden. Das erklärt auch die lange Pause seit dem Erscheinen von Die Gedankenpolizei.

Heike, ich danke dir für deinen Glauben an mich, deine klare Kritik, das Aufzeigen meiner Irrwege und dein präzises Lektorat. Ohne dich würden diese Seiten wahrscheinlich noch immer stumm in einem Schuhkarton schlummern.

Mein Dank gilt ebenso Frank und seiner Frau, die mit viel Humor einige Dialoge ins Schwäbische übertrugen – auch wenn sie es nicht in die finale Fassung geschafft haben.

Ebenso danke ich allen Probeleserinnen und Probelesern sowie ganz besonders meinen Eltern – für ihr Vertrauen, ihr Feedback und ihre Unterstützung während des gesamten Entstehungsprozesses und ihre Hilfe bei den grafischen Arbeiten.

Autor

Thomas Dobrokovsky, geboren 1978, arbeitete nach seinem Studium an der Berufsakademie Dresden in verschiedenen Berufen – zunächst im Bereich des Output- und Dokumentenmanagements, später im technischen Projektmanagement für internationale IT-Projekte.

Schon als Kind schrieb er Gedichte, Verse und Kurzgeschichten, von denen heute leider fast keine mehr erhalten sind. Der Sportpilot und freiwillige Feuerwehrmann ist geschieden und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Mehr Informationen zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter:www.dobrokovsky.de

Vorbemerkungen

Die Figuren, Ereignisse, Namen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten jeglicher Art sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Lediglich öffentliche Schauplätze sind authentisch.

Inhaltsverzeichnis

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- 1 -

Blut, überall war Blut. Die dicken Sohlen seiner Stiefel versanken tief in der zähen, leicht eingetrockneten Masse. Immer, wenn er einen Fuß hob, schmatzte der Boden unter ihm und verursachte ein ekelhaftes Geräusch, das ihm die Haare zu Berge stehen ließ.

Hinter sich erkannte er die letzten Abdrücke seiner Schritte, doch wenige Meter zurück schloss sich die Spur bereits wieder. Der rote Brei bewegte sich, als lebte der Boden unter ihm.

Übelriechender, süßlicher Gestank nach Verwesung erfüllte den Raum. Egal, was er im schwachen Licht seiner Taschenlampe anleuchtete: Überall pulsierte und verschob sich die dunkelrote Masse um ihn herum. Sie lief zäh von den Wänden herunter und die Decke über ihm waberte und blubberte. Ab und zu platze eine fette Blase und regnete in dicken Tropfen auf ihn herab.

Lamarr Nordstad würgte und schluckte den Ekel hinunter. Er hatte es aufgegeben, seinen langen schwarzen Mantel sauber zu halten, und wischte sich die Feuchtigkeit aus der Stirn.

»Wo bist du, Schattenmacher?«

Er warf einen Blick auf seine Finger und rieb die Spitzen aneinander. Das angetrocknete Blut ließ sie zusammenkleben. Angewidert verzog er die Mundwinkel. Der Raum, in dem er stand, besaß weder Türen noch Fenster.

Alles, was er sah, war dunkelrotes Fleisch. Anders konnte er den Ort nicht beschreiben. Es kam ihm vor, als stand er inmitten eines lebendigen Körpers, umgeben von Muskeln, Gewebe und Blut, auch wenn er nur Letzteres zu sehen bekam.

Breitbeinig stellte er sich in das Zentrum des Zimmers, ballte seine Hände zu Fäusten, holte tief Luft und rief erneut:

»Wo bist du Schattenmacher?«

»Er ist nicht hier.«

Erschrocken wirbelte er herum. Zehn Meter vor ihm stand ein junges Mädchen. Sie mochte nicht älter als fünfzehn Jahre alt sein. Ihr schulterlanges, lockiges, dunkles Haar bildete einen krassen Kontrast zu der Umgebung des Todes um sie herum.

Lamarr nickte. Wäre er hier gewesen, hätte ihr Duell längst begonnen.

»Wer bist du?«

»Das ist nicht wichtig. Du solltest nicht hier sein.«

»Wo ist er?«

Das Kind lächelte. Statt einer Antwort schmatzte es und mit einem Knirschen setzten sich die Wände des Zimmers in Bewegung. Lamarr sah nach links und rechts. Von beiden Seiten schoben sie sich auf ihn zu. Unaufhaltsam rückten sie näher und drohten, ihn zu zerquetschen. Das Mädchen war wie vom Erdboden verschwunden. Nicht einmal Abdrücke auf dem Fußboden hatte sie hinterlassen. Vielleicht lag es an den Wänden, die das Blut auf dem Boden zusammenschoben, das ihm inzwischen bis zu den Knöcheln reichte.

Lamarr preschte vorwärts. Irgendwo musste es einen Ausweg geben! Wie war er in das Zimmer hineingekommen? Er wusste es nicht. Gleich einem Tunnel schien der Raum kein Ende zu haben. Eine gewaltige, lange Röhre, die immer enger wurde, und je näher die Wände kamen, desto intensiver wurde der Gestank. Die Breite betrug nur noch einen knappen Meter, als er schlitternd anhielt. Weiterhin war kein Ausgang in Sicht.

Verzweifelt stemmte er sich mit Rücken und Beinen gegen die Seiten und versuchte das drohende Unheil aufzuhalten. Er versank in der vom Blut rutschigen, lebenden Masse, bevor er auf Widerstand stieß. Angenehme Wärme strömte durch seinen Rücken und schien ihn tiefer in die Wand zu ziehen. Er bräuchte sich nur fallen zu lassen und sich ihr zu ergeben. Es würde alle Sorgen von ihm nehmen und ihn für immer befreien.

Lamarr erkannte die verlockende Falle und stemmte sich mit sämtlicher Kraft dagegen, aber er war nicht stark genug, um sie aufzuhalten.

»Scheiße!«

Erneut scannte er den Raum, ohne einen Ausweg zu entdecken. Die Ellenbogen knackten und die Knochen drohten zu zerbersten, doch er war nicht gewillt aufzugeben. Lamarr war klar, er war nah an ihm dran. So nah wie nie zuvor in seinem Leben, das er auf der Jagd nach ihm verbrachte. War alles umsonst?

»Du kannst ihn nicht besiegen!«

Die Stimme des Mädchens erklang in seinem Kopf, kurz bevor die ersten Knochen brachen. Über seinem darauffolgenden schmerzvollen Schrei hörte er ein letztes Mal das allzu bekannte, höhnische, tiefe, grauenhafte Lachen des Schattenmachers.

Einen Augenblick später schlug Lamarr die Augen auf und sah sich um. Sein Herz raste und er benötigte einen Moment, bevor er realisierte, dass er nicht gestorben war. Er saß auf einem Hügel unter einem dicken Baum und war eingeschlafen.

»Verdammter Schattenmacher!«

Der Wächter stand auf, streckte und freute sich über das Knacken der Gelenke. In der Ferne tobte ein Unwetter am Horizont. Er kannte dessen Bedeutung, schulterte sein Gurtzeug und setzte seinen Weg nach Osten fort.

- 2 -

Lange schwarze Finger strichen über ihren Rücken, folgten der Wirbelsäule zu ihrem Nacken und vergruben sich in ihrem Haaransatz. Tanja senkte den Kopf und seufzte. Mit geschlossenen Augen registrierte sie jede einzelne der Berührungen. Die Fingerspitzen fuhren an der Außenseite ihres Halses entlang zu ihren Schultern. An der Stelle, wo seine Fingernägel sein müssten, strömten schwarze, breite Schatten aus ihnen heraus und senkten sich auf ihre Brüste herab.

Tanja seufzte lauter. Sie wurde herumgedreht und ließ sich auf das Bett sinken. Die Hände hielten ihre Wangen und zwei heiße Lippen berührten die ihren. Sie öffnete ihren Mund und kurz darauf drang eine tastende, forschende Zunge in sie. Die bekannte wohlige Hitze breitete sich in ihr aus und strömte in jede Faser ihres Körpers. Ein Zustand, der ihr zu lange verwehrt geblieben war.

Mit überstrecktem Nacken stöhnte sie dezent auf. Die Hände fuhren über ihren nackten Oberkörper, hielten für einen Moment an ihren Brustwarzen inne und begaben sich weiter zu ihrem Zentrum.

»Nimm mich jetzt!«

Im gleichen Augenblick hob sie ihr Haupt und öffnete ihre Augen. Ein Gesicht in einer schwarzen wabernden Wolke starrte ihr entgegen. Statt klarer Ränder verschwamm die Form des Kopfes mit der Umgebung. Dunkle Hitzewellen stiegen davon auf. Die einzigen Fixpunkte waren zwei rubinrot leuchtende Dreiecke, die sie taxierten. Mit hypnotisierender Wirkung drehten sie sich langsam entgegengesetzt im Kreis. Sofort verschwanden die erregenden Berührungen und eine eisige Kälte legte sich stattdessen über sie.

Tanja schrie aus Leibeskräften, schloss die Lider und wand sich auf dem Laken. Mit den Händen schlug sie um sich und traf ins Leere. Als sie die Augen erneut öffnete, war der grauenvolle Anblick vorbei. Sie lag allein auf ihrem Bett auf einem zerknüllten Bettlaken. Ihre Haut glänzte von einem dünnen Schweißfilm überzogen. Sie atmete tief ein, sank erschöpft auf ihr Kissen zurück und schloss erneut die Augen.

»Bald bist du mein!«

Das raue, heisere Flüstern erklang in ihrem Kopf, gleich einem Echo aus der Vergangenheit. Vor Schreck riss sie die Lider weit auf. Ihr Herz raste im Rekordtempo und ihr Körper erstarrte. Tanja benötigte einen Moment, bis sie wieder in mäßigem Tempo atmete.

»Niemals, Schattenmacher.«

Sie flüsterte ebenso leise, wie sie die Stimme vernommen hatte. Diesen Namen hatte sie lange nicht mehr ausgesprochen, geschweige denn an ihn gedacht. Ein eisiger Frost griff nach ihrem Herz. Sie zitterte und verkroch sich unter der Decke. Mit Mühe verdrängte sie die Erinnerung und versuchte, sich abzulenken. Am liebsten hätte sie den Albtraum vergessen und von sich abgespült.

Tanja rollte sich auf die Seite, zog ihre Beine an und warf einen Blick auf den Wecker. Es war kurz nach halb drei Uhr morgens und zu früh, um aufzustehen. Die Minutenanzeige sprang um. Im gleichen Moment blies ein eiskalter Wind auf ihren Oberarm. Sie schüttelte sich. Der Windzug blieb. Statt zu verschwinden, kitzelte er stärker und entwickelte sich zu einem festen Druck. Der Griff einer Hand hielt sie gefangen. Mit weit offenen Augen starrte sie auf die Uhr. Die Zeit stand still.

Sie wagte nicht, sich umzudrehen oder sich zu bewegen.

»Hallo mein Schatz.«

Es war das gleiche raue, heisere Flüstern. Nur diesmal erklang es direkt neben ihren Ohren. Ihr gellender Schrei hallte durch die gesamte Wohnung, gemischt mit einem zweiten nervtötenden Geräusch.

Im darauffolgenden Augenblick schoss sie nach oben und saß aufrecht in ihrem Bett. Mit den Fingern wischte sie sich den Schlaf aus den Augen und orientierte sich. Sie zitterte und rieb sich durchgefroren die Arme. Sie lag in ihrem vom Schweiß durchtränkten Laken. Der Wecker zeigte sechs Uhr und fiepte. Sie deaktivierte den Alarm und seufzte.

»Was für ein seltsamer Traum!«

War sie tatsächlich zweimal hintereinander aufgewacht? Hatte sie einen Traum im Traum erlebt? Sie versuchte, sich Details zurück ins Gedächtnis zu rufen, doch sie verblassten bereits und es fiel ihr schwer, sich daran zu erinnern. Das Einzige, was blieb, war das eiskalte, schaurige Gefühl in ihrem Nacken. Es kam ihr vor wie ein Ruf aus einer Vergangenheit, an die sie sich bei bestem Willen nicht erinnerte.

Tanja schüttelte den Kopf und schwang ihre Beine aus dem Bett. Es war an der Zeit, ihre Tochter zu wecken.

- 3 -

Gleißende Sonne reflektierte sich vom Boden der Wüste und blendete ihn. Lamarr Nordstad kniff die Augen zusammen und folgte dem Kamm der Düne in Richtung Osten. Er erkannte vereinzelte Häuser einer Siedlung, die er kurz darauf erreichte. Es gab keine Bewegungen zwischen den Gebäuden. In dieser Hitze verließen die Menschen nur dann ihre Behausungen, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Der heiße Wind blies ihm über den Nacken und er stellte den Kragen seines schwarzen Mantels auf. Wie ein Cowboy vor dem Duell verharrte er und beobachtete für einen Moment die ausgestorbene Ortschaft. Sie wirkte beängstigend und tot.

Ich bin auf dem richtigen Weg und komme ihm mit großen Schritten näher.

Seine Augen blieben ständig in Bewegung und scannten die gesamte Umgebung um ihn herum. Vorsichtig schlich er durch die Siedlung. Die rechte Hand lag ruhig, aber reaktionsbereit, auf dem Griff eines Revolvers, der in einem am Bein festgebundenen Holster steckte.

Die Fenster eines Hauses waren geöffnet. Das war ungewöhnlich, denn so schützten sie weder gegen die Hitze oder die Wüste. Weißer Sand war hineingeweht und bildete eine dünne Schicht auf dem Boden. Nirgends gab es Fußspuren. Seit Tagen hatte niemand dieses Gebäude betreten.

Das nächste Bauwerk war ebenso verwaist. Er tippte an die Tür und sie öffnete sich mit einem leisen Knarren. Die Räume waren genauso leer und verlassen wie das Objekt zuvor, doch ein kaum vernehmliches Wimmern drang an seine Ohren. Lamarr hielt inne und drehte den Kopf, um es zu orten. Lautlos wie eine Katze folgte er dem Geräusch. Es führte ihn zu einem weiteren Gebäude, dessen Fenster so dicht vom Wüstenstaub zugesetzt waren, dass er nicht vermochte hineinzusehen. Ein Spalt in der geschlossenen Tür war zu eng, um etwas im Inneren zu erkennen. Dahinter vernahm er weiterhin das Weinen. Es war eindeutig die Quelle des Geräusches. Lamarr klopfte nicht an und drückte stattdessen gegen die Tür. Lautlos schwang sie langsam auf.

Erfrischende Kühle schlug ihm im Inneren entgegen. Die Diele beinhaltete Haken für Kleidung und ein Podest für Schuhe. Er zählte drei Paare, von denen eines einem Kind gehörte. Die Haken waren bis auf einen leer.

Das Wimmern erklang deutlich aus dem nächsten Raum. Der Wächter schlich näher und sah eine alte Greisin in einem Schaukelstuhl vor und zurück wippen. Sie saß vornübergebeugt und hielt ihre Arme um sich geschlungen.

»Oh nein, oh nein, oh nein.«

Immer wieder unterbrach sie ihr Schluchzen durch Schniefen und einen hohen, aufjaulenden Schrei. Lamarr kannte diesen Schmerz und ihm war klar, er vermochte ihn nicht zu lindern. Er trat näher. Die Frau bemerkte ihn entweder nicht oder sie ignorierte ihn wissentlich.

»Alte, warum jammerst du?«

Sie sah auf. Dicke rote Ringe ränderten ihre Augen. Ihre spröden Lippen waren aufgeplatzt und eingerissen. Tiefe Falten legten sich um ihren Mund und wurden stärker, als sie jammerte.

»Meine Sapna.«

Kaum sprach sie den Namen aus, rollten neue, frische Tränen über ihre Wangen.

»Spar dir dein Wasser. Es ist zu kostbar für den Schmerz.«

Die harten Worte klärten ihren Blick, zumindest für den Moment. Ihm schien, als fand sie wieder in die Realität zurück. Ihre forschenden Augen musterten ihn von oben bis unten.

»Ich will nichts von dir, Alte. Wo ist Sapna?«

Sie schluckte und seufzte erneut.

»Sapna ist fort.«

»Hat er sie?«

Eine Erklärung, wen er mit er meinte, war nicht nötig. Sie verstand ihn ohne zusätzliche Worte.

»Ja, der Schattenmacher hat sie und er ist weitergezogen. Sie war das letzte unserer Kinder, das er sich geholt hat«, flüsterte sie kaum hörbar.

»Das habe ich befürchtet. Wie alt war sie?«

»Sie ist zwölf.«

Ihm entging nicht der Unterschied der genannten Zeitformen.

»Mach dir keine Hoffnungen, Weib. Wenn er sie hat, war sie zwölf.«

Die Greisin riss die Arme hoch und offenbarte ein Bild, das sie darunter verborgen hielt. Es zeigte ein Mädchen mit schulterlangen schwarzen Haaren und einem bezaubernden Lachen. Sie strahlte Glück und Zufriedenheit aus. Die Alte weinte erneut und trocknete sich schluchzend die Tränen.

»Ist sie das?«

Er wartete ihre Antwort nicht ab.

»Sie war ein bildschönes Mädchen.«

Die Greisin starrte ihm auf einmal in die Augen.

»Was wollen Sie von mir? Wer sind Sie?«

»Mein Name ist Lamarr Nordstad. Ich suche ihn.«

Sie schüttelte langsam den Kopf.

»Sie suchen den Schattenmacher? Warum?«

»Das ist meine Aufgabe. Seit Jahrzehnten folge ich ihm durch Raum und Zeit.«

Sie sah ihm direkt ins Gesicht und ihre Augen weiteten sich.

»Sie sind einer von denen!«

Lamarr nickte.

»Ja, alte Frau.«

Ein Funkeln blitzte in ihren Augen auf. Er sah einen Hoffnungsschimmer darin auftauchen, den er zu oft gesehen hatte. Genauso groß war die Enttäuschung, für den Fall, dass er ihre Hoffnungen nicht erfüllte. Lamarr versuchte, es im Keim zu ersticken.

»Wenn er sie hat, dann ist es bereits zu spät. Wie viele Kinder hat er sich geholt?«

Sie schluckte und jammerte erneut.

»Alle.«

»Wie viele?«

»Wir waren zehn Familien. Die anderen suchten ihn, doch keiner kehrte zurück. Ich bin die letzte unserer Siedlung.«

Lamarr nickte.

»Das ist sein typisches Muster. Es tut mir leid, Alte. Weißt du, in welche Richtung sie gegangen sind?«

Es war eine rhetorische Frage. Selbst ohne ihre Antwort kannte er die Route, auf der er seinen Weg fortsetzen musste.

»Nach Osten, Lamarr Nordstad. Sie gingen alle nach Osten.«

Er nickte erneut.

»Danke, alte Frau.«

Der Wächter wandte sich ab und trat zwei Schritte zur Tür.

»Warten Sie.«

Er drehte sich wieder zu ihr.

»Erlösen Sie mich!«

Sie legte eine kurze Pause ein und fügte flüsternd »Bitte« hinzu.

Lamarr starrte ihr lange in die Augen. Seine Mimik blieb steinhart und zeigte keine Reaktion.

»Bitte!«, hauchte sie erneut.

Er hörte es kaum.

»Du kommst darüber hinweg. Auf die eine oder die andere Art.«

Er verließ das Haus und ignorierte die Flut von Beschimpfungstiraden, welche die Alte über ihn erließ. Selbst daran hatte er sich gewöhnt. Wenn er jedem Überlebenden eine Kugel verpasste, wäre er nicht besser als der Schattenmacher.

Lamarr folgte seinem Schatten in Richtung Osten. Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen und würde bald der kühlen Nacht weichen. Er schätzte, er hatte drei Stunden, um sich ein Nachtlager zu suchen. Einen Moment lang war er versucht, in einem der verwaisten Häuser zu übernachten. Nach ein paar Sekunden verwarf er die Idee. Lieber nutzte er die Zeit und folgte seiner Spur.

Kurz hinter der Siedlung erreichte er einen knochigen Baum. Ein großer hölzerner Würfel baumelte in dessen Geäst, gehalten von einem dicken, faserigen Tau. Er klopfte gegen das Konstrukt. Es klang hohl. Sorgfältig prüfte er die einen Meter langen Kanten. Sie beinhalteten Zargen, Scharniere und einen simplen Verschluss an einer Seite, der durch einen dicken Zweig blockiert war.

Es war ein typischer Aridal. Aufgehängt in der gleißenden Sonne dienten sie ursprünglich zum Trocknen von Fleisch und Wurst. Doch die Stadt war verwaist und niemand kümmerte sich mehr um diese Box. Das Aridal war genauso zurückgelassen worden wie die Häuser und der Rest der Ortschaft.

In manchen Fällen nutzten Menschen die Aridal zur Folter von verurteilten Kriminellen. Man sperrte sie darin ein und ließ sie in der Hitze schmoren. Oft starben sie an Durst und Dehydrierung, bevor sie ihre Strafe abgesessen hatten.

Niemand antwortete auf sein Klopfen. Vielleicht war der Würfel leer. Er konnte Monate hier hängen und geplündert worden sein oder es handelte sich um eine Falle, in der giftige Schlangen, Skorpione oder andere Tiere eingesperrt waren.

Lamarr stellte sich neben den Aridal und entriegelte mit der linken Hand vorsichtig den provisorischen Verschluss. In seiner Rechten hielt er den Revolver und zielte auf den Würfel. Langsam öffnete er die Tür erst einen schmalen Spalt und spähte hinein. Nichts regte sich im Inneren oder sprang ihm entgegen. Doch der Aridal war nicht leer.

»Oh nein.«

Ein ausgemergelter dunkelhäutiger Junge lag zusammengerollt darin, die Ellenbogen, Knie und Schultern wundgescheuert vom rauen Holz. Er hob ihn heraus und setzte ihn in den Schatten des Baumes.

»Kannst du mich hören?«

Der Junge atmete flach und zeigte keine Reaktion.

Lamarr griff seine Wasserflasche und flößte ihm etwas davon in den Mund. Reflexartig trank und schluckte er.

»Wie geht es dir?«

Der Junge riss die Augen auf und starrte ihn an. Er öffnete die Lippen und versuchte zu sprechen. Alles, was er hervorbrachte, war ein heiseres Krächzen.

»Shh, schon gut. Trink noch etwas.«

Er trank erneut. Diesmal in großen, gierigen Schlucken. Es dauerte einen Moment, bevor er sprach.

»Alok.«

»Ist das dein Name?«

Der Junge nickte.

»Alok Tufft.«

Lamarr lächelte.

»Gut, Alok. Ich weiß, du bist müde, hast Schmerzen und möchtest am liebsten liegen bleiben. Doch wir müssen weiter.«

Es war weder eine Frage noch eine Diskussion. Wenn Alok beabsichtigte hierzubleiben, war das seine Entscheidung und er würde nicht zögern, ohne ihn weiterzuziehen. Er hatte ihm zwar das Leben gerettet, aber er war nicht für ihn verantwortlich. Lamarr sah ihn prüfend an und wartete auf eine Reaktion.

»Kannst du laufen?«

»Ich denke schon. Gib mir bitte ein paar Minuten.«

Alok schielte gierig auf die Wasserflasche.

»Bekomme ich noch etwas zu trinken?«

Lamarr hatte sein Wasser in der Siedlung aufgefüllt. Es würde nicht lange halten und seine Ausrüstung war nicht auf die Versorgung von zwei Menschen ausgelegt. Trotzdem zögerte er keine Sekunde und reichte sie dem Knaben.

»Danke. Wohin gehst du?«

»Nach Osten.«

Die Augen des Jungen weiteten sich.

»Nach Osten?«

Lamarr antwortete nicht. Alok verstand ihn.

»Ich weiß nicht, ob ich mitkommen kann.«

»Es ist deine Entscheidung.«

Alok nickte.

»Warst du in meiner Siedlung?«

»Ja, bis auf die Alte von Sapna sind alle fort.«

Der Junge sank in sich zusammen.

»Dann habe ich nichts mehr, was mich hier hält.«

Eine halbe Stunde später verschwand die Siedlung aus ihrer Sichtweite. Vor ihnen lag die endlose Wüste mit den ersten Ausläufern des Gebirges am Horizont.

»Wollen wir dorthin?«

Lamarr nickte.

»Ja und wir haben nicht mehr viel Zeit. Das spüre ich.«

»Zeit wofür?«

»Um den Anschluss nicht zu verlieren.«

Alok kniff die Augen zusammen und starrte in die Ferne.

»Den Anschluss an ihn?«

Wieder nickte Lamarr und seufzte.

»Ja. Sein Vorsprung wächst. Wenn wir uns nicht beeilen, verliere ich seine Spur. Das darf nicht passieren!«

»Warum?«

Trotz der Eile blieb Lamarr stehen. Er drehte sich zu dem Jungen um und legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Alok, wie heißt dein Ort, aus dem wir gerade gekommen sind?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

»Kral’tuk.«

Der Wächter nickte erneut und sah ihm direkt in die Augen. Es war ihm wichtig, dass Alok die Botschaft verstand, und so betonte er jedes einzelne Wort.

»Weil es sonst Hunderte weitere Kral’tuks geben wird.«

Alok schluckte und trotz der dunklen Hautfarbe sah Lamarr, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Er klopfte dem Jungen auf die Schulter.

»Deshalb darf ich seine Spur nicht verlieren. Ich muss ihn finden und aufhalten.«

- 4 -

Der Möbelwagen rollte die Straße herunter, bog an der Kreuzung links ab und verschwand aus Tanjas Sichtfeld. Sie setzte sich auf die Stufen der Veranda und griff nach einer Wasserflasche. Zischend öffnete sie den Verschluss und trank drei große Schlucke.

»Da sind wir jetzt also. Vielen Dank für deine Hilfe, Hannah. Möchtest du auch etwas?«

»Ja gern. Was hast du mit dem Schrank ohne Schlüssel vor?«

Sie wischte sich den Schweiß aus der Stirn, griff nach der Flasche, die Tanja ihr entgegenhielt und trank. Vor drei Stunden hatten sie einen verschlossenen Schrank gefunden. Er stand im obersten Zimmer des Hauses, in einem kleinen erkerartigen Turm, war aus dickem Holz geschreinert, mit verstärkten Scharnieren versehen und wirkte robust und stabil.

»Ich weiß es nicht. Vermutlich sollte ich ihn entsorgen und das Turmzimmer komplett ausmisten. Das könnte ein tolles Büro werden.«

Hannah schraubte den Deckel wieder auf die Flasche und unterdrückte einen leisen Rülpser.

»Danke, das tat gut. Willst du gar nicht wissen, was darin ist?«

»Ach, was soll darin Besonderes sein? Das sind sicher alte Kleider meiner Großmutter. Eigentlich ist er zu schade, zum Wegwerfen, doch um ihn zu verkaufen, müsste ich ihn aufmachen. Ich weiß gar nicht, wie der durch die kleine Tür gepasst hat. Vielleicht brechen wir ihn einfach auf, wenn uns langweilig ist.«

Sie lachte hell und fröhlich.

»Ich bringe ein Brecheisen mit«, stimmte Hannah ein. Sie gackerten und kicherten wie zwei Teenager, bis Tanjas Freundin sich umsah und sie freudig anstrahlte.

»Ein tolles Haus habt ihr hier.«

Tanja lachte kurz auf.

»Oh ja. Auf einmal ging alles ganz schnell und die letzten Monate waren eine Achterbahn der Gefühle.«

Überraschenderweise hatte sie von einem Notar einen Termin zu einer Testamentseröffnung erhalten und dadurch vom Tod ihrer Großmutter erfahren.

»Ich dachte immer, meine Oma war gestorben, als ich noch ein Teenager war. Wieso haben meine Eltern mir verschwiegen, dass sie noch lebte?«

»Tut mir leid«, sagte Hannah und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Ach, scheiß drauf!«, fluchte Tanja und gleichzeitig polterte es im Obergeschoss.

»Nele packt ihre Umzugskartons in ihrem neuen Zimmer aus.«

Sie seufzte.

»Es fiel ihr überraschend leicht, sich von ihrer gewohnten Umgebung in Stuttgart zu lösen. Sie hat viele ihrer Freunde und Klassenkameraden in der Großstadt zurückgelassen. Jetzt wohnen wir hier auf dem Land. Ich hätte mit mehr Gegenwehr gerechnet, aber es wirkt, als habe sie nur darauf gewartet, einen Neuanfang zu wagen.«

Wieder einmal fragte sie sich, ob ihre Tochter glücklich war.

»Wie lange hast du noch frei?«, unterbrach Hannah ihre Gedanken.

»Nur ein paar Tage, bis wir hier alles auf Vordermann gebracht haben. Dann komme ich zurück ins Krankenhaus.«

»Keine Sorge, wir kommen mit den Patienten klar, solange du weg bist.«

Tanja lachte.

»Es sind ja nur ein paar Tage und dann habt ihr mich wieder.«

Hannah stutzte und nickte zur anderen Straßenseite.

»Schau mal, du hast Besuch. Kennst du hier schon jemanden?«

Eine ältere Frau und ein Mädchen standen auf dem gegenüberliegenden Fußweg und sahen zu ihnen herüber.

»Nein, nicht das ich wüsste.«

»Sprich sie an.«

Hannah knuffte sie in die Seite. Tanja stand auf und winkte die beiden zu sich. Sie zögerten einen Moment, doch als sie sich von den Treppenstufen erhob und zu ihnen auf dem schmalen gepflasterten Weg zur Straße hinunterlief, kamen sie ihr entgegen.

»Hallo, ich bin Tanja. Wir ziehen gerade hier ein.«

Sie streckte ihre rechte Hand aus, die das Mädchen schüttelte.

»Das war kaum zu übersehen«, antwortete die betagte Dame.

Tanja wartete einen Moment. Die Frau musterte sie von oben bis unten und warf immer wieder einen verkniffenen Blick auf das Haus in ihrem Rücken.

»... und Sie sind?«

Damit gewann sie ihre Aufmerksamkeit.

»Trehler, Gertrud Trehler.«

»Ich bin Lisa.«

»Wie alt bist du denn, Lisa?«

»Dreizehn.«

»Dann bist du ja fast genauso alt, wie meine Nele. Warte, ich mache dich mit ihr bekannt.«

Sie rief nach ihrer Tochter, die kurz darauf in der Tür stand. Tanja stellte die beiden Mädchen einander vor.

»Kommst du mit rein? Ich zeige dir unser Haus und mein neues Zimmer.«

Einen Augenblick später waren die Kinder im Inneren verschwunden und ließen die drei Erwachsenen zurück.

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«, richtete sich Tanja an Gertrud.

»Lisa ist meine Enkelin. Sie wohnt mit ihren Eltern gleich dort unten an der Kreuzung.«

Gertrud deutete auf ein Haus, das teilweise von den anderen Gebäuden des Amselwegs verdeckt war.

»Ich bin heute eher zufällig zu Besuch gewesen und als der Möbelwagen die Straße hinauffuhr, wurde Lisa neugierig.«

»Nicht nur Lisa, nehme ich an.«

Tanja versuchte mit einem Lächeln, die gespannte Atmosphäre aufzulockern.

»Ich wollte wissen, wer in das Haus der alten Heindke-Hexe eingezogen ist.«

Augenblicklich erstarb der Versuch, eine Beziehung mit ihrer Besucherin aufzubauen. Gertrud starrte sie an. In ihren Augen sah sie eine Mischung aus Wut und Leid und wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie versteifte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und richtete sich auf.

»Heindke-Hexe?«

»Sie sind neu hier. Daher wissen Sie nichts von der Geschichte dieses Hauses. Belassen wir es einfach dabei. Doch wehe, wenn jetzt wieder Dinge passieren!«

Die besondere Betonung des Satzendes hegte keinen Zweifel, dass es sich um eine Drohung handelte. Bevor sie reagieren konnte, stürmte Lisa an ihnen vorbei.

»Komm Lisa, wir gehen«, sagte Gertrud, ohne Tanja aus den Augen zu lassen.

Sie drehten sich um, eilten die Straße hinunter, bogen links ab und waren nach wenigen Augenblicken nicht mehr zu sehen.

Die verdutzte Tanja blieb versteinert stehen und starrte ihnen hinterher.

»Boah, was war das denn?«, sagte Hannah.

Sie legte ihrer Freundin einen Arm um den Rücken und schob sie zurück auf ihr Grundstück. Gemeinsam schlichen sie zum Eingang des Hauses. Tanja schüttelte langsam den Kopf.

»Ich weiß es nicht. Was hat das zu bedeuten?«

»Ach, vergiss die alte Schachtel am besten! Die wollte sich nur wichtigmachen.«

Hannah deutete auf einen Karton, neben der geöffneten Haustür. »Was hast du mit den restlichen Sachen deiner Großmutter vor?« Tanja benötigte einen Moment und musterte die offene Box.

»Oh, das ist der Rest. Einen Großteil haben wir entsorgt und viele Möbel verkauft. In diesem Karton sind die letzten Erinnerungsstücke. Ich wollte sie noch einmal durchsehen, bevor sie endgültig auf dem Müll landen.«

Hannah warf einen Blick hinein und nahm eine alte Spieluhr in die Hand. Tanja lachte und deutete auf die bunt verzierte Schachtel in der Größe eines Taschenbuches.

»Die stand im Wohnzimmer auf dem Kamin.«

»Was sind das für merkwürdige Symbole?«

»Keine Ahnung, sieht arabisch aus.«

»Funktioniert sie?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, zog Hannah sie auf und entlockte ihr eine Melodie. Ein Lied klimperte blechern vor sich hin.

»Hm, das hört sich bekannt an«, stutzte Tanja. »Ich bin mir sicher, ich kenne das irgendwoher.«

Es klang vertraut und gleichzeitig fremd. Sie summte einzelne Teile mit, die sich aus den Tiefen ihrer Kindheit empor drängten.

»Das ist eine schöne Spieluhr.«

Tanja sah auf. Vor ihr stand ein adretter Mann mit einem sympathischen Lachen und strahlte sie an.

»Ja, das ist sie. Das Lied kommt mir bekannt vor, doch mir fällt bei bestem Willen der Name nicht ein.«

Er lachte.

»Ist das nicht immer so? Genau das, wonach man sucht, bleibt einem verborgen.«

Sie nickte.

»Warten Sie einen Moment. Können Sie das Lied noch einmal abspielen?«

Tanja nahm Hannah die Spieluhr aus der Hand. Kaum hatte sie die Finger auf das Holz gelegt, kribbelte es in ihren Fingerspitzen. Das Gefühl schoss von ihren Armen durch sie hindurch. Für den Bruchteil einer Sekunde durchströmte eine Energiewelle ihren Körper. Sie blinzelte und sah sich um. So schnell, wie es gekommen war, war es wieder verflogen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Hannah und sah sie aufmerksam an.

Tanja nickte.

»Ja, alles okay. Ich habe nur eben einen Schlag bekommen.«

Ihre Freundin lachte.

»Ich wusste gar nicht, dass sich Spieluhren elektrostatisch aufladen können.«

»Anscheinend schon«, murmelte sie und wandte sich wieder an ihren Besucher.

»Also dann, hier kommt das Lied.«

Sie zog die Spieluhr erneut auf und hielt sie auf ihrer Handfläche. Die Töne klimperten über die Veranda. Der Mann schloss die Augen, legte den Kopf schief und summte Bruchstücke der Melodie mit.

»Kennen Sie es?«

»Ja, irgendwie schon. Mir fällt weder der Text noch der Name ein. Haben Sie es bereits mit Shazam probiert?«

»Die App, welche Lieder erkennt? Das ist eine gute Idee. Das probieren wir gleich aus!«

»Ich habe sie bei mir installiert. Spielen Sie es bitte noch einmal ab. In einem Moment wissen wir mehr.«

Tanja zog die Spieluhr ein drittes Mal auf und wieder klimperte die Melodie auf der Veranda. Der Mann kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

»Damit hatten wir keinen Erfolg. Die App hat nichts gefunden.«

Er lächelte sie an, trat einen Schritt auf sie zu und streckte ihr seine Hand entgegen.

»Es tut mir leid, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Theo Dössinger mein Name. Ich wohne hier ein paar Häuser die Straße runter. Als ich den Möbelwagen bemerkte, war ich neugierig auf die neuen Nachbarn.«

Er strahlte über das ganze Gesicht.

»Da sind Sie nicht der Erste.«

»Nennen Sie mich Theo.«

»Hallo Theo, schön Sie kennenzulernen. Ich bin Tanja.«

»Und ich bin Hannah, eine Arbeitskollegin.«

»Sehr erfreut, Tanja und Hannah. Wo kommt ihr denn her?«

»Wir haben vorher in Stuttgart gewohnt.«

»Und was verschlägt einen aus der Großstadt in ein kleines Dorf im Nirgendwo?«

»Ach, wissen Sie …«

»Wir waren doch schon beim Du, Tanja.«

»Ja richtig. Wir sind einfach froh, hier zu sein und mehr Ruhe zu haben.«

Er schmunzelte. Geistesabwesend drehte sie ihren Ring am Finger. Olivier war zwar vor drei Jahren gestorben, trotzdem war sie bisher nicht in der Lage, ihn abzulegen. Immer wenn sie nervös wurde, spielte sie damit. Das kühle Metall und der Druck auf ihrer Haut beruhigten sie.

»Das kann ich gut nachvollziehen. Die Ruhe ist wirklich traumhaft. Der größte Lärm hier kommt von einem Esel auf der Koppel.«

Alle drei lachten.

»Ein Esel?«, fragte Hannah.

Er nickte.

»Ja, wartet es nur ab. Früher oder später hört ihr ihn nur noch.«

»Ich werde es mir merken«, versprach Tanja. »Abgesehen davon gehörte das Haus meiner Großmutter. Wir haben es von ihr geerbt.«

Theo nickte.

»Mein herzliches Beileid.«

Tanja wehrte ab.

»Ach, schon gut. Ich kannte sie gar nicht richtig.«

»Das klingt traurig.«

»Ja. Aber das ist kein Thema für heute.«

Sie sprach mit zusammengebissenen Zähnen. Theo nickte und strahlte sie weiterhin an.

»Ich möchte dich gern auf einen Kaffee oder ein Glas Wein einladen und in der Nachbarschaft willkommen heißen. Wie sieht es am Wochenende aus?«

Tanja kniff die Lippen zusammen. Theo war süß und unwahrscheinlich sympathisch. Zudem sah er verdammt gut aus.

»Ich glaube, das wird schwierig. Ich wohne nicht allein.«

»Dann bring deinen Mann mit!«, antwortete er, wie aus der Pistole geschossen.

»Meinen Mann?«

Tanja benötigte einen Augenblick, bis sie die Tragweite seines Angebotes identifiziert hatte. Allein der Gedanke an einen Partner schnürte ihre Kehle zusammen. Sofort schwebte Oliviers Bild im Geist vor ihr. Sein Lachen, das sie vereinnahmte, mit den blauen Augen und dem umwerfenden, liebevollen Lächeln. Sie senkte für einen Moment den Kopf und sammelte sich. Die ganze Welt drehte sich um sie.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, Theo, es geht schon wieder.«

»Und kommt ihr vorbei?«

Tanja seufzte.

»Ich bin nicht verheiratet, nicht mehr. Mein Mann starb vor drei Jahren. Ich lebe mit meiner Tochter in diesem Haus.«

Seit Oliviers Tod war kein neuer Mann in ihr Leben getreten. Mit einem Wildfremden über ihn zu reden, störte sie nicht. Sie hatte in den letzten Jahren gelernt, mit ihrem Schmerz umzugehen und darüber zu sprechen.

»Das macht überhaupt nichts, Tanja. Bring sie mit. Ich würde mich freuen.«

Sie lächelte.

»Vielen Dank!«

Tanja fühlte sich wohl und sicher. Wann hatte sie das zuletzt gefühlt? Für einen Augenblick war sie geneigt anzunehmen und entschied sich im letzten Moment dagegen.

»Theo, wir kennen uns doch überhaupt nicht.«

»Das macht nichts. Was nicht ist, kann ja noch werden.«

Sah sie dort ein Zwinkern in seinen Augen? Langsam schüttelte sie den Kopf.

Lass uns erst einmal hier ankommen und uns eingewöhnen, wollte sie sagen, doch aus ihrem Mund kamen andere Worte.

»Das Angebot auf einen Kaffee nehme ich gerne an.«

»Wunderbar. Ich freue mich auf euch. Jetzt muss ich aber weiter. Ich wünsche euch einen schönen Tag!«

Er verabschiedete sich und entfernte sich von den beiden.

»Na du legst aber los«, sagte Hannah. »Vielleicht sollte ich auch mal aufs Dorf ziehen. Ein süßer Kerl!«

Sie knuffte Tanja in die Seite.

»Ach, er wollte nur nett sein.«

»Ja, die Sorte von nett kenne ich.«

Hannah feixte. Tanja drehte die Spieluhr in ihren Händen. Ihre Gedanken kreisten um Olivier, um Theo und um ihren Besuch bei ihm am Wochenende.

»Oh man, wie konnte das denn passieren? Meinst du, ich soll da hingehen oder doch lieber absagen?«

»Gegen einen Kaffee ist nichts einzuwenden. Nele ist mit dabei, der wird euch nicht auffressen. Zumindest nicht gleich.«

Sie zwinkerte Tanja verschwörerisch zu, die daraufhin nur den Kopf schüttelte. Ohne es zu bemerken, zog sie die Spieluhr auf und ließ die Melodie ein viertes Mal ablaufen.

»Oh Kind, dreh dich im Kreise.«

»Mama, was singst du da?«

Nele stand in der Tür und riss sie aus ihren Gedanken.

»Habe ich gesungen?«

»Ja. Ein Kind dreht sich im Kreis.«

Tanja stutzte.

»Das habe ich gesungen?«

»Ja, Mama. Weißt du das nicht mehr?«

»Ich habe mich auch gerade gewundert«, sagte Hannah. »Kennst du das Lied doch?«

Tanja schüttelte den Kopf.

»Nein, ich war wohl in Gedanken. Wie ist Lisa? Habt ihr euch gut verstanden?«

»Ja, sie ist nett. Sie meinte, ein Hexenhaus hätte sie sich anders vorgestellt.«

»Oh. Was hast du geantwortet?«

»Ich habe sie gefragt, wie sie darauf kommt. Das konnte sie mir aber nicht erklären. Anscheinend gibt es ein paar Gerüchte darüber.«

Hannah lachte.

»Na da habt ihr euch ja ein tolles Haus ausgesucht!«

»Wer weiß, was auf einem Dorf alles erzählt wird. Ich habe zumindest noch nichts bemerkt, was auf eine Hexe hindeutet.«

»Schau, du bekommst schon wieder Besuch!«

Eine ältere Frau überquerte die Straße und winkte ihnen von weitem zu.

»Was ist denn heute los? Das ist ja wie auf dem Bahnhof!«, murmelte Tanja und kurz darauf stand die Dame vor ihr. Sie war um die sechzig, doch das ließ sich schwer einschätzen, zumal die Dämmerung einsetzte und das Licht trübte.

»Hallo.«

»Ich bin Elfriede Eisele. Wir sind Nachbarn, ich wohne direkt gegenüber und habe Ihnen etwas zum Einzug mitgebracht.«

Sie streckte ihr einen Korb voll Brot, einer Flasche Wein und einem Päckchen Salz entgegen. Tanja nahm ihn lachend ab und schüttelte ihre Hand.

»Oh, das ist aber nett von Ihnen. Vielen lieben Dank. Ich heiße Tanja Köhler, das sind meine Tochter Nele und Hannah, eine gute Freundin und Arbeitskollegin. Kommt doch alle herein.«

»Es freut mich sehr, euch kennenzulernen.«

Elfriede streckte ihre Hand aus. Nele starrte einen Moment darauf und schüttelte sie zaghaft.

»Ich werde lieber gehen«, sagte Hannah.

»Möchtest du nicht zum Essen bleiben?«

»Lass mal, ich freue mich jetzt mehr auf mein Sofa, die Füße hochzulegen und die Augen zuzumachen. Ich bin echt fertig!«

»Vielen lieben Dank für deine Hilfe, Hannah!«

Die beiden umarmten und verabschiedeten sich voneinander. Nachdem ihre Freundin gefahren war, führte Tanja ihre Nachbarin ins Esszimmer und warf einen fragenden Blick zu ihrer Tochter. Sie war zwar schüchtern, doch so zaghaft kannte sie Nele nicht.

»Was ist denn los mit dir? Du bist doch sonst nicht so zurückhaltend?«, flüsterte sie.

Nele zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Vielleicht lag es an dem Umzug, der neuen Umgebung und den Eindrücken, die heute auf sie hereinstürzten. Schließlich zog man nicht jeden Tag um und gerade für ein Kind, nein, eine Jugendliche, verbesserte sie sich, konnte das überwältigend sein.

Tanja lächelte ihr aufmunternd zu und wandte sich an ihren Besuch.

»Wir wollten gerade essen. Wenn es dir nichts ausmacht, setz dich einfach mit dazu. Wir haben genug für alle. Dann brechen wir dein Brot gemeinsam an.«

»Sehr gerne. Vielen Dank dir, Schätzchen. Na Nele, wo sitzt denn du?«

Elfriede sah sie an und wartete.

»Wir haben keine festen Plätze, wir sind eben erst eingezogen.«

»Aber jetzt ist es euer neues Haus und da darfst du dir bestimmt einen Lieblingsplatz aussuchen.«

»Dann sitze ich hier.«

Nele zeigte auf einen der freien Stühle.

»Gut, du hast bestimmt nichts dagegen, wenn ich mich hierhin setze?«

Tanjas Tochter kicherte. Sie wirkte entspannter als vor ein paar Minuten.

»Nein, du darfst da sitzen.«

»Oh, das ist nett.«

Elfriede setzte sich und rutschte mit dem Stuhl heran. Tanja hatte in der Zwischenzeit das Brot und den Wein auf den Tisch gestellt und brachte aus der Küche Teller und Besteck. Neben dem Brot stand eine Schüssel mit Kartoffelsalat und ein Topf mit dampfendem Wasser, in dem Wiener Würstchen schwammen.

»Ich habe leider nur Mineralwasser und Apfelsaft. Ich hoffe, das ist okay?«

»Aber natürlich, Schätzchen. Mach dir wegen mir keine Umstände!«

Tanja brach das frische Brot, bestreute es mit Salz und reichte den Laib an ihre neue Nachbarin weiter. Nele aß ebenfalls ein Stück, bevor sie sich vom Salat und den Würstchen bediente.

»Das Brot ist echt lecker! Innen weich und außen schön knusprig.«

»Ja, ich habe es vom einzigen Bäcker im Ort, dem Brotkörble.«

Es entstand eine kurze Pause, in der jeder kaute und schluckte.

»Ihr seid also die neuen Nachbarn«, sagte Elfriede nach einem Moment und Tanja nickte.

»Ja, und wir freuen uns riesig, dieses Haus hier bekommen zu haben.«

Ihre Nachbarin strich sich mit der Hand über das Kinn.

»Es ist schön, dass wieder jemand hier wohnt. Ich wohne schon so viele Jahre nebenan. Mit der letzten Besitzerin, der Ingeborg, der Herr habe sie selig, war ich sehr eng befreundet. Oft haben wir das eine oder andere Glas Wein zusammen getrunken. Vielleicht setzen wir das ja fort?«

Sie beendete ihren Satz mit einem leisen Lachen.

»Sehr gern, dann bleibt diese Tradition in der Familie.«

Elfriede starrte sie mit großen Augen an.

»In der Familie?«

Tanja drehte ihren Ring und grübelte, wie sie am besten antwortete.

»Wissen Sie …«

Ihre Nachbarin griff nach ihrer Hand und unterbrach sie.

»Nenn mich einfach Elfriede, Schätzchen.«

Tanja nickte.

»Gut. Die Vorbesitzerin, Ingeborg Heindke, ist, ich meine war, meine Großmutter.«

Sie schluckte und benetzte ihren trockenen Hals mit einem Schluck Apfelsaft. Für einen Moment herrschte eine gespannte Ruhe am Tisch, bis Tanja weitersprach.

»Ich wusste nicht einmal, dass sie noch lebte. Ich dachte, sie starb vor über dreißig Jahren.«

Eine weitere kurze Pause entstand, in der ihre Nachbarin vielsagend nickte.

»Das erklärt, warum du nie wieder zurückgekommen bist«, sagte sie schließlich.

Tanja schüttelte irritiert den Kopf.

»Du meinst …«

»Ja«, unterbrach sie Elfriede erneut. »Früher kam Inge oft ein kleines Mädchen besuchen und von heute auf morgen blieb sie verschwunden. Ich nehme an, das bist du gewesen.«

»Wenn ich mir vorstelle, dass meine Oma mich nicht mehr sehen durfte … Es muss furchtbar für sie gewesen sein.«

Elfriede nickte.

»Das ist wahr. Sie war oft bei mir und klagte ihr Leid. Es brach ihr das Herz.«

Tanjas Kehle schnürte sich zusammen und sie schluckte die aufsteigende Trauer herunter. Ihre Großmutter hatte ebenso unter der Trennung gelitten. Warum hatte sie sich nie gemeldet? Wieso hatten ihre Eltern den Kontakt unterbunden? Wieso hatten sie ihr ihre Oma genommen? Eine einzelne Träne löste sich und rann ihre Wange herab.

Elfriede seufzte und sprach weiter, ohne auf Tanjas Reaktion einzugehen.

»Wir waren sehr eng befreundet, haben uns gegenseitig ausgeholfen und waren füreinander da, wenn es nötig war. So wie es gute Nachbarn tun. Wir spielten oft Karten, wenigstens einmal die Woche und tranken das eine oder andere Gläschen Wein.«

Ihre Augen starrten aus dem Fenster auf einen weit entfernten Punkt, als sie sich zurückerinnerte. Tanja nutzte die kurze Pause und stellte sich vor, wie ihre Oma und Elfriede gemeinsam auf der Terrasse oder vor dem Kamin saßen, Wein tranken und sich bis spät in die Nacht unterhielten. Sie hoffte, dass sie glücklich gewesen war.

»Es freut mich, dass ihr hier seid. Man weiß ja nie, was sonst für Leute in solche Häuser einziehen«, sprach Elfriede weiter.

Nele war in der ganzen Zeit ungewohnt zurückhaltend und still. Nachdem sie aufgegessen hatte, verabschiedete sie sich und verschwand im Obergeschoss. Tanja hörte, wie es in ihrem Zimmer rumpelte und über den Boden kratzte.

»Vermutlich packt sie ihre Umzugskartons aus«, mutmaßte ihre Nachbarin.

»Oder sie schiebt die Möbel durch die Gegend und sucht sich eine schöne Stelle für ihr Bett. Es ist unglaublich, wie viel Zeit Teenager darin verbringen können.«

Tanja lachte und schielte auf die Flasche zwischen ihnen.

»Lass uns anstoßen. Vielen Dank für den Wein, das ist sehr lieb von dir!«

Sie köpften den Trollinger und setzten sich auf das Sofa vor dem Kamin.

»Auf eine gute Nachbarschaft!«, stießen sie an und unterhielten sich.

»Wie lange wohnst du bereits hier?«

»Ach Schätzchen, das ist schon eine Ewigkeit. Wir haben gebaut und deine Oma hieß uns damals mit Brot und Salz willkommen. Sie erklärte uns die älteste Willkommensgeste der Welt. Man sagt, die Gabe symbolisiert den Wunsch nach Gemeinschaft, Wohlstand und Sesshaftigkeit. Zugleich soll sie vor dem Teufel, bösen Zaubern und Verwünschungen schützen. Jetzt revanchiere ich mich dafür.«

Elfriede lachte und legte ihr eine Hand auf den Arm.

»Oh, nachdem meine Oma vorhin als Hexe bezeichnet wurde, können wir das gut gebrauchen«, schmunzelte Tanja. »Das heißt, sie hat vor dir hier im Dorf gewohnt?«

»Ja. Das Haus hat eine lange Geschichte. Angeblich stand es Ewigkeiten als Einsiedlerhaus hier, bevor das gesamte Wohngebiet erschlossen wurde.«

Sie senkte ihre Stimme und sprach weiter.

»Man nannte es früher das Hexenhaus. Daran wirst du dich doch bestimmt noch erinnern?«

Tanja schüttelte den Kopf.

»Nein, aber offenbar ist das immer noch der Fall. Wen meintest du mit wir?«

Elfriede kniff die Lippen zusammen.

»Meinen lieben Dieter, der Herr hab ihn selig! Leider ist er vor ein paar Jahren verstorben. Manchmal platzt das wir weiterhin heraus. Macht der Gewohnheit, schätze ich.«

»Oh, das tut mir leid!«

»Schon gut, Schätzchen. Das ist eine Weile her und jeder von uns muss irgendwann einmal gehen.«

»Das ist wahr. Es ist seltsam, Elfriede, aber es kommt mir vor, als ob wir uns schon ewig kennen.«

Tanja lachte und nippte an ihrem zweiten Glas Wein. Die Gespräche wurden tiefgreifender und persönlicher. Die Nachbarin erzählte von ihren Kindern und Enkeln, die sie regelmäßig besuchen kamen, und Tanja berichtete von Oliviers tödlichem Unfall.

Die Zeiger der Uhren wanderten unaufhörlich immer weiter und bald war die Flasche Wein geleert.

»Es wird für mich Zeit, ins Bett zu gehen«, sagte Elfriede und stand auf. »Mir fallen langsam die Augen zu!«

»Lass uns die gute Nachbarschaft pflegen. Falls es Probleme oder Ärger geben sollte, komm bitte einfach auf uns zu.«

»Das werde ich, Schätzchen, versprochen!«

Tanja brachte ihre Nachbarin zur Tür und verabschiedete sich von ihr. Mit einem wohligen Gefühl im Bauch ließ sie alles stehen und liegen, wie es im Moment war. Zum Aufräumen war am nächsten Tag genug Zeit. Sie warf einen Blick in Neles Zimmer. Ihre Tochter schlief und schnarchte leise vor sich hin. Tanja löschte die Lichter und legte sich in ihr Bett.

»Danke, Oma«, flüsterte sie und war kurz darauf ebenfalls eingeschlafen.

- 5 -

»Es ist nicht mehr weit!«

Lamarr flüsterte, obwohl sie allein waren. So weit das Auge reichte, war in dieser Wüste nichts anderes zu sehen als Sand und die grelle, glänzende Sonne. Er rückte seine Sonnenbrille zurecht. Der dunkelhäutige Junge neben ihm nickte.

»Wohin gehst du?«

»Ich folge seiner Spur.«

»Wie lange verfolgst du ihn schon?«

»Den Schattenmacher?«

Ein weiteres Mal nickte der Junge und Lamarr entsann sich zurück.

»Hm, es sind bereits viele Jahre, fast drei Jahrzehnte. Unzählige Male habe ich seine Spur aufgenommen und verloren. Immer und immer wieder war er in greifbarer Nähe und jedes Mal entwischte mir dieses Monster im letzten Augenblick.«

Der Wind wirbelte eine Sandwolke auf und legte eine dunkle Fläche im Boden frei.

»Schau, dort ist etwas! Ich will es mir näher ansehen.«

Sein neuer Begleiter rannte los und stürzte darauf zu.

»Sei vorsichtig! Es könnte eine Falle sein!«, rief Lamarr ihm hinterher, aber der Junge hörte nicht auf ihn. Der Wächter ging weiter und beobachtete, was passierte. Alok kam schlitternd zum Stehen und prüfte mit einem Fuß die Stabilität des Bodens. Er hielt. Der Junge trat in die Mitte der Fläche, die mit einem Knacken zwei Zentimeter nachgab. Vor Schreck schrie er auf. Als er merkte, dass die Platte ihn trotzdem trug, drehte er sich zu Lamarr um.

»Ist das ein Murtak?«

Was immer es war, entweder hielt es sie auf oder es brachte sie weiter. Alok wippte langsam vor und zurück. Der Boden brach nicht ein. Etwas mutiger stampfte er mit den Füßen auf und als die Fläche weiterhin standhielt, hüpfte er darauf herum. Das Blech unter ihm wackelte und knackte.

»Ja, ich glaube, das ist ein Murtak«, jubelte der Junge. »Ich habe bisher nur davon gehört und noch nie eines gesehen! Das ist ja toll! Können wir es ausbuddeln?«

»Falls das ein Murtak ist, solltest du vorsichtig sein. Das Blech ist alt und vermutlich voller Rost. Wenn es bricht und dein halbes Bein zerschnitten darin feststeckt, wirst du hier verhungern oder verbluten. Passiert das nicht schnell genug, holst du dir eine Blutvergiftung, die dir den Rest gibt.«

Augenblicklich erstarrte Alok und wurde bleich. Mit einem Satz sprang er von der Metallplatte auf den sandigen Boden.

»Ist das so gefährlich?«

Lamarr sank auf ein Knie. Wo seine Finger das Blech berührten, zeigten sich rote Streifen. Mit den Händen fegte er den Sand herunter und legte die gleichfarbige Platte frei. Sie war flach, in der Mitte leicht nach oben gewölbt und gab nach, wenn er sein Gewicht darauf verlagerte. Dort wo der Junge herumgesprungen war, erkannte er deutliche Dellen in der Oberfläche. Der Rest des Gegenstandes war tief in der Wüste eingegraben.

»Das ist definitiv ein Murtak.«

Alok strahlte.

»Hilf mir!«

Lamarr griff in den Sand vor der langen Kante und schaufelte ihn zur Seite. Der Junge verstand sofort und half ihm. Gemeinsam gruben sie mit ihren Händen. Stück für Stück kam ein Fenster zum Vorschein. Für einen Moment betrachtete der Wächter seine von der Sonne gegerbte Haut im Spiegelbild. Im nächsten Augenblick schnellte seine rechte Faust darauf zu und feine Spinnenweben zogen sich über die Reflexion. Zwei weitere Schläge zerbarsten das Glas und eine Mischung aus Moder und Salz stieg ihm in die Nase.

Alok verzog angewidert das Gesicht und drehte sich weg. Lamarr spähte in das Innere. Dort lag etwas, blau und viereckig. Der Junge folgte seinem Blick.

»Was ist das?«

Er antwortete nicht. Statt sich in das Fahrzeug zu beugen und danach zu greifen, beobachtete er den Horizont.

»Das Unwetter zieht auf.«

In der Ferne verschmolz eine dunkle Wolkenwand zwischen dem Himmel und der Erdkrümmung. Alok zuckte mit seinen Schultern.

»Sieht doch gut aus.«

Lamarr biss die Zähne aufeinander. Für ihn sah es alles andere als gut aus. Dennoch schwieg er.

Er warf einen letzten, sichernden Blick über die Schulter, beugte sich in das alte Murtak und griff nach der blauen Tasche. Im Sonnenlicht wirkten die Farben bunter als im Schatten des Inneren. Der Riemen war gerissen und sie war voller Sand. Lamarr schüttete den Inhalt auf das Dach und verteilte ihn gleichmäßig. Mehrere Hefte, ein schmales Mäppchen mit Schreibutensilien, ein gelber, runder, dicker Stift und eine Schere. Auf der Innenseite der Tasche entdeckte er eine weiße Plakette und las vor, was darauf stand.

»Tiffany Kaehr. Klasse 6b. Die Adresse ist verwaschen und nicht mehr lesbar.«

Er verzog seine Mundwinkel nach unten.

»Wer ist das?«, fragte Alok.

»Ein Mädchen, ich schätze in deinem Alter. Zumindest war sie das zu der Zeit.«

Lamarr seufzte.

»Die Tasche bedeutet zwei Dinge. Zum einen sind wir auf der richtigen Spur und zum anderen sind wir wieder zu spät. Sie ist nichts weiter als der Beweis für ein weiteres vermisstes Kind und ein weiteres verlorenes Leben. Ich habe in all den Jahren zu viele persönliche Gegenstände gesehen und analysiert.«

Seine Kiefer schmerzten, als er mit den Zähnen knirschte.

»Ist ihr das Gleiche geschehen wie mir?«

»Schlimmer. Du bist noch am Leben.«

Alok starrte ihn an. Lamarr ignorierte ihn und fuhr fort.

»Wenn der Schattenmacher ein Opfer gefunden hat, dauert es nie lange, bis er weiterzieht. Uns bleibt nur wenig Zeit, bevor die Spur verschwindet. Siehst du das Unwetter, das ich vorhin erwähnte?«

»Ja, Lamarr.«

»Das bestätigt meinen Verdacht. Sie sind eines der sichersten Zeichen, dass sich der Übergang bald schließt. Lass uns weiterziehen, sonst verlieren wir die Spur wieder.«

Er stand auf und folgte seinem ursprünglichen Weg in Richtung des Flimmerns am heißen Horizont. Hinter ihm blieben die auf dem Blech verstreuten Sachen in der Sonne zurück. Der Wüstensand rieselte in das Auto und es würde nur wenige Stunden dauern, bis er es wieder komplett verschluckte. Alok verharrte einen Moment. Sein Blick pendelte unschlüssig zwischen dem Unwetter, dem Murtak und Lamarr hin und her, der inzwischen zwanzig Meter vorausgegangen war. Dann sprang er auf und folgte ihm.

- 6 -

Einen Tag, nachdem Tanja in ihr neues Haus eingezogen war, stand Gertrud Trehler in der Küche ihrer Tochter Klara. Diese war zusammen mit ihrem Schwiegersohn für ein Wellness-Wochenende ins Allgäu gefahren und hatte sie gebeten, solange auf ihre Enkelin Lisa aufzupassen.

Gertrud übernahm diese Aufgabe gern und gönnte ihrem Kind eine Auszeit. Sollten die beiden ruhig den ganzen Tag im Spa-Bereich des Hotels verbringen, fein essen gehen und sich Massagen und Gesundheitspackungen gönnen. Wer weiß, vielleicht bescherte das Wochenende ihr ein weiteres Enkelkind? Den Gedanken verwarf sie genauso schnell, wie er gekommen war. Sie wünschte sich liebend gern einen Enkel, einen Jungen natürlich, der ihren Stammbaum weitertrug. Allerdings war ihr durchaus bewusst, dass sich ihre Tochter inzwischen jenseits der magischen Grenze befand, in der sie weitere Kinder haben wollte. Für Lisa wäre es ebenso alles andere als einfach, wenn sie mit ihren dreizehn Jahren einen Bruder bekam.

In Gedanken versunken wog sie Mehl ab, schüttete den Inhalt in eine Rührschüssel und streute einen Löffel Zucker darüber.

»Wo hat Klara das Backpulver hingetan? Das gehört direkt zum Mehl und zum Zucker wie alle anderen Backzutaten. Was für eine Unordnung hier in dieser Küche herrscht!«

Gertrud öffnete eine Schranktür und eine Schublade nach der anderen auf der Suche nach der fehlenden Zutat. Lisa kam herein und beobachtete voller Neugier ihr Treiben.

»Oma, was machst du da?«

»Ich suche Backpulver. Weißt du, wo deine Mama das versteckt hat?«

»Schau im Rollschrank. Da stehen auch Vanillezucker, bunte Streusel und Kakaopulver.«

Gertrud schüttelte den Kopf und folgte dem Rat ihrer Enkelin.

»Tatsächlich, da ist es. Vielen Dank dir!«

Sie zog eine Packung heraus und gab den Inhalt mit in die Schüssel.

»Was backst du denn?«

»Ich werde ein paar Pfannkuchen für uns machen, wie klingt das?«

»Oh lecker! Das kling super. Wie lange brauchst du? Ich wollte kurz rüber zu Nele und gucken, wie weit sie mit ihrem Einzug ist. Bin gleich wieder da. Darf ich sie einladen?«

»Nein!«, kam es aus Gertruds Mund geschossen. Es klang schärfer, als sie vorhatte. Der Gedanke an die Heindke-Hexe ließ ihr immer noch die Haare zu Berge stehen.

Lisa kniff vor Wut die Augen zusammen.

»Warum denn nicht?«

Gertrud seufzte.

»Oh Schätzle, das ist eine lange Geschichte. Du weißt, wieso alle das Hexenhaus gemieden haben?«

Langsam nickte sie.

»Ja, aber Nele scheint nett zu sein.«

»Das Böse hat immer zwei Gesichter. Ich will nicht, dass du dort hinaufgehst. Hast du mich verstanden?«

»Ja, Oma.«

Beleidigt zog sie von dannen und schloss die Küchentür hinter sich.

»Wir essen in einer halben Stunde!«, rief Gertrud ihr hinterher, war sich aber nicht sicher, ob Lisa es gehört hatte.

War sie zu streng mit ihr? Die Geschichte war lange her. Der Gedanke daran nagte an ihrem Herzen. Vergessen war die Vorfreude auf leckere Pfannkuchen. Abwesend holte sie Eier und Milch aus dem Kühlschrank. Mechanisch öffnete sie die Packung und goss zu viel davon auf das Mehl. Sie knallte den Milchkarton auf die Arbeitsplatte und atmete tief durch.

Erst die fremden Neuankömmlinge und jetzt die alte Wunde, die mit aller Macht wieder aufbrach. Den Tränen nahe griff sie nach einem Ei und schlug es zu hart am Rand der Schüssel auf. Die Hälfte des Inhalts floss außen herab und ein Teil der Schale verteilte sich auf Mehl und Milch.

»Scheiße!«

Gertrud pfefferte die Reste des Eis in den Mülleimer und wusch sich die Hände. Mit Küchenrolle reinigte sie die Außenseite der Schüssel und fischte mit einem Löffel die Schalenstücke aus dem Teig. Am liebsten hätte sie sich einen Drink gegönnt. Stattdessen wusste sie, mit wem sie reden konnte.

***

Das Telefon klingelte dreimal, bevor ihre Freundin abnahm.

»Hallo Ramona.«

Es folgte der übliche Small Talk, den sie nach zwei Minuten abwürgte.

»Du glaubst nicht, was gestern passiert ist!«

Ihre Freundin war neugierig.

»Du kennst doch das Heindke-Hexenhaus. Gestern ist dort wieder jemand eingezogen.«

Sie ließ eine kurze Pause, damit die Information sacken konnte. Sofort fragte Ramona nach, wer dort wohnte.

»Es ist eine junge Mutter mit einer Tochter, ungefähr im gleichen Alter wie Lisa. Sie hat sie gestern kennengelernt und meinte, sie sei nett.«

Mit dem Hörer in der Hand starrte sie auf die Schüssel mit dem Pfannkuchenteig.

»Ja, wir haben sie gesehen«, fuhr sie fort. »Lisa war neugierig, als ein Möbelwagen vorbeirollte. Also sind wir kurz die Straße hochgelaufen und haben sie uns angesehen.«

Gertrud betonte das letzte Wort und machte Ramona damit klar, was sie eigentlich meinte.

»Nein, zum Glück war es keine alte Hexe, doch wir waren damals auch nicht viel älter, als das alles passiert ist!«

Der Gedanke an die Vergangenheit schlug ihr aufs Gemüt. Mit der freien Hand griff sie nach dem Rührlöffel und ließ ihn durch die Schüssel kreisen. Das Eigelb schwamm obenauf und starrte sie an.

»Danke, Ramona. Ich musste eben an meinen kleinen Rico denken. Was wohl aus ihm geworden wäre? Er hatte so viele Ziele und Wünsche!«

Still sank die Traurigkeit zurück und bot der Wut Platz, sich zu entfalten. Gertruds Augen wurden schmaler und sie legte ihre Stirn in Falten. Ihre Freundin sprach am anderen Ende der Leitung, doch Gertrud nahm nur am Rand wahr, was sie sagte.

Auf einmal stach sie in das gelbe, lachende Dotter in der Schüssel vor ihr. Für einen Augenblick lachte ihr darin das Gesicht der alten Heindke-Hexe entgegen und sie musste sich zusammenreißen, nicht wild darauf einzuschlagen. Mit einem Seufzer ließ sie ab und den Löffel in die Schüssel fallen.

»Ja, es geht wieder. Mich haben eben alte Gefühle überwältigt. Es ist kein Geheimnis, dass ich froh darüber bin, dass die Heindke-Hexe tot ist. Das macht es mir aber trotzdem nicht leichter.«

Sie hätte sich einen Drink gönnen sollen, statt mit Ramona zu telefonieren. Es tat ihr nicht gut, die verblichenen Erinnerungen und Gefühle zu wecken. Stattdessen hätte sie lieber auf der Terrasse in der Sonne gesessen und mit Lisa die Pfannkuchen gegessen. Wo steckte sie denn? Sie war vorhin ohne ein weiteres Wort aus der Küche gestürmt. Wahrscheinlich schmollte sie in ihrem Zimmer und surfte im Internet.

Nach dem Gespräch würde Gertrud die Pfannkuchen backen und mit einem duftenden Teller an ihre Tür klopfen. Wenn Lisa erst den verführerischen Duft roch, wäre alles wieder vergessen und sie könnten sich einen schönen Tag machen.

»Wie geht es deinem Patenkind, dem Björn?«

Björn war in Lisas Alter und sie besuchten dieselbe Schule. Trotzdem hatten die beiden wenig Kontakt miteinander. Ramona nutzte die Chance, um Gertrud über die neuen Noten auf den aktuellen Stand zu bringen, doch sie hörte wieder nur mit einem Ohr zu. Stattdessen starrte sie aus dem Fenster auf die Straße und über den Spielplatz hinunter in das Tal. Bräunlicher Rauch lag über den Dächern.

»Das Backhaus backt wieder«, unterbrach sie ihre Freundin, halb in Gedanken versunken. »Bald gibt es frischen Zwiebelkuchen. Da freue ich mich drauf. Was meinst du, treffen wir uns morgen früh beim Brotkörble zum Frühstück?«

Mit einem Lächeln im Gesicht und der Vorfreude sowohl auf die Pfannkuchen als auch den Zwiebelkuchen legte Gertrud auf.

Das Eigelb war inzwischen verlaufen und hatte sich über dem Teig verteilt. Sie schlug ein zweites Ei hinein und rührte alles gleichmäßig durch. Die Sonne schien durch das Fenster und wärmte ihr Gesicht, als sie das Öl in einer Pfanne erhitzte und kurz darauf drei Löffel von dem Teig hineintropfen ließ. Es zischte und knisterte und sie roch, wie der Duft von gebratenem Fett und Teig in ihre Nase kroch.

Sie summte, schwenkte die Pfanne, wendete den ersten Pfannkuchen und nach einer halben Stunde hatte sie den Inhalt der Schüssel in einen großen Stapel herrlich duftender goldbrauner Pfannkuchen verwandelt. Der Geruch stand nicht nur in der Küche. Das ganze Haus roch danach.

Es war ein Wunder, dass Lisa noch nicht wieder zurückgekommen war und voller Vorfreude auf die Leckereien wartete. Gertrud hätte sie sogar vom Teig naschen oder sie helfen lassen. Sie hoffte, dass sie nicht sauer war wegen ihrer schroffen Abfuhr.

Auf einem Teller legte sie eine der Teigscheiben und streute reichlich Puderzucker darüber.

Mit dem Teller in der Hand stieg sie die Treppe in das Obergeschoss hinauf, blieb vor Lisas geschlossener Tür stehen und klopfte. Gertrud lauschte einen Moment. Kein Laut drang aus ihrem Zimmer.

»Lisa, Kleines? Die Pfannkuchen sind fertig!«