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DER SCHLAECHTER VON CESENA – grausam-mörderische Geschichten erzählt von Nachfahren, erdachten Überlebenden, von Zuschauern und Zeitzeugen, von Beteiligten und Verursachern, von Unbeteiligten, von Fantasten, von vergessenen Leidtragenden, geschrieben nach reichhaltigen und sehr spärlichen Dokumenten der abhängigen oder unabhängigen Berichterstatter, dann zusammengetragen und literarisch frisiert von Walter Stallinger.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2013
Walter Stallinger
– grausam-mörderische Geschichten –
erzählt von Nachfahren, erdachten Überlebenden, von Zuschauern und Zeitzeugen, von Beteiligten und Verursachern, von Unbeteiligten, von Fantasten, von vergessenen Leidtragenden, geschrieben nach reichhaltigen und sehr spärlichen Dokumenten der abhängigen oder unabhängigen Berichterstatter, dann
»Die Geschichte ist nicht viel mehr als eine Aufzählung der Verbrechen, Narrheiten und Unglücksfälle der Menschheit.«
Edward Gibbon
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Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
www.engelsdorfer-verlag.de
eISBN: 978-3-86901-550-7
Nur knappe Worte zur Begleitung
Am 19. Januar 1812
Der 26. Dezember 2204
Anacoana
Genau am 26. April 1986 (in memoriam)
Acteal
Alexandria, 66 nach der Zeitrechnung
Aram
Vor den Toren von Byzanz
Athen, 86 vor der Zeitrechnung
Babylon, 689 vor der Zeitrechnung
Boves
Blut contra Blut
Crécy-en- Ponthieu
Die Dezembertage
Attilas Ende, wahrhaftig nachgezeichnet
Das Maifest 1525 zu Zabern
Bhopal 1984
Dem Traunstein wurde zuviel zugetraut (2060)
1444 bei Warna am Blutig-Schwarzen Meer
Der Hinkende
Choresm 1263
Das wahrscheinlich erste Opfer des Fallbeiles in Köln
»Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen.«
G.E. Lessing
Pipe Alpha 1989
Die Nacht, für die sich der heilige Bartholomäus schämen sollte
»Durch Vernunft, nicht aber durch Gewalt
soll man die Menschen zur Wahrheit führen.«
D. Diderot
Eudoxia
Mijnheer van Graavenacht hat es geahnt – 1883, den Ausbruch des Krakatau (allein 36.000 Tote im Umkreis von 80 Kilometern)
Marcos Beschwerde
Vercellae
San Francisco 2099
Ranavalona aus Madagaskar
»Ersticken wir in uns je die Gewissensqual?
Sie lebt und regt sich, will nicht weichen, ...«
Aus »Unwiderruflich« von Charles Baudelaire
Der Restbestand
Llaima
Konstantinopel 1204
Und dann gab´s den Vatnajökull nicht mehr
Die Konkubine Ta´ki Wu und Pao´ lo (um 1120 v. d. Ztr.)
Das Erdbeben von Lissabon 1755
Der Aufstand der Sepoys, wie ihn der Angestellte der East-Indian-Company Sir Reginald Sutherbees aus Bath erlebte (1857)
»Edel sind wir nicht zu nennen:
Denn das Schlechte, das gehört uns,
Und was andre tödlich kennen,
Das allein vermehrt uns.«
Aus »Paria« von J.W. v. Goethe
Kabul 1842
Der Graf von Armagnac*) und die Armagnacen
K(h)ub(i)lai Khan in China
Der Stedinger
Le Grand Desastre (1812)
Timor-Leste, Bericht einer Augenzeugin vom Massenmord bei Pantemakassar 1985
Als die Kartoffel verfaulte
Der »edle Ritter« von Zenta an der Theiß im Jahre 1697
Aus den Chroniken der Tanganjika-Föderation 2810 bis 2812
Der Schlächter von Cesena
Wie die Stadt Nowgorod moskowitisiert wurde
Alberich
Auch die (West-/Ost-)Goten waren keine Gu(o)ten
Das wirkliche Ende der Goldenen Horde
Der Fund des Arrian
Das Napoleon-Imitat (1862 – 1870) in Südamerika
»Ihre Stirn kränzen Nattern, ihre Augen sind
Weit grausig offen und glänzen blind
Steine fliegen, und Messer blitzen,
Fäuste hämmern, und Quellen spritzen,
Schwarz klaffen Wunden entsetzlich auf!«
Aus »Der Wächter« von Alfons Paquet
Die Templerkolonie in Yucatan
Herbsttod 2001
»Es ist ein gern geglaubter Irrtum,
dass die Liebe den Tod überwindet.«
Ein unbekannter Philosoph
Immer wieder Bangladesh
»Früher oder später, gewiss aber immer wird sich die Natur
an allem Tun des Menschen rächen, das wider sie selbst ist.«
J. H. Pestalozzi
Goncalvo Alecon de Mirador oder der Untergang der Armada
Unsortierte Quellenangabe:
Viele meiner Geschichten verlangen ein wenig historische Vorstellungskraft. Die meisten davon haben einen geschichtlichen Hinter- oder Untergrund.
Sie sind bisher nur nicht so drastisch personifiziert worden. Dadurch werden sie nacherlebbar oder wenigstens begreifbar. Wenn in einer Meldung steht, dass wieder Tausende irgendwo auf unserer Welt verhungert sind oder verschüttet wurden, dann ist das für uns Hörer oder Leser natürlich schlimm.
Wir bedauern das selbstverständlich und sind mindestens betroffen! Wenn jedoch die beste Freundin, der beste Freund, ein Familienangehöriger, ein naher Verwandter darunter gewesen wären, dann erst begreifen und fühlen, verstehen und erkennen wir das ganze Ausmaß des tragischen Verhängnisses.
Die Erbarmungslosigkeit, die Gewalt und die Grausamkeit des Menschen gegen sich selbst »gehen dann unter die Haut«, erhalten eine neue Dimension. Je unpersönlicher ein Geschehen ist, desto weniger kann es uns rühren.
Wir sind immer noch weiter entfernt von Menschlichkeit, als wir glauben.
Kein Lese-»vergnügen«
wünscht der Autor
PS. Manche Kurzerzählung kann dem jugendlichen Leser nicht empfohlen werden, obwohl das natürlich der Leser entscheidet. Ich glaube, dass viele der Kurzgeschichten sich einreihen lassen in die lange Tradition der bitteren, grausamen und auch zynischen
Erzählungen von Bierce, E. T. A. Hoffmann, Villiers de l´Isle – Adam und vor allem von Edgar Allan Poe, dem unerreichten Meister des Wortes und Begründer der schaurigen Kriminalgeschichte.
Im Jahre 2009 jährt sich sein Todestag zum einhundertundfünfzigsten Mal, aber auch sein Geburtstag zum zweihundertsten Mal. Ist das nicht ein bedeutsames Zusammenfallen? Ihm widme ich meine Geschichten.
gelang es den vereinigten britischen, spanischen und portugiesischen Truppen unter dem Befehl des britischen Generals Wellington die heftig umkämpfte Stadt Ciudad Rodrigo einzunehmen. Die französische Garnison kapitulierte schließlich nach erbitterter Gegenwehr.
Nur wenige spanische Zivilisten konnten vor der hereinbrechenden Soldateska aus der Stadt fliehen.
Es gibt keinen Heeresbericht über die Folgen dieser Eroberung, nur Augenzeugen, deren Angaben sich in Archiven da oder dort noch finden lassen. Notierte Befragungen auf losen Blättern.
»Senora Manuela de Sobres da Silva, Sie waren eine der wenigen Bürger, die sich aus der brennenden Stadt retten konnten. Was möchten Sie anzeigen?«
»Senor Colonel! Eine kleine Korrektur: ich war eine der wenigen Frauen, denen die Flucht aus der Stadt gelang. Und nur, weil ich ein Pferd zu reiten verstehe.«
»Senora Manuela de Sobres da Silva, was können Sie uns über das Auftreten der Besetzer sagen?«
»Ich habe jetzt noch das Wimmern der Kinder und die furchtbaren Schreie der misshandelten Frauen in den Ohren. Mit den Männern wurde kurzer Prozess gemacht. Es galt ja kein Schutz, denn die Stadt war erstürmt worden.«
»Haben nicht wenigstens Ihre spanischen Landsleute Erbarmen gezeigt?«
»Nein. In unserem Städtchen haben an die fünftausend Bürger gelebt. Wir sind wohl die letzten.« Manuela de Sobres da Silva wies auf eine Gruppe von fünfzig oder sechzig Frauen, Kindern und Männern, die sich um zwei Pferdewagen und einige daran gebundenen Pferde drängten. »Habt keine Angst mehr,« rief sie, »das sind doch englische Offiziere. Sie nennen sich Gentlemen.«
»Wer eine Tragödie überlebt hat, ist nicht ihr Held gewesen.«
Stanislaw Jerzy Lec
war die Zeit, welche von den Wissenschaftlern genannt worden war. Alle zweihundert Jahre schiebt sich die indisch-australische Platte unter die eurasische Platte. Ein Vorgang, dem man Rechnung tragen musste, trotz aller Beruhigungstheorien.
Die Erde bewegte sich nun einmal mit ihrer Tektonik vor und zurück, darunter und darüber, wie es gerade kam. Abhängig war alles von Einflüssen, welche auch die weit vorangeschrittene Erdbebenforschung nicht beeinflussen konnte. Die Frühwarnsysteme arbeiteten auf Hochtouren und zeigten jede Veränderung mit maximaler Stärke an. Für das System waren alle Bewegungen gleich, ob harmlos, gefährlich oder alles zerstörend.
Kim saß vor dem riesigen Wandschirm und beobachtete mit einem halben Auge diese Linien, die bereits seit zwei Stunden anzeigten, dass sich wieder einmal eine Verschiebung ereignen wird. In knapp sechzig Minuten. Beinahe gelangweilt schaltete Kim den üblichen Voralarm ein, den eigentlich keiner mehr so richtig ernst nahm. In jedem Fernsehsystem, ob privat oder öffentlich, piepte es jetzt mitten im Programm und gleichzeitig wurde das internationale Zeichen für die Erdbebenwarnung eingeblendet: ein Rasterbild von einem auseinanderbrechenden Gebäude. Überall sah man es: in Dahakka, in Mogdischus, Masakati, Djiankarta, Shaonghai, Tokaydo, Maniljam, Bangkakor und in anderen Städten. Der Tag verging.
Meredith, die australische Pilotin des Wasserturbojets der Linie Perth – Calicut, flog bereits seit Stunden nur nach einem verzerrten Satellitensignal. Es kam kein Echo auf die Peilung.
Dieses Mal hatten der Pazifik, der Indische Ozean, das Gelbe Meer und alle anderen Meere in jener Gegend sehr schnell und bedeutend an Fläche zugenommen.
»Nichts wird so leicht für Übertreibung gehalten wie die Schilderung der reinen Wahrheit.«
Joseph Conrad
Bartholomäus de las Casas, einst Gruben- und Plantagenbesitzer, wurde um 1522 ein Dominikanermönch und schilderte seitdem in seinen Chroniken das Elend, welches die Indianer in der Karibik, auf der Insel Cuba und auf der Insel Hispaniola zu erleiden hatten.
Sein »Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder« ist ein einziges Dokument der Anklage. Eine Geschichte darin ist besonders erwähnenswert:
»... der Gouverneur der Insel Hispaniola, er hieß Nicolas de Ovando, erschien bei der Königin Anacoana. Ihn begleiteten sechzig Reiter und dreihundert Fußknechte mit Jagdhunden. Er berief dreihundert der vornehmsten indianischen Herren zu einem Festmahl in eine große Versammlungshütte, um sie dort nach Recht und Sitte zu bewirten. Als die Herren alle im Hause waren, ließ er die Türen und Fenster verstellen und zündete das Haus an. Die einfachen Diener und das gesamte Gefolge wurden niedergemetzelt und nur Anacoana, die Königin, hingen sie »aus Respekt vor ihrem Titel« an einen Galgen. Manche der Spanier wollten wenigstens die Kinder retten, aber andere entrissen sie ihren Händen, schleuderten sie gegen Felsen, hieben ihnen mit Schwertern Hände und Arme ab oder warfen sie einfach den mitgebrachten Bluthunden zum Fraß vor. An die Tausend sind umgebracht worden. Nur wenige konnten auf eine kleine Nachbarinsel fliehen.« Das muss um 1500 geschehen sein.
»Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.«
Voltaire
Dimitri Grigorjewitsch Kosinski, der eigentlich nie erwähnte vierte Assistent des Versuches, blickte wie hypnotisiert auf die Bildschirme. Das Kontrollsystem begann zusammenzubrechen, die Zeiger zu springen, ja, zu hüpfen. Nach wenigen Sekunden schon waren sie über der roten Markierung. Der erfahrene Atomphysiker Chwastunski, gleichzeitig Abteilungsleiter, war doch so zuversichtlich gewesen: Die Fusion muss einfach klappen. Alles stimmt physikalisch und mathematisch. Da werden die in Moskau staunen. Und erst der Westen! Chwastunski, Sergej Alexandrowitsch, erstarrte zur Salzsäule. Er weiß, was geschieht, wenn sich der Reaktor aufheizt. Ist alles x-mal durchgespielt. Am Computer, aber nicht in der Wirklichkeit. Jetzt ist Wirklichkeit. Offensichtlich schmelzen die Brennstäbe. Das Kühlwasser kocht und kühlt nicht mehr. Die kleine Sonne im Reaktor beginnt sich auszudehnen. Die Explosion zerstört das Gehäuse und die entweichende Strahlenmenge breitet sich rasend schnell übers Land aus, immer mit dem Wind.
Am 1. Mai verenden die ersten Rentierherden in Lappland und schon im Herbst fischt man Ostseeheringe mit vier Augen aus dem Meer. Viertausend sollen nur wenige Wochen überlebt haben, so sagt man heute. Damals schwieg die Regierung des Glasnostkämpfers Michail Sergejewitsch eine Woche lang. Sie log, vertuschte, verharmloste und wich allen Fragen aus. Bis heute meiden Kohlmeisen das Gebiet um Tschernobyl und ausgerechnet im Bayerischen Wald wachsen die größten Speisepilze in den strahlendsten Farben. Der GAU1)-»leiter« Chwastunski hätte gewiss eine gute Erklärung dafür, wenn er noch lebte.
»Der Tugend gleich, hat auch Verbrechen seine Stufen.«
Jean Racine
Dieses Dorf in der mexikanischen Region Chiapas wurde 1997 dadurch bekannt, dass 45 Mitglieder der christlichen Vereinigung »Las Abejas« (Die Bienen) auf offener Straße oder in ihren Häusern hingemordet wurden, mit Macheten, Maschinenpistolen und Revolvern.
Das war nicht etwa die staatliche Polizei oder die Armee, denen so etwas zugetraut werden kann, nein, Zivilisten der Organisation OPDIC, so wird es immer noch angenommen.
Die Polizei sah aus 200 Metern Entfernung zu, wie die Menschen hingeschlachtet wurden.
Elisa Maria Gonzalves war eines der Opfer auf dem Markt des Dorfes Acteal. Bis zuletzt redete sie auf einen jungen, vielleicht Zwanzigjährigen ein. »Wir alle hier sind unbewaffnet. Wir wollen kein Blutvergießen. Wir sind nur für eine bessere Welt, in welcher unsere Kinder nicht hungern müssen. Du bist doch auch einer von uns. Selbst unser Bischof Samuel Ruiz hilft uns dabei, denn wir sind keine Zapatistas. Wir haben keine Waffen. Wir sind doch Menschen, die auch ...« Mit hassverzerrtem Gesicht unterbrach der junge Mann Elisas Worte und hieb ihr mit der Machete die Kehle durch.
Ausgerechnet ihm so etwas zu sagen, dem erstgeborenen Sohn des besten Freundes von General Mario Renán Castillo!1)
»Keine Literatur kann in punkto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen.«
Anton Tschechow
1 Beauftragter der mexikanischen Regierung, mit militärischer Gewalt die Region Chiapas zu »befrieden«
Jachim konnte es nicht glauben. Nun sollte doch alles geregelt sein. Die Juden im Delta hatten einige Privilegien ertrotzt. Sogar mit dem Statthalter Tiberius Alexander waren Verträge ausgehandelt worden, die ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von Rom gewährten. Bis auf die Steuern natürlich. Da war Rom unerbittlich. Und jetzt saß ein Bote der jüdischen Gemeindeverwaltung keuchend vor ihm auf einem Sitzstein. »Sie bringen alle um, sie bringen alle um«, wimmerte er. Mehr war nicht aus ihm herauszukriegen. Die ersten römischen Söldner aus Libyen polterten schon ins Haus. Nur wenige Stunden danach war Alexandria »judenfrei«, wie der Schreiber des Statthalters sich ausdrückte. Fünftausend Tote ...
»Das Schreckliche vergisst man, an das Gute klammert sich die Erinnerung.«
Eberhard Panitz
Sie schleppten sich dahin. Er war der vierte in der Reihe. Ganz außen, rechts. Ans Meer ginge es, wurde da und dort geflüstert, nach Trabzon und dann auf Schiffen ab nach Griechenland, vielleicht. Hie und da Kinderweinen, manchmal ein Schuss der Bewacher, der Baschi-Bosuks1).
Die Schlucht, in die er schauen konnte, war bestimmt fünfzig Meter tief, oder gar hundert. So nahe am Kac´kar, dem Dreitausender, kein Wunder. Gestern hatten die Wachmannschaften hinten einen mit dem Gewehrkolben erschlagen, weil er liegen geblieben war. Das passiert eben im Krieg, im Jahr 1916, aber er war noch jung. Er bleibt nicht liegen. Am schlimmsten waren nachts die gellenden Schreie der Frauen, die immer plötzlich abbrachen. Nach einer Weile.