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RUSSISCH RAS DWA TRI, so begann manch schwungvoller Marsch, auf Deutsch auch als im Sauseschritt bekannt. Doch änderten sich die Verhältnisse, so dass die nach wahren Vorbildern gestalteten literarischen Figuren in WALTER STALLINGERS drittem Erzählungsband sich aus der verordneten Masse lösten, turbulent und eigenbestimmt agierend den individuellen Schritt wählten. Der Osten Deutschlands und die zerbröselnde Sowjetunion vor, während und nach der 1989er/90er Wende: Da wird der 8. März noch als Internationaler Frauentag begangen (mit obligatem Blumenstrauß, Tanz und Kollektivbesäufnis), die Reste der legendären gefürchteten Roten Armee gelangen vermittels Schmiergeld in die Hände von Altmetallspekulanten (oder auch nicht), das umfangreiche Gebiet des Neuenburger Flugplatzes soll zu einer steuerlosen Freihandelszone gewandelt werden (welche Entwicklungsperspektiven für Mitteldeutschland wären das gewesen!), andere Völker, andere Sitten – zu Besuch im sowjetmilitärischen Familienalltag ... aber auch Skurriles im ehemaligen Vaterland der Werktätigen: unerlaubte Entfernung aus Moskau und deren drastische Folgen im Milizknast, gewöhnungsbedürftiger Urlaubsalltag in Armeniens Hauptstadt und weshalb ein Studentenwohnheimsbriefkasten brannte ... Geschichten, die nicht nur Geschichte illustrieren, sonders diese lebendig und begreifbar machen; jede ein funkelnder Stein, ergeben sie zusammengesetzt ein pittoreskes Mosaik einer Zeit, als die ungeschriebenen Gesetze des Kapitalismus zu walten begannen, die bestehenden weit ausgelegt werden konnten. Eine Zeit von der es einst sicher heißt: ES WAR EINMAL ...! Walter Stallingers dritter Band zu diesem Thema, ein vierter wurde avisiert!
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Seitenzahl: 109
Veröffentlichungsjahr: 2013
Walter Stallinger
Russisch ras – twa – tri
Erzählungen Band 3
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Gerne zum Dank verpflichtet bin ich wiederum dem Ehepaar Z. aus Meuselwitz, den Herren P., F. und H. aus Altenburg, Frau P. aus Altenburg/Kiew, dem Ehepaar G. aus der kleinen Gemeinde Kriebitzsch, wiederum dem Ehepaar P. aus dem Städtchen Frohburg, einer Dame, die mir aus Anlass einer Lesung in Kohren-Sahlis eine hübsche Geschichte erzählte, einem Herrn, der mir aus gleichem Anlass in Neustadt an der Orla eine Story lieferte. Natürlich danke ich auch Herrn Enrico H. aus Altenburg und Herrn Dr. Stefan D. aus ebenda (dem ich schon im ersten und im zweiten Band danken wollte) und Herbert B., damalig im bundeswehrgrauem Dress, und vielen anderen, die nun nicht mehr in meiner Gegend wohnen und nach Heidelberg oder Lohne und Delmenhorst zurückkehrten. Einen besonderen Dank schicke ich erneut an Herrn Dr. Gerhard Scheidig nach Jena, der einen Großteil der Erzählungen vorab las und an Herrn Lutz Nitzsche Kornel wie seiner Ehefrau Katharina Luft Kornel, die sich Mühe machten, ihre Meinung zu schreiben. Uff, das war’s! Nein, doch nicht ...
Auch meiner lieben Frau Christine möchte ich sehr danken, die mich mit profunden Kenntnissen vom Leben, eben von Marktwirtschaft und Marketing also, unterstützte, manchmal sinnvoll »bremste«, aber immer Verbesserungen zur Hand hatte.
Erneut möchte ich Frau Evelyn Neumann danken für ihre hartnäckige Mühe, aus der Computertechnik das herauszuquetschen, was der Verlag braucht, um ein Buch machen zu können. Meinem Verlag möchte ich schließlich, aber nicht letztlich dafür danken, dass er für mein Geschreibe viel Verständnis aufbringt, alle meine Wünsche beachtet und sogar manchmal vorauseilend geschmackvoll die Form gestaltet.
Genug gedankt jetzt wird gelesen! Und dazu wünsche ich ebenfalls viel Vergnügen.
PS.: Liebe Leserin, lieber Leser! Denk daran: Das beste Mittel gegen graue Haare ist eine Glatze. Ich hoffe jedoch, dass sich niemand graue Haare »anärgert« ...
Im Kreise Neuenburg wie auch anderswo wurde der 8. März gefeiert als der bekannte Internationale Frauentag, der Ausdruck der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit zwischen und von Mann und Frau sein sollte. Leider eben jener Hintergrundgedanke, der von Clara Zetkin vor einem Jahrhundert, genauer gesagt 1910, formuliert wurde, ist in vieler Beziehung verloren gegangen. Manche Betriebsleiter verstanden die Verwirklichung des Zetkinschen Anliegens darin, sich ein Schürzchen umzubinden und den Damen ihres Betriebes oder Unternehmens eine Feier nach Arbeitsschluss auszurichten und dabei höchstderoselbst Kaffee und Kuchen zu kredenzen. Zuvor wurden gleichförmig historisch aufgebaute, also langweilige, Reden gehalten.
Obwohl mit Zitaten aufgepeppt, kühlte doch meistens der Kaffee aus.
Und dann Wein gesüffelt oder ein Likörchen, die Hauskapelle spielte auf. Später folgten Tanzspielchen und die wenigen männlichen Teilnehmer, die von Funktions- wegen anwesend waren, hatten sich nacheinander »abtanzen« zu lassen.
Einige Damen wurden spätabends dann von ihren männlichen Gegenstücken abgeholt, andere zogen als lustig lärmende und fidele Damenriegen nach Haus und alle sagten sie am nächsten Tag: Das war wieder mal ein großartiger Feiertag gewesen!
Nach unserer Wende 1989 wurde der 8. März für ein paar Jahre übergangen. Man schämte sich seiner gewissermaßen und kramte aus der Historienkiste von ganz unten dafür den Muttertag hervor, von dem allerdings wiederum bekannt war, dass ihn die Nazis in ihr Hakenkreuz hineingeflochten haben. Also, das war auch nichts.
Blieb nur der amerikanischenglische Import des Valentinstages als harmlose Würdigung des weiblichen Geschlechts übrig. Aber zu diesem Zweck sollten die Vertreter beider Geschlechter eine Liebesbeziehung hegen oder anstreben ... Und das war wiederum beim vormaligen Feiertag nicht ausgesprochen der Fall. Also kehrten die Blumengeschäfte wieder zum Gehabten zurück. Nur die Betriebsfeiern fielen weg.
Nach dieser ausführlichen Erklärung, was es mit diesem Frauenfeiertag auf sich hat, gedacht natürlich für die jungen und jüngeren Leser, deren Geschichtskenntnisse von PC-Kenntnissen überlagert sind, komme ich in das Jahr 1986.
Auch in Neuenburg gab es diverse Klein und Großfeiern zum 8.März, aber die staatlichen Oberhäupter dieses Landkreises ließen sich dieses Mal etwas Besonderes einfallen: eine Kombinationsfeier von 8.März und Freundschaftstag zwischen deutschen und sowjetischen Frauen. Diese Kombination sollte im Kulturhaus Rausitz erfolgen.
Nun wäre die Frau Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft durchaus in der Lage gewesen, eine russische oder auch deutsche Ansprache zu halten. Aber mit einem Übersetzer an der Seite wird eine solche Feier bedeutend aufgewertet. Und so fiel ein dringender Telefonanruf über mich her, denn alle Kollegen, die ansonsten dafür in Frage kamen, waren krank, feierten selber, fühlten sich nicht wohl, hatten keinen Bock darauf und so weiter.
An einiges schon gewöhnt, sagte ich zu. Die Musik sollte auch besorgt werden. Bitte sehr, kein Problem.
Im geräumigen Saal saßen an der rechten Seite die sowjetrussischen Frauen mit ihren Offiziersmännern und ihnen gegenüber war das Büfett aufgebaut. Wolli, dem Diskotheker, lief das Wasser im Munde zusammen. Das passierte ihm nur, wenn es etwas umsonst zu essen und zu trinken gab.
Dann begann die Phase der Reden, in denen gegenseitig Freundschaft, Achtung, Vertrauen, Brüderlichkeit und so fort erwähnt wurden. Es ging alles rucki zucki und danach kam das Kulturprogramm. Als das Gesinge, Getanze und Gehüpfe vorbei war, drängten sich alle an und um das Büffet. Die ersten Diskoklänge erschallten. Als Dolmetscher wurde ich nun von einem Platz zum anderen gereicht, musste Fragen beantworten, die ich eigentlich nicht richtig beantworten konnte, hatte Tischreden zu übersetzen, die natürlich immer mit einem kräftigen Schluck beendet wurden. Dann wagten sich doch die ersten Offiziersfrauen aufs Parkett. Gerade da passierte es, dass Diskotheker-Wolli im Überschwang seiner Beflissenheit einen Kasatschok herausgekramt hatte. Den ließ er auf die Leute ab, an der Stelle eines gängigen Dieter-Bohlen-Titels. Prompt tauchten ein paar Leutnante auf der Tanzfläche auf und begannen mit ihren Hüpfschritten das Parkett zu bearbeiten. Dann folgte ein ukrainischer Hopak und das Parkett hatte ein paar Späne weniger. Die Gespräche wurden lauter. Jetzt kamen die intimeren Fragen dran, die ich natürlich auch zu übersetzen hatte. Zum Beispiel, warum viele Frauen in der Sowjetunion immer rot gefärbte Haare trügen ...
Das hängt mit dem natürlichen Färbemittel »Chna«, dem im Orient bekannten Henna zusammen, außerdem, kicherten die Russinnen, sollen rote Haare Temperament andeuten.
»Wir gehen da doch lieber zum Friseur«, meinten die deutschweiblichen Teilnehmer und kicherten ebenfalls.
Beide Seiten fanden das prima. Dann kam eine komplizierte Frage nach den teuerer gewordenen Erdöllieferungen. Die Antwort kam prompt, aber sehr verwirrend: Weil nicht genug gefördert werden kann, weil die Technik das nicht erlaubt, weil nicht genügend Fachleute vor Ort sind, weil die internationalen Preise so angestiegen sind, weil die DDR ja nicht in Dollars bezahlen kann, sondern nur in den sogenannten Verrechnungs-Rubeln. Aha! Das ist ja nur eine theoretische Größe, dagegen die Dollars, ja die sind schon recht handfest ... Und dann wurde die Rocklänge diskutiert, da war es auch schon Zeit, die Veranstaltung zu beenden. Denn wenn man bei der Rocklänge ist, dann ist ja bekanntlich die Unterwäsche nicht mehr weit und das war nicht im Sinne der Veranstaltungsleiterin. Die »Moskauer Abende« und der Song vom »Dschingis Khan« begleiteten die Gäste aus dem Saal und auf die oder in die jeweiligen Transportmittel. In wenigen Minuten war der Spuk vorbei und der Leiter dieser Kultureinrichtung betrachtete sehr sorgenvoll das erst vor kurzem reparierte Parkett. Wolli meinte beim Zusammenpacken der Disko-Technik, dass solche Veranstaltungen doch recht passabel wären. Er hatte schließlich nicht viel zu tun gehabt. Nur ich bin von Platz zu Platz gehüpft wie ein Känguru.
Dann überreichte ich ihm die sehr leicht verdiente Gage, nahm mir aus dem Umschlag ein Trostpflaster von 20 »Emmchen« und Wolli zählte und zählte und begann zu strahlen. Schließlich wollte er mir noch 10 Mark aufdrängen und ich nahm sie zu seiner Enttäuschung.
Dolmetscher oder Übersetzer werden bis zum heutigen Tag nicht angemessen honoriert.
Gabriele Berthel sagte einmal: »Ferkel finden alles zum Quieken«.
Im Tagebuch der Brüder Goncourt hingegen findet man folgenden Gedanken: »Man soll an einem Tag nie mehr erleben, als man aufschreiben kann.«
An irgendeinem Vorabend war es der zum Ersten Mai oder zum Siebenten November lernte ich Gennadij, den Oberleutnant der Raketentruppen auf dem Flugplatz Neuenburg beziehungsweise im Launawald kennen.
Das heißt, wir saßen an einer festlich gedeckten Tafel im Ratskeller-Bürgerzimmer der Stadt Neuenburg nebeneinander und ich war seiner Frau und noch einigen Pärchen als »Unterhalter« und Dolmetscher zugeteilt worden. Es waren wohl sechs oder sieben solcher Dolmetscher zugange, aber mir waren die unteren Chargen vorbehalten. Wie sich das gehörte, denn zu den oberen und obersten Stadthäuptern hatte ich keinen Draht, wie man so sagt. Heute wie damals...
Nun, je höher die Funktion, desto langweiliger war die Unterhaltung, desto belangloser und glatter erfolgte der Austausch von Worthülsen.
Bei den niederen Chargen gab es doch hie und da ein paar offene Worte. Hier wurde geredet, um etwas zu sagen.
Gennadij und seine Frau Irina waren sehr sympathisch und ich lud beide spontan in unsere Neubauwohnung von etwas über 40 Quadratmetern ein. Meine Frau war nicht sehr erbaut davon, als sie die Sache am nächsten Tag tröpfchenweise mitgeteilt bekam, aber ich wiegelte ab: Die kommen sowieso nicht.
Misstrauisch und nur halb meiner Aussage vertrauend, kaufte sie nur für alle Fälle die üblichen Wurstwaren ein, ergatterte sogar ungarische Salami und einen mittleren Lendenbraten vom Schwein. Die Fleischersfrau verkaufte ihr den Braten mit viel Kommentaren über die Schwere der Zeit und die Aufdringlichkeit mancher Kunden. Nun, dafür war ja auch der Preis nicht von Pappe. Das Gemüse, jahreszeitlich bedingt, und Kartoffeln gab es genug. Schon einen Tag darauf bekam ich einen Anruf ins Sekretariat meiner Schule und mir wurde mitgeteilt, dass mich ein Russe zu sprechen wünsche. Er hätte gesagt: Ich wunsch Waltjer zu Tjelefon, biete.
Das konnte nur Gennadij sein, denn er war einer der wenigen, die meinen Vornamen kannten. Die Sekretärin hielt mir den Hörer hin, als wäre er eine Giftschlange und schürzte herablassend ihre Lippen. Na ja, ein Russe will den anderen sprechen... Sie hatte ihr Problem mit der Freundschaft, denn ihre Mutter stammte aus Westpreußen und der wäre von den einmarschierenden Sowjettruppen nicht viel Gutes widerfahren, eher sehr viel Schlechtes. Selbst bei unpassenden Gelegenheiten hielt sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, auch wenn der Direktor sich dann immer erschrocken umsah und deutlich »Pst! Pst!« machte. Da und dort bekam ich auch etwas von ihrer Ungnade ab, weil ich die Sprache dieses »ostslawischen Steppenvolkes« sprach. Ich konnte ihr beim besten Willen nicht bis zu dieser Position folgen, obwohl natürlich auch meine Familie bestimmte Erfahrungen hatte, aber das ging den Frauen und Mädchen im Rheinland und in Heidelberg mit den Franzosen, Marokkanern und Algeriern auch so oder den Frauen und Mädchen als »Frauleins« mit den Amerikanern in München. Nur den Engländern war der Umgang mit Deutschen auf diese oder andere Weise nicht gestattet, sogar strengstens verboten gewesen. Später lockerte sich das Verhältnis hüben wie drüben, nur bei den Russen war und blieb es kompliziert.
Gennadij teilte mir schnoddrig durchs Telefon mit, dass seine Frau Irina und er gedenken, meine Einladung am heutigen Tage wahrzunehmen. Er würde gegen zwanzig Uhr (er sagte dwadzatj nolj nolj) vor unserem Haus sein. Im abgedunkelten Jeep.
Wir »erstellten« ein schmackhaftes Abendmahl. Nicht ein solches wie der da Vinci, denn es sollte kein letztes sein und dann passten auch nicht so viele in unser Schließfach, sprich Neubauwohnung.
Lendenbraten mit echten Thüringer Klößen und Bayrisch Kraut, das einzige Zugeständnis an den westlichen Teil Deutschlands war das Kraut. »Apfelmus gibt es zum Nachtisch mit Schlagsahne aus dem Delikat-Laden und dann noch eine Runde Mona (eine Kaffeesorte, die es jetzt auch wieder gibt)«, so die Hausfrau.
Vielleicht schaffe ich noch Vanille-Kipferln, sinnierte meine Frau weiter und machte sich ans Werk, den Speiseplan mit Leben zu füllen.
Um 20 noljnolj herzliche und lautstarke Begrüßung und Gennadij zog eine Flasche des berühmten Wässerchens, auch stolitschnaja genannt, hervor. Der Toast ging auf das Gelingen des Abends. Sie hätten nur zwei Stunden Zeit, da wird nicht getrödelt, meinte Irina. Einszweidrei waren Fleisch und Kraut verputzt. Nur mit den Klößen lagen wir daneben. Dafür aßen sie eben Brot, was nicht so besonders war, aber immerhin... Vom Apfelmus aßen sie alles, natürlich die Schlagsahne und im Tiefkühlfach fanden sich noch vier Portionen Eis. Anschließend entwickelte sich ein hintersinniges Frage und Antwortspiel.
»Was sammelst du? Bist du an Geld interessiert? An Edelsteinen? Oder an Teppichen und Kunstgegenständen?«
»Was soll ich damit! Das einzige, was ich sammle, das sind Bücher ...«
»Aber Bücher haben doch nur nationalen Sammelwert und sind international wertlos.«
»Na und? Sind wir vielleicht international?«