Der Schnürlsamt - Peter Golmayer - E-Book

Der Schnürlsamt E-Book

Peter Golmayer

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Beschreibung

Trostlose Novemberstimmung im nebelverhangenen Hausruckviertel. Ein Mann wird in einem Schuppen in dem kleinen Dorf Obermühlau, das zur Gemeinde Ottnang am Hausruck gehört, erhängt aufgefunden. Durch die genaue Beobachtung des diensthabenden Bereitschaftsarztes Gregor Hubmann, der die Totenbeschau durchführen muss, ist schon bald klar, dass es sich um einen vorgetäuschten Selbstmord handelt. Doch wer könnte an dieser Tat Interesse haben? Der ermittelnde Polizeiinspektor Friedrich Lamm müht sich, mangels eindeutiger Beweise, nur zögerlich voran, bis schließlich ein kleiner Gegenstand den Kriminalfall aufzulösen scheint. Dieser Roman ist nicht einfach nur eine Kriminalgeschichte, er ist eine facettenreiche Erzählung über das Leben mit all seinen menschlichen Wegen und Irrwegen.

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Seitenzahl: 148

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Trostlose Novemberstimmung im nebelverhangenen Hausruckviertel. Ein Mann wird in einem Schuppen in dem kleinen Dorf Obermühlau, das zur Gemeinde Ottnang am Hausruck gehört, erhängt aufgefunden. Durch die genaue Beobachtung des diensthabenden Bereitschaftsarztes Gregor Hubmann, der die Totenbeschau durchführen muss, ist schon bald klar, dass es sich um einen vorgetäuschten Selbstmord handelt. Doch wer könnte an dieser Tat Interesse haben? Der ermittelnde Polizeiinspektor Friedrich Lamm müht sich, mangels eindeutiger Beweise, nur zögerlich voran, bis schließlich ein kleiner Gegenstand den Kriminalfall aufzulösen scheint.

Dieser Roman ist nicht einfach nur eine Kriminalgeschichte, er ist eine facettenreiche Erzählung über das Leben mit all seinen menschlichen Wegen und Irrwegen.

Peter Golmayer, 1976 in Salzburg geboren, studierte Medizin in Graz. Er lebt mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Wolfsegg am Hausruck, Oberösterreich.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

n-u-1-1

e-i-n-s

z-w-e-i

d-r-e-i

v-i-e-r

f-ü-n-f

s-e-c-h-s

s-i-e-b-e-n

a-c-h-t

n-e-u-n

z-e-h-n

e-l-f

z-w-ö-l-f

d-r-e-i-z-e-h-n

v-i-e-r-z-e-h-n

f-ü-n-f-z-e-h-n

s-e-c-h-z-e-h-n (Sonntag, 28. Oktober)

s-i-e-b-z-e-h-n

a-c-h-t-z-e-h-n (1. November, Allerheiligen)

n-e-u-n-z-e-h-n

z-w-a-n-z-i-g

e-i-n-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g

z-w-e-i-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g (l0.November)

d-r-e-i-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g

v-i-e-r-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g (einige Tage später)

f-ü-n-f-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g

s-e-c-h-s-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g

s-i-e-b-e-n-u-n-d-z-w-a-n-z-i-g

Epilog

Fröhliche Utopie verschlingt Freude und Hass,

Gedankengut der großen Welt, klein gemacht, fordert

mich täglich zum Aderlass.

Formst du schon wieder diese wirren Gedanken –

Frage?

Die Ortsnamen, die in diesem Roman erwähnt werden, entsprechen realen Ortschaften in den Gemeinden Ottnang und Wolfsegg am Hausruck. Die Schauplätze sind teilweise, die Handlung sowie alle auftretenden Personen zur Gänze vom Autor frei erfunden und haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Prolog

„Die Dinge sind nicht so wie sie scheinen, das war schon in der Vergangenheit so und gilt auch für die Zukunft“.

Mit diesen Worten verabschiedete sich der `Todesengel´ von Holzleithen nach sechzig Jahren Ehe von seiner Frau und fiel in einen tiefen, seligen Schlaf.

Schon wenige Wochen zuvor hatte ich die Fähigkeiten des `Todesengels´ scheinbar übertragen bekommen, was mich selbst nicht weiter beunruhigte. Aber wie schon viele Jahre zuvor hatte meine Umwelt größere Probleme damit, weshalb ich mein Geheimnis für mich behalten sollte – bis zum heutigen Tag.

Ich habe oft versucht mich in meinen Großvater, Franz Kerbler, von dem ich erzählen werde, zu versetzen, aber über manche Dinge, so denke ich, die einem selbst nicht widerfahren sind, lässt sich schwer urteilen.

Meine Mutter hat die Ereignisse noch sehr dramatisch in Erinnerung. Sie musste zusehen, wie nach und nach unsere Familie zerbrach und Todesfälle eintraten, die vermeidbar schienen.

So stellt sich für mich nun die Frage, ob es wirklich so kommen musste?

Wir kennen viel zu wenig von dieser Welt und scheinbar Offenkundiges versickert genauso rasch im Morast der geglaubten Wahrheit, wie stets Verborgenes plötzlich offen daliegt, wie ein aufgeschlagenes Buch im Schimmer der ersten Sonnenstrahlen des angebrochenen Tages.

Ich werde nicht lange verweilen in den Worten, die es uns so schwer machen Geschehenes wirklich zu begreifen, aber wir müssen lernen, dass es unser einziges Werkzeug für diesen Zweck ist, sofern wir weiterhin darauf bestehen, nur rational erklärbare Fähigkeiten wirklich als Fähigkeiten gelten zu lassen.

Diese Geschichte aus meinem Leben will nicht belehren und will nicht urteilen. Sie soll uns nur ein Stück näher führen an unser eigentliches Leben, uns näher bringen an die geglaubte Hoffnung der Gerechtigkeit und uns darin bestärken, dem Leben mit offenen Augen und offenem Herzen zu begegnen und nicht jedes Hindernis als unausweichliches Schicksal hinzunehmen, aus dem es kein Entrinnen gibt.

n-u-l-l

Das anmutig verspielte Tänzeln der ersten Sonnenstrahlen im nebelverhangenen Hausruckwald lässt Franz Kerbler inmitten eines magischen Kaleidoskops versinken, das mit vehementer Eindringlichkeit versucht ihm die Glückseligkeit des Daseins nahe zu legen; dass es für ihn keinen Sinn mehr im Leben gibt, was nicht an den Schmerzen liegt, die ihn nun bei jedem Tritt am holprigen Forstweg an sein fortgeschrittenes Alter erinnern, lässt sich dadurch auch nicht verhindern.

Seine Beine, die ihm wie unnütze Klumpen vorkommen, und deren einzige Aufgabe nur noch zu sein scheint, ihn annähernd als Mensch erkennen zu lassen, schleppen ihn zögerlich am Forstweg voran. Immer wieder spürt er, wie sich einzelne Steine, gelockert von vorangegangenen Tritten anderer Waldbesucher, unter seinen Schuhen lösen und hinter ihm ein kurzes Klappern erzeugen. Seine Weste, die er zu Hause immer fein säuberlich im alten Bauernschrank aufbewahrt, hängt schlaff von seinen Schultern und er kann sich nicht entschließen sie auszuziehen, obwohl ihm die Anstrengung des Marsches zunehmend den Schweiß aus den Poren treibt.

Er zerrt ungeschickt an seiner blauen Arbeitshose, die schon etliche Flickstellen aufweist und dadurch an eine unangenehme Hautkrankheit erinnert. Endlich löst sich der feuchte Stoff weit genug von den Kniekehlen, und er kann sich zur Rast auf einen Holzstapel am Wegrand setzen. Mit der linken Hand hebt er seinen Hut; am Hinterrand der Krempe hängen einige Stofffransen wie feine Härchen herab. Die rechte Hand streift durch das schweißnasse Haar. Für einen kurzen Moment hält er inne - und schließt die Augen.

„Dieser Mistkerl“, haucht er mit schwacher Stimme.

Kopfschüttelnd zupft er an seinen struppigen Brauen, die wie zwei breite, bedrohliche graubraune Balken über seinen Augen hängen. Tiefe Falten kerben seine Stirn, der Schweiß zeichnet fein glänzende Streifen. Mit seinen groben, verschwielten Händen formt er ein kleines Dreieck vor seinem Gesicht.

„Dieser Mistkerl!“.

Aus den Wunden der Fichtenstämme, dringt reichlich Harz; ein angenehmer Duft verbreitet sich. Seine Hände streifen neben den Oberschenkeln tastend über die Rinde. Er spürt die schuppenartige Oberfläche mit ihren tiefen Kerben und dem gelben Blut dazwischen. Die Augen hält er noch immer fest verschlossen; er verbietet sich einen zu tiefen Blick in die Seele des Waldes.

e-i-n-s

Annas Hände graben sich tief durch den Teig. Ihre Finger sind feingliedrig und zart, keine Hände einer Bäuerin, darauf legt sie wert. Ihren geflochtenen Haarzopf hat sie traditionell hochgesteckt, schließlich ist heute ein Feiertag. Die Schürze zeigt eine feine Schicht Mehlstaub.

Timi, die Katze, tänzelt anschmiegsam um ihre Beine.

„Hast eh grad dein Fressen g´habt, lästiges Vieh“, schimpft Anna.

Sie schlüpft aus ihrem Hausschuh und schiebt die Katze beiseite. Timi heißt eigentlich Timna, eine äußerst intellektuelle Bauernkatze - dunkel gescheckt in vielen braun-, grau- und beige-weißen Tönen; selten diese Farbmischung; das Gesicht schlau und zur Hälfte hell.

Teig klebt an Annas Fingern, sie muss Mehl nachgeben. Behände knetet sie weiter und weiter. Richtig durchkneten müsse man einen Germteig, hatte schon die Großmutter gesagt und dann kräftig abschlagen, das gehe nicht ruck zuck. Sie schaut zu ihrer Tochter.

Theresa sitzt am Küchentisch, über ihr die alte Bauernlampe mit der schweren gusseisernen Halterung, die kunstvoll geschwungen in alle vier Himmelsrichtungen zeigt. Sie rechnet. Dritte Klasse Volksschule, da wird das Rechnen schon fleißig geübt. Sie hat ebenfalls eine Schürze umgebunden, mit roten Trägern und einem fein karierten Muster an der Vorderseite. Sie möchte ihrer Mutter beim Backen helfen, doch zuerst muss sie noch fertig rechnen.

Der Holzofen in der Küche knistert. Eine wohlige Wärme strahlt in den Raum. Der Blick der Mutter trifft sie, wie eine kurze Berührung – eine kleine Ermahnung. Theresa muss ein Scheit nachlegen, denn die Hände ihrer Mutter sind voll Teig. Sie geht zum Herd, kniet sich nieder und öffnet die kleine Ofentür. Der Griff ist heiß. Sie hat bereits den Schutzhandschuh übergezogen, als sie ein Scheit aus der Mauernische neben dem Ofen herausnimmt, in der das Holz, sorgfältig geschlichtet, bereit liegt. Es ist Fichtenholz, das weiß Theresa schon. Sie hat zugesehen, wie ihr Onkel Thomas, der Bruder ihrer Mutter, die Stämme vor zwei Jahren aus dem Wald geholt hatte, mit dem Massey Ferguson Traktor; den Namen des Traktors konnte sie schon mit sieben Jahren richtig aussprechen. Da freute sich ihr Onkel, der dann mit der Motorsäge die Holzstämme in gleichmäßige Stücke gesägt und mit dem Holzspalter die Scheite gemacht hat. Theresa hat beim Aufschlichten des Holzes mitgeholfen; zwei ganze Stunden hat sie geholfen und ihr Onkel Thomas hat sie recht gelobt, das weiß sie auch noch.

z-w-e-i

Hartnäckige zwei Wochen hängt der Nebel schon unbarmherzig über dem Land, als dürfte er seine junge Brut dem direkten Sonnenlicht nicht preisgeben, ein dichter Schleier, hinter dem die Liebste sehnsüchtig auf den ersten Hochzeitskuss wartet.

Franz Kerbler bewohnt mit seiner Frau ein Auszugshaus auf einem Hof in Obermühlau, der von seiner verwitweten Tochter Anna und seinem Sohn Thomas bewirtschaftet wird. Ein alter Bauernhof in einem kleinen oberösterreichischen Dorf knapp unterhalb der Baumgrenze eines nach Osten hin abfallenden Ausläufers des Hausruckwaldes. Wenige Einfamilienhäuser liegen sorglos vermischt unter den geschichtsträchtigen Höfen.

Die Dorfstrasse formt einen verzerrten Kreis, als ob das Rad der Zeit durch ein all zu einseitiges Ziehen unwuchtig geworden wäre. Zahllose alte Obstbäume reihen sich entlang der Strasse oder liegen verstreut zwischen den Gebäuden; mit krummen Stämmen und noch viel krummerem Geäst. Nussbäume, die im Sommer großzügig Schatten spenden, für die hitzigen Köpfe der Dorfbewohner, gibt es nur noch wenige.

Nordwestlich am Rand des Dorfes grenzt ein Dammwildgehege unmittelbar an den Waldrand. Es ist von Trampelpfaden durchzogen, die einer ungeahnten Symmetrie folgen.

Am Morgen hatte er gespürt, entfliehen zu müssen. Ein unbändiger Drang, dieser grauen Tristesse für einen Moment zu entkommen, war in ihm erwacht. Gleich nach dem kargen Frühstück zog Franz Kerbler die blaue Arbeitshose an, schlüpfte in die alten, ausgebeulten Wanderschuhe, von denen sich schon die Sohle abzulösen begonnen hatte, griff nach seinem Hut und legte den Walkjanker mit den Knöpfen aus Hirschgeweih über den Arm.

Er fuhr den alten, klapprigen, blaugrünen Suzuki aus der Garage, den letzten treuen Begleiter an seiner Seite und machte sich auf den Weg hinauf nach Wolfsegg, das zehn Minuten entfernt von Obermühlau liegt.

Die Fahrt verging rasch und ohne Gedanken und als er im Ort ankam, war dieser beinahe noch menschenleer. Vereinzelte Frühaufsteher schienen sich ziellos zu begegnen und während sich ihre Hände noch tief in den Hosentaschen vergruben, suchten sie unbeholfen nach den ersten Worten des Tages.

Er drosselte die Geschwindigkeit und ließ seinen Blick über den Marktplatz schweifen, von Fenster zu Fenster, von Tür zu Tür. Er stellte sich vor, wie trockene Münder den ersten tiefen Atemzug im neu angebrochenen Morgen wagten und sich müde Arme vereinzelt in die Luft reckten. Dann krochen nach und nach träge Gestalten aus den Betten, die mit ungelenken Bewegungen begannen, das Frühstück zuzubereiten. Bettwäsche wurde aufgeschüttelt, Fenster aufgerissen; Kaffeemaschinen verbreiteten ihren tosenden Lärm und vertrieben die letzten verborgenen Träume der vergangenen Nacht.

Er stellte sich auch vor, wie die ersten Belanglosigkeiten zu Streit führten, wie Erinnerungen an vergangene Gehässigkeiten von neuem aufkeimten und den Nektar für die nächsten Runden des ewigen Kampfes zwischenmenschlicher Uneinigkeiten spendeten. Erste verstörte Kindergesichter, die Schutz hinter vorgehaltenen Händen suchten, rieben sich die letzten friedlichen Reste des Traumsandes aus den Augen, den ihnen der Sandmann am Abend zuvor mit größter Sorgfalt einstreute, um ihnen so eine behagliche Nacht zu bereiten.

Er hörte nicht wie The Base eine sanfte Morgenmelodie anstimmten und ein Liebespaar eng umschlungen eine Verlängerung des Glücks suchte.

Die Mariensäule am Ende des Marktplatzes ließ ihn seine Aufmerksamkeit wieder auf die Strasse lenken; gerade als er in die Richtung des Ortsteils mit dem eigenwilligen Namen Kohlgrube, abgezweigt war, verschwand das Denkmal aus seinem Augenwinkel. Das Rattern des Wagens durchzog ihn mit einem kräftigen Vibrieren, das am stärksten vom Ganghebel über seinen rechten Arm bis zur Schulter zu spüren war. Den Kopf wiegte er monoton hin und her, während er ständig die Nase rümpfte, um seiner rutschenden Brille neuen Halt zu geben. Das Radio blieb stumm und der Rückspiegel verlor die Mariensäule hinter der letzten Kurve aus seinem rechteckigen Sichtfeld.

Alsbald hatte er den Ortsteil Kohlgrube erreicht. Beim Cafe Globetrotter, einem Gasthaus, das mit seinem Namen dem Ort einen vermeintlich internationalen Charakter verleihen sollte, hielt er das Auto zwischen zwei verblassten Markierungsstreifen, die im groben Asphalt des Parkplatzes versanken, an. Durch die Windschutzscheibe sah er zu dem alten, gemütlichen Gastgarten, der sich hinter dem blassgrünen, mit prächtigen Blumen geschmückten Gebäude, verbarg. Nicht weit davon lag der Gemüsegarten, der bestimmend für die saisonale Küche war.

Er stieg aus; die Autotür schloss mit einem energischen Aufschlag, der ungewohnt hart die Morgenstille durchbrach. Er überquerte die Gemeindestrasse, versicherte sich mit mehreren Blicken zu beiden Seiten, kein Auto kommen zu sehen, obwohl er genau wusste, dass sich kein Fahrzeug näherte und zog hinter den gegenüberliegenden Häusern, vorbei am ehemaligen Badehaus der Kohlebergarbeiter, weiter zum Waldrand.

Der Anblick der mächtigen Bäume zwang ihn kurz stehen zu bleiben. Das Betreten des Waldes kam ihm, trotz seiner regelmäßigen Wanderungen, wie der Eingang in eine andere, teils befremdliche Welt vor.

Sein Morgenmarsch führte ihn in Richtung Höhenweg, ein Weg der sich, wie ein Strich gegen die Fellrichtung einer Katze, über das Rückgrat des Hausrucks zieht. Ein beschwerlicher Anstieg, der ihn immer wieder zu Pausen zwang. Die Beine, die Luft, der Kopf, alles schien ihm schwer.

Auch im Wald herrschte anfangs noch dichtester Nebel.

d-r-e-i

Die Glut treibt kräftig ihre Wärme durch die Ofentür; wie Lava, denkt Theresa, echte Lava in unserem Küchenherd. Die Glut wandert in ihre Augen und wirft einen diabolischen Ausdruck auf ihr Engelsgesicht. Sie legt das Holzscheit rasch hinein, es fängt gleich Feuer. Sie schließt die Tür, geht zurück zum Tisch und rechnet weiter.

„Vierzehn mal zweiundfünfzig ist“, sie überlegt, und schreibt.

„Siebenhundertachtundzwanzig!“.

Theresa spricht gerne beim Rechnen, sie rechnet gut.

An ihrem rechten Unterarm bemerkt sie eine lange Rußspur.

„Die muss vom Schutzhandschuh kommen“, denkt sie.

„Mama mag es nicht, wenn der schwarze Ruß in die Schulhefte kommt.“

Theresa steht gleich auf und verlässt die Küche, in der sich der Geruch des Germteigs bereits ergiebig ausbreitet.

Sie geht ins Bad. Der Fliesenboden dort ist kalt. Überhaupt ist es oft kalt im Bauernhaus, darum hilft Theresa der Mutter gerne in der Küche; in der Küche ist es immer schön warm. Im Bad dreht sie den Wasserhahn auf, bis ein kräftiger Strahl ankommt, dann schrubbt sie fest mit der Hirschseife an ihrem Unterarm. Die Seife beginnt zu schäumen. Mit dem Zeigefinger tupft sie auf den Schaum bis sich kleine Seifenblasen abheben; sie mag den Schaum und die Seifenblasen von der Hirschseife. Ihr Blick wandert hoch zum Spiegel. Der Sprung in der rechten oberen Ecke ist etwas länger geworden. Vermutlich sollte sie nicht mehr mit dem Finger dagegen drücken. Ihre Augen stellen sich auf die Mitte des Spiegels ein. Ein schwarzer Wuschelkopf mit Stupsnase schaut ihr entgegen. Theresa zählt ihre Sommersprossen. Es sind fünfzehn. Sieben Dunkelbraune, vier Hellbraune und vier Halbe, nur an der Nase, sonst hat sie nirgends welche. Die Lampe hinter der Mattglasscheibe über dem Spiegel flirrt; ein unnatürlicher Moment.

Unbeirrt trocknet Theresa ihre Hände ab, klopft mit dem Finger kurz gegen die Nase, als wolle sie die Sommersprossen abschütteln und verlässt das Bad. Der Fliesenboden im Vorraum ist noch immer kalt. Das Hirschgeweih über der Eingangstür beängstigt sie. Theresa hat oft Angst im Bauernhaus, es sind so viele Geräusche, die sie nicht zuordnen kann. Alleine mag sie gar nicht im Haus sein, da ist sie sogar über ihren Bruder Albert froh.

Vom oberen Stock des Hauses drängt sich der Klang seiner Trompete herunter. Er übt fleißig auf seinem Instrument, nicht so nachlässig wie sie; aber Theresa würde auch lieber in die Trompete prusten, als sich mit der Querflöte zu plagen. Sie überlegt kurz, über die Holztreppen zu Alfred hinaufzuknarren, um ihn absichtlich beim Üben zu stören, entschließt sich aber, wieder zurück in die Küche zu gehen.

Die alte Holztüre quietscht beim Schließen, und sie muss sie fest mit beiden Händen gegen den Türstock pressen, bevor sie die Schnalle loslassen kann. Der Vater - als er noch da war - hat die Tür immer gut eingestellt und die Scharniere geölt, damit sie auch die Kinder ohne Schwierigkeiten auf und zu machen konnten.

Theresa setzt sich wieder an den Tisch und schaut zu ihrer Mutter.

v-i-e-r

Als Franz Kerbler die Augen, auf den Baumstämmen sitzend, wieder öffnet, beginnen vereinzelt Sonnenstrahlen, breite Streifen innerhalb der hoch gewachsenen Bäume zu fächern. Zwischen den sich konisch verjüngenden Kronen der Fichten, erkennt er erstmals das Blau des Himmels durch die auflockernden Nebelschwaden schimmern. Mit dem alten, löchrigen Stofftaschentuch, in dem an einer Ecke mit blauem Garn unverkennbar seine Initialen eingestickt sind, wischt er den Schweiß aus seinen brennenden Augen und trocknet die Stirn.

Am Waldboden entstehen kleine Lichtflecken. Durch die aufgerissenen Nebellöcher drängen begehrlich die Strahlen der Herbstsonne hindurch. Leuchtend grüne Moosfelder, wie silbrig glänzende Samtbetten. Lichtseen bilden sich.

Er erinnert sich an einen Traum der letzten Nacht. Verlassen steht er vor einem Bergsee. Verspielt durchziehen kleine Wellen das Wasser. Die Sonne steht hoch, keine Wolken; dennoch ist alles trüb.

Er betastet mit seinen Zehen das Nass, jede Berührung erzeugt einen kalten, eigenwilligen Schmerz. Dennoch kann er nicht aufhören; immer wieder taucht er seine Zehen in das Wasser.

Plötzlich beginnt sein linkes Bein sich zu verändern, es verliert seine blassrosa Farbe und wird dunkler und dunkler, sodass er es kaum noch von der tiefgrünen Wasseroberfläche unterscheiden kann. Schließlich beginnt es aufzubrechen, stirbt einfach ab und bröckelte auseinander; löst sich in Nichts auf.

Unmittelbar danach wechselt der Ort; scheinbar vertraut und doch von einem gewissen Unbehagen begleitet. Da liegt er in einem Bett, ohne Bein, bis zum Knie. Am Boden krabbelt Ungeziefer, hässliche schwarze Kakerlaken, die aus Mauernischen hervorkriechen. Wie ein alter Seemann springt er hoch, in dem Zimmer herum, ist auf einmal mit einem Holzbein ausgestattet und versucht darunter das Ungeziefer zu zertrampeln; vor dem knackenden Geräusch schaudert ihn jetzt noch.

Als müsste er hartnäckige Reste dieses Traums, die sich in den Stoffen seiner Kleidung festgehakt haben, abschütteln, wird sein ganzer Körper von einem kurzen Zucken durchzogen.

Die Sonne wird immer intensiver. Die letzten verbliebenen braunen Blätter, der im Wald eingestreuten Laubbäume, erhalten einen bronzenen Glanz. Kahle Baumstämme stehen als Skelette dazwischen, von den Seiten recken sich dürre Äste.