Der schwarze Turm - P. D. James - E-Book

Der schwarze Turm E-Book

P. D. James

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Beschreibung

Jetzt schon ein Klassiker des englischen Kriminalromans: P. D. James‘ Reihe um den genialen Commander Adam Dalgliesh Nachdem Commander Adam Dalgliesh sich schon unter den Todgeweihten sah, überlegt er ernsthaft, seinen Job an den Nagel zu hängen. Auf Einladung eines väterlichen Freundes fährt er in ein idyllisch gelegenes Sanatorium im englischen Dorset, um sich zu erholen und etwas Abstand zu gewinnen. Doch bei seiner Ankunft wird ihm mitgeteilt, dass sein Freund verstorben sei. Es bleibt nicht bei diesem einen »natürlichen Todesfall« in dem seltsamen, von schrulligen Angestellten bevölkerten Heim, und schon bald schlagen Dalglieshs kriminologische Instinkte gegen seinen Willen Alarm. Natürlich kann der Commander nicht widerstehen, die Ermittlungen aufzunehmen ... Band 5 der Reihe um Commander Adam Dalgliesh. »Die Kunst, die Psyche ihrer Romanfiguren tiefsinnig auszuleuchten, beherrscht P. D. James virtuos, und so gerät das Detektivspiel in der kargen Landschaft von Dorset dem Leser zu einem prickelnden Vergnügen.« Mannheimer Morgen

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 560




P. D. James

Der schwarze Turm

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Doris Kornau und Alexandra Wiegand

Knaur e-books

Über dieses Buch

Nachdem Commander Adam Dalgliesh sich schon unter den Todgeweihten sah, überlegt er ernsthaft, seinen Job an den Nagel zu hängen. Auf Einladung eines alten Freundes fährt er in ein idyllisch gelegenes Sanatorium bei Dorset, um sich zu erholen und etwas Abstand zu bekommen. Doch bei seiner Ankunft wird ihm mitgeteilt, dass sein Freund verstorben sei. Es bleibt nicht bei diesem einen »natürlichen Todesfall«, und schon bald schlagen Dalglieshs kriminologische Instinkte Alarm. Natürlich kann der Commander nicht widerstehen, die Ermittlungen aufzunehmen.

Inhaltsübersicht

Vorbemerkung1. Kapitel2. Kapitel123453. Kapitel123454. Kapitel123455. Kapitel12346. Kapitel1234567897. Kapitel123458. Kapitel1234Leseprobe »Tod eines Sachverständigen«
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Vorbemerkung

Verehrer von Dorset werden mir, wie ich hoffe, die Freiheiten nachsehen, die ich mir mit der Topografie ihrer schönen Grafschaft erlaubt habe. Insbesondere erbitte ich Vergebung für die verwegene Errichtung meiner beiden Absurditäten: »Toynton Grange« und »Der schwarze Turm« an der Küste von Purbeck.

Man wird mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass ich zwar die Landschaft leihweise übernommen habe, dass jedoch die Figuren frei erfunden sind und keinerlei Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten aufweisen.

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1. Kapitel

Das widerrufene Todesurteil

 

 

 

 

 

 

 

Die letzte Visite des behandelnden Arztes stand bevor, und Dalgliesh hegte den Verdacht, dass keiner von ihnen beiden dies bedauerte. Arroganz und gönnerhaftes Verhalten auf der einen, Schwäche, Dankbarkeit und Abhängigkeit auf der anderen Seite waren nun einmal keine Grundlage für eine zufriedenstellende Beziehung zwischen Erwachsenen, sei sie auch noch so flüchtig.

Angeführt von der Krankenschwester und gefolgt von seinem Hofstaat, betrat er Dalglieshs kleines Krankenhauszimmer, bereits gekleidet für die elegante Hochzeit, die er am späten Vormittag durch seine Anwesenheit zieren sollte. Fast war man versucht, ihn für den Bräutigam zu halten, hätte er nicht eine rote Rose anstatt der üblichen Nelke getragen. Er und die Blume wirkten beide wie auf Hochglanz poliert, als wären sie in Transparentfolie verpackt und gefeit gegen zufällige Windstöße, Kälteeinbrüche und unsanfte Finger, die weniger hohen Graden der Vollkommenheit hätten gefährlich werden können. Zur Krönung waren er und die Blume mit einem teuren Duftwasser besprüht worden. Dalgliesh roch es durch den Krankenhausmief von Kohl und Äther hindurch, an den sich seine Nase in den vergangenen Wochen so gewöhnt hatte, dass sie ihn kaum noch wahrnahm. Die Medizinstudenten gruppierten sich um das Bett. Mit ihrem langen Haar und den kurzen weißen Mänteln wirkten sie wie eine Schar nicht ganz gesellschaftsfähiger Brautjungfern.

Dalgliesh wurde von den geschickten, unpersönlichen Händen der Schwester für eine weitere Untersuchung entkleidet. Die kalte runde Fläche des Stethoskops glitt über seine Brust, seinen Rücken. Zwar war diese abschließende Untersuchung eine reine Formalität, dennoch ließ es der Arzt, wie immer, nicht an Gründlichkeit fehlen; nichts, was er tat, geschah achtlos. Auch wenn seine ursprüngliche Diagnose sich in diesem Fall als falsch erwiesen hatte, war er doch zu sehr von sich eingenommen, um es für nötig zu halten, mehr als eine symbolische Entschuldigung zu äußern. Er richtete sich auf und sagte: »Der neueste Bericht der Pathologie liegt vor, und diesmal dürfen wir wohl sicher sein, dass wir es richtig getroffen haben. Der zytologische Befund war ja von Anfang an uneindeutig, und die Diagnose war noch erschwert durch die Pneumonie. Aber es ist keine akute Leukämie, es ist auch keine andere Form von Leukämie. Wovon Sie – glücklicherweise – genesen, ist eine atypische Mononukleose. Ich gratuliere Ihnen, Commander. Sie haben uns einen schönen Schrecken eingejagt.«

»Ich war lediglich ein interessanter Fall für Sie. Der Schrecken war ganz meinerseits. Wann kann ich fort von hier?«

Der große Mann lachte und lud sein Gefolge mit einem Lächeln ein, seine Nachsicht zu teilen angesichts eines weiteren undankbaren Rekonvaleszenten.

Dalgliesh warf hastig ein: »Vermutlich brauchen Sie das Bett.«

»Wir brauchen immer Betten. Trotzdem – es besteht kein Grund zu übermäßiger Eile. Sie haben noch ein gutes Stück Weg vor sich. Aber wir wollen sehen. Wir wollen sehen.«

Nachdem sie gegangen waren, blieb er flach auf dem Rücken liegen und ließ den Blick umherwandern, als sähe er den Raum zum ersten Mal. Das Waschbecken mit den Wasserhähnen, die mit den Ellbogen bedient werden konnten, der schmucke funktionelle Betttisch mit dem abgedeckten Wasserkrug, die beiden mit Kunstleder bezogenen Besucherstühle, die an ihrer gekräuselten Schnur über ihm baumelnden Kopfhörer, die Vorhänge mit ihrem hässlichen Blumenmuster, der kleinstmöglichen Einheit guten Geschmacks. Er hatte damit gerechnet, nach einem letzten Blick auf diese Dinge die Augen für immer zu schließen. Ein kärglicher, unpersönlicher Ort zum Sterben, so schien ihm. Gleich einem Hotelzimmer war auch dieses hier für Durchreisende bestimmt. Ob die Besucher es nun auf eigenen Beinen oder, mit einem Laken bedeckt, auf einer Totenbahre verließen – nichts blieb von ihnen zurück, nicht einmal die Erinnerung an ihre Furcht, ihr Leiden und ihr Hoffen.

Sein Todesurteil war ihm, wie das seiner Vermutung nach die Regel zu sein pflegte, mitgeteilt worden durch ernste Blicke, eine gewisse falsche Herzlichkeit, geflüsterte Beratungen, ein Übermaß an klinischen Tests und – bis er darauf bestanden hatte – den Unwillen, eine Diagnose oder Prognose zu stellen. Als das Todesurteil dann mit sehr viel weniger Brimborium widerrufen wurde, nachdem die schlimmsten Tage seiner Krankheit vorüber waren, hatte ihm das erst recht den Boden unter den Füßen weggezogen.

Nach seinem Dafürhalten zeugte es von einer gehörigen Portion Leichtsinn, wenn nicht gar Fahrlässigkeit seitens der Ärzte, ihn erst so gründlich mit dem Tod vertraut zu machen und dann ihre Meinung zu ändern. Es war ihm jetzt peinlich, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, mit welch geringem Bedauern er sowohl von seiner Arbeit als auch von seinen Vergnügungen innerlich Abschied genommen hatte, sobald der drohende Verlust ihm diese Dinge als das enthüllt hatte, was sie waren: bestenfalls eine Verschwendung von Zeit und Energie. Nun musste er sie sich wieder zu eigen machen und an ihre Wichtigkeit zumindest für ihn selbst glauben. Er bezweifelte, dass er sie jemals wieder als wichtig für andere würde erachten können. Wahrscheinlich würde sich all dies mit zurückkehrender Kraft von selbst wieder einfinden. Nach einer gewissen Zeit würde das physische Leben sich erneut behaupten. In Ermangelung einer Alternative würde er sich mit dem Gedanken, weiterleben zu müssen, anfreunden, jenen perversen Anfall von Unmut und Apathie einfach seinem geschwächten Zustand zuschreiben und zu der Überzeugung gelangen, dass er von Glück sagen konnte, noch einmal davongekommen zu sein. Seine Kollegen würden ihm mit neu gewonnener Unbefangenheit gratulieren. Der Tod hatte Sex als das große unantastbare Thema abgelöst und dabei eine spezielle Art von Peinlichkeit angenommen: zu sterben, ehe man zu einer lästigen Plage geworden war und die eigenen Freunde mit Recht die Litanei von der »goldenen Erlösung« anstimmen konnten, war der Gipfel der Geschmacklosigkeit.

Gegenwärtig aber war er nicht sicher, ob er sich wieder mit seiner Arbeit würde anfreunden können. Nachdem er seine Rolle als Zuschauer – und bald nicht einmal mehr Zuschauer – akzeptiert hatte, fühlte er sich nun schlecht gerüstet, auf das lärmende Spielfeld der Welt zurückzukehren. Doch wenn es sein musste, war er gesonnen, dort einen weniger von Gewalt beherrschten Platz für sich ausfindig zu machen. Dies war nichts, worüber er bewusst und eingehend nachgedacht hatte; dazu hatte er keine Zeit gehabt. Es war mehr eine Überzeugung als eine Entscheidung. Die Zeit für einen Richtungswechsel war gekommen. Strafverfolgungsbestimmungen, Totenstarre, Verhöre, der Anblick von verwesendem Fleisch und zerschmetterten Knochen, das ganze blutige Geschäft der Menschenjagd, er hatte genug davon.

Es gab andere Dinge, mit denen er seine Zeit ausfüllen konnte. Er war sich noch nicht sicher, welcher Art diese Dinge waren, aber er würde es herausfinden. Über zwei Wochen Genesung lagen vor ihm, genügend Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, sie gründlich zu überdenken und sie vor sich selbst und, schwieriger noch, gegenüber dem Commissioner zu rechtfertigen. Der Zeitpunkt war schlecht, Scotland Yard den Rücken zu kehren. Sie würden ihm Fahnenflucht vorwerfen. Aber andererseits würde der Zeitpunkt immer schlecht sein.

Er war sich nicht klar darüber, ob diese Ernüchterung seiner Arbeit gegenüber ausschließlich von seiner Krankheit, der heilsamen Mahnung an den unvermeidlichen Tod, herrührte, oder ob sie Symptom eines grundlegenden Unbehagens war: jener Etappe um die Lebensmitte, gekennzeichnet durch wechselnde Phasen von Windstille und unberechenbaren Fallböen, wenn man erkennt, dass aufgeschobene Hoffnungen nun nicht mehr verwirklicht werden können, nicht angelaufene Häfen dem Auge für immer entzogen bleiben werden, dass es möglicherweise falsch war, diese Reise oder andere vor ihr unternommen zu haben, und dass man nicht einmal mehr zu Schiffskarten und Kompass Vertrauen hat. Mehr als nur seine Arbeit dünkte ihn jetzt nichtssagend und unbefriedigend. Schlaflos, wie sicherlich schon viele Patienten vor ihm, lag er in dem öden, unpersönlichen Raum, beobachtete, wie die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos über die Decke huschten, lauschte den gedämpften Lauten des nächtlichen Krankenhauslebens und zog die entmutigende Bilanz seines Lebens.

Der Kummer über den Tod seiner Frau, einst so aufrichtig, so tief empfunden – wie bequem war es dann später, sich durch die eine persönliche Tragödie von der Verpflichtung zu neuen Gefühlsbindungen freigesprochen zu fühlen. Seine Liebesaffären – so auch die, welche ihm gegenwärtig hin und wieder einen Bruchteil seiner Zeit und etwas mehr an Energie abverlangte – pflegten sporadisch, zivilisiert, angenehm und unaufdringlich abzulaufen. Es verstand sich von selbst, dass er zwar über seine Zeit nie völlig frei verfügen konnte, sehr wohl aber über sein Herz. Die Frauen waren emanzipiert. Sie hatten einen interessanten Beruf, eine hübsche Wohnung und wussten sich mit dem zu begnügen, was sie bekommen konnten. Emanzipiert hatten sie sich auch von jenen chaotischen, einengenden und zerrüttenden Gefühlen, die das Leben anderer Frauen beherrschten. Was, so fragte er sich, hatten jene sorgfältig geplanten Begegnungen, bei denen beide Beteiligten wie ein Paar verspielter Katzen nur auf sinnlichen Genuss aus waren, mit Liebe zu tun, mit unaufgeräumten Schlafzimmern, ungespültem Geschirr, Babywindeln, mit dem warmen, engen, klaustrophobischen Leben in Ehe und Verbundenheit?

Sein schwerer Verlust, sein Beruf, seine Lyrik, alles hatte dazu herhalten müssen, seine Einsiedlerrolle zu legitimieren. Seine Liebschaften hatten immer mehr Verständnis gezeigt, wenn er sein Gedichteschreiben als Ausflucht anführte, als wenn er auf das Andenken seiner toten Frau pochte. Sie hatten wenig Respekt vor Gefühlen, doch eine übertriebene Achtung vor der Kunst. Und das Schlimmste – oder vielleicht das Beste – war die Tatsache, dass er sich jetzt nicht mehr ändern konnte und dass es auch gar nicht darauf ankam. Es war vollkommen belanglos. In den letzten fünfzehn Jahren hatte er keinem Menschen absichtlich wehgetan. Es kam ihm nun plötzlich in den Sinn, dass man kein vernichtenderes Urteil über einen Menschen fällen konnte.

Wenn sich denn schon an alldem nichts ändern ließ, so ließ sich wenigstens seine berufliche Situation ändern. Zunächst jedoch musste er einer persönlichen Verpflichtung nachkommen, einer, von der er sich mit perverser Erleichterung durch den Tod entbunden geglaubt hatte. Diesen Gefallen hatte ihm der Tod nun nicht getan. Auf den Ellbogen gestützt, griff er hinüber ins Schubfach seines Schrankes, entnahm ihm Father Baddeleys Brief und las ihn zum ersten Mal aufmerksam durch. Der alte Mann musste jetzt fast achtzig sein. Schon damals war er nicht jung gewesen, als er vor dreißig Jahren zum ersten Mal als Kaplan zu Dalglieshs Vater in das Dorf in Norfolk gekommen war, schüchtern, erfolglos, aufreizend unfähig, wirr in allen Dingen außer denjenigen, auf die es ankam, jedoch stets seinem eigenen kompromisslosen Charakter treu. Dies war erst der dritte Brief, den Dalgliesh von ihm erhalten hatte. Er trug das Datum vom elften September.

 

Mein lieber Adam,

ich weiß, dass Du sehr viel zu tun haben musst, dennoch würde ich einen Besuch von Dir sehr begrüßen, da eine Angelegenheit vorliegt, deretwegen ich gerne Deinen fachmännischen Rat in Anspruch nehmen würde. Es ist eigentlich nicht besonders dringend, nur scheint mein Herz früher aufzugeben als mein übriges Ich, sodass ich nicht zu vertrauensvoll an morgen denken sollte. Ich bin jeden Tag hier anzutreffen, aber vielleicht würde Dir ein Wochenende am besten passen. Damit Du weißt, was Dich erwartet, sollte ich Dir noch mitteilen, dass ich Kaplan von Toynton Grange bin, einem privaten Heim für junge chronisch kranke und behinderte Menschen. Dank der Freundlichkeit des Leiters Wilfred Anstey wohne ich hier auf dem Gelände, in Hope Cottage. Für gewöhnlich nehme ich meine Mittags- und Abendmahlzeiten im Gutshaus ein, vielleicht wäre Dir das aber nicht recht, und es würde natürlich auch unsere gemeinsame Zeit verkürzen. Daher werde ich meinen nächsten Besuch in Wareham dazu nutzen, einen Proviantvorrat anzulegen. Ich habe einen kleinen Nebenraum, in den ich umsiedeln kann, sodass Du hier ein eigenes Zimmer haben wirst.

Könntest Du mir eine Karte schicken, um mir mitzuteilen, wann Du eintreffen wirst? Ich habe kein Auto, aber für den Fall, dass Du mit der Eisenbahn kommst, ist William Deakins Autoverleih, etwa fünf Minuten vom Bahnhof entfernt (das Bahnhofspersonal wird Dir den Weg beschreiben), sehr verlässlich und auch nicht teuer. Die Busse von Wareham verkehren ziemlich selten und fahren nur bis zum Dorf Toynton. Anschließend muss man eineinhalb Meilen zu Fuß zurücklegen, was bei schönem Wetter ganz angenehm ist, was Du Dir aber möglicherweise am Ende einer langen Reise ersparen möchtest. Falls nicht, habe ich Dir auf der Rückseite dieses Briefes eine Karte aufgezeichnet.

 

Die Karte war zweifellos geeignet, jeden in Verwirrung zu stürzen, dem die Publikationen des Staatlichen Vermessungsamtes mehr zu sagen wussten als etwa eine Seekarte des frühen 17. Jahrhunderts. Die Wellenlinien sollten vermutlich das Meer versinnbildlichen. Nach Dalglieshs Gefühl fehlte nur noch ein spritzender Wal. Die Bushaltestelle in Toynton war deutlich markiert, die von ihr wegführende zittrige Linie wand sich jedoch ziellos und kurvenreich vorbei an einer Vielzahl von Feldern, Schranken, Gasthäusern und Unterholz, gekennzeichnet durch dreieckige, gezackte Tannen. Zuweilen zog sie sich auch in sich selbst zurück, da Father Baddeley erkannt hatte, dass er, bildlich gesehen, vom Weg abgekommen war. Ein winziges phallisches Symbol an der Küste, anscheinend als Orientierungspunkt mit aufgenommen, da es weit abseits der markierten Strecke lag, trug die Beschriftung »Der schwarze Turm«.

Die Karte berührte Dalgliesh auf ähnliche Weise, wie die erste Zeichnung eines Kindes dessen nachsichtigen Vater anmuten mochte. Er fragte sich, in welche Abgründe der Schwäche und Abgestumpftheit er gesunken sein musste, um von ihrem Reiz bislang nichts gespürt zu haben. Er tastete in der Schublade nach einer Postkarte und schrieb in kurzen Worten, dass er Montag, den ersten Oktober, am frühen Nachmittag mit dem Auto eintreffen werde. Auf diese Weise hätte er genug Spielraum für seine Entlassung aus dem Krankenhaus und die Rückkehr in seine Wohnung in Queenhythe, wo er die ersten paar Tage der Genesung zu verbringen gedachte. Er unterschrieb die Karte lediglich mit seinen Initialen, versah sie mit dem Stempel für Briefpost und lehnte sie an seinen Wasserkrug, um nicht zu vergessen, eine der Schwestern darum zu bitten, sie aufzugeben.

Eine weitere kleine Verpflichtung wartete auf ihn, und zwar eine, der er sich weniger gewachsen fühlte. Sie hatte jedoch noch Zeit. Er musste Cordelia Gray besuchen oder ihr schreiben und ihr für die Blumen danken. Er wusste nicht, wie sie von seiner Krankheit erfahren hatte, es sei denn durch Freunde bei der Polizei. Da sie Bernie Prydes Detektivagentur führte – falls diese nicht inzwischen ihren Geist aufgegeben hatte, wie es allen juristischen und finanziellen Gesetzen zufolge eigentlich der Fall sein müsste – stand sie wahrscheinlich mit einigen Polizeibeamten in Verbindung. Er glaubte auch, dass eine Randnotiz über seine unzeitige Krankheit in den Londoner Abendzeitungen erschienen war, zusammen mit einem Bericht über die jüngsten Verluste in den höheren Rängen von Scotland Yard.

Es war ein kleines, mit Bedacht zusammengestelltes Bouquet gewesen, so individuell wie Cordelia selbst, ein bezaubernder Gegensatz zu seinen anderen Geschenken, die sich zusammensetzten aus Treibhausrosen, übergroßen Chrysanthemen, die zottig wie Staubwedel waren, unecht wirkenden Frühlingsblumen und künstlich aussehenden Gladiolen, starr auf ihren faserigen Stängeln thronende rosa Plastikblumen, die nach Betäubungsmittel rochen. Sie musste kürzlich in einem Garten irgendwo auf dem Land gewesen sein, und er fragte sich, wo das wohl gewesen war. Unlogischerweise fragte er sich auch, ob sie genug zu essen bekam, verwarf diesen lächerlichen Gedanken jedoch sofort. Es waren, so erinnerte er sich deutlich, silberne Scheiben von Mondviolen gewesen, drei kleine Zweige Winterheidekraut, vier Rosenknospen – nicht die verkümmerten, fest geschlossenen Winterknospen, sondern Kaskaden von Gelb und Orange, zart wie die ersten Sommerknospen –, außerdem liebliche Sprösslinge frei blühender Chrysanthemen, orangerote Beeren, in der Mitte eine strahlende Dahlie wie ein Juwel, das ganze Bouquet umgeben von den grauen, pelzigen Blättern, die er aus seiner Kindheit als Kaninchenohren in Erinnerung hatte. Es war eine rührende und sehr »junge« Geste gewesen, wie sie niemals von einer älteren oder weltgewandteren Frau ausgegangen wäre. Der Strauß war lediglich mit einer kurzen Notiz versehen gewesen, dass sie von seiner Krankheit gehört habe und ihm die Blumen übersende, um ihm gute Besserung zu wünschen. Er musste sie besuchen oder ihr schreiben und ihr persönlich danken. Das Telefongespräch, das eine der Schwestern auf seine Bitte hin mit der Agentur geführt hatte, genügte nicht.

Aber das und andere, grundlegendere Entscheidungen konnten warten. Zunächst musste er Vater Baddeley aufsuchen. Seine Zusage entsprang nicht allein einem Gefühl der Verpflichtung oder Freundschaft. Er entdeckte vielmehr, dass er sich, trotz gewisser absehbarer Schwierigkeiten und Peinlichkeiten, auf ein Wiedersehen mit dem alten Priester freute. Er hatte nicht die Absicht, sich durch Father Baddeley, so unbewusst dies von dessen Seite auch geschehen mochte, wieder zu seinem Beruf bekehren zu lassen. Wenn es sich – was er bezweifelte – tatsächlich um eine Sache handeln sollte, für die die Polizei zuständig war, so könnte die Polizei von Dorset den Fall übernehmen. Und wenn das freundliche sonnige Frühherbstwetter anhielt, würde Dorset ein ebenso angenehmer Ort für seine Genesung sein wie irgendein anderer.

Doch der makellos weiße, längliche Gegenstand, der an seinem Wasserkrug lehnte, wirkte auf merkwürdige Weise eindringlich. Er fühlte seinen Blick magisch von ihm angezogen, als wäre er ein machtvolles Symbol, die schriftliche Aufhebung seines Todesurteils. Er war froh, als die Stationsschwester, die gekommen war, um ihm mitzuteilen, dass ihr Dienst zu Ende sei, den Brief zur Post mitnahm.

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2. Kapitel

Tod eines Priesters

 

 

 

 

 

 

 

1

Elf Tage später, immer noch schwach und gezeichnet von Krankenhausblässe, jedoch aufgrund des trügerischen Wohlbefindens des Rekonvaleszenten in euphorischer Stimmung, verließ Dalgliesh kurz vor Tagesanbruch seine Wohnung hoch über der Themse in Queenhythe und fuhr in südwestlicher Richtung aus London hinaus. Zwei Monate vor Ausbruch seiner Krankheit hatte er sich zwar widerwillig, aber endgültig von seinem altersschwachen Cooper Bristol getrennt und fuhr jetzt einen Jensen Healey. Er war froh, dass der Wagen eingefahren war und dass er sich schon beinahe mit dem Wechsel abgefunden hatte. Ein neues Leben symbolisch mit einem neuen Auto zu beginnen, wäre zu banal gewesen. Er hatte lediglich einen Handkoffer und einige Picknickutensilien samt Korkenzieher im Kofferraum verstaut und außerdem einen Band Gedichte von Hardy, den Return of the Native, sowie einen Newman and Pevsner-Führer zu den Bauwerken von Dorset in seine Tasche gesteckt. Er plante einen Erholungsurlaub: vertraute Bücher, ein kurzer Besuch bei einem alten Freund als Ziel, eine Reiseroute, die der jeweiligen Tageslaune entsprach und sowohl vertraute als auch neue Landschaften bot, und sogar das zweckdienliche Ärgernis eines persönlichen Problems, um Alleinsein und genusssüchtigen Müßiggang zu rechtfertigen. Es irritierte ihn, als er bei einem letzten Blick über seine Wohnung feststellte, dass seine Hand unwillkürlich nach der Spurensicherungsausrüstung griff. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal ohne sie unterwegs gewesen war, selbst im Urlaub hatte er sie immer dabeigehabt. Sie jetzt zurückzulassen, war die erste Bestätigung eines Entschlusses, den er hin und wieder im Verlauf der nächsten vierzehn Tage pflichtschuldigst überdenken würde, von dem er jedoch in seinem Innersten wusste, dass er unumstößlich feststand.

Er erreichte Winchester noch rechtzeitig für ein spätes Frühstück in einem Hotel im Schatten der Kathedrale und verbrachte die nächsten zwei Stunden mit der Wiederentdeckung der Stadt, bevor er schließlich über Wimborne Minster nach Dorset fuhr. Er fühlte einen Widerwillen in sich aufsteigen bei dem Gedanken, jetzt schon ans Ende seiner Reise zu gelangen. Also fuhr er auf Umwegen, beinahe ziellos, in nordwestlicher Richtung nach Blandford Forum, kaufte dort eine Flasche Wein, gebutterte Brötchen, Käse und Obst für das Mittagessen sowie einige Flaschen Amontillado für Father Baddeley und trödelte dann südostwärts durch die Winterbourne-Dörfer und Wareham nach Corfe Castle.

Die eindrucksvolle Ruine, Symbol des Mutes, der Grausamkeit und des Verrats, hielt Wacht in der Vertiefung auf dem Kamm der Purbeck-Hügel, wie schon seit tausend Jahren. Beim Verzehren seines einsamen Picknicks merkte Dalgliesh, wie sein Blick immer wieder zu den schroffen, mit Schießscharten bewehrten Mauerresten schweifte, die sich hoch gegen den sanften Himmel abzeichneten. Als hielte ihn etwas davon ab, sich aus ihrem Schatten zu entfernen und die Einsamkeit dieses friedlichen, anspruchslosen Tages zu beenden, verbrachte er einige Zeit in dem morastigen Buschland mit der erfolglosen Suche nach Sumpfenzianen, bevor er sich zu den letzten fünf Meilen seiner Reise aufraffte.

Dorf Toynton: ein lang gestrecktes Band von terrassenförmig ansteigenden kleinen Häusern, deren Steindächer in der Nachmittagssonne glänzten; ein nicht allzu malerisch anmutendes Gasthaus am Dorfende; ein Blick auf einen uninteressanten Kirchturm. Nun stieg die von einer niedrigen Steinmauer gesäumte Straße zwischen vereinzelten Tannenpflanzungen sanft an, und er begann, die Orientierungspunkte von Father Baddeleys Karte zu erkennen. Bald würde die Straße sich gabeln und ein schmaler Weg nach Westen abbiegen, um die Landspitze zu umrunden, während der andere durch ein Grenztor nach Toynton Grange und zum Meer führte. Und hier, wie angekündigt, war es auch schon, ein schweres Eisentor, eingelassen in eine Mauer aus flachen, ohne Mörtel geschichteten Steinen. Die Mauer war annähernd einen Meter dick, die Steine kunstvoll und geschickt ineinandergefügt, überwachsen von Flechten und Moos und gekrönt von wehenden Gräsern: eine Barriere so alt und beständig wie das Stück Urland, aus dem sie scheinbar hervorgewachsen war. Links und rechts des Tors befand sich je eine beschriftete Holztafel. Die linke war jüngeren Datums, ihre Aufschrift lautete:

 

WENN IHNEN IHRE MITMENSCHEN NICHT GLEICHGÜLTIG SIND, RESPEKTIEREN SIE BITTE UNSERE PRIVATSPHÄRE

 

Das Schild auf der rechten Seite hatte mehr Aufforderungscharakter, die Schrift war verblasst, aber fachmännischer ausgeführt.

 

ZUTRITT VERBOTEN

DIESES GRUNDSTÜCK IST PRIVATEIGENTUM

GEFÄHRLICHE STEILKÜSTE. KEIN ZUGANG ZUM STRAND

GEPARKTE AUTOS UND WOHNWAGEN WERDEN ABGESCHLEPPT

 

Unter der Tafel war ein mächtiger Briefkasten angebracht.

 

Dalgliesh dachte, dass wohl jeder Motorisierte, sollte er von dieser raffiniert berechneten Mischung aus Bitten, Warnungen und Drohungen tatsächlich unberührt bleiben, dennoch zögern würde, die Federung seines Autos aufs Spiel zu setzen. Jenseits des Tores verschlechterte sich der Weg zusehends, und der Unterschied zwischen dem vergleichsweise ebenen Anfahrtsweg und dem von Felsbrocken gesäumten, steinigen Weg voraus hatte beinahe symbolische Abschreckungskraft. Auch das Tor war, obwohl unverschlossen, mit einem schweren Riegel komplizierter Machart bewehrt, der einem Eindringling während der Handhabung viel Zeit gab, seine Unbesonnenheit zu bereuen.

In seinem immer noch geschwächten Zustand schwang Dalgliesh das Tor mit einiger Mühe auf. Als er durchgefahren war und das Tor hinter sich wieder geschlossen hatte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, sich auf ein undurchsichtiges und wahrscheinlich unkluges Unternehmen eingelassen zu haben. Vermutlich würden sich seine Kenntnisse und Fähigkeiten als unzulänglich erweisen in Bezug auf ein Problem, von dem vorerst lediglich ein weltfremder alter Mann – der noch dazu möglicherweise senil war – zu glauben vermochte, ein Polizeibeamter könne es lösen. Doch zumindest hatte er ein unmittelbares Ziel vor sich. Er nahm wieder, wenn auch zurückhaltend, Kontakt auf mit einer Welt, in der menschliche Wesen Probleme hatten, arbeiteten, liebten, hassten, Pläne für ihr Glück schmiedeten und – da der Beruf, den aufzugeben er entschlossen war, trotz seines Verrats weiter bestehen würde – auch töteten und getötet wurden.

Bevor er zu seinem Auto zurückkehrte, fiel ihm ein kleines Büschel ihm unbekannter Blumen ins Auge. Die blassen, rosaweißen Blütenköpfe erhoben sich aus einem Moospolster auf der Mauerbrüstung und bebten zart im leichten Wind. Dalgliesh ging hinüber und verharrte bewegungslos in stiller Betrachtung ihrer schlichten Schönheit. Er roch zum ersten Mal den reinen, unverwechselbaren Salzgeruch des Meeres. Die Luft strömte warm und weich über die bloßen Stellen seiner Haut. Er war plötzlich wie trunken vor Glück und, wie stets in diesen seltenen, flüchtigen Momenten, verwirrt von der rein körperlichen Natur seiner Freude. Sie durchströmte in sanftem Aufwallen seine Adern. Er erkannte sie als das, was sie war – als den ersten deutlichen Hinweis seit seiner Krankheit, dass das Leben schön sein konnte.

Der Wagen holperte gemächlich über den ansteigenden Weg. Als er nach etwa zweihundert Metern den höchsten Punkt der Steigung erreichte, rechnete Dalgliesh damit, jetzt den Ärmelkanal zu erblicken, wie er sich blau und gekräuselt zum fernen Horizont erstreckte, und erlebte wieder in ihrem ganzen Ausmaß die unvergessene Enttäuschung seiner Kinderzeit, wenn in den Ferien nach so viel falschen Hoffnungen das sehnsüchtig erwartete Meer immer noch nicht zu sehen war. Vor ihm lag ein flaches, felsenübersätes Tal, von einem Flechtwerk kreuz und quer verlaufender holpriger Wege überzogen. Und das dort drüben zu seiner Rechten war offensichtlich das Gutshaus Toynton.

Es war ein massig gebauter, quadratischer Steinkasten, der nach Dalglieshs Schätzung aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen mochte. Der Bauherr hatte jedoch bei der Wahl seines Architekten keine glückliche Hand bewiesen. Das Haus war ein Anachronismus und der Bezeichnung »georgisch« unwürdig. Es zeigte mit seiner Vorderfront landeinwärts, nach Nordosten, wie er schätzte, und verstieß somit gegen irgendeinen obskuren Ehrenkodex architektonischen Geschmacks, der Dalglieshs Meinung nach besagte, dass ein Haus an der Küste mit seiner Vorderfront dem Meer zugewandt sein müsse. Von den zwei Reihen Fenstern über der Vorhalle waren die größeren mit gigantischen Schlusssteinen bewehrt, während die in der Reihe darüber schmucklos und eher mickrig ausgefallen waren, als habe man Mühe gehabt, sie unter dem bemerkenswertesten Charakteristikum des Hauses noch anzubringen: einem riesigen ionischen Ziergiebel, der mit einer Statue, einem auf diese Entfernung nicht identifizierbaren Steinklumpen, gekrönt war. Im Mittelpunkt des Giebelfelds befand sich ein rundes Fenster, ein düsteres, in der Sonne glimmendes Zyklopenauge. Der Giebel erdrückte gleichsam die unbedeutende Vorhalle und verlieh der gesamten Fassade ein verschrobenes, schwerfälliges Aussehen. Dalgliesh fand, dass dem Entwurf mehr Erfolg beschieden gewesen wäre, hätte man die Fassade durch zwei geräumige Erker ausgeglichen, aber entweder hatte es dafür an Geld oder an Inspiration gefehlt, sodass das Haus einen merkwürdig unfertigen Eindruck machte.

Kein Lebenszeichen rührte sich hinter der einschüchternden Vorderfront. Vielleicht wohnten die Insassen – falls dieser Ausdruck auf sie zutraf – nach hinten hinaus. Außerdem war es gerade erst halb vier, der tote Teil des Tages, wie er sich von seiner Krankenhauszeit her erinnerte. Wahrscheinlich ruhten sie alle.

Er konnte drei kleinere Häuser erkennen, zwei davon standen etwa hundert Meter vom Haupthaus entfernt, ein drittes etwas höher allein auf der Landspitze. Er glaubte, ein viertes, gerade noch sichtbares Dach zum Meer hin erkennen zu können, war sich dessen aber nicht sicher. Es mochte sich auch nur um einen Felsvorsprung handeln. Da er nicht wusste, wo Hope Cottage lag, schien es sinnvoll, zunächst die näher gelegenen zwei Häuser in Augenschein zu nehmen. Er hatte den Motor seines Wagens abgestellt, während er seine nächsten Schritte überlegte, und hörte nun zum ersten Mal das Meer, jenes endlose, dumpfe, rhythmische Branden, das zu den nostalgischsten und beschwörendsten aller Laute zählt. Noch immer ließ sich kein Anzeichen dafür entdecken, dass seine Ankunft bemerkt worden war; die Landschaft war still, kein Vogel zu hören. Er fühlte sich merkwürdig, fast unheimlich berührt angesichts der Leere und Einsamkeit seiner Umgebung, ein Eindruck, den nicht einmal die heitere Nachmittagssonne vertreiben konnte.

Als er zu den Häusern kam, tauchte kein Gesicht am Fenster auf, keine mit einer Soutane gekleidete Gestalt zeichnete sich auf der vorderen Veranda ab. Es waren zwei alte, einstöckige Kalksteingebäude, deren Dächer aus schweren Steinplatten mit den für Dorset typischen Kissen von smaragdfarbenem Moos geschmückt waren. Hope Cottage lag rechter, Haus Treue linker Hand, die Namen waren erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit aufgemalt worden. Bei dem dritten, etwas entfernter liegenden Haus handelte es sich vermutlich um »Karitas«, er hegte jedoch Zweifel, dass Father Baddeley in irgendeiner Weise für diese pompöse Namensgebung verantwortlich war.

Er brauchte nicht den Namen am Tor zu lesen, um zu wissen, welches Haus Father Baddeley beherbergte. Es war unmöglich, sein fast völliges Desinteresse für seine Umgebung, an das Dalgliesh sich noch gut erinnerte, in Zusammenhang zu bringen mit den Chintzvorhängen und dem Hängekorb voll Efeu und Fuchsien über der Tür von Haus Treue oder den beiden leuchtend gelb gestrichenen Behältern mit noch immer in voller Blütenpracht stehenden Sommerblumen, die kunstvoll auf beiden Seiten der Veranda platziert worden waren. Zwei nach Massenproduktion aussehende Betonpilze rahmten das Tor und erweckten einen so vertrauten »vorstädtischen« Eindruck, dass Dalgliesh überrascht war, sie nicht von kauernden Gartenzwergen gekrönt zu sehen. Hope Cottage war im Gegensatz dazu ganz nüchtern. Eine solide Eichenbank vor der Tür diente als Platz zum Sonnen, außerdem lag über die Veranda verstreut ein Gewirr von Spazierstöcken sowie ein alter Regenschirm. Die schweren, mattroten Vorhänge waren zugezogen.

Niemand antwortete auf sein Klopfen. Er hatte auch nichts anderes erwartet. In beiden Häusern war offensichtlich niemand zu Hause. Ein einfacher Riegel ohne Schloss war an der Tür angebracht. Nach sekundenlangem Zögern hob er den Riegel und betrat das Dunkel im Innern des Hauses, wo ihm der warme, ein wenig muffige Geruch von Büchern entgegenschlug, der ihn unvermittelt dreißig Jahre zurückversetzte. Er zog die Vorhänge zurück und ließ Licht in das Haus strömen. Und nun nahm er auch vertraute Gegenstände wahr: in der Mitte des Raumes, matt vom Staub, den runden, auf einem Fuß ruhenden Rosenholztisch, das Rollpult an der Wand, den Ohrensessel, jetzt so alt, dass er bis aufs Holz durchgesessen war und die Polsterung aus dem fadenscheinigen Bezug quoll. Immer noch derselbe alte Sessel? Unmöglich. Bei dieser vermeintlichen Erinnerung musste es sich um eine nostalgische Selbsttäuschung handeln. Aber da war noch ein anderer Gegenstand, gleichermaßen vertraut und ebenso alt. Hinter der Tür hing Father Baddeleys schwarzer Umhang und darüber die abgenutzte weiche Baskenmütze.

Es war der Anblick des Umhangs, der Dalgliesh dazu bewog, erstmals die Möglichkeit, etwas könne nicht in Ordnung sein, ins Auge zu fassen. Zwar war es seltsam, dass sein Gastgeber nicht hier war, um ihn zu begrüßen, doch konnte er sich dafür einige Erklärungen vorstellen. Seine Postkarte war möglicherweise verloren gegangen, ein dringender Ruf zum Haupthaus könnte der Grund sein, oder Father Baddeley war zum Einkaufen nach Wareham gefahren und hatte den Bus zurück verpasst. Es lag sogar im Bereich des Möglichen, dass er das Kommen seines Gastes völlig vergessen hatte. Doch wenn er ausgegangen war, warum trug er dann nicht seinen Umhang? Man konnte ihn sich sommers wie winters unmöglich in einem anderen Kleidungsstück vorstellen.

Jetzt erst bemerkte Dalgliesh, was sein Auge schon registriert haben musste, ohne ihm jedoch Bedeutung beizumessen – nämlich den kleinen Stoß Papierbogen auf dem Schreibtisch, auf die ein schwarzes Kreuz gedruckt war. Er nahm den obersten Bogen mit hinüber zum Fenster, in der Hoffnung, besseres Licht könne ihm beweisen, dass er sich getäuscht habe. Aber natürlich hatte er sich nicht getäuscht. Er las:

 

Michael Francis Baddeley, Priester

Geboren am 29. Oktober 1896

Gestorben am 21. September 1974 R. I. P.

Beigesetzt in St. Michael & Gemeinschaft der Engel

Toynton, Dorset

26. September 1974

 

Er war seit elf Tagen tot und seit fünf Tagen beerdigt. Aber Dalgliesh hätte auch so gewusst, dass Father Baddeley erst vor Kurzem gestorben sein konnte. Wie sonst ließ sich jenes Gefühl erklären, dass das Haus immer noch von seiner Persönlichkeit erfüllt war, das Gefühl, er sei so nah, dass auf einen lauten Ruf hin seine Hand am Türgriff erscheinen würde? Beim Betrachten des vertrauten abgewetzten Umhangs mit der schweren Spange – hatte der alte Mann sie tatsächlich in dreißig Jahren nicht einmal erneuert? – fühlte er eine Anwandlung von Bedauern, ja Kummer, deren Intensität ihn überraschte. Ein alter Mann war tot. Er war wohl eines natürlichen Todes gestorben; man hatte ihn ja ziemlich schnell beerdigt. Sein Tod und seine Beisetzung hatten keinerlei öffentliches Aufsehen erregt. Doch etwas hatte ihm auf der Seele gelegen, und er war gestorben, ohne es jemandem anvertraut zu haben. Es schien Dalgliesh plötzlich sehr wichtig, sich zu vergewissern, dass Father Baddeley seine Postkarte erhalten hatte – dass er nicht in dem Glauben gestorben war, sein Hilferuf wäre unbeachtet geblieben.

Am besten sah er zuerst in dem frühviktorianischen Schreibtisch nach, der Father Baddeleys Mutter gehört hatte. Father Baddeley hatte ihn Dalglieshs Erinnerung nach verschlossen gehalten. Zwar war er der Letzte gewesen, der Geheimnisse gehabt hätte, doch musste jeder Priester zumindest ein Schubfach oder einen Schreibtisch ganz für sich haben, die sicher waren vor den Augen naseweiser Putzfrauen oder übereifriger Pfarrkinder. Dalgliesh erinnerte sich an Father Baddeley, wie er in den Tiefen seiner Umhangtaschen nach dem kleinen antiken Schlüssel wühlte, der aus Gründen der leichteren Handhabung und Identifizierung mit einer Schnur an einer altmodischen Wäscheklammer befestigt war. Er steckte wahrscheinlich noch in einer der Umhangtaschen.

Mit dem ein wenig peinlichen Gefühl, einen Toten auszuplündern, griff er tief in beide Taschen. Der Schlüssel war nicht da. Er ging hinüber zum Schreibtisch und versuchte, die Platte hochzuheben. Es gelang ohne Mühe. In gebückter Haltung untersuchte er das Schloss, dann holte er seine Taschenlampe aus dem Auto und sah noch einmal nach. Die Spuren waren unverkennbar: Das Schloss war aufgebrochen worden. Jemand hatte saubere Arbeit geleistet, die wenig Kraftaufwand erfordert hatte. Das Schloss war zwar dekorativ, aber nicht solide, zur Abschreckung müßiger Neugieriger, nicht aber eines entschlossenen Angreifers vorgesehen. Ein Meißel oder ein Messer, wahrscheinlich die Klinge eines Taschenmessers, war zwischen Pult und Deckel getrieben worden. Der Schaden war erstaunlich gering, doch sprachen die Kratzspuren und das geborstene Schloss für sich selbst.

Allerdings konnte man daraus nicht schließen, wer für die Tat verantwortlich war. Es könnte auch Father Baddeley selbst gewesen sein. Wenn er den Schlüssel verloren hätte, wäre es unmöglich gewesen, ihn zu ersetzen, und wie hätte er an diesem abgelegenen Ort einen Schlosser auftreiben sollen? Ein gewaltsamer Angriff auf den Pultdeckel war zwar ein unwahrscheinliches Vorgehen für den Mann, den er in Erinnerung hatte, auszuschließen war der Gedanke jedoch nicht. Oder es könnte nach Father Baddeleys Tod geschehen sein. Wenn der Schlüssel nicht auffindbar war, hätte jemand von Toynton Grange das Schloss aufbrechen müssen. Möglicherweise hatte man Dokumente oder Papiere gebraucht, eine Versicherungskarte, Namen von Freunden, die benachrichtigt werden mussten, ein Testament. Er unterbrach sich gewaltsam in seinen Mutmaßungen, verärgert über die Entdeckung, dass er tatsächlich erwogen hatte, vor einer weiteren Untersuchung seine Handschuhe überzustreifen, und inspizierte kurz den Inhalt der Schreibtischschubladen.

Er fand nichts von Bedeutung. Father Baddeleys Beziehung zu weltlichen Dingen war offenbar minimal gewesen. Doch etwas, das er sofort erkannte, fiel ihm ins Auge: eine Anzahl sauber gestapelter hellgrüner Schulhefte im Quartformat. Sie enthielten, wie er wusste, Father Baddeleys Tagebuch. Diese Hefte gab es also immer noch zu kaufen – die allgegenwärtigen hellgrünen Schulhefte mit den Rechentabellen auf der Rückseite, bei deren Anblick man unweigerlich an die Grundschulzeit erinnert wurde, wie beim Anblick eines tintenbeklecksten Lineals oder eines Radiergummis. Father Baddeley hatte diese Hefte stets als Tagebücher benutzt, eines für jedes Vierteljahr. Nun, angesichts des alten schwarzen Umhangs, der schlaff an der Tür hing, und mit dem von ihm ausgehenden dumpfen Geruch in der Nase, konnte sich Dalgliesh eine gewisse Unterhaltung so deutlich ins Gedächtnis zurückrufen, als sei er immer noch der zehnjährige Junge von damals, und Father Baddeley, in mittleren Jahren, jedoch schon alterslos wirkend, säße hier am Schreibtisch.

»Es ist also nur ein ganz gewöhnliches Tagebuch, Father? Sie schreiben darin nicht über Ihr spirituelles Leben?«

»Das ist das spirituelle Leben – die alltäglichen Dinge, die man von Stunde zu Stunde verrichtet.«

Mit der Selbstgefälligkeit der Jugend hatte Adam gefragt:

»Nur was Sie tun? Werde ich nicht erwähnt?«

»Nein. Nur das, was ich tue. Erinnerst du dich, um welche Zeit das Treffen des Müttervereins heute Nachmittag anfing? Es wurde diese Woche im Wohnzimmer deiner Mutter abgehalten. Nur die Uhrzeit war, glaube ich, anders als sonst.«

»Es begann um 14 Uhr 45 anstatt um 15 Uhr. Der Archidiakonus wollte früh weg. Aber kommt es wirklich so genau darauf an?«

Father Baddeley hatte diese Frage anscheinend kurz, aber ernsthaft erwogen, als sei sie für ihn neu und interessant.

»O ja, ich glaube schon. Ich glaube schon. Sonst wäre die ganze Sache sinnlos.«

Der junge Dalgliesh, über dessen geistiges Fassungsvermögen der tiefere Sinn des Ganzen ohnehin schon hinausging, hatte sich getrollt, um interessanteren Angelegenheiten nachzugehen. Das spirituelle Leben. Diese Wendung hatte er schon oft aus dem Mund von weltverachtenden Gemeindemitgliedern seines Vaters vernommen, niemals jedoch von dem Kanonikus selbst. Gelegentlich hatte er versucht, sich ein Bild zu machen von jener mysteriösen anderen Existenz. Erlebte man sie gleichzeitig mit dem alltäglichen geregelten Leben des Aufstehens, Essens, der Schule, der Ferien; oder dachte man dabei an eine Existenz auf einer anderen Ebene, zu der er und die Uneingeweihten keinen Zugang hatten, auf die sich Father Baddeley jedoch nach Belieben zurückziehen konnte? Wie dem auch sei, bestimmt hatte es doch wenig zu tun mit diesem sorgsamen Aufzeichnen alltäglicher Trivialitäten.

Er nahm das letzte Heft und blätterte es durch. Father Baddeley hatte sein System nicht geändert. Alles war hier festgehalten, jeweils zwei Tage auf einer Seite in sauberer Anordnung. Die Zeiten, zu denen er sein tägliches Morgen- und Abendgebet gesprochen hatte, wo er spazieren gegangen war und wie lange, die monatliche Busfahrt nach Dorchester, der wöchentliche Ausflug nach Wareham, die Stunden, die er mit Hilfsdiensten im Gutshaus verbracht hatte, die nüchterne Aufzählung gelegentlicher kleiner Freuden – ein methodischer Rechenschaftsbericht, wie er jahrein, jahraus über jede einzelne Stunde seines Arbeitstages verfügt hatte, belegt mit der peinlichen Genauigkeit eines Buchhalters. »Aber dies ist das spirituelle Leben – die einfachen Dinge, die man Tag für Tag verrichtet.« Sicherlich war es nicht ganz so simpel …

Wo aber war das laufende Tagebuch, das Heft für das dritte Quartal von 1974? Es war eine alte Gewohnheit Father Baddeleys gewesen, die Hefte jeweils für einen Zeitraum von drei Jahren aufzubewahren. Fünfzehn Hefte müssten da sein, es waren jedoch nur vierzehn. Das Tagebuch schloss mit dem Juni 1974. Dalgliesh ertappte sich, wie er beinahe fieberhaft die Schreibtischschubladen durchsuchte. Das Tagebuch blieb verschwunden. Er stieß jedoch auf etwas anderes. Zwischen drei quittierten Rechnungen für Kohle, Heizöl und Strom lag ein Blatt billiges, dünnes Papier mit dem schräg und dilettantisch aufgedruckten Kopf »Toynton Grange«. Darunter hatte jemand getippt:

 

»Warum verschwinden Sie nicht aus dem Cottage, Sie alberner alter Heuchler, und machen jemandem Platz, der hier wirklich zu etwas nütze wäre? Glauben Sie ja nicht, wir wüssten nicht, was Sie und Grace Willison miteinander treiben, wenn Sie angeblich ihre Beichte hören. Sie wären ja froh, wenn Sie überhaupt noch könnten. Und was ist mit diesem Chorknaben? Glauben Sie nur nicht, wir wüssten nicht Bescheid.«

 

Dalglieshs erste Reaktion war eher Ärger über die Albernheit des Briefes als Zorn über seine Gehässigkeit. Er war ein kindisches Beispiel grundloser Boshaftigkeit, das nicht einmal den zweifelhaften Vorzug der Wahrscheinlichkeit für sich hatte. Armer alter, siebenundsiebzigjähriger Father Baddeley – im gleichen Atemzug der Unzucht, Sodomie und Impotenz angeklagt! Könnte ein vernünftiger Mann dieses unreife Gefasel tatsächlich ernst, ja es sich sogar zu Herzen genommen haben?

Dalgliesh hatte in seiner beruflichen Laufbahn viele Schmähbriefe zu sehen bekommen. Bei diesem hier handelte es sich um ein vergleichsweise harmloses Produkt; fast durfte man annehmen, dass der Schreiber nur mit halbem Herzen bei der Sache gewesen war. »Sie wären ja froh, wenn Sie überhaupt noch könnten.« Die meisten Verfasser von Schmähbriefen wären in der Lage gewesen, eine drastischere Beschreibung jener unterstellten Aktivität zu liefern. Und die Anspielung auf den Chorknaben, kein Name, kein Datum. Das zeugte nicht von Tatsachenwissen. Konnte Father Baddeley wirklich betroffen genug gewesen sein, einen professionellen Detective hinzuzuziehen – noch dazu einen, den er fast dreißig Jahre lang nicht gesehen hatte –, um sich bei ihm Rat zu holen oder ihn diese unbedeutende Widerlichkeit untersuchen zu lassen? Es wäre denkbar. Dies mochte nicht der einzige Brief seiner Art gewesen sein. Falls diese Unannehmlichkeit auf Toynton Grange häufiger vorkam, sah die Sache ernster aus. Ein Verfasser von Schmähbriefen, der seinem Handwerk in einer engen Gemeinschaft nachging, konnte echte Schwierigkeiten und Kummer bereiten, gelegentlich konnte er oder sie buchstäblich zum Mörder werden. Falls Father Baddeley den Verdacht gehabt hätte, dass andere ähnliche Briefe erhalten hatten, wäre es durchaus möglich gewesen, dass er sich nach professioneller Hilfe umgesehen hatte. Oder, und das war ein noch interessanterer Gedanke, lag es etwa in jemandes Absicht, Dalgliesh genau dies glauben zu machen? War der Brief mit voller Absicht für ihn auf den Präsentierteller gelegt worden, damit er ihn finden sollte? Es war in der Tat seltsam, dass niemand ihn nach Father Baddeleys Tod entdeckt und zerstört hatte. Irgendwer vom Gut musste doch seine Papiere durchgesehen haben. Dieses Schriftstück hätte man wohl kaum zurückgelassen, damit andere es lesen konnten.

Er verstaute es in seiner Brieftasche und machte sich auf einen Rundgang durch das Haus. Father Baddeleys Schlafzimmer entsprach ganz seinen Erwartungen. Ein winziges Fenster mit schäbigem Cretonnevorhang, das Bett noch bezogen, die Überdecke jedoch straff festgesteckt bis hinauf über das Kopfkissen, zwei Wände ganz mit Büchern bedeckt, ein kleiner Nachttisch mit einer ärmlichen Lampe, eine Bibel, ein wuchtiger bunter Porzellanaschenbecher mit einem Reklameaufdruck für Bier. Father Baddeleys Pfeife ruhte noch in ihrer Schale, und daneben bemerkte Dalgliesh ein zur Hälfte aufgebrauchtes Streichholzbriefchen aus Pappe, wie man es in Restaurants und Bars bekommt. Dieses hier machte Reklame für Ye Olde Tudor Barn in der Nähe von Wareham. Ein einziges gebrauchtes Streichholz lag im Aschenbecher; es war bis zu seinem ausgebrannten Kopf aufgeblättert worden. Dalgliesh konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Diese kleine persönliche Eigenart hatte also auch dreißig Jahre überdauert. Er entsann sich Father Baddeleys kleiner, mit der Behändigkeit eines Eichhörnchens arbeitender Finger, die behutsam den Streifen dünnen Kartonpapiers abschälten, als versuchten sie, einen früher aufgestellten persönlichen Rekord zu brechen. Dalgliesh nahm das Streichholz in die Hand und lächelte; sechs Teilstücke. Father Baddeley hatte sich selbst übertroffen.

Er trat in die Küche. Sie war klein, dürftig eingerichtet, aufgeräumt, aber nicht übermäßig sauber. Der altmodische Gasofen sah aus, als sei er demnächst reif für das Volkskundemuseum. Das steinerne Spülbecken unter dem Fenster hatte ein rissiges, verfärbtes hölzernes Wasserablaufbrett, das nach altem Fett und scharfer Seife roch. Die verblichenen Cretonnevorhänge mit ihrem schwach erkennbaren Muster aus verblühten Rosen und Narzissen, die unangebrachterweise miteinander verflochten waren, standen offen und gaben den Blick auf die fernen Purbeck-Hügel frei. Wolken, zart wie Rauchkringel, trieben über den blauen Himmel und verflüchtigten sich, und auf einer fernen Weide lagen Schafe wie weiße Kugeln.

Dalgliesh erforschte die Speisekammer. Hier hatte er endlich den Beweis, dass er erwartet worden war. Father Baddeley hatte in der Tat zusätzliche Lebensmittel besorgt, und die Dosen waren ein entmutigender Hinweis darauf, woraus sich seiner Meinung nach eine angemessene Kost zusammensetzte. Er hatte auf rührende Weise für zwei Personen eingekauft und dabei bei der einen zuversichtlich einen größeren Appetit vorausgesetzt. Von einer Vielzahl der geläufigen Konserven gab es jeweils eine große und eine kleine Dose: gebackene Bohnen, Thunfisch, Irish Stew, Spaghetti, Reispudding.

Dalgliesh kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er spürte Müdigkeit; die Fahrt hatte ihn stärker mitgenommen als erwartet. Bei einem Blick auf die schwere Eichenuhr über dem Kamin, die noch nicht aufgehört hatte zu ticken, sah er, dass es noch nicht einmal vier Uhr war, dennoch meinte sein Körper, dass dies schon ein langer, harter Tag gewesen sei. Er sehnte sich nach Tee. In der Speisekammer hatte er eine Teebüchse, aber keine Milch vorgefunden. Er überlegte, ob das Gas noch an war.

In diesem Moment hörte er, wie sich Schritte der Tür näherten und die Klinke heruntergedrückt wurde. Die Gestalt einer Frau zeichnete sich gegen das Nachmittagslicht ab. Er vernahm eine tiefe, raue, jedoch sehr weibliche Stimme mit der Andeutung eines irischen Akzents.

»Um Himmels willen! Ein menschliches Wesen und noch dazu männlichen Geschlechts. Was machen Sie denn hier?«

Ohne die Tür hinter sich zu schließen, trat sie ins Zimmer, sodass er sie jetzt deutlich sehen konnte. Sie war seiner Schätzung nach um die fünfunddreißig, kräftig und langbeinig, und die gelbe Haarmähne, die an den Wurzeln nachdunkelte, fiel ihr in einer schwungvollen Kaskade auf die Schultern. Die Augen standen eng beieinander in dem quadratischen Gesicht mit dem großzügig geschnittenen Mund und wurden von schweren Lidern beschattet. Sie trug braune, schlecht sitzende Sporthosen mit einem Gummiband unter den Sohlen, schmutzige, mit Grasflecken übersäte Turnschuhe und ein ärmelloses weißes Baumwolloberteil mit tiefem Ausschnitt, der ein braun gesprenkeltes, sonnenverbranntes Dreieck frei ließ. Einen Büstenhalter hatte sie nicht an, und ihre vollen Brüste bewegten sich ungehindert unter dem dünnen Stoff. Drei hölzerne Armreifen klimperten an ihrem linken Unterarm. Sie vermittelte einen Gesamteindruck aufdringlicher, doch durchaus nicht unattraktiver Sexualität, der so stark war, dass sie, obgleich ohne Parfum, ihren eigenen, individuellen weiblichen Geruch mit in den Raum brachte.

Er sagte: »Ich heiße Adam Dalgliesh. Ich bin hierhergekommen, um Father Baddeley zu besuchen. Anscheinend ist das jetzt nicht mehr möglich.«

»So kann man es auch ausdrücken. Sie kommen genau elf Tage zu spät für einen Besuch und fünf Tage zu spät für die Beerdigung. Was sind Sie, ein alter Freund? Wir wussten nicht, dass er einen hatte. Es gab allerdings eine Menge, was wir nicht wussten über unseren ehrwürdigen Michael. Er war ein verschwiegener kleiner Kerl. Jedenfalls hat er nie etwas über Sie verlauten lassen.«

»Bis auf einige kurze Begegnungen hatten wir uns seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen, und ich habe ihm erst am Tag vor seinem Tod geschrieben, dass ich ihn besuchen würde.«

»Adam. Der Name gefällt mir. Eine Menge Bälger werden heutzutage so genannt. Er kommt wieder in Mode. Aber in der Schule haben Sie ihn sicher als Klotz am Bein empfunden. Trotzdem, er passt zu Ihnen. Mir ist nicht klar, weshalb. Sie machen nicht gerade einen sehr erdverbundenen Eindruck, oder irre ich mich? Ich weiß jetzt, weshalb Sie hier sind. Sie wollen die Bücher abholen.«

»Tatsächlich?«

»Die Bücher, die Michael Ihnen in seinem Testament vermacht hat. Für Adam Dalgliesh, den einzigen Sohn des verstorbenen Kanonikus Alexander Dalgliesh, meine gesamten Bücher, die er behalten oder über die er nach Belieben verfügen mag. Ich erinnere mich genau daran, weil ich die Namen so ungewöhnlich fand. Sie haben wirklich nicht viel Zeit verloren. Ich bin überrascht, dass die Anwälte es sogar schon geschafft haben, Ihnen zu schreiben. Bob Loder ist für gewöhnlich nicht so flink. Aber an Ihrer Stelle würde ich mir nicht zu viele Hoffnungen machen. In meinen Augen sind sie nicht besonders wertvoll. Eine Menge trockener alter Theologie-Schinken. Haben Sie übrigens damit gerechnet, dass er Ihnen etwas von seinem Geld vermachen würde? Falls ja, habe ich Neuigkeiten für Sie.«

»Ich wusste gar nicht, dass Father Baddeley überhaupt Geld hatte.«

»Wir auch nicht. Das war auch so eins von seinen kleinen Geheimnissen. Er hinterließ 19000 Pfund. Kein großes Vermögen, aber nützlich. Er vermachte alles Wilfred zugunsten von Toynton Grange, und soweit mir bekannt ist, kam es gerade zur rechten Zeit. Grace Willison ist die einzige andere Erbin. Sie wird den alten Schreibtisch bekommen, wenn Wilfred die Mühe auf sich nimmt, ihn abholen zu lassen.«

Sie hatte es sich in dem Sessel beim Kamin bequem gemacht, den Kopf zurückgelehnt und die Beine gespreizt. Dalgliesh zog einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber.

»Kannten Sie Father Baddeley gut?«

»Wir kennen uns alle gut hier, das ist Teil unseres Problems. Bleiben Sie länger?«

»Vielleicht noch einen oder zwei Tage in der Gegend. Aber anscheinend ist es jetzt nicht mehr möglich, direkt hier am Ort zu bleiben …«

»Warum eigentlich nicht, wenn Sie möchten? Das Haus steht leer, wenigstens bis Wilfred ein neues Opfer – ich meine einen neuen Mieter – gefunden hat. Ich glaube nicht, dass er irgendwelche Einwände hätte. Außerdem müssen Sie die Bücher aussortieren, nicht wahr? Wilfred wird sie aus dem Weg haben wollen, bevor der nächste Kaplan hier einzieht.«

»Das Haus gehört also Wilfred Anstey?«

»Ihm gehören das ganze Gut und alle Häuser hier, bis auf das von Julius Court. Es liegt weiter draußen, das einzige mit Blick aufs Meer. Der Rest des Anwesens und auch wir sind Eigentum von Wilfred.«

Sie blickte ihn abschätzend an. »Sie haben doch nicht etwa irgendwelche nützlichen Kenntnisse? Ich meine, Sie sind kein Heilgymnastiker, Krankenpfleger oder Arzt oder gar Buchhalter? Sie sehen jedenfalls nicht so aus. Wenn Sie aber doch etwas in dieser Richtung sind, gebe ich Ihnen den guten Rat zu verschwinden, bevor Wilfred beschließt, dass Sie zu nützlich sind, um Sie wieder ziehen zu lassen.«

»Ich glaube nicht, dass er meine speziellen Fähigkeiten sehr nützlich finden würde.«

»Dann würde ich an Ihrer Stelle bleiben, wenn mir danach wäre. Aber ich sollte Sie mit den Gegebenheiten hier vertraut machen. Möglicherweise ändern Sie dann Ihre Absicht.«

Dalgliesh meinte: »Am besten fangen Sie bei sich selber an. Sie haben mir noch nicht gesagt, wer Sie sind.«

»Himmel, das stimmt! Tut mir leid. Ich bin Maggie Hewson. Mein Mann ist Arzt drüben im Gutshaus und als solcher geradezu unentbehrlich. Jedenfalls wohnt er mit mir in einem Cottage mit dem sinnigen Namen ›Karitas‹, verbringt aber die meiste Zeit im Haupthaus. Da es auf dem ganzen Gut nur noch fünf Patienten gibt, fragt man sich, was er dort so fesselnd findet. Was meinen Sie? Was glauben Sie, was ihn dort so fesselt, Adam Dalgliesh?«

»Betreute Ihr Mann Father Baddeley?«

»Nennen Sie ihn Michael; außer Grace Willison nannten wir ihn alle so. Ja, Eric betreute ihn, solange er lebte, und stellte den Totenschein aus, als er starb. Vor sechs Monaten hätte er das noch nicht gekonnt, aber jetzt, wo man ihm gütigst die Approbation wieder erteilt hat, darf er mit vollem Recht auch wieder seinen Namen unter ein Stück Papier setzen, das besagt, dass man ordnungsgemäß und legal tot ist. Gott, was für ein beschissenes Privileg.«

Sie lachte, brachte nach einigem Stöbern eine Packung Zigaretten aus ihrer Hosentasche zum Vorschein und zündete sich eine an. Sie reichte Dalgliesh die Packung. Er schüttelte den Kopf. Achselzuckend blies sie eine Rauchwolke in seine Richtung.

Dalgliesh fragte: »Woran starb Father Baddeley?«

»Sein Herz hörte auf zu schlagen. Nein, das war nicht scherzhaft gemeint. Er war alt, sein Herz war erschöpft, und am einundzwanzigsten September hörte es auf zu schlagen. Akuter myokardischer Infarkt, kompliziert durch eine leichte Diabetes, wenn Sie den medizinischen Fachjargon hören wollen.«

»War er allein?«

»Ich glaube, ja. Er starb nachts, wenigstens wurde er lebend zuletzt von Grace Willison um Viertel vor acht abends gesehen, als er ihr die Beichte abnahm. Vermutlich starb er an Langeweile. Nein, das hätte ich besser nicht gesagt. Geschmacklos von dir, Maggie. Sie sagt, er kam ihr vor wie immer, etwas müde natürlich, aber er war ja erst am Morgen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich kam um neun Uhr am nächsten Tag hier rein, um zu sehen, ob er irgendetwas aus Wareham brauchte – ich wollte den Elf-Uhr-Bus nehmen; Wilfred gestattet keine Privatautos –, und da lag er, tot.«

»Im Bett?«

»Nein, in dem Stuhl, auf dem Sie jetzt sitzen, zurückgefallen, mit offenem Mund und geschlossenen Augen. Er hatte seine Soutane an und ein violettes Band um den Hals. Alles höchst korrekt. Nur war er ausgesprochen tot.«

»Sie haben also die Leiche als Erste gefunden?«

»Falls nicht Millicent von nebenan schon vorher auf leisen Sohlen hereingekommen ist, den Anblick nicht gemocht hat und wieder nach Hause geschlichen ist. Millicent ist Wilfreds verwitwete Schwester, falls es Sie interessiert. Es ist eigentlich ziemlich merkwürdig, dass sie nicht nach ihm sah, obwohl sie wusste, dass er krank und allein war.«

»Es muss ein ziemlicher Schock für Sie gewesen sein.«

»Nicht besonders. Ich war vor meiner Ehe Krankenschwester. Ich habe in meinem Leben mehr Tote gesehen, als ich zählen kann. Außerdem war er sehr alt. Bei jüngeren Leuten – Kindern vor allem – nimmt es einen mit. Gott, bin ich froh, nichts mehr mit dem ganzen unappetitlichen Kram zu tun zu haben.«

»Ach? Arbeiten Sie nicht hier auf Toynton Grange?«

Bevor sie antwortete, erhob sie sich und trat an den Kamin, blies eine Rauchwolke auf den Spiegel über dem Sims und brachte ihr Gesicht ganz dicht an das Glas, als sei sie in die eingehende Betrachtung ihres Spiegelbildes versunken.

»Nein, nicht wenn ich es irgendwie vermeiden kann. Und, bei Gott, wie ich es vermeide! Sie können es ruhig wissen. Ich bin das schwarze Schaf in der Gemeinschaft, unsozial, unkommunikativ, unchristlich. Ich säe nicht, ich ernte nicht. Der Charme unseres lieben Wilfred prallt an mir ab. Ich verschließe die Ohren vor den Schreien der Notleidenden. Ich beuge nicht das Knie vor dem Altar.«

Sie wandte sich ihm mit halb herausforderndem, halb prüfendem Blick zu. Dalgliesh fand, dass der Ausbruch nicht ganz spontan gewirkt hatte, dass diese Protestrede wohl schon öfter vorgetragen worden war. Es klang nach einer rituellen Rechtfertigung, und er hegte den Verdacht, dass jemand ihr beim Verfassen des Manuskripts geholfen hatte. Er sagte: »Erzählen Sie mir etwas über Wilfred Anstey.«

»Hat Michael Sie nicht vorgewarnt? Nein, vermutlich hätte er das nicht getan. Nun, es ist eine merkwürdige Geschichte, aber ich werde versuchen, mich kurzzufassen. Wilfreds Urgroßvater ließ das Gutshaus bauen. Sein Großvater hinterließ es in Treuhandverwaltung zu gleichen Teilen Wilfred und seiner Schwester Millicent. Wilfred zahlte sie aus, als er das Heim eröffnete. Vor acht Jahren erkrankte Wilfred an multipler Sklerose. Die Krankheit nahm einen äußerst rapiden Verlauf; nach drei Monaten konnte er sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Dann machte er eine Wallfahrt nach Lourdes und wurde geheilt. Offenbar hatte er einen Pakt mit dem lieben Gott geschlossen. Wenn Du mich heilst, dann weihe ich Toynton Grange und mein ganzes Geld dem Dienst an Menschen mit Behinderung. Gott tat ihm den Gefallen, und nun ist Wilfred eifrig dabei, seinen Teil des Pakts zu erfüllen. Vermutlich hat er Angst, wenn er einen Rückzieher macht, könnte die Krankheit wieder auftreten. Ich kann es ihm nicht verdenken. Wahrscheinlich würde ich ähnlich empfinden. Wir sind alle im Grunde abergläubisch, besonders, wenn es um Krankheit geht.«

»Und ist er versucht, einen Rückzieher zu machen?«

»Oh, ich glaube nicht. Der Ort hier gibt ihm ein gewisses Machtgefühl. Er ist von dankbaren Patienten umgeben, wird von den Frauen beinahe abgöttisch verehrt und von Dot Moxon – die hier so eine Art Oberschwester ist – wie von einer alten Henne umgluckt. Wilfred ist bestimmt ganz zufrieden mit seiner Rolle.«

Dalgliesh erkundigte sich: »Wann genau geschah das Wunder?«

»Er behauptet, als sie ihn in den Brunnen tauchten. Seinem Bericht nach erfuhr er zunächst einen enormen Kälteschock, unmittelbar gefolgt von prickelnder Wärme, die seinen ganzen Körper durchströmte, außerdem fühlte er sich überaus glücklich und voll inneren Friedens. Genauso fühle ich mich nach meinem dritten Whisky. Wenn bei Wilfred dieses Gefühl durch Baden in eiskaltem, bakterienverseuchtem Wasser ausgelöst wird, kann ich nur sagen, er hat verdammt viel Glück. Zurück in der Pilgerherberge, stand er zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder auf den Beinen. Drei Wochen später hüpfte er wie ein junger Springinsfeld. Er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, das Erlöserkrankenhaus in London, wo er behandelt worden war, aufzusuchen, um denen die Möglichkeit zu geben, seine wundersame Genesung auf seinem Krankenblatt festzuhalten. Es wäre ja auch ein Witz gewesen, wenn er hingegangen wäre.«

Sie hielt inne, als wollte sie noch etwas sagen, fügte dann aber lediglich hinzu: »Rührend, nicht?«

»Es ist interessant. Woher hat er das Geld, um seinen Teil des Abkommens erfüllen zu können?«

»Die Patienten bezahlen ihn ihren Möglichkeiten entsprechend. Für einige von ihnen kommen ihre Kommunalbehörden auf. Und außerdem hatte Wilfred natürlich noch sein eigenes Kapital. Dennoch ist die Lage allmählich alles andere als rosig, so behauptet er wenigstens. Father Baddeleys Erbe kam gerade noch rechtzeitig. Außerdem spart Wilfred tüchtig beim Personal. Eric bekommt nicht gerade einen angemessenen Lohn für seine Arbeit. Philby, so eine Art Hausmeister, ist ein ehemaliger Strafgefangener und würde wahrscheinlich nirgendwo sonst eine Stelle finden, und auch die Oberschwester Dot Moxon täte sich wohl schwer damit, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, nach jenem Ermittlungsverfahren wegen Grausamkeit in ihrem letzten Krankenhaus. Sie hat allen Grund, Wilfred dankbar zu sein, dass er sie eingestellt hat. Aber wir sind ja alle dem lieben Wilfred schrecklich, schrecklich dankbar.«

Dalgliesh sagte: »Ich glaube, ich sollte jetzt zum Gutshaus hinübergehen und Guten Tag sagen. Es sind nur noch fünf Patienten da, sagen Sie?«

»Es ist verpönt, sie als Patienten zu bezeichnen, obwohl mir schleierhaft ist, wie man sie sonst nennen sollte. Insassen klingt zu sehr nach Gefängnis, obwohl es, weiß Gott, sehr zutreffend wäre. Aber es sind in der Tat nur noch fünf übrig. Er nimmt niemanden mehr von der Warteliste auf, solange er sich bezüglich der Zukunft des Heims nicht schlüssig geworden ist. Der Ridgewell Trust streckt die Krallen nach ihm aus, und Wilfred erwägt, ihnen den ganzen Komplex mit Niet und Nagel für ein Butterbrot zu verkaufen. Eigentlich waren es vor etwa vierzehn Tagen noch sechs Bewohner, aber das war, bevor Victor Holroyd sich vom Küstenrand stürzte und auf den Felsen zerschmettert wurde.«

»Sie meinen, er beging Selbstmord?«

»Nun, er stand mit seinem Rollstuhl drei Meter von der Felskante entfernt, und entweder löste er selbst die Bremsen und ließ sich über die Kante rollen, oder Dennis Lerner, der Krankenpfleger, der bei ihm war, hat ihn hinuntergestoßen. Da Dennis nicht einmal genug Schneid hat, um ein Huhn zu töten, geschweige denn einen Menschen, ist die allgemeine Ansicht, dass Victor es selbst getan hat. Weil aber diese Vorstellung für den guten Wilfred zu unerquicklich ist, sind wir alle emsig dabei, so zu tun, als sei es ein Unfall gewesen. Victor fehlt mir, ich mochte ihn. Er war so ziemlich der einzige Mensch hier, mit dem ich mich unterhalten konnte. Alle anderen hassten ihn. Und jetzt haben natürlich alle ein schlechtes Gewissen und fragen sich, ob sie ihn falsch eingeschätzt haben. Sterben ist das beste Mittel, andere ins Unrecht zu setzen. Ich meine, wenn einer dauernd verkündet, das Leben sei nicht lebenswert, ist man der Meinung, dass er lediglich eine offensichtliche Tatsache feststellt. Wenn er seine Meinung allerdings durch entsprechende Taten unterstreicht, fragt man sich, ob nicht mehr in ihm steckte, als man angenommen hatte.«

Dalgliesh blieb die Mühe einer Antwort erspart durch das Geräusch eines näher kommenden Wagens. Maggie, deren Gehör offenbar ebenso scharf war wie das seine, sprang von ihrem Stuhl auf und rannte nach draußen. Eine große schwarze Luxuslimousine näherte sich der Wegkreuzung.

»Julius«, rief ihm Maggie als kurze Erklärung über die Schulter zu, während sie ungestüm winkte.

Das Auto stoppte und kam dann auf Hope Cottage zugefahren. Dalgliesh sah, dass es ein schwarzer Mercedes war. Sobald er langsamer wurde, rannte Maggie wie ein aufdringliches Schulmädchen neben ihm her und gab durch das offene Fenster eine Flut von Erklärungen ab. Der Wagen hielt an, und Julius Court stieg mit lässigem Schwung aus.

Er war ein großer, schlaksiger junger Mann, bekleidet mit einer bequemen Hose und einem grünen Pullover, der an Schultern und Ellbogen mit Lederflicken besetzt war. Sein hellbraunes, kurz geschnittenes Haar umschloss seinen Kopf wie ein matt schimmernder Helm. Sein Gesicht hatte einen gebieterischen, selbstsicheren Ausdruck, wenngleich die ausgeprägten Tränensäcke unter den wachsamen Augen und der leicht verdrießliche Zug um den kleinen Mund über dem kräftigen Kinn auf eine gewisse Genusssucht hindeuteten. In mittleren Jahren würde er schwergewichtig, ja sogar fett werden. Jetzt dagegen vermittelte er sofort den Eindruck leicht arroganter Schönheit, der durch die helle, dreieckige Narbe über seiner rechten Augenbraue eher noch verstärkt als beeinträchtigt wurde.

Er streckte die Hand aus und sagte: »Tut mir leid, dass Sie das Begräbnis verpasst haben.«

Aus seinem Mund klang es, als hätte Dalgliesh einen Zug verpasst. Maggie blökte: »Aber Liebling, verstehst du denn nicht! Er ist nicht wegen der Beerdigung gekommen. Mr Dalgliesh wusste nicht einmal, dass der alte Mann …«

Court betrachtete Dalgliesh mit etwas mehr Interesse. »Oh, Pardon. Vielleicht kommen Sie besser mit zum Gutshaus. Wilfred Anstey wird Ihnen mehr über Father Baddeley erzählen können als ich. Ich war in meiner Londoner Wohnung, als der alte Mann starb, deshalb kann ich nicht einmal mit interessanten Enthüllungen vom Totenbett aufwarten. Steigen Sie ein. Du auch, Maggie. Ich habe hinten im Auto einige Bücher für Henry Carwardine aus der Londoner Bibliothek. Ich kann sie ebenso gut auch gleich abliefern.«