Tod eines Sachverständigen - P. D. James - E-Book

Tod eines Sachverständigen E-Book

P. D. James

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Beschreibung

»Queen of Crime« P. D. James neu aufgelegt – für Liebhaber des klassischen Kriminalromans In der einsamen Moorlandschaft der Fenlands im Osten Englands liegt Chevisham Manor, einst ein elegantes Herrenhaus, in den 70er Jahren nun ein angesehenes Institut der Forensik. Die wissenschaftliche Untersuchung des Mordens gehört zur täglichen Routine der Mitarbeiter; umso aufgewühlter sind sie, als einer von ihnen, der Biologe Dr. Edwin Lorrimer, in seinem Labor ermordet aufgefunden wird. Da den Mann wirklich niemand ausstehen konnte, ist die Liste der potenziellen Mörder nicht eben klein. Und Commander Adam Dalgliesh fällt schließlich die wenig dankbare Aufgabe zu, einen viel zu sympathischen Verdächtigen zu einem Fehler zu verleiten … Band 6 der Reihe um Commander Adam Dalgliesh »Der Kriminalroman ist hervorragend aufgebaut dank glänzender Milieukenntnisse. P. D. James wird zu Recht als Englands ›Queen of Crime‹ gepriesen!« Welt am Sonntag

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Seitenzahl: 582




P. D. James

Tod eines Sachverständigen

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Wolfdietrich Müller

Knaur e-books

Über dieses Buch

In einer einsamen Moorlandschaft im Osten Englands liegt Chevisham Manor, seit Jahrzehnten ein angesehenes Institut der Forensik. Die wissenschaftliche Untersuchung des Mordens gehört zur täglichen Routine der Mitarbeiter; umso aufgewühlter sind sie, als einer von ihnen, der Biologe Dr. Edwin Lorrimer, in seinem Labor ermordet aufgefunden wird. Da den Mann wirklich niemand ausstehen konnte, ist die Liste der potenziellen Mörder nicht eben klein. Und Adam Dalgliesh fällt die wenig dankbare Aufgabe zu, einen viel zu sympathischen Verdächtigen zu einem Fehler zu verleiten …

Inhaltsübersicht

Ein alltäglicher Fall1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. KapitelTod im Labor1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. KapitelEin Suchender1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. KapitelDie blaue Seidenschnur1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. KapitelDie Kalkgrube1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelLeseprobe »Tod im weißen Häubchen«
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In East Anglia gibt es kein amtliches kriminologisches Institut, aber selbst wenn eine solche Einrichtung existierte, wären Gemeinsamkeiten mit dem Hoggatt-Institut höchst unwahrscheinlich. Die Laborangestellten sind wie alle anderen Personen in diesem Buch – auch die unangenehmsten – frei erfunden und haben keine Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten.

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Ein alltäglicher Fall

 

 

 

 

 

 

 

1

Um 6 Uhr 12 schrillte das Telefon. Er griff sofort nach dem Hörer, und das durchdringende Geräusch brach ab. Es war ihm inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, auf dem beleuchteten Zifferblatt der elektrischen Uhr neben seinem Bett die Zeit abzulesen, bevor er Licht machte. Das Telefon musste selten mehr als einmal läuten, aber dennoch fürchtete er jedes Mal, es könnte Nell geweckt haben. Der Anrufer war bekannt, er erwartete seinen Anruf schon. Es war Detective Inspector Doyle. Die Stimme mit dem etwas einschüchternden irischen Akzent klang so kräftig und selbstsicher, als baute sich Doyles massige Gestalt vor seinem Bett auf.

»Dr. Kerrison?« Diese Frage war natürlich überflüssig. Wer hätte sonst in diesem halb leeren, hallenden Haus morgens um 6 Uhr 12 ans Telefon gehen sollen? Er gab keine Antwort, und die Stimme fuhr fort: »Wir haben eine Leiche. Im Ödland – in einer Kalkgrube –, eine Meile nordöstlich von Muddington. Ein Mädchen. Sieht aus, als wäre es erwürgt worden. Wahrscheinlich ein ziemlich klarer Fall, aber weil es nicht weit ist, dachten wir …«

»In Ordnung. Ich komme.«

Er spürte weder Erleichterung noch Dankbarkeit am anderen Ende der Leitung. Warum auch? Kam er nicht immer, wenn er gerufen wurde? Er wurde gut genug dafür bezahlt, dass er sich verfügbar hielt, aber das war nicht der einzige Grund, warum er so überaus gewissenhaft war. Er hatte den Verdacht, Doyle würde ihn mehr respektieren, wenn er gelegentlich weniger entgegenkommend wäre. Und er würde sich auch selbst mehr respektieren.

»Es ist die erste Ausfahrt auf der A 142 nach Gibbet’s Cross. Ich stelle dort einen Posten auf.«

Er legte den Hörer auf die Gabel, schwang die Beine aus dem Bett, griff nach Bleistift und Notizblock und schrieb die Angaben auf, solange er sie noch frisch im Gedächtnis hatte. In einer Kalkgrube. Das hieß wahrscheinlich Matsch, besonders nach dem gestrigen Regen. Das Fenster war einen Spalt offen. Er schob es ganz hoch, verzog das Gesicht, als Holz über Holz knirschte, und streckte den Kopf nach draußen. Der schwere Lehmgeruch der herbstlichen Marschnacht schlug ihm entgegen, kräftig und doch frisch. Es regnete jetzt nicht mehr; über den Himmel jagten graue Wolkenfetzen, durch die der fast volle Mond wie ein bleicher irrer Geist wirbelte. Seine Gedanken schweiften über die verlassenen Felder und einsamen Deiche zu den breiten, mondbleichen Sandstränden des Wash und den darüberleckenden Fransen der Nordsee. Er bildete sich ein, ihren heilsamen Geruch in der vom Regen gereinigten Luft zu riechen. Irgendwo da draußen in der Dunkelheit lag ein Körper, der alle Anzeichen eines gewaltsamen Todes aufwies. Er dachte an die gewohnte Umgebung seines Berufs: ordentlich geparkte Polizeiautos; Männer, die sich wie schwarze Schatten hinter dem grellen Schein der Bogenlampen bewegten; Absperrseile; Gesprächsfetzen, während die Männer nach den Scheinwerfern seines Autos Ausschau hielten. Wahrscheinlich sahen sie schon auf ihre Uhren und überschlugen, wie lange er wohl für den Weg brauchen würde.

Leise schloss er das Fenster, zog seine Hose über den Schlafanzug und streifte sich einen Rollkragenpullover über den Kopf. Dann nahm er eine Taschenlampe, knipste die Nachttischlampe aus und ging zur Treppe. Er trat vorsichtig auf und hielt sich nahe der Wand, damit die Stufen nicht knarrten. Aber es blieb still in Eleanors Zimmer. Ganz am Ende des langen Flurs führten drei Stufen zu dem hinteren Schlafzimmer, in dem seine sechzehnjährige Tochter lag. Sie hatte einen sehr leichten Schlaf und reagierte ungeheuer empfindlich auf das Läuten des Telefons. Aber sie konnte eigentlich nichts gehört haben. Wegen seines dreijährigen Sohnes brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Wenn William erst einmal eingeschlafen war, schlief er bis zum Morgen durch.

Sein Tun und Denken verlief in festen Bahnen. Er wich nie von seiner Routine ab. Zuerst ging er in das kleine Badezimmer neben dem hinteren Ausgang, wo seine Stulpenstiefel, aus denen die dicken roten Socken wie amputierte Füße herausquollen, neben der Tür bereitstanden. Er schob die Ärmel über die Ellbogen zurück und ließ kaltes Wasser über seine Hände und Arme laufen. Dann hielt er den ganzen Kopf unter den Strahl. Diesen beinahe rituellen Reinigungsakt vollzog er vor und nach jedem Fall. Er fragte sich seit Langem nicht mehr, warum er das tat. Es war ebenso tröstlich und unverzichtbar wie eine religiöse Zeremonie geworden: die kurze vorbereitende Waschung, die einer Weihung glich, die abschließende Abspülung, die notwendige Aufgabe und zugleich Absolution war, als könne er, indem er seinen Körper von dem Geruch seiner Tätigkeit befreite, auch seine Gedanken davon befreien. Das Wasser spritzte heftig gegen den Spiegel, und als er sich aufrichtete, um nach einem Handtuch zu tasten, sah ihm sein Gesicht verzerrt durch die Wassertropfen entgegen. Mit den hängenden Mundwinkeln und den feucht glänzenden schwarzen Haarsträhnen über den schweren Augenlidern war ihm, als blicke ihn ein Ertrunkener an.

Er dachte: »Nächste Woche werde ich fünfundvierzig, und was habe ich erreicht? Dieses Haus, zwei Kinder, eine gescheiterte Ehe und eine Beschäftigung, die ich nicht verlieren darf, weil sie der einzige Bereich ist, in dem ich erfolgreich bin.«

Das alte Pfarrhaus, das er von seinem Vater geerbt hatte, war hypothekenfrei, unbelastet. Dies traf in seinem von Ängsten geplagten Leben auf nichts anderes zu, dachte er. Liebe, der Mangel an Liebe, das wachsende Verlangen, die plötzliche erschreckende Hoffnung auf Erfüllung – alles war nur eine Last. Selbst seine Arbeit, der Boden, auf dem er sich mit größerer Sicherheit bewegte, war durch Ängste eingeengt.

Während er seine Hände sorgfältig abtrocknete, jeden Finger einzeln, kehrte der alte, wohlbekannte Kummer wieder, der schwer wie ein bösartiges Geschwür auf ihm lastete. Noch war er nicht zum Nachfolger des alten Dr. Stoddard als Pathologe im Dienst des Innenministeriums ernannt worden, aber er hoffte sehr auf diese Stellung, auch wenn ihm die offizielle Ernennung keine finanzielle Verbesserung bringen würde. Die Polizei beschäftigte ihn bereits auf Vertragsbasis und zahlte großzügig für jeden Fall. Dazu kam sein Honorar als amtlicher Leichenbeschauer, und zusammen ergab das ein Einkommen, für das ihn seine Kollegen in der Pathologie des Bezirkskrankenhauses sicherlich beneideten. Gleichzeitig nahmen sie ihm wohl sein unvorhersehbares Fernbleiben aufgrund der Polizeiarbeit und der langen Gerichtstage sowie die unvermeidliche Publicity übel.

Ja, die Ernennung war wichtig für ihn. Sollte das Innenministerium sich anderweitig umsehen, würde es schwierig, eine Fortsetzung der privat vereinbarten Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei gegenüber der regionalen Gesundheitsbehörde zu rechtfertigen. Er war nicht einmal sicher, ob die Polizei ihn in diesem Fall behalten würde. Er wusste, dass er ein guter Gerichtsmediziner war, zuverlässig, mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten, von fast zwanghafter Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit, ein überzeugender und unbestechlicher Zeuge.

Die Polizei wusste, dass ihre sorgfältig errichteten Beweisgebäude nicht zusammenbrechen würden, wenn er im Zeugenstand ins Kreuzverhör genommen wurde, obwohl er manchmal den Verdacht hatte, dass sie ihn zu skrupulös fanden, um wirklich ganz zufrieden mit ihm zu sein. Was ihm allerdings fehlte, war die selbstverständliche männliche Kameradschaft, die Mischung aus Zynismus und Machismo, die den alten Doc Stoddard so fest an die Polizei gebunden hatte. Wenn sie auf ihn verzichten müssten, würden sie ihn sicher nicht sehr vermissen. Deshalb bezweifelte er, ob sie sich dafür starkmachen würden, ihn zu behalten.

Das Garagenlicht blendete ihn. Er schob die Tür mit einer Hand hoch, und das Licht fiel nach draußen auf den Kies des Fahrwegs und die ungepflegten silbrigen Grasränder. Aber das Licht würde Nell nicht aufwecken. Ihr Schlafzimmer ging nach hinten hinaus. Bevor er den Motor startete, warf er einen Blick auf die Straßenkarte. Muddington. Eine Stadt an der Peripherie seines Bezirks, etwa siebzehn Meilen nach Nordwesten, in weniger als einer halben Stunde zu erreichen, wenn er Glück hätte. Falls die Wissenschaftler aus dem Labor schon dort waren – und Lorrimer, der leitende Biologe, versäumte keinen Mordfall, wenn er es einrichten konnte –, dann würde wohl für ihn nicht viel zu tun bleiben. Angenommen, er brauchte etwa eine Stunde am Tatort, dann könnte er vielleicht sogar wieder zurück sein, bevor Nell aufwachte, und sie musste gar nicht erfahren, dass er weg gewesen war. Er schaltete die Garagenbeleuchtung aus. Vorsichtig, als könne eine sanfte Berührung das Motorengeräusch dämpfen, drehte er den Zündschlüssel um. Der Rover rollte langsam in die Nacht hinaus.

2

Sie hielt ihre rechte Hand schützend über das flackernde Nachtlicht und rührte sich nicht hinter den Vorhängen am vorderen Ende des Flurs. Eleanor Kerrison sah, wie die Rückstrahler des Rovers plötzlich rot aufleuchteten, als der Wagen vor dem Tor kurz anhielt, bevor er nach links abbog und schneller wurde, bis er nicht mehr zu sehen war. Sie wartete noch, bis sie auch das Licht der Scheinwerfer nicht mehr sehen konnte. Dann wandte sie sich ab und ging über den Flur zu Williams Zimmer. Sie war sicher, dass er nicht aufgewacht war. Im Schlaf überließ er sich genießerisch dem Vergessen, und solange er schlief, wusste sie ihn in Sicherheit und konnte sich frei von Ängsten fühlen. Wenn sie ihn beobachtete, empfand sie eine solche aus Sehnsucht und Mitleid gemischte Freude, dass sie, aus Furcht vor ihren Gedanken im Wachen, aber noch mehr aus Angst vor den Albträumen im Schlaf, manchmal ihr Nachtlicht in sein Schlafzimmer trug und eine Stunde oder länger neben seinem Bettchen kauerte und die Augen nicht von seinem schlafenden Gesicht abwandte, bis die Unruhe durch den Frieden, den er ausstrahlte, langsam von ihr abfiel.

Obwohl sie wusste, dass er nicht aufwachen würde, drückte sie den Türgriff so vorsichtig herunter, als habe sie Angst, er könne explodieren. Das Nachtlicht brannte gleichmäßig auf dem Untersatz, aber sie hätte es nicht gebraucht. Sein gelber Schimmer wurde vom Mondlicht überstrahlt, das durch die vorhanglosen Fenster hereinfloss. William in seinem abgetragenen Schlafanzug lag wie immer auf dem Rücken und streckte die Ärmchen nach oben. Sein Kopf lag auf der Seite, und der dünne, gestreckte Hals, an dem sie die Pulsschläge zählen konnte, wirkte fast zu zerbrechlich, um das Gewicht des Kopfes zu tragen. Sein Mund stand ein wenig offen, aber er atmete so leicht, dass sie es weder sehen noch hören konnte. Plötzlich schlug er blicklos die Augen auf, rollte sie nach oben, schloss sie mit einem Seufzer und fiel wieder in tiefen Schlaf.

Sie zog die Tür leise hinter sich zu und ging in ihr eigenes Zimmer nebenan. Sie nahm die Daunendecke aus ihrem Bett, wickelte sie um die Schultern und schlurfte über den Flur auf die Treppe zu. Das Treppengeländer mit den massiven Eichenpfosten verlor sich unten in der Dunkelheit der Halle, aus der das Ticken der Standuhr unnatürlich laut und unheilvoll wie von einer Zeitbombe zu ihr heraufdrang. Die Atmosphäre des Hauses stieg ihr in die Nase, sauer wie aus einer ungespülten Thermosflasche, wie der traurige Geruch, der von einem faden Pfarrhausessen übrig bleibt. Sie stellte das Licht neben der Wand ab und setzte sich auf die oberste Stufe, zog die Decke höher über die Schultern und starrte in die Dunkelheit. Unter ihren nackten Füßen spürte sie die Sandkörner auf dem Treppenläufer. Ms Willard saugte ihn nie; sie behauptete, ihr Herz vertrage die Anstrengung nicht, den schweren Staubsauger von Stufe zu Stufe zu heben. Und ihrem Vater schienen die Farblosigkeit und der Schmutz in seinem Haus nie aufgefallen zu sein. Er war ja auch so selten da. Unbeweglich saß sie im Dunkeln und dachte an ihren Vater. Vielleicht war er schon am Tatort. Es hing davon ab, wie weit er fahren musste. Wenn es ganz am Rand seines Bezirks wäre, käme er vielleicht erst zum Mittagessen zurück.

Aber sie hoffte, er wäre vor dem Frühstück wieder da, damit er sie hier fände, einsam und müde auf der Treppe hockend, auf ihn wartend, voller Angst, weil er sie allein gelassen hatte. Er würde das Auto möglichst leise abstellen, die Garage offen lassen, um sie nicht durch das Zuschlagen der Tür zu wecken, und sich dann wie ein Dieb durch die Hintertür stehlen. Sie würde das Wasser unten im Badezimmer laufen hören, anschließend seine Schritte auf den Steinplatten in der Diele. Dann würde er aufblicken und sie sehen. Zwischen der Sorge um sie und der Angst, Ms Willard zu wecken, hin- und hergerissen, würde er die Treppe hinaufspringen, und sein Gesicht würde plötzlich, wenn er seine Arme um ihre zitternden Schultern legte, vor Müdigkeit und Kummer alt aussehen.

»Nell, mein Schatz, wie lange sitzt du denn schon hier? Du solltest noch im Bett sein. Du frierst doch. Hör zu, meine Kleine, du brauchst dich vor nichts zu fürchten. Ich bin da. Komm, ich bringe dich wieder ins Bett, und du versuchst, noch mal einzuschlafen. Ich kümmere mich selbst um das Frühstück. Weißt du was? Ich bringe es in einer halben Stunde auf einem Tablett nach oben. Na, was meinst du?«

Und er würde sie in ihr Zimmer bringen, würde ihr zärtlich zureden, sie beruhigen und versuchen, so zu tun, als habe er keine Angst, Angst, dass sie nach ihrer Mutter rufen würde, dass die strenge Ms Willard auftauchen könnte und jammern und klagen würde, sie brauche ihren Schlaf, Angst, dass der fragile kleine Haushalt zerfiele und er sich von William würde trennen müssen. Denn er liebte William, ihn zu verlieren, könnte er nicht ertragen. Und nur wenn sie zu Hause war und sich um ihren Bruder kümmerte, konnte er ihn behalten und das Gericht daran hindern, Mama das Sorgerecht zu übertragen.

Sie dachte an den kommenden Tag. Es war ein Mittwoch, ein grauer Tag. Kein schwarzer Tag, an dem sie ihren Vater überhaupt nicht zu sehen bekäme, aber auch kein heller Tag wie die Sonntage, an denen er, wenn er nicht zu einem dringenden Fall gerufen wurde, fast die ganze Zeit hier war. Heute früh, gleich nach dem Frühstück, würde er in der Leichenhalle die Obduktion vornehmen. Es würden noch andere Obduktionen auf dem Programm stehen, im Krankenhaus Gestorbene, Alte, Selbstmörder, Unfallopfer. Aber die Leiche, die er wohl jetzt gerade untersuchte, käme als Erste auf den Tisch der Leichenhalle. Mord hatte Vorrang. Sagten sie so nicht immer im Labor? Sie überlegte, allerdings ohne echte Neugier, was er in ebendiesem Augenblick an dem Toten tun mochte, von dem sie nicht wusste, ob es sich um einen jungen oder alten Menschen, um einen Mann oder eine Frau handelte. Was auch immer er zu tun hatte, der Tote würde davon nichts spüren, nichts wissen. Die Toten brauchten vor nichts mehr Angst zu haben, und man brauchte sich vor ihnen nicht zu fürchten. Die Macht, einem wehzutun, hatten die Lebenden. Und plötzlich bewegten sich zwei Schatten in der dunklen Halle, und sie hörte die hohe Stimme ihrer Mutter – beängstigend fremd, unnatürlich, rau, unfreundlich.

»Nichts als deine Arbeit! Deine verdammte Arbeit! Bei Gott, kein Wunder, dass du sie gut machst. Dir fehlt der Mumm zum richtigen Arzt. Du hast einmal eine falsche Diagnose gestellt, und damit war es aus. So war’s doch, oder? Du konntest die Verantwortung für lebendige Körper nicht auf dich nehmen – Blut, das fließen kann, die Nerven, die tatsächlich empfinden können. Du taugst doch nur dazu, an den Toten herumzumurksen. Du genießt es, wie sie sich deinem Urteil unterwerfen, gib’s ruhig zu. Die Anrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit, der Polizeischutz. Kein Gedanke daran, dass ich hier mit deinen Kindern in dieser verdammten Marsch lebendig begraben bin. Du nimmst mich nicht einmal mehr wahr. Ich wäre interessanter für dich, wenn ich tot wäre und auf deiner Arbeitsplatte läge. Dann wenigstens müsstest du mich zur Kenntnis nehmen.«

Daraufhin das leise abwehrende Gemurmel des Vaters, mutlos, unterwürfig. Sie hatte im Dunkeln gelauscht, hatte ihm zurufen wollen: »Antworte ihr doch nicht so! Mach nicht so einen vernichteten Eindruck! Verstehst du denn nicht, dass sie dich deshalb noch mehr verachtet?«

Seine Antwort drang nur in Bruchstücken, kaum hörbar, an ihr Ohr.

»Es ist nun mal mein Beruf. Es ist das, was ich am besten beherrsche. Es ist alles, was ich kann.« Und dann deutlicher: »Es ist das, was uns ernährt.«

»Nicht mich. Von jetzt an nicht mehr.«

Und dann schlug die Tür zu.

Die Erinnerung war so lebendig, dass sie einen Augenblick glaubte, das Echo des Knalls zu hören. Sie stand wankend auf, zog die Daunendecke fester um sich und öffnete den Mund, um ihnen etwas zuzurufen. Aber dann sah sie, dass die Halle leer war. Da war nur das verschwommene Bild aus buntem Glas in der Haustür, durch das das Mondlicht hereinfiel, das Ticken der Standuhr, ein paar Mäntel an den Haken in der Halle. Sie ließ sich wieder auf die Treppenstufe sinken.

Und dann fiel ihr ein, dass sie noch etwas tun musste. Sie steckte die Hand in die Tasche ihres Morgenmantels und fühlte die kalte, schlüpfrige Plastilinmasse des Modells, das sie von Dr. Lorrimer geknetet hatte. Sie holte es vorsichtig durch die Falten der Bettdecke hervor und hielt es näher an die Flamme des Nachtlichts. Das Modell war ein wenig verunstaltet, das Gesicht mit Flusen aus ihrer Tasche bedeckt, aber es war noch in Ordnung. Sie bog die langen Gliedmaßen gerade und drückte die schwarzen Wollfäden, die sie für das Haar genommen hatte, fester an den Kopf an. Den weißen Kittel, den sie aus einem alten Taschentuch ausgeschnitten hatte, hielt sie für besonders gelungen. Es war nur schade, dass sie kein Taschentuch, das ihm gehörte, keine Strähne von seinem Haar hatte benutzen können. Das Modell stellte mehr dar als Dr. Lorrimer, der zu ihr und William unfreundlich gewesen war, der sie richtiggehend aus dem Labor hinausgeworfen hatte. Es stand für das ganze Hoggatt-Institut.

Und jetzt musste das Abbild sterben. Sie schlug den Kopf leicht gegen das Treppengeländer. Doch das Plastilin wurde nur eingedrückt, der Kopf verlor seine Ähnlichkeit. Sie knetete ihn mit geschickten Händen wieder in die richtige Form, dann hielt sie ihn an die Flamme. Aber der Geruch war ekelhaft, und sie hatte Angst, der weiße Stoff könnte Feuer fangen. Dann grub sie den Nagel ihres kleinen Fingers tief hinter dem linken Ohr ein. Der Schnitt war sauber und scharf, mitten in das Gehirn. So war es besser. Sie seufzte zufrieden auf. Sie hielt das tote Geschöpf in der rechten Hand und zerdrückte das rosa Plastilin, den weißen Kittel und das Wollhaar zu einem formlosen Klumpen. Dann wickelte sie sich fest in die Daunendecke und wartete auf die Dämmerung.

3

Das Auto, ein grüner Morris Minor, war über den Rand einer flachen Mulde gekippt und auf einer grasbewachsenen Stelle drei bis vier Meter von der Kante liegen geblieben, wie ein plumpes Tier, das sich eingraben will. Es musste schon seit Jahren da gelegen haben, den Plünderern überlassen, verbotenes Spielzeug für die Kinder aus der Nachbarschaft, willkommener Unterschlupf für ab und zu vorbeikommende Obdachlose wie den siebzigjährigen Alkoholiker, der auf die Leiche gestoßen war. Die zwei Vorderräder waren abmontiert worden, und die rostigen Hinterräder mit ihren mürben Reifen waren in der kreidigen Erde fest verankert, die Lackierung war zerkratzt oder abgesplittert, die Armaturen und das Steuerrad waren ausgebaut worden. Eine auf der Böschung aufgestellte Bogenlampe, die ihr Licht nach unten warf, und eine zweite näher an dem Wrack beleuchteten das Bild der Zerstörung. So hell angestrahlt, wirkte es auf Kerrison wie eine fantastische, anspruchsvolle moderne Skulptur, die symbolhaft am Rande des Chaos schwebte. Die hintere Sitzbank war herausgerissen und beiseitegeworfen worden. Aus dem aufgeschlitzten Kunststoffbezug quoll die Füllung heraus.

Auf dem Vordersitz lag die Leiche des Mädchens. Die Beine standen sittsam zusammen, die glasigen Augen waren schelmisch halb geöffnet, der Mund, ohne Lippenstift, war in einer Grimasse erstarrt und durch zwei kleine Blutrinnsale aus den Winkeln verlängert. Sie gaben dem Gesicht, das hübsch oder zumindest kindlich offen gewesen sein musste, den leeren Blick eines erwachsenen Clowns. Der dünne, für eine Nacht Anfang November sicherlich zu dünne Mantel war bis zur Taille hochgeschoben. Sie trug Strümpfe, und die Clips am Strumpfhalter schnitten in die kräftigen weißen Schenkel ein.

Als er unter den aufmerksamen Blicken von Lorrimer und Doyle näher an die Leiche heranging, erschien sie ihm, wie häufig in einem solchen Augenblick, unwirklich, eine Abnormität, so ungewöhnlich und lächerlich fehl am Platz, dass er einen nervösen Lachreiz unterdrücken musste. Dieses Gefühl war weniger stark, wenn die Verwesung eines Körpers bereits weiter fortgeschritten war. Dann schien es eher, als wären das verfaulende, von Maden zerfressene Fleisch oder die Fetzen verfilzten Stoffes schon ein Teil der Erde geworden, die daran hing oder sie bedeckte, nicht unnatürlicher oder erschreckender als ein Haufen Kompost oder ein Haufen modernder Blätter. Aber hier, wo das Licht die Farben und Konturen hervorhob, sah der Körper, der äußerlich noch so menschlich war, absurd aus; die Haut der blassen Wangen wirkte so künstlich wie der fleckige Plastikbezug des Autositzes, auf dem er lag. Es kam ihm unsinnig vor, dass ihr nicht mehr zu helfen sein sollte. Wie immer musste er gegen den Drang ankämpfen, seinen Mund auf ihren zu pressen und die Wiederbelebung zu beginnen, eine Nadel in das noch warme Herz zu stechen.

Er war überrascht gewesen, Maxim Howarth, den neuen Direktor des kriminologischen Instituts, am Tatort anzutreffen, bis er sich an dessen Ankündigung erinnerte, er wolle den nächsten Mordfall verfolgen. Er nahm an, dass man Erläuterungen von ihm erwartete. Er zog seinen Kopf aus der offenen Autotür zurück und sagte:

»Sie ist mit großer Wahrscheinlichkeit von Hand erwürgt worden. Die leichte Blutung aus den Mundwinkeln rührte daher, dass die Zunge zwischen die Zähne geriet. Bei Erwürgung von Hand handelt es sich stets um Mord. Sie kann das unmöglich selbst getan haben.«

Howarth hatte seine Stimme völlig unter Kontrolle. »Ich hätte mit stärkeren Quetschungen am Hals gerechnet.«

»Gewiss, gewöhnlich ist das der Fall. Das Gewebe wird immer verletzt, wobei das Ausmaß der Quetschung von der Position des Angreifers und des Opfers abhängt, außerdem von der Stärke des Drucks und von der Art, wie der Hals umklammert wird. Vermutlich gibt es tief liegende innere Quetschungen, die auch existieren können, ohne dass man äußerlich viel sieht. So etwas tritt ein, wenn der Mörder bis zum Eintreten des Todes Druck ausgeübt hat; die Gefäße sind blutleer, und das Herz hört auf zu schlagen, bevor die Hände gelockert werden. Die Todesursache ist Asphyxie, und ich gehe davon aus, dass man die üblichen Anzeichen findet. Interessant ist in diesem Fall der Todeskrampf. Schauen Sie, wie sie den Bambusbügel ihrer Handtasche umklammert. Die Muskeln sind völlig steif, ein Beweis dafür, dass sie genau oder ungefähr im Augenblick des Todes nach der Tasche griff. Ich habe den Todeskrampf bei Erwürgen von Hand bis jetzt noch nie gesehen – ja, das ist wirklich interessant. Sie muss außerordentlich schnell gestorben sein. Aber Sie werden eine bessere Vorstellung von dem, was tatsächlich passiert ist, bekommen, wenn Sie bei der Autopsie zusehen.«

Natürlich, dachte Howarth, die Autopsie. Er fragte sich, wann Kerrison diese durchführen würde. Er fürchtete nicht, dass seine Nerven ihn im Stich lassen würden, allerhöchstens sein Magen, aber er wünschte, er hätte nicht gesagt, dass er dabei sein wolle. Die Toten besaßen keine Privatsphäre; man konnte nur hoffen, dass ihnen eine gewisse Ehrfurcht entgegengebracht wurde. Er fand es ungeheuerlich, dass er, ein Fremder, sie ungestraft in ihrer Nacktheit betrachten durfte. Aber für den Augenblick hatte er genug gesehen. Er konnte beiseitetreten, ohne das Gesicht zu verlieren. Er stellte den Kragen seines Burberry hoch, um sich gegen die eisige Morgenluft zu schützen, kletterte den Hang zum Rand der Mulde hinauf und blickte auf das Auto hinunter. So ähnlich musste es bei Dreharbeiten zu einem Film aussehen: die hell beleuchtete Szenerie, die langweilige Warterei bis zum Auftritt der Hauptdarsteller, die kurzen Augenblicke von Aktivität, die aufmerksame Konzentration auf die Details. Der Körper hätte gut der einer Schauspielerin sein können, die eine Tote darstellt. Er wartete nahezu darauf, dass einer der Polizisten vorspringen würde, um ihre Frisur zu richten.

Die Nacht war beinahe vorbei. Hinter ihm, im Osten, hellte sich der Himmel bereits auf, und das Ödland, das formlose, dunkle Leere über der schweren Erde gewesen war, nahm Form und Gestalt an. Im Westen konnte er die Silhouetten von Häusern erkennen, wahrscheinlich Gemeindebesitz, eine ordentliche Reihe gleichartiger Dächer und dunkler Vierecke, die mit kleineren gelben Vierecken gemustert waren, wo Frühaufsteher bereits Licht gemacht hatten. Der steinige Weg, der im Scheinwerferlicht silbern und fremd wie eine Mondlandschaft ausgesehen hatte, als sein Wagen darübergeholpert war, bekam Form und Richtung, wurde gewöhnlich. Nichts Geheimnisvolles blieb. Der Platz war mit Gestrüpp bewachsen, unfruchtbares, mit Abfällen verschandeltes Land zwischen zwei Ausläufern der Stadt. Entlang eines Grabens wuchsen ein paar kümmerliche Bäume. Er ahnte, dass der Graben feucht war und voller Nesseln, nach faulenden Abfällen stinkend, dass die Bäume mutwillig beschädigt waren, die Stämme voll mit eingeritzten Initialen, dass die unteren Zweige abgeknickt von den Ästen hingen. Ein städtisches Niemandsland, das passende Ambiente für Mord.

Es war natürlich falsch gewesen, hierherzukommen. Er hätte wissen müssen, dass die Rolle des Voyeurs immer unwürdig war. Kaum etwas war entmutigender, als nutzlos herumzustehen, wenn andere Männer ihre beruflichen Fähigkeiten bewiesen: Kerrison, dieser Kenner des Todes, der die Leiche buchstäblich beschnupperte; die wortkargen Fotografen, die mit Belichtungsmessern und Einstellwinkeln beschäftigt waren; Doyle, endlich wieder mit einem Mordfall befasst, ein Impresario des Todes, angespannt, voller verhaltener Begeisterung, wie ein Kind, das an Weihnachten fasziniert ein neues Spielzeug anstarrt. Einmal, während sie noch auf Kerrison gewartet hatten, hatte Doyle doch tatsächlich gelacht, ein herzhaftes Gewieher, das durch die Senke schallte. Und Lorrimer? Bevor er die Leiche berührte, hatte er sich flüchtig bekreuzigt. Die Geste war so klein und rasch gewesen, dass Howarth sie hätte übersehen können. Aber nichts, was Lorrimer tat, entging ihm. Die anderen schien dieses ungewöhnliche Verhalten nicht zu überraschen. Vielleicht waren sie daran gewöhnt. Domenica hatte ihm nicht gesagt, dass Lorrimer religiös war. Allerdings hatte seine Schwester ihm auch sonst nichts von ihrem Liebhaber erzählt. Sie hatte ihm nicht einmal gesagt, dass die Affäre vorbei war. Aber er hatte während des letzten Monats nur Lorrimers Gesicht zu beobachten brauchen, um es herauszufinden. Lorrimers Gesicht, Lorrimers Hände. Seltsam – er hatte zuvor nie bemerkt, wie lang seine Finger waren. Auch wie behutsam sie waren, nahm er erst jetzt wahr, als sie die Plastikhüllen über die Hände des Mädchens streiften, um mögliche Spuren unter den Fingernägeln zu sichern, wie er, gewissenhaft in seiner Rolle als Lehrer, mit tonloser Stimme erklärt hatte. Er hatte dem dicken, schlaffen Arm eine Blutprobe entnommen und dabei vorsichtig die Vene gesucht, als könne das Mädchen noch vor der spitzen Nadel zurückzucken.

Lorrimers Hände. Howarth verdrängte die quälenden, grausam deutlichen Bilder aus seinen Gedanken. Er hatte nie zuvor Anstoß an einem Liebhaber Domenicas genommen. Er war nicht einmal auf ihren verstorbenen Mann eifersüchtig gewesen. Es war ihm völlig normal vorgekommen, dass sie irgendwann heiraten wollte, genauso, wie sie sich vielleicht in einem Anfall von Langeweile oder Kauflust einen Pelzmantel oder einen neuen Schmuck zugelegt hätte. Er hatte Charles Schofield sogar ganz gut leiden mögen. Warum war es ihm dann von Anfang an unerträglich gewesen, sich Lorrimer im Bett seiner Schwester vorzustellen? Dabei konnte er nicht einmal in ihrem Bett gewesen sein, wenigstens nicht in Leamings. Er fragte sich wieder einmal, wo sie sich getroffen hatten, was sich Domenica hatte einfallen lassen, um sich einen neuen Liebhaber nehmen zu können, ohne dass es das ganze Labor und das ganze Dorf erfuhren. Wie hatten sie sich treffen können und wo?

Es hatte natürlich auf dieser unseligen Party vor zwölf Monaten begonnen. Damals hatte er es für normal und höflich gehalten, seinen Dienstantritt als Direktor mit einer kleinen privaten Einladung für die leitenden Angestellten bei sich zu Hause zu feiern. Er wusste noch, was sie gegessen hatten: Melone, danach Boeuf Stroganoff und einen Salat. Er und Domenica schätzten ein gepflegtes Essen, und gelegentlich hatte sie auch Freude am Kochen. Er hatte einen 1961er Bordeaux geöffnet, weil das der Wein war, den Dom und er bevorzugten, und es ihm nie in den Sinn gekommen wäre, seinen Gästen etwas Schlechteres anzubieten. Er und Dom hatten sich umgekleidet, wie es ihrer Gewohnheit entsprach. Es machte ihnen Spaß, stilvoll zu speisen und so den Arbeitsalltag förmlich von ihren gemeinsamen Abenden zu trennen. Es war nicht seine Schuld gewesen, dass Bill Morgan, der Fahrzeugprüfer, in Sporthemd und Cordhose aufgekreuzt war. Es war ihm und Dom völlig gleichgültig, welche Garderobe ihre Gäste wählten. Wenn Bill Morgan sich wegen dieser unwichtigen Frage unwohl fühlte, sollte er lernen, sich entweder entsprechend zu kleiden oder mehr Sicherheit im Auftreten zu entwickeln, um sich seine modischen Extravaganzen leisten zu können.

Es war Howarth nie in den Sinn gekommen, dass die sechs Abteilungsleiter, die verlegen im Kerzenlicht um den Tisch gesessen und selbst beim Wein nicht aufgetaut waren, in der ganzen Geschichte eine raffinierte gastronomische Scharade sehen könnten, die dazu bestimmt war, seine gesellschaftliche und intellektuelle Überlegenheit zu demonstrieren. Wenigstens Paul Middlemass, der leitende Dokumentenprüfer, hatte den Wein zu schätzen gewusst. Er hatte über den Tisch nach der Flasche gegriffen, sich nachgeschenkt und dabei mit trägen ironischen Blicken seinen Gastgeber beobachtet. Und Lorrimer? Lorrimer hatte fast nichts gegessen und noch weniger getrunken. Er hatte sein Glas fast unhöflich beiseitegeschoben und Domenica mit seinen glühenden Augen angestarrt, als habe er noch nie zuvor eine Frau gesehen. Und das war vermutlich der Anfang gewesen. Wie es weitergegangen war, wann und wo sie sich wiedergetroffen hatten, wie es zu Ende gegangen war, hatte Domenica ihm nicht anvertraut.

Die Einladung war ein privates und öffentliches Fiasko gewesen. Aber was, fragte er sich, hatten sie erwartet? Einen deftigen Saufabend im Nebenzimmer des Moonraker? Ein feuchtfröhliches Fest im Gemeindehaus für das ganze Labor einschließlich der Putzfrau, Mrs Bidwell, und des alten Scobie, des Laboraufsehers? Tanz im Gasthaus? Vielleicht hatten sie gedacht, der erste Schritt hätte von ihrer Seite kommen sollen. Aber man musste zugeben, dass es zwei Seiten gab. Der herkömmliche Trugschluss war, ein Labor arbeite als Team mit einem gemeinsamen Zweck, und die Zügel lägen locker, aber sicher in den Händen des Direktors. In Bruche hatte sich das bewährt. Aber dort hatte er ein Forschungslabor mit nur einer Disziplin geleitet. Wie konnte man ein Team leiten, wenn die Angestellten ein halbes Dutzend verschiedene wissenschaftliche Disziplinen vertraten, ihre eigenen Methoden anwandten, für die eigenen Ergebnisse verantwortlich waren, die sie schließlich allein rechtfertigen und verteidigen mussten – an dem einzigen Ort, wo die Qualität ihrer wissenschaftlichen Arbeit angemessen beurteilt werden konnte, nämlich im Zeugenstand eines Gerichts? Das war einer der einsamsten Orte der Erde, und er hatte noch nie dort gestanden.

Der alte Dr. Mac, sein Vorgänger, hatte, wie er wusste, gelegentlich einen Fall übernommen, um in der Übung zu bleiben, wie er sich ausgedrückt hätte. Er war zum Tatort marschiert, hatte wie ein Spürhund glücklich nach halb vergessenen Düften geschnuppert, hatte selbst die Analysen durchgeführt und war schließlich wie ein wiedererstandener Prophet des Alten Testaments im Zeugenstand aufgetreten, vom Richter mit trockenen, ehrlichen Komplimenten empfangen und von den Anwälten im Gerichtssaal stürmisch begrüßt wie ein lange vermisster, verkommener Trinkbruder, der sich glücklich wieder eingefunden hat. Aber diese Art würde er sich nicht zu eigen machen können. Er war angestellt worden, um das Labor zu leiten, und er würde das in seinem eigenen Stil tun. Aus einer überempfindlich selbstkritischen Stimmung heraus fragte er sich im kalten Licht der Dämmerung, ob sein Entschluss, den nächsten Mordfall von dem ersten Anruf über die Tatortbesichtigung bis zur Gerichtsverhandlung zu verfolgen, wirklich seiner Wissbegier entsprungen war oder nur dem feigen Wunsch, seine Untergebenen zu beeindrucken oder, noch schlimmer, um sich bei ihnen beliebt zu machen, ihnen zu zeigen, dass er ihre Fähigkeiten würdigte, dass er zur Mannschaft gehören wollte. Falls dem so wäre, war es ein weiteres Fehlurteil gewesen, das er zu der traurigen Summe seiner Misserfolge dazuzählen musste, seit er die neue Stelle angetreten hatte.

Es sah aus, als kämen sie zum Ende. Die Handtasche war aus den starren Fingern des Mädchens gelöst worden, und Doyles behandschuhte Hände leerten das wenige, das sie enthielt, auf eine Plastikfolie, die er auf der Motorhaube des Autos ausgebreitet hatte. Howarth konnte den Inhalt auf die Entfernung nur undeutlich erkennen: etwas wie ein kleiner Geldbeutel, ein Lippenstift, ein zusammengefaltetes Stück Papier. Wahrscheinlich ein Liebesbrief, das arme junge Ding. Ob Lorrimer Briefe an Domenica geschrieben hatte? Er war immer als Erster an der Tür, wenn der Briefträger kam, und brachte seiner Schwester gewöhnlich ihre Post. Vielleicht hatte Lorrimer das gewusst. Aber er musste ihr geschrieben haben. Es musste Verabredungen gegeben haben. Lorrimer hätte es kaum riskiert, sie vom Labor aus oder abends von zu Hause aus anzurufen, weil er, Howarth, vielleicht den Hörer abgenommen hätte.

Jetzt hoben sie die Leiche aus dem Auto. Der Leichenwagen war näher an den Rand der Senke herangefahren, und die Bahre wurde zurechtgerückt. Die Polizisten holten die Seile aus ihren Wagen, um den Tatort abzusperren. Bald würden sich Schaulustige einfinden, würden die neugierigen Kinder von den Erwachsenen und den Pressefotografen verscheucht werden. Er sah Lorrimer und Kerrison etwas abseits stehen und miteinander sprechen. Sie wandten ihm den Rücken zu und steckten die dunklen Köpfe zusammen. Doyle klappte seinen Notizblock zu. Er überwachte den Abtransport der Leiche, als wäre sie ein kostbares Ausstellungsstück, um dessen Unversehrtheit er fürchtete. Es wurde heller.

Er wartete, bis Kerrison zu ihm hinaufgeklettert war, und sie gingen zusammen zu den geparkten Autos. Howarths Fuß stieß an eine Bierdose. Sie schepperte über den Weg und schlug mit einem Knall an etwas, das wie der verbogene Rahmen eines Kinderwagens aussah. Der Lärm ließ ihn zusammenfahren.

Er sagte mürrisch: »Was für ein Ort zum Sterben! Wo, um Gottes willen, sind wir eigentlich genau? Ich bin einfach hinter den Polizeiwagen hergefahren.«

»An dieser Stelle haben sie seit dem Mittelalter den für die Gegend charakteristischen weichen Kreidekalk abgebaut. Es gibt hier keine harten Bausteine, deshalb verwendeten sie Kalksteine für die meisten Wohnhäuser und sogar für manche Kirchenbauten. Ein Beispiel dafür ist die Marienkapelle in Ely. Die meisten Dörfer hatten ihre Kalkgruben. Jetzt sind sie überwuchert. Manche sehen richtig hübsch aus im Frühling und im Sommer, wie kleine Oasen von wilden Blumen.«

Er gab mit ausdrucksloser Stimme Auskunft, als wiederhole er wie ein pflichtbewusster Fremdenführer die offizielle Geschichte. Plötzlich wankte er und stützte sich auf die Autotür. Howarth fragte sich, ob ihm übel war oder ob er sich einfach völlig übermüdet fühlte.

Dann richtete sich der Arzt auf und sagte mit gespielter Munterkeit: »Ich nehme die Autopsie morgen früh um neun im St.-Lukas-Krankenhaus vor. Ich sage dem Pförtner Bescheid, dann zeigt er Ihnen den Weg.«

Er nickte ihm zum Abschied zu, zwang sich zu einem Lächeln, ließ sich in sein Auto fallen und schlug die Tür zu. Der Rover holperte langsam auf die Straße zu.

Howarth merkte, dass Doyle und Lorrimer neben ihm standen. Doyles Aufregung war fast mit den Händen greifbar. Er drehte sich um und sah über das Feld zu der fernen Häuserzeile hinüber, deren gelbliche Ziegelmauern und kleine quadratische Fenster jetzt deutlich zu erkennen waren.

»Irgendwo dort drüben ist er. Wahrscheinlich im Bett. Das heißt, falls er nicht allein wohnt. Es wäre nicht klug, so früh schon auf zu sein, nicht wahr? Nein, er liegt da drüben, überlegt, wie er sich am besten möglichst normal verhält, und wartet auf das anonyme Auto und das Klingeln an der Tür. Falls er allein lebt, ist es natürlich anders. Dann geht er rastlos im Halbdunkel auf und ab und denkt nach, ob er seine Kleidung verbrennen und den Dreck von seinen Schuhen kratzen soll. Nur wird es ihm nicht gelingen, alles zu entfernen. Nicht jede Spur. Er wird keinen Ofen haben, der groß genug für seine Kleidungsstücke ist. Und selbst wenn er einen hätte – was soll er antworten, wenn wir danach fragen? Also tut er vielleicht überhaupt nichts. Er liegt nur da und wartet. Sicher schläft er nicht. Er hat letzte Nacht nicht geschlafen. Und er wird eine ganze Zeit lang keinen Schlaf mehr finden.«

Howarth spürte eine leichte Übelkeit. Er hatte früh zu Abend gegessen, nicht viel, und war jetzt hungrig. Der Brechreiz war bei seinem leeren Magen besonders unangenehm. Aber er hatte seine Stimme in der Gewalt, sie drückte nicht mehr als beiläufiges Interesse aus.

»Sie halten es demnach für einen ziemlich klaren Fall?«

»Familiendramen sind gewöhnlich klare Fälle. Und ich schätze, hier handelt es sich um so einen Mord. Verheiratet, ein Stück von einer Eintrittskarte zu einem Dorffest in der Tasche und einen Drohbrief, dass sie die Finger von einem anderen Kerl lassen soll. Ein Fremder hätte von diesem Platz hier nichts gewusst. Und wenn er ihn gekannt hätte, wäre sie nicht mit ihm hierhergekommen. Ihrer Haltung nach saßen sie gemütlich beisammen, bevor er seine Hände um ihre Kehle legte. Die Frage ist nur, ob sie sich zusammen auf den Heimweg machten oder ob er vor ihr wegging und hier auf sie wartete.«

»Wissen Sie schon, wer sie ist?«

»Noch nicht. Kein Hinweis in der Handtasche. Diese Leute haben auch nie Taschenkalender oder so etwas bei sich. Aber in etwa einer halben Stunde weiß ich es.«

Er wandte sich an Lorrimer. »Die Beweisstücke müssten bis etwa um neun im Labor sein. Werden Sie diesen Fall vorziehen?«

Lorrimers Stimme klang schroff. »Mord hat Vorrang. Das wissen Sie.«

Doyles triumphierendes, selbstzufriedenes, lautstarkes Gerede zehrte an Howarths Nerven.

»Gott sei Dank wird endlich einmal etwas dringlich behandelt. Beim Gutteridge-Fall lassen Sie sich ja ganz schön Zeit. Ich war gestern in der Biologie und hörte von Bradley, dass der Bericht noch nicht fertig ist; er arbeite an einer Sache für die Verteidigung. Wir kennen alle das Märchen, das Labor sei unabhängig von der Polizei, und meistens lebe ich ganz gut damit. Aber der alte Hoggatt hat das Institut als Polizeilabor gegründet, und das muss es auch sein, wenn es darauf ankommt. Beeilen Sie sich damit. Ich will den Kerl so schnell wie möglich schnappen.«

Er wippte auf seinen Absätzen, hob sein lachendes Gesicht zu dem heller gewordenen Himmel wie ein glücklicher Hund, der, voller Vorfreude auf die fröhliche Jagd, die frische Luft schnuppert. Howarth wunderte sich, dass er die kalte Drohung in Lorrimers Stimme anscheinend überhörte.

»Das Hoggatt übernimmt gelegentlich Untersuchungen für die Verteidigung, wenn man uns bittet und wenn das Beweisstück vorschriftsmäßig verpackt vorgelegt wird. Das ist das übliche Verfahren. Wir sind noch kein Polizeilabor, auch wenn Sie bei uns ein und aus gehen, als wäre es Ihre Küche. Und was in meinem Labor vorrangig bearbeitet wird, entscheide ich. Sie bekommen Ihren Bericht, sobald er fertig ist. Wenn Sie in der Zwischenzeit Fragen haben, wenden Sie sich an mich und nicht an mein Personal. Und halten Sie sich aus meinem Labor heraus, wenn Sie nicht eingeladen sind.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu seinem Wagen. Doyle sah ihm verwirrt und verärgert nach.

»Verdammt noch mal! Sein Labor! Was ist bloß mit ihm los? In letzter Zeit ist er so empfindlich wie eine läufige Hündin. Wenn er sich nicht am Riemen reißt, wird er sich bald auf der berühmten Ledercouch oder in der Klapsmühle wiederfinden.«

Howarth sagte kalt: »Er hat natürlich recht. Alle Anfragen, die die Arbeit betreffen, sollten an ihn gerichtet werden, nicht an seine Mannschaft. Und es ist auch üblich, um Erlaubnis zu bitten, bevor man ein solches Labor betritt.«

Der Vorwurf saß. Doyle blickte finster, sein Gesicht wurde hart. Bestürzt bemerkte Howarth die mühsam im Zaum gehaltene Aggressivität unter der Maske von guter Laune und Ausgeglichenheit. Doyle sagte: »Der alte Dr. Mac freute sich, wenn die Polizei in sein Labor kam. Sehen Sie, er hatte die komische Vorstellung, der Sinn all seiner Arbeit wäre, der Polizei zu helfen. Aber wenn wir nicht erwünscht sind, sollten Sie lieber mit dem Chef sprechen. Er wird ohne Zweifel seine Anweisungen geben.«

Er machte auf dem Absatz kehrt und ging auf sein Auto zu, ohne auf eine Erwiderung zu warten. Howarth dachte: »Zum Teufel mit Lorrimer! Alles, was er anfasst, läuft schief für mich.« Er spürte einen Anfall von Hass, so intensiv, so körperlich, dass es ihn würgte. Läge doch Lorrimers Körper da unten in der Kalkgrube ausgestreckt. Wäre es nur Lorrimers Leiche, die morgen in der Porzellanwanne auf dem Autopsietisch liegt, zur rituellen Ausweidung aufgebahrt. Er wusste, was mit ihm nicht stimmte. Die Diagnose war so einfach wie demütigend: jenes selbstinfektiöse Fieber im Blut, das trügerisch schlummern konnte, um plötzlich, wie jetzt, zu einem heftigen Schmerz aufzuflackern. Eifersucht, dachte er, wirkte sich genauso wie Angst auf den Körper aus; dieselbe Trockenheit im Mund, das Herzklopfen, die Unruhe, die einem Appetit und Frieden raubt. Und ihm wurde klar, dass die Krankheit diesmal unheilbar war. Es machte keinen Unterschied, dass die Affäre vorbei war, dass auch Lorrimer litt. Vernunft konnte keine Heilung bringen, und er hatte das Gefühl, dass auch Distanz und Zeit das nicht vermochten. Es konnte nur mit dem Tod enden, mit Lorrimers Tod oder seinem eigenen.

4

Im Schlafzimmer des Hauses Acacia Close Nr. 2 in Chevisham wurde Susan Bradley, die Frau des wissenschaftlichen Angestellten in der biologischen Abteilung des Hoggatt-Instituts, um halb sieben von den dünnen, klagenden Schreien ihres zwei Monate alten Babys geweckt, das seine erste Mahlzeit verlangte. Susan knipste die Nachttischlampe an, die durch den gefältelten Schirm einen rosa Schein warf, suchte ihren Morgenmantel und schlurfte verschlafen ins Bad und dann ins Kinderzimmer. Das Zimmer lag an der Rückseite des Hauses und war so klein, dass es kaum den Namen verdiente, aber als sie das gedämpfte Licht anschaltete, spürte sie wieder eine Welle von mütterlichem Besitzerstolz. Auch wenn sie so früh am Morgen vom Schlaf noch benommen war, hob der erste Anblick des Kinderzimmers ihre Stimmung; die mit Häschen beklebte Rückenlehne des Stuhls, auf den sie sich zum Stillen setzte; der dazu passende Wickeltisch mit Schubladen für die Babysachen; die Wiege, die sie, passend zu den Vorhängen, mit rosa, weiß und blau geblümtem Baumwollstoff ausgekleidet hatte; die lustigen Figuren aus Liedern und Kinderreimen, die Clifford ringsum an die Wände geklebt hatte.

Mit dem Geräusch ihrer Schritte wurde das Schreien lauter. Sie nahm das warme, nach Milch riechende Bündel hoch und summte leise, um es zu beruhigen. Sofort hörte das Schreien auf, und Debbies feuchter Mund suchte schmatzend wie ein Fisch ihre Brust. Die kleinen runzligen Fäuste lösten sich von der Decke und griffen nach ihrem zerknitterten Nachthemd. Sie hatte gelesen, dass man das Baby zuerst wickeln sollte, aber sie brachte es nie übers Herz, Debbie warten zu lassen. Und sie hatte noch einen anderen Grund. Die Wände des Neubaus waren dünn, und sie wollte nicht, dass Cliff durch das Schreien geweckt wurde.

Aber plötzlich stand er in der Tür. Seine Schlafanzugjacke war offen, und er wankte ein wenig.

Ihre Stimmung sank. Sie gab ihrer Stimme einen heiteren, aber sachlichen Klang. »Ich hatte gehofft, sie hätte dich nicht geweckt, Schatz. Aber es ist schon nach halb sieben. Sie hat mehr als sieben Stunden geschlafen. Es wird allmählich besser.«

»Ich war schon wach.«

»Leg dich wieder hin, Cliff. Du kannst noch eine Stunde schlafen.«

»Ich kann nicht schlafen.«

Er schaute sich in dem winzigen Kinderzimmer um und runzelte verwirrt die Stirn, als wundere er sich darüber, dass kein Stuhl mehr da war.

Susan sagte: »Hol dir den Schemel aus dem Bad. Und schlüpf in deinen Bademantel. Du holst dir sonst noch einen Schnupfen.«

Er rückte den Schemel an die Wand und kauerte sich zusammen wie ein Häufchen Elend. Susan strich mit ihrer Hand über den weichen Flaum auf dem Kopf des Babys. Das kleine stupsnasige Wesen saugte an ihrer Brust und spreizte zufrieden die Finger. Susan sagte sich, dass sie ruhig bleiben musste, dass ihre Nerven und Muskeln sich nicht verkrampfen durften, wenn dieses vertraute schmerzhafte Gefühl der Sorge sie überkam. Es hieß, das schade der Milch.

Sie sagte ruhig: »Ist was nicht in Ordnung, Schatz?«

Aber sie wusste ja selbst, was nicht in Ordnung war. Sie wusste, was er sagen würde. Sie verspürte ein ihr neues erschreckendes Gefühl des Unmuts, weil sie nicht einmal in Ruhe Debbie stillen konnte. Wenn er doch wenigstens seinen Schlafanzug zuknöpfen würde. Wie er so zusammengekrümmt und halb nackt vor ihr saß, sah er fast verkommen aus. Sie fragte sich, was nur mit ihr los war. Derartige Gefühle hatte sie vor Debbies Geburt nie gegenüber Cliff gehabt.

»Ich kann nicht weitermachen. Ich kann heute nicht ins Labor gehen.«

»Bist du krank?«

Sie wusste selbst, dass er nicht krank war, wenigstens noch nicht. Aber er würde krank werden, wenn nicht irgendetwas mit Edwin Lorrimer geschah. Das alte Elend überkam sie. Sie hatte in Büchern über diese erdrückende Last des Kummers gelesen, und das traf genau zu, das war genau das, was sie fühlte, eine physische Last, die auf ihre Schultern und auf ihr Herz drückte, die ihr jede Lebensfreude nahm, die ihr sogar, wie sie bitter dachte, ihre Freude an Debbie zerstörte. Vielleicht würde sie schließlich sogar die Liebe zerstören. Sie sagte nichts, sondern bettete nur ihr warmes kleines Bündel bequemer in ihren Arm.

»Ich muss meinen Beruf aufgeben. Es hat keinen Sinn, Sue. Ich kann nicht weitermachen. Er hat mich in einen Zustand gebracht, dass ich tatsächlich so wenig tauge, wie er mich einschätzt.«

»Aber Cliff, du musst dir doch selbst sagen, dass das Unsinn ist. Du leistest gute Arbeit. Es gab doch in deinem vorigen Labor nie Klagen über dich.«

»Ich war damals aber in einer niedrigeren Position. Lorrimer meint, ich hätte niemals befördert werden dürfen. Und er hat recht.«

»Er hat nicht recht, Schatz. Du darfst dir dein Selbstvertrauen nicht von ihm untergraben lassen. Das ist tödlich. Du bist ein gewissenhafter, zuverlässiger Gerichtsbiologe. Du darfst dir keine Gedanken darüber machen, dass du etwas langsamer bist als die anderen. Das ist nicht wesentlich. Dr. Mac sagte immer, die Genauigkeit zählt. Was macht es denn, wenn du etwas länger brauchst? Du erzielst am Ende das richtige Ergebnis.«

»Nicht einmal mehr das. Ich kann den einfachsten Peroxidase-Test nicht mehr durchführen, ohne irgendeinen dummen Fehler zu machen. Wenn er auch nur zwei Schritte neben mir steht, fangen meine Hände an zu zittern. Und er hat angefangen, meine sämtlichen Ergebnisse nachzuprüfen. Ich bin gerade damit fertig geworden, die Flecken an dem Schlagstock zu untersuchen, der vermutlich beim Pascoe-Mord benutzt worden ist. Aber er wird heute bis in die Nacht hinein arbeiten, um alles noch einmal zu machen. Und er wird dafür sorgen, dass die ganze Biologie erfährt, warum.«

Sie wusste, dass Cliff den Einschüchterungsversuchen und dem beißenden Spott nicht gewachsen war. Vielleicht hatte es mit seinem Vater zu tun. Der alte Mann war seit einem Schlaganfall gelähmt, und sie hätte eigentlich Mitleid mit ihm haben müssen, wie er so hilflos in dem Krankenhausbett lag, nutzlos wie ein gefällter Baum, mit sabberndem Mund, lediglich dazu in der Lage, die Augen zu bewegen, die in ohnmächtigem Zorn seine Besucher ansahen. Aber nach dem wenigen, was Clifford ihr erzählt hatte, war er ein schlechter Vater gewesen, ein unbeliebter, erfolgloser Schullehrer, der einen übermäßigen Ehrgeiz für seinen Sohn an den Tag gelegt hatte. Cliff hatte Angst vor ihm gehabt. Was Cliff brauchte, war Ermutigung, war Zuneigung. Warum sollte er noch höher aufsteigen als jetzt? Er war freundlich und liebevoll. Er kümmerte sich um sie und Debbie. Er war ihr Mann, und sie liebte ihn. Er durfte nicht aufgeben. Arbeitslos zu sein war in East Anglia ebenso schlimm wie anderswo. Sie mussten ihre Hypothek zurückzahlen, die Stromrechnung für die Zentralheizung war fällig – daran konnten sie nicht sparen, weil Debbie es warm haben musste –, und die Raten für die Schlafzimmereinrichtung mussten ebenfalls beglichen werden. Nicht einmal das Kinderzimmer war bezahlt. Sie hatte für Debbie alles hübsch und neu haben wollen, aber das hatte alle Ersparnisse geschluckt.

Sie sagte: »Könntest du nicht deine Versetzung beantragen?«

Seine verzweifelte Stimme schnitt ihr ins Herz.

»Niemand wird mich nehmen wollen, wenn Lorrimer sagt, ich sei nicht gut. Er ist wahrscheinlich der beste Biologe auf seinem Gebiet. Wenn er mich für untauglich hält, dann bin ich auch untauglich.«

Das war auch ein Punkt, den sie langsam verwirrend fand, diesen unterwürfigen Respekt des Opfers vor seinem Unterdrücker. Manchmal konnte sie, erschrocken über ihre Treulosigkeit, Dr. Lorrimers Verachtung beinahe verstehen.

Sie sagte: »Du könntest doch einmal mit dem Direktor sprechen.«

»Das hätte ich gekonnt, wenn Dr. Mac noch da wäre. Aber Howarth wäre es egal. Er ist neu. Er möchte keine Schwierigkeiten mit seinen Abteilungsleitern, gerade jetzt, wo wir bald in das neue Gebäude umziehen.«

Und dann fiel ihr Dr. Middlemass ein. Er leitete die Dokumentenabteilung, und sie hatte bis zu ihrer Heirat als wissenschaftliche Angestellte für ihn gearbeitet. Sie hatte Cliff im Hoggatt-Institut kennengelernt. Vielleicht könnte Dr. Middlemass etwas für sie tun, er könnte für sie mit Howarth reden oder seinen Einfluss in der Personalabteilung geltend machen. Sie hatte zwar keine genaue Vorstellung davon, wie seine Hilfe aussehen könnte, aber ihr Drang, sich jemandem mitzuteilen, wurde immer stärker. So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Cliff würde irgendwann zusammenbrechen. Und wie sollte sie mit dem Baby, einem kranken Cliff und einer ungewissen Zukunft zurechtkommen? Mr Middlemass konnte bestimmt etwas für sie tun. Sie glaubte an ihn, weil sie an jemanden glauben musste.

Sie sah ihren Mann an. »Mach dir keine Gedanken, Cliff, wir werden schon eine Lösung finden. Du gehst heute zur Arbeit, und am Abend besprechen wir alles.«

»Aber wie denn? Deine Mutter kommt doch zum Abendessen.«

»Dann eben nach dem Essen. Sie nimmt den Bus um Viertel vor acht. Wir reden anschließend darüber.«

»Ich kann so nicht weitermachen, Sue.«

»Das brauchst du nicht. Ich werde schon eine Lösung finden. Das verspreche ich dir, Schatz. Ich werde eine Lösung finden.«

5

»Mami, wusstest du, dass jedes menschliche Wesen einmalig ist?«

»Aber ja. Das sagt einem doch der Verstand, nicht wahr? Jeden Menschen gibt es nur einmal. Du bist du. Ich bin ich. Reich deinem Vater die Marmelade, und pass auf, dein Ärmel hängt in der Butter.«

Brenda Pridmore, frischgebackene Büroangestellte in der Annahme des Hoggatt-Instituts, schob den Marmeladentopf über den Frühstückstisch und begann systematisch, dünne weiße Streifen von ihrem Spiegelei zu schneiden. Den entscheidenden Augenblick, in dem sie mit der Gabel in die glänzende gelbe Mitte stach, zog sie seit frühester Kindheit bis zuletzt hinaus. Aber sie gab sich diesem kleinen persönlichen Ritual nahezu automatisch hin. Ihre Gedanken kreisten um die Aufregungen und Entdeckungen ihrer wunderbaren ersten Arbeitsstelle.

»Ich meine, biologisch einmalig. Inspector Blakelock, der zweite Verbindungsmann der Polizei, hat mir gesagt, dass jeder Mensch einen einmaligen Fingerabdruck hat und dass es keine zwei Bluttypen gibt, die genau gleich sind. Wenn die Wissenschaftler genug Daten hätten, könnten sie alle zuordnen, die Bluttypen, meine ich. Er glaubt, das kommt auch mit der Zeit. Der Serologe wird dann mit Sicherheit sagen können, woher das Blut stammt, selbst bei einem getrockneten Fleck. Eingetrocknetes Blut ist allerdings schwieriger. Wenn das Blut frisch ist, können wir viel mehr damit anfangen.«

»Einen seltsamen Beruf hast du dir da ausgesucht.«

Mrs Pridmore füllte die Teekanne aus dem Kessel auf dem Kamineinsatz nach und machte es sich wieder auf ihrem Stuhl bequem. Die Küche in dem Bauernhaus war hinter den noch zugezogenen geblümten Baumwollvorhängen warm und gemütlich. Es roch nach Toast, gebratenem Speck und starkem, heißem Tee.

»Na, ich weiß nicht so recht, ob es mir so gut gefällt, dass du Leichenteile und blutbefleckte Kleider in Empfang nimmst. Hoffentlich wäschst du dir gründlich die Hände, bevor du nach Hause gehst.«

»Aber es ist doch ganz anders, Mami. Die Beweisstücke kommen alle in beschrifteten Plastikbeuteln herein. Wir müssen genau aufpassen, dass alle mit einem Etikett versehen sind und ordentlich in das Buch eingetragen werden. Es geht um das kontinuierliche Sammeln von Beweisen und, wie Inspector Blakelock sagt, um einwandfreie Beweisstücke. Und Leichenteile kriegen wir überhaupt nicht herein.«

Dann fielen ihr die versiegelten Gefäße mit Mageninhalt ein, die sorgfältig zerlegten Stücke von Leber und Eingeweiden, die, wenn man es recht überlegte, nicht erschreckender als die Demonstrationsobjekte im Schullabor aussahen. Schnell fügte sie hinzu: »Das heißt, nicht so, wie du es dir vorstellst. Dr. Kerrison seziert die Leichen. Er ist ein Gerichtsmediziner, der für das Labor arbeitet. Natürlich bekommen wir Organe zum Analysieren.«

Inspector Blakelock, erinnerte sie sich, hatte ihr erzählt, dass einmal ein ganzer Kopf im Kühlschrank des Labors gelegen hatte. Aber das sollte sie lieber nicht ihrer Mutter erzählen. Ihr wäre es auch lieber gewesen, wenn der Inspector ihr nichts davon gesagt hätte. Der Kühlschrank, schimmernd und massiv wie ein klinischer Sarkophag, übte seitdem eine düstere Faszination auf sie aus.

Aber Mrs Pridmore hakte dankbar bei dem bekannten Namen nach. »Ich glaube, ich weiß, wer Dr. Kerrison ist. Wohnt er nicht im alten Pfarrhaus neben der Kirche von Chevisham? Seine Frau ist mit einem Arzt vom Krankenhaus durchgebrannt und hat ihn und die beiden Kinder sitzen lassen, diese sonderbare Tochter und den kleinen Jungen, den armen Kerl. Erinnerst du dich noch an das Gerede damals, Arthur?«

Ihr Mann gab keine Antwort, und sie schien auch keine zu erwarten. Es war eine stillschweigende Übereinkunft, dass Arthur Pridmore die Frühstücksgespräche den beiden Frauen überließ. Brenda fuhr fröhlich fort: »Gerichtsmedizin ist nicht nur dazu da, der Polizei beim Auffinden des Schuldigen zu helfen. Wir helfen auch den Unschuldigen. Das vergessen die Leute manchmal. Letzten Monat hatten wir einen Fall – ich kann natürlich keine Namen nennen –, da beschuldigte eine Sechzehnjährige ihren Pfarrer, er habe sie vergewaltigt. Und er war unschuldig.«

»Das will ich hoffen! Vergewaltigung, also bitte!«

»Aber es sah böse für ihn aus. Es war reines Glück. Er war ein Ausscheider.«

»Ein was, um Himmels willen?«

»Das ist jemand, der seine Blutgruppe in die ganze Körperflüssigkeit ausscheidet. Das ist nicht bei allen so. Deshalb konnte der Biologe seinen Speichel analysieren und seine Blutgruppe mit den Flecken auf der Unter…«

»Nicht beim Frühstück, Brenda, wenn du nichts dagegen hast.«

Brenda, deren Augen gerade an einem runden Milchfleck auf der Tischdecke hängen geblieben waren, kam von selbst darauf, dass das Frühstück vielleicht nicht die passendste Zeit war, ihr frisch erworbenes Wissen über die Untersuchung einer Vergewaltigung auszubreiten. Sie fuhr mit einem weniger verfänglichen Thema fort.

»Dr. Lorrimer – das ist der Abteilungsleiter der Biologie – sagt, ich sollte mich in den Naturwissenschaften weiterbilden und versuchen, eine Stelle als Laborantin zu bekommen. Er meint, ich könnte mehr als Büroarbeit. Und wenn ich das erst einmal geschafft hätte, wäre ich schon auf der wissenschaftlichen Ebene und könnte mich hocharbeiten. Einige der berühmtesten Kriminologen hätten auf diese Art angefangen, sagte er. Er hat mir angeboten, mir eine Bücherliste zu geben, und er sagt, er sieht eigentlich keinen Grund, warum ich nicht einen Teil der Laborgeräte für meine praktische Arbeit benutzen sollte.«

»Ich wusste gar nicht, dass du in der biologischen Abteilung arbeitest.«

»Tu ich auch nicht. Ich bin hauptsächlich an der Annahme bei Inspector Blakelock, und manchmal helfe ich im allgemeinen Sekretariat aus. Aber wir sind miteinander ins Gespräch gekommen, als ich einmal einen Nachmittag in seinem Labor war und mit seinen Leuten Berichte fürs Gericht verglichen habe. Er war wirklich ausgesprochen nett. Viele dort mögen ihn nicht. Sie sagen, er sei zu streng, aber ich glaube, er ist einfach schüchtern. Er hätte Direktor werden können, wenn das Innenministerium ihn nicht übergangen und Dr. Howarth ernannt hätte.«

»Er scheint sich ziemlich für dich zu interessieren, dieser Mr Lorrimer.«

»Dr. Lorrimer, Mami.«

»Dr. Lorrimer, meinetwegen. Aber warum er sich Doktor nennen will, da komme ich nun doch nicht mehr mit. Ihr habt doch keine Patienten im Labor.«

»Er ist Dr. phil., Mami, Doktor der Philosophie.«

»Ach, wirklich? Ich dachte, er wäre Wissenschaftler. Na ja, pass auf jeden Fall auf dich auf.«

»Also, Mami, jetzt werd nicht albern. Er ist doch schon alt. Er muss mindestens vierzig sein. Wusstest du übrigens, dass unser Institut das älteste kriminologische Labor in England ist? Jetzt gibt es überall im Land solche Labors, aber unseres war das erste. Colonel Hoggatt hat es auf Gut Chevisham eingerichtet, als er Polizeidirektor wurde. Als er starb, überließ er das Gutshaus der Polizei. Die Kriminologie steckte damals noch in den Kinderschuhen, sagt Inspector Blakelock, und Colonel Hoggatt war einer der ersten Polizeidirektoren, der ihre Möglichkeiten erkannte. Sein Porträt hängt bei uns in der Halle. Wir sind das einzige Institut, das den Namen seines Gründers trägt. Deshalb war das Innenministerium auch damit einverstanden, dass das neue Labor den Namen beibehält. Anderswo schickt die Polizei die Beweisstücke in das regionale Labor, ins Nordost- oder ins Zentrallabor und so weiter. Aber in East Anglia heißt es immer:›Am besten geben wir es ins Hoggatt.‹«

»Du solltest dich jetzt lieber auf den Weg machen, wenn du um halb neun dort sein willst. Und ich möchte nicht, dass du die Abkürzung durch das neue Labor gehst. Der halb fertige Bau ist mir zu gefährlich, besonders an einem dunklen Morgen wie diesem. Nachher fällst du noch in einen Schacht oder bekommst einen Stein auf den Kopf. Baustellen sind zu gefährlich. Denk dran, was Onkel Will passiert ist.«

»In Ordnung, Mami. Wir sollen sowieso nicht über die Baustelle gehen. Außerdem fahre ich mit dem Rad hin. Sind das meine oder Papas Brote?«

»Deine, natürlich. Du weißt doch, dass dein Vater mittwochs zum Mittagessen nach Hause kommt. Käse und Tomaten habe ich draufgelegt, und ein gekochtes Ei ist auch dabei.«

Als Brenda mit dem Rad davongefahren war, setzte sich Mrs Pridmore hin, um eine zweite Tasse Tee einzunehmen, und sah ihren Mann an. »Ich denke, das ist ganz in Ordnung – die Stelle, die sie gefunden hat.«

Wenn Arthur Pridmore sich dazu herabließ, beim Frühstück zu reden, so sprach er mit der ganzen Würde und Autorität des Familienoberhaupts, des Verwalters von Mr Bowlem und des Kirchenvorstehers der Dorfkirche. Er legte die Gabel aus der Hand.

»Es ist eine gute Stelle, und sie hat Glück gehabt, dass sie sie bekommen hat. Es haben sich schließlich genug Mädchen mit höherem Schulabschluss beworben. Jetzt ist sie im öffentlichen Dienst. Und denk nur daran, was die bezahlen. Mehr, als der Knecht von Mr Bowlem bekommt. Und dazu der Anspruch auf Pension. Sie ist ein vernünftiges Mädchen und wird ihren Weg gehen. Für Mädchen mit gutem Schulabschluss gibt es hier nicht viele Möglichkeiten. Und du wolltest ja nicht, dass sie eine Arbeit in London annimmt.«