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Winnetou und Old Shatterhand, Lederstrumpf und Chingachgook, Bill Robin und Jack Harper, König Gilgamesch und der wilde Enkidu, Huckleberry Finn und Tom Sawyer. Legendäre Helden aus Roman, Film und Fernsehen. Sie erzählen von Freundschaft, Freiheit, Natur und Abenteuer. Aber was ist eigentlich Freundschaft? Was geschah in einem Wald in Frankreich im Jahre 1798? Warum spielt Alaska eine zentrale Rolle? Es ist die Geschichte bekannter Helden und Menschen und meine ganz persönliche...
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ich danke Gott
für dieses Buch.
Es hat mir gezeigt,
was ich suchte,
was ich vermisse,
was ich bin
und
was ich habe.
Ich laufe los
Erinnerungen
Blutsbrüder
Die Teenager sind los
Leben – Retten – Helfen
Sammelleidenschaft: Freunde
Masken und Kostüme
Glauben
Ein Hauch von Hollywood
Neustart
Wolken am Horizont
Gilgamesch, König von Uruk
Dunkle Schatten
Der Schrei der schwarzen Wölfe
Es war, als sängen die Engel
Ein Colt für alle Fälle
Vom Pech, glücklich zu sein
Der Schrei. Die Wölfe
.
Der Sturm
Gilgamesch und Enkidu
David und Jonathan
Die kleinen Detektive
Warme Cowboys und rosarote Indianer
Robinson Crusoe, eine Insel, 65 Frauen, 93 Kinder und kein Freitag
Auszeit
Freunde, Freunde, Freunde
Tokio Hotel
Alte Freunde, neue Freunde
Die Schauspieler
Die kleine Zeittafel
Das Phantom, der große (kleine?) Unbekannte
Kinder. Nackt. Wildnis. Natur
.
Mirco
Was ist Freundschaft?
Matthias
Freunde und Feinde
Jesus und Old Shatterhand
Zeit für Freunde
Country und Moderne / Phantasie und Realität
Warum schreibe ich?
Nachwort
Ich lief auf den Feldern und fragte:
„HERR, wie ist das mit dem
„Schrei der schwarzen Wölfe“
zu verstehen?
Was soll ich tun?
Eine Fortsetzung des Films drehen?
Einen Roman schreiben?
Was tat Bill Robin im Film? Was soll ich tun?“
Es war ein Gleichnis.
Nach Jahren wird es mir klar.
Bill Robin rettet Jack Harper das Leben.
Wir schreiben das Jahr 2009. Es ist seit Tagen klirrend kalt. Ein paar Nächte zuvor hatten wir Vollmond. Ein goldgelb leuchtender, faszinierender Ball am Nachthimmel. Himmel? Ich komme darauf zurück. Eine harte Eis- und Schneekruste bedeckt Straßen, Wege und Felder. Heute ist es etwas milder. Es schneit. Ich laufe durch die Nacht, den Jackenkragen hochgeschlagen, den dunkelbraunen Hut tief ins Gesicht gezogen. Der Schnee ist nicht zu hören. Eisig bläst mir der Wind ins Gesicht. Ich laufe los. Ich laufe endlich los! Ich mache mich auf den Weg. Etwas Geheimnisvolles zu ergründen.
Hape Kerkeling ging los, auf den Jakobsweg. Er schrieb darüber. Das Buch wurde ein Erfolg. Wie schreibt man ein Buch? Wo reicht man es ein? Wie findet man den richtigen Verlag? Verkauft sich das Buch? Gibt es nicht schon zu viele Bücher über jedes Thema?
Egal. Ich verlasse mich auf mein Gefühl und beginne zu schreiben.
Ich bin unterwegs. Im Schnee. Leise knirscht es unter meinen Stiefeln. Alaska. Ich bin ein Trapper und ich bin in Alaska. Verwegen, abenteuerhungrig unterwegs in den ewig eisigen weißen Wüsten des unergründlichen, wilden Alaska.
Lassen Sie sich nicht verwirren, lieber Leser oder liebe Leserin. Ich bin keinesfalls in Alaska und ich bin auch kein Trapper. Seit Jahren schneit es in meinem Heimatort mitten im kleinen Baden-Württemberg einmal wieder und ich bin unterwegs. Nichts Besonderes. Oder doch? Wieso Alaska? Wissen Sie noch, was ein Cowboy ist? Und ein Indianer? Kennen Sie Karl May und dessen Winnetou und Old Shatterhand? Den Westmann Falk und seinen roten Blutsbruder Silberpfeil aus der gleichnamigen Comicserie? Die Westerncomicserie „LASSO“, ebenfalls besetzt mit einem kühnen Cowboy – Reno Kid – und seinem nicht minder kühnen roten Bruder Arpaho? Und zu guter Letzt die wohl bekannteste Serie „BESSY“ mit einer mutigen Colliehündin in der Hauptrolle und ihrem Besitzer, dem jungen Farmer Andy Cayoon und dessen Blutsbruder Schneller Hirsch, sowie Cayoons weitere Freunde, Ronny, der Bogenschütze und Kleines Wiesel, der Indianerjunge?
Genug der Fragen. Der Vollständigkeit halber seien für Fans dieses Genres selbstverständlich zwei weitere legendäre Namen genannt: Lederstrumpf und Chingachgook!
Western. Cowboy und Indianer. Trapper (Fallensteller). Wildtöter. Soldaten. Wildnis, Wälder, Blockhütten, Pferde. Ja, Pferde. Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde. Saloons, Whisky, Waffen und Schießereien. Kriege. Um Land. Wo? In Amerika. Im Land der grenzenlosen Freiheit.
Ich erinnere mich. Ich mittendrin. Als Winnetou. Mit einem Holzgewehr und für den wunderbaren Apachen mit eher ungewöhnlich kurzem Haarschnitt. Mit schulterlangem Haar wäre ich vermutlich der perfekte Indianer gewesen, wären die Haare noch schwarz anstelle von blond gewesen. In der Schule hätten sie mich dann aber vermutlich für ein Mädchen gehalten und gehänselt. Also lieber ein Indianer mit kurzen Haaren, man hat ja Phantasie. Mit Faschingsperücke wollte man mitten im Jahr auf den Feldern auch nicht unbedingt jedem begegnen. Davon abgesehen waren zu unserer Zeit die Indianerperücken so teuer, dass mir meine Eltern den Kauf verweigerten, zumal wir schon auf Pistolen, Waffengurt, Munition, die sogenannten Knallplättchen und Gewehre bestanden.
Furchtbar waren die Sommertage. Da war ich gewissermaßen gezwungen, die kurzen, nach Meinung meiner Mutter, robusten Lederhosen im bayrischen Stil mit Edelweiß auf dem Latz zu tragen. Oh, Mann, wieso hatte sie kein Verständnis dafür, dass Winnetou nicht in bayrischen Lederhosen herumlaufen konnte? Manchmal nahm ich heimlich eine lange Hose mit und wechselte dann, sobald wir in unserem „Wilden Westen“ unterwegs waren. Mein weißer Blutsbruder holt mich in unsere Wirklichkeit zurück. Wir müssen weiter, irgendwo hin.
Schon komisch, in den spannenden Karl May – Filmen um Winnetou und Old Shatterhand trug letzterer nie eine solch biedere Brille mit dickem Kassengestell. Aber wenn mir meine igelstoppelkurzen Haare vergeben sind, sei ihm auch die Brille verziehen.
Was haben wir nicht alles für gefährliche Abenteuer erlebt. Draußen im Wald, auf den Feldern. Armeen von Soldaten, wilde Horden gefährlicher Indianer. Zugegeben, schöne Squaws waren selten im Mittelpunkt. Frauen spielten in diesen Kindertagen wie in den Filmen eine Nebenrolle. Sollten Frauen eines Tages in unserem Leben eine Hauptrolle spielen?
Als die Filme um Winnetou und Old Shatterhand in den Kinos liefen war ich noch zu klein, aber aus dem Fernsehen kannte man sie bestens. Und diese Schauspieler! Wahnsinn, dieser Pierre Brice, der den Apachenhäuptling perfekt verkörperte. Und Lex Barker, dieser hünenhafte Adonis. So müsste man aussehen! Jeder Schnipsel über diese Schauspieler wurde aus alten Illustrierten herausgeschnitten und sorgsam aufbewahrt. Mit ein bisschen Glück gelang es uns sogar, die eine oder andere BRAVO – Illustrierte aus dem abgelegten Stapel von Old Shatterhands älterer Schwester zu ergaunern, um an Bilder unserer Stars zu kommen. Ja, Old Shatterhand hatte eine ältere Schwester. Zumindest mein Freund „Old Shatterhand“. Eine Schwester, die uns, wenn wir im Hof meines Freundes spielten, stets aus dem Abenteuer riss mit Weisheiten, wie: „Schaut mal, ich kann einen ganz langen Spuckefaden aus meinem Mund lassen, einen halben Meter lang und ihn dann wieder aufsaugen.“ Wie eklig! Und überhaupt, waren wir im Wilden Westen unterwegs und wurden von feindlichen Indianern verfolgt. Was interessieren einen da meterlange Spuckefäden! Und sie womöglich bei uns mitspielen lassen? Eine Squaw, die mit Spuckefäden protzt? Niemals!
„Da! Was war das? Da, schau, in dieser BRAVO! 1 Cool! Sieh nur: „Der Schrei der schwarzen Wölfe“. Ein Abenteuerfilm, frei nach Jack London in Karl May-Romantik mit „Tarzan“ Ron Ely und „Seewolf“ Raimund Harmstorf. Mann, sehen die cool aus! Dicke Pelzjacken, eisiger Schnee. Alaska.“ Ron Ely war ein Begriff aus der TV-Serie „Tarzan“. Raimund Harmstorf kannten wir lediglich aus der TV-Serie „Semesterferien“. Seewolf? Zu brutal. Den hatten wir bis dato nicht gesehen.
Abenteuerhungrig verschlangen wir die Fotos über diesen Film. Sofort änderten sich unsere Identitäten. Ich ergatterte mir die Identität Ron Elys alias Trapper Bill Robin. So wurde aus meinem Freund Old Shatterhand der vollbärtige Draufgänger Jack Harper, im Film gespielt von Raimund Harmstorf – nur eben ohne Vollbart, schließlich waren wir noch Kinder. „Seltsam, dieser Kopfgeldjäger Jack Harper trägt die gleiche Brille wie Old Shatterhand. Das gleiche dicke Kassengestell.“ Naja, wenn ich meine bereits damals weit untergewichtig spargeldünne Figur mit der des Ron Ely verglich, waren wir wohl beide gleich weit von unseren Idolen entfernt. Egal, man hat ja Phantasie.
Ich kann mich fast nicht konzentrieren. Der Schnee kitzelt auf meiner Nase, ich muss immerzu blinzeln. Ich entnehme meinen Hut und klopfe die dicke Schneeschicht ab, setze ihn wieder auf und marschiere weiter durch die Nacht. Der Schnee wird höher und höher. Ich liebe Schnee. Das hat was von einem Abenteuer. Umrisse von kahlen Bäumen, die unheimlich schwarz, besetzt mit weißen Eiskrallen ihre dürren Äste in den vom Mond erhellten Nachthimmel krallen. Stille. Keine Menschenseele. Außer mir. Abenteuer? War das ein Abenteuer? Ein Abenteuer im Leben eines kleinen unscheinbaren Menschen?
Ich erinnere mich. Es tut weh. Gedanken fliegen durcheinander. Winnetou ist tot. Ich erinnere mich, wie schmerzhaft es für mich als Kind war, als ich mit ansah, wie Old Shatterhand seinen sterbenden Blutsbruder Winnetou in „Winnetou III“ in den Armen hielt. Warum? Warum musste Winnetou sterben? Warum ist das geschehen? Er rettete seinem Freund das Leben, in dem er sich vor ihn warf, als die Gewehrkugel des Schurken kam. Aber warum musste dieser mutige Indianer so früh sterben?
Es war ein Film. Einfach nur ein Film. Mit zwei Schauspielern, die ihre Rolle nach Drehbuch spielten. Und zwar verdammt gut.
Doch dann, am 11. Mai 1973, wurde ein Teil dieses Filmes Wirklichkeit. Ich kneife die Augen zusammen. Wegen des Schnees? Oder um das Bild besser vor Augen zu haben? Im Radio wurde verkündet, dass in Amerika, in New York, mitten auf der Straße ein Mann tot zusammengebrochen war. Es wäre sicher keine Schlagzeile wert gewesen, aber dieser Mann war der angeblich bärenstarke, gut aussehende amerikanische Schauspieler Lex Barker, der da auf der Straße nur wenige Tage nach seinem 54. Geburtstag sein Leben ließ.
Jetzt gab es einen Grund zum Weinen. Und ich weinte. Und zwar richtig. Verzweifelt. Warum? Warum musste Lex Barker sterben? Warum ist das geschehen? Warum musste dieser Mann so jung sterben? Herzversagen, hieß es weiter. Old Shatterhand war tot. Widersinnig. Im Film verlor Old Shatterhand seinen wohl besten Freund Winnetou, dargestellt von Pierre Brice, viel zu früh. Im realen Leben verlor der französische Schauspieler Pierre Brice seinen vermutlich besten Freund Lex Barker viel zu früh. Das war hart und das war echt. Kein Spiel. Kein Drehbuch. Harte Wirklichkeit, mit der Menschen fertig werden müssen.
Ich versuche den Schnee zu fixieren. Die Nacht. Die Finsternis in der Ferne zwischen abertausend Schneeflocken. Wenn sie mich jetzt sehen könnten – halbwegs zugeschneit, den Hut tief ins Gesicht gezogen durch den Schnee stapfend, würden sie mir den Trapper vielleicht abkaufen. Wenn ich Ihnen weiter erzähle, dass ich in den letzten Tagen abends so gefroren habe, dass ich eine Wärmflasche mit ins Bett nahm, schmunzeln Sie vermutlich. Der Trapper mit der Wärmflasche im Bett.
Laufen Sie noch an meiner Seite? Ich weiß, es ist alles sehr lange her. Stimmt. Aber es ist nur ein kleiner Teil dieser Geschichte meines Lebens. Und viele Leser werden sich auf irgendeine Art in meinem Buch wiederfinden.
Da hatte also mein Freund, der übrigens Uwe hieß, sein Idol Old Shatterhand / Lex Barker verloren. Wir trauerten lange um den Verlust des Schauspielers. Mein Freund und ich. Mein Freund, den ich in der ersten Klasse der Schule kennenlernte und mit dem ich mich schnell bestens verstand. Wir waren beide keine „Fußballkicker“ wie die anderen. Wir waren Träumer. Und ich der geborene Stubenhocker, aber Uwe zerrte mich hinaus. Dann begann unser Leben als Freunde. Cowboy- und Indianerspiele. Draußen in der Natur. Tag für Tag. Bei jedem Wetter. Winnetou und Old Shatterhand. Lederstrumpf und Chingachgook. Bill Robin und Jack Harper.
Mein Freund fand Gefallen an dem Charakter des Westmannes Falk aus der Comicserie Silberpfeil. Er gab sich selbst diesen Spitznamen, nannte sich jedoch nicht Falk Kent, wie im Comic, sondern Falk Denver und war sein eigener Held. Mir muss Götz George in der TV-Serie „Diamantendetektiv Dick Donald“ imponiert haben, denn nach dessen Aussehen mit dem pechschwarzen Haar und dem Oberlippen- und Kinnbart schuf ich den draufgängerischen Cowboy Shorty King. So waren wir um zwei weitere Helden reicher in unserer Phantasie. Inspiriert hat mich möglicherweise auch Frank Collins, der ebenfalls wie Götz George alias Dick Donald aussah. Dieser Collins war eine Comicfigur, Agent an der Seite des Haupthelden Marc Strong – einer nach 9 Ausgaben eingestellten Comicserie im Agentenmilieu, von der Firma Mattel ins Leben gerufen, um die gleichnamige Actionfigur zu bewerben. Marc Strong hieß auch in Deutschland bald Big Jim, der eher bekannt sein dürfte. Mit Big Jim, seinen Actionfigurenfreunden Big Josh, Big Jack und Big Jeff hatten wir ebenfalls viel gespielt.
Mehr als einmal war Uwe aber auch der Westernheld und Abenteurer Bronco (im TV dargestellt von Ty Hardin) und ich der Trapper Hondo (Ich war nie Fan von John Wayne, der unter anderem Hondo verkörperte. Mich muss der Darsteller Ralph Taeger aus der TV-Serie „Hondo“ inspiriert haben).
So erlebten wir Abenteuer für Abenteuer in unseren Kindertagen indem wir alle erdenklichen Helden und Abenteuer aus Film und Fernsehen nachspielten.
Ein Hauptschauplatz unserer Abenteuer war der sogenannte Eispalast. Ein seltsames Gebilde. Eine alte Fabrik, die einer zum Teil in der Erde versenkten Burg glich. Mit Türmen, meterhohen Mauern und vielen großen Kammern, die alle trichterartig tief ins Erdreich führten. Überall Seitengänge, zum Teil verschüttet, die man nur flach auf dem Bauch kriechend erkunden konnte. Finster waren diese und überall stachen Eisenstangen von Betonbewährungen heraus. Es war beängstigend eng dort. Mäuse, Insekten und beachtlich große Spinnen, nackte und pelzige, krabbelten um uns herum. Über die trichterförmigen Wände konnte man sich an einem Seil in das Innere der einstigen Fabrik hinunter lassen. Dort war es gespenstisch düster. Fast bis zu den Knien stand das Wasser in dieser riesengroßen Halle, die sich unterirdisch durch das ganze Gebäude zog. Überall tropfte Wasser aus Ritzen und Fugen. Frösche und Kröten quakten und hüpften umher. Auch Ratten hatte es dort. Gerümpel lag umher, Matratzen, Kanister und was weiß ich nicht alles. Eine herrlich schaurige Kulisse für spannendes Kinderspiel. Dort spielten wir mit unseren Holzgewehren hauptsächlich Kriegsgeschichten über Soldaten aus dem 2. Weltkrieg. Die Ruine bot sagenhafte Verstecke und Gefahren und der Aufenthalt dort war für Kinder in unserem Alter durchaus auch lebensgefährlich. Alles war mit wilden Bäumen, Sträuchern, meterhohen Brombeerhecken und sonstigem Dornengestrüpp verwachsen.
Eines Tages balancierten wir wieder einmal mutig auf den hohen Mauerbrocken, kletterten über Geäst und Mauerbrocken und ließen dabei die Tiefe unter uns nie aus den Augen. Immer wieder bröckelten Steine ab und klatschten unten in das morastige Wasser. Dieses Wasser, das seit Jahren dort stand, musste zur Zeit unserer Eltern, als diese klein waren, im Winter stets gefroren gewesen sein. Dort fuhr man verbotener Weise Schlittschuh, deshalb der Begriff Eispalast. Wir kletterten umher, als wir plötzlich erstarrt stehen blieben. Manche Kammern führten nicht in die Tiefe sondern hatten einen Boden. Dort hockten mehrere Jugendliche, die ein paar Jahre älter waren als wir. Nach unserem Ermessen finstere Gestalten, ungepflegt, mit langen Haaren. Wir hatten keine Ahnung warum wir uns gegenseitig anstarrten. Ob diese Jungen dort einen Joint rauchten, Rauschgiftgeschäfte abwickelten, Diebesgut verteilten, oder einfach nur erzählten und sich durch zwei unscheinbare Schnösel gestört fühlten. „Jetzt gibt’s die Hucke voll“, schrien sie und stürmten auf die Mauerwände zu, im Begriff, an diesen hoch zu klettern, uns zu schnappen und zu verprügeln. Uns fuhr es in den Magen. Im Eiltempo rannten wir auf den schmalen Mauern entlang. Vergessen waren Vorsicht und die Angst, abstürzen zu können. Die Angst vor den Verfolgern war größer. Wie im Fluge sprangen wir über Mauereinbrüche und umgestürzte Bäume, bis wir am Ende der Ruine angelangt waren. Die Verfolger auf den Fersen. Sackgasse. Keine Möglichkeit des Abstiegs von der Mauer. Diese war gut und gerne drei Meter hoch. Was blieb? Wir schauten uns an und sprangen. Mark erschütternd und imponierend zugleich schrie mein Freund seinen Kampfschrei „Geronimo!“ in die Luft. Wir schlugen unten im Gestrüpp auf, rollten uns, wie wir das schon hundertfach geübt hatten, professionell ab und rannten ein paar Meter. Dort oben standen sie drohend und brüllend. „Ha!“ Der mutige Sprung hatte uns gerettet. Wir lachten und machten uns auf den Rückweg.
Nur wenige Meter, dann brachte uns ohrenbetäubendes Geknatter von Mopedmotoren die Erkenntnis, dass die Verfolger am Vorhaben, uns verprügeln zu wollen, festhielten und uns nun motorisiert folgten. Unter wildem Geschrei rannten wir die Straße entlang. Immer schneller. Gegen die schnellen, außerdem manipulierten Mopeds hatten wir keine Chance. Nur noch ein paar Fußlängen trennten uns von den bösen Absichten dieser Schurken. Schweißgebadet blickten wir uns an. Menschenskinder! Wir rannten auf der Straße. Auf der Straße! Mit einem Satz sprangen wir rechter Seite in das Maisfeld. Am Krachen von Blech war zu hören, dass unsere Verfolger ihre Mopeds auf die Straße fallen ließen und uns sofort folgten. Es raschelte wild im Dickicht des Maisfeldes. Doch plötzlich herrschte Stille. So clever waren sie dann doch, dass sie hören und sehen wollten, wohin wir uns bewegten. Aber es herrschte weiter Stille. Wir waren verschwunden. Die Natur hatte uns verschluckt. Noch eine ganze Weile hörten wir das Rascheln, Suchen und Fluchen, dann Motorenlärm, der sich entfernte. Geschafft. Die Natur war unser Freund und Retter.
Obwohl wir den Eispalast noch mehrfach aufsuchten, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr. Mehr als einmal kamen wir auch von diesen Streifzügen mit Rissen in der Kleidung, schmutzig bis hinter die Ohren, verbogenem Brillengestell und Schrammen im Gesicht nach Hause.
Immer wieder stießen wir auf unseren Streifzügen auch auf leer stehende Bunker oder alte Hütten in verlassenen Weinbergen oder den leer stehenden, verwahrlosten, ehemaligen Bahnhof auf der anderen Seite des Flusses, den man mit der Fähre überquerte. Wir wussten nicht, wer sich dort herumtrieb, hauste oder gelegentlich wohnte. Es war unheimlich und spannend zugleich. Überall lagen alte Matratzen, leere Flaschen und Müll aller Art herum. Es roch nicht sonderlich angenehm, um es mal vornehm auszudrücken. Wir fanden Berge von alten Illustrierten vom früheren Kiosk. Wir stöberten stets alles durch auf unseren Entdeckungstouren.
Ebenfalls ein besonderes Ereignis für uns waren die Tage, an denen auf unseren Feldern Bundeswehrmanöver stattfanden. Wow! Echte Jeeps, echte Panzer und waschechte Soldaten mit waschechten Gewehren. Das war cool. An einem schönen warmen Sommertag lagerte dieser Trupp der Bundeswehr auf den Feldern. Viele neugierige Kinder waren gekommen, darunter natürlich auch Uwe und ich. Schnell entdeckten wir, dass im staubigen Boden überall Patronenhülsen lagen, die wir eifrig einsammelten. Ein junger, etwas untersetzter Soldat, hing zurückgelehnt in einem Stuhl und zeigte uns stolz sein Gewehr. „Da, seht her, Jungs“, lachte er, „wenn ihr mal zum Bund kommt, wird das eure Braut.“ Dabei streichelte er die Waffe. Wir waren geschockt. Unzählige Holzgewehre hatten wir schon gehabt und verschlissen, ebenso unzählige Indianer oder auch weiße Schurken damit erschossen. Und dann sollten wir so etwas heiraten? Ein Gewehr die Braut sein? Seltsamer Humor. Der Soldat lachte. „Nein, nein, ihr wollt nicht zum Bund, oder? Wer von euch will freiwillig zum Bund?“ – „Ich, ich“, schrien Uwe und ich gleichzeitig und sprangen vor Freude und Erwartung in die Luft. Die Mundwinkel des Soldaten fielen herunter. „Sag mal, seid ihr bescheuert?“, fragte er uns anstarrend. Da bemerkten wir, dass wir unter all den Kindern und Jugendlichen die einzigen waren, die gestreckt hatten. Immer noch standen wir mit euphorisch hochgestreckten Armen da. Der Soldat fiel daraufhin wieder in schallendes Gelächter. „Diese zwei Komiker wollen allen Ernstes freiwillig zum Bund!“ Er konnte sich vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten. Uwe und ich schauten uns an. Seltsamer Zeitgenosse, dieser Mann. Vielleicht hatte ihm die Sonne geschadet. Was war denn so lächerlich daran? Von Musterung und Einberufungsbescheiden hatten wir keine Ahnung. Bundeswehr war für uns wichtig und äußerst spannend. Uniform tragen, Jeep fahren oder Panzer. Oder gar Pilot werden in einem Starfighter. Die Bevölkerung beschützen. Eine echte Waffe tragen. Aber eine Waffe als Braut? Blöder Gedanke.
Tatsache ist, dass wir beide schließlich nie zur Bundeswehr kamen, da Uwe der freiwilligen Feuerwehr beitrat und ich zur Polizei wollte und schließlich durch einen Unfall polizei- und wehrdienstuntauglich wurde.
Zu meinem Geburtstag bekam ich irgendwann ein Zelt geschenkt. Ein richtiges, grünfarbiges Zelt. Jetzt stand unseren Abenteuern nichts mehr im Wege. Wir wollten alsbald zelten draußen in der Natur. Das kam aber nicht in Frage. Unsere Eltern erlaubten uns, im Garten von Uwes Eltern zu zelten. Wie langweilig. Im Garten. Wir waren kampferprobte Trapper und Indianer, kannten die Wildnis wie unsere Westentasche und durften nur im Garten zelten. Aber Widerstand war zwecklos. So bauten wir das Zelt auf, rüsteten uns mit Taschenlampe und Comics und spielten bis es dämmerte. Spät am Abend krochen wir ins Zelt, kicherten und erzählten über dies und das. Es wurde dunkel. Ein neues Gefühl. Sollten wir wirklich die ganze Nacht hier bleiben? Mit den Taschenlampen lasen wir die Comics über Agenten und andere Helden. Diese waren stets mutig, trotzten jeder Gefahr und bestanden jedes Abenteuer. Comichelden, Superhelden, Romanhelden, Helden aus Film- und Fernsehen oder so exotische Figuren wie der geniale Detektiv Mike Macke mit dem ewig langen Kinn, einer Gummipropfenpistole und seinem Begleiter, dem Flughund Airwin aus der Feder des Karikaturisten Volker Ernsting (erschienen in HÖRZU). Oder Wastl, die Superheldenparodie, der in seinem knallgelben Outfit mit dem übertrieben dicken Oberkörper und den Storchenbeinen an der Seite des Jungen Ricky und eines Professors für Recht und Ordnung sorgte. Was hat man sich nicht, von Spielfilmen ganz abgesehen, an Serien angesehen! Und das, obwohl ich heute meinen Kindern gegenüber stets lobe und bewundere, dass es damals „nur“ drei Fernsehprogramme gab. Eigentlich nur zwei und eben das „Dritte“. Und jeden Abend pünktlich Sendeschluss. Fertig. Kein Bild mehr. Testbild oder Flimmern, das sogenannte Ameisenrennen. Trotzdem liegen sie in der Erinnerung bis heute: Bonanza, Big Valley, High Chaparral, Die Leute von der Shiloh Ranch, Bronco, Hondo, Lancer, Am Fuß der blauen Berge, Rauchende Colts, Die Waltons, Stadt ohne Sheriff, Kung Fu, Westlich von Santa Fe, Arpad der Zigeuner, Rinaldo Rinaldini, Skippy das Buschkänguru, Flipper, S.O.S. – Charterboot, Daktari, Barrier Riff, Raumschiff Enterprise, Raumpatrouille Orion, Mondbasis Alpha, Die Invasion von der Wega, Speed Racer, Sealab 2020, Tarzan, Lassie, Fury, Pan Tau, um nur die zu nennen, die mir spontan einfallen und von vielen Krimiserien wie Percy Stuart, Diamantendetektiv Dick Donald, Kojak, Starsky & Hutch und vielen anderen ganz abgesehen.
Und wer kennt sie nicht, die Abenteuer einer recht seltsamen Gruppe von Freunden, die mich persönlich von klein auf und über Jahrzehnte hinweg begleitete? Die Freundschaft zwischen einem Feuersalamander, einem giftgrünen Laubfrosch, einer fetten Unke, einer Maus, einem Igel und einem Gartenzwerg. Die Freunde verband unbändige Abenteuerlust, die Liebe zur Natur und die Liebe zum – richtig geraten – Salamanderschuh! Überall auf der Welt, auf den entferntesten Kontinenten erlebten diese Freunde sagenhafte Abenteuer. Selbst als ich lange erwachsen war, jagte ich den bunten Werbeheftchen der Firma Salamander, welche besagten Schuh bewarben, nach. Bis man eines Tages neue Zielgruppen im Kleinkindalter gewinnen wollte und das Aussehen der Freunde einem Relaunch unterzog. Der Igel wurde zum alternden Professor, die Maus zum kleinen Jungen und Zwerg Piping zum Kobold im Kleinkindformat. Außerdem steckte man Lurchi, den Salamander, Hops, den Frosch und Unkerich, die Unke wohl aus moralischen Gründen in Kleider, denn seither waren diese nackt (selbstverständlich aber geschlechtslos) und nur mit Schuhen, Mütze und / oder Gürtel bekleidet. Für mich war mit dem Relaunch diese Gruppe sagenhafter Freunde gestorben.
Aber das mit dem Salamander und seinen Freunden war ein persönliches Faible von mir. Uwe und mich interessierten wie genannt verwegene, harte Helden. Starke Männer! Das Maximum an Muskeln war bei den Schauspielern Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone zu finden oder bei der Romanfigur Doc Savage, der später im Film von Ron Ely verkörpert wurde.
Unzählige Helden aus den Reihen der Comicserien ZACK und PRIMO begeisterten uns ebenfalls. Egal ob im Agentenmilieu, Piloten, Westernhelden, Science Fiction-Genre oder Weltenbummler – Bruno Brazil, Valerien & Veronique, Lt. Blueberry, Comanche (Red Dust und Kentucky), Andrax, Kronan, Luc Orient, Tanguy & Laverdune, Tunga, Rahan, Dan Cooper, Captain Terror, sie hatten es uns angetan. Und mir persönlich insbesondere auch Andy Morgan (im Original Bernard Prince), der für einen Helden eher hagere Ex-Agent von Interpol, der an der Seite des alten „Seebärs“ Barney Jordan und des Waisenjungen Ali (im Original Djinn) mit seiner Yacht Comoran sagenhafte Abenteuer erlebte.
Im Sammelbilderbuch von ESSO dagegen wimmelte es damals von realen Abenteurern dieser Welt. Auch echte Abenteurer wie Sir Francis Drake, Fernando Magellan, Captain Cook, Robert Scott und Roald Amundsen auf ihrer Südpolwettexpedition oder die legendären Seeräuber Klaus Störtebeker und Gödecke Michel hatten es uns angetan. Oder aber die abenteuerliche Reise des deutschen Flugpioniers Hans Bertram und seines Bordingenieurs Adolf Klausmann, die 1932 mit einer Junkers W33, die mit Schwimmern ausgerüstet war und somit auf allen Wasserflächen landen konnte, auf ihrem Flug extrem vom Wege abkamen und nach einer Bruchlandung über 50 Tage lang in unbewohnter Wildnis ohne Nahrung und mit wenig Wasser überlebten, bis sie in Australien von Aborigines gerettet wurden. So wollten wir sein. Verwegene Abenteurer.
Wir wurden müde und mühten uns in dem engen Zelt ab, uns unserer Kleider zu entledigen und in die Schlafanzüge zu huschen. Dann überkam uns doch die Abenteuerlust und wir schlichen trotz Müdigkeit aus dem Zelt in den Hof. Es war still. Der schwarze Himmel war wolkenleer. Sterne glitzerten. Jenseits des Gartenzauns musste man nur die schmale Straße überqueren und war schon im nächsten Maisfeld verschwunden. Wir konnten doch heimlich in den Wald schleichen und nachts erkunden, was wir sonst tagsüber taten. Schließlich waren wir Abenteurer. Wir lehnten uns an den Zaun und überlegten. Im Schlafanzug konnten wir aber schlecht auf Abenteuerreise gehen. Außerdem war es sicher echt finster dort draußen. Wir kamen zu dem Entschluss, dass es im Zelt doch gemütlicher war und kehrten zurück. Nach langem Erzählen schliefen wir schließlich irgendwann ein.
Es gab viel zu entdecken, viel zu kichern, viel zu lachen, aber auch traurige Momente, wenn wir zusammen waren. Wir liefen wie so oft über die Felder, noch vor kurzem hatte ich hier stets mein Schwert dabei. Dieses Flacheisen hatten wir eines Tages beim Nachbarn von Uwe im Garten entdeckt. Heimlich kletterten wir auf das Dach des alten Schuppens, der früher einmal ein Schweinestall gewesen war, kletterten auf das Schuppendach des Nachbarn und sprangen hinunter. Schnappten das Flacheisen und verschwanden. Uwe schärfte das Eisen an den Flanken und bastelte einen schweren Holzgriff daran, der super gut hielt. Eine fantastische Waffe. Nein, Winnetou trug nie ein Schwert. Namen wie Sir Lancelot, Ivanhoe der schwarze Ritter, Zorro, Athos, Aramis, Porthos, D'Artgagnan - die 4 Musketiere oder Ritter Sigurd aus der gleichnamigen Comicserie waren nun im Gespräch. Und manchmal wurden Falk Denver und Shorty King mit Mantel und Degen oder Schwert ausgestattet.
Mit diesem Schwert spalteten wir uns oft Zuckerrüben entzwei, hockten im Staub auf den Feldern und genossen die süße Frucht. Wir aßen Äpfel und was sonst zu finden war. Irgendwann fragte uns der alte, hagere, weißhaarige, fast gespenstisch wirkende Nachbar, als wir im Garten spielten, ob wir seinen Schneckentöter gesehen hätten. „Einen Schneckentöter? Iiiiih, wie eklig.“ Nein, einen Schneckentöter hatten wir nicht gesehen. Wildtöter war uns ein Begriff. Aber Schneckentöter? Wir schauten uns an. Hatten wir einen Schneckentöter gesehen? Nein, hatten wir nicht, lautete unser letztes Wort. Neugierig deutete der alte Mann auf das Schwert an meiner Seite. Das könnte durchaus sein Schneckentöter sein. Das musste sein Schneckentöter sein. Er erklärte uns, dass er mit diesem Flacheisen, das vorne geschärft war, in seinem Garten die Schnecken halbierte und so ausrottete, da sie ihm all seine Ernte weg fraßen. Oh, wie peinlich. Kleinlaut montierte Uwe den Griff ab und wir übergaben dem alten Mann seinen Schneckentöter.
So waren wir an diesem Tage ohne Schwert unterwegs. Wir hatten aber unsere Messer, außerdem Taschenmesser. Betrübt liefen wir nebeneinander her. Ich hatte Uwe gesagt, dass wir wegziehen würden. Seither lagen zwischen den Häusern unserer Eltern nur zwei weitere Häuser. Seine und meine Eltern wohnten zur Miete. Beide hatten wir in den Gärten alte Schuppen und sogar Bunker, die aus früheren Zeiten stammten und um die herum die Grundstücke in den 50er Jahren eingeteilt wurden. Nun aber würden wir wegziehen, in eine andere Mietwohnung. Weit weg. Verdammt weit weg. Wir waren traurig. Würde dies das Ende unserer Freundschaft bedeuten? Würden wir uns außer in der Schule nie wieder sehen? Denn zur Schule würde ich weiterhin gehen. Schließlich blieben wir ja im gleichen Ort. Aber meine Eltern hatten eine neue Wohnung gemietet. Am anderen Ende des Dorfes. Das war verdammt weit weg. Im Laufe des Gespräches versuchten wir uns klar zu machen, dass wir doch auf unseren Streifzügen in der Wildnis ganz andere Entfernungen zurücklegten. Da konnte doch die neue Entfernung zwischen uns nicht das Ende unserer Freundschaft bedeuten. Ganz davon abgesehen könnten wir, wenn wir uns Ferngläser zulegten, uns gegenseitig sogar zuwinken, denn zwischen den beiden Häusern lagen soweit das Auge sehen konnte, nur Felder. Wir versuchten uns zu beruhigen. Nur eines war uns klar: Unsere Freundschaft durfte auf keinen Fall enden dadurch.
Dann kam aber doch eine Zeit, die schwer für uns wurde. Oder für Uwe. Ich lernte, so jung ich auch war, ein Mädchen kennen. Kirsten. Die war so bildhübsch, dass man es sich gar nicht vorstellen konnte. Keine Prinzessin, keine Squaw und auch sonst keine Frau konnte es mit der Schönheit von Kirsten aufnehmen. Wunderbar. Ich war fasziniert. Die Tatsache, dass dieses kostbare, grazile Wesen sogar zustimmte, mit mir zu spielen, verdrehte mir den Kopf. Und wir trafen uns fortan tatsächlich so oft es ging zum Spielen. Aber was spielte man als Junge und Mädchen? An Winnetou und Old Shatterhand hatte sie kein Interesse. So wurde „Vaterles und Mutterles“, wie es im Dialekt hieß, gespielt. Ich war also plötzlich Vater und Kirsten Mutter. Beziehungsweise Mann und Frau. Wir bauten uns im Zimmer unter Tischen und Stühlen mit Teppichen und Handtüchern verhangen ein Haus. Spielten wir auf dem Grundstück nebenan, bauten wir uns ebenfalls aus Teppichen bzw. Decken einen Unterschlupf an einen Holzstapel an. Das war unsere Yacht. Wow, ich hatte also eine Frau, ein Haus und sogar eine Yacht. Das war neu, zwar nicht spannend, aber hochinteressant. Man wurde nicht schmutzig, zerriss sich nicht die Kleidung, kurzum, es war harmonisch und schön. Aber was machen Vater und Mutter immer so den ganzen Tag? Tja, und schon waren wir mittendrin. Wir stritten und zankten, weil „meine Frau“ der Ansicht war, auch ein Mann könne mal einkaufen und die Betten machen. Gut, ging ich also ins Nebenzimmer einkaufen. Alles unsichtbare Dinge oder Gegenstände, die uns ihre Mutter freundlicherweise zur Verfügung stellte. Irgendwann meinte Kirsten, sie wolle nun endlich eine richtige Mutter sein und da wir ihre kleine Schwester Elke beim besten Willen nicht dabei haben wollten, weil diese immer dann, wenn sie das Zimmer betrat, an den Teppichen hängen blieb und unser Haus einstürzte, was einmal den Bruch einer teuren Vase zur Folge hatte, mit der wir auf dem Fensterbrett den Teppich beschwert hatten, stopfte sich „meine Frau“ kurzerhand eine Puppe unter den Pullover und meinte, sie sei nun schwanger. Ich war entsetzt. „Schwanger?“ Was war denn das? Meine Frau würde ein Kind bekommen? Das war mir zu viel. Wie sollte denn das gehen? Kinder fielen der Mutter doch nicht unter dem Pullover hervor, das war doch irgendwie viel komplizierter, die kamen doch irgendwo da unten heraus und zwar aus dem Körper und nicht aus dem Pullover, dafür unter Schmerzen. Nein, das war mir zu heikel. Als Kirsten dann noch darauf bestand, dass ich sie ins Krankenhaus bringen und bei der Geburt dabei sein sollte, wurde mir das echt zu viel. Ich bestand darauf, dass das Kind schon da sei, aber sie wollte einfach eine Weile schwanger sein. Das wäre normal. Na gut, meine Frau war schwanger und irgendwann schickte ich sie aus dem Zimmer und sie kam mit der Puppe auf dem Arm wieder herein. Puh, das war geschafft. Das Kind war da. Jetzt waren wir eine glückliche Familie.
Weit weniger glücklich war mein Freund Uwe. Der sehr oft mit dem Fahrrad angefahren kam und unbedingt mitspielen wollte. Aber das ging nicht. Was sollte man denn bei „Vaterles und Mutterles“ mit zwei Männern? Außerdem wollte ich Kirsten nur für mich.
Uwe war traurig und wohl auch einsam. Aber die Zeit heilte die Wunden und ich „kehrte zu Uwe zurück“. Ich weiß heute nicht mehr, warum der Kontakt zu Kirsten wieder abriss, aber Uwe wurde wieder mein Hauptspielpartner.
Die Zeit als „Vater“ an der Seite einer so bezaubernd aussehenden Frau, mit einem kleinen Kind, einem Haus und einer Yacht war echt klasse, aber wer einmal die Natur mit all ihren Abenteuern, Herausforderungen und Schönheiten entdeckt hat, den lässt sie nimmermehr los.
Möglicherweise hatten wir versucht, die Sache anders anzupacken und Kirsten gefragt, ob sie nicht auswandern wolle und mit uns in der Wildnis „leben“. Aber das war nicht Kirstens Welt. So ließ ich wohl „Frau und Kind“ zurück.
Uwe und ich erkundeten die gesamte Gegend. Nichts war vor unserer Neugier und Abenteuerlust sicher. An einem stark zerklüfteten sehr hohen Steilhang am Ufer des Flusses an den unser Dorf grenzte, gab es Höhleneingänge, die allerdings nur wenige Meter tief waren und keine sonderliche Herausforderung boten.
Obwohl an genau diesem Steilhang mit der kleinen Höhlennische eine Legende in der Luft, oder besser gesagt, in der Höhle verborgen lag. Die Sage der heiligen Notburga, einer schönen Königstochter, die auf dem Rücken einer Hirschkuh an dieses Ufer des Neckars getragen wurde. Auf der Flucht vor ihrem Vater, dem König Dagobert, der sie um des Friedens Willen mit seinem Widersacher, dem heidnischen Wendefürst Samo, verheiraten wollte. Genaueres konnten wir über die Sage nicht in Erfahrung bringen. Ob es damals auch verwegene Abenteurer gab? Am Königshof des Dagobert? Warum wurde die junge hübsche, edle Dame ausgerechnet von einer Hirschkuh (oder war es ein weißer Hirsch?) gerettet und nicht von einem jungen, starken, unerschrockenen Helden?
Waren Überreste aus der Zeit dieser seltsamen Geschichte zu finden? Wurden wir zu Forschern, Archäologen und Entdeckern? Wir stöberten durch die Wildnis und entdeckten eine sehr hohe Mauer, die mit Efeu und Moos bewachsen war. Unten drückte sich ein kleiner Bach aus einer zugewachsenen Öffnung, der sich seinen Weg durch das von Moos und Efeu bewachsene Dickicht suchte. Vor unseren Augen befand sich eine Öffnung mit ca. einem Meter Durchmesser. Ein Kanal. Wir schauten hinein, aber außer schwarzer Finsternis war nichts zu entdecken. Ein Rinnsal Wasser floss heraus und ergoss sich zu dem Bach zu unseren Füßen. Wo der Kanal wohl herkam? Wo führte er hin? Vielleicht entdeckten wir dort etwas. Einen Schatz? Diebesgut? Ein Skelett? Eine Leiche? Oh Mann, der Fund einer Leiche musste das Spannendste und Abenteuerlichste überhaupt sein. Der Fund einer Leiche! Vermutlich kannten wir das auch irgendwo aus dem Fernsehen. Leider hatten wir keine Taschenlampe dabei. So krochen wir auf allen Vieren in den finsteren Tunnel hinein. Ich voraus. Normalerweise ging Uwe immer als Erster. Was, wenn plötzlich eine Wasserflut käme und uns mit aller Wucht hinaus spülen würde oder wenn mich eine Ratte in den Finger biss? Es war unheimlich und unangenehm. Aber wir krochen weiter. Der lichte Kreis hinter uns, durch den wir eingestiegen waren, wurde kleiner und kleiner. Der Tunnel länger und länger. Ich tastete mich durch absolute Finsternis. Meine Hände und Knie waren nass von dem Wasser, das unter uns hindurch rann. Würde ich in dieser Schwärze an eine Leiche stoßen, würde ich mich sicher zu Tode erschrecken und wäre sogleich die zweite Leiche. Uns wurde mulmig, je weiter wir vorwärts krochen. Irgendwann spürte ich, dass von beiden Seiten Rohre in dieses mündeten. Wir krochen weiter. Hier hatte es etwas mehr Wasser. Unsere Hosen wurden klatschnass. Nach einer Weile sah ich einen winzigen Lichtschimmer. Der Tunnel war zu Ende und führte nun geradewegs senkrecht in die Höhe. An den angebrachten Steigeisen stiegen wir hoch. Uns wurde immer unheimlicher. Was, wenn der Eingang nun plötzlich nach all den Jahren ausgerechnet jetzt von Arbeitern mit einer tonnenschweren Platte verschlossen würde? Dann gäbe es bald in diesem Tunnel nicht eine, sondern zwei Leichen! Niemals würde man uns hier vermuten oder suchen. Oben angekommen hörten wir Autogeräusche. Über mir befand sich ein Kanaldeckel unmittelbar in der Nähe einer Straße. Da ich mich mit einer Hand an dem Steigeisen festhalten musste, versuchte ich, den Kanaldeckel mit der anderen Hand hoch zu stemmen. Es gelang mir nicht. Wir könnten uns also nicht einmal durch diesen Deckel retten und die vorbeifahrenden Autos würden unsere Hilferufe nie hören. Wir bekamen Angst, waren aber auch enttäuscht über den faden Ausgang dieser abenteuerlichen Kriechtour und beschlossen den Rückzug. Krochen zügig Richtung Ausgang. Mit jedem Meter wurden wir immer schneller, denn erstens roch es in dem Tunnel alles andere als gut und zweitens sahen wir in unserer Einbildung noch immer die Arbeiter, die den Tunnel nun vor unseren Augen für immer verschließen würden. Was natürlich nicht geschah.
Von finsteren, übel riechenden Kanalrohren abgesehen, suchten wir auch immer öfter den herrlichen Wald auf.
Ja, hier konnte man unbekümmert spielen, gegen unsichtbare Indianer und gemeine Schurken kämpfen, mit den Holzgewehren schießen und schreien, ohne von Nachbarn kopfschüttelnd angesehen zu werden. Im Wald fühlten wir uns zunehmend wohl. Manchmal konnte man sogar Tiere entdecken. Eichhörnchen, Rehe, Fasane, Hasen. Uwe und ich kundschafteten einen geeigneten Baum aus, der uns als Gerüst für den Bau eines Baumhauses dienen sollte. Angetan vom Tarzan aus Film und Fernsehen, der außer vom legendären Johnny Weissmüller und einigen anderen, auch von unseren Helden Ron Ely und Lex Barker verkörpert wurde, sowie von den verschiedensten Superhelden aus den Comics, die wir ebenfalls gierig verschlangen, wollten wir neue Helden schaffen. Eine Kombination aus Dschungel- und Superhelden. Wir wollten Dschungelsuperhelden sein.
Als ich eines Tages ein paar Tage bei meinen Großeltern war und einmal mehr in den alten Kleider- und Lederresten meiner Großmutter wühlte, fand ich was ich suchte. Olivgrünfarbenes Kunstleder. Meine Großmutter hatte eine unübersichtlich große Menge an Fellen, Stoffen und Leder- bzw. Kunstlederresten, denn sie arbeitete früher in einer Näherei. Irgendwann wollte sie für ihre Enkel für den Fasching richtig schöne Indianerkleider nähen. Als ich die weiße Lederrolle sah, war ich begeistert. Sofort zeigte ich ihr Fotos von Winnetou und wollte originalgetreu ein solches Kostüm. Meine Großmutter meinte, das sei kein Problem für sie, ein solches Gewand zu nähen, nur die indianischen Muster und Applikationen würden fehlen. Das könne sie nicht sticken oder aufnähen, das sei viel zu kompliziert. Ich war enttäuscht. Man konnte die indianischen Muster doch nicht mit Filzstift aufmalen. Wie würde denn das aussehen? Da kam ich auf die Idee, sie könne mir ja die Kluft von Old Shatterhand nähen. Und so erhielt ich eine originalgetreue Nachbildung der Kleidung Old Shatterhands. Wow, war ich stolz! Ich fühlte mich wahnsinnig gut als Old Shatterhand, obwohl ich eigentlich Winnetou sein wollte.
Zurück aus meinen Erinnerungen stand ich mit der olivgrünen Lederrolle in der Hand nun da. Ich begann, daraus einen Lendenschurz zu schneidern. Schnippschnapp-schnipp, schnippelte ich mit einer großen Schere mit unregelmäßigen Rändern zwei Dreiecke aus der Lederrolle – fertig war der Lendenschurz. Ich bohrte ein paar Löcher hindurch, durch die ich einen Strick band, der den Lendenschurz an meinen schmalen Hüften festhielt und hing dort auch mein beachtliches Messer hin. Cool! Wie der echte Tarzan. Vielleicht etwas zu blass und schmal geraten, aber ich war ja noch ein Kind. Mehr als einmal schlich ich bei Besuchen bei meinen Großeltern in den nahe gelegenen Wald, wagte mich meiner Kleider zu entledigen und legte den Lendenschurz an. Barfuß stand ich fast nackt im Wald. Furchtbar aufgeregt, so gesehen und für verrückt erklärt zu werden, huschte ich ein paar Meter durch den Wald bis ich einen geeigneten Baum fand, auf den ich klettern konnte. Die Äste waren gut angeordnet, so dass ich sehr hoch hinauf klettern konnte und eine gute Aussicht hatte. So also fühlte sich“ Tarzan“ an! Ich war durch und durch Tarzan in diesem Moment. Oder eben Tarzanboy.
Diesen Lendenschurz hatte ich dann dabei, als ich mit Uwe wieder im Wald war. Ich schätze, wir waren damals ungefähr 11 oder 12 Jahre alt. Da wir ausnahmsweise keinen passenden Stoff für Uwe fanden, begnügte er sich mit einer gestreiften Badehose. Er wollte sich Tigerboy nennen und hätte gern ein Tigerfell als Lendenschurz gehabt. Lange hatten wir überlegt, ob es auffallen würde, wenn der orangefarbene Bettvorleger im Schlafzimmer von Uwes Eltern vom einen auf den anderen Tag plötzlich um genau das Stück kürzer wäre, welches wir für einen Lendenschurz benötigt hätten. Die Tigerstreifen hätten wir dann eingefärbt. Wir begnügten uns dann aber mit Uwes Badehose.
Zuhause hatte Uwe notdürftig eine kleine Kiste gebastelt, wir nahmen Nägel, einen alten Hammer und eine Zange und marschierten los in den Wald zu unserem Versteck. Dort gruben wir ein Loch, in das wir die Kiste versenkten. Hier wollten wir unser Werkzeug für den Bau des Baumhauses lagern, um es nicht ständig mitschleppen zu müssen. Ich musste immer wieder über den Einfallsreichtum und das handwerkliche Geschick meines Freundes staunen. So standen wir eines schönen Sommertages im Wald, hatten unsere Kiste eingegraben und fragten uns: „Und jetzt? Ausziehen?“ Uns nach allen Richtungen umsehend, zogen wir unsere Kleider aus, bis Uwe in seiner gestreiften Badehose da stand, die er unter seiner Kleidung bereits trug. Ich zog mich ebenfalls bis auf die Unterhose aus und führte ihm meinen olivgrünfarbenen Lendenschurz vor, den ich mir um die Hüften band. Zugegeben, die zwei Dreiecke waren etwas knapp ausgefallen. Rundherum war meine Unterhose, die dafür umso reichlicher ausfiel, zu sehen. Das konnte ich nicht hinnehmen, so lief kein Dschungelsuperheld herum. Also schaute ich mich wieder um, ob auch wirklich niemand in der Nähe war und zog die Unterhose unter dem Lendenschurz aus. Der Waldboden piekte unter meinen nackten Füßen. Ich sah an mir hinunter. War das nicht ein bisschen zu nackt? Vorsichtig huschten wir so durch das Unterholz. Die Kleider hatten wir ebenfalls in der Kiste verstaut, die wir mit Moos und Laub unkenntlich machten. Ein seltsames Gefühl, so fast nackt im Wald umher zu laufen. Zusammen mit einem Freund. Alleine hatte ich es ja schon ausprobiert. Das Barfußlaufen auf dem Waldboden war ungewohnt, schmerzte mitunter, war aber auch unbeschreiblich aufregend. Ebenso das Gefühl, so gut wie nackt zu sein und den leichten Sommerwind und die Sonne auf dem ganzen Körper zu spüren. Oder Äste, die beim Umherlaufen am Körper streiften. Wir kletterten auf Bäume und fühlten uns wirklich wie richtige Urwaldmenschen. Mir war es lediglich peinlich, dass die rauhe Innenseite des Lendenschurzstoffes bei jeder Bewegung an meinem kleinen Penis rieb und mich irgendwie erregte, was dazu führte, dass, sobald ich still stand, der dunkelgrüne Kunstlederfetzen durch die Erregung vorne mitunter etwas ab stand. Das sah interessant, ulkig und peinlich zugleich aus. Dem wollten wir aber keine weitere Bedeutung beimessen. Irgendwann kam dann aber, was wohl kommen musste. Wir waren wieder in unserer spärlichen Kleidung im Wald unterwegs, huschten kreuz und quer im Wald umher und kletterten auf unseren Stammbaum sozusagen. Der Baum, auf dem irgendwann unser Baumhaus entstehen sollte. Außer ein paar angenagelten Brettern am Stamm, die uns den Aufstieg erleichtern sollten, war jedoch noch nichts gebaut. Ich kletterte mit meinem knappen Lendenschurz zwischen den Ästen hindurch immer höher. Irgendwo musste ich an einem Ast hängen geblieben sein. „Nein“, rief ich. Die Schnur an meiner Lende war gerissen, die Lederfetzen fielen samt dem angehängten Messer in die Tiefe. Ich hörte sofort, wie Uwe zu lachen begann, während mir bewusst wurde, dass ich nun splitternackt auf dem Baum saß. Ich kann mich nach so vielen Jahren natürlich nicht mehr an jedes Wort erinnern, aber Uwe muss irgend so etwas wie „Hahahaha, ein Superheld und Umweltdetektiv, der nackt im Baum sitzt“, gesagt haben.
Seltsam. Klar, einem Superhelden musste das peinlich sein. In den Tarzanfilmen passierte so etwas nie. Zumindest zeigte man es nie. In Wirklichkeit hatte Tarzan vielleicht auch des Öfteren seinen Lendenschurz verloren. Ich fühlte mich aber eigentlich nur noch wohler, so ganz nackt auf dem Baum. Intensiver konnte man nicht mit der Natur verbunden sein, empfand ich, während ich langsam und mühsam herabkletterte, meinen Lendenschurz griff und die Schnur nun mit einem doppelten Knoten versah. Auch wenn das Gefühl, komplett nackt im Wald zu sein sonderbar schön war, sollte mir dieses Missgeschick dennoch nicht noch einmal passieren. Wir huschten umher und hatten plötzlich gar keine Lust mehr auf unsichtbare Feinde, Indianer und Superschurken.
Ursprünglich hatten wir noch vereinbart, dass Uwe nach wie vor Falk Denver hieß und dieser die Identität des Tigerboys verkörperte. Ich hingegen fand Shorty King mit den schwarzen Haaren und dem Oberlippen- und Kinnbart gar nicht geeignet für die Rolle des Dschungelboys. Shorty war in erster Linie Cowboy und Abenteurer, mit einem Faible für guten Whisky und schöne Frauen. Und so schuf ich Bob Gordon, den in meiner Phantasie sportlich muskelbepackten Draufgänger, Boxer, Starfighterpilot, Detektiv und Stuntman. Bob Gordon hatte braune Haare wie ich und keinen Bart – ebenfalls wie ich. Uwe war ein wenig enttäuscht, dass Shorty King hier fehlen sollte, aber mir gefiel die Figur des Bob Gordon hervorragend. Dann wurde uns klar, dass das Ganze eine Bande werden musste. Die berüchtigte Schlangenbande. Das klang angsteinflößend. Von Uwes Schwester, die damals eine Lehre bei einem Zahnarzt begonnen hatte, erhielten wir aus der Spielkiste des Zahnarztes zwei Plastikarmreifen. Diese waren jedoch nicht geschlossen, sondern an einer Stelle geöffnet, an dieser Stelle sahen sich zwei Schlangenköpfe an. Also eine Schlange mit zwei Köpfen, einen am Anfang und einen am Ende. Das war unser Bandenzeichen. Natürlich gehörten zu einer Bande mehr als zwei und so rekrutierten wir noch andere kühne verwegene junge Männer, auch Farbige, also Menschen schwarzer Hautfarbe, Chinesen und sogar eine abenteuerhungrige, verwegene junge Frau. Außer uns beiden waren die anderen aber nur erfunden und existierten lediglich in unserer Phantasie.
Jetzt aber fühlten wir uns eigenartig. Die Phantasie wurde langweilig. Die schöne, lange Zeit der Kinderspiele war wohl vorbei. Wir wollten in der realen Welt etwas erleben. Aber was, außer dass wir Spuren suchten, Tiere beobachteten und uns von dem ernährten, was auf Feld und Wald zu bekommen war?
Vielleicht gab es echte Schurken? Wilddiebe oder Diebe, die ihr Diebesgut im Wald versteckten. Wie erkannte man einen Wilddieb? Das erschien uns schwierig. Da kam uns die Idee. Dass immer wieder irgendwelche Menschen Müll wild im Wald entsorgten, war uns auf unseren Streifzügen durch die Natur nicht entgangen. Hin und wieder entdeckten wir Müllsäcke, alte Autoreifen und sonstigen Unrat. Und das obwohl es in unserer Gemeinde damals noch eine offene Mülldeponie, den Schuttplatz gab, auf dem alles, aber auch wirklich alles einen Steilhang hinunter gekippt und verbrannt wurde. Autoreifen, jeglicher Restmüll, Kühlschränke, Gefriertruhen und so weiter. Oft streunten Uwe und ich auch dort umher, auf der Suche nach etwas Brauchbarem oder Geheimnisvollem. Der beißende Gestank von verbranntem Unrat, Gummireifen und was auch immer dort verbrannt wurde, war ekelhaft und würgte uns mitunter. Hustenanfälle waren nicht selten. Gefunden hatten wir kaum etwas. Wir wühlten nur in den Müllhäufen herum. Spannend war es allemal. Es kam auch vor, dass wir mit rußverschmutzten Kleidern oder angesengten Schuhsohlen nach Hause kamen. Das bedeutete Ärger mit der Mutter!
Auf der anderen Seite, dem steilen Abhang des Schuttplatzes gegenüberliegend, befand sich die sogenannte „Sandklinge“. Eine sehr hohe Steilwand, durch und durch aus gelbfarbigem Sand. Im Sommer kletterten wir allzu oft dort im Steilhang herum, wobei man nicht wirklich klettern konnte, denn die sandige Wand gab stetig nach, Sandbrocken brachen ab und stürzten in die Tiefe. Oft gruben wir aber auch am Fuße der Sandklinge höhlenartige Gänge in die Steilwand und spielten dort die Abenteuer der Filme „Das indische Grabmal“ und „Der Tiger von Eschnapur“ nach. Selbstverständlich mit Shorty King oder Bob Gordon und Falk Denver in den Hauptrollen, die sich in sengender Hitze in den sandigen Fels von Pyramiden oder indischen Grabkammern gruben. Ein einziger sandiger Erdrutsch damals hätte genügt, wir wären hoffnungslos verschüttet worden und man würde uns beide vermutlich bis auf den heutigen Tag noch immer vergebens suchen. Ich bezweifle, dass uns Spürhunde unter Tonnen von Sand gefunden hätten.
