Der Seerosencode - Sonja Steinert - E-Book

Der Seerosencode E-Book

Sonja Steinert

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Beschreibung

Drei Leichen werden innerhalb weniger Wochen in Berlin gefunden. Was verbindet sie miteinander? Zunächst nicht mehr als die Tatsache, dass alle drei Männer sind. Dann aber auch, dass neben jedem Opfer eine Seerose liegt. Das Team des Berliner LK1 steht vor einem Rätsel. Seine tastenden Ermittlungen führen ins Dickicht der Lebenslügen: Wie weit passe ich mich an, um geliebt und respektiert zu werden? Wo beginnt die Selbstaufgabe? Fragen grundlegender Art, wie sie auch im Alltag der Hauptkommissarin und ihrer beiden Kollegen eine Rolle spielen ...

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Seitenzahl: 287

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Sonja Steinert

DERSEEROSENCODE

Kriminalroman

ISBN (eBook) 978-3-89741-962-9

ISBN (Print) 978-3-89741-412-9

© 2018 eBook nach der Originalausgabe in CRiMiNA.CRiMiNA ist ein Imprint des Ulrike Helmer Verlags, Sulzbach/Taunus© 2018 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/TaunusAlle Rechte vorbehaltenCovergestaltung: Atelier KatarinaS / NLunter Verwendung des Fotos »Erinnerung an den Sommer«,© Copyright cdk / photocase

www.ulrike-helmer-verlag.de

Inhalt

Prolog

Donnerstag, 10. April

Freitag, 11. April

Samstag, 12. April

Sonntag, 13. April

Montag, 14. April

Dienstag, 15. April

Mittwoch, 16. April

Donnerstag, 17. April

Freitag, 18. April (Karfreitag)

Samstag, 19. April

Sonntag, 20. April (Ostersonntag)

Montag, 21. April (Ostermontag)

Dienstag, 22. April

Mittwoch, 23. April

Donnerstag, 24. April

Freitag, 25. April

Samstag, 26. April

Sonntag, 27. April

Montag, 28. April

Dienstag, 29. April

Mittwoch, 30. April

Donnerstag, 1. Mai

Freitag, 2. Mai

Samstag, 3. Mai

Sonntag, 4. Mai

Montag, 5. Mai

Epilog

Prolog

Ein Blütenblatt nach dem anderen zupfte die Kleine ab, schaute zu, wie sie langsam zur Erde segelten. Sie staunte, wie viele es waren. Zählen konnte sie nur bis zehn, das hatte sie vom älteren Bruder gelernt. Sie selbst ging noch nicht zur Schule.

Die Blütenblätter der gelben Rose lagen verstreut um sie herum. Ganz im Innern waren nur zarte kleine Teile verborgen, enttäuschend unscheinbar, verglichen mit dem satten Gelb der samtenen Blütenblätter.

Auch in der blauen Glockenblume, die sie als nächstes zerpflückte, sah es ähnlich unspektakulär aus. Ich bin ein ganz winziges Tier, dachte das Mädchen und ging in diesem hellblauen umgedrehten Zelt mit den durchscheinenden Wänden spazieren. Schaute von innen durch das Himmelblau nach draußen.

Sie ließ sich nach hinten fallen und breitete die Arme aus. Die grünen Blätter des Kirschbaums nickten ihr zu. Dazwischen gab es blaue Flecken von Himmel, ab und zu eine kleine graue Wolke. Sie kniff die Augen zusammen und öffnete sie schnell wieder. Im Moment des Öffnens verbanden sich das Grün der Blätter und das Blau des Himmels zu einem wunderbaren Blaugrün, in dem ganz kurz Blitze zuckten. Da – an ihrem linken Unterschenkel zwickte etwas. Sie hob das Bein und fuhr mit der Hand darüber, ein schwarzer Käfer fiel ab, fing sich im Flug und schwirrte weiter.

Das Mädchen stand auf und ging, die rosa Sandalen zurücklassend, zu einem der niedrigen Äste des Kirschbaumes, sprang hoch, fasste einen Zweig, zog ihn zu sich herunter und versuchte, eine Kirsche mit dem Mund abzupflücken. Das Spiel gefiel ihr so gut, dass sie es weiterspielte. Der Saft der reifen Kirschen zog rote Spuren über Kinn und Hals und verlief sich auf dem weißen Baumwollstoff des Hemdchens. Die Kleine warf sich ins Gras und rollte vor und zurück. Das Gras roch so gut. Jetzt war sie eine Ziege und genau dieses Gras ihr Lieblingsfressen. Sie riss mit den Zähnen ein Sauerampferblatt ab und kaute es. Nach einigen Bissen verzog sie das Gesicht und spuckte den Rest aus, es schmeckte bitter.

Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ja eigentlich in den Garten gegangen war, weil sie zum Teich wollte. Den Amseln zuschauen, die im flachen Wasser badeten und sich vergnügten. Vielleicht einen Frosch entdecken, wenn sie lange genug ruhig dasaß und wartete. Sie lief so schnell, dass sie hinfiel. Das Knie tat weh, aber sie achtete nicht darauf. Als der Teich in Sicht kam, ging sie langsamer. So konnte sie ihre Vorfreude länger auskosten. Sie legte sich auf den hölzernen Steg und robbte sich gemächlich ans Wasser heran. Ein süßer Duft erreichte ihre Nase und ließ sie einen Moment die Augen schließen, ehe sie die Quelle dieses Duftes erblickte: Heute waren es schon vier Seerosen, die ihre weißen Blütenblätter geöffnet hatten. Die weit geöffneten Seerosen standen nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche, auf der die großen dunkelgrünen Blätter leicht schaukelten. Aufgestützt auf ihre Unterarme, beugte sich das Mädchen ein wenig näher zum Wasserspiegel, sah verschwommen das eigene lächelnde Gesicht, ehe sich ihr Blick an eine Libelle mit schmalem, blaumetallisch schimmerndem Leib heftete, die im Schilf verschwand.

»Kann man dich denn keine Sekunde aus den Augen lassen?!«

Die Kleine erschrak und zuckte zusammen. Zitternd sprang sie auf, stand mit hängenden Schultern vor der Mutter, die sie zornig musterte und an ihrem weißen Hemdchen herumzerrte.

»Kirschflecken, so ein Mist! Warum, verdammt, kannst du nicht wie andere Mädchen ein bisschen vorsichtig sein mit deinen Kleidern und einfach mal tun, was man dir sagt!«

Das Kind sah erschreckend nah das vor Ärger und Wut verzerrte, gerötete Gesicht der Mutter, die sich herunterbeugte und es bei den Schultern packte. Das Mädchen wich zurück, den Kopf gesenkt.

»Einen Blumenstrauß solltest du pflücken! Aber du bist ja zu nichts zu gebrauchen! Kann man dich nicht einen Moment allein lassen? Und jetzt muss ich dich auch noch umziehen, bevor wir zu den Großeltern fahren. Geh los, wasch dich! Zieh das blauweiß gestreifte Kleid an. Wo hast du denn deine Sandalen gelassen? Geh mir bloß aus den Augen! So ein unmögliches Kind, womit hab ich das bloß verdient.«

Der letzte Satz der Mutter, halb abgewandt wie für sich selbst dahingemurmelt, erreichte noch die feinen Ohren des Mädchens, das bereits zum Haus lief. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

Könnte sie doch einfach im Erdboden versinken.

Oder im Teich.

Donnerstag, 10. April

Das Erste, was ihr ins Auge fiel, war eine cremeweiße Seerose, die wie verloren auf dem Weg lag, kaum größer als die Innenfläche ihrer Hand. Sie spürte Lust, sie anzufassen.

Der Polizist grüßte und hielt das rot-weiß gestreifte Absperrband hoch, sodass Hauptkommissarin Judith Rabe darunter durchschlüpfen konnte, während sie ihm zunickte. Sie war sofort voll konzentriert auf die Situation, alle ihre Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Der Tote lag bäuchlings auf dem Weg, der südöstlich um die Krumme Lanke herumführte.

»Ein Jogger – steht dort drüben – hat ihn gegen halb sieben gefunden.«

Judith sah kurz hinüber, wo ihr Kollege Simon Bacher mit dem Mann sprach. Sie vertiefte sich wieder in den Anblick des Toten, dessen Kopf nach rechts gedreht war, der rechte Arm war etwas höher, so als wollte er sein Gesicht berühren, der linke lag, ebenfalls leicht angewinkelt, unter dem Körper. Während das linke Bein durchgestreckt war, lag das rechte angezogen, das Knie berührte die Erde.

Auf dem Hinterkopf konnte Judith die Spuren von Schlägen erkennen, vermutlich mit einem Ast, denn es gab kleine krümelige Reste von Erde oder Rinde. Der Mann war etwa Mitte vierzig. Er trug einen hellgrauen, teuer aussehenden Anzug, ein schwarzes Hemd, keine Krawatte, schwarze Lederschuhe. Sein rasierter Schädel war leicht beschattet vom nachwachsenden Haar, seine Wangen zeigten dunklen Bartwuchs. Judith streifte Handschuhe über, zog einen Folienbeutel aus der Jackentasche und beugte sich hinunter. Tastete Jacken- und Hosentaschen ab, ließ Schlüssel, Brieftasche, eine geöffnete Packung Papiertaschentücher und ein fingerlanges Schweizermesser in die Tüte fallen und richtete sich wieder auf. Ein knacksendes Geräusch. Sie griff sich ins Kreuz und hielt einen Moment die Luft an.

»Der Mann, der ihn gefunden hat«, sagte Simon neben ihr mit einer Kopfbewegung in Richtung des Joggers, der jetzt hinüber zur Fischerhüttenstraße ging, »hat niemanden gesehen und nichts angefasst.«

Judith zog den Personalausweis aus der Brieftasche und hielt ihn so, dass ihr Kollege mitlesen konnte.

»Ach – kein Handy, kein Autoschlüssel?«, meinte Simon mit Blick auf den Beutel. Judith schüttelte den Kopf. »Nee, nichts. Vielleicht hat der Mörder Handy und Schlüssel mitgenommen. Kann ein missglückter Autoverkauf gewesen sein.«

Sie schaute um sich, ihr Blick ging zum Wasser und über den Weg, der zwischen See und Wald hindurchführte und normalerweise von Spaziergängern mit und ohne Hund, von Joggern, Radfahrern und Kindergruppen belebt war. »Einen Ast oder Knüppel suchen wir auch noch. Mit so was wurde er niedergeschlagen.«

Von der Fischerhüttenstraße her kamen ihre Kollegen von der KTU, sie grüßten einander wortlos mit leicht erhobener Hand oder einem kurzen Nicken.

Während die Kriminaltechniker mit der Untersuchung des Fundorts begannen, startete Judith den weißen Mégane und Simon gab telefonisch die Daten des Toten, erste Fotos und was sie sonst noch an Informationen hatten, an Olaf Lehnert, ihren Teamkollegen im LK1 in der Keithstraße, durch.

»Stübbenstraße. Sagt dir das was?«, fragte Judith, während sie in die Clayallee einbog.

Simon schrieb mit. »Verstanden.« Während er seine Notizen überflog, ließ er das Handy in die Jackentasche gleiten. »Na, Schöneberg, Nähe Bayerischer Platz. Also, Hartmut Wilhelmi, Doktor der Biologie, arbeitet im Botanischen Garten, ist verheiratet mit Katja Schönau, Journalistin, keine Kinder.«

»Zuerst in die Wohnung, danach in den Botanischen Garten?« Trotz des Verkehrs wären sie sicherlich noch vor acht Uhr am Bayerischen Platz. Simon nickte.

»Die Seerose«, begann Judith. Ich hätte sie so gerne angefasst.

»Die ist unsere Direktverbindung zum Botanischen Garten, oder?«, meinte Simon. Er fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht und gähnte.

»Müde?« Judith wusste, dass ihr jüngerer Kollege sich durchaus auch mal eine Nacht mitten in der Woche um die Ohren schlug. Simon antwortete nicht. Judith wunderte sich über seine ungewohnte Schweigsamkeit. »Hier schon links?« Ohne seine Antwort abzuwarten, war sie bereits abgebogen. Sie fuhren langsam an der Stübbenstraße 18 vorbei, parkten dann eine Ecke weiter und gingen zurück. Das Haus, in dem Wilhelmis Wohnung lag, war einer der typischen Berliner Altbauten aus der Zeit um 1900. Die Fassade war geschmackvoll restauriert und wirkte mit ihren dezenten Reliefs und Ornamenten, den feinziselierten schmiedeeisernen Balkongittern und der zweiflügeligen Eingangstür mit blauem und rotem Überfangglas ziemlich nobel. Auf ihr Klingeln erfolgte keine Reaktion.

Sie warteten. Simon trat einen Schritt zurück und schaute an der Fassade des Hauses hoch. Im zweiten Stock links stand ein Fenster offen. Er klingelte, kurz darauf summte der Türöffner. Hintereinander stiegen sie die mit einem hellen Sisalläufer belegte Treppe hoch, die ebenso wie das Treppenhaus in einem warmen Rotbraun gestrichen war. In der offenen Tür im zweiten Stock stand ein alter Herr, der ihnen freundlich entgegenschaute.

»Hauptkommissarin Rabe von der Berliner Kripo«, stellte Judith sich vor und hielt ihrem Gegenüber den Dienstausweis vors Gesicht, »und das ist Kommissar Bacher. Wir möchten zu Frau Schönau. Wissen Sie vielleicht, ob sie das Haus schon verlassen hat?«

»Ernst Bruck mein Name«, der Herr neigte leicht den Kopf, nachdem er Judiths Dienstausweis in Augenschein genommen hatte. »Jetzt wo Sie mich fragen – sie ist gestern Abend fortgegangen, noch bevor er wieder zurück war von der Arbeit. Und heute Morgen habe ich weder sie noch ihn gehört oder gesehen. Eigentlich komisch.«

»Wieso komisch?«

»Na ja, ich bin doch oft schon vor sechse wach und meistens bis Mitternacht, ich kann doch nicht mehr so lange schlafen, und dann höre ich natürlich, wer durchs Treppenhaus geht. Ich erkenne schon an den Schritten, wer von den Nachbarn das ist, das können Sie mir glauben. Ja, und den Herrn Wilhelmi, den habe ich gestern Morgen früh um halb acht die Treppe hinuntergehen hören, wie immer. Aber gestern kam er nicht wie sonst meistens gegen sieben nach Hause. Vielleicht kam er ja erst spät in der Nacht. Aber heute Morgen, wie gesagt, da habe ich keinen von beiden gehört. Schon komisch.«

»Wo arbeitet denn Frau Schönau, können Sie uns das sagen?«

»Na ja, die Frau Schönau, die schreibt für den Tagesspiegel, die ist viel unterwegs, ja und der Herr Wilhelmi, der ist Botaniker und hat den ganzen Tag Pflanzen um sich. So ein schöner Arbeitsplatz!« Herr Bruck lachte mit blitzenden Augen hinter den starken Gläsern seiner Brille. »Der ist auch viel unterwegs. Aber warum wollen Sie das denn alles wissen?«

»Das können wir Ihnen leider nicht sagen«, lächelte Judith verbindlich. »Vielen Dank jedenfalls.«

Herr Bruck nickte und schloss langsam seine Wohnungstür.

Eine knappe halbe Stunde später standen Judith und Simon vor dem Mitarbeitereingang des Botanischen Gartens, wiesen sich aus und ließen sich den Weg zum Büro des Direktors erklären.

Im Sekretariat von Professor Aschersleben, der jeden Moment erwartet wurde, blätterten sie bei einem Kaffee mit Keks in den auf dem Tisch liegenden Broschüren.

Es war einige Jahre her, dass Judith zum ersten und bisher einzigen Mal den Garten besucht hatte, zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Hanna und deren Tochter Fanny. Die an gläserne Kirchenschiffe erinnernde Jugendstil-Architektur der Gewächshäuser hatte sie ebenso fasziniert wie die verschiedenen Landschaftsgärten – sie erinnerte sich vor allem an den »Kaukasus« – im weitläufigen Park. Der Anlass für den Besuch damals war eine Hausaufgabe, die Fanny für den Biologie-Unterricht erledigen sollte und die sie auch gewissenhaft ausführte. Aber was genau war das noch mal gewesen? Hanna jedenfalls, die auf sämtlichen Fensterbrettern alle möglichen Arten von Kräutern zog und sie für Tees und beim Kochen verwendete, war zielstrebig zum Apothekergarten marschiert und Fanny peilte geradenwegs ihren Zielort an. Judith hingegen ließ sich von Landschaft zu Landschaft treiben, verlor sich hier und dort im Anblick einer üppigen Blütenpracht oder eines wild wuchernden Strauchs und stand lange vor den Seerosen, von denen etwas Anziehendes ausging, ein In-sich-Ruhen und zugleich eine leichte Beweglichkeit. Solchermaßen versunken, fühlte Judith sich heftig gestört, als Hanna und Fanny sie mit lautem, fröhlichem Geplauder überfielen. Sie hatten gesehen, was sie sehen wollten, und wollten nun ins Café. Was, so fragte Judith sich heute, hatte sie eigentlich abgehalten, zu sagen, geht schon mal vor, ich komme nach, und noch eine Weile in Ruhe den Anblick der Seerosen zu genießen? Das war typisch für sie, sich einfach mitziehen zu lassen, ihre eigenen Bedürfnisse selbstverständlich zurückzustellen. So wichtig war das doch nicht, redete sie sich bei solchen Gelegenheiten selbst zu, darauf muss ich doch jetzt nicht bestehen, das gibt nur Stress.

Simon berichtete leise von seinem Telefonat eben mit Olaf. Frau Schönau war für eine Reportage nach München geflogen, würde wie geplant gegen fünfzehn Uhr dreißig wieder in Berlin sein und von Tegel aus direkt in die Keithstraße kommen.

»Ihr Mann ist tot und sie macht ihren Job!« Simon schüttelte den Kopf. »Mannomann.«

»Ach«, meinte Judith süffisant, »du bist doch sonst kein Anhänger leidenschaftlicher Verhältnisse, du hast es doch selbst lieber etwas unverbindlicher, oder?«

Simon ignorierte ihren Einwurf, legte den Zeigefinger auf eine Seite der Broschüre, die er in der anderen Hand hielt, und flüsterte: »Mann, hier arbeiten über hundertzehn Leute und dann noch bis zu dreißig Saisonkräfte! Wenn wir die jetzt alle befragen müssen, das dauert ja Wochen!«

Professor Aschersleben war schockiert, als er vom gewaltsamen Tod Dr. Wilhelmis hörte. Wilhelmi war Leiter der Abteilung für Biodiversitätsforschung, einer von insgesamt vier Abteilungen des Botanischen Gartens. Aschersleben konnte sich nicht vorstellen, dass Wilhelmis wissenschaftliche Arbeit etwas mit seinem Tod zu tun haben sollte, wirkte jedoch höchst alarmiert, als Simon Bacher ihm ein Handyfoto der bei dem Toten gefundenen Seerose zeigte. Er nannte sie bei ihrem botanischen Namen und war sich sicher, dass Seerosengewächse dieser Art auch im Botanischen Garten beheimatet waren. Er räumte allerdings ein, dass man gerade diese verbreitete Sorte – sie war nach Walter Pagels, einem US-amerikanischen Wasserpflanzenforscher benannt und 2006 Seerose des Jahres gewesen – natürlich auch in Gartencentern kaufen oder über das Internet beziehen könnte. Zur definitiven Klärung der Herkunft der gefundenen Pflanze verwies er die Ermittler an Frau Dr. Sonntag, Seerosenspezialistin und Kollegin von Herrn Dr. Wilhelmi, die ihnen im Übrigen auch dessen Arbeitsplatz zeigen könnte.

Bis auf eine sehr kurze Mittagspause, die sie im Café des Botanischen Gartens verbrachten, waren Rabe und Bacher damit beschäftigt, sich einen Überblick zu verschaffen über diesen Kosmos für sich. Das Büro des getöteten Biologen lag im Gebäude des Botanischen Museums, wo sich auch die Forschungslaboratorien und einige Sammlungen wie das Herbarium befanden. Es gab nur wenige persönliche Dinge in diesem hohen Raum, dessen Fenster vom zweiten Stock des historischen Baus aus einen weiten Blick in den Garten bot. Einige großformatige Fotos, auf denen ein fröhlicher braungebrannter Dr. Wilhelmi inmitten wild wuchernder Pflanzen oder urwaldartigen Grüns zu sehen war, waren zweifellos während seiner Forschungsreisen entstanden. Sein Spezialgebiet waren bestimmte Pflanzenarten in Südamerika, vor allem in Amazonien. Die Regale waren mit Ordnern, Büchern und sauber geschichteten Stapeln bedruckter Blätter übersichtlich gefüllt. Vor manchen Buchrücken lagen kleine farbige Steine, getrocknete Pflanzen und kunsthandwerklich gestaltete Figürchen, farbenfroh bemalt. Die Ermittler fanden keinen Kalender, möglicherweise hatte Dr. Wilhelmi seinen Kalender im bisher nicht aufgefundenen Handy oder im PC geführt. Sie überließen Wilhelmis Büro den KTU-Kollegen, die inzwischen eingetroffen waren.

In weiteren Büros auf demselben Flur trafen sie Kolleginnen und Kollegen des Ermordeten an, darunter auch Frau Dr. Sonntag, die die Seerose auf dem Foto ebenfalls sogleich als Sorte »Walter Pagels« identifizierte und den Ermittlern anbot, ihnen das Becken in einem der Gewächshäuser zu zeigen, in dem diese Seerose zusammen mit anderen wuchs und blühte – während sie im Gartenteich erst gut vier Wochen später zur Blüte ansetzte, dann aber bis in den Herbst immer wieder neue cremeweiße Blüten hervorbrachte, die so groß wie ihre grünen Blätter waren. Dr. Martina Sonntag war eine zierliche, fast magere dunkelhaarige Frau um die fünfzig, die sich als sehr zurückhaltend erwies. Über den toten Kollegen äußerte sie sich mit Wertschätzung und Respekt. Er sei ein leidenschaftlicher Forscher gewesen, systematisch und kreativ, reiste gerne, veröffentlichte viel und hielt Vorträge auf internationalen wissenschaftlichen Tagungen. Wie er als Chef so gewesen sei? Eigentlich ganz in Ordnung. So oder ähnlich ausweichend waren die Antworten auf diese Frage alle ausgefallen.

Das Seerosenbecken, in dem auch die kleine weiße »Walter Pagels« schwamm, befand sich in einem der weitläufigen Gewächshäuser. Hätte es jemand darauf angelegt, eine Seerose abzubrechen und in der Kleidung versteckt mitzunehmen, wäre es ein Leichtes gewesen, registrierte Judith.

Während der Fahrt von Lichterfelde nach Tiergarten in die Dienststelle hingen sie ihren Gedanken nach. Nach den stundenlangen Befragungen hatten beide keine Lust zu reden. Judith konzentrierte sich ganz aufs Fahren. Das war manchmal wie eine Meditation. So wie jetzt.

Die Unruhe in der Keithstraße, Schritte und Rufe in den Gängen, klingelnde Telefone, Gesprächsfetzen aus offenen Türen, geschäftige Routine – all das prallte Judith entgegen, als sie die Glastür zum Flur des LK1 aufstieß. Aus der Tür ihres gemeinsamen Büros trat Olaf Lehnert in den Flur und hob grüßend die Hand.

»Hallo Olaf«, murmelte Judith und lächelte. Hauptkommissar Lehnert war irgendwie das, was sie sich unter einem Fels in der Brandung vorstellte. Er war groß und ziemlich kräftig und mit einer bedächtigen Art ausgestattet, die – das war gut für Verhöre wie auch für ihre Fallanalysen – aber auch unerwartet schnelle Reaktionen und scharfsinnige Einwürfe einschloss.

»Sie ist schon hier«, er wies mit einer Hand in Richtung des Vernehmungsraums neben ihrem Büro.

»Okay. Lass uns noch kurz auf Simon warten, der holt Kaffee.«

»Und, was habt ihr rausgefunden?«

»Viel gehört, viel gesehen, viele Möglichkeiten, aber wir haben nichts in der Hand. Die wichtigen Infos hat Simon dir ja durchgegeben. Mal hören, was die Schönau zu sagen hat.«

Simon kam eilig den Flur entlang und balancierte vier Kaffeebecher auf einem kleinen Tablett. Kurzes Nicken, dann betraten alle drei den Vernehmungsraum. Katja Schönau saß aufrecht auf dem Stuhl, etwas zurückgelehnt. Ihr dezent geschminktes Gesicht, umrahmt von schulterlangem blondem Haar, ließ keine Regung erkennen. Olaf stellte Judith und Simon kurz vor.

Während er sie befragte, beobachtete Judith ihre Reaktionen.

»Und das war also nicht weiter ungewöhnlich, dass Sie Ihren Mann nicht mehr gesprochen haben vor dem Abflug nach München?«

»Nein, überhaupt nicht. Ich schreibe für verschiedene Redaktionen. Es kommt häufig vor, dass ich auch mal kurzfristig für ein Interview oder eine Reportage verreise, meistens bin ich dann anderntags zurück. Hartmut wusste, dass ich an dem Abend nach München fliege. Wozu hätte ich ihn also noch anrufen sollen?«

»Was hatte Ihr Mann denn an diesem Mittwochabend vor? Haben Sie darüber gesprochen?« Olafs Stimme war ruhig und sachlich.

»Ich weiß es nicht, nein, er hat nichts gesagt, ich habe einfach angenommen, dass er nach der Arbeit nach Hause geht. Manchmal hat er auch länger gearbeitet, wenn irgendeine Veröffentlichung anstand oder er noch einen Artikel zu Ende schreiben wollte. Dafür hat er ja in seinem Büro alles Nötige. Zu Hause hat er eigentlich nicht gearbeitet, na ja, außer sich mal was zu lesen mitgebracht.«

»Wir haben bei Ihrem Mann weder ein Handy noch einen Autoschlüssel gefunden. Haben Sie dafür eine Erklärung?«

»Sein Handy hat er eigentlich immer dabei. Vielleicht hat er es in seinem Büro liegen lassen. Ein Auto haben wir nicht. Hartmut fährt mit der U-Bahn und ich meistens auch oder ich nehme auch mal ein Taxi.«

»Was könnte Ihr Mann an der Krummen Lanke gewollt haben? Soweit wir wissen, hat er sein Büro in der Zeit zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr verlassen. Kurz vor einundzwanzig Uhr brannte jedenfalls dort kein Licht mehr, und Viertel vor acht hat eine Kollegin noch mit ihm telefoniert.«

Schönau senkte den Kopf und schaute auf ihre Hände, die zusammengefaltet in ihrem Schoß lagen.

»Keine Ahnung.« Sie schaute hoch und schüttelte den Kopf. »Ich kann es Ihnen nicht sagen.«

»Wie lange sind Sie verheiratet? Wie lief Ihre Ehe?« fragte Olaf weiter.

»Wir sind seit sieben, nein acht Jahren verheiratet. Wir – ja, wie soll ich sagen, wir führen eine ganz normale Ehe. Wie das halt so ist, wenn beide berufstätig sind, viel unterwegs und so.«

Judith hörte dem Satz hinterher. Er wirkte auf sie wie eine rasselnd heruntergelassene Jalousie. Sie wechselte einen raschen Blick mit Olaf und glaubte zu erkennen, dass auch er diese Allerweltsformulierung zu glatt und nichtssagend fand.

»Was hat Sie beide denn zusammengebracht, was hat Sie verbunden?« schaltete sich Judith in die Vernehmung ein.

Katja Schönau schaute die Ermittlerin an. Dann zog ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht, das wieder verschwand, noch ehe es ihre Augen erreicht hatte.

»Kennengelernt haben wir uns auf dem Rückflug von Rio de Janeiro nach Berlin. Da saßen wir nebeneinander und kamen ins Gespräch und wie das halt so ist …«

»Gab es andere Beziehungen neben Ihrer Ehe? Affären?« fragte Judith weiter.

Alle drei Ermittler nahmen das leichte Zögern wahr, das Schönaus Kopfschütteln vorausging.

»Frau Schönau«, übernahm Olaf wieder die Befragung, »wir müssen Sie leider auch zu so profanen Dingen wie Ehevertrag und Vermögenswerten fragen. Besitzen Sie Wohneigentum, gibt es Lebensversicherungen, haben Sie oder Ihr Mann geerbt?«

Die Vernehmung zog sich hin, ohne dass sich ein greifbarer Anhaltspunkt ergab. Kein Motiv weit und breit. Judith ging, noch ehe das Gespräch beendet war. Sie würden sich ohnehin morgen über die Ergebnisse dieses Tages austauschen.

Auf dem Weg in die Dessauer Straße kaufte Judith fürs Abendessen ein – sie hatten Besuch von Hannas Schwester Bettina aus Augsburg und Judith hatte versprochen, heute Abend zu kochen. Das Umschalten vom »Arbeitsmodus« in den »Privatmodus«, wie sie es nannte, fiel ihr heute besonders schwer. Etwas stimmte nicht mit der Beziehung von Wilhelmi und Schönau. Katja Schönau verbarg etwas. Judith spürte das so deutlich, als sei da etwas mit Händen zu greifen. Sie wusste, dass sie sich auf ihre Intuition verlassen konnte. Meistens jedenfalls war sie damit auf der richtigen Spur.

Im Wohnzimmer ging es laut und fröhlich zu. Judith war froh, dass sie sich in die Küche zurückziehen konnte.

Später, in der Phase zwischen Wachsein und Einschlafen, sah Judith sich rücklings auf einem See treiben, dessen Wasserfläche über und über von Seerosen bedeckt war, die sacht auf den Wellen schaukelten. In das plätschernde Geräusch mischte sich ein kaum bemerkbarer süßer Duft, und unversehens war sie eingeschlafen.

Aljoscha,

jetzt bist du der Einzige, der noch weiß, wer ich bin. Dass es mich gibt. Seit so vielen Jahren schon suche ich dich. Als du damals verschwunden bist, war ich ja erst acht Jahre alt. Die ganzen Jahre über habe ich gehofft, dass du eines Tages vor mir stehst und wir uns alles erzählen, was seitdem geschehen ist. Ich weiß nicht, wo du bist, ob du überhaupt noch an deine kleine Schwester denkst, ob du am Leben bist.

Bin ich selbst denn noch am Leben? Ich weiß es nicht. Das macht mich verrückt. Ich spüre gar nichts, ich bin wie tot seit vorigen Sonntag. Da war ich bei Mutter im Stift wie jeden Sonntag, seit sie dort lebt. Sie erkannte mich nicht. Sie fragte mich lächelnd: Und wer sind Sie? Ich war wie vom Donner gerührt. So sagt man doch. Als würde ich nach innen explodieren. Gleichzeitig waren da Wut, Hass, Ohnmacht. Grenzenlose Enttäuschung. Ausgelöscht. Als wäre ich ausgelöscht, als gäbe es mich nicht mehr. Das ist das einzige, was ich spüre, dieses grausame Gefühl, ausgelöscht zu sein. Es beherrscht meinen ganzen Körper, meinen Geist, es lähmt mich. Eine innere Eiseskälte, die alles durchdringt. Ich kann nicht mehr klar denken. Es ist, als löse ich mich einfach auf. In meiner Panik suche ich nach einer rettenden Erinnerung, einer Eingebung. Was muss ich tun, dass ich mich nicht einfach auflöse, bis von mir nur noch Schaum auf den Wellen bleibt?

Ach, Aljoscha. Wo soll ich anfangen? Seit Vaters Tod lebe ich ja wieder in unserem Elternhaus, und seit ich Mutter vor zwei Jahren ins Stift gebracht habe, wo sie gut betreut wird, bin ich ganz allein in dem alten Kasten. Manchmal höre ich es nachts knarren und knacken und habe Angst, dass der alte Kahn auseinanderbricht und mich unter sich begräbt. Dann sage ich mir, das sind die Kiefern draußen im Garten, die vom Wind gebeutelt werden. Sie sind inzwischen so hoch gewachsen, dass kaum mehr andere Pflanzen auf dem sauren Boden wachsen außer Maiglöckchen, Efeu und Knöterich. Der Kirschbaum ist längst eingegangen. Ohne Licht und ohne die richtige Erde kann keine Pflanze gedeihen. Es ist fast alles hier noch so wie damals, als wir Kinder waren. Aber der Teich ist inzwischen zugeschüttet. Seltsam, obwohl das Haus so riesig ist, fühle ich mich beengt, wie eingesperrt. Nach Mutters Auszug habe ich mein altes Zimmer unterm Dach wieder bezogen. Lese manchmal nachts, wenn ich nicht schlafen kann, in den Büchern, die da stehen. Trete auf den kleinen Balkon hinaus und rieche den Geruch des Wassers, den der Wind herüberträgt. Seit Langem gehe ich in den Nächten immer wieder in Gedanken zurück in die Kindheit, suche und frage und will wissen, wann war ich eigentlich noch ich selbst?

Tags lebe ich in einer anderen Welt. Ich funktioniere, ich reiße mich zusammen, ich nehme mich nicht wichtig, ich mache meine Arbeit, ich habe mich im Griff. Es hat mich im Griff. Bin ich das? Ich möchte laut brüllen vor Schmerz und Verzweiflung darüber, dass ich gar nichts mehr fühle. Selbst dieses kalte fremde Ich gibt es ja nicht mehr, für Mutter existiere ich überhaupt nicht mehr. Ich stehe vor ihr und sie erkennt mich nicht – ihr Kind, das so geworden ist, wie Vater und sie es haben wollten. Das gelernt hat, eigene Wünsche und Gefühle zu verbergen, noch ehe es lesen konnte, um schließlich zu vergessen, dass es Wünsche und Gefühle hat. Das gelernt hat, sich um jeden Preis anzupassen an die Vorstellungen der Eltern, und das es ihnen doch nie recht machen konnte. Welches Kind möchte nicht gefallen, geliebt werden, dem Bild entsprechen, das die Eltern sich machen.

Ja, du warst anders. In dem Jahr, als du Abitur machtest, gab es immer wieder lautstarke Auseinandersetzungen. Ich erinnere mich, wie du dir mit Vater stundenlange erbitterte Wortgefechte geliefert hast, Mutter angeschrien und beschimpft hast. Du hast gekämpft, als ginge es ums Überleben. So war es ja auch, aber das konnte ich damals nicht verstehen. Ich hielt mir die Ohren zu, mir tat die Disharmonie weh. Ich war ja noch ein Kind, ich unterwarf mich Vaters und Mutters kalter Ignoranz. Ich tat, was man von mir wollte, war folgsam und fügsam.

Ich habe dich so vermisst! Eines Tages warst du einfach verschwunden, ohne Abschied. Aber ich weiß und wusste immer, dass du irgendwo in Sicherheit bist und dein Leben lebst. Du bist weggegangen, um deiner Auslöschung zuvorzukommen.

Freitag, 11. April

Ihre Absätze klapperten so laut, dass es ihr in den Ohren wehtat. Sie hatte wohl gestern Abend ein Glas Wein zu viel getrunken. Leichte Kopfschmerzen begleiteten sie seit dem Aufstehen. Judith hörte die Stimmen ihrer Kollegen, noch bevor sie die Tür zum Büro geöffnet hatte. Simon stand mit dem Rücken zum Fenster, sodass sie auf den ersten Blick nur seinen Umriss sah, fast ein Schattenbild. Mit seinen knapp Einsfünfundsiebzig war er kleiner als Olaf und kaum größer als sie selbst. Seine drahtige Erscheinung verlieh ihm eine Dynamik, die sich manchmal Bahn brach in Ungeduld und Übereifer. Während er auf den ersten Blick immer etwas voranpreschte, folgte dem eine gewisse Reserviertheit. Er gab nicht viel von sich preis. Im Umgang mit Olaf und ihr war er verbindlich und zuverlässig. Sie bildeten ein gutes Team, weil einer des anderen Stärken und Schwächen kannte und sie einander hervorragend ergänzten, fand Judith.

Es waren noch keine fünf Minuten im Gespräch vergangen, als Simon, der gleichzeitig den vor ihm liegenden Papierstapel durchsah, Olaf und Judith unterbrach, indem er mit einer dünnen Akte vor ihren Augen wedelte. Es handelte sich um den vorläufigen Bericht von Dr. Genshagen, der Rechtsmedizinerin. Für den ausführlichen Obduktionsbericht benötigte sie mehr Zeit. Die Kopfwunde, in der sich Rindenpartikelchen fanden, war sehr wahrscheinlich nicht die Todesursache. Seitlich am Hals gab es eine Einstichstelle, die von einer Injektionsnadel herrührte und an der ebenfalls Rindenpartikel hafteten. Welcher Stoff da intravenös gespritzt worden war, konnte sie nicht sagen, daran arbeitete sie noch.

Judith war noch nicht wach genug für eine solche Neuigkeit.

»Dann wurde Wilhelmi also vergiftet?«

»Das wissen wir ja noch nicht, was man ihm gespritzt hat. Also«, Simon lehnte sich zurück und breitete die Arme aus. »Der Mörder lauert Wilhelmi auf, schlägt ihn mit dem Ast nieder. Setzt dann die Spritze an der Halsvene an. Schlägt danach noch mal zu, um die Einstichstelle mit den Rindenteilchen zu verdecken.«

»Das muss dann aber jemand sein, der medizinisches Wissen und praktische Kenntnisse hat. Der zum Beispiel weiß, wie man eine Spritze so setzt, dass der Wirkstoff schnellstmöglich in die Blutbahn kommt«, gab Judith zu bedenken.

»Und jemand, der alles sorgfältig plant – denn er musste sich die Spritze und die Lösung besorgen. Das ist in jedem Fall Mord«, ergänzte Olaf.

»Okay, wir suchen also einen Arzt, einen Sanitäter, einen Apotheker, eine Krankenschwester, einen Ersthelfer – wer kommt noch infrage?«

»Eine Ärztin, eine Sanitäterin –«, konnte Judith es sich nicht verkneifen, Simons Schwung mit einem kleinen Querschläger zu bremsen.

Olaf lachte. Simon stöhnte auf.

»Und was ist mit den Wissenschaftlern und Labormitarbeitern im Botanischen Garten? Biologen und so? Die können sicher auch eine Spritze setzen«, fragte Olaf.

»Da gibt es sowieso noch Klärungsbedarf«, sagte Judith. »Wilhelmi scheint ja kein allseits beliebter Chef gewesen zu sein. Die Befragungen gestern in der Fischerhüttenstraße am Fundort haben praktisch nichts ergeben. Also haben wir nur die beiden Klassiker: Arbeit und Privatleben.«

»Gut, dann fahren wir jetzt noch mal zur Schönau«, Simon stand auf. »Die KTU ist sicher schon dort.«

Als Simon und Judith in der Stübbenstraße aus dem Auto stiegen und auf die Hausnummer 18 zugingen, summte bereits der Türöffner. Im zweiten Stock stand Herr Bruck in der offenen Wohnungstür und grüßte die Ermittler.

»Ich hab gehört, was passiert ist. Das ist ja furchtbar! Der arme Herr Doktor!«

Simon blieb stehen und wechselte ein paar Worte mit dem Nachbarn, während Judith weiter hochstieg. Katja Schönau, blass, aber gefasst, erwartete sie in der Tür.

In der Wohnung dominierten die Farben weiß und schwarz, dazwischen glänzender Chrom. In Schönaus Arbeitszimmer gab es jede Menge Bücher, Hefte, Zeitungen auf einem langen Tisch vor dem Fenster, auf dem Schreibtisch und in den Regalen. An der Wand hinter ihrem PC hing ein Pinnbrett mit Fotos, Notizen, Zeitungsausschnitten, Briefen. Judith gefiel sofort die Lebendigkeit, die dieser Raum ausstrahlte. Katja Schönau hatte zwar einen Arbeitsplatz in der Redaktion, schien jedoch weitaus häufiger ihr häusliches Arbeitszimmer zum Schreiben zu nutzen.

Das war bei ihrem Mann offenbar anders gewesen. In seinem Zimmer gab es nur einen kleinen Schreibtisch, auf dem ein Laptop stand. Ein breites Bett mit einem bunten Überwurf verriet, dass Dr. Wilhelmi in diesem Raum auch schlief. Ein gut gefülltes Bücherregal mit einer Musikanlage und vielen CDs, ein bequemer Lesesessel sowie ein eingebauter Schrank rundeten die Einrichtung ab. Das kleinste Zimmer war das Schlafzimmer von Katja Schönau. Die offene Küche mit Essplatz wirkte in ihrer Aufgeräumtheit, als werde sie selten benutzt.

Inzwischen war Simon dazugekommen. Um die KTU-Kollegen nicht zu behindern, setzten sie sich an den Küchentisch. Schönau wirkte hier in ihrem häuslichen Umfeld kaum weniger angespannt, als sie es im Vernehmungsraum gewesen war. Judith und Simon erfuhren von ihr die Namen einiger weniger Freunde ihres Mannes und ihm näher stehender Kollegen. Wilhelmis Eltern wohnten in Lüneburg, sein Bruder, ein IT-Fachmann, verheiratet mit einer Richterin und Vater zweier Kinder, lebte in Hamburg. Katja Schönaus Freundeskreis bestand bis auf ihre Freundin Renate, die als Übersetzerin und Lektorin arbeitete, aus Leuten ihrer eigenen Branche, die in ganz Deutschland und zum Teil im Ausland verstreut lebten. Sie nannte keine Namen. Simons Frage, ob sie häufig Besuch bekommen hätten, verneinte sie. Sowohl sie als auch ihr Mann hätten sich lieber mit Freunden zum Essen, im Kino oder Theater getroffen. Die finanziellen Verhältnisse des Paares – beide verdienten gut, hatten einen Ehevertrag mit Gütertrennung und jeweils diverse Geldanlagen – boten keinen Anlass für ein mögliches Mordmotiv.

Während Simon in die Keithstraße fuhr, machte Judith sich erneut auf zum Botanischen Garten. Im Sekretariat erfuhr sie, dass die Mitarbeiterin, die sie am Vortag als einzige nicht angetroffen hatte, heute wieder zur Arbeit gekommen war.

»Seien Sie vorsichtig mit Frau Doktor Schwerdtfeger«, meinte Frau Rahn, die Sekretärin, mit einem leichten Nicken zu Judith.

»Was ist denn mit ihr? Ist sie krank?«

»Das auch, sie bleibt ab und zu mal zu Hause, weil sie sich nicht wohlfühlt.« Frau Rahn machte eine Pause, als suche sie nach den passenden Worten. »Wissen Sie, es gibt eben Menschen, die sind empfindlicher als andere, denen setzen manche Dinge mehr zu.«

»Ja, die gibt’s«, bestätigte Judith. »Aber was genau hat Frau Doktor Schwerdtfeger denn zugesetzt?«

Frau Rahn schwieg. Ihr Telefon begann zu klingeln, sie griff zum Hörer.

Judith verließ den Raum und ging hinüber zum Büro von Dr. Schwerdtfeger, die auf ihr Klopfen hin mit leichter Verzögerung antwortete. Hinter dem Schreibtisch saß eine blasse, zarte Frau mit graublonden, im Nacken zusammengebundenen Haaren, schlicht, aber elegant und ganz in Schwarz gekleidet, was ihre Blässe noch betonte. Dieser Frau schien jegliche Körperspannung völlig abzugehen, ihre Stimme klang müde, fast monoton, ihre grauen Augen hinter der randlosen Brille huschten hierhin und dorthin. Judith änderte spontan ihren Plan für die Gesprächsführung und bat Dr. Schwerdtfeger, ihr in ein paar Sätzen zu erklären, was genau ihr Arbeitsschwerpunkt sei. Wie sie vermutet hatte, verwandelte sich die Frau vor ihren Augen zusehends in eine aufmerksame, selbstbewusste, ihre Worte mit ausholenden Gesten unterstreichende Wissenschaftlerin, die über Fragestellungen der Geobotanik sprach, mit denen sie sich beschäftigte. Judith hörte mit wachsender Faszination zu, was jedoch weniger mit dem, was sie hörte, zu tun hatte, als mit der Verwandlung, die mit Dr. Schwerdtfeger vor sich ging.