Rihanas Rache - Sonja Steinert - E-Book

Rihanas Rache E-Book

Sonja Steinert

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Beschreibung

Im Berliner Urban-Krankenhaus wird ein Patient erstochen. Die syrische Krankenschwester Rihana Salman, die den Toten entdeckt hat, ist seitdem verschwunden. Das Team um die Ermittlerin Judith Rabe gerät an seine Grenzen und erprobt neue Kooperationen mit einer Ärztin aus der Trauma-Ambulanz, mit kurdisch-syrischen Menschenrechtsaktivist*innen und, als ein tschetschenischer Clan in ihr Visier gerät, auch mit einem BKA-Kollegen von der Organisierten Kriminalität. Der Tote, dessen falsche Identitäten die Ermittler*innen nach und nach aufdecken, war unter anderem als Anführer einer brutalen Miliz in Aleppo verantwortlich für den Tod der Familie Salman, weitere Morde hat er als vorgeblicher Flüchtling in Berlin begangen. Das Mordopfer war ein Kriegsverbrecher – und es gibt mehr als ein Motiv für Rache.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dieses Buch erzählt eine fiktive Geschichte. Figuren und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Lebenden oder bereits Verstorbenen sind rein zufällig.

Erste Auflage März 2021

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von © mauritius images.

ISBN 978-3-89656-671-3

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Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Donnerstag, 1. März

1

„Wie wenn Glas zerbricht. So ein sirrender Ton. Scharf, schneidend. Der Schrei ging mir durch und durch. Ich rannte aus dem Zimmer in die Richtung, wo er herkam. Da lief mir schon Rihana entgegen, den Schrecken im Gesicht, Yasemin hatte den Arm um sie gelegt und brachte sie in den Aufenthaltsraum. Ich ging dann nachschauen und fand den Toten.“

Mit einem langen Ausatmen beendete die Pflegedienstleiterin Tine Jähnert ihren letzten Satz und suchte den Blick der Ermittlerin. Judith Rabe, die vor ihr stand und ihr aufmerksam zugehört hatte, nickte.

„Frau Jähnert, seit wann war Mehmet Kurmaz denn als Patient auf Ihrer Station?“

„Das Übliche, er kam gestern auf Station und heute Vormittag ist er operiert worden. Er war nach der OP noch in einem geschwächten Zustand, hat Schmerzmittel bekommen.“

Ein kurzer Aufenthalt, dachte Judith. Vorhin, vor dem Bett des Toten stehend, hatte sie auf einen kräftigen Mann mit markanten schwarzen Brauen und raspelkurzem Haar geblickt, dessen Hemd und Bettdecke blutdurchtränkt waren; voller Blutspritzer war auch der schneeweiße Verband, der seine rechte Hand und einen Teil des Unterarms umschloss.

„Was für eine OP war das?“

„Die rechte Hand. Zeigefinger und Mittelfinger waren zusammengewachsen. Doktor Mossab hat mit seinem Team die Finger getrennt, Haut transplantiert und so weiter, dafür ist er Spezialist.“

Judith hörte, wie sich die Tür hinter ihr öffnete. Ihr Kollege Simon Bacher betrat das Büro der Pflegedienstleiterin und blieb neben Judith stehen.

„Die KT ist jetzt da, das Messer haben sie draußen gesichert, ist wohl die Tatwaffe. Brauchst du mich hier noch? Sonst bring ich das“ – er hielt eine Tüte hoch, in der Judith ein Smartphone, einen Schlüsselbund mit ein paar Schlüsseln und eine Brieftasche erkennen konnte – „schon mal in die Keithstraße.“

Sie nickte ihm zu. „Ja, mach das, ich komm hier klar.“

Während er den Raum schnellen Schritts verließ, ging Judith durch den Kopf, ob er tatsächlich auf direktem Wege ins LK 1 fahren oder ob er die Gelegenheit nutzen und sich wenigstens auf einen Kuss mit seiner Freundin Kira treffen würde, die hier im Klinikum am Urban arbeitete.

„Gut, Frau Jähnert“, nahm Judith den Faden wieder auf. „Ich würde jetzt gern mit den beiden Krankenschwestern sprechen, die den Toten gefunden haben.“

Die Pflegedienstleiterin erhob sich. „Ich schicke Ihnen gleich Rihana Salman, sie hat den Toten gefunden, und Yasemin Kanveren, die war dann als Erste bei Rihana.“

Judith notierte sich, dass sie nach Kameraüberwachung auf der Station fragen wollte.

Eine junge Frau mit schwarzem, lockigem Haar, das sie zu einem dichten Pferdeschwanz zusammengefasst trug, betrat den Raum.

„Ich bin Yasemin Kanveren.“

Judith stellte sich vor und bat die Krankenschwester, Platz zu nehmen.

„Sie sind also in das Zimmer von Herrn Kurmaz gerannt, weil Sie einen Schrei gehört haben? Wie weit waren Sie entfernt?“

„Ich war unterwegs zu der Patientin in der vierundzwanzig, also zwei Räume entfernt, als der Schrei mich regelrecht alarmiert hat. Der war so laut und so schrill. Als schreit jemand um sein Leben.“ Yasemin Kanveren schaute die Ermittlerin an und zog die Schultern hoch. „Ja, hört sich blöd an, aber das dachte ich. Ich reiße die Tür auf und sehe Rihana an die Wand unterm Fenster gekauert, das Fenster steht weit offen, Rihana schreit und zittert am ganzen Körper. Dann hab ich das ganze Blut gesehen, bin zu dem Mann, hab den Puls gefühlt, nichts. Bin zu Rihana, hab sie in die Arme genommen und festgehalten. Sie ließ sich von mir aus dem Zimmer bringen, auf dem Flur kamen uns Marta und Sandra entgegen, Tine kam dazu. Sie ist dann in den Raum gegangen, in dem der Tote lag. Ich hab versucht, beruhigend auf Rihana einzureden, hab sie in den Aufenthaltsraum begleitet, ihr einen Tee eingeschenkt. Sie hat keinen Ton gesagt, hat auf keine Frage geantwortet, sie war … irgendwie wie erstarrt. Voll im Schock.“

„Hat jemand von Ihnen im Zimmer von Herrn Kurmaz irgendwas angefasst? Sie? Rihana Salman?“

„Ob Rihana was angefasst hat, kann ich nicht sagen. Eigentlich – naja, ich nehme an, dass sie das Fenster aufgemacht hat. Aber sonst – ich weiß es nicht. Ich hab nur den Puls gefühlt und war dann gleich bei Rihana. Als wir raus waren, hat Tine Jähnert, weil man die Räume ja nicht abschließen kann, Marta Sukowa vor der Tür postiert, damit niemand den Raum betritt.“

„Warum nehmen Sie an, dass Rihana das Fenster geöffnet hat?“, fragte Judith.

„Irgendjemand muss ja das Fenster aufgemacht haben, oder? Der Patient war es sicher nicht, der war noch benommen von der OP.“

Plötzlich wurde die Bürotür aufgerissen und mit der unruhigen Geräuschkulisse des Flurs drang Tine Jähnerts Ausruf an Judiths Ohr: „Sie ist weg!“

2

Auch wenn er mit seinem Mercedes Vito Richtung Osten jetzt nur sehr langsam vorankam, war er keineswegs unzufrieden. Das war ihm von vornherein klar gewesen, dass er für das erste Stück – raus aus Berlin auf die Autobahn Richtung Polen – ziemlich viel Geduld brauchen würde. Aber das war ihm egal. Er schaute auf die Autos hinunter, die vor und neben ihm sich Meter um Meter vorwärtsschoben. Er hatte alle Zeit der Welt. In der Nacht würde er auf jeden Fall sehr zügig vorankommen – der Transporter hatte hundertneunzig Sachen drauf –, könnte irgendwo auf der Strecke ein wenig schlafen und wäre am Morgen vor Ort, um seine Fracht einzuladen und nach Berlin zurückzufahren. Perfekt.

Aslan Umarow schob eine CD ein. Als die Musik erklang, sang er lauthals mit. Er fühlte sich von einem Aufbruchsschwung getragen. Sein Vater würde stolz auf ihn sein, den mittleren Sohn, und das würde seine Stellung in der Familie noch stärker festigen.

Mowsar Umarow, dessen Haar und Bart schon grau waren, hatte als Soldat in den beiden Tschetschenienkriegen gekämpft. In ihrer Kindheit hatten Aslan und seine Brüder den Vater nur selten gesehen. Nachdem die russische Armee den zweiten Tschetschenienkrieg blutig beendet hatte, brannte der Boden unter Umarows Füßen. Von heute auf morgen organisierte er die Flucht seiner Familie aus dem Nordkaukasus über verschiedene Stationen nach Deutschland. Als sie hier ankamen, war Aslan sechzehn Jahre alt, jetzt war er vierundzwanzig. Obwohl die Gesundheit seines Vaters durch diverse schwere Verwundungen während der Kriege gelitten hatte, hatte er es in kurzer Zeit vermocht, in der tschetschenischen Szene in Berlin mit seinem Clan eine feste Größe zu werden, der man Respekt zollte. Dafür bewunderte Aslan den Vater, der ihn seinerseits wohlwollend betrachtete. Aslan brannte darauf, die Anerkennung des Vaters für das zu erhalten, was er für ihn und seine Geschäfte tat, in die er wie selbstverständlich hineingewachsen war. Mit seinem Onkel Rashid, Mowsars Bruder, hingegen kam er nicht gut aus. Da gab es ständig Reibereien, weil Aslan dessen Autorität nicht gelten ließ. Der hatte ihm nichts zu sagen, fand er. Er glaubte sogar, bemerkt zu haben, dass dem Vater Aslans selbstbewusste Haltung gegenüber Rashid durchaus gefiel. Und jetzt würde er in dessen Achtung deutlich steigen, indem er diese nicht ungefährliche Tour übernahm.

Inzwischen hatte Aslan freie Fahrt und würde in Kürze die Oder überqueren. Er bekam gerade richtig Lust auf diese Tour. Im Fahrtwind bewegten sich sacht die Perlen seiner am Rückspiegel befestigten Mishaba.

3

Kira hatte schnell geantwortet, Simon freute sich. Während er zum Ausgang ging, überlegte er, dass es am effektivsten wäre, wenn er ohne Zwischenstopp in der Dienststelle gleich zur Adresse des Getöteten im Soldiner Kiez führe. Seinem Kollegen Olaf Lehnert hatte er bereits Namen, Geburtsdatum und -ort des Mordopfers übermittelt, die Meldeadresse hatte er der Patientenakte entnommen.

Als Simon aus dem Klinikum am Urban ins Freie trat und der graue Koloss buchstäblich hinter ihm lag, atmete er durch. Die frische Luft tat ihm gut und dass es ein trüber, sonnenloser Nachmittag war, konnte seiner Freude über die bevorstehende Begegnung mit Kira keinen Abbruch tun. Simon schlenderte über die kurz geschorene Rasenfläche zum Landwehrkanal.

Etwas in ihm rief Jetzt! und als er sich umdrehte, flog Kira in seine Arme. Nach einem atemlosen Kuss meinte sie lachend: „Daran könnte ich mich gewöhnen, dass du so völlig unversehens einfach mitten am Tag auftauchst!“

Simon lachte mit, wurde dann aber schnell ernst. „Schön wär’s! Aber dass dafür immer jemand sterben müsste, das ist nicht so schön. Dass ich wegen einem Mord hier bin, weißt du ja schon, aber wie immer darf ich dir natürlich nichts darüber erzählen.“

Eng umschlungen gingen sie ein Stück am Kanal entlang.

„Heute Abend kann es also spät werden?“, fragte Kira.

Simon zögerte. Er hatte in der Mittagspause eingekauft und sich auf das gemeinsame Abendessen mit Kira gefreut, die diese Woche Frühschicht hatte.

„Nein“, sagte er entschieden mit einem Seitenblick zu ihr, „komm um acht. Okay?“

Kira stellte sich vor ihn, lehnte ihre Stirn an seine. „Okay“, sagte sie leise. Und weg war sie.

4

Was auf den ersten Blick wie eine Routine-Ermittlung ausgesehen hatte, schien sich gleich von Anfang an zu verkomplizieren. Oder griff da gerade die Theorie vom halbleeren Glas nach ihrer sonst eher pragmatisch-strukturierten Arbeitshaltung? Die Zeugin Rihana Salman jedenfalls war verschwunden, Judith konnte sie nicht befragen. Sie hatte allerdings von der Pflegedienstleiterin einige wichtige Informationen über die aus Syrien geflohene Krankenschwester und Einblick in deren Personalakte erhalten. Außerdem hatte sie deren Kolleginnen sowie einige Patientinnen und Patienten befragt; die Seiten ihres Notizbuchs hatten sich rasch gefüllt. Eine einzige Kamera gab es auf Station, deren Bilder würden sie schnellstmöglich zur Auswertung bekommen, außerdem die Bilder der Kameras vor dem Klinikum und in der Eingangshalle. Immerhin, dachte Judith, das sieht doch gut aus.

Simon war mit dem Mégane unterwegs, weshalb Judith sich auf den Weg in die Prinzenstraße machte, um von dort mit der U-Bahn zum Wittenbergplatz zu fahren, wo ihr ein erneuter Fußweg in die Keithstraße bevorstand.

Für die gelb und lila blühenden Krokusse auf den kleinen grünen Inseln in der Asphaltwüste hatte sie keinen Sinn, auch nicht für das Gezwitscher der Amseln und Spatzen, das sie, wenn sie mit dem Rad unterwegs war, oft vom Gelärme der Großstadt trennen konnte – dann hörte sie das Zwitschern lauter.

Die Pflegedienstleiterin Tine Jähnert hatte sofort verstanden, dass das Verschwinden Rihanas die syrische Krankenschwester von der Zeugin zur Verdächtigen befördert hatte, und der Hauptkommissarin in klaren Worten deutlich gemacht, dass sie für ihre Kollegin die Hand ins Feuer lege – nach allem, was diese mitgemacht habe, wäre sie niemals in der Lage, einem anderen Menschen Gewalt anzutun oder gar das Leben zu nehmen.

Judith hatte zugehört, genickt und nach mehr Informationen über Rihana Salman gefragt. Jähnert hatte ruhig und ausführlich geantwortet, sodass Judith sich ein erstes Bild machen konnte.

Schon während des Krieges in Syrien hatte die junge Frau in einem Krankenhaus gearbeitet, unter unvorstellbaren Bedingungen. Bei einem Überfall durch regierungstreue Milizen wurden ihre Eltern und Geschwister getötet. Sie selbst gelangte im Verlauf einer monatelangen Flucht nach Deutschland, erhielt Asyl als Kriegsflüchtling. In der Trauma-Ambulanz in Mitte wurde sie therapeutisch betreut, fand Aufnahme in einem der Berliner Frauenhäuser, lernte Deutsch, absolvierte erfolgreich einen Integrationskurs. In Rihana Salmans Personalakte gab es ein Schreiben der Leiterin des Frauenhauses, in dem sie eine Bewerbung der jungen Frau für eine Ausbildung als Krankenschwester befürwortete, nachdem diese sich so weit stabilisiert hatte, dass sie in einer eigenen kleinen Wohnung leben konnte. Jähnert ergänzte diese Information mit dem Hinweis, dass Rihana von Anfang an so engagiert und zuverlässig gearbeitet habe, dass ihre Ausbildungszeit verkürzt wurde, und aufgrund der guten Erfahrungen nahm die Pflegedienstleiterin ein Jahr später Zora Achiti, ebenfalls aus Syrien geflohen, die eine Zeitlang im Frauenhaus gelebt hatte, als Auszubildende auf. Zora und Rihana hatten sich angefreundet.

Judith hatte sich, da sie keine Kopie der Personalakte bekommen konnte, die wichtigsten Informationen und Kontaktdaten notiert und Rihanas Foto auf der Pinnwand im Aufenthaltsraum der Station abfotografiert. Daraus würden sich weitere Anhaltsanpunkte ergeben und nach allem, was sie nun erfahren hatte, schien es ihr sehr wahrscheinlich, dass die junge Krankenschwester einen Schock erlitten hatte, nachdem sie den Toten gefunden hatte. Das war nachvollziehbar und machte sie nicht zwingend zu einer Verdächtigen. Aber Judith war Profi genug, dass sie ihren Kollegen von der Spurensicherung Rihanas Becher eigenhändig überreichte, damit die für alle Fälle deren Fingerabdrücke nehmen konnten.

Vor den Fenstern der oberirdisch verlaufenden U-Bahn zogen graue Häuserwände vor einem ebenso grauen Himmel vorbei. In den spiegelnden Scheiben sah Judith schemenhaft ihr eigenes Gesicht, die dunklen Augen und die kurzen dunklen Haare, die sich leicht kräuselten. Sie sah an sich hinunter und fand, dass ihre dunkelblaue Jeans, der petrolfarbene Parka und der buntgemusterte Wollschal in kräftigen Farben wenigstens etwas dazu beitrugen, dem Tag Farbe zu geben.

Derart aufgemuntert kehrte Judith in Gedanken wieder zum Fall zurück. Sie war überrascht gewesen, wie international die Belegschaft auf der Station im handchirurgischen Zentrum war – Ärztinnen, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger kamen aus einem Dutzend Ländern. Und das traf auch für die Patientinnen und Patienten zu. Für die Kommunikation über ein so sensibles Thema wie Gesundheit und Krankheit ein unschätzbarer Vorteil, dachte Judith. Doch dann erinnerte sie sich, wie Simons Freundin Kira ihr einmal beiläufig erklärt hatte, dass es oft schwierig sei, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu kommunizieren. Wenn sie keine Dolmetscherausbildung hätten, brächten sie nicht selten und ohne es zu wissen auch ihre Vorurteile und Tabus mit ein.

5

Auf dem Weg vom dritten Stock des St.-Hedwig-Krankenhauses, wo sie als Ärztin in der Trauma-Ambulanz arbeitete, hinunter in die Große Hamburger spürte Dr. Leyla Baykal, wie sich nach dem kräftezehrenden Tag ihre Energie langsam wieder aufbaute. Darauf konnte sie glücklicherweise vertrauen; diese Fähigkeit hatte sie schon als Mädchen trainieren können.

Als Vierjährige war sie als Tochter kurdisch-türkischer Flüchtlinge nach Berlin gekommen, im Neuköllner Schillerkiez aufgewachsen und hatte im Mädchenklub Schilleria gelernt, den Mund aufzumachen, sich zu wehren und um das zu kämpfen, was ihr wichtig war. Die Betreuerinnen und ihre Freundinnen dort wurden ihre Zweitfamilie, dort fühlte sie sich aufgehoben, erhielt Unterstützung und entwickelte Freude am Lernen und daran, sich Ziele zu setzen. Ihre beiden jüngeren Schwestern und ihre Cousinen folgten ihr schon bald nach und ihre Eltern waren froh, dass die Mädchen sich nicht auf der Straße herumtrieben, sondern gefördert und betreut wurden. So kam es, dass Leyla die erste Akademikerin in ihrer Familie wurde.

Mit ihrer dunkelgrünen Leinenhose, dem smaragdgrünen Baumwollpullover und der offenen rotbraunen Wolljacke – deren Farbe glich der ihrer Haare, die auf der einen Seite kinnlang geschnitten waren und auf der anderen bis auf die Schulter fielen – war sie eine auffallende Erscheinung, was sie wusste und genoss. Für den Weg aus dem dritten Stock hinunter nutzte sie stets die Treppen und während sie ihren gleichmäßigen Schritten nachhörte, empfand sie so etwas wie eine Energetisierung. Daraus hatte sie ein Ritual gemacht. Sie wusste, wie dringend sie ein Gegengewicht zu dem Leid und der Gewalt brauchte, womit sie Tag für Tag konfrontiert war. Das Kunststück, das sie immer wieder aufs Neue vollbringen musste, bestand darin, dass sie ihre Empathie mit den Frauen und Mädchen – sie arbeitete ausschließlich mit traumatisierten Frauen und Mädchen – niemals verlor und sich dennoch selbst schützen und ihre Grenzen bewahren konnte, sodass sie nicht von der Verzweiflung davongerissen wurde, die sie oftmals zu überwältigen drohte.

Leyla streckte sich und trat aus der Pforte auf die Straße. Sie spürte die angenehm frische Witterung dieses Märztages. Noch war es hell, sie hatte Lust, ein wenig her­umzuschlendern, vielleicht im Buchladen an der Ecke in den Neuerscheinungen zu blättern. Am Vorabend hatte sie Nadia Murads Buch Ich bin eure Stimme zu Ende gelesen. Sie hatte sich dieser jungen Frau, einer Überlebenden des Völkermords an den Jesiden, zutiefst verbunden gefühlt. In ihr sah sie eine mutige Kämpferin, die Unrecht und Gewalt von IS-Männern gegenüber den Frauen und Mädchen, die sie versklavt hatten, öffentlich machte. Ja, vielleicht hatte Nadia Murad, indem sie das alles aufschrieb, sich sogar ihr Leben, auf jeden Fall ihre Würde zurückerobert.

Auch Leyla fühlte sich als Kämpferin. Alle dreißig Stunden stirbt irgendwo auf der Welt eine Frau durch Männergewalt. Und die Gesellschaften ächteten diese Art von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu wenig. Deshalb hatte Leyla es zu ihrer Aufgabe gemacht, den Überlebenden solcher Gewalttaten, traumatisierten Frauen und Mädchen, dabei zu helfen, ins Leben zurückzufinden.

Von der gegenüberliegenden Hauswand löste sich eine Person und kam mit zaghaften Schritten auf Leyla zu. Sie erkannte die zierliche junge Frau in Jeans und Parka, die den Kopf leicht gesenkt und die Schultern wie zum Schutz hochgezogen hatte, nicht sofort. Als ihre Blicke sich trafen, breitete Leyla lachend die Arme aus: „Komm her, meine Kleine!“ Die junge Frau rannte über die Straße und warf sich schluchzend in die Arme der Ärztin. Die hielt sie fest an sich gedrückt und spürte ein warmes Gefühl von Zuneigung und Fürsorge in sich aufsteigen.

6

Gut gelaunt arbeitete Simon Bacher sich durch den zähen Verkehr von Kreuzberg nach Wedding. Er beschloss, direkt zur Wohnadresse des Getöteten zu fahren, anstatt den Umweg über die Keithstraße zu nehmen, um die wenigen persönlichen Habseligkeiten des Mannes seinem Kollegen zu übergeben. Das Mordopfer hatte in der Koloniestraße im Soldiner Kiez gewohnt, einem der ärmsten Viertel der Stadt. Die inzwischen auch dort einsetzende Gentrifizierung sorgte immerhin dafür, dass die Zahl der Gewalttaten stagnierte. Aber wie Simon aus den Polizeimeldungen wusste, gab es im Gebiet zwischen den Bahnhöfen Osloer Straße, Humboldthain und Gesundbrunnen noch immer Auseinandersetzungen, bei denen Leute mit Äxten und Schlagstöcken aufeinander losgingen oder sich an einer Prügelei um die fünfzig Männer beteiligten. Dieser Kiez war noch immer ein „Ankunftsort“ für die Millionenstadt Berlin – wer neu in die Metropole kam, noch kein Deutsch sprach und Kontakte brauchte, traf hier Verwandte und Bekannte, konnte Drogen, gefälschte Papiere und Waffen kaufen. Die Arbeitslosenquote war hoch hier, wahrscheinlich jeder Zweite war Hartzer, und drei Viertel der Kinder hatten einen Migrationshintergrund.

Hierhin hatte es also auch Mehmet Kurmaz verschlagen. Während Simon auf der Suche nach einem Parkplatz durch die Koloniestraße fuhr, überlegte er, ob das Auto – Judiths weißer Renault Mégane – hier sicher stand. Aber was bliebe ihm übrig? Schließlich stellte er das Auto auf einem Lidl-Parkplatz ab und suchte die Hausnummer. Die Namensschilder an den Klingeln waren mehrfach überklebt und schlecht zu lesen. Schließlich fand er „Felski“ und klingelte. Im dunklen Treppenhaus brauchte er einen Moment, um sich zu orientieren, denn das Licht funktionierte nicht. Im dritten Stock schließlich fand er die gesuchte Tür. Ein etwa fünfzigjähriger hagerer Mann stand im Türrahmen, eine Zigarette in der Hand.

Simon nannte seinen Namen und zeigte seinen roten Dienstausweis.

„Wat wollnse?“, kam es knorrig zurück.

„Sie sind Lothar Felski?“, fragte Simon seinerseits und betrat, ohne das Nicken abzuwarten, die Wohnung. Er informierte den Mann über den Tod seines Untermieters und warf einen Blick in dessen Zimmer.

Herr Felski, erfuhr Simon, bezog Stütze und vermietete das zweite Zimmer seiner Wohnung jeweils wochen- oder monatsweise an Mieter, die lieber auf eine Anmeldung beim Einwohnermeldeamt verzichteten. Mehmet Kurmaz habe den nur mit dem Nötigsten möblierten Raum vor einem guten Vierteljahr bezogen und sei viel unterwegs. Er hatte seinem Vermieter und Mitbewohner nur wenig von sich erzählt, dieser wusste eigentlich nur, dass Kurmaz Kohle hatte, denn er zahlte regelmäßig seine Miete. Zweimal kriegte er Besuch, das sei jeweils derselbe Typ gewesen, ein Serbe oder Kroate, es gab jedes Mal Streit und Handgreiflichkeiten, beim zweiten Mal habe Kurmaz gemeinsam mit dem anderen Mann die Wohnung verlassen. Felski meinte, Kurmaz habe dem anderen Geld geschuldet für irgendwas.

Allein in Kurmaz’ Zimmer, begann Simon mit der Durchsuchung. Kurmaz besaß ein übersichtliches Sortiment an Kleidung und Wäsche; persönliche Gegenstände schien es keine zu geben. Simon drehte und wendete, was er in die Hand bekam, rückte Bett und Schrank von der Wand, untersuchte die beiden Stühle und klopfte die Wände ab.

Er dachte an sein Abendessen mit Kira. Nichts zu holen hier, fand er und informierte seinen Teamkollegen Olaf Lehnert, dass es keine wesentlichen Neuigkeiten gäbe und sie sich morgen früh zur Teambesprechung sähen.

7

Auf dem Weg nach Hause fühlte Judith jene seit Jahren vertraute Anspannung in sich, die jeder neue Fall mit sich brachte. Konzentration, Aufmerksamkeit, Wachheit, aber auch Stress, Angst, etwas Wesentliches zu übersehen, nicht schnell genug zu denken oder zu handeln und manchmal das unabweisbare Gefühl, den Getöteten nicht gerecht werden zu können. Der Tote heute im Krankenhaus war an dem Ort getötet worden, an dem er sich sicher und behütet glaubte, und hatte seinem Mörder nichts entgegenzusetzen. Nun war es an Judith und ihren Kollegen, diese Tat aufzuklären. Sie kamen immer dann zum Einsatz, wenn der Mord schon geschehen, ein Leben ausgelöscht war. Immerzu liefen sie der Zeit hinterher, versuchten zu verstehen, was geschehen war – bevor ein Mensch durch einen anderen sein Leben verlor.

Während sie den Mégane einparkte, spürte Judith kurz ein Gefühl von Vergeblichkeit in sich aufsteigen, das sie sofort routiniert aus ihrem Bewusstsein verdrängte. Sie stieg aus und bekam Lust, einen kleinen Umweg zu nehmen, um noch ein wenig in den belebten Straßen unterwegs zu sein, ehe sie ihre Wohnung erreichte.

Aber heute gelang es ihr nicht, in die Betriebsamkeit ihres Schöneberger Kiezes einzutauchen, zu nah waren noch die ersten Stunden der Ermittlung, dieser Anfang, der ihrer aller Aufmerksamkeit benötigte. Während sie langsam an den Läden und Cafés vorbeischlenderte, nahm sie ein anderes Gefühl wahr – es zog sie gar nicht nach Hause. Judith seufzte. Sie dachte an den Ausflug, den sie am vorigen Freitagnachmittag zusammen mit Sina und deren Hund Rio unternommen hatte. Sie waren, wie meistens, im Güterfelder Forst unterwegs gewesen und Sinas Frage: „Wie steht’s eigentlich mit dir und Hanna?“ hatte in Judith einen Sturm einander widersprechender Empfindungen ausgelöst. Im Laufe des Gesprächs hatte Sina die Vermutung geäußert, dass Judith vielleicht zu schnell aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, ohne zu klären, wie es mit der Beziehung zu Hanna weitergehen sollte. Da war was dran, musste Judith zugeben. Judith hatte schon länger diffus gespürt, dass sie und Hanna sich auseinandergelebt hatten. Und Judith hatte sich von Anfang an nicht richtig wohlgefühlt in der engen Schachtel, wie sie das Einfamilienhaus in Lankwitz oft nannte, das Hanna ihrem Ehemann bei der Scheidung abgetrotzt hatte und wo ihre Tochter Fanny aufgewachsen war. Dieses unklare Gefühl, dass da was nicht stimmte, hatte Judith immer wieder wahrgenommen, aber sie war ihm nicht auf den Grund gegangen.

Klar, sie hatte Angst vor den Konsequenzen. Und dann war auf einmal alles sehr schnell gegangen. Ostern voriges Jahr war Fanny ausgezogen und schon im August hatte Judith ihre neue Wohnung bezogen, nachdem Hanna mehrmals klargestellt hatte, dass sie nicht daran denke, das hart erkämpfte Lankwitzer Haus zu verlassen und sich eine neue gemeinsame Wohnung mit Judith zu suchen. Eine Kollegin Judiths hatte eine Nachmieterin gesucht, Judith hatte sich die Wohnung angeschaut – sie lag in der Schöneberger Vorbergstraße, in einem lebendigen Kiez, war gut geschnitten und bezahlbar – und sich sehr schnell entschlossen.

Vielleicht habe sie diese Dynamik gebraucht, meinte Judith zu Sina, um überhaupt den Absprung zu schaffen. Sina überlegte eine Weile, ehe sie antwortete. Manchmal müsse man tatsächlich erst neue Fakten schaffen, um Klarheit in die Gefühlslage zu bringen. Manchmal brauche es auch einen solchen Anstoß von außen, wie Fannys Auszug einer war, um die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

Judith nickte. Genau so hatte es sich für sie angefühlt. Und sie hatte als weiteres Argument für die Richtigkeit ihrer Entscheidung angeführt, dass sie sich in der neuen Wohnung und der neuen Umgebung gut eingelebt hatte und sich wohlfühlte.

Aber noch immer war ungeklärt, wie es mit ihr und Hanna weiterging. Ob es weiterging. Während sie und Sina auf dem Sandweg ausschritten, der zwischen struppigen Heidekrautstauden, windschiefen Kiefern, Birken, Buchen und Ginsterbüschen hindurchführte, und sich unterhielten, beobachtete Judith, wie Rio hier und dort eine Spur verfolgte, zu Sina zurückkam, mit einem Krauler, einem Blick oder Wort bedacht wurde und erneut lostrabte, um kurz darauf wieder umzukehren. Die beiden sind in Verbindung, dachte Judith und spürte mit einem leisen Schmerz, der ihr auch jetzt, in der Erinnerung, noch ganz präsent war, dass genau das auf sie und Hanna nicht zutraf. Und diese Verbindung hatte sich schon gelockert oder war schon zerrissen, als sie noch zusammengelebt hatten. Judith hatte es damals noch nicht sehen wollen oder noch nicht sehen können. Der Abstand, den sie durch ihren Auszug geschaffen hatte, hatte ihr einen anderen, realistischeren Blick auf die Verbindung mit Hanna ermöglicht. Aber ihr Auszug war auch ein Neubeginn, dachte Judith jetzt. Das hatte sie seitdem immer mal wieder gespürt. Das war, als hätte sie eine Tür geöffnet, und was dahinter lag, wartete darauf, dass sie es erkundete.

In der einsetzenden Dämmerung leuchteten die Fenster der Weinhandlung, an der Judith eben vorbeiging. Drinnen sah sie einen schwarzlockigen Hund ausgestreckt liegen, der sie an Rio erinnerte. Spontan betrat sie den Laden und kam wenig später mit einer Flasche austra­lischem Chardonnay heraus. Sie begann sich auf den Abend zu freuen.

8

Mehr als einmal hatte Khalid es als Glück empfunden, dass er diesen Chor gefunden hatte, in dem er nun seit über einem halben Jahr mitsang. Von Kindheit an hatte er gern gesungen; wenn er seine Großeltern im kurdischen Heimatdorf der Eltern in den Ferien besuchte, lernte er dort kurdische Lieder, und so fand er überhaupt einen Einstieg in die kurdische Sprache. Denn in der Schule in Damaskus durfte kein Kurdisch gesprochen werden – obwohl viele Lehrkräfte kurdisch waren –, nur Arabisch, und so lernte Khalid auch arabische Lieder.

Einheimische und Geflüchtete sangen im Begegnungschor zusammen eine breite Palette von deutschen, englischen, spanischen, arabischen und anderssprachigen Liedern und sogar „Nassam alayna al-hawa“ („Der Windhauch geht über uns hinweg“), ein Lied über Heimweh der berühmten libanesischen Sängerin Fairouz, hatten sie im Repertoire. Für „Die Gedanken sind frei“ hatte Khalid eine kurdische und eine arabische Strophe geschrieben und die Chorleiterin hatte sie einstudiert. Das hatte ihn froh und stolz gemacht. Und ihn ein Stück weit der Hoffnung nähergebracht, dass er eines Tages hier dazugehören würde. Zu diesen Menschen, zu diesem Land. Und dass dies vielleicht der Ort sein würde, an dem er sein könnte, wie er war.

Im Integrationskurs hatte er das Grundgesetz kennengelernt und war besonders beeindruckt von Artikel fünf: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.“ Das konnte Khalid anfangs kaum glauben, kam er doch aus einem Land, das zwar offiziell als Republik galt, aber de facto eine Diktatur war, in der es nur eine Meinung gab: die des Herrschers Assad und die der Baath-Partei, die seit einem halben Jahrhundert mittels Notstandsgesetzen herrschte. Unter Assad gab es keine Freiheiten, weder Rede- noch Versammlungsfreiheit, weder Presse- noch Meinungsfreiheit − nur die Gedanken waren frei. Es gab weder private noch gar öffentliche Räume, in denen man offen sprechen konnte. Die Wände hatten Ohren, und ein falsches Wort konnte Gefängnis bedeuten. Es war ein Gefühl, als würde man ersticken an den ungesagten Wörtern. Voller Angst war Khalid mit Ahmad, der immer schon mutiger war als er, und vielen anderen durch die Straßen von Damaskus gezogen. Khalid traute sich nicht, laut „Hurriya“ (Freiheit) zu rufen wie die anderen. Die Straßen hallten von den Sprechchören wider.

An Syrien zu denken, an die Menschen, die dort weiter Tag und Nacht Krieg und Gewalt ausgesetzt waren, und sich über die Freiheiten in Deutschland zu freuen, war sehr schwer für Khalid. Furchtbar aber war, dass er, schon hier in Berlin, seinen Bruder Ahmad verloren hatte. Das war hart. Konnte Freiheit solche Verluste aufwiegen – jetzt, in Zukunft? Darauf hatte Khalid noch keine Antwort. Das würde die Zeit zeigen. Hier jedenfalls – das war wie ein Versprechen – konnte jeder seine Meinung sagen, solange er nicht die Rechte anderer Menschen verletzte und nicht zu Gewalt aufrief gegen Menschen, die anders dachten, anders lebten, anders liebten. Wie er.