Sieben Tage im Mai - Sonja Steinert - E-Book

Sieben Tage im Mai E-Book

Sonja Steinert

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Beschreibung

Tadeusz Manulski, gerade aus der Haft entlassener Dealer und Polizistenmörder, wird auf dem Berliner Winterfeldtplatz überfahren und tödlich verletzt. Das Auto gehört der Friedhofsgärtnerin Astrid Schmitt. Hat sie ein Motiv für den brutalen Mord oder war ihr Auto lediglich die Mordwaffe? Die Ermittlungen fokussieren sich auf das Geschehen vor sechzehn Jahren, als durch eine verdeckte Ermittlung Manulskis Truppe aufflog. Hauptkommissarin Judith Rabe und ihr Team suchen nach Verbindungen zwischen damals und heute. Dabei stoßen sie auf Schweigen, Blockaden und Ungereimtheiten – und kommen nicht weiter. Als Astrid Schmitt einen Mordanschlag knapp überlebt, erfährt der Fall eine dramatische Wendung: Judiths Freundin Elli Wendt gerät in den Kreis der Verdächtigen.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dieses Buch erzählt eine fiktive Geschichte. Figuren und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Lebenden oder bereits Verstorbenen sind rein zufällig.

Erste Auflage September 2023

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von © natros | stock.adobe.com.

ISBN 978-3-89656-693-5

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Querverlag GmbH

Akazienstraße 25, 10823 Berlin

www.querverlag.de

Sonntag, 7. Mai

1

Wolfram Ziegler schlenderte die Gleditschstraße entlang Richtung Winterfeldtplatz. An diesem Sonntagvormittag waren erstaunlich viele Menschen unterwegs. Die Sonne schien, es ging kein Windchen, nach dem langen Winter und dem kalten April – noch in den letzten Apriltagen hatte es unversehens geschneit – freuten sich die Leute, dass sie wieder raus konnten. Ihm ging es genauso. Wenn es draußen kalt und ungemütlich war, trafen sie sich sonntagvormittags reihum zum Skat, aber bei schönem Wetter eben hier, auf dem Sandplatz vor dem Kindertheater am Winterfeldtplatz, zum Boulespiel. Und ganz früher, als sie alle vier noch berufstätig waren, da trafen sie sich zum Handballspielen. Wie lange war das nun schon her? Sehr lange, kam es ihm vor, war er nun schon Oberstudiendirektor im Ruhestand. Immerhin hatte er den letzten Karriereschritt noch rechtzeitig geschafft. Und alles war gut, Hilde und er begannen einen neuen Lebensabschnitt, sie unternahmen wunderbare Reisen, entdeckten neue Orte, an denen sie es sich gutgehen ließen, und fühlten sich noch einmal jung.

Gerade passierte er den kleinen Park, der sich gegenüber dem Haupteingang der Sankt-Matthias-Kirche erstreckte. Das Geschrei der Kinder blendete er aus – das hatte er als Lehrer jahrzehntelang trainiert –, den Duft des Flieders zog er genüsslich durch die Nase ein wie eine Leckerei. Ihm kam der Gedanke, dass rosa, weißer und lila Flieder womöglich unterschiedlich duftete. Hätte er nicht Geografie und Sport unterrichtet, sondern Biologie, dann wüsste er das, ging ihm durch den Kopf.

Zwei Jogger, die sich laut unterhielten, überholten Ziegler, der Arm des einen streifte leicht seine Hüfte. Er zuckte zusammen. Da lag schon der halbrunde Sandplatz vor ihm, eingefasst von einem niedrigen Steinmäuerchen, umstanden von Sitzbänken, von denen einige bereits besetzt waren. Ohne Eile suchte er sich eine freie Bank, nahm ein Taschentuch aus der Jackentasche, mit dem er über die Sitzfläche wischte, und ließ sich nieder. Wunderbar. Wie gut das tat, nach dem kleinen Spaziergang von der Barbarossastraße hierher auszuruhen. Und in der Sonne zu sitzen! Wie meistens seit Hildes Tod war er auch heute der erste, und bis Helmut, Hans-Günther und Otto eintrafen, würde er noch eine Weile die lebendige Atmosphäre dieses Ortes genießen. Sein Blick folgte entspannt Passanten mit ihren Hunden, Leuten, die Kinderwagen schoben, Radfahrern und Skatern, Spaziergängerinnen. Drüben im Café am nördlichen Ende des Winterfeldtplatzes waren fast alle Tische schon besetzt, manche Gäste unterhielten sich, andere lasen Zeitung, wieder andere schauten einfach nur über den Platz und tranken ihren Kaffee.

Die Glocken der katholischen Kirche begannen zu läuten, in wenigen Minuten würde die Messe beginnen. Alles wie immer. Er beobachtete, wie sich nach und nach einzelne Gottesdienstbesucher:innen einfanden und die breite Treppe zum Eingang hochstiegen. Ein roter Kleinwagen – ein Fiat –, der langsam in die Gleditschstraße eingebogen war, hielt am Straßenrand. Ein großer, schwarz gekleideter schlanker Mann stieg aus, sprach durch die noch offene Beifahrertür ein paar Worte zum Fahrer, schloss dann mit Schwung die Tür. Der rote Fiat fuhr weiter. Der Mann blieb stehen, holte eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug aus den Taschen seines Jacketts und zündete sich eine Zigarette an. Langsam schlenderte er über das Kopfsteinpflaster hinüber zur Kirchentreppe. Da schoss ein weißer VW Caddy in hohem Tempo heran und fuhr ohne zu bremsen auf den Mann zu. Ziegler konnte nicht glauben, was er da sah. Das war doch nicht möglich! Der Caddy hielt geradenwegs auf den Mann zu, erfasste ihn, sodass er gegen die Windschutzscheibe prallte, in einem Bogen durch die Luft flog und auf dem Pflaster liegenblieb, während das Auto weiterraste.

Ziegler hatte den Atem angehalten, er hörte Menschen schreien, verfügte aber über so viel Geistesgegenwart, dass er aufstand, ein paar Schritte zur Straße lief und dem Caddy hinterher schaute, sodass er das Nummernschild lesen konnte: PM – HG 4711. Er sagte die Nummer einmal laut und ein paar Mal in Gedanken, das war seine Methode, sich Namen und Zahlen zu merken. Dann drehte er sich um und ging hinüber zu dem Mann, der mit grotesk verrenkten Gliedern auf dem Kopfsteinpflaster lag. Vom Winterfeldtplatz her rannten zwei junge Frauen heran und bemühten sich um das Unfallopfer. „Rufen Sie den Notarzt!“ rief die eine, kaum älter als eine Abiturientin, Ziegler zu, der bereits sein Smartphone in der Hand hatte. Automatisch wählte er die Einseinsnull, und noch bevor jemand seinen Anruf entgegennahm, sah er die andere junge Frau den Kopf schütteln, nachdem sie versucht hatte, den Puls des Mannes an der Halsschlagader zu fühlen.

Zieglers Sinne schienen sich in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zu entkoppeln. Während er am Telefon sprach und zuhörte, sah er, wie die junge Frau ihr Ohr über den Mund des Mannes hielt. Wieder schüttelte sie den Kopf. Ziegler wandte den Blick von dem blutigen Bündel zu seinen Füßen.

2

Als Kriminalhauptkommissarin Judith Rabe sich dem Winterfeldtplatz näherte, sah sie schon von Weitem, dass da ein ziemliches Chaos auf sie wartete: laut redende, wild gestikulierende Menschen, Sanitäter:innen, die ihre Sachen zusammenpackten, Kolleg:innen von der Bereitschaftspolizei, die einige der Umstehenden befragten, und mehrere Fahrzeuge, darunter welche von Polizei und Feuerwehr, die kreuz und quer herumstanden. Judith schloss ihr Rad am Zaun der Spreewald-Grundschule an und strebte zügig Richtung Kirche, wo das Opfer lag, zugedeckt mit einer weißen Plane.

Eigentlich war sie heute mit ihrer Freundin Sina und deren Hund zu einem Waldspaziergang verabredet, sie hatten sich – bis auf ein paar kurze Telefonate – länger nicht mehr gesprochen. Schade. Nach dem langen Winter, den ein unberechenbarer April noch verlängert hatte, weckte allein schon die Aussicht auf einen Gang durch den Wald, begleitet vom Gezwitscher der Meisen, dem hämmernde Trommeln der Spechte und den heiseren Rufen der in Formation dahinziehenden Wildgänse, richtige Frühlingsgefühle. Judith seufzte, aber sie war Profi genug, nach einem letzten sehnsuchtsvollen Gedanken an die ersten grünen Blättchen und die hellen Stämme der Birken dies alles beiseite zu schieben und sich auf das zu konzentrieren, was ihr Job war. Nach allem, was sie bisher wusste, gingen die Kolleg:innen von einem Mord aus, und deshalb war sie hier.

Ein Kollege trat von der Seite her auf sie zu und grüßte. Er stellte sich als Polizeiobermeister Karsten Reinsch vom Abschnitt 41 vor, also der für Schöneberg-Nord zuständigen Polizeidienststelle in der Gothaer Straße, und gab der Kollegin von der Kripo einen ersten Überblick. Judith folgte dem Bericht von POM Reinsch, während sie sich einen Weg zu dem Toten bahnten. Die Fotografin hatte ihm die Plane gerade wieder über den Kopf gezogen und war zurückgetreten. Judith ging in die Knie, hob die Plane mit beiden Händen erneut an und betrachtete das Opfer, dessen Gesicht fast unversehrt war, während Leib und Gliedmaßen zahlreiche Verletzungen aufwiesen. Unter der Leiche hatte sich eine Blutlache gebildet, das Blut war bereits geronnen. Die bizarren Verrenkungen des leblosen Körpers ließen Judith einen Moment lang an eine Stoffpuppe denken. Zermalmt, dachte sie. Und mit diesem Wort stellte sich die Vorstellung ein, dass der Mörder – oder die Mörderin – aus einem enormen Vernichtungswillen heraus gehandelt hatte. Er wollte den Mann, den er über den Haufen gefahren hatte, komplett vernichten. Zerstören, auslöschen. Wut, Hass, vielleicht auch Verzweiflung, die Kompensation einer eigenen Verletzung, Gefühle, die sich lange angestaut hatten, die sich unglaublich tief verankert hatten, waren hier wohl zum Ausbruch gekommen. Nach den nun fast schon fünfzehn Jahren ihrer Arbeit im Bereich „Delikte am Menschen“, wie ihre Abteilung beim LKA Berlin hieß, schauderte es Judith noch immer, wenn sie auf einen ermordeten Menschen traf, dessen Körper von der Wucht der Tat derart gezeichnet war. Hier, bei diesem Eindruck, nahm die Suche nach dem Mörder, nach seinen Motiven, ihren Ausgang. Mit konzentrierter Aufmerksamkeit nahm die Ermittlerin möglichst viele Details in sich auf.

„Wissen Sie schon, wer er ist?“ fragte sie POM Reinsch, während sie sich wieder aufrichtete.

Der schüttelte den Kopf. „Er hat weder Ausweispapiere noch ein Handy bei sich gehabt, auch kein Schlüsselbund und nur wenig Bargeld. Aber Frau Istraty hat ein paar Fotos gemacht, sein Gesicht ist ja einigermaßen erkennbar.“

Die Fotografin trat näher und zeigte sie der Hauptkommissarin im Display ihrer Kamera.

„Gut“, nickte Judith. „Die können wir zur Identifizierung nutzen. Erstaunlich, dass auf diesem Schlachtfeld das Gesicht so wenig zerstört worden ist.“

„Sein Gesicht ist fast das einzige, was nahezu heil geblieben ist“, sagte die Fotografin nachdenklich.

„Der Notarzt“ – POM Reinsch zeigte hinüber zu dem Feuerwehrwagen – „konnte nichts mehr für den Mann tun. Als die hier ankamen, keine fünf Minuten nach dem Zusammenstoß, war er schon tot. Der Arzt meinte, der Aufprall war so stark, dass er innerhalb von Sekunden tot war. Das Genick ist gebrochen, innere Verletzungen, mehrere Knochenbrüche an allen Gliedmaßen.“ Der Blick des Polizisten verweilte noch einen Moment auf der Plane, unter der sich der Körper des Toten abzeichnete wie ein unregelmäßiger Hügel. „Dann kann er in die Gerichtsmedizin?“

„Ja“, sagte Judith knapp. „Haben Sie schon eine Halterabfrage gemacht?“

POM Reinsch nickte und schaute in seine Notizen. „Hab ich. Der Caddy mit dem Kennzeichen PM – HG 4711 gehört einer Astrid Schmitt, wohnhaft in Stahnsdorf, Buchenweg 8. Eine Streife ist schon unterwegs.“

„Und bei dem Kennzeichen war sich der Zeuge ganz sicher?“

„War er. Steht dort drüben, der alte Herr in der braunen Wildlederjacke.“

Judith folgte seinem ausgestreckten Arm hinüber zu einer kleinen Gruppe, die am Rand des Sandplatzes vor dem Kindertheater stand. Die vier Männer, allesamt etwa um die achtzig, schauten der Hauptkommissarin entgegen, die sie ruhig musterte, während sie näherkam. Sie stellte sich vor, zeigte ihren Ausweis und fragte, was genau sie gesehen hatten.

Die Augen von dreien richteten sich auf den vierten Mann, der sich räusperte und mit einer angedeuteten kleinen Verbeugung seinen Namen nannte: „Wolfram Ziegler, Oberstudiendirektor im Ruhestand.“

„Hallo, Herr Ziegler.“ Judith lächelte ihn an. „Was genau haben Sie gesehen?“

Während Ziegler nun den Hergang des Geschehens sachlich und knapp schilderte, gewann Judith den Eindruck, dass er ein aufmerksamer und genauer Beobachter war. Das war wohl auch POM Reinsch aufgefallen, der mehrere Zeugenaussagen aufgenommen hatte, aber Judith gegenüber den pensionierten Lehrer als den zuverlässigsten Zeugen benannt hatte.

„Und bei dem Kennzeichen sind Sie sich ganz sicher?“ fragte sie gerade.

„Absolut“, sagte Ziegler mit Nachdruck. „Eigentlich musste ich mir nur PM, also Potsdam-Mittelmark, besonders merken, HG ist leicht, weil das die Abkürzung für meinen Freund Hans-Günther ist“ – er zeigte auf den neben ihm stehenden Herrn – „und ein Fläschchen 4711 hatte meine Frau Hilde in jeder Handtasche. Ich bin also ganz sicher.“

„Das ist gut. Und konnten Sie denn auch sehen, wer den Caddy gefahren hat?“

„Nein.“ Ziegler schüttelte den Kopf. „Ich habe ja erst richtig hingeschaut, als das Drama schon passiert war. Alles, was ich noch sehen konnte, war die Rückfront des Wagens. Sicher bin ich lediglich darin, dass nur eine Person im Wagen war. Aber mehr als einen Umriss konnte ich nicht sehen.“

Schade, dachte Judith und warf einen Blick in ihre Notizen.

„Was war mit dem Opfer, dem Mann, der überfahren wurde? Wo kam er her, was tat er?“

„Der kam mit einem roten Kleinwagen etwa um viertel vor elf an“, berichtete Ziegler, „er stieg vor der Kirche aus – ich dachte, der will in die Messe – und zündete sich noch eine Zigarette an, der Gottesdienst beginnt ja erst um elf. Er stand also auf der Straße, und da kam der Caddy herangebraust und fuhr ihn um.“

„Konnten Sie sehen, wer in dem Kleinwagen saß? Erinnern Sie sich an das Kennzeichen?“

Judith sah den Zeugen einen Moment lang zögern. „Nein“, sagte er dann mit Bedauern in der Stimme. „Leider nicht. Der Mann saß auf dem Beifahrersitz. Ich glaube, außer ihm war nur noch der Fahrer im Wagen. Ich meine, bin aber nicht sicher, dass es sich um einen Fiat handelte, das Auto war kirschrot, aber das Kennzeichen habe ich mir leider nicht gemerkt.“

Nochmal schade. Das wäre eine Spur gewesen zu dem Toten. Judith bedankte sich bei dem aufmerksamen Herrn Ziegler.

3

Gut, dass sie das Fahrrad genommen hatte. Auf dem Weg vom Winterfeldtplatz zu ihrer Dienststelle in der Keithstraße ging Judith durch den Kopf, was alles sie am Tatort durch eigene Beobachtungen und durch die Berichte der Kolleg:innen aufgenommen hatte, und sie begann die Informationen zu sortieren in wichtige und nebensächliche. In der Lützowstraße hielt sie an einem Café und kaufte ein paar Stücke Apfelkuchen. Als sie in ihrem Büro im LKA 1 ankam, das sie sich mit Olaf Lehnert und Simon Bacher teilte, sah sie beide bereits bei der Arbeit. Der großgewachsene, kräftige Olaf stand am Fenster und telefonierte. Er war der findigste Rechercheur im Team, arbeitete am liebsten vom Schreibtisch aus, während Judith und Simon lieber vor Ort Zeug:innen befragten und sich ein Bild vom Geschehen machten. Olaf in seiner ruhigen, bedächtigen Art war für Judith der Fels in der Brandung, verlässlich und unerschütterlich, egal, wie verworren eine Ermittlung war. Simon, ein paar Jahre jünger als Judith und Olaf, war vor anderthalb Jahren zum Oberkommissar befördert worden, worauf er sehr stolz war. Er schaute konzentriert auf den Bildschirm seines Rechners und scrollte hin und her. Simon hatte den Ehrgeiz, ein guter Ermittler zu sein, neigte manchmal zu Ungeduld und zu Alleingängen, brachte aber oft auch ungewöhnliche Perspektiven in die gemeinsame Arbeit ein, die Judith inzwischen zu schätzen wusste.

Ihr gemeinsames Büro im LKA war ein nicht besonders großzügig bemessener Raum mit zwei hohen Altbaufenstern zur Straße hinaus, vor denen eine üppige Grünlilie und ein großer Gummibaum mit glänzenden Blättern standen. Die Pflege der Pflanzen war Olafs Revier. Während er sich mit ihnen beschäftigte, konnte er besonders gut nachdenken, hatte er Judith einmal anvertraut. Sie hatte ernsthaft genickt. Das konnte sie sich gut vorstellen. Während Judith sich jetzt umsah, kam ihr der Gedanke, wie unpersönlich dieser Raum auf Fremde wirken musste, während er für sie und ihre beiden Kollegen die alltägliche vertraute Umgebung darstellte. Wodurch entstand diese Vertrautheit? Alles an seinem Platz, eine übersichtlich geordnete Welt, langweilig, berechenbar, selbstverständlich, funktional. Also das richtige Ambiente, um sich auf immer neue, wechselnde Ermittlungen einzustellen – in ihrem Fall waren das Morde. Der Unberechenbarkeit einer solchen Tat, der Grausamkeit und Empathielosigkeit, mit der ein Mensch einem anderen das Leben nahm, konnte vielleicht nur in einem dermaßen sachlich-neutralen Raum begegnet werden. Hier im Büro blieb alles immer so, wie es war, egal, was draußen passierte, wo sie ermittelten.

Judith stellte ihr Kuchenpäckchen auf dem viereckigen Tisch vor dem einen Fenster ab, hängte ihre Jacke über eine Stuhllehne und ging hinüber zur Kaffeemaschine in der winzigen Küchenzeile, wo sie der Reihe nach zuerst einen Latte macchiato für Simon und dann zwei große Milchkaffees für Olaf und sich selbst zubereitete, vertraute Rituale, die Bestandteil ihrer gemeinsamen Arbeit waren wie die eigentliche Ermittlungsarbeit, die Recherchen und Befragungen von Zeug:innen. Simon freute sich über den Kuchen und setzte sich zu Judith an den Tisch, Olaf beendete sein Telefonat und kam ebenfalls dazu.

„Das ist ja richtig gemütlich“, meinte er und griff nach seiner Tasse.

„Habt ihr das Opfer schon identifiziert?“ fragte Judith.

Das war noch nicht der Fall, die Suche in den verschiedenen Datenbanken lief noch. Der Tote, der inzwischen in der Rechtsmedizin bei Frau Doktor Genshagen gelandet war, war noch unbekannt, während die mutmaßliche Mörderin oder jedenfalls die Halterin des Wagens, der den unbekannten Mann überfahren hatte, bereits im Vernehmungsraum wartete. Die Informationen, die ihnen über die Halterin vorlagen, ließen auf eine unauffällige Frau mittleren Alters schließen, die noch nicht einmal einen Eintrag wegen Geschwindigkeitsübertretung hatte.

4

Von der Frau, die zurückgelehnt auf ihrem Stuhl am Tisch saß, ging eine unerwartete Gelassenheit aus, fand Judith. Ihr von Sonne und Wind gezeichnetes Gesicht war von gewelltem Haar, das ohne besondere Frisur einfach nur kurzgeschnitten war, umrahmt, dessen Kastanienbraun von einigen grauen Strähnen durchzogen war. Die Hände, braungebrannt und kräftig, lagen vor ihr auf dem Tisch. Sie sah den Ermittler:innen ruhig entgegen. Judith und Simon stellten sich kurz vor, setzten sich und begannen mit der Befragung.

„Frau Schmitt, mit Ihrem Wagen ist heute Vormittag kurz vor elf Uhr auf dem Winterfeldtplatz ein Passant absichtsvoll überfahren und getötet worden. Wo waren Sie um diese Zeit?“ begann Simon.

Astrid Schmitt hatte aufmerksam zugehört. „Ich bin etwa um neun zu meiner Joggingrunde aufgebrochen, in Richtung Norden zum Teltowkanal und dann dort links runter durch die Heide. Meistens laufe ich eine Stunde oder anderthalb. Wann genau ich heute zurückgekommen bin, weiß ich nicht, ich habe nicht auf die Uhr gesehen.“

„Haben Sie jemanden getroffen, hat jemand Sie gesehen, unterwegs oder als Sie wieder nach Hause kamen?“

Die Tatverdächtige schüttelte den Kopf. „Doch“, sagte sie dann. „Auf einem der Sandwege sind mir zwei Reiterinnen entgegengekommen, ein Hund war auch dabei. Und als ich zum Haus ging, hab ich zwei Nachbarinnen bei den Mülltonnen stehen sehen, die unterhielten sich.“

„Und wo war Ihr Auto? Wann sind Sie zuletzt damit gefahren? Wo parken Sie es üblicherweise?“

Astrid Schmitt schien zu überlegen. „Zur Arbeit fahre ich meistens mit dem Rad, deshalb steht mein Auto oft ein paar Tage, und manchmal vergesse ich auch, wo genau ich es abgestellt habe. Meistens in meiner Straße, manchmal aber auch im Kiefernsteg oder im Eichenweg, je nachdem, wo grade Platz ist. Wann bin ich zuletzt damit gefahren?“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich am Dienstag, da hatte ich in Potsdam was zu erledigen. Ja“, sagte sie dann mit Nachdruck, „Dienstagvormittag war ich damit unterwegs und hab es dann im Eichenweg geparkt. Seitdem stand es dort, und als ich vorhin mit Ihren Kollegen nachgeschaut habe, war es weg.“

„Gibt es jemanden, dem Sie Ihr Auto gelegentlich mal ausleihen, der vielleicht sogar einen Schlüssel hat?“

„Nein, ich bin die einzige, die damit fährt.“ Nach kurzem Zögern sah Astrid Schmitt den ihr gegenübersitzenden Ermittler an und fragte: „Wer ist denn überfahren worden?“

Judith konnte an Simons Gesichtsausdruck erkennen, dass er von der Frage stark irritiert war. Sie war es auch, stand jedoch auf, ging ins Büro und kam mit einem Foto des Toten zurück. Während sie es direkt vor die Tatverdächtige auf den Tisch legte, waren alle ihre Sinne empfangsbereit.

Astrid Schmitt sah auf das Foto, fasste es mit beiden Händen und hob es ein wenig an, während sie gleichzeitig den Kopf ein wenig senkte. Für Judith sah es so aus, als näherten sich Foto und das Gesicht der Frau einander langsam an. Mit einem lauten Ausatmen legte Astrid Schmitt das Foto auf den Tisch, schob es leicht von sich weg und setzte sich wieder aufrecht hin. Sie schaute auf und fragte: „Wer ist das?“

Judith und Simon wechselten einen Blick.

„Das wissen wir noch nicht“, antwortete Judith.

5

Eine halbe Stunde später fuhr Astrid Schmitt auf einem knallroten Emmy-Roller Richtung Südwesten. Unter dem Helm spürte sie den Pulsschlag bis an die Schädeldecke, ihr war, als würde ihr Kopf gleich platzen. Ein innerer Aufruhr war das. Sie hatte Mühe, sich aufs Fahren zu konzentrieren, zum Glück war an diesem Sonntagnachmittag nicht besonders viel los. Der Fahrtwind, den sie im Gesicht und an den Händen spürte, der an ihrem Parka und ihren Hosenbeinen zerrte und sie ab und zu wie spielerisch leicht aus der Spur brachte, erschien ihr abwechselnd wie ein greifbarer Widerpart, mit dem sie sich anlegen konnte, und wie ein freundlicher Gefährte, der sie antrieb auf dem Weg nach Hause. In ihrem Kopf ging alles durcheinander. Sie dachte daran, dass sie am Donnerstagmorgen zufällig den Eichenweg entlanggekommen war und sich gewundert hatte, warum da nicht ihr Auto stand. Sie war die Straße zweimal abgegangen, hatte zur Sicherheit und mit wachsendem Herzklopfen auch die umliegenden Straßen abgesucht – der Caddy war weg. Verdammt! Und sie war hilflos, das war das Schlimmste. Denn sie konnte unmöglich den Diebstahl ihres Autos anzeigen, da würde sie nur schlafende Hunde wecken. Sie war also dazu gezwungen, einfach stillzuhalten und zu hoffen, dass irgendwann der Caddy wieder auftauchte und dann eine gute Erklärung parat zu haben, warum sie den Diebstahl nicht angezeigt hatte. Das hatte sie jedenfalls am Donnerstagmorgen gedacht. Aber jetzt war alles noch schlimmer, jetzt war ihr Auto zur Mordwaffe geworden. Wie sollte sie aus dieser Nummer heil herauskommen?

Hinter der S-Bahn-Unterführung in Zehlendorf bog Astrid nach rechts in die Machnower Straße ein. Ihr Puls hatte sich etwas beruhigt und der Fahrtwind stärkte ihr den Rücken. Bald würde sie zu Hause sein, in Sicherheit.

Sie spürte, wie ihre Aufregung sich allmählich legte, sie atmete wieder ruhig, konzentrierte sich aufs Fahren, überlegte, was sie heute zum Abendessen kochen könnte. Ging in Gedanken das Gemüse im Kühlschrank durch. Dann war sie auch schon da. Stellte den Roller ab, tat den Helm ins Fach und schüttelte den Kopf. Das Schütteln ging auf ihre Schultern und ihren Oberkörper über und ergriff ihren ganzen Körper wie bei einer Katze, die sich Regentropfen aus dem Fell schüttelte.

Astrid schloss die Haustür auf und ging die Treppe zu ihrer Wohnung hoch, die im zweiten Stock des dreistöckigen Mietshauses lag. Den Schlüssel warf sie in die hölzerne Schale auf dem kleinen runden Tischchen im Flur, den Parka über den Garderobenständer, die Stiefel streifte sie ab, während sie unbeirrt weiterging zu dem niedrigen Schränkchen. Sie hockte sich davor, öffnete die Türen und nahm eine kleine hölzerne Kiste heraus, stellte sie vor sich auf den Boden und klappte den Deckel auf. Mit der einen Hand griff sie in die Fotos, mit der anderen fuhr sie sich über die Stirn, als müsse sie sich für eine große Anstrengung wappnen.

6

Dieser Maisonntag war so ganz anders verlaufen, als Judith sich das vorgestellt hatte. Auf den Waldspaziergang mit Sina und deren Hund Rio hatte sie sich sehr gefreut, die Aussicht darauf hatte sie seit der Verabredung dazu vorigen Dienstag begleitet als wachsende Vorfreude. Judith schätzte es sehr, sich gerade mit Sina, ihrer besten Freundin und der Lebensgefährtin ihres Kollegen Olaf, auszutauschen. Sina konnte nicht nur gut zuhören, sondern brachte durch kluge Fragen oft unerwartete Zusammenhänge zutage. Wenn sie darüber sprach, was sie selbst beschäftigte und ihre Gedanken mitteilte, dann hatte Judith stets das Gefühl, dass Sina ihr Einblick in Wesentliches gab. Irgendwelche Floskeln hatte Judith von Sina noch nie zu hören bekommen, und das gehörte zu den Eigenschaften, die sie an der Freundin schätze.

Während Judith am Abend nach Hause radelte, war sie von einer doppelten Unzufriedenheit erfüllt. Im aktuellen Fall waren sie kein Stück vorangekommen, sie wussten noch immer nicht, wer der Tote war, und die Tatverdächtige hatte ein Alibi, bestätigt durch eine Nachbarin, die sie etwa zur Tatzeit hatte nach Hause kommen sehen vom Joggen. Und dann war auch noch ihre Verabredung im Grünen ausgefallen.

Sie könnte Elli anrufen, vielleicht hatte sie Lust auf ein Glas Wein auf dem Balkon. Der Gedanke an Elli und dass Judith sie womöglich gleich sehen würde, brachte ihr Herz zum Hüpfen. Vorigen Sonntag hatte Elli ihren dreiunddreißigsten Geburtstag gefeiert und neben ein paar Freund:innen und Kolleg:innen vom Rundfunk, wo sie als Redakteurin für Politik und Zeitgeschehen arbeitete, auch Judith eingeladen. Judith hatte ihr eine silberne Halskette mit einem winzigen Stier, Ellis Sternzeichen, geschenkt.

Vor etwa einem Jahr hatte Judith die neue Nachbarin kennengelernt, deren offene und direkte Art ihr gleich gefallen hatte. Aber diese Offenheit hatte, wie Judith inzwischen zu ihrem Bedauern erfahren musste, ihre Grenzen. Im Laufe der Zeit hatten sie sich angefreundet, trafen sich öfter spontan, weil ihre jeweiligen Jobs feste Verabredungen oft schwierig machten, und hatten einige gemeinsame Ausflüge mit den Rädern in die nähere und weitere Umgebung gemacht. Mit Elli, die aus Jena nach Berlin gezogen war, hatte Judith, die keine geborene Berlinerin war, aber doch schon siebenundzwanzig ihrer fünfundvierzig Lebensjahre in dieser Stadt verbrachte hatte, reizvolle Orte entdeckt, die ihr bis dato unbekannt geblieben waren: kleine Städtchen mit kopfsteingepflasterten holprigen Sträßchen, barocke Schlösser inmitten großartiger Landschaftsparks, Mischwälder, in denen Pilze und Brombeeren wuchsen, Seen, an deren Ufer gelbe Schwertlilien standen. Elli kannte sich offenbar gut aus und Judith stimmte ihren Vorschlägen gerne zu. Die Gespräche, die sie unterwegs führten, blieben zu Judiths Leidwesen oft eher allgemein und unverbindlich. Persönlicheren Themen und Fragen wich Elli aus. Auch Judith fiel es nicht gerade leicht, mehr von sich zu zeigen, aber Elli gefiel ihr und sie wollte ihr gern näher kommen.

Judith bog in den Hof ihrer Wohnanlage und schaute zu den Fenstern der Wohnung, die Elli sich mit einer Kollegin teilte. Eines der Fenster stand offen, im Zimmer brannte Licht. Beschwingt sprang Judith vom Rad und schloss es an, während sie mit der anderen Hand bereits Ellis Nummer wählte.

„Hallo Judith“, hörte sie Ellis leise Stimme nach mehrmaligem Klingeln wie von weit her.

Judith ging über den kurzen Moment ihrer Irritation hinweg und fragte fröhlich: „Hör mal, ich komme gerade von einem Arbeitseinsatz zurück und hätte Lust, mit dir noch ein Glas Wein zu trinken – na?“

Elli antwortete nach kurzem Zögern. „Nee, heute nicht. Ich bin … ach, ich hab Kopfschmerzen und brauch einfach Ruhe.“

„Oh, schade.“ Judith spürte an der Enttäuschung, die sie überrollte wie eine Atlantikwelle, wie groß ihre Vorfreude gewesen war. „Kann ich was für dich tun?“

Es war, als sähe sie Elli den Kopf schütteln. „Nein, das ist lieb, aber ich brauch einfach nur Ruhe. Gute Nacht.“

Judith sah das Display erlöschen, steckte das Handy ein und ging hinauf zu ihrer Wohnung. Schade, dachte sie.

7

Das Gedröhne und Gehämmere der Bässe war gleichzeitig innen und außen, in ihren Ohren, in ihrem Blut, in den von Lichtblitzen kurzzeitig erhellten gelben Ziegelmauern und hohen Gewölben, eingestampft von vielen hundert Füßen in den Boden. Das war genau das, was sie heute gebraucht hatte. Die Spannung, die sich in Ellis Körper und Geist aufgebaut und das Gewitter in ihrem Kopf ausgelöst hatte, zerfloss und versickerte wie Sturzregenbäche auf unversiegelter Erde. Eine angenehme Müdigkeit breitete sich in ihr aus. Elli spürte, wie sie langsamer wurde in ihren Bewegungen, und bewegte sich allmählich aus der Masse der Tanzenden an den Rand des Dancefloors. Spöttisch dachte sie, ich werde wieder zum Individuum, nein, verbesserte sie sich in Gedanken, zur Einzelkämpferin. Diese Arten von Verwandlung kannte sie gut und schon seit Jahren. Von Zeit zu Zeit brauchte Elli, wie andere den Kick durch Drogen oder Extremsportarten, ein paar durchtanzte Nachtstunden in irgendeinem Club, in denen sie sich völlig verausgabte, um danach wie ein Insekt oder eine Schlange, die sich in eine neue Seinsweise hinein gehäutet hat, quasi neu zu beginnen. Das war ihr Resetprogramm, und heute Nacht war sie kurz vor Mitternacht ins Matrix am Warschauer Platz gefahren.