Verlag: EDITION digital Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Der siebente Winter - Jan Eik

Während seines langersehnten Urlaubs erlebt Siegfried Korn eine böse Überraschung. Auf den Geldtransport seines Kombinats wird ein Überfall verübt. Und dieser Überfall läuft genau nach dem Muster ab, den er sich vor vielen Jahren mit drei ehemaligen Studienkollegen im Suff und aus Jux und Dallerei ausgedacht hatte. LESEPROBE: Früher hatten sie über die gleichen Witze gelacht und in Mittweida nebeneinander in Ehebetten geschlafen, ohne dass ihm an Hannes jemals eine besondere Neigung aufgefallen war. Der Gedanke daran entlockte ihm jetzt unwillkürlich ein Grinsen. Korn startete den Wartburg und fuhr in nördlicher Richtung auf die Invalidenstraße zu. Er kannte sich nicht gut aus in diesem Teil der Stadt, und es herrschte bereits reger Feierabendverkehr, der seine Aufmerksamkeit forderte. Dennoch ging ihm im Kopf die Frage herum, von wem er erfahren konnte, was seit gestern beim RIF tatsächlich passiert war? Von Androsch gewiss ebenso wenig wie von Hadank. Die saßen vermutlich als permanent tagender Krisenstab in Hadanks Büro beisammen und vermissten ihn. Und Adelheid hatte der Major wegen dieser dämlichen Terminänderung im Visier. Die Sache stank. Irgendwie musste herauszukriegen sein, wer es auf das Geld abgesehen hatte. Sosehr der Gedanke auch schmerzte: Der Schlüssel für den Raubüberfall konnte nur beim RIF liegen; nicht bei Graubaum oder Rosanke. Oder bei Ulf Dettenberg. Den Morgenbesuch hätte er sich schenken können. Eine Schnapsidee, Ulf mit einer solchen Räuberpistole zu überfallen. Kein Wunder, dass er sich beunruhigt fühlte. Und dann kam ihm Cordula Landgraf in den Sinn. Die Sekretärinnen sind die wahre Macht in jedem funktionierenden Betrieb. Das Haus, in dem Cordula Landgraf wohnte, fand Korn wieder, obwohl eine Haustür in der Straßenzeile aussah wie die andere und es bereits dunkelte. Zwei-, dreimal war er bei ihr gewesen, um dringende Arbeiten zu bringen oder abzuholen, wenn Cordulas Tochter krank war. Das lag Jahre zurück. Und vor beinahe ebenso langer Zeit, nach einem Kollektivabend in einem Pankower Nobelschuppen à la ‚Nina‘, hatte er vor dieser Haustür ein halbes Stündchen mit Cordula gestanden und sich schließlich mit einem züchtigen Wangenkuss von ihr verabschiedet. Er mochte sie, das gab er unumwunden zu. Nur hatte ihn noch nie jemand danach gefragt. Seltsamerweise nicht einmal Regina, die früher gelegentlich Regungen von Eifersucht gezeigt hatte.

Meinungen über das E-Book Der siebente Winter - Jan Eik

E-Book-Leseprobe Der siebente Winter - Jan Eik

Impressum

Jan Eik

Der siebente Winter

Kriminalroman

ISBN 978-3-95655-427-8 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien erstmals 2000 im Verlag der Criminale.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2015 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: verlag@edition-digital.com Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Die Straße schwang sich in einer sanften Kurve zur Brücke empor. Stadtauswärts floss um diese frühe Vormittagsstunde nur spärlicher Verkehr. Auf den menschenleeren Gehwegen schmolzen schwärzlich verkrustete Schneereste, und die Räder des Wartburg-Tourist verursachten auf der vom Tauwasser nassen Fahrbahn ein gleichmäßiges Spritzgeräusch.

Zum Greifen nah hing der rötliche Ball der Wintersonne über der Silhouette der Neubauten.

Das Mädchen auf dem rechten Vordersitz des Wartburg kurbelte die Scheibe ein Handbreit herunter und ließ sich einen Schwall kalter Luft ins Gesicht wehen.

„Endlich wird es Frühling!“, sagte sie sehnsüchtig.

Jens Pohl sah zur Seite und lächelte seine Nachbarin freundlich an. Vom Frühling war wahrhaftig noch nichts zu spüren, aber man dachte schon gern daran, wenn man so etwas Süßes wie die Opitz aus der Kasse neben sich hatte. Wieso war die nur so rot? Zu warm war es wirklich nicht im Wagen. Unwillkürlich senkte er die Fußspitze noch um einen Millimeter und genoss die Brückenabfahrt. Die eingebildete Schnecke hätte sein Lächeln ruhig erwidern können.

„Es zieht!“, mahnte der Mann hinter ihm, den Jens schon fast vergessen hatte; dieser fahlgesichtige Revisor, der auch noch Rothärmel hieß. Ein fischiger Geselle, der ewig etwas herumzunörgeln hatte. Kein Wunder, dass den kein Mensch im Kombinat mochte. Ein bisschen frische Luft konnte dem wahrhaftig nicht schaden, so bleich, wie der aussah. Selbst sein spärliches Haar war farblos.

„Der Frühling kommt erst nach dem siebenten Winter, wie der Kollege Hadank immer sagt.“

Hadank war der Direktor des Betriebsteils IV. Petra Opitz kannte die Redensart von den sieben aufeinanderfolgenden Wintern, die wie die sprichwörtliche Keule von Jüterbog aus Hadanks rhetorischer Rüstkammer stammte.

Gehorsam drehte sie die Scheibe wieder nach oben.

„Danke. Fahren Sie nicht ein wenig zu schnell, Kollege Pohl?“ Was der hatte! Eben zog rechts ein dunkelblauer Lada an ihnen vorbei, mit einem Tempo, dass es Pohl vorkam, als sei der Wartburg stehen geblieben. Bewusst langsam wandte er sich um. „Auf einem Schiff hat der Kapitän die Befehlsgewalt. Wenn es Ihnen zu schnell geht ...“

... können Sie ja mit der Straßenbahn fahren, hatte er hinzufügen wollen, doch vorn leuchteten plötzlich die Bremslichter des blauen Lada auf, dann bog der Wagen rechts ab. Mitten auf der Fahrbahn stand eine Gestalt in einer weißen Jacke mit roter Armbinde und mit einem Sprechfunkgerät vor der Brust, die ihn mit einem Zebrastab unmissverständlich aufforderte, dem Lada zu folgen.

„Scheiße!“, entfuhr es Pohl. Er trat härter auf die Bremse als beabsichtigt. Rothärmels wimpernlose Fischaugen kamen ihm im Spiegel ein ganzes Stück näher. Pohl wich dem vorwurfsvollen Blick aus und schaltete nervös herunter.

„Ganz ruhig“, sagte Petra Opitz besänftigend. „Der Lada war viel schneller als wir.“

Vor ihnen fuhr der Lada mit Schwung die Anhöhe hinauf zu dem Parkplatz hinter den kahlen Büschen, auf dem nur Baumaterial lagerte. Neben einem verlassen wirkenden Bauwagen stand ein zweiter Verkehrsposten, der in seinem weißen Kunststoffmantel anscheinend fror. Ein Polizeifahrzeug war nirgends zu sehen.

Jens Pohl hielt eine Wagenlänge hinter dem Lada an. Ihm fiel jetzt auf, dass der Mann in dem weißen Mantel keine Uniformmütze trug, sondern eine Tschapka von undefinierbarer Farbe. Also nur ein Polizeihelfer, schlussfolgerte er, und der darf keine Stempel verteilen. Aber vielleicht eine Ordnungsgebühr kassieren? Na wenn schon, dachte Pohl mit einem Anflug von Galgenhumor, Geld haben wir ja genug dabei.

Der Lada-Fahrer brauchte offenbar nicht einmal seine Papiere vorzuweisen. Er war ausgestiegen und kam auf den Wartburg zu: ein schnauzbärtiger Mann mit Brille und in blauer Steppjacke, der dem Verkehrshelfer auf überraschende Weise ähnelte. Auch er trug einen Schnauzbart und eine Brille.

„Fahren Sie zurück!“, stieß Rothärmel atemlos und so heftig hervor, dass Jens Pohl sich erstaunt umwandte. Obwohl das kaum möglich schien, war Rothärmels Gesicht noch blasser geworden.

„Die wollen uns überfallen!“, schrie er mit sich überschlagender Stimme und packte Pohl beschwörend an der Schulter.

„Der Polizeihelfer?“, fragte Jens Pohl ungläubig, griff aber dennoch nach dem Schalthebel. Einiges war schon merkwürdig an der Situation. Der Rückwärtsgang ging wieder mal nicht rein, doch konnte er den Wagen ohnehin nicht mehr zurücksetzen, weil von hinten der Straßenposten heranhetzte und den Weg versperrte. Außerdem wurde in diesem Augenblick die Tür aufgerissen. Eine behandschuhte Hand, die seltsamerweise dem Lada-Fahrer gehörte, drehte den Zündschlüssel nach links und zog ihn aus dem Schloss. Jens Pohl blickte einigermaßen hilflos drein. Wieso unternahm die weiße Maus nichts. Draußen, auf Petras Seite, war die weiße Jacke zu erkennen, aber der Polizeihelfer sah anscheinend tatenlos zu. Er musste selbst etwas tun, dem Kerl wenigstens die Wagenschlüssel wieder entreißen, losfahren!

Als Pohl endlich laut aufbegehrte: „Was soll denn das?“, traf ihn aus einer Spraydose ein beißender Nebel direkt ins Gesicht und benahm ihm den Atem. Die Hand griff noch einmal an ihm vorbei zum Zündschloss, zerrte Kabel heraus. Dann wurde die Tür zugeschlagen.

„Hilfe!“, kreischte Petra Opitz und noch einmal: „Hilfe!“ - bis ein neuer, lang anhaltender Sprayschwall durch die Tür neben Rothärmel hereinquoll und ihr den Mund verschloss.

Selbst nach Luft ringend, hörte Pohl hinter sich Rothärmel keuchen und jemand mit verstellter, quäkender Stimme kommandieren: „Die Tasche!“ Rothärmel hatte also recht gehabt.

„Nein!“, röchelte der und erstickte beinahe in einem Hustenanfall. Jens Pohl blickte mit tränenden Augen über die Schulter, sah den Griff der Geldtasche in Rothärmels verkrampfter Hand.

„Umdrehen!“, herrschte der Lada-Fahrer Pohl an und versetzte ihm einen schmerzhaften Schlag. Eine weitere Wolke des tückischen Gases wurde in den Wagen geblasen. Petra Opitz zog mit einem Ruck den Riegel zurück und warf sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Tür. Immerhin besaß sie einen braunen Gürtel im Judo.

Die Tür gab keinen Zentimeter nach. Nur der Posten in der weißen Jacke tauchte so plötzlich wieder auf, als habe er neben dem Wagen auf dem Boden gehockt. „Keine Ausbruchsversuche!“, schnauzte er und schlug drohend mit der behandschuhten Faust gegen das Blech. Unwillkürlich holte Petra tief Luft, und mit einem Mal begannen die Konturen des Mannes draußen vor der angelaufenen Scheibe zu verschwimmen. Der schwarze Schnauzbart über gebleckten Zähnen war das letzte, was sie wahrnahmen.

Jens Pohl spreizte die Knie und beugte sich tief hinunter, so tief, wie es seine Figur zuließ.

Hinter ihm knallte die Tür zu. Die haben die Kindersicherung arretiert, dachte er. Die Vordertüren ließen sich auf diese Weise nicht blockieren.

Im Fond röchelte Rothärmel. Jens Pohl fühlte panische Angst in sich aufsteigen. Er brauchte Luft. Luft! Die Fensterkurbel. Wenigstens einen Zentimeter oder zwei. Der Mann draußen schien nicht darauf zu achten, fummelte am Türgriff herum. Dann rannte er plötzlich los, auf den Lada zu, wo der andere weiß verkleidete wartete. Die beiden sprangen in den anfahrenden Wagen. Das Funksprechgerät des einen hatte sich an der Tür verhakt; der Lada aber raste bereits in einer irrwitzigen Kurve über den Parkplatz.

Pohl fuhr zusammen. Die Nummer! Du musst dir die Wagennummer merken. ILN 4... war alles, was er noch ausmachen konnte, ehe der Lada über eine Bohle holperte und hinter dem abgestellten Bauwagen in einen ungepflasterten Weg verschwand.

Mit fliegenden Händen zerrte Jens Pohl am Türriegel, bewegte die Fensterkurbel. Die Tür ließ sich nur um eine Winzigkeit nach außen drücken. Durch das Fenster aber strömte klare, kalte Winterluft herein. Oder lag doch schon ein Hauch Frühling darin? Erschöpft lehnte sich Pohl hinaus und rang nach Atem.

Ungläubig starrte er auf den Türgriff. Ein Schloss. Ein ganz normales Vorhängeschloss hing da. An einer Kette, die über den hinteren Türgriff schräg zum Heck verlief.

„Nun unternehmen Sie endlich was!“, flüsterte Rothärmel mit erstickter Stimme.

„Schreien Sie!“

Erst jetzt wurde Jens Pohl wieder bewusst, dass er nicht allein in dem Wagen war. Petra Opitz saß, vielmehr lag unnatürlich zusammengesunken auf ihrem Platz. Nur der Rollgurt schien sie zu halten. Pohl beugte sich hinüber und kurbelte auch dieses Fenster herunter.

„Die Türen! Öffnen Sie die Türen!“, keuchte Rothärmel. „Schreien Sie endlich!“

„Hilfe ...“ Das war nur ein halbherziger Notruf. Pohl drückte mit der ganzen Handfläche auf die Hupe; die gab keinen Ton von sich. Also beugte er sich aus dem Fenster und rief, diesmal laut: „Hilfe! Überfall!“

Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Hinter dem Bauwagen umgaben Kleingärten den Parkplatz. Links lag in einiger Entfernung ein verlassenes Dorf. Dort bellte nicht mal ein Hund.

Unten auf der Hauptstraße, kaum fünfzig Meter entfernt, zischte ein Wagen vorbei, dann ein Lkw. Wer achtete schon auf einen so kläglichen Hilferuf?

Hinter ihm rüttelte Rothärmel an der Tür. „Tun Sie endlich etwas!“ Dieser Aufforderung bedurfte es gar nicht. Pohl war bereits mit beiden Schultern aus dem Wagenfenster, merkte dass er mit einem sehr ungeschickten Handstand auf dem matschigen Boden landen würde, und wand sich auf seinen Platz zurück. Mit den Beinen voran müsste es besser gehen. Plump wie ein Maikäfer schob er ein Bein hinaus, dann das andere; die Arme auf den Sitz gestützt, die Stirn auf Petras Jeans-Hosenbeinen.

„He, Keule, steigste immer so aus?“

Pohl war nicht in der Lage, sich nach dem Frager umzudrehen. Verfluchter Bierbauch. Petra Opitz schlug die Augen auf und starrte ihn erstaunt an. Dann beugte sie sich zur Seite und erbrach sich.

Jens Pohl spürte, dass auch sein Magen zu rebellieren begann. Noch deutlicher aber fühlte er, wie ihn kräftige Hände am Gürtel packten und endlich aus dem Wagen zogen.

„Wir sind beraubt worden!“, gellte Rothärmel.

Die Hand an Pohls Gürtel packte sofort wieder fest zu. „Wen hast du beraubt?“, fragte drohend der Mann, dem die Hand gehörte, ein unrasierter Bursche mit gelbem Schutzhelm. Drei andere standen um den Wartburg herum.

„Ich doch nicht.“ Pohl atmete tief durch. Er spürte Schmerzen. Hoffentlich war keine Rippe gebrochen.

„Die Polizei! Die Polizei muss verständigt werden!“ Rothärmel gab keine Ruhe. „Die Banditen sind kaum fünf Minuten weg.“

„Okay, okay.“ Der Unrasierte schien verstanden zu haben. „Nun lass doch erst mal die Leute aus dem Auto.“

„Kann ich nicht. Die Türen sind mit einer Kette versperrt“, erklärte Pohl.

Einer der Bauarbeiter rüttelte am Türgriff. Die Kette schlug gegen das Blech. „Geniale Idee!“

Allmählich schienen die Männer zu begreifen, dass sich da wirklich etwas Ungewöhnliches ereignet hatte.

„Und worauf waren die aus?“, fragte der Unrasierte mit der starken Hand.

„Geld“, sagte Jens Pohl lakonisch. „Wir kommen von der Bank.“

„Viel?“

Rothärmel, der aussah wie Totärmel - so wurde er im Betrieb ohnehin genannt - und dem das schüttere Haar wirr in das fahle Gesicht hing, sagte kraftlos: „Dreihundertneunzehntausend Mark. Rufen Sie doch endlich die Polizei!“

2. Kapitel

Wie still es um diese Vormittagsstunde im Haus war. Siegfried Korn sah aus dem Küchenfenster durch das kahle Geäst der Bäume hinüber zum nächsten Block. Im zweiten Stock, auf gleicher Höhe mit ihm, putzte eine Frau die Fenster. Korn meinte, das Fensterleder quietschen zu hören.

Dieser Dienstag begann, wie er sich einen Urlaubstag erträumt hatte. Ausgeschlafen, kalt geduscht und frisch wie seit Monaten nicht mehr, stand er vor dem Gasherd und setzte das Kaffeewasser auf. Nur so viel, wie er wirklich brauchte. Also wenig. Niemand sagte: Trink den Kaffee nicht so stark. Niemand sagte überhaupt etwas, und das versprach das Schönste an diesem Urlaub zu werden. Ein ganzes Jahr lang hatte er ihn vor sich hergeschoben. Die Reise hatte er zurückgeben müssen, weil Androsch, diese Pflaume von Vertreter, seinen Urlaub für die gleiche Zeit angemeldet hatte und natürlich mit seinen schulpflichtigen Kindern und der Frau, die Lehrerin war, den Vortritt erhielt.

Im September traten die von Korn vorausgesehenen Schwierigkeiten mit der neuen Anlage auf. Hadanks Wangen zuckten verdächtig, als Korn das Wort Urlaub fallen ließ. Also blieb Korn. Und Regina nahm dann wenig später ihren Urlaub, als das erste Enkelkind geboren wurde. Nie in ihrem jungen Leben hatte Martina, die Tochter, mit einer Sache allein fertig werden müssen - wie also erst mit einem Säugling? Sie war ja selbst noch ein Kind. Doch wer hörte schon auf einen hoffnungslos altmodischen Vater, dem ohnedies der Kopf nicht nach Familienstreit stand. Dafür sorgte der Betrieb.

Im Oktober nahm Androsch seinen Resturlaub, und als Korn endlich an der Reihe gewesen wäre, erkrankte Regina ganz unerwartet an einer Herzgeschichte, an der die Ärzte lange herumrätselten. Im Krankenhaus war jeden Abend Besuchszeit. Da hatte er wenigstens einen Grund, pünktlich Feierabend zu machen. Den Urlaub verschob er auf Weihnachten. Regina besaß Verwandte im Thüringer Wald.

Von Urlaub war dann nicht mehr die Rede. Von einer Reise schon gar nicht. Korn konnte seine Gedanken wahlweise auf den drohenden Jahresabschluss und die mit letzter Kraft erreichte Planerfüllung oder auf die Sache mit dem nicht in Betrieb genommenen Industrieroboter konzentrieren, während Regina, kaum genesen, wie ein Schatten durch die verödete Wohnung strich. Ihr Liebling Ralf war im November zur Fahne eingerückt und Martina samt Enkel und Kindesvater - verheiratet war sie selbstverständlich nicht - zu den sogenannten Schwiegereltern ins Mecklenburgische gereist. Mittlerweile war die letzte Februarwoche angebrochen. Freitag früh hatte er Regina zum Bahnhof Schöneweide gefahren: Kur in Bad Liebenstein. Und am Nachmittag, als Hadank - wie gewöhnlich am Ende eines Wochenrapports - gefragt hatte: „Noch jemand was Wichtiges?“, da hatte Korn ganz beiläufig gesagt: „Ich trete am Montag meinen vorjährigen Jahresurlaub an.“ Hadank, der immer so tat, als müsse er Prämien aus der eigenen Tasche zahlen und als sei jeder Urlaubstag ein unnötiges Geschenk, blieb wider Erwarten friedlich, griente, wie es seine Art war, und blickte aus dem Fenster: „Na ja, der siebente Winter steht noch aus. Genieße ihn denn, Siegfried.“

Der mit seinen Sprüchen und seinem siebenten Winter - nicht siebte Winter, wie er zu betonen pflegte. Das sei Dialekt und allenfalls Anna Seghers als dichterische Freiheit erlaubt. Ob siebenter oder siebter Winter - Siegfried Korn hatte vor, seinen Urlaub zu genießen. Er gab einen halben Teelöffel Kaffee mehr als sonst in seine große Tasse und goss das sprudelnde Wasser darüber. Ein Häufchen blieb auf der Oberfläche liegen. Gemächlich rührte er es unter.

Dass es die letzte wirklich gute Tasse Kaffee in diesem Urlaub sein sollte, schmerzte ein wenig. Doch ihm war klar - an den kommenden Tagen durfte er seinen Magen und seinen Kreislauf nicht auf diese Weise reizen.

Siegfried Korn hatte nämlich einen Entschluss gefasst, und heute wollte er beginnen, ihn in die Tat umzusetzen.

Er war sechsundvierzig Jahre alt, starker Raucher, einszweiundachtzig groß und dreiundneunzig Kilogramm schwer. Am Ende dieses Urlaubs würde er nur noch achtzig Kilo wiegen und Nichtraucher, nein, schlimmer: ein geheilter Raucher sein. Einer, der auf Zigarettenrauch, ja auf den bloßen Anblick der Packung ebenso allergisch reagierte wie Hadank, der sich ebenfalls von der Sucht befreit hatte. Unzufrieden blickte er an sich hinunter. Die ausgewaschene Latzhose, die er der Bequemlichkeit wegen trug, wölbte sich über dem Leib. In drei Wochen würde das anders aussehen.

Er breitete die Zeitung auf dem schmalen Bord aus, an dem er jeden Morgen frühstückte, manchmal zusammen mit Regina; aufgebackene Schrippen gewöhnlich, die einem noch nach Stunden wie Backsteine im Magen lagen. Nicht heute. Nur eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Knäckebrot. Dazu die trockene Zeitung mit dem täglichen Ersatzfahrplan der Reichsbahn. Er lehnte sich zurück, mit der einen Hälfte des Rückens an die kalte Wand und mit der anderen an das heiße Heizungsrohr. Das wahre Glück war dieser Sitzplatz nicht. Weshalb ging er nicht ins Wohnzimmer, legte eine Platte auf, ließ sich in seinen Lieblingssessel vor dem französischen Fenster nieder und schlürfte den brühheißen Kaffee? Mit den Knäckebrotkrümeln konnte er sich ja vorsehen.

„Den hohen Herrscher würdig zu empfa-hangen ...“, sang der Bürgermeister van Bett mit kraftvollem Bass. Ein wenig unbehaglich fühlte Siegfried Korn sich doch in seiner abgewetzten Arbeitshose auf der teuren Polstergarnitur.

Korn trank, bis er den Kaffeesatz zwischen den Zähnen spürte. Gedankenverloren kaute er auf den Körnern herum. Ihm fehlte die Zigarette. War er hungrig? Nein. Morgens aß er nie viel. Bis zur gewohnten Mittagszeit waren es nur noch knapp drei Stunden. So lange musste es auszuhalten sein.

In das Dideldum - dideldum - dideldum! des ärgerlichen Bürgermeisters hinein schrillte das Telefon. Im ersten Impuls straffte sich Siegfried Korn und wollte aufspringen, doch er besann sich und lehnte sich bewusst entspannt zurück. Es gab niemanden, dessen Anruf er erwartete. Nicht einmal Regina ahnte etwas von seinem Urlaub. Und die im Betriebsteil IV des Kombinats Universal konnten ihm gestohlen bleiben. Einundzwanzig Tage lang. Mochten die klingeln, soviel sie wollten. Von denen ließ er sich seinen morgendlichen Operngenuss nicht stören.

Vorsichtig, als könnte ihn der Anrufer am anderen Ende der Leitung beobachten, schlich Korn hinüber zur Schrankwand, hob behutsam den Apparat an und drosselte mit dem kleinen Hebel auf der Bodenplatte das lästige Klingeln zu einem sanften Schnurren. Er stellte sich dabei Hadanks erbitterte Ungeduldsmiene vor. Allerdings war es ziemlich unwahrscheinlich, dass der seinen ungeliebten Fachgebietsleiter persönlich anrief. Vermutlich verlangte nur Cordula Landgraf, seine Sekretärin, nach ihm, weil sie wieder mal mit Androsch nicht klarkam und nun den Rat ihres Chefs brauchte.

Er hatte Cordulas dunkle Stimme im Ohr und drehte den Lautstärkeregler der Stereoanlage um einige Grade nach rechts. Im Jubel des Chors ging das Dingdonggeläut im Korridor unter. „Vivat, vivat, Halleluja!“, grummelte Siegfried Korn misstönend und fröhlich.

3. Kapitel

Seit einer halben Stunde leitete Major Peter Fiebig eine Sondereinsatzgruppe. Auf ihn hatte sich der Blick des Dezernatleiters sofort konzentriert, als die Meldung von dem Geldraub in Marzahn in die morgendliche Beratung hineinplatzte; und Fiebig nutzte die Gelegenheit, sogleich Zabel und Wischnewski, die er für die fähigsten Kriminalisten in seiner Abteilung hielt, als Mitarbeiter zu benennen.

Am Tatort waren die Techniker der operativen Einsatzgruppe noch beim Fotografieren. Spuren gab es auf dem Parkplatz mehr als genug. Im Verlauf der nächsten halben Stunde würde sich der Schneematsch endgültig in Wasser auflösen; das war bereits jetzt abzusehen. Die Sonne hatte einen goldgelben Schimmer, und die Temperatur lag einige Grad über Null.

Hauptmann Dauer, der Leiter der operativen Einsatzgruppe, die etwa fünfundzwanzig Minuten nach der Tat hier eingetroffen war, machte seine Meldung. Die Fahndung nach dem Kraftfahrzeug der Täter war aufgenommen. Ein dunkelblauer Lada 2105. Kennzeichen ILN 4-75.

Fiebig winkte ab. Die Fahndungsmeldung hatte er während der rasenden Fahrt vom Präsidium hier hinaus an den Stadtrand im Funksprechverkehr mitgehört. Drei Täter - zwei als Volkspolizeihelfer getarnt, einer in blauer Wattejacke mit schwarzem Schnurrbart und Brille. Das war vorerst alles.

„Von wem stammen die Angaben über die Täter?“

Der Leiter der Einsatzgruppe wies hinüber zu dem Bauwagen, neben dem auch der B 1000 der Schnellen Medizinischen Hilfe stand. „Von dem vollschlanken jungen Burschen dort. Er ist der Fahrer des Wartburg. Die Nummer des Täterfahrzeugs haben wir von dem Kassierer. Es geht ihm ziemlich schlecht; der Arzt will ihn mitnehmen. Und die junge Frau hat anscheinend einen Schock erlitten. Die Bauarbeiter sind leider ein paar Minuten zu spät gekommen.“

„Danke.“ Fiebig nickte dem Hauptmann zu und ging langsam über den aufgeweichten Platz. Er versuchte, sich einen optischen Eindruck vom Tatort zu verschaffen. Die Täter mussten diesen Platz mit Bedacht gewählt haben.

Er lief in einem weiten Bogen um den gelben Wartburg Tourist herum. Einer der Techniker war dabei, die Kette, mit der die Täter den Wagen umschlossen hatten, sorgfältig in einer Plastiktüte zu verstauen.

„Wollen Sie noch was sehen?“, fragte er. „Handelsübliches Schloss für drei vierzig. Die Kette hat genau die richtige Länge. Die müssen gewusst haben, was für ein Fahrzeug sie überfallen. Wahrscheinlich haben sie die Kette am gleichen Fahrzeugtyp abgemessen.“

Der Major nickte und schnitt eine Grimasse. Dreihundertneunzehntausend Mark. Für eine solche Summe musste einer mehr als zwanzig Jahre lang arbeiten und zudem gut verdienen; und die hatten sich das Geld in drei Minuten angeeignet.

Fiebig verspürte keine Empörung, eher eine leichte Erregung, die nicht einmal unangenehm war. Mit Verbrechen solchen Formats hatte er in seinen zwölf Jahren Praxis kaum zu tun gehabt. Er konnte nicht leugnen, dass er so etwas wie Jagdeifer in sich fühlte. Der Raub musste von langer Hand vorbereitet gewesen sein. Allein dies versprach beste Ansätze zur Aufklärung.

„Können wir jetzt endlich frühstücken?“, rief der unrasierte Baubrigadier ihm zu.

„Wir haben nämlich noch vor, ein bisschen zu arbeiten!“

Fiebig winkte ihn heran. „Frühstücken Sie immer um die gleiche Zeit?“

Der Mann sah ihn durchdringend an. „Kommt ganz auf die Baustelle an. Ob wir überhaupt was zum Frühstück rankriegen beispielsweise ...“

„Ich meine die konkrete Situation hier. Wo ist eigentlich Ihre Baustelle?“

„Da drüben.“ Mit dem gelben Helm in der Rechten wies der Mann unbestimmt in die Ferne. „Eine Kabeltrasse, verstehen Sie? Der Boden ist noch gefroren. Und wir müssen die alte Dorfstraße entlang.“

„Seit wann arbeiten Sie hier?“

Der spöttische Zug im Gesicht des Tiefbaubrigadiers war nicht zu übersehen. „Seit dem Herbst“, sagte er. Und noch bevor Fiebig nachhaken konnte, fuhr er fort: „Ich weiß schon - die konkrete Situation. Seit gestern Mittag.“

„Gut. Ich brauche eine Liste aller Leute, die hier in der Umgebung eingesetzt sind. Ist irgendwer von denen heute nicht zur Arbeit erschienen?“

Der Brigadier schien sich plötzlich unbehaglich zu fühlen. Unwillkürlich trat er einen Schritt näher auf Fiebig zu. „Hören Sie“, sagte er leise, „zwei oder drei von den Jungs sind vorbestraft. Das ist beim Tiefbau nun mal so. Aber von denen kann keiner hier mitgemischt haben. Ich hatte sie alle im Blick.“

„Jemand muss diesen Parkplatz ausfindig gemacht haben. Fehlt von Ihren Leuten tatsächlich niemand?“

„Einer. Für den lege ich meine Hand ins Feuer.“

„Verbrennen Sie sich die Finger lieber nicht“, sagte Fiebig sarkastisch. „Schreiben Sie also bitte die Liste, und halten Sie sich zu weiteren Aussagen bereit.“

Der Brigadier maß ihn mit einem vielsagenden Blick und stapfte missmutig zu seinen Kollegen zurück. „Natürlich können Sie inzwischen frühstücken“, rief der Major ihm nach, und dabei fiel ihm ein, dass er außer einer Tasse Tee und drei Zwiebäcken noch nichts im Magen hatte.

Oberleutnant Wischnewski kam ihm diensteifrig und korrekt, wie er ihn kannte, schon einige Schritte entgegen. „Den Schlüssel für den Raub werden wir im Kombinat finden“, sagte er hastig, als sei er bereits auf dem Weg dorthin. Die ungewöhnlich hohe Summe trieb anscheinend sogar einen besonnenen Kriminalisten wie Wischnewski zu einer schnelleren Gangart an.

„Das Geld war für den Betriebsteil vier bestimmt. Kaum zwei Kilometer von hier entfernt. Ich habe veranlasst, dass dort jeglicher Personenverkehr unterbleibt, bis wir kommen.“

„Sehr gut.“ Auf Wischnewski war Verlass. Der dachte an alles. „Keine Zeugen außer den Wartburg-Insassen und ihren Befreiern?“, erkundigte sich Fiebig dann und schaute sorgenvoll in die Runde. Eine merkwürdig tote Gegend, zumal um diese Jahreszeit. Wie gut war die Planung der Täter wirklich gewesen? Hatten sie von den Bauarbeitern vielleicht gar nichts geahnt?

„Vernehmungsfähig ist nur der Fahrer. Und der ...“

Wischnewski winkte ab, eine Geste, die er Fiebig abgeguckt hatte und mit der der Major eine bestimmte Art von Zeugen zu charakterisieren pflegte. „Der Kassierer besitzt möglicherweise eine bessere Beobachtungsgabe, kann aber im Augenblick kaum sprechen.“

Jens Pohl stand hilflos und ungelenk neben dem Krankenwagen und paffte eine Zigarette. Als Fiebig ihn ansprach, warf er sie verlegen weg. Seine Schilderung des Raubes fiel noch dürftiger aus, als der Major nach Wischnewskis Geste erwartet hatte.

„Der Mann in der Wattejacke stieg also aus dem blauen Lada. Wie groß war er ungefähr?“

„So wie ich?“ Pohl zögerte. „Oder wie Sie?“ Bekümmert blickte er auf den Kriminalisten hinunter. Er war mindestens zehn Zentimeter größer als der Major.

„Er trug eine Brille?“

„Ja. Ich glaube.“ Ihm schien etwas einzufallen. „Der Verkehrsposten auch. Ich meine den Kerl, der mich stoppte.“

„Hatte er keinen Schnauzbart?“

Jens Pohl starrte in den Himmel, als stünde dort das Bild des falschen Verkehrshelfers. „Doch, der auch ...“, sagte er schließlich zögernd.

„Und der dritte?“, fragte Fiebig mit einer Spur von Ungeduld. „Den habe ich gar nicht richtig gesehen ...“ Pohl stockte verlegen. „Ich habe so was noch nie erlebt ...“, sagte er entschuldigend. Rote Flecke breiteten sich, vom Hals aufsteigend, über seine fleischige Kinnpartie aus.

Das wäre ja auch noch schöner, dachte Fiebig grimmig.

„Sie wussten, wie viel Geld Sie transportierten?“

Pohl begann zu husten. „Eigentlich nicht.“

Der Major sah ihn unverwandt an. Pohls Gesicht wurde noch einen Schein dunkler. Unter anhaltendem Husten bequemte er sich endlich zu dem vagen Eingeständnis: „Die Kleine aus der Kasse - ich meine, die Kollegin Opitz, die hat was von dreihunderttausend gesagt ...“

„Wann hat sie das gesagt?“

„Irgendwann. Unterwegs. Einfach so ...“

„Auf der Fahrt zur Bank oder auf der Rückfahrt?“

Pohl guckte den Major aus tränenden Augen an, als verstünde er den Sinn dieser Frage nicht.

„Auf der Hinfahrt, glaube ich ...“

„Sie wussten also, dass es sich um eine große Summe handelt. Waren Sie bei der Auszahlung dabei?“

„Nein!“ Beinahe entsetzt wies Pohl diese Vermutung von sich. „Ich habe draußen gewartet. Hat ganz schön lange gedauert, und das bei der Kälte.“

„Und Sie haben die ganze Zeit im Wagen gesessen?“

„Na ja ...“ Seinem kindlichen Mondgesicht war das schlechte Gewissen deutlich abzulesen. „Ich war beim Fleischer. Das ist doch nicht verboten, oder?“

„Man wird sich dort hoffentlich an Sie erinnern. Waren Sie sonst noch irgendwo? Haben Sie vielleicht telefoniert?“

„Nee. Wieso denn? Bloß noch beim Bäcker. Aber die Schrippen waren alle. Ich habe ein kleines Weißbrot gekauft. Der Rest liegt im Auto.“ Er machte zwei Schritte auf den Wartburg zu, als wolle er das Brot holen.

Fiebig hielt ihn zurück: „Um das Auto kümmern sich unsere Techniker. Fahren Sie jeden Morgen damit zur Bank?“

Wieder schien es, als habe der dickliche junge Mann ihn nicht recht verstanden. „Ich?“, fragte er. „Ich fahre meistens den Hadank. Den Direktor.“ Trotz der niedrigen Temperatur standen Pohl feine Schweißperlen auf der Stirn.

„Kam es dennoch öfter vor, dass Sie so große Summen von der Bank abzuholen hatten?“

„Weiß ich doch nicht!“

Pohl schien allmählich zu begreifen, worauf Fiebigs Fragen hinausliefen, und begann sich innerlich einzuigeln.

„Wenn der Albrecht die Banktour macht, der spricht nicht über Geld.“

„Albrecht war der andere Mann im Wagen?“

„Albrecht? Nein, der ist heute nicht da. Deswegen musste ja der Rothärmel mitfahren.“ Ihm kam eine Erleuchtung. „Der hat die ganze Zeit gemeckert, weil es so viel Geld war. Die Jahresendprämien für den ganzen RIF, hat er gesagt, das ist viel zu viel für uns drei.“

„Für uns drei? Wie hat er das gemeint?“

Pohl hob die Schultern und ließ sie schlaff wieder sinken. „Bei so viel Geld müssen wahrscheinlich mehr Leute dabei sein ...“

„Und was heißt RIF?“

Darauf vermochte Pohl wiederum nur mit einem hilflosen Achselzucken zu antworten. „Mit denen da hinten habe ich nichts zu tun ...“

Fiebig beließ es dabei. „Sie fahren mit meinem Kollegen“, sagte er knapp. Wischnewski hatte sich nicht getäuscht. Nur mit großem Aufwand an Zeit und Geduld war aus Pohl vielleicht etwas Brauchbares herauszufragen. Darum sollten sich die Kollegen im Präsidium kümmern.

Jens Pohl begann zu husten. „Mir ist ganz schlecht. Von dem Gas, das die versprüht haben.“ Er stützte sich mit seiner Patschhand gegen den Holm des Krankenwagens und röchelte herzzerreißend. Mit der berufsmäßigen Aufmerksamkeit des Kriminalisten betrachtete ihn Fiebig. War es möglich, dass dieser so ungeschickt wirkende Bursche ihm etwas vorspielte?

„Der Arzt wird Sie untersuchen“, versprach er. „Atmen Sie erst mal tief durch.“ Er schob die Tür des Ambulanzwagens auf und zuckte zusammen.

Der Mann, der in dem Metallrohrsessel lehnte, sah aus wie eine Leiche; das eingefallene faltige Gesicht hatte die Farbe von Papier. Der junge Arzt, der neben dem Mann hockte und ihm die Maske eines Sauerstoffgerätes vor den Mund hielt, hatte Fiebigs Reaktion bemerkt.

„Nur der Schock“, erklärte er ruhig. „Eventuell eine leichte Vergiftung durch das Zeug, das die Kerle in den Wagen gesprüht haben.“ Die junge Frau auf der Trage hinter dem Arzt schluchzte auf.

Der weißgesichtige Mann im Krankenstuhl öffnete mühsam die Augen. „Fesiasept“, keuchte er, „die Dose erkannt ...“

Der Arzt wandte sich dem Major zu. „Das wäre wirklich eine gemeine Idee. Das Zeug wirkt im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend.“

Von Medikamenten hielt Fiebig nicht viel. Außer Kopfschmerztabletten und Menthol-Dragees, die er der Atemreinheit wegen lutschte, kannte er die Namen der meisten nur aus den medizinischen Gutachten in den Ermittlungsberichten. Fesiasept war ihm noch nicht untergekommen.

„Ein Spray gegen Pilzerkrankungen der Füße. Sehr zu empfehlen, wenn man in die Sauna oder in eine Schwimmhalle geht.“

Das nun anhaltende klägliche Schluchzen der Frau auf der Trage lenkte den Arzt von einem ausführlichen Exkurs über den Fußpilz ab.

„Na, na“, sagte er väterlich. „Alles halb so schlimm. In ein, zwei Stunden sind wir wieder auf Deck!“

„Vielleicht darf ich mal ein paar Worte mit der jungen Dame wechseln“, schlug Fiebig vor.

Bereitwillig räumte ihm der Mediziner seinen Platz ein. Als Fiebig sich zu ihr beugte, blickte sie ihn angstvoll an und flüsterte: „Wenn es nur dem Kind nicht schadet ...“ Auch das noch, dachte Fiebig. Für den Augenblick fiel ihm nichts Besseres ein, als ihr beruhigend die kalte Hand zu tätscheln. Einen Ring trug sie nicht.

„Das ist - verboten“, krächzte Rothärmel hinter ihm.

Fiebig verstand nicht gleich.

Der Arzt griente.

„Keine Schwangeren und Schwerbeschädigte für Geldtransporte ... Sie hat es verschwiegen ...“

„Na gut“, sagte Fiebig. „Über die Frage des Begleitschutzes wird noch ausführlich zu sprechen sein. Zunächst ist die genaue Beschreibung der Täter für uns von großer Bedeutung. Was haben Sie beobachtet?“

„Es war ...“, Rothärmel atmete stoßweise, „es war alles - alles wie in der - in der U-Bahn ...“

Er bemerkte wohl Fiebigs fragenden Blick. „Im Fernsehen - in der U-Bahn - die hatten auch alle schwarze Bärte und Brillen. Es ist mir gleich aufgefallen. Der Kollege Pohl - er ist zu schwer von Begriff ...“ Demnach stimmte also, was dem Fahrer aufgefallen war: Die Täter hatten sich durch eine einheitliche Maskerade getarnt. Der Innenrevisor Josef Rothärmel hatte dennoch wichtige Details wahrgenommen.

„Das war kein echter Polizeimantel. Und die Jacke von dem anderen sah aus wie die eines Kellners. Viel zu dünn für die Jahreszeit.“ Rothärmel schien sich von den Nachwirkungen des Fußsprays zu erholen. „Der Lada-Fahrer muss der Chef der Bande gewesen sein. Ich habe ihn ganz genau betrachtet, als er mir die Tasche mit dem Geld entriss. Ich hatte nicht genug Kraft, sie festzuhalten; das müssen Sie mir glauben ...“

Fiebig nickte ihm beruhigend zu. „Wie sah der Mann aus?“

„Groß und kräftig. Ihre Figur, würde ich schätzen. Aber, älter. Und er war nicht schwarzhaarig wie sein falscher Bart. Unter der Mütze guckten helle Haare hervor. Die Koteletten, verstehen Sie? An irgendwen hat er mich erinnert. Aber ich hatte immer dieses Bild aus dem Fernsehkrimi vor mir. Da hatte einer der Verbrecher einen Schnupfen ...“

„Herr Rothärmel, können Sie die Kleidung des Mannes ebenso genau beschreiben?“

Der Revisor schloss die Augen. Sein Mund stand ein wenig offen. „Eine graue Tschapka“, sagte er. „Die gleiche wie die der beiden anderen. Und eine blaue Wattejacke. Es könnte Arbeitsschutzkleidung gewesen sein. Wirkte ganz neu. Dabei war der bestimmt kein Arbeiter. Unter der Jacke hatte er ein richtiges Oberhemd an. Hellblau gestreift. Ich glaube, er hatte sogar einen Schlips um. Und er trug so eine Latzhose. Dunkelblau.“

„Die Wattejacke war also offen?“

„Nein.“ Rothärmel schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nur der Knopf am Kragen. Diese Hosen haben eine Seitentasche für den Zollstock. Und darin steckte ein Messer.“ Mit seinen blutleeren Händen deutete Rothärmel die Länge des Messers an.

„Sind Sie sicher?“, fragte Fiebig.

„Ganz sicher!“ Der bleiche Mann richtete sich kerzengerade in dem Tuchsessel auf. „Mit einem hellen Holzgriff und Messingnieten.“

„Ich danke Ihnen. Sie werden das alles ausführlich zu Protokoll geben, wenn Sie wieder in Ordnung sind.“

Fiebig schlängelte sich um den Sitz des Kranken herum und öffnete die Tür.

„Ich bin in Ordnung.“ Rothärmel erhob sich. „Ich muss den Vorfall umgehend im Kombinat melden.“

Erst jetzt schien ihm die Tragweite des Ereignisses klar zu werden, und er sank in den Sitz zurück. „Hadank!“, sagte er mehr für sich, als an den Major gewandt. „Er wird disziplinarische Maßnahmen gegen uns einleiten ...“

Fiebig verzichtete auf einen Kommentar und stieg aus dem Wagen.

Hadank, ein knochiger Mann in den Fünfzigern mit hoher Stirn und nikotingelben Zähnen, residierte im fünften Stock des mit weinrotem Glasfiber verkleideten Hauptgebäudes des Betriebsteils IV. Gewöhnlich genoss er wenigstens einmal am Tag den Blick über die Hallen und Baulichkeiten seines Reiches. Heute stand ihm nicht der Sinn danach.

Die tatsächliche Qualität eines Leiters erweist sich in einer kritischen Situation, lautete eine seiner gern zum Besten gegebenen Maximen, die seine Mitarbeiter so schätzten. Eine solche kritische Situation bestand unzweifelhaft, seit sich mit dem Eintreffen der Kripo die geradezu unglaubliche Meldung vom Raubüberfall bewahrheitet hatte.

Innerhalb von zehn Minuten waren auf Hadanks Anweisung alle auffindbaren Leiter bis hinunter zu den Gruppeningenieuren und Ökonomen um den langen Sitzungstisch in seinem Büro versammelt, erfuhren jedoch aus dem Mund des Majors Fiebig nur karge Einzelheiten über den Hergang der Tat. Es schien Hadank, als sei der Major nicht besonders begeistert von dieser spontan einberufenen Zusammenkunft, zumal sie ständig durch Nachzügler gestört wurde. Androsch, der wie immer als Letzter informiert worden war und entsprechend spät eintraf, sah sich erstaunt in einem Massenmeeting, dessen Teilnehmer längst nicht alle einen Stuhl gefunden hatten. Ein blonder Mann, den Androsch nicht älter schätzte, als er selber war, stützte sich mit beiden Händen auf Hadanks Schreibtisch und sagte gerade: „Kehren Sie bitte in Ihre Arbeitsbereiche zurück und behandeln Sie unsere Mitteilung vorläufig als vertraulich. Stellen Sie umgehend die Namen aller Ihrer Mitarbeiter fest, die sich zwischen neun und zehn Uhr nicht an ihrem Arbeitsplatz aufgehalten und möglicherweise sogar das Betriebsgelände verlassen haben.“

„Auch die Kranken und die Urlauber?“, fragte Androsch in das einsetzende Gemurmel hinein. Siegfried Korn war ihm sofort eingefallen. Weshalb war der an einem solchen Tag nicht hier?

Auf Korn kam auch Hadank anschließend zu sprechen, als der Major, statt ihm weitere Aufklärung über das Verbrechen zu geben, ihn mit Fragen zu attackieren begann. Nein, er, Hadank, wusste nicht, in welchen Struktureinheiten an diesem Tag die Jahresendprämie ausgezahlt werden sollte, besaß überhaupt keine konkrete Vorstellung von der Summe, die von der Bank abgeholt worden war. „Das ist Sache der Kasse. Der Kollege Albrecht ...“

„... ist seit heute Morgen krank. Wir überprüfen das bereits.“

Es gehörte wahrhaftig nicht zu Hadanks Aufgaben, sich täglich über den Gesundheitszustand jedes Mitarbeiters zu informieren. Unter dem Blick dieser hellen Kriminalistenaugen fühlte er sich dennoch schuldig. Auch dafür, dass Korn Hals über Kopf seinen Urlaub angetreten hatte, ohne ein Wort von der Auszahlung der Jahresendprämie zu sagen. Oder hatte Androsch etwas festgelegt? Unwahrscheinlich. Androsch traf niemals selbstständig eine Entscheidung.