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Er gibt sich ganz hin und droht dennoch zu scheitern – als Sportler, als Mann und vor allem als Vater Patrik und seine zwölfjährige Tochter Ada waren immer zu zweit. Gerade sind sie wieder einmal umgezogen, und Ada hat mit dem Geräteturnen angefangen. Wenn Patrik zusieht, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen am Stufenbarren hängt, denkt er an seine eigene Karriere als Leistungssportler zurück. Doch die olympische Silbermedaille, die er einst im Diskuswurf gewonnen hat, liegt verstaubt in der Schublade. Während Patrik und Ada zusammen trainieren und versuchen, sich in dem neuen Leben einzurichten, driften sie immer weiter auseinander. Je mehr sie ihm entgleitet, desto heftiger fallen Patrik Erinnerungen an all die Jahre mit seiner Tochter an. Der verzweifelte erste Versuch, sie zum Trinken aus dem Fläschchen zu bewegen, die Nachmittage auf dem überfüllten Spielplatz, wo weit und breit kein Mann zu sehen war, schon gar kein kraftstrotzender Hüne wie er. Als Ada eines Tages verschwindet, begreift Patrik, dass er sich endlich der Lücke in ihrer beider Leben stellen muss: Wo ist Adas Mutter?
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2024
Andreas Moster
Roman
Originalausgabe
© 2024 Arche Literatur Verlag,
ein Imprint der Atrium Verlag AG, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: DIEK Design / Sarah M. Hensmann
Coverabbildung: © Manuela Hörnlein
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
ISBN978-3-03790-147-2
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Für Anna
Sie sind zu spät.
Sie nehmen den falschen Eingang, sie irren durch Gänge und Umkleidekabinen, durchqueren eine leere Halle, reißen eine schwere Tür auf, schlängeln sich zwischen Rucksäcken, Jacken und Kleinkindern hindurch, hasten die Treppe der Zuschauertribüne hinauf, stoßen gegen Knie und stolpern über ausgestreckte Beine, lassen sich schließlich in der letzten Reihe auf die Bank fallen, vollkommen außer Atem, zu spät, weil Ada im Bad ewig gebraucht und ihm dann auch noch die falsche Adresse genannt hat. Patrik schließt die Augen zu Schlitzen gegen die Sonne, die ihm durch die breite Fensterfront der Halle entgegenfällt. Staub glitzert im Licht, für einen Moment stehen die Körper der turnenden Mädchen an vier Geräten gleichzeitig in der Luft. Die Welt in der Schwebe, in ihren Bewegungen angehalten, bewahrt im Zustand dieser einen goldenen Sekunde. Am Barren wirbeln Talkumwolken auf, hinter dem Sprungtisch liegen blaue Weichbodenmatten bereit, ihre kühlen und glatten Oberflächen fast einladend in der Treibhausluft. Patrik legt einen Arm um die schmalen Schultern seiner Tochter, spürt ihre Knochen und wie wenig darüberliegt, ein paar Muskeln, ein bisschen Haut, das durchgeschwitzte weiße T-Shirt, das sie sich von ihrem eigenen Geld im Einkaufszentrum gekauft hat.
»Was?«, fragt Ada.
»Beruhig dich mal«, sagt er, »wir haben’s ja noch geschafft.«
»Ja, toll.«
»Diskutieren wir das jetzt?«
»Nein, schon gut.«
Sie rückt von ihm ab und beugt sich vor, sodass seine Hand von ihrer Schulter rutscht. Aus einem Lautsprecher scheppert die Titelmelodie von Fluch der Karibik, und das Mädchen am Sprung reckt die Arme in die Höhe und dreht sich zum Kampfgericht, nickt, wendet sich ab und atmet tief durch, setzt die ersten Schritte auf die Bahn.
Carla.
Wegen ihr sind sie hier, wegen ihr turnt Ada seit ein paar Wochen im Verein, nachdem sie sich bis dahin allen Sportarten verweigert hat. Adas glühende Wangen, als sie Patrik das Anmeldeformular für den WTV zur Unterschrift vorlegte, ihre Verliebtheit in die Vorstellung, mit diesem Mädchen befreundet zu sein. Er hatte nichts dagegen. Er war froh, dass Ada nach dem Umzug so schnell Anschluss zu finden schien, brachte sie zum Probetraining und wartete zwei Stunden im Auto, sprach danach kurz mit Carlas Mutter, die die Gruppe als Trainerin leitet. Dort steht sie am Rand der Bahn und begleitet den Anlauf ihrer Tochter mit nickendem Kopf, eine Frau in einem weiten grauen Sweater und schwarzen Leggings, die dunklen Haare aufgesteckt, die Hände im Rücken verschränkt. Letzten Mittwoch hat sie Ada erklärt, dass auch sie im nächsten Jahr an diesem Wettkampf teilnehmen wird. Ada tut so, als wäre es nichts, aber sie kann ihm nichts vormachen. Seit zwölf Jahren liest Patrik die Empfindungen aus ihrem Gesicht, erkennt darin auch jetzt auf der Tribüne ihre Angst zu stürzen, abzurutschen oder sich bei einer Drehung auf den Arsch zu setzen, begleitet vom Raunen im Publikum und dem unterdrückten Kichern der anderen Mädchen. Er hatte damals wenigstens seine Muskulatur als trügerische Rüstung gegen die Blicke, Ada dagegen hat nichts, den schwarz-roten Turnanzug vom WTV und einen Körper, der sich viel zu schnell verändert, als dass er ihr in irgendeiner Form Schutz bieten könnte. Elf Zentimeter ist sie im letzten Jahr gewachsen, ihre kindliche Statik hat sich verschoben, ein breiteres Becken unter einem gestreckten Rumpf, Storchenbeine, die eine höhere, neu verteilte Last tragen müssen. Er kann sich nur vorstellen, wie schwer es sein muss, einem solchen Körper zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass er sie im entscheidenden Moment nicht im Stich lässt, dass er gehorcht, wenn sie nach dem Absprung die Rotation einleitet und am höchsten Punkt kopfüber in der Luft verharrt, so wie Carla, die nach einem gehockten Vorwärtssalto auf den Füßen zu stehen kommt, mit einem leichten Ausfallschritt zur Seite, der sie einen Zehntelpunkt Abzug kosten wird.
»Ich kann dir helfen«, sagt Patrik.
»Wie willst du mir helfen?«, fragt Ada.
»Ich weiß, wie man sich vorbereiten muss. Wenn ich was kann, dann trainieren.«
»Aber doch nicht Turnen!«
»Turnen ist nicht nur hier«, sagt er und umfasst Adas Bizeps mit der rechten Hand, »sondern auch hier.« Er macht eine Faust und klopft mit den Knöcheln gegen ihre Stirn, streicht seiner Tochter über den Kopf, bis sie sich gegen ihn lehnt, bereits jetzt erschöpft von dem Wettkampf, den sie in einem Jahr turnen soll. Nach ihrem Sprung posiert Carla, die Arme erhoben, vor dem Kampfgericht und wartet auf ihre Wertung. Strahlend steht sie im Licht und wirft einen Schattenbalken, Schattenholme auf dem Boden, die riesigen Schatten der Fensterkreuze.
Sie beginnen am nächsten Samstagvormittag mit dem Training. Er hat Mühe, Ada aus dem Bett zu schaffen, wie eine Larve aus ihrer Hülle muss er sie aus der Decke schälen und in die Küche scheuchen, beim Frühstück zupft sie winzige Stücke vom Toast, kaut jedes einzeln. So isst sie, lernt sie, zieht sie sich an, so packt sie ihre Sachen fürs Training, wartet, bis Patrik schon in der Tür steht, und stopft erst dann den Turnanzug, das Handtuch, die Wasserflasche in einen Beutel, muss auf der Straße noch einmal zurück, weil sie ihre Bandagen vergessen hat. Es ist wenig Verkehr, sie fahren schweigend, finden nur langsam in den Tag. In der Sporthalle am Lokstedter Steindamm ziehen sie sich in getrennten Kabinen um. Alter Schweiß, Leder, Schimmel. An Patriks Unterarmen stellen sich die Härchen auf, der Geruch holt alles hoch, Erinnerungen aus der Magengrube, wie er vornübergebeugt auf der Holzbank sitzt und um Atem ringt, über Wochen die Ausbreitung eines Wasserflecks an der Decke beobachtet, Matteo Kaller am Hosenbund an einen Kleiderhaken hängt. Tausende Stunden hat Patrik in solchen Davor- und Danachräumen verbracht, als Kind, als Teenager, als Mann, Holzpaneele an den Wänden, die Böden aus welligem Linoleum. Das Eigentliche fand dazwischen statt, die Trainingseinheiten, die seinen Körper veränderten, die Wettkämpfe, von denen er heute noch zehrt, und doch gehörten die Kabinen nicht weniger zu seinem Leben als der Ring und die von Weitenlinien durchzogenen Rasenflächen. Langeweile und Angst hat er in diesen Räumen empfunden, Abscheu und Euphorie. Er nimmt seine Klamotten aus der Tasche, riecht den Kleiderschrankmuff, kurze Sporthosen und ein Muscleshirt, die er seit Jahren nicht getragen hat. Barfuß betritt er die dunkle Halle, findet nach einigem Tasten den Lichtschalter, wie Korffmacher es bei der Schlüsselübergabe beschrieben hat, links an der Wand neben dem Tor zum Gerätelager. Korffmacher, der Hausmeister und Kumpel eines Arbeitskollegen: »Ich hab dich damals werfen sehen, weiß ich noch genau, gegen den Alekna, richtig? Ich hab geglaubt, den packst du noch, hab ich wirklich geglaubt, im letzten Versuch. Der sah nach Gold aus. Hab dich noch genau vor Augen, wie du dem Wurf nachgesehen hast, hast es selbst geglaubt, oder? War ein Wahnsinnsding, eigentlich unmöglich, dass der nicht gereicht hat. Ja, scheiße. Aber egal, ist lange her. Hast deinen Moment gehabt, kann auch nicht jeder von sich behaupten.«
Auch fünfzehn Jahre nach den Olympischen Spielen in Athen gilt Patriks Name bei einigen noch etwas, nur deshalb hat er den Schlüssel bekommen. Mit einem elektrischen Summen springen die Leuchtröhren an, und er steht für einen Moment blind auf dem kalten Boden, das Licht kaum weniger kalt, fast weiß, als er die Augen langsam öffnet. Die leere Halle am Morgen, auch das eine Erinnerung: als Erster kommen, weit vor allen anderen, die Gewichte über die Schmerzgrenze stemmen und reißen, endlose Wiederholungen in der Stille, kein Geräusch bis auf die kreischenden Maschinen und den eigenen schweren Atem. Er tritt auf der Stelle, dann öffnet er das Tor zum Geräteraum, zieht einen Mattenwagen heraus.
»Das sind die falschen«, sagt Ada.
»Es gibt falsche Matten?«
»Ja.«
Sie zeigt ihm die richtigen, zeigt ihm, wo der Schwebebalken steht und wie man ihn aufstellt, wie man ihn sichert und Matten über die seitlich abstehenden Füße legt, um sich bei einem Sturz nicht daran zu verletzen. Dann stemmt sie sich hoch, schwingt die Beine auf den Balken, setzt die Füße hintereinander.
»Musst du dich nicht erst aufwärmen?«, fragt er.
»Mach ich gleich.«
Die Arme ausgebreitet, steht sie lang und schlank über ihm. Sie lacht ihn an, dann dreht sie den Kopf und macht zwei Schritte, schwankt leicht, geht in die Knie und setzt zum Sprung an, springt, die Arme noch immer gestreckt, rutscht bei der Landung mit dem rechten Fuß ab und hält sich gerade so, richtet sich auf, geht weiter. Patrik folgt ihr auf gleicher Höhe, spürt das Adrenalin bei jedem ihrer Wackler, bei jedem unsicheren Schritt als heiße Welle in seinem Körper. Fast wünscht er sich, sie würde fallen, nur damit er tun kann, was er ihr Leben lang getan hat: Ada auffangen und heil wieder absetzen, wenn sie vom Klettergerüst in seine Arme stürzte, halb im Spiel, zur anderen Hälfte die Welt darauf testend, ob sie halten würde, so wie er es ihr versprochen hatte.
Vom Klettergerüst.
Von der Mauer, auf der sie balancierte.
Von ihrem Fahrrad.
Aus einer Hochstimmung am Morgen in eine tiefe Traurigkeit am Nachmittag, weil sie in der Pause von ihrer besten Freundin aus dem Kreis der galoppierenden Mädchen ausgeschlossen worden war, den Parcours nicht reiten durfte, den sie gemeinsam mit Stöcken und Steinen gebaut hatten.
Er hat Ada so oft fallen sehen.
Aus größerer Höhe als jetzt, wenn er ihr erklärte, dass sie noch einmal umziehen würden, und sie im Einkaufszentrum oder auf dem Spielplatz ganz plötzlich verstummte, eine anhaltende Stille, auch dann noch, als er sie zum Gehen überredet hatte. Auf dem Nachhauseweg seine Hilflosigkeit, weil er nicht wusste, wie er sie trösten sollte, und einfach irgendetwas erzählte, über die Dinge, die zu sehen waren, die Tiere, die ihnen auf ihrem Weg begegneten.
»Da oben, das sind Schwalben, die schnappen sich die Mücken aus der Luft, und wenn sie tief fliegen, also ganz dicht über unseren Köpfen, dann gibt es Regen, dann müssen wir rennen, damit wir nicht nass werden.«
Adas Blick folgte dem Flug der Vögel, gerade Linien und weite Kurven, ein plötzliches Absacken, als stürzten sie in ein Luftloch, bevor sie sich knapp über dem Boden wieder fingen und aufstiegen. Der Himmel war voll von ihnen, Schwalben und Amseln und Krähen, dazu die Kondensstreifen der Flugzeuge. Auf der Erde die Insekten: Ameisen, Marienkäfer, Feuerwanzen. Kleinigkeiten, die Ada ohne ihn nie entdeckt hätte. Er ging in die Knie und fasste sie an den Schultern, sah ihr fest in die Augen, erzählte von dem Pferd, das ihn abgeworfen habe und auf das er sofort wieder aufgestiegen sei, um der Angst keine Zeit zu geben, sich einzunisten. Ob sie wisse, was nisten bedeute? Ein Nest bauen.
Die Angst solle kein Nest in ihr bauen.
Auf dem Balken schwankt Ada nach rechts, und Patrik packt ihre Hand, hält sie fest, gegen ihren Willen. Noch immer greifen die alten Reflexe, noch immer verschwinden die Dinge, sobald er die Finger um sie schließt. Ada, ein winziges Etwas, als die Hebamme sie ihm nach der Geburt zum ersten Mal in die Arme legte. Damals erschrak er darüber, wie klein sie war, fürchtete seinen Instinkt, die Dinge weit von sich zu schleudern, an die siebzig Meter, die Wilkins als erster Mann 1976 in San José geworfen hatte. Im Kreißsaal betrachtete Patrik seine Tochter, ihre blauen, zu Schlitzen verengten Augen, vertraute seiner Impulskontrolle nicht und gab sie schnell der Hebamme zurück. Einmal aktiviert, liefen die über Jahrzehnte eintrainierten Beugungen, Streckungen und Rotationen automatisch ab, die Muskeln taten, was sie sollten, ohne zu denken, es war Voraussetzung, dass er nicht dachte, den Körper ohne Bewusstsein agieren ließ. Noch heute erwacht er manchmal aus einem System, das er im Traum geworfen hat, um die Längsachse drehend, den überstreckten Wurfarm zunächst flach, dann deutlich ansteigend führend. In ihrer Genauigkeit übertreffen die Muskelerinnerungen sein Gedächtnis bei Weitem. Er weiß nicht mehr, wie lange er Ada nach der Geburt wirklich gehalten hat, ob sie in seiner Hand still lag oder schrie. Seine Muskeln dagegen erinnern sich noch, wie er am nächsten Tag im Training geflogen war. Eine Leichtigkeit, die er danach nie wieder gespürt hat, die Schwerkraft aufgehoben. Vater, ein nicht zu begreifendes Wort. Einhundertachtzehn Kilo wog er damals auf zwei Meter drei, neun Prozent Körperfett. Auch darin trügt ihn seine Erinnerung nicht, in den Parametern seines Körpers und seiner Leistungsfähigkeit, die er elf Jahre nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn noch zu einem exakten Bild zusammenfügen kann. In den Wochen nach Adas Geburt erreichte er Bestwerte in der Maximalkraft des Schultergürtels und der unteren Extremitäten, Explosiv- und Wurfkraft der Streckerkette lagen im oberen Bereich. Lediglich in der Rumpfkraft wies er Defizite auf. Er arbeitete intensiv dagegen an, Seitneigungen, Roll-outs, einbeinig gestrecktes Kreuzheben. Bei den Curls, wenn ihn das Gewicht nach oben zog und er keine Wiederholung mehr zu schaffen glaubte, überkam ihn ein solches Glück, dass er am Kabelzug hängend zu lachen anfing, sich fallen ließ in die dunkel glänzende Tiefe von Adas Augen, die sie inzwischen geöffnet hatte. Ein weiterer Curl, eine letzte Rotation an der Langhantel, bevor er endgültig zusammenbrach. Die Lust an der völligen Erschöpfung war noch da, aber sie überwältigte ihn nicht mehr. Ein kleiner Rest Energie blieb ihm, wenn er vom Training nach Hause kam, oder wurde ihm dort verliehen, im Wohnzimmer, wo Kara mit Ada auf dem Arm im Lichtschein der Stehlampe saß, die Lider geschlossen, regungslos bis auf ihren linken Daumen, der sanft Adas winzige Hand streichelte. Patrik blieb stehen und sah sie an, seine Frau und sein Kind, spürte das schlechte Gewissen des Abwesenden, der morgens ging und abends zurückkam und sich dazwischen nur vorstellen konnte, wie anstrengend das Leben für Kara sein musste. Schlafmangel, unruhige Nächte, die ungewohnten, asymmetrischen Haltungen. Mit der schreienden Ada über der linken Schulter sah er Kara am Herd stehen, wie sie mit der rechten Hand an einer Pfanne rüttelte, sich mit Ada an der Brust nach dem Spucktuch bückte, das auf den Boden gefallen war. Vom Stillen bekam sie Rückenschmerzen, bewegte sich abgehackt. Langsam, nachdem sie erst eine Weile starr vor der Wiege gestanden hatte, beugte sie sich über Ada, wehrte ihn ab, wenn er ihr zu Hilfe kommen wollte, I got to do this, sagte sie und nahm Ada hoch, setzte sich, die Knie in Zeitlupe beugend, in den Sessel, um sie zu stillen, saß danach aufrecht da, drehte den Kopf Millimeter für Millimeter in seine Richtung. Er ging zu ihr und küsste sie, nahm ihr Ada ab, obwohl er selbst todmüde war. Jener Rest Energie, er war gerade genug, um seine Tochter auf einer Decke abzulegen und Nudeln zu kochen, am Küchentisch zu essen, Ada neben sich, während Kara im Schlafzimmer schlief. Wenn der Tag zu viel für sie gewesen war, übernahm er die Nacht, fütterte Ada mit Karas abgepumpter Milch, trug sie durch die Wohnung, bis sie eingeschlafen war. Das kleine Leben auf seiner Schulter zuckte und schnaufte, lag plötzlich beängstigend still, sodass Patrik stehen blieb und ihm nachhorchte, bis er ein leises Zittern spürte. Er fürchtete nicht mehr, es wegzuwerfen, hielt es im Gegenteil eher zu fest und musste sich zwingen, die Hand zu lockern, damit es atmen konnte. Ada, bäuchlings auf seiner Brust, atmete. In manchen Nächten schlief sie nur, wenn er mit ihr zurückgelehnt im Sessel saß, schrie bei jedem Versuch, sie in der Wiege abzulegen. Selbst die kleinste Bewegung störte ihren Frieden. Patrik, die Fernbedienung in der rechten Hand, schaute die Filme im Nachtprogramm ohne Ton, erratisches Flimmern an den Wänden, alle Handlungen irrational, weil er den Dialogen nicht folgen konnte und die Motivation der Figuren nicht verstand. Haltlos driftete er hinein und heraus. Trainingsbilder blitzten auf, einzelne Muskelpartien, wie mit Kontrastmittel eingefärbt, leuchteten überdeutlich in seinem Bewusstsein. Peking, in vierzehn Monaten. Das Nationalstadion befand sich kurz vor der Fertigstellung, the Bird’s Nest, ein Geflecht aus geschwungenen Streben und Membranfeldern, im Inneren Platz für einundneunzigtausend Menschen. Patrik visualisierte den Wettkampf, wie er es seit Athen unzählige Male getan hatte, Anschwung, Umsprung, Abwurf. Ein Zucken in seiner Hand schreckte Ada auf, und sie fing an zu wimmern, beruhigte sich erst wieder, nachdem er sie eine Weile durchs Wohnzimmer getragen hatte. Vorsichtig setzte sich Patrik in den Sessel zurück. Sofort waren sie wieder da, die Gedanken an den Zeitplan bis zu den Olympischen Spielen, die Sequenzierung des Trainings, an dessen Ende er auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit angelangt sein musste. 19. August 2008, 21 . 00 Uhr Ortszeit. Nur in den flirrendsten Momenten seiner Übermüdung sah Patrik über diesen Punkt hinaus, über den sechsten Versuch, hinter dem sein Leben ein freies Feld war, und er erkannte dort, auf freiem Feld, Kara, Ada und sich selbst, wie sie spazieren gingen, im Winter zwischen Schneewehen und aufgebrochenen Schollen, im Herbst mit einem Drachen, den er für Ada steigen ließ. Es waren wiederkehrende Bilder, den Jahreszeiten angepasst, ihrem Wesen nach gleich: seine kleine Familie unter freiem Himmel, erlöst von allen Zwängen, die er ihr mit seiner Besessenheit auferlegte. Kara, erlöst davon, allein für ihre gemeinsame Tochter verantwortlich zu sein, wie sie ihre Unbeschwertheit zurückerlangte und auf dem Weg über die Wiesen manchmal lächelte, die Hände tief in den Taschen ihrer Jacke, der Blick in die Ferne gerichtet, wo die dichten Wolken am Horizont aufzureißen begannen. Im Sommer lagen sie zu dritt auf einer Decke, Ada in der Mitte, stellten sich schlafend, bis Ada es nicht mehr aushielt und, von der Sonne gekitzelt, anfing zu lachen. Die Vogelschwärme im Frühling. Patrik zeigte nach oben, malte mit dem Zeigefinger die dreieckige Formation nach, in der die Kraniche hoch über ihnen dahinglitten. Ada, den Kopf im Nacken, staunte mit offenem Mund. Einmal sah er sie Steine vom Feld sammeln. Sie nahm nur die besonderen, glänzend weiße Kiesel oder solche, die mit kalkhellen Adern durchzogen waren, schleuderte die anderen mit einem derartigen Schwung in die Büsche, dass Patrik den Stolz im Magen auch dann noch spürte, als Ada auf seiner Brust erwachte und nach Karas Milch schrie. Es war die letzte, die sie je von ihrer Mutter bekommen würde, und Ada trank schnell, fast gierig, schluchzte, während sie trank, eine Ahnung vielleicht, obwohl die Fernsehbilder an den Wänden flackerten wie immer.
Patrik machte Frühstück.
Er schnitt Obst und kochte Haferflocken, presste Orangen aus, nahm seine Tabletten. Gerade stieg der Tag über die Häuser auf der anderen Straßenseite, und er sah eine Weile zu, wie der Himmel seine Farben änderte, auf eine hellsichtige Art übermüdet, weil er Ada erst spät in ihrer Wiege im Wohnzimmer hatte ablegen können, wo sie auch jetzt noch schlief. Auch Kara war noch nicht wach. Patrik würde sie schlafen lassen, solange es ging. Jede Minute war wertvoll, er kannte es von sich selbst, das unerwartete Glück, wenn er aufwachte und auf dem Radiowecker erkannte, dass er eine halbe Stunde über seine eigentliche Zeit hinaus geschlafen hatte, die Dankbarkeit, dass Kara ihn hatte schlafen lassen, die Verpflichtung, etwas mit jener zusätzlichen Energie anzufangen, die er nach den geschenkten Minuten in sich spürte. Er setzte Kaffee auf, lauschte dem Gurgeln der Maschine, widerstand der Versuchung, zu schnell, zu heiß zu trinken, setzte sich mit der Tasse an den Tisch. Zwei Trainingseinheiten lagen vor ihm, vormittags Schnellkraft, nachmittags Technik. Noch schienen sie ihm unvorstellbar weit entfernt, unvorstellbar, seinen von der Nacht gelähmten Körper durch die Wiederholung verschiedener Sets an seine Grenze zu führen, aber Patrik wusste, dass es gehen würde. Im Bad putzte er sich die Zähne, Karas Zahnbürste fehlte, dann zog er sich an und packte seine Tasche, holte die Trainingsklamotten vom Balkon und die Schuhe aus dem Regal. Karas Jacke fehlte. Er suchte unter den anderen Jacken, hob sie an und schob sie zur Seite, Karas Mantel fiel herunter und blieb liegen. In der Schale, in der das Kleingeld und die Schlüssel lagen, fehlte ihr Schlüssel. Patrik öffnete die Schlafzimmertür. Das Bett war gemacht, die Tagesdecke faltenfrei und parallel zum Holzrahmen aufgezogen. Licht fiel in einem breiten Korridor durch die geöffneten Vorhänge, im Halbdunkel der Kleiderschrank und sein Nachttisch, darauf Taschentücher, Pillendöschen, ein Wasserglas, auf Karas Seite der Murakami, den sie gerade las, und in einem Silberrahmen das Foto von Ada, eine halbe Stunde nach ihrer Geburt.
Kara fehlte.
Patrik atmete tief und regelmäßig, schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder. Kara machte einen frühen Spaziergang (wozu dann die Zahnbürste?). Kara hatte eine Nachricht erhalten (von wem?) und musste wegen eines Notfalls für ein paar Tage weg (wozu dann die Heimlichkeit?). Sie hatte ihn im Wohnzimmer schlafen lassen wollen (warum dann kein Zettel?), würde ihn gleich anrufen (warum nicht längst?) und ihm sagen, wann sie zurückkäme (wann?). Er ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank, sah, dass sie keine weitere Milch abgepumpt hatte. Ada musste gestillt werden, warum also die Zahnbürste? Patrik nahm sein Handy und rief Kara an, Mailbox, ging ins Bad und suchte im Mülleimer nach der Zahnbürste, durchsuchte den Mülleimer in der Küche und den Papierkorb im Wohnzimmer, wählte noch einmal Karas Nummer. Der Teilnehmer sei zurzeit nicht erreichbar. Er hinterließ keine Nachricht, legte auf, rief sofort wieder an, sprach nach dem Signalton.
»Hey, ich frage mich, wo du bist, ruf doch kurz zurück, ich muss gleich zum Training und …«
Im Wohnzimmer fing Ada an zu schreien. Patriks Magen zog sich zusammen, und er lief zu ihr, nahm sie hoch und drückte sie an sich, trug sie durch die Wohnung, während er noch einmal vergeblich Karas Nummer wählte. An seiner Schulter bäumte sich Ada gegen seine große Hand. Er versuchte, sie mit Sch-Lauten zu beruhigen, brummte Lieder, Bruchstücke davon, legte sie auf ihre Spieldecke unter den Bogen mit den baumelnden Tieren, tippte den Affen an. Ada, die Augen zusammengekniffen, schrie sich in Rage. Er tippte den Löwen an, tippte das Flusspferd an, ein plumpes, fast rundes Tier, tippte den Elefanten an, nahm Ada, nachdem alle Tiere wieder still hingen, hoch und trat mit ihr ans Fenster.
Sie musste trinken, und er hatte nichts.
Auf der Straße der anschwellende Pendelverkehr, Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit. Ohne Mittel gegen den Hunger seiner Tochter hätte er irgendjemand sein können, eine beliebige Person dort unten in der Schlange der Autos, ein Fremder für dieses Kind, das ihm gegen seinen Willen in den Arm gelegt worden war. Im Licht, das durchs Fenster und die Balkontür fiel, tanzte der Staub fast schwerelos, darin die Versuchung, abzuwarten und die Schreie auszuhalten, bis Ada vor Erschöpfung wieder eingeschlafen wäre. Noch einmal rief er Kara an, dann trug er Ada zum Wickeltisch im Bad, zog sie in einem langen, erbitterten Kampf aus, wickelte sie, zog sie an. Ada wand sich, trat, zappelte. Wieder nahm er sie hoch und drückte sie an sich, flüsterte ganz nah an ihrem Ohr, bis sie kurz ihr Toben unterbrach und zuzuhören schien, für einen Moment beruhigt, als er das Wesentliche noch einmal wiederholte:
»Ich bin bei dir, alles wird gut.«
Mit Ada im Maxi-Cosi fuhr er in die Drogerie, um Milchpulver zu besorgen. Die Kundinnen drehten sich zu ihm um, sahen, was er selbst in allen spiegelnden Flächen sah: ein monströs Großes und ein verschwindend Kleines, das Kleine gegen sein Verschwinden anschreiend, das Große in seiner Monstrosität fast lächerlich, wie ihm nichts Besseres einfiel, als das Kleine in seiner Schale hin- und herzuschwenken und ihm mit seiner riesigen Hand immer wieder über das Gesicht zu streichen. Auf der Rückfahrt dämmerte Ada kurz weg, schreckte umso heftiger hoch, als er sie abschnallte und im Maxi-Cosi aus dem Wagen hob. Natürlich die Hoffnung, dass Kara zurück wäre, als er die Wohnung betrat. Er rief ihren Namen in den leeren Flur, lauschte mit wild schlagendem Herz, weil er die Konfrontation fürchtete, die auf eine Antwort folgen musste, Vorwürfe und Rechtfertigungen, irgendeine Art von Versöhnung, so hoffte er, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was um alles in der Welt Kara würde vorbringen können, um ihn zu besänftigen.
In der Küche bereitete er die Milch entsprechend der Packungsaufschrift zu. Er kochte Wasser im Wasserkocher, gab fünf gestrichene Messlöffel Milchpulver in eine Flasche, wartete, bis das Wasser etwas abgekühlt war, und füllte die Flasche auf zweihundert Milliliter auf. Beim Schütteln fühlte sie sich viel zu heiß an, also ließ er kaltes Wasser ins Spülbecken und hielt die Flasche hinein. Ada schrie, während das kalte Wasser seine Finger betäubte, sein ganzes Empfinden betäubt von dem Gedanken, dass seine Tochter kein Teil von ihm war. Sie existierte nur für sich, erlebte ihr eigenes Leid, von dem er sich lediglich einreden konnte, er spüre es selbst. Dabei spürte er keinen Hunger. Spürte Kara nicht, wie Ada es tat, als eine Mutter, die nicht da war, spürte nicht, auf dem Rücken liegend, die Welt als eine Leere über sich, in der Karas Gesicht wie ein Himmelskörper hätte schweben sollen. Als er sich über sie beugte, war er sich der Enttäuschung bewusst, die er seiner Tochter bereitete. Er bemühte sich umso mehr, sprach umso zärtlicher, hielt sie im Sessel umso sanfter mit der linken Hand, während er mit der rechten die Flasche an ihre Lippen führte.
»Jetzt wird alles gut, meine Kleine.«
Ada verstummte und nahm den Sauger in den Mund, Patrik lächelte sie an, Ada warf sich zurück. Fast rutschte sie ihm vom Arm, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt, aus ihrem Mund ein Brüllen, dem er nichts entgegenzusetzen hatte. Kein Wort, keine Geste.
Ada trank nicht.
Sie trank nicht, nachdem er den Sauger ausgetauscht hatte, trank auch die andere Sorte Pre-Milch nicht, die er in der Drogerie gekauft hatte und mit zitternden Händen zubereitete, trank nicht mit Musik und nicht, als er den Sessel vorschob und sich mit ihr vor den Fernseher setzte. Er versuchte es mit verschiedenen Temperaturen und Orten, in der Küche auf einem Stuhl, im Schlafzimmer auf dem Bett, kühlte die Milch herunter und erhitzte sie deutlich über Körpertemperatur, machte eine Pause und trug Ada durch die Wohnung, setzte sich wieder in den Sessel, flehte sie an.
»Bitte, trink doch.«
Er träufelte einen Tropfen Milch auf seinen kleinen Finger und schob ihn vorsichtig in Adas Mund. Sie saugte daran, und ihre Därme lösten sich schmatzend, er spürte es an der Hand, roch es eine Sekunde später. Eine Weile saßen sie so da, im Fernseher die grellen Fetzen eines Cartoons, an den Wänden Licht, Unmengen von Licht, die ungehindert durch die Scheiben fluteten.
Nach dem Wickeln fiel Ada in einen unruhigen Schlaf. Er legte sie in der Wiege ab und verließ das Wohnzimmer, wählte im Flur vergeblich Karas Nummer, hob ihren Mantel auf und hängte ihn an die Garderobe. Danach sprach er Torsten auf die Mailbox und entschuldigte sich dafür, dass er beim Training gefehlt hatte. Er werde morgen wieder da sein, spätestens übermorgen, wahrscheinlich morgen, ganz sicher.
Morgen.
Seine Gedanken eilten voraus, über die Nacht hinweg in den nächsten Tag, Karas Schritte im Flur, das leise Schließen der Wohnungstür, wie sie die Jacke an die Garderobe hängen und die Tür zum Wohnzimmer einen Spalt öffnen würde, ihr schmales Gesicht körperlos schwebend in der Dunkelheit des Flurs. Patrik wollte dort verweilen: im Moment ihrer Rückkehr, den er sich ganz unmittelbar vorstellte, frei von allem, was geschehen war und geschehen würde, sodass er weder Angst noch Wut empfand, sondern nur grenzenlose Erleichterung. Es gelang ihm nicht; seine Gedanken hetzten weiter, geradlinig wie Hunde auf der Spur der nächsten Tage, das Training, das er verpassen würde, Adas Dahinschwinden, Krankenhausflure und Behandlungszimmer, eine Sonde in ihrem Magen, ein Schlauch in ihrem Arm, die Gedanken überschlugen sich beinahe so kurz vor dem Ziel, aber Patrik riss sie zurück, versagte ihnen, was er nicht denken wollte und trotzdem ein einziges Mal dachte. In der Küche schenkte er sich ein Glas Wasser ein. Auf eine einfache, kindliche Art wollte er die Lippen fest zusammenkneifen, wollte nicht trinken, wenn Ada nicht trank, wollte sich weigern, wie sie es tat, wenn er sonst schon nichts tun konnte. Ein Verrat, das Glas anzusetzen und in einem Zug zu leeren. Er stellte es auf der Arbeitsplatte ab, zuckte vor dem Klirren zurück. Alle Geräusche verwiesen darauf, dass Ada gerade nicht schrie, ein Zustand, der ihm schon nach diesen wenigen Stunden unnatürlich vorkam. Die Krankenhausbilder kehrten zurück, verstummt die Maschinen, schweigend die Ärzte, Ada in ihrem Bett, von allen Schläuchen befreit. In der Stille der Wohnung spürte Patrik die Verantwortung, seine Tochter am Leben zu halten. Er setzte sich zu ihr an die Wiege und überwachte die Signale, ihren Brustkorb, der sich kaum wahrnehmbar hob und senkte, ihre Augäpfel hinter den fast transparenten Lidern.
Am frühen Nachmittag trank Ada zwanzig Milliliter.
Nachdem sie aufgewacht war und eine Stunde gebrüllt hatte, Arme und Beine zuckend in der Luft, als würde sie fallen, die Milch in allen Varianten verweigert hatte, sich gewunden und aufgebäumt hatte gegen alles, was er versuchte, zunehmend heiser, zunehmend panisch in ihrer Spirale aus Hunger und Verzweiflung, austrocknend, auf der Zunge ein weißlicher Belag, den er nicht kannte, gab Ada plötzlich auf und trank. Patrik küsste ihre Stirn, während er die Flasche hielt und mit geschlossenen Augen dem Sauggeräusch lauschte, lobte sie flüsternd, so ist gut, meine Kleine, so ist es ganz gut, öffnete die Augen, nickte ihr zu. Das Glück der zwanzig Milliliter durchströmte ihn, als hätte er sie selbst getrunken. In seiner Euphorie weichten alle Verhärtungen gegen Kara auf, und er erinnerte sich daran, mit welcher Selbstverständlichkeit sie Ada direkt nach der Geburt gehalten hatte und wie Ada an ihrer Brust zur Ruhe gekommen war. Er dagegen blieb als Fremder im Hintergrund des Kreißsaals, stumm und zurückhaltend, um Ada nicht zu überfordern und weil er selbst in höchstem Maße überfordert war. Mit einem Blick lud Kara ihn ein dazuzukommen. Trotz der Schmerzen konnte sie schon wieder lächeln, lächelte, bis er neben ihr auf die Knie ging und seine Wange vorsichtig an Adas Rücken legte. Ihr Herzschlag war wie ein in die Luft geworfener Kolibri, frenetisch flatternd, obwohl sie selbst ganz still lag. Kara nahm seine Hand und führte sie zu Adas winzigen Fingern, die seinen kleinen Finger umklammerten, ein Reflex, den alle Neugeborenen besaßen, nichts weiter. Sie hielt ihn lange, ließ erst los, als er aufstand und zur Seite trat, damit die Hebamme Ada nehmen und vermessen konnte. Auf Karas Gesicht sah er den Trennungsschmerz. Sie hatte nie darüber gesprochen, was es für sie bedeutete, ein Kind zu bekommen, nur dass sie es von Anfang an wollte, unbedingt wollte, nachdem es nun einmal passiert war.
»It’s the right thing for us, trust me«, hatte sie gesagt.
»Du weißt, wie es bis Peking sein wird. Noch mehr als zwei Jahre.«
»I know, it’s gonna be hard. But it’s a good thing. The most beautiful thing. We’re gonna be a real Kleinfamilie.«
»Das sagst du jetzt. Aber was ist mit den Wettkämpfen, den Trainingslagern? Wenn ich weg bin, bist du mit allem allein. Ich kann mich nicht richtig kümmern, zumindest am Anfang nicht.«
»You’ll do just fine.«
»Vielleicht nicht gut genug.«
»As good as you can. As good as we can.«
Sie hatte seine Hände genommen und auf ihren damals noch vollkommen flachen Bauch gelegt, begegnete ihm mit einer solchen Klarheit, dass er seine Gedanken an eine Abtreibung nicht aussprach. Er dachte sie für sich, wenn er mit dem Fahrrad zum Training fuhr, niemals in Karas Anwesenheit, als täte er etwas Verbotenes, das sie ihm vom Gesicht würde ablesen können. Ein kurzer Eingriff, und alles würde so bleiben, wie es war. Ein kurzer Eingriff, aber kein kleiner, ein schwerer Eingriff in Karas Körper, um das beginnende Leben herauszuholen und zu beenden. Im Stadtwald betrachtete er die Kinder, die ihm entgegenkamen, fragte sich, wann das Leben in Karas Gebärmutter zum Kind werden würde, ab welcher Größe, ab welcher Komplexität, welche Organe und Körperteile sich ausbilden mussten, damit er es nicht mehr als etwas Allgemeines wahrnehmen, sondern seine Einzigartigkeit erkennen würde. Eine Hälfte von ihm, eine von Kara, ein Gesicht mit unverwechselbaren Zügen, weil Karas und seine Gene sich zu einem neuen Menschen entschlossen hatten. Er wusste es theoretisch, fühlte es nicht. Brauchte er einen Kosenamen, wie Kara ihn ständig benutzte? Jelly bean. Kleine Bohnen aus Zucker, Stärke, Aromen und Farbstoffen, die sie abends vor dem Fernseher in einer festen Reihenfolge aus der Tüte aß, Buttered Popcorn, Lemon, Cotton Candy, Grape, bis diese vier Sorten aufgebraucht waren, danach alle roten, Strawberry Cheesecake, Very Cherry, Hot Cinnamon, Red Apple, danach die grünen, blauen, gelben, zuletzt, fast widerwillig, die braunen und schwarzen, Chocolate Pudding, Cappuccino, Liquorice.
Unablässig lagerten sich die Zellen in Karas Gebärmutter an. Wenn man das Leben rechtzeitig aus ihr herausholte, würde es keinen Raum in der Welt einnehmen, Karas Bauch würde nicht wachsen, die Proportionen ihrer Beziehung blieben erhalten. Ein kurzer, aber schwerer Eingriff. Mit jeder Fahrt zum Training war der Tag näher gerückt, ab dem er gesetzlich nicht mehr erlaubt sein würde, und Patrik war zugleich darauf zu und davon weggefahren, hatte sich nach der Endgültigkeit gesehnt und sie zugleich gefürchtet, weil sie unumkehrbar nur in eine Richtung wies. Im Sessel sitzend, betrachtete er seine Tochter. Aus ihrem Mundwinkel lief Milch, ein dünner Faden, kaum wahrnehmbar auf der blassen Haut, antrocknend, noch bevor er das Kinn erreichte. My little bean, she’s gonna be fine, we’re gonna be fine, don’t you worry ’bout a thing.
Sie kämpften sich durch den Nachmittag und den Abend in die Nacht.
Nach den zwanzig Millilitern schrie Ada noch hysterischer als zuvor, unterbrochen von kurzen delirierenden Phasen, in denen sie die Lippen fest zusammenpresste und den Kopf mit geschlossenen Augen immer wieder von rechts nach links warf. Das Wenige war zu viel gewesen und davon viel zu wenig. Mehrfach machte Patrik neue Milch und schüttete sie, nachdem Ada sie verschmäht hatte, in die Spüle, beobachtete die Schlieren im Ausguss, spülte mit Wasser nach, das er viel zu lang laufen ließ. Eine weitere Verschwendung nach der Milch. Für eine Sekunde erlaubte sich Patrik seine Erschöpfung, hielt die Hand unter den dichten Strahl, bevor er sie wegzog und das Wasser abstellte. Aus der nächsten Flasche trank Ada fünfzehn Milliliter. Vom Glück, das er auch diesmal empfand, war die Euphorie schon abgeschliffen, ein nüchternes Glück, in dem er Ada viel klarer erkannte, ihre Wange streichelte, ihre Stirn küsste. Wie ein Versprechen lag Karas Gesicht unter ihren Zügen, die Ähnlichkeit so offensichtlich, dass Karas Mutterschaft nie in Zweifel stehen würde, während er selbst nur behaupten konnte, Adas Vater zu sein. Undeutlich erkannte er sich in ihren Augen, eine Spiegelung, die verschwinden würde, sobald er sich aus ihrem Blickfeld entfernte. Also entfernte er sich nicht. Wiegte sie im Arm und sang ihr Lieder, wickelte sie, zog sie an für die Nacht. Auf der Schulter trug er sie durch die Wohnung, bis sie eingeschlafen war. Die Räume lagen im Dunkeln, eine Stille im ganzen Haus, keine Musik, keine zu laut gestellten Fernseher, keine Nachbarn, die polterten oder einander anschrien. Patrik setzte sich in den Sessel und legte Ada auf seinen Bauch, atmete regelmäßig im Rhythmus ihres Schlafes. Erst jetzt spürte er, dass er nicht trainiert hatte. Unter der Haut lagen die Muskeln hellwach, über sechshundert Tierchen, nervös, kauernd, vor Unruhe kribbelnd, weil sie nicht wie gewohnt gefordert worden waren. Bei den nächsten Tests am Freitag würde er erfahren, was ihn dieser Tag gekostet hatte. Karas Abwesenheit würde sich als einbrechende Kurve in den leistungsdiagnostischen Diagrammen zeigen, eine Evidenz in den Daten auf Torstens Laptop, auch dann noch nachvollziehbar, wenn Kara längst wieder zurückgekehrt war.
Er schaltete den Fernseher an, stellte den Ton so leise, dass er die Stimmen gar nicht und die Musik nur als Wechsel zwischen tief tönenden Bässen und klirrenden Höhen wahrnahm. In den Hyperschlafkammern an Bord der Nostromo erwachte die Besatzung, während Patrik Mühe hatte, die Augen offen zu halten, und immer wieder wegdämmerte, hochschreckte, überwältigt von der Fremdheit der außerirdischen Strukturen. Unter einer bläulichen Dunstschicht schienen die Eier zugleich fossiliert und fleischig, eingehüllt von dicken Schleimhäuten, die sich wie Blüten zum Licht öffneten. Er kannte den Film, Alien, kannte Ripley, und doch blieb sie ihm fremd, vielleicht, weil sie ganz anders war als Kara. Schwarze Locken, ein hartes, kantiges Gesicht. Nur ihre Ausgestoßenheit ging ihm nah. Allein mit dem Organismus, im All treibend unter der Aufsicht von Mutter. Ada regte sich auf seiner Brust, und er streichelte sie entlang des Rückgrats, fürchtete im Halbschlaf, die Wirbel könnten sich im Schwanz fortsetzen, mit dem der Organismus seine Bewegungen stabilisierte und sich an der Decke hielt, bevor er auf Ripley herabstürzte. In den Schächten der Nostromo war das Licht nur ein schwacher Trost. Draußen war es dunkel, und Ada lag wieder ruhig, still treibend das Schiff in der unendlichen Schwärze.
Jeden Samstag gehen sie jetzt in die Halle, bauen zunehmend sicher die Geräte auf, brauchen keine Worte, um den Barren aufzurichten und die Bodenmatten wie ein Puzzle zusammenzulegen. Sie laufen, springen, dehnen die hinteren Oberschenkel, kommunizieren durch die Kraftübungen, die sie machen, manchmal ein Lächeln, die schnaufend ausgestoßene und eingesogene Luft. Sie brauchen kein Wort, um die Planke zu beenden, nur ein Signal, fünf Finger, die Patrik im Sekundentakt herunterzählt. Ada sinkt auf den Bauch, legt die Wange auf die Matte. »Und das hast du früher jeden Tag gemacht?«, fragt sie.
»Zwei Mal am Tag. Und zehn Mal so viel.«
»Das könnte ich nicht.«
»Das musst du auch nicht.«
Einander zugewandt teilen sie ihre Erschöpfung, das gleiche Brennen in der Muskulatur, die gleiche Sehnsucht, liegen zu bleiben und die Augen zu schließen, bevor sie sich hochstemmen und an die Geräte gehen. Von Carlas Mutter hat Ada Anweisungen bekommen, an die sie sich sklavisch hält, sodass Patrik nichts anderes tun kann, als zuzusehen und sich die Zeit an den freien Geräten zu vertreiben. Ada turnt ihre Bodenübung, und er schwingt am oberen Holm des Stufenbarrens wie ein Sack hin und her. Er hat keine Scheu, sich lächerlich zu machen, auch so sprechen sie miteinander, indem er ihr zeigt, wie wenig er kann, am Barren, am Sprung, wo er den Bock umreißt, am Balken, auf dem er als Menschenaffe hockt und hilflos in die Tiefe starrt. Ada lacht und Patrik mit ihr. Er beugt sich vor, bis sein Oberkörper flach aufliegt, schlingt die Arme um den Balken und fühlt mit einem tastenden Fuß nach unten, lässt sich in Zeitlupe fallen, toter Affe, der weich auf der Matte landet. An der Sprossenwand macht er zwanzig Knieheben, dann geht er in den Liegestütz, dreißig Wiederholungen, absetzen, danach das Set noch einmal, noch einmal. Ein Geräusch lässt ihn aufhorchen, die knarzenden Federn des Sprungbretts. Ada ist schon am nächsten Gerät, während er schwer atmend auf dem Boden liegt, unfähig aufzustehen, weil sein Körper die Anstrengung nicht mehr gewohnt ist. In den letzten Jahren hat er nur sporadisch Sport getrieben, ist alle paar Wochen in die Schwimmhalle oder ins Studio gegangen, hat sich in diesen vereinzelten Momenten bis über die Schmerzgrenze gequält, ohne sie zu einer neuen Routine verstetigen zu können. Auf dem Hallenboden liegend, später auf der Bank, wenn er vorgebeugt sitzt und seine Unterarme auf den Knien abstützt, spürt er es deutlich: Er ist noch nicht hier. Er ist noch dort, steckt noch fest im Morast dieser letzten Jahre, muss sich herauskämpfen, mit Adas Hilfe, muss mit den Füßen strampeln.
Schon immer sind sie in verschiedenen Geschwindigkeiten an einem Ort angekommen. Normalerweise hängt Ada dem alten Leben etwas länger nach, vermisst die letzte Wohnung, die letzte Freundin, trägt ihre Wut und Traurigkeit in die gemeinsamen Tage. Dann tröstet er sie; er, der sich bisher immer schneller mit den neuen Begebenheiten arrangiert hat, weil er weiß, wie vergeblich die Vergangenheit ist. Was war, ist gewesen und kommt nicht wieder. Selektive Demenz. So hat Torsten die Notwendigkeit genannt, den letzten Wurf zu vergessen, um den nächsten unbelastet ausführen zu können:
Du bist dement.
Du hast Alzheimer.
Du nimmst die Scheibe wie beim ersten Mal und wirfst sie nach vorn, in die Zukunft.
Mit der flachen Hand beschirmt Patrik seine Augen gegen das Licht. Sie haben keine Eile, nach Hause zu kommen, duschen, ziehen sich um und essen eine Kleinigkeit zu Mittag, stehen knapp zwei Stunden nach dem Training wieder vor dem Haus und wenden sich nach links. Sie haben sich angewöhnt, an den ersten warmen Wochenenden in einer neuen Stadt zu Fuß in irgendeine Richtung zu gehen, den Straßen des Viertels zu folgen, in der erstbesten Eisdiele Himbeereis zu bestellen und es im Schatten der Markise zu essen. Auf umgedrehten Holzkisten sitzen sie und schauen die von der Frühlingssonne beleuchtete Straße hinunter in die noch fremde Nachbarschaft. Patrik tippt mit der Schuhspitze leicht gegen Adas Fuß, lächelt sie an.
»Besser als bei Di Marco, oder?«, sagt er. »Fruchtiger, nicht so künstlich.«
