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Die Brettln, die die Welt bedeuten Neben Wiener Schnitzel, Mozartkugel und Donauwalzer ist der Ski der Anker der österreichischen Identität. Doch lange bevor er zum Symbol der Alpenrepublik wurde, schrieb er eine Geschichte, die weit über die Grenzen von Sport und Tourismus reicht. Das Buch beleuchtet die Anfänge des Skis als Jagd- und Transportmittel, seine Rolle in Kriegen seit dem Mittelalter und die ersten Wettkämpfe im 19. Jahrhundert. Es zeigt, wie der Ski zum Träger von Körperkult, Technikfortschritt und dem aufkommenden Freizeitgedanken mutierte, in der Populärkultur Einzug hielt und schließlich von der nationalsozialistischen Propaganda instrumentalisiert wurde. Nach 1945 avancierte der Ski zum Herzstück der österreichischen Seele – und damit auch zu einem Mythos. Dieses Buch erzählt erstmals die Geschichte eines Kulturobjekts, das wie kein anderes der Spiegel unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist. - Erstmals: Eine Geschichte des Skis mit Blick über den Pistenrand - Das perfekte (Weihnachts-) Geschenk für alle, die gerne Ski fahren und an Alltagskultur interessiert sind - Informativ, pointiert und überraschend! - Mit historischen Abbildungen
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Markus Weiglein · Alexander Kluy
Impressum
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© 2025 Verlag Anton Pustet
5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Lektorat: Michaela Schachner, Markus Weiglein
Korrektorat: Arnold Klaffenböck
Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel
Cover: Luise Herke, Carlotta Hick
Auch als Hardcover erhältlich ISBN 978-3-7025-1171-5
eISBN 978-3-7025-8124-4
Mehr über unsere Autor:innen und Bücher:
www.pustet.at
Wir bemühen uns bei jedem unserer Bücher um eine ressourcenschonende Produktion. Alle unsere Titel werden in Österreich und seinen Nachbarländern gedruckt. Um umweltschädliche Verpackungen zu vermeiden, werden unsere Bücher nicht mehr einzeln in Folie eingeschweißt. Es ist uns ein Anliegen, einen nachhaltigen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz zu leisten.
Geschichte
Mythos
Identität
KLEINES WORT, GROSSE TRÄUME Ski oder Schi – (k)eine Frage der Rechtschreibung
DER SKI ALS ÜBERLEBENSFAKTORErste Spuren im hohen Norden
DER SKI AM SCHLACHTFELDMilitär und Macht
DER SKI UND SEINE INSTITUTIONALISIERUNG Nationalismus, Alpinismus und erste Wettkämpfe
DER SKI IM ZEICHEN DER TECHNISCHEN REVOLUTION Die Stahlsohlenbindung als Fundament einer ersten Blütezeit
DER SKI ALS TRÄGER DER SPORT- UND FREIZEITKULTURPopularisierung durch Medien, Aufstieg des Fremdenverkehrs
DER SKI ALS WERKZEUG DER NS-DIKTATURKörperkult und „Volksgemeinschaft“, Ausgrenzung und Opportunismus
DER SKI ALS ANKER DER ÖSTERREICHISCHEN SEELERot-weiß-rote Identitätspolitik, Wintertourismus und Hersteller
ABSCHWUNGDer Ski als Verwandlungskünstler
10SKI-SUPERLATIVE ZUM ANGEBEN
Endnoten
Literatur und Quellen
Bildnachweis
Wo liegt das Glück? Vielleicht dort, wo frischer Schnee unter den Kanten knirscht. Wo die Wintersonne weiße Hänge in flimmerndes Licht taucht und wir so frei wie unbeschwert unsere Schwünge ziehen. Wo der pfeifende Fahrtwind jede rasante Abfahrt in einen Rausch der Sinne verwandelt.
Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass er für viele von uns mehr ist als nur ein Sportgerät: Der Ski steckt voller Magie. Als Schlüssel zu uns selbst ermöglicht er es, emotionsgeladene Erinnerungsräume zu betreten: klamme Finger, kalte Nasen, heiße Kakao-Tassen, die ersten Kurven im Pflug, der Skiurlaub mit den Eltern. Für viele von uns ist er damit auch ein Stück Identität und Geborgenheit, aber auch ein Ausdruck von Lebensfreude und Abenteuerlust.
In den Herzen und der Geschichte der Menschheit hat er also tiefe Spuren hinterlassen, der Mythos Ski. Oder doch der Schi? „Am Anfang war das Wort“, heißt
es sinngemäß gleich zu Beginn des Johannesevangeliums. Doch wie sind die beiden Brettln, die für so viele von uns noch immer die Welt bedeuten, eigentlich zu schreiben? Die kurze Antwort: Es geht beides – sagt zumindest der Duden. Wer aber tiefer in die Materie eintaucht, merkt schnell, dass diese kleine Frage große Identitätsdebatten berührt. Und jene begleiten auch die Geschichte des Skis.
Ursprünglich stammt der Begriff „Ski“ aus dem Altnordischen, wo er als „skíð“ (ausgesprochen als „skith“, mit englischem „th“ am Ende) bezeichnet wurde. In den norwegischen Regionen wandelte sich die Aussprache zum heutigen „schi“ – geschrieben allerdings als „ski“.1 Im Deutschen ist er sogar mit dem Wort „Scheit“ verwandt, was seine Wurzeln im Indogermanischen hat und „spalten“ meint. Denn genau das haben unsere Vorfahr:innen gemacht: Sie spalteten Baumstämme mit Steinbeilen, um sich mit diesen Brettern unter den Füßen durch die Winterlandschaft zu kämpfen.2
Die Schreibweise, weniger die Aussprache, war lange keine Nebensache, sondern ein echtes Politikum. Als sich die ersten Ski-Verbände bildeten, entschieden sich die meisten gegen das bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend altbacken wirkende „Sch“. So legte die 1924 in Chamonix gegründete Fédération Internationale de Ski (FIS) die französische und englische Schreibweise „ski“ als Standard fest3 – klingt ja auch viel weltgewandter.
Doch dann kamen die Schergen des NS-Regimes und mit ihnen der Hang zur sprachlichen „Reinheitslehre“. Anfangs herrschte noch ein heilloses Durcheinander: Mal konnte man von „Ski“, dann wieder von „Schi“ lesen. Als im Jahr 1941 im Deutschen Reich Millionen Skibretter für die Vorstöße der Wehrmacht in Russland und Skandinavien gesammelt wurden, ordnete Reichsführer-SS Heinrich Himmler an, fortan nur mehr die Schreibweise „Ski“ zu pflegen. Die Hintergründe für diese überraschende Festlegung sind unklar, aus heutiger Sicht mutet sie beinahe ironisch international an. So überrascht es nicht, dass Martin Bormann, Adolf Hitlers Privatsekretär, nur wenig später mit einer unmissverständlichen Weisung hinsichtlich der einzig „richtigen“ deutschen Variante kontern sollte: Auf Befehl des „Führers“ sei in allen Schriftstücken nur mehr „Schi“ zu notieren, damit „ins Deutsche übernommene Fremdworte genau so geschrieben werden, wie sie ausgesprochen werden.“4
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Frage nach der korrekten Schreibweise brisant, vor allem in Österreich, wo der Ski zur Zeit des Wiederaufbaus nicht weniger als eine nationale Identitätsstiftung betrieb. Noch im Frühjahr 1947 wandte sich das Bundesministerium für Unterricht an die nationalen Institute für Leibeserziehung und bezog detailliert Stellung, ging es doch schließlich um die vermeintlich „österreichischste“ aller Sportarten, die zwischenzeitlich als wesentlicher Faktor eines positiven Gemeinschaftsgefühls ausgemacht wurde.5 Die damalige Debatte legt offen, dass keine wirkliche Notwendigkeit darin gesehen wurde, den „Schi“ durch die ausländisch wahrgenommene Schreibweise „Ski“ zu ersetzen. Einige zeitgenössische Expert:innen präferierten dann aber doch, aus Sorge um die „westliche“ Anschlussfähigkeit während des Kalten Krieges, die „Ski“-Variante.6 Wie auch immer: Die Empfehlung des Ministeriums setzte sich zunächst durch, sie fiel konservativ aus: 1949 wurde an den Schulen die Schreibweise „Schi“ verordnet.7
Doch die Welt stand nicht still – und ebenso wenig die Sprache. 1976 legte das bereits in der Zwischenkriegszeit gegründete Österreichische Norminstitut (heute Austrian Standards International) „Ski“ als neue Vorgabe fest, um in Zeiten der Globalisierung die Kommunikation zwischen Erzeugern, Fachhandel, Verbraucher:innen, Skilehrwesen und Wissenschaft zu erleichtern. Damit das Chaos perfekt war, wollte man es in den Klassenzimmern trotzdem niemandem zu schwer machen und entschied sich für eine Rechtschreibung à la carte: In den 1970er Jahren veröffentlichte ein Arbeitskreis eine Publikation mit dem Titel SKI EINS – Schilehrplan der Schulen. Wie das mit der angestrebten Einheitlichkeit zusammenpassen sollte? Der Tendenz zu einer freieren Handhabung der Schreibweise war im Zuge des progressiven Klimas zu dieser Zeit aber schon längst der Weg geebnet worden, 1984 wurde dann offiziell die 1949 festgelegte „Schi“-Pflicht aufgehoben.8 Seither gilt: Alles geht.
Bleibt einstweilen nur eine Frage offen: Warum haben wir uns in dieser Geschichte des Skis eben für den „Ski“ entschieden? Ganz einfach: Weil er uns so besser gefällt. So sah das auch schon der Historiker Christoph Hack, der eine zu Unrecht wenig beachtete Dissertation über den Ski in Österreich nach 1945 verfasst hat und das Schriftbild „Ski“ fern jeder weiterführenden historischen Wertung als das „sympathischere“9 empfindet. Und seien wir ehrlich: Manchmal ist es einfach schöner, sich nicht zu viele Gedanken zu machen – und einfach loszufahren.
Heute geht man davon aus, dass die Urform des Skis bereits während der letzten großen Eiszeit – diese endete vor rund 12 000 Jahren – das Leben unserer Vorfahr:innen erleichterte. Der prähistorische Mensch war, wie wir heute wissen, so praktisch wie erfinderisch veranlagt: Statt sich bei jedem Schritt bis zu den Hüften im Schnee zu versenken, tüftelten schon nomadische Stämme in der Nähe des nördlichen Polarkreises an einer Lösung, die ihnen mehr Bodenhaftung verschaffte, um sich Vorteile bei der Jagd und beim Transport von Nahrung zu verschaffen. Anfangs griff man auf improvisierte Fellschuhe zurück.10 Wer damit allerdings bergab unterwegs war, kam allzu schnell in den Genuss einer Rutschpartie. Also mussten „Spikes“ her, die das unfreiwillige Schlittern verhinderten.11 Oder einfach nur bloß Bretter – und schon waren die ersten Ski in greifbarer Nähe.
Archäologische Funde sind rar, doch deuten Forschungen darauf hin, dass subarktische Gruppen ziemlich bald auf Vorläuferformen des Skis als Fortbewegungsmittel setzten. Damit wurden nicht nur weite Distanzen zwischen Dörfern überwunden, die Bretter unter den Füßen erleichterten außerdem Holzfäll-Expeditionen im Winter. Aber nicht nur der europäische Norden mischte mit, denn auch im fernen China gibt es beeindruckende Beweise für eine frühe Ski-Kultur: Bereits vor 8 000 Jahren bewegten sich dort Jäger auf bis zu zwei Meter langen, mit Rosshaar beschichteten Holzbrettern durch die verschneiten Gebirge. Die Idee war simpel: Man befestigte einfach eine lange, breite Aufliegefläche unter den Füßen, um das Einsinken zu verhindern.
Heute wissen wir, dass sich derartige frühe Vorläuferformen des Skis über mehrere Regionen Asiens hinweg verbreiteten – von den russischen Weiten über das heutige Kasachstan bis in die Mongolei.12
Wer aber hat’s nun wirklich erfunden? Ausnahmsweise nicht die Schweizer. Wenn es um den Ski geht, richten wir die Scheinwerfer gerne, ohne zu überlegen, auf Skandinavien – als wäre das die alleinige Wiege des Skis. Dabei ist es, wie man sich an dieser Stelle bereits denken kann, völlig falsch, die Erfindung einem einzelnen „Volk“ oder gar einer einzelnen Person zuzuschreiben. Eine ähnlich schlechte Erfolgsaussicht hätte die Suche nach dem Erfinder oder der Erfinderin des ersten primitiven Rads. Derartige Innovationen sind älter als alle konstruierten „Nationen“. Gewiss ist daher nur Folgendes: Der Ski entstand in mehreren Kaltregionen der Erde relativ zeitgleich als eine Antwort auf die Frage nach einem besseren Leben und Überleben – und hatte anfänglich nichts mit Sport im heutigen Sinn zu tun.13
Und dennoch hat Skandinavien zugegebenermaßen zahlreiche Highlights zu bieten, was die Frühgeschichte des Skis anbelangt: Etwa zeigen im Jahr 1929 gefundene Felszeichnungen auf der norwegischen Insel Rødøy, entstanden um 2500 v. Chr., eine skifahrende Figur mit „Hasenohren“ – wahrscheinlich ein Jäger mit einer ausgeklügelten Tarnkappe aus Fell; sogar eine Art Stock scheint er in der Hand zu halten. Auch in Russland hat man im Nordwesten des Landes Ritzzeichnungen im Umkreis des Onegasees und Weißen Meeres gefunden, die beweisen, dass hier bereits vor Tausenden Jahren Ski als Fortbewegungsmittel genutzt wurden. Noch älter sind aber die Malereien aus der Höhle von Dundebulake in der Region Altay in Westchina – diese könnten sogar auf eine Zeit vor über 12 000 Jahren datieren.14
Wesentlich jünger, aber nicht weniger spektakulär, sind Funde aus dem Umfeld skandinavischer Moorlandschaften: In einem Feuchtgebiet nahe der schwedischen Stadt Hoting entdeckte man einst einen prähistorischen Holzski, der in den sumpfigen Böden über Jahrtausende perfekt konserviert blieb. Und im knapp 750 Kilometer nördlich von Stockholm gelegenen Kalvträsk kam 1924 ein Fichtenski zum Vorschein – sogar mit einem skurril anmutenden Skistock, der einer Schaufel glich. Dieser auf 2000 v. Chr. datierte Ski ist heute noch als Reproduktion im Mürzzuschlager Wintersportmuseum zu bestaunen.
Was das Material angeht, war man bereits in der Früh- oder besser gesagt Vorgeschichte des Skis erstaunlich wählerisch und griff nahezu ausschließlich auf Kiefer, Birke, Fichte, Tanne oder Lärche zurück, je nach Verfügbarkeit in der jeweiligen Region. Das Holz musste vor allem leicht, elastisch und astfrei sein. Verblüffend mutet dabei die Tatsache an, dass schon die allerersten Ski mit „Bindungen“, etwa aus Weidenruten, ausgestattet waren; und selbst optisch sollten die Bretter etwas hermachen – ihre Spitzen trugen im mitteleuropäischen Umfeld mitunter germanische Runen und Tierzeichen.
Die frühesten Skitypen unterschieden sich stark, je nach Terrain und Nutzung.15
