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Wiedersehen in dem Haus am Meer.
Kalifornische Sonne, strahlender Himmel, die Brandung des Pazifik - ein wahres Paradies. Doch die Gäste, die sich hier in einem alten Strandhaus begegnen, haben viele Schicksalsschläge hinter sich. Liebe und Lachen, Herzschmerz und Hoffnung, Versprechen und Leidenschaft warten auf sie.
Wird dieser Sommer ihnen das Glück bringen, das er verspricht?
Der Folgeband von "Ein Haus am Meer".
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Wiedersehen in dem Haus am Meer.Kalifornische Sonne, strahlender Himmel, die Brandung des Pazifik - ein wahres Paradies. Doch die Gäste, die sich hier in einem alten Strandhaus begegnen, haben viele Schicksalsschläge hinter sich. Liebe und Lachen, Herzschmerz und Hoffnung, Versprechen und Leidenschaft warten auf sie.
Wird dieser Sommer ihnen das Glück bringen, das er verspricht?LFolgeband von "Ein Haus am Meer".
Georgia Bockoven war erfolgreich als Fotografin und freie Journalistin tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kalifornien.
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Georgia Bockoven
Der Sommer danach
Aus dem Englischen von Ingeborg Schober
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Grußwort
Informationen zum Buch
Newsletter
Widmung
Prolog
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Cassidy, Gina und Michael – wir heißen Euch ganz herzlich willkommen in der Familie!Marge – voller Trauer nehmen wir Abschied von Dir.Wir vermissen Dich.
Ein großes Dankeschön gilt Alan Koch für die viele Zeit und die vielen Gedanken, die er so großzügig mit mir geteilt hat. Er hat hundert Fragen beantwortet, obwohl er nur für zwei Zeit hatte, und mir die Geheimnisse der Orchideen enthüllt, ohne den Zauber ihrer Schönheit zu zerstören.
Das Strandhaus stand leer, in ungeduldiger Erwartung eines weiteren Sommers, in dem endlich die Fensterläden entfernt werden würden, und das Sonnenlicht erneut die Zimmer durchfluten konnte. Seit es im Jahr 1905 erbaut worden war, hatte es fast ein ganzes Jahrhundert voller Liebe und Hass erlebt, hatte heftigen Stürmen und Erdbeben getrotzt und viele Generationen von Besuchern beherbergt. Es waren die Lage und auch ihre Langlebigkeit, die das Haus und die Strandpromenade von Santa Cruz verbanden. Obgleich man weder von da noch von dort eine Sicht auf die andere Seite hatte, bildeten die beiden längst eine symbiotische Einheit: Die Kinder fühlten sich zum Haus hingezogen, zur Strandpromenade wiederum die Erwachsenen, zu denen auch die Kinder eines Tages heranwachsen würden.
Dazwischen lagen einige Kleinstädte, von denen Santa Cruz die größte war, und sie verkörperten Kalifornien in absoluter Reinkultur. Denn wer an einem Ort lebte, an dem die Leidenschaft zum Wellenreiten Vorrang über die Arbeit genoss, der musste schon eine gehörige Portion Toleranz, liberales Denken und einen Hang zum Ungewöhnlichen mitbringen. Und für einen Ausflug in diese Gegend brauchte man nicht mehr als T-Shirts, Shorts und Sandalen.
Die 20 000 Quadratmeter Felsgestein und Wald, die an den Ozean grenzten, betrachtete der Mann, der es seinerzeit geerbt hatte, als unnützen Besitz. So kam es zu einem Besitzerwechsel, als er Grund und Boden während einer Silvesterfeier zur Jahrhundertwende im Hard Luck Saloon bei einem Pokerspiel verspielte. Im Jahr darauf tauschte ein Farmer das Land für ein Pferdegespann ein und rodete das Grundstück am Rande der viereinhalb Meter hohen Klippe. Er errichtete eine primitive Hütte mit einem Zimmer, in der er ein paar Jahre später mit seiner Braut die Flitterwochen verbrachte.
Der Ernteertrag war gut, also erweiterte der Farmer sein Ferienhäuschen um weitere Zimmer, als seine Familie größer wurde. Drei seiner fünf Kinder wurden in der Hütte gezeugt. Und er gab allen seine Liebe zu diesem Fleckchen Erde und dem Ozean weiter, indem er ihnen in Geschichten ausmalte, wie es dort in Zukunft sein würde, wenn sie mit ihren Kindern und späteren Kindeskindern ihr geliebtes Strandhaus besuchen würden.
Der Farmer war fast sechzig Jahre alt, als die Große Depression über das Land hereinbrach. Der Verkaufspreis für das Getreide sank unter die Kosten, die der Anbau verursachte. Um seine Rechnungen begleichen zu können, verkaufte der Farmer die 20 000 Quadratmeter Land, die das Strandhaus umgaben, an einen Immobilienmakler, der das Land erschloss, es in Parzellen aufteilte und sie mit einem Profit von 300 Prozent verkaufte.
Weil die Große Depression anhielt, verließen die Kinder und Enkel des Farmers das Land, um in der Stadt Arbeit zu finden. Der Farmer konnte seine Steuern nicht mehr bezahlen, und um die Farm zu retten, opferte er das Saatgut für den Getreideanbau im Jahr darauf und hoffte auf ein Wunder. Das »Wunder« erschien in Form eines Handlungsreisenden, der ihm das Angebot machte, das Strandhaus gegen das Saatgut für ein Jahr und den Dünger dazu einzutauschen.
Der Handlungsreisende konnte auf seinem Weg durch das lange, fruchtbare Salinas Valley dieses unglaublich einträgliche Geschäft mit weiteren Farmern wiederholen. Allerdings war ihm entgangen, dass die Farmer, während sie ihm zuhörten, dabei stets auf den Boden blickten. Kaum war er davongefahren, statteten sie seinen Konkurrenten einen Besuch ab. Irgendwann sah sich der Handlungsreisende dazu gezwungen, sich nach einem weiteren Bezirk umzusehen, damit er genug Geld einnahm, um ihnen ihre Prämien auszahlen zu können.
Da der Handlungsreisende nun zwei Bezirke zu bearbeiten hatte, war er viel zu beschäftigt, um sich oft im Strandhaus aufzuhalten. Dafür zog seine Ehefrau dort ein, die es satt hatte, alleine zu Hause herumzusitzen. Auf ihr Drängen hin baute er ein weiteres Zimmer an, damit sie auch ihre Mutter dort unterbringen konnte. Ein Jahr später fügte er eine größere Küche hinzu und erneuerte die Installationen im Badezimmer.
Weil er auf seiner Route immer mehr neue Gebiete erschloss, um die Umbauten am Haus finanzieren zu können, war er wochenlang unterwegs und sah weder sein Strandhaus noch seine Frau. Fünf Jahre später ließ sich seine Frau von ihm scheiden. Sie erklärte dem Richter, dass sie in den langen Zeiten seiner Abwesenheit das Gefühl bekommen hätte, dass er sie längst verlassen hätte. Sie klagte das Strandhaus für sich ein, bekam es bei der Scheidung auch zugesprochen und lebte dort, bis sie etliche Jahre später während eines Aufenthaltes in San Francisco bei einem Straßenbahnunfall ums Leben kam.
Joe und Maggie Chapman hielten sich in Santa Cruz auf, um ihren Hochzeitstag zu feiern, als sie eines Nachmittags bei einem Spaziergang zufällig auf dieser kleinen Insel von Häusern inmitten eines Meeres von Wäldern landeten. Maggie hatte den Immobilienmakler, der gerade aus seinem Wagen ein Schild mit der Aufschrift »Zu verkaufen« holte, zuerst gesehen. Sie unterhielten sich mit ihm und wurden sich handelseinig, noch bevor er das Schild auf dem Gelände hatte aufstellen können.
Joe und Maggie steckten all ihre Liebe, die sie eigentlich für die Kinder, die sie leider nicht bekommen konnten, aufgespart hatten, in das Haus. Sie vergrößerten das Wohnzimmer und bauten eine Veranda an, weil sie dem Tag entgegensahen, an dem Joe in Rente gehen würde. Dann wollten sie für immer hier wohnen. Doch dann erlitt Joe einen Schlaganfall, und Maggie war vollauf damit beschäftigt, sich um ihn und um ihr Haus in San José zu kümmern. Sie fanden einen Mieter, einen jungen Mann namens Ken Huntington, der per Anhalter aus Kansas gekommen war, weil er davon träumte, einmal im riesigen Pazifischen Ozean schwimmen zu gehen.
Für Maggie war Ken ein Rätsel. Er war zwar stets höflich und bezahlte immer pünktlich seine Miete, aber er verkroch sich stundenlang im Haus, um an einem Ding herumzuspielen, das er als Personal Computer bezeichnete. Sie bemühte sich zwar, aufmerksam zuzuhören, wenn er ihr erklärte, welch wunderbare Dinge sie eines Tages selbst mit einem eigenen Computer anstellen könnte, konnte aber nicht mehr als höfliches Interesse dafür aufbringen.
Weil sich Joe nur langsam von seinem Schlaganfall erholte, schmolzen ihre Ersparnisse dahin, und sie benötigten dringend eine Einnahmequelle, denn alles, was sie noch besaßen, waren das Strandhaus und ihr Haus in San José. Ken bot ihnen an, das Strandhaus zu kaufen, aber nur unter der Bedingung, dass Joe und Maggie die Rolle der Bank einnahmen und ihm eine Hypothek gewähren würden. Als Ausgleich dazu bot er ihnen an, das Strandhaus in den Sommermonaten weiterhin nach ihrem eigenen Gutdünken nutzen zu können.
Weil Joe und Maggie keine Ahnung hatten, dass Ken zu den ersten Computergenies im Silicon Valley zählte, stimmten sie der Vereinbarung zu im Glauben, damit einem prächtigen, jungen Mann behilflich zu sein, sich sein erstes eigenes Heim zu schaffen, während sie damit wiederum ihre privaten Finanzprobleme lösen konnten. Den Juli reservierten sie für sich selbst, im Juni und August vermieteten sie das Haus und überreichten am Ende der ersten Sommersaison Ken stolz die Schecks, um ihm »bei der Abzahlung der Hypothek zu helfen«.
In den darauf folgenden siebzehn Jahren führten sie diese Vereinbarung mit den Vermietungen im Sommer fort, selbst dann noch, als sich Kens Firma weltweit zum Marktführer entwickelt hatte. Das Strandhaus hatte neue Fenster und einen frischen Anstrich nötig, im Badezimmer wurde Trockenfäule entdeckt, und der Schacht des Kamins wies einen Riss auf. Die Reparaturen wurden durchgeführt, die Haushaltsgeräte ausgetauscht, und durch den Garten wurde ein neuer Steinweg angelegt.
Dann begegnete Ken einer Frau, in die er sich verliebte und die ihm das Tor zur Welt öffnete. Aus den beiden wurde eines jener Paare, über die Liebeslieder geschrieben werden, Sonette und Liebesromane. Sie waren auf ewig füreinander bestimmt. Nur der Tod konnte sie scheiden.
Eines Morgens verabschiedete sich Ken von Julia, um seine tägliche Fahrt zu seinem Arbeitsplatz anzutreten. Kurze Zeit später war Julia wie blind an ihm vorbeigefahren, als er – bereits sterbend – am Straßenrand lag. Sie hatte den riesigen Verkehrsstau, den Ken verursacht hatte, als er aufgrund eines Herzinfarktes die Kontrolle über seinen Wagen verlor, gar nicht wahrgenommen, weil sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt war.
Trauer zog in das Haus ein. Fast ein komplettes Jahrhundert lang hatte es wie ein Wächter auf dem felsigen Vorsprung gestanden. Und es hatte Zeiten gegeben, in denen wochenlang kein Mensch dort gewohnt hatte. Aber all diese Jahrzehnte hindurch war es nicht ein einziges Mal vorgekommen, dass so lange die Türen verschlossen und die Fenster verriegelt blieben wie in diesem Jahr.
Während dieser traurigen acht Monate versorgte eine Bewässerungsanlage den Garten, aber niemand schnitt die Blumen zurück oder entfernte die Spinnweben. Die Flammenden Herzen, der Fingerhut, die Schmuckkörbchen, der Federmohn und die Alaunwurzeln waren über die Beete hinausgewuchert und hatten sich auf den steinernen Gehwegen breitgemacht. Von den Dachbalken, den Pfosten, Fensterläden und Lampen hingen abgestorbene, vergessene Spinnweben, in deren Netzen sich Schmutz angesammelt hatte.
In jenem Winter hielten sich die Nachbarn vom Strandhaus entfernt, als würde es eine geheime Absprache darüber geben. Falls ihr Weg sie zufällig am Haus vorbeiführte, hielten sie die Köpfe tief gesenkt und den Blick abgewandt.
Schließlich tauchte an einem warmen Maiabend ein Auto auf der schmalen Asphaltstraße auf, die zum Haus führte. Die Frau hinter dem Steuer fuhr langsam an den Häusern mit den offenen Fenstern vorbei, in denen sich die Familien zum Abendessen am Tisch im Esszimmer versammelt hatten.
Sie fuhr die Auffahrt hoch, ging aber nicht ins Haus, sondern stattdessen den öffentlichen Gehweg, der neben dem Haus entlang zum Meer führte, hielt auf der obersten Stufe der Treppe zum Strand an und starrte aufs Meer hinaus. Schließlich zog sie ihre Schuhe aus, stellte sie unter den Buchsbaum und ging die Stufen hinunter in Richtung Süden, ließ die Häuser hinter sich und schlug den Weg zum äußersten Felsvorsprung ein, der den südlichen Teil der Bucht begrenzte. Als sie zurückkehrte, stand die Sonne bereits sehr tief am Horizont.
Die Frau sah alles andere als wohlhabend aus, auch wenn sie mit einem Mercedes angereist war. Sie war gekommen, um Abschied von dem Mann zu nehmen, den sie für viel zu kurze Zeit so sehr geliebt hatte. Ihre Haare waren windzerzaust, die Augen vom Weinen verschwollen und ihre Kleidung feucht und zerknittert, weil sie auf einem mit Flechten bewachsenen Felsen gesessen hatte. Zum letzten Mal wollte sie das Strandhaus für Sommergäste herrichten, dann sollte es zum Verkauf angeboten werden. Denn ihrer Meinung nach waren die damit verbundenen Erinnerungen für sie viel zu schmerzhaft.
Für Joe und Maggie sollte es der letzte Juli werden. In diesem Sommer sollten sie sich voneinander und auch von dem Haus verabschieden, das ihnen ein Leben lang sowohl in freudigen als auch traurigen Zeiten Schutz geboten hatte. Ihr Dahinscheiden schien zugleich das Ende einer langen Ära der Liebe zu markieren, die alle im Strandhaus so überschwänglich genossen hatten.
Aber Julia brachte es nicht fertig, das Haus zu verkaufen. Das Leben all jener, die längst dahingegangen waren, durchdrang die Wände, und es schien, als wollten sie sie festhalten, als sie versuchte, sich davonzumachen. Also redete sie sich ein, es nur noch den Sommer danach eine Saison lang zu vermieten. Denn sie glaube ernsthaft, bis dahin genügend Distanz zu haben und leichter loslassen zu können. Es sollte endlich wieder ein ganz normaler Sommer werden, einer, in dem alle Menschen, die ihn hier verbringen würden, keine dramatischen Veränderungen in ihrem Leben erleben mussten. Aber auch ein Sommer ohne jene Magie, von der alle, die ihn hier zuvor verbracht hatten, in ihren Bann gezogen wurden.
Falls das eintreten sollte, dann würde sie das Haus endlich verkaufen.
Alle Umstände sprachen absolut gegen ihn. Andrew Wells wusste sehr wohl, dass seine Chancen sehr gering waren, vermutlich nicht sehr viel größer, als bei der Staatlichen Lotterie zu gewinnen. Natürlich musste man dabei erst einmal mitspielen, falls man gewinnen wollte, was er ja nicht tat. Und zwar aus einem einzigen Grund. Denn seiner Meinung nach brachte einem das Lottospielen auch nicht mehr ein, als wenn man ein paar Münzen in einen Springbrunnen warf, in der Hoffnung, sie würden einem Glück bringen.
Allerdings war er bereit, etwas viel Wertvolleres aufs Spiel zu setzen, um Cheryl Cunningham wiederzusehen – nämlich seinen Stolz. Allein die minimale Chance, dass sie tatsächlich dem zwanzigjährigen Klassentreffen beiwohnen würde, gab ihm genug Auftrieb, die Einladung mit einem beigelegten Scheck zu bestätigen. Doch inzwischen war bereits über eine Stunde des Abends vergangen, die erste Phase der allgemeinen Begrüßung vorbei und folglich gab er die Hoffnung auf.
Andrew ging grundsätzlich jedes Risiko mit dem Wissen ein, dann auch mit den Konsequenzen leben zu müssen. Manche hielten seine Risikobereitschaft schlicht für verrückt, aber seiner Meinung nach hatte es mehr mit einer Art von Philosophie zu tun, wenn man sich als Paraglider von hohen Berggipfeln stürzte, mit einem Kajak durch reißende Stromschnellen paddelte, auf dem Surfbrett über Wellen von der Größe eines Tsunamis ritt oder einmal die Welt umsegelte, nur in Begleitung eines streunenden Straßenköters. Er war tatsächlich der Überzeugung, dass er auf dieser Welt viel zu viel Platz in Anspruch nahm, wenn er nicht ständig am Rande der Gefahr lebte.
Er betrachtete das Eis, das in seinem restlichen Gin Tonic dahinschmolz, und gab sich alle Mühe zu verbergen, wie anstrengend es für ihn war, seinen alten Football-Kumpels zuzuhören, die versuchten, sich mit ihren Angebereien über finanzielle Erfolge und ihren wohlgeratenen Nachwuchs zu übertrumpfen. Verstohlen warf er einen Blick zur Eingangstür, wo die Neuankömmlinge registriert wurden, sah dann auf die gläserne Schiebetür, die auf eine Veranda führte, von der aus man den Golfplatz überblicken konnte, und überlegte dabei schon, wie er sich am besten verdrücken konnte.
»Gebt dem ersten Lügner keine Chance.«
Andrew lächelte, weil er auf Anhieb den sarkastischen Humor und die stockende Stimme von Roger Blanchette erkannt hatte. Von den zehn gemeinsamen Jahren auf der Schule waren sie acht davon die engsten Freunde gewesen. Doch danach hatten sich ihrer beider Leben in völlig verschiedene Richtungen entwickelt. Und immer, wenn sie sich danach zufällig wieder über den Weg gelaufen waren, schien es offenbar nie der richtige Zeitpunkt zu sein. Er drehte sich um und ergriff Andrews ausgestreckte Hand mit ehrlicher Freude. »Genau aus diesem Grund warte ich immer noch ab, bevor ich meine bescheidenen Erfolge beisteuere.«
Roger lachte. »Man könnte fast glauben, dass deren größtes Problem darin besteht, einen Parkplatz für einen ihrer Learjets zu finden.«
Falls es aus der Abschlussklasse der Santa Cruz High School des Jahres 1981 überhaupt jemanden gab, der sich rühmen könnte, einen Learjet zu besitzen, dann war es ganz bestimmt der Mann, der vor ihm stand. Das Leben hatte es gut mit Roger gemeint. Er hatte seine Akne hinter sich gelassen, ebenso wie seine Mutter, die früher seine Kleidung auf Flohmärkten und in Secondhandläden gekauft hatte. Man nahm ihm auf Anhieb ab, was er tatsächlich war, nämlich einer der unglaublich reichen Computermogule aus dem Silicon Valley. Er war einer jener Neureichen, die eine geradezu obszön teure Armbanduhr zur Schau trugen und Bündel von Bargeld mit einem Geldband zusammenschnürten. »Dich hätte ich hier am allerwenigsten erwartet.«
»Genau das habe ich von dir auch gedacht.«
»Nun?«
Roger nickte in Richtung einer atemberaubenden Blondine, die in einem Kreis ehemaliger Cheerleader Hof hielt. »Mary wollte unbedingt kommen.«
Andrew musste erst zweimal hinsehen. »Das ist Mary?«
»Sie ist der Beweis, dass ein hundsgemeiner Klatschreporter und ein bereitwilliger Schönheitschirurg die absolut perfekte Frau zaubern können.« Er ließ das Thema fallen und meinte dann: »Und was treibst du momentan so?«
»Ich bin wieder zurück im Orchideenhandel.«
»Wieder?«
Obwohl in der vergangenen Viertelstunde kein einziger neuer Gast eingetroffen war, warf Andrew wie unter Zwang abermals einen Blick zur Tür, bevor er antwortete. »Eigentlich war ich schon vor etlichen Jahren der Ansicht, dass ich die Pflanzung losgeworden wäre, aber es lief nicht wie geplant.«
»Großhändler oder Einzelhändler?«
»Einzelhändler. Hauptsächlich Luxusläden und Floristen. Aber mein wirkliches Geld mache ich mit den Ausstellungen.«
»Mary hat eine Vereinbarung mit einem Züchter in San Francisco. Sie betreuen die Pflanzen, solange sie nicht blühen, und liefern sie erst, wenn sie in voller Blüte stehen.«
»Auch ich habe schon einmal Überlegungen angestellt, einen Teil des Geschäftes auf die Betreuung von Pflanzen zu verlegen, kam aber dann zu dem Schluss, dass der Aufwand dafür einfach zu groß ist.« Wieder warf er einen heimlichen Blick zur Tür.
»Erwartest du jemanden?«
»Nein, ich erwarte niemanden«, gestand Andrew, »ich hoffe nur.«
Roger warf ihm einen fragenden Blick zu. »Jemanden, den ich kenne?«
Andrew zögerte. Er hätte die Frage einfach übergehen oder lügen können, aber aus welchem Grund? »Cheryl.«
»Ich dachte, ihr beide hättet euch auf dem College getrennt?«
»Inzwischen bin ich etwas älter und klüger geworden.«
»Mit anderen Worten, du hast begriffen, was für ein Esel du gewesen bist, und hoffst jetzt, dass es noch nicht zu spät ist, ja?«
»So könnte man es auch sagen.«
Roger klopfte Andrew mit der Hand auf die Schulter.
»Das ist das Einzige, was man überhaupt sagen kann, wenn es um Cheryl geht.«
Andrew hatte ihr das Herz gebrochen. Und obwohl er seinerzeit gewusst hatte, dass genau das passieren würde, hatte er nichts dagegen tun können. Damals war er ernsthaft der Meinung gewesen, dass seine Gründe, sie zu verlassen, viel wichtiger waren als seine innere Stimme, die ihn drängte, bei ihr zu bleiben. Eine Zeitlang war es ihm sogar gelungen, sich einzureden, ihr damit einen Gefallen zu tun. Denn schließlich hatte sie sich in einen Mann verliebt, der kräftig und gesund war und ihre Träume von einem Heim, Herd und Kindern erfüllen konnte. Doch das hatte sich in seinen Jugendjahren bereits drastisch verändert. Er hatte sich aus purer Selbstsucht heraus den traurigen Blick ersparen wollen, mit dem sie ihn nach seinem Eingeständnis ganz bestimmt konfrontiert hätte, hatte sich einfach aus dem Staub gemacht mit einer Erklärung, die ihm heute nur noch gefühllos erschien.
Weil er seinen Abgang so selbstsüchtig geplant hatte, schien es ihm unmöglich, wieder zu ihr zurückzukehren, als ihm irgendwann klar geworden war, was für einen großen Fehler er damit gemacht hatte. Durch einen gemeinsamen Freund hatte er erfahren, dass Cheryl nach Montana gezogen war und einen Staatsabgeordneten geheiratet hatte, der mit dem Posten des Gouverneurs liebäugelte. Im Laufe der Zeit hatte er zwar einen Weg gefunden, sie aus seinem Kopf zu verbannen, nicht aber aus seinem Herzen.
»… wüsste echt nicht, was aus mir ohne Mary geworden wäre«, erklärte Roger.
Als Andrew merkte, dass er kaum etwas von dem mitbekommen hatte, was Roger gerade redete, riss er sich mit aller Gewalt aus seinen Erinnerungen. »Ich vermute mal, dass sie dort drüben genau das Gleiche über dich sagt.«
Er schüttelte den Kopf. »Schon vor einer ganze Weile ist mir klar geworden, dass Liebe bestenfalls eine einseitige Sache ist. Aber solange eine Beziehung in anderen Dingen ausbalanciert ist …« Er beendete den Satz nicht, weil es ihm peinlich bewusst wurde, was er damit beinahe verraten hätte. »Versteh mich nicht falsch, das Leben hat es wirklich gut mit mir gemeint. Ich kann mich in keiner Weise beschweren.« Kumpelhaft-gutmütig blickte er ihn an. »Wie schmeckt dein Drink? Soll ich dir noch ein Glas besorgen?«
»Danke, nein.«
Roger hielt sein leeres Glas hoch. »Mein erster – und dabei wirds wohl nicht bleiben, wenn ich den restlichen Abend überstehen soll. Wir sehen uns dann später.«
Andrew sah Roger nach, der sich einen Weg zur Bar bahnte, und wusste genau, dass es an diesem Abend die letzte Unterhaltung mit ihm gewesen war. Roger war zu diesem Klassentreffen bestimmt nicht gekommen, um die anderen zu beeindrucken, und schon gar nicht, um sich selbst mit Geschichten aus seinem Privatleben eine Blöße zu geben.
Während Andrew einen letzten, abwesenden Blick durch den überfüllten Raum schweifen ließ, kam ihm in den Sinn, welch großes Glück manche seiner ehemaligen Klassenkameraden in den vergangenen zwanzig Jahren gehabt hatten, und wie böse das Leben wiederum anderen mitgespielt hatte. Insgeheim hatte er sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass sein Bedarf an Smalltalk für den Abend längst erschöpft war und ihm diese ewige Lächelei mittlerweile genauso auf die Nerven ging wie der überhitzte Raum, zumal die Chance, das Unerwartete, für das er überhaupt hergekommen war, könne noch eintreffen, verschwindend gering war. Er dachte bereits darüber nach, durch den Ausgang neben dem Badezimmer zu verschwinden, als er plötzlich Cheryl Cunningham entdeckte, die beim Anmeldetisch stand und sich mit einer Frau in einem grell gepunkteten Kleid unterhielt.
Ihr Anblick raubte ihm den Atem, als hätte er einen harten Schlag in die Magengrube bekommen. Genauso war es damals an jenem kalten Novembermorgen gewesen, als sie zum ersten Mal das Klassenzimmer für den Französischunterricht betreten hatte. An diesem Tag hatte er sich Hals über Kopf in sie verliebt. Er hatte von diesem Morgen eine so klare Erinnerung, dass er sich sogar noch heute an den Nebel erinnern konnte, der an jenem Morgen die Flut begleitete. Dieses erste Gefühl war nur der Anstoß zu etwas gewesen, das ihn in wahre Gefühlsturbulenzen gestürzt hatte. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, wieso es ihm nie gelungen war, seine innere Leere mit diesem Drang nach Freiheit zu übertönen. Immer wieder hatte er aufs Neue alles aufs Spiel gesetzt, hatte versucht, Unmögliches zu erreichen, aber es gab nur einen Menschen, der ihn von seiner Einsamkeit befreien und von seiner Sehnsucht erlösen konnte.
Und trotzdem konnte er sich bis auf den heutigen Tag einfach nicht mehr an etwas ganz Wichtiges erinnern, etwas, was er nie verstanden hatte. Wie hatte er sie verlassen können, welche Worte waren nötig gewesen, um sich selbst einzureden, genau das Richtige zu tun?
Cheryl Cunningham sah sich mit dem ruhigen Blick einer erfahrenen Politikergattin in dem überfüllten Ballsaal um und ließ sich nicht anmerken, dass sie am liebsten vor der Frau davongelaufen wäre, die auf sie zueilte und sie mit einem routinierten Lächeln begrüßte. Sie hatte keinen triftigen Grund, mit dem sie ihre Anwesenheit erklären konnte. Sie hatte die Einladung, gleich nachdem sie mit der Post eingetroffen war, sogar erst einmal in den Papierkorb befördert. Doch zwei Tage später setzte ihr gesunder Menschenverstand aus, weil sie eine Mischung aus unwiderstehlicher Neugierde und Sehnsucht und dem Gefühl eines unerfüllten Schicksals überwältigt hatte. Sie hatte die Einladung aus dem Papierkorb gekramt und sie noch am selben Tag zusammen mit dem Scheck abgeschickt, wohl wissend, dass sie ihre Meinung erneut ändern würde, wenn sie auch nur ein paar Stunden länger zögern würde.
Außerdem war der Scheck der ausschlaggebende Punkt. Sie führte ein viel zu sparsames Leben, um für ein Klassentreffen zu bezahlen, an dem sie dann nicht teilnehmen würde. Zumindest hatte sie sich das eingeredet, denn jeder noch so vage Grund erschien ihr als Ausrede gut genug. Doch bevor auch nur ein Mensch den wahren Anlass für ihre Anwesenheit herausfinden würde, hätte sie allemal lieber nochmals ein Jahr auf Wahlkampftournee verbracht, einen Job, den sie so hasste wie keinen anderen davor. Sie hatte Erniedrigungen überlebt, aber mit Mitleid konnte sie nicht umgehen.
»Du hast dich überhaupt nicht verändert«, schwärmte die Frau. »Nicht ein bisschen.«
Cheryl wollte beim besten Willen kein Name einfallen, den sie mit dem Gesicht der Frau in Verbindung bringen konnte. Ihre Familie war erst in ihrem vorletzten Studienjahr nach Santa Cruz gezogen, und folglich hatte sie nur eineinhalb Jahre gehabt, um Freundschaften mit den Mitschülern der Abschlussklasse zu knüpfen. Zudem waren zwanzig Jahre eine viel zu lange Zeit, um sich noch an alle zu erinnern, denen man vielleicht einmal auf dem Flur über den Weg gelaufen war.
»Du aber auch nicht«, meinte Cheryl aufs Geratewohl.
Die Frau lachte. »Sag das mal meiner Badezimmerwaage. Denn ich würde wetten, du hast nicht ein Pfund zugelegt. Wie hast du das nur geschafft?« Bevor Cheryl antworten konnte, wollte die Frau wissen: »Hast du auch Kinder?«
»Nein«, antwortete Cheryl ohne Umschweife. Endlich gelang es Cheryl, das Namensschild, das an den üppigen Busen der Frau geheftet war, zu entziffern. Es handelte sich um Lynn Littrell Sawyer, aber das half ihr auch nicht weiter.
»Ich habe fünf.« Und dabei streckte sie alle fünf Finger ihrer Hand hoch, wobei sie zufällig ihre andere Hand streifte und einen Eiswürfel aus ihrem Glas mit dem Highball katapultierte. »Mit den ersten drei bin ich ja noch klargekommen. Aber nachdem die Zwillinge kamen, ging es drunter und drüber.« Sie beugte sich vor, um nach dem Eiswürfel zu angeln. »Max meinte, er würde mich an meinem vierzigsten Geburtstag gegen ein paar Zwanzigjährige eintauschen, falls ich nicht endlich versuchen würde, ein paar Pfund abzunehmen. Alles, was ich darauf geantwortet habe, war, dass er nicht eine Frau finden würde, geschweige denn zwei, die noch irgendetwas von einem Mann wissen wolle, nachdem sie plötzlich herausgefunden hat, dass er für eine Ehefrau und fünf Kinder Alimente und Unterhalt bezahlen muss.« Sie grinste. »Damit habe ich ihm schnell das Maul gestopft.«
Lynn legte ihre Hand auf Cheryls Arm. »Aber erzähl doch du mal. Machst du immer noch diese Dinger aus Ton?«
»Ich habe nach meiner Heirat mit der Bildhauerei aufgehört.« Verstohlen warf sie einen Blick zur Bar, den ein Mann dort erwiderte. Aber es war der falsche. Warum tat sie sich das hier eigentlich an? Was hoffte sie, damit zu gewinnen?
»Keine Zeit mehr dafür, wetten? Wundert mich gar nicht. Vor ein paar Monaten traf sich eine Gruppe von uns Mädels, es war so eine Art spontanes Wiedersehen, und Julie Thompson meinte, du bist wahrscheinlich inzwischen die Berühmteste aus unserer Klasse. Sie erzählte, sie hätte ein Foto von dir in der ›USA Today‹ gesehen, von irgendeiner Party, und dass du mit Tom Cruise dort warst.«
Cheryl kannte das Foto. Es war fünf Jahre alt. »Ehrlich gesagt, war ich eigentlich nicht mit ihm dort, sondern wir …«
»Wie ist er denn so? Sieht er privat genauso sensationell aus wie in seinen Filmen? Irgendwo habe ich gelesen, dass er ziemlich klein sein soll. Stimmt das?«
Cheryl hatte sich nie mit Tom Cruise unterhalten, denn sie war ihm damals auch nicht näher gekommen als der Fotograf, der jenen Moment festgehalten hatte, als sie mit Jerry das Kennedy Performing Arts Center betreten hatte, um einer Preisverleihung beizuwohnen. Aber diese Geschichte wollte weder Lynn noch sonst jemand, der sie darauf ansprach, hören. »Er ist sehr nett«, meinte sie.
»Parkt dein Mann den Wagen ein?«
»Jerry ist nicht mitgekommen«, erwiderte Cheryl und wusste genau, was nun folgen würde.
»Oh.« Lynn bemühte sich zwar, ihre Enttäuschung zu verbergen, aber es gelang ihr nur schlecht. »Als ich dich gesehen habe, hatte ich natürlich gehofft, er wäre mit dir hierhergekommen. Schließlich trifft ja eine Frau wie ich nicht alle Tage jemanden wie deinen Mann.« Weil ihr offenbar plötzlich bewusst wurde, wie unsensibel das klingen musste, fügte Lynn noch schnell hinzu: »Natürlich ist es großartig, dich endlich wiederzusehen.«
»Jerry und ich, wir sind geschieden. Das stand übrigens auch in der ›USA Today‹. Aber das hast du wohl nicht mitbekommen.«
Lynn fiel fast die Kinnlade herunter. »Nein, das ist nicht wahr, oder? Wann war denn das?«
»Vor zwei Jahren.«
Doch dann fing Lynn sich wieder und stotterte: »Wie schrecklich. Meine Güte, ich wette mal, du warst am Boden zerstört.«
Genau so war es gewesen, aber nicht aus den Gründen, die Lynn zweifelsohne vermutete. Bestimmt war sie davon überzeugt, dass keine Frau, die auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand besaß, einen Mann wie Jerry Walden verlassen würde, der auf seinen Pressefotos den Typ des Marlboro-Mannes perfekt verkörperte, nur ohne die Zigarette. Er hatte das gute Aussehen eines Filmstars, besaß Charisma, war mächtig, reich und machte sowohl in Jeans als auch im Smoking eine gute Figur, wurde von Frauen über sechzig verehrt, von deren Töchtern und Enkelinnen begehrt, und konnte sogar die Kleinen im Laufstall schon für sich begeistern.
Aber es war nicht Jerry, der sie verlassen hatte, es war ihr eigener Entschluss gewesen, sich scheiden zu lassen. Dass er der Scheidung so schnell zugestimmt hatte, sagte mehr als genug darüber, wie gleichgültig ihm seine Ehe war. Anfangs hatte er nicht einmal eine Umfrage in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie sehr eine Scheidung seiner Karriere schaden könnte. Das kam erst, nachdem sie sich mit einem Anwalt beraten hatte.
Als sie sich kennenlernten, befand sich Jerry ganz bewusst auf Brautschau. Er war auf der Suche nach einer jungen, lebensfrohen Frau, die ihm Starthilfe bei seiner damals stagnierenden Politikerkarriere geben konnte. Es brauchte eine Frau, die ihm die Stimmen der männlichen Wähler bringen würde, ohne für deren Ehefrauen eine Bedrohung darzustellen. Cheryl, die keine Ahnung hatte, dass man sie auf Herz und Nieren prüfte, bestand den Test mit Bravour und gewann sogar die Zustimmung von Jerrys politischen Beratern, die um ihn herumschwirrten wie Möwen um das Boot eines Krabbenfischers. Die ausgelassene Begeisterung während seiner Wahlkampagne für eine Wiederwahl hatte sie völlig gefangen genommen, und sie war wie berauscht von dem Gefühl, gebraucht zu werden. Das hatte er ihr jeden Abend aufs Neue versichert, und sie hatte dadurch Leidenschaft mit Liebe verwechselt. Folglich hörte sie auch nicht auf ihre innere Stimme, die sie warnte, dass nach einem solchen Höhenflug nur ein tiefer Fall folgen konnte.
Eigentlich hatte sie erwartet, dass sie nach der Scheidung erst einmal eine gewisse Zeit brauchen würde, um sich umzustellen, dass sie sich erst einmal eine Zeit des Rückzuges und der Einsamkeit gönnen müsste. Doch nichts dergleichen passierte. Mit großer Traurigkeit erkannte sie, dass sie schon immer alleine gewesen war, auch die ganze Zeit über, die sie mit Jerry zusammengelebt hatte.
Lynn kniff die Augen zusammen. »Oh, jetzt weiß ich, wieso du heute Abend hierhergekommen bist.« Sie lächelte wie eine Kandidatin in einer Quizsendung, der die richtige Anwort eingefallen war. »Ich habe schon zu Margo gesagt, wie merkwürdig ich es finde, dass nicht nur du, sondern auch Andrew zum heutigen Klassentreffen kommen würde, obwohl ihr beide die Jahre davor niemals teilgenommen habt.« Sie rückte näher an Cheryl heran. »Wer hat dir gesagt, dass er heute auch da sein würde?«
»Niemand«, antwortete sie wahrheitsgemäß, während sie kurz mit der Anwandlung kämpfte, um sich zu schlagen, weil man ihre wahren Beweggründe so leicht durchschaut hatte.
»Aber du hast darauf gehofft?«
»Natürlich«, gab sie zu. »Besuchen wir nicht alle allein aus diesem Grund solche Veranstaltungen? Schließlich ist es eine Gelegenheit, alte Freunde wiederzusehen.« Ihr war nicht klar, ob sie wirklich die nötige Gleichgültigkeit an den Tag gelegt hatte, und auch nicht, ob ihr das so wichtig war. Spielte es wirklich eine Rolle, ob eine Frau, die sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen hatte, und die sie vermutlich nie mehr sehen würde, wusste, dass sie zu diesem Klassentreffen nur erschienen war, weil sie einen Mann wiedersehen wollte, der ihr einst das Herz gebrochen und sich nie die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, wie es ihr danach ergangen war?
Lynn drehte sich um und musterte die Menge. »Das letzte Mal habe ich ihn beim Swimmingpool gesehen, er hat sich mit Joan unterhalten.«
»Joan Beatty?«
»Sie heißt jetzt Joan Fisher – zumindest hieß sie letzte Woche noch so. Sie hat inzwischen zum vierten oder fünften Mal geheiratet. Bei ihrem dritten Ehemann habe ich den Überblick verloren. Sie ist der Albtraum einer jeden Frau – ihre Haarknoten sind so straff wie ihre Brüste. Ich hasse sie. Ich werde mich nächstes Jahr um die Einladungen für das Klassentreffen kümmern und dafür sorgen, das ihre verloren geht.«
Cheryl lachte viel laut und viel zu übertrieben. Sie brauchte dringend einen Drink, damit ihre Hände sich noch mit etwas anderem als ihrer Handtasche beschäftigen konnten, damit sie etwas zum Mund führen konnte, um die schrecklichen Gesprächspausen zu überbrücken, und nicht zuletzt, um ihrem schwindenden Mut neue Nahrung zu verleihen. »Und sie spricht ausgesprochen nett über dich.«
»Ja, ich wette, dass sie das tut.«
Cheryls Blick blieb auf einem Mann haften, der mit dem Rücken zu ihr an der Bar stand. Er hatte die entsprechende Größe, das richtige Gewicht und die passende Haarfarbe, aber er trug ein kariertes Jackett, und so etwas hätte Andrew niemals getragen. Doch Gedanken dieser Art sollte sie lieber verwerfen, denn siebzehn Jahre waren eine lange Zeit, und Menschen änderten sich. Das Bild von Andrew, wie er damals gewesen war, hatte sich so fest in ihrem Kopf und in ihrem Herzen eingeprägt, dass sie sogar in den normalsten Augenblicken ihres Alltagsleben plötzlich an ihn denken musste. Und genau deshalb war sie hierhergekommen, um diese Belastung endlich loszuwerden.
Mit einem Mal spürte sie, wie sich die Atmosphäre um sie herum langsam veränderte. Als wäre die Luft plötzlich dicker geworden. Als würde sie in sanften, aber beharrlichen Wellen voller Elektrizität über ihre Haut gleiten. Auch wenn das unglaublich klang, aber sie war immer noch empfänglich für Andrews Anwesenheit, konnte ihn immer noch spüren, bevor sie ihn überhaupt sah, fühlte sich immer noch zu ihm hingezogen, ohne dass ein einziges Wort gefallen war. Weil dieses Gefühl so zwingend war, so mächtig und so unglaublich vertraut, wusste sie, dass ihr Wunsch, ihn wiederzusehen, richtig gewesen war.
»Ich hatte schon befürchtet, du würdest überhaupt nicht kommen«, meinte Andrew leise.
Obwohl es im Raum geradezu widerhallte von dem ganzen Gerede, Gelächter und den lauten Stimmen, kamen Cheryl seine geflüsterten Worte vor, als hätte er sie laut hinausposaunt.
Sie drehte sich um.
Natürlich war er längst nicht mehr der Junge, dessen Bild sie in ihren Erinnerungen mit sich getragen hatte, sondern ein erwachsener Mann, von dem sie sich bis jetzt kein richtiges Bild hatte machen können. Sein magerer Körper, seine selbstbewusste Körperhaltung, die ersten Falten auf seiner Stirn und um die Augenwinkel, sogar die vereinzelten grauen Haare in seinem tiefschwarzen Schopf entsprachen ihrer Vorstellung. Doch eines hatte sie nicht erwartet, und es brachte sie nahezu aus der Fassung, nämlich der Schmerz und die Einsamkeit, die in seinen Augen lagen, ebenso wie die unverhohlene Art und Weise, wie er sie ansah.
»Ich wäre auch beinah nicht gekommen«, antwortete sie.
Lynn rückte an Cheryls Seite und löste damit das Gespräch unter vier Augen zu einer Dreiergruppe auf, als sie sagte: »Zwanzig Jahre scheint eine geradezu magische Zahl zu sein. Die Leute, die uns beim Organisieren des Klassentreffens geholfen haben, meinten auch, dass wir dieses Mal mit vielen rechnen müssten, die bislang nie gekommen sind.«
Andrew musterte Lynn. »Lynn Littrell? Waren wir nicht im selben Chemiekurs?«
Sie nickte, und ihr Lächeln zeigte, wie sehr sie sich freute, dass er sich noch an sie erinnern konnte.
»Du hast Max Sawyer geheiratet.«
»Diesen Oktober werden es achtzehn Jahre. Und wir haben fünf Kinder«, fügte sie hinzu. »Hast du ihn schon gesehen?«
»Nur ganz kurz. Er hat nach dir gesucht.« – »Ehrlich?« Sie warf einen flüchtigen Blick in den Raum. »Was er wohl von mir will?« Ganz offensichtlich wusste sie nicht, ob sie bleiben oder gehen sollte, meinte dann aber: »Ich denke mal, ich sollte doch herausfinden, um was es geht.«
Als Lynn gegangen war, meinte Cheryl: »Max hat sie gar nicht gesucht.«
Andrew bedachte sie mit einem fragenden Blick. »Wie kommst du nur auf die Idee, dass ich geflunkert habe?«
»Weil ich dich kenne.« Mit dieser simplen Wahrheit bestätigte sie nur, dass sich manche Dinge auch nach vielen Jahren nicht veränderten. Nachdem Andrew sie verlassen hatte, war es ihr sogar eine Zeitlang gelungen, sich selbst einzureden, dass es die einzige, einmalige, große Liebe nicht gab, und dieser Glaube, dass zwei Menschen nur füreinander und niemanden sonst bestimmt waren, ins Reich der Poesie gehörte.
Als sie nach ihrer Heirat mit Jerry weiterhin von Andrew träumte, tat sie diese Träumereien mit der Erklärung ab, dass man seine erste Liebe niemals vergessen konnte. Doch als sie nach ihrer Scheidung wieder Single war, musste sie feststellen, dass sie alle Männer, mit denen sie ausging, mit Andrew verglich. Und schließlich akzeptierte sie, dass er für immer ein Teil von ihr sein würde. Als sie sich das endlich eingestanden hatte, fand sie in gewisser Weise Ruhe … bis sie die Einladung erhalten hatte. In diesem Moment wusste sie, dass sie erst dann zur Ruhe kommen würde, wenn sie endlich klären konnte, was sich zwischen ihr und Andrew abgespielt hatte.
»Ich habe erfahren, dass du geschieden bist«, sagte er.
»Und ich habe erfahren, dass du nie geheiratet hast«, konterte sie.
Seinen Blick fest auf sie geheftet, sagte er: »Ich habe vor langer Zeit einen Fehler gemacht und habe mit den Konsequenzen leben müssen.«
»Und vermutlich soll ich jetzt wissen, was du damit meinst?«
»Willst du damit sagen, dass du es nicht weißt?« – »Woher sollte ich denn wissen, welche Folgen das für dein Leben gehabt hat?« Sie verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Außerdem bin ich nicht hierhergekommen, um mir anzuhören, was für ein schweres Leben du gehabt hast.«
»Weshalb bist du dann gekommen?«
»Weil ich eine Entschuldigung erwartet habe. Oder vielmehr eine Erklärung, und zwar eine, die ich dir dieses Mal abnehmen kann.«
»Du hast weitaus mehr verdient, als die Entschuldigung, dass es mir sehr leidtut«, erklärte er mit solcher Demut, dass ihr fast das Herz stehen blieb. »Aber ich weiß nicht, wie ich etwas erklären soll, das ich inzwischen selbst nicht mehr begreife.«
Sichtlich um ihre Fassung bemüht, rief sie sich in Erinnerung, wie leichtfertig er ihr damals den Schmerz zugefügt hatte. Auf gar keinen Fall durfte sie vergessen, dass er die Macht hatte, sie jederzeit wieder auf diese Weise zu verletzen, falls sie das zulassen würde.
»Ich wollte dich wiedersehen.«
»Ausschließlich mich?«
»Ja, nur dich.«
Im Hintergrund erklang die Ansage, dass nun das Abendessen serviert würde. Doch der Gedanke, dass sie die kommende Stunde mit Smalltalk zwischen Salat und Prime Ribs verbringen müsste, löste ihn ihr ein Gefühl der Panik aus. Cheryl warf einen flüchtigen Blick auf die Doppeltür, die zum Speisesaal führte. »Möchtest du bleiben?«
Er schüttelte den Kopf. »Und du?«
»Nein.«
»Dann nichts wie raus hier.«
»Und wohin?«
»Das ist mir egal. Irgendwohin, wo wir alleine reden können.«
Ihr fiel kein Lokal ein. Seit sie mit ihren Eltern vor sechzehn Jahren aus Santa Cruz weggezogen war, hatte sie die Stadt nur zweimal besucht. Und seit dem großen Erdbeben hatte sich hier alles so drastisch verändert, dass sie ihre früheren Lieblingsplätze nicht mehr wiedererkannte. »The Last Wave?«
»Das wurde schon vor ein paar Jahren geschlossen.«
»Und Wilson’s?«
»Die haben nach dem Erdbeben erst gar nicht mehr wiedereröffnet.«
»Dann schlag du was vor.«
»Wie wäre es bei mir zu Hause?«
»Du wohnst hier?«
»Zwanzig Minuten von hier entfernt.«
Ihr erster Gedanke war, seinen Vorschlag abzulehnen. Aber dann fragte sie sich, wieso eigentlich nicht. Warum nicht bei ihm zu Hause?
»Ich komme mit.«
Sie wandte sich zur Tür, und Andrew legte seine Hand auf ihrem Rücken. Allein diese beiläufige und vertraute Geste raubte ihr den Atem. Sie blieb stehen und wich vor ihm zurück.
»Ich möchte nicht, dass du dir falsche Vorstellungen machst. Ich komme wirklich nur mit, um mit dir zu reden.«
»Ich weiß, Cheryl«, erwiderte er leise. »Ich weiß doch, weshalb du mitkommst. Und ganz egal, wie sehr ich mir wünschen würde, dass es anders wäre, weiß ich sehr wohl, was ich erwarten kann und was nicht.«
Und genau deshalb ging er einen Schritt voraus, während sie ihm folgte.
Cheryl lehnte am Geländer, das die kleine geflieste Veranda auf der Rückseite von Andrews Haus umgab, und nippte an dem Chardonnay, den er ihr angeboten hatte. Sie blickte von der viereinhalb Meter hohen Klippe, die eine wundervolle Aussicht auf den Ozean gewährte, atmete tief durch und ließ dieses Gefühl, endlich wieder zu Hause angekommen zu sein, auf sich einwirken. Sie kannte den Strand bestens, denn hier hatten sie und Andrew immer die Zeit verbracht, wenn sie den Menschenmassen in Santa Cruz entkommen wollten. Es gab nur gute Erinnerungen an alles, was hier geschehen war. Sie konnte sich nicht an einziges schmerzhaftes Erlebnis erinnern, auf das sie sich schützend hätte berufen können, falls sie das Gefühl bekäme, womöglich Gefahr zu laufen, die vielen Jahre, die seitdem vergangen waren, einfach zu vergessen.
Der Strand lockte sie. Sie hatte fast das Gefühl, als könnte sie die warmen Sandkörner zwischen ihren Zehen spüren. Sie wusste genau, wie es sich anfühlte, wenn das Wasser ihre Beine berühren würde, was für ein Gefühl der Freiheit sie überkommen würde, wenn sie in eine Welle tauchen und sich von ihrer Kraft tragen lassen würde. Als ihr Vater mit seiner Familie aus den Bergen Idahos an die Küste von Santa Cruz umgezogen war und sie zum ersten Mal das Meer gesehen hatte, wusste sie auf Anhieb, dass sie dort ihre spirituelle Heimat gefunden hatte.
Andrew stellte sich an ihre Seite. »Wie ich sehe, fesselt es dich immer noch so sehr wie früher.« Er legte seine Hand auf das Geländer neben ihre, sehr nahe, aber ohne sie zu berühren, und drehte sich um, um sie anzusehen.
Dass er sie so gut kannte, missfiel ihr mindestens genauso, wie es ihr zugleich gefiel. »Wie lange lebst du schon hier?« Wesentlich mehr interessierte es sie allerdings, weshalb er hier lebte. Warum in diesem Haus, hier genau an diesem Strand?
»Mit Unterbrechungen seit zwölf Jahren. Als mein Großvater starb, fiel mir eine große Summe Geldes zu, von der niemand etwas gewusst hatte.«
»Dein Großvater hat noch gelebt, als du ein Pflegekind warst?«
»Er und meine Mutter hatten sich zerstritten. Zumindest hat der Anwalt das so formuliert. Offenbar hatte er von meiner Existenz erst erfahren, als der Detektiv, den ich angeheuert habe, um meine Mutter zu finden, vor seiner Türe stand.«
Cheryl hatte einmal vorgeschlagen, dass Andrew nach seiner Mutter suchen sollte, doch allein den Gedanken daran hatte er abgelehnt. Was war vorgefallen, dass er seine Meinung diesbezüglich doch noch geändert hatte? »Hast du sie gefunden?«
»Da gab es nichts mehr zu finden. Sie starb an einer Überdosis Drogen, als ich zwei Jahre alt war.«
»Und was ist mit deinem Vater?«
»Da kommt mindestens ein Dutzend Männer infrage, mit denen sie damals rumgezogen ist, oder ein Wildfremder von auswärts, der ihr seine Drogen gegen Sex angeboten hat.«
Sie zuckte innerlich zusammen, weil er ihr die Tatsachen auf so abgestumpfte Weise erzählte. Denn ganz bestimmt hatten sie ihn damals völlig fertig gemacht. »Das tut mir leid.«
»Natürlich hatte ich anfangs gehofft, etwas anderes herauszufinden, aber ich habe gelernt, damit zu leben.«
»Hattest du denn noch die Möglichkeit, deinen Großvater kennenzulernen?« Sie redete sich ein, ihm diese Frage lediglich als Freundin gestellt zu haben, und dass es keinen anderen Grund dafür gab als pure Höflichkeit und nicht, weil es ihr wirklich nahe ging.
Andrew lachte einmal kurz und bitter auf. »Er wollte mit mir überhaupt nichts zu tun haben. Zumindest nicht, solange er noch lebte. Ich vermute mal, dass er mir sein Geld nach seinem Tod nur vermacht hat, weil er damit insgeheim so eine Art Familiensinn befriedigte. Außerdem kam außer mir nur der Männerclub in seinem Ort infrage, falls ich beschlossen hätte, das Geld abzulehnen.«
»Bist du glücklich?« Sie stellte ihm diese Frage nicht nur aus reiner Neugierde, sondern weil sie unbedingt wissen wollte, dass auch er nicht unbeschadet aus der Geschichte herausgekommen war.
»Hin und wieder.« Er drehte sich zu ihr und sah sie an.
»Und du?«
»Meistens ja.« Die Wahrheit würde sie viel zu verletzbar machen.
Dann verfielen sie in ein peinliches Schweigen. Cheryl richtete ihre Aufmerksamkeit auf einen Mann, der mit einem kleinen Jungen über den Sandstrand tobte. Sie liefen auf die Treppen zu, die zu dem kleinen Fußweg neben Andrews Haus führten. Als sie den Anlegeplatz erreichten, waren sie vollkommen außer Atem und lachten.
»Ich möchte noch nicht gehen«, sagte der Junge und zog an der Hand des Mannes, um ihn dazu zu bewegen, mit ihm wieder zum Wasser zurückzugehen.
»Mom wartet auf uns.«
»Es macht ihr bestimmt nichts aus«, versuchte der Junge ihn zu überzeugen. »Es gefällt ihr, wenn wir Spaß miteinander haben. Das hat sie mir gesagt.«
»Und macht dir das vielleicht auch Spaß?« Er beugte sich zu dem Jungen hinunter, hob ihn hoch, wirbelte ihn einmal durch die Luft und ließ ihn dann auf seinen Schultern nieder.
Um Andrew nicht anzusehen zu müssen, beobachtete Cheryl weiterhin den Mann, der die Treppen hinaufging, während sich der Junge an seine Ohren klammerte, als er sich umdrehte, um noch einmal aufs Meer zu sehen. »Ich habe mir immer vorgestellt, dass du Kinder haben würdest«, bemerkte sie.
»Und ich bin mir ganz sicher gewesen, dass du mittlerweile das ganze Haus voller eigener Kinder hättest. Du bist doch mit Jerry anfangs bestimmt sehr glücklich gewesen. Warum habt ihr nicht …« Er lehnte sich vornüber, stützte sich mit den Ellenbogen auf das Geländer und starrte auf die Farbpalette der rötlichen Schattierungen, die den Horizont verfärbten. »Vergiss es. Was zwischen dir und Jerry war, geht mich überhaupt nichts an.«
Jerry hatte ihr bereits zu Beginn ihrer Beziehung unumwunden erklärt, dass es zu seinen Bedingungen gehören würde, eigene Kinder zu haben. Seiner Meinung nach war sein Kinderwunsch viel größer als ihrer. Erst später wurde ihr bewusst, dass es einen ganz anderen Grund gab, weshalb er Kinder haben wollte. Sobald er nämlich seinen eigenen Nachwuchs präsentieren konnte, würde das mit Sicherheit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen und eine Menge Möglichkeiten bieten, Fotos zu machen, auf denen man sich mit den eigenen Kindern zeigen konnte. Für sie schien es eher eine Möglichkeit, ihre Einsamkeit zu beenden. Obwohl sie damals völlig entmutigt war, weil sowohl die körperlichen als auch die medizinischen Bemühungen, schwanger zu werden, erfolglos blieben, war sie später sehr froh darüber, weil ihr dadurch eine komplizierte Scheidung erspart blieb und sie sich ohne irgendwelche Bindungen verabschieden konnte.
»In gewisser Weise habe ich aber doch Kinder«, erklärte sie. »Sie begleiten mich zwar nicht nach Hause, aber ich sehe sie fast täglich.«
»Du bist Lehrerin?«
»Nein, Sozialarbeiterin. Und ich führe eine eigene Agentur. Wir werden durch Stiftungsgelder und Treuhänder finanziert.«
Der Mann blieb auf dem obersten Treppenabsatz stehen und wandte sich noch einmal dem Ozean zu. »Verabschiede dich«, forderte er den Jungen auf.
»Wir kommen wieder«, sagte der Junge stattdessen, beugte sich vornüber und drückte seine Wange an die Wange des Mannes.
»Ich weiß genau, was er fühlt«, erklärte Cheryl und merkte plötzlich, dass ein Gefühl von Wut in ihr hochstieg wie Blasen in einem siedenden Wasserkessel.
Andrew sah sie an. »Ich möchte mich entschuldigen.«
Sie wich seinem Blick aus. »Wofür?«
»Für alles.«
»Das umfasst aber ein weites Feld.« So einfach wollte sie es ihm nun doch nicht machen. Dafür hatte sie viel zu lange auf eine Entschuldigung warten müssen, die ihr so unendlich wichtig war, auch wenn sich dadurch nichts ändern würde. »Willst du damit sagen, dass es dir leidtut, dass ich zwei Jahre lang die Schule habe sausen lasse, um dann doch noch meinen Abschluss zu machen, dass ich jemanden geheiratet habe, den ich nicht geliebt habe, weil ich mir nur beweisen wollte, dass ich endlich über dich hinweg bin? Oder dass ich die Hälfte meines bisherigen Lebens verschwendet habe, weil ich etwas haben wollte, das ich nicht bekommen werde? Wenn du dich entschuldigst, weil dir etwas leid tut, um was geht es da, Andrew?«
»Dass ich so ein verdammter Feigling war.«
Endlich sah sie ihn an. »Oh, das ist also passiert.«
»Ich bin nicht mehr der Mann, der ich damals war.«
»Zu schade. Diesen Mann habe ich wirklich sehr gemocht. Um ehrlich zu sein, ich habe ihn geliebt. Natürlich nur mit einer kleinen Ausnahme.«
Ihr Zorn machte ihm nichts aus, was ihm zusetzte, war ihr Schmerz. Er hatte sich so leichtfertig eingeredet, dass die Wunden, die er ihr zugefügt hatte, irgendwann einmal heilen würden, und dass sie auch ohne ihn wieder unbeschwert und glücklich sein würde. »Hast du dich jemals gefragt …«
Sie wandte sich zu ihm. »Wage es bloß nicht, mich das zu fragen. Was ich mich damals gefragt habe, wie ich darüber denke, und wie ich mich fühle, geht dich inzwischen gar nichts mehr an.«
»Dann werde ich dir einfach sagen, wie es mir geht.« Er sehnte sich danach, sie zu berühren. Es hätte ihm schon genügt, wenn er ihre Hand hätte halten dürfen. Es schien ihm unfasslich, dass er diese unzähligen, kleinen, tagtäglichen Augenblicke, die sie miteinander teilten, damals für etwas ganz Selbstverständliches gehalten hatte.
»Es gibt nicht einen Tag, an dem ich nicht an dich denke. Manchmal sehe ich eine Frau, die allein den Strand entlanggeht, und rede mir dann ein, dass du es bist. Und wenn an einem x-beliebigen Tag zufällig jemand an meine Tür klopft, dann geht mir in den wenigen Sekunden, bevor ich darauf reagiere, der Gedanke durch den Kopf, du könntest vor der Tür auf mich warten.«
»Und wie lange geht das nun schon so?«
»Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat.«
»Ich weiß genau, wie lange es bei mir schon so geht.«
Sie starrte auf die Flüssigkeit in ihrem Glas, führte es zum Mund und trank den Wein mit zwei großen Schlucken aus. »Was ist passiert, dass du erkannt hast, damals einen Fehler gemacht zu haben?«
»Eines Tages habe ich mich einem sehr harten Selbsttest unterzogen, und habe mir auch alle Männer, die ich kannte, mit denen ich jenen endlosen Sommer verbracht habe, einmal genauer angesehen. Und da wurde mir klar, wir hatten uns alle etwas vorgemacht, etwas, was überhaupt nicht existierte.«
Ihre Augen leuchteten herausfordernd auf. »Ich hatte mir etwas viel Besseres erhofft.«
»Ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, was ich verloren habe. Aber dann war es bereits zu spät.«
»Verloren? Du hast mich nicht verloren, Andrew, du hast mich fallen lassen.«
Er zuckte zusammen. Damit waren alle seine Argumente, mit denen er vor sich selbst gerechtfertigt hatte, wieso er sie verlassen hatte, sinnlos geworden. Sicherlich war es durchaus verständlich, dass er vor Angst fast umgekommen war, nachdem man Krebs bei ihm diagnostiziert hatte. Nur zu gut konnte er sich noch daran erinnern, wie ihn plötzlich diese übermäßige Sehnsucht überkam, jeden einzelnen Augenblick, der ihm noch bleiben würde, mit voller Kraft zu genießen. Doch am allermeisten war ihm in Erinnerung geblieben, welche Scham er bei dem Gedanken empfunden hatte, womöglich seine Männlichkeit zu verlieren. So schwer wie die Diagnose, an Hodenkrebs zu leiden, hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nichts getroffen. Denn damit wurde er seiner Jugend beraubt und er verlor den Glauben, unverwundbar zu sein.
Er reagierte darauf wie auf alle Krisen, die er bereits durchgestanden hatte, bevor er Cheryl begegnet war. Er kapselte sich vollkommen ab und schloss folglich damit alle aus seinem Leben aus, die ihm ganz bestimmt geholfen hätten. Ganz alleine nahm er den Kampf gegen den Krebs auf, gegen die Chemotherapie und die Bestrahlungen. Er verließ das College und tischte Cheryl meist in allerletzter Minute irgendwelche Entschuldigungen auf, wieso er sie weder an den Feiertagen noch den Geburtstagen besuchen konnte, und schwindelte ihr etwas über schwierige Vorlesungen und uneinsichtige Professoren vor. Er ging aus diesen Erfahrungen als ein Mensch hervor, der extrem auf sich selbst fixiert war, dessen einziges Ziel darin bestand, jeden Augenblick, der ihm von seinem Lebens bleiben sollte, voll auszukosten und alles auszuprobieren, was das Leben ihm zu bieten hatte. Und er wollte sich nie wieder irgendwo fest niederlassen, weder Kompromisse schließen noch Verpflichtungen eingehen.
Cheryl konzentrierte sich wieder auf den Mann mit dem kleinen Jungen und beobachtete die beiden, bis sie in einem Haus am Ende des Viertels verschwanden. »Aber wenn dir irgendwann einmal klar geworden ist, dass du vor langer Zeit einen Fehler gemacht hast, wieso hast du dann bis jetzt gewartet, um mich wiederzusehen?«
»Du warst verheiratet. Und zwar sehr glücklich, wie ich angenommen habe.«
Sie nickte. »Für eine Weile gelang es uns tatsächlich, uns einzureden, dass wir dieses perfekte Paar waren, als das wir in den Medien dargestellt wurden.« Sie machte eine Pause, als müsste sie sich zwingen, weiterzusprechen. »Aber es wird dann doch etwas eng in einer Ehe, wenn plötzlich eine weitere Person dazukommt«, erklärte sie schließlich.
»Jerry hat dich betrogen?«
Sie hob ihr leeres Glas hoch, als wollte sie damit seine Frage abwehren. Andrew griff zur Weinflasche hinter sich. Während er ihr Glas füllte, meinte er, »Ich kenne dich. Niemals würdest du es tatsächlich …«
»Du hast mich gekannt, Andrew«, korrigierte sie ihn. »Nein, an unserer Trennung war ich schuld.«
Dieses Eingeständnis verblüffe ihn. »Es gab also einen anderen Mann? Was ist passiert? Warum bist du denn jetzt nicht mit ihm zusammen?«
Sie stand regungslos da, den Blick auf den Horizont gerichtet. »Das bin ich.«
»Ich verstehe nicht.« Und auf einmal begriff er ihre Worte. »Du meinst mich? Ich bin dieser andere Mann?«
Anstelle einer Antwort nahm sie einen weiteren großen und tiefen Schluck aus ihrem Weinglas.
Andrew griff nach ihrem Glas. »Bitte sprich mit mir darüber.«
Sie schob seine Hand weg, sah ihn an, seufzte, und reichte ihm dann das Glas. »Alkohol reicht als Mutmacher nicht aus, um sich so schnell zu öffnen. Das hat bei mir noch nie funktioniert, und ich weiß wirklich nicht, wieso ich gedacht habe, dass es dieses Mal klappen würde.«
Er hatte seine Kindheit in Pflegeheimen verbracht. Wie eine Ware hatte man ihn dort für kinderlose Ehepaare zur Schau gestellt, und er war dabei zu der Überzeugung gelangt, dass Träume nur etwas für die anderen waren. Für jene, die entsprechend gut aussahen, das entsprechende Lächeln besaßen und die richtigen Worte fanden. Die Kinder, die wie er selbst übergangen wurden, hatten gelernt, auf die Karten zu setzen, die man ihnen zuspielte.
Und dennoch konnte er dieses Gefühl der Hoffnung, das in seiner Brust zu wachsen begann, nicht unterdrücken. Also wagte er trotz eingeschnürter Kehle einen erneuten Versuch. »Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben«, gestand er ihr. »Alle Frauen, die ich kennengelernt habe, haben nie dem Vergleich mit dir standgehalten.«
Ihr Lächeln besaß eine bittere Traurigkeit. »Von diesem Augenblick habe ich immer geträumt. So oft, dass ich es gar nicht mehr zählen kann. Und immer war es derselbe Traum. Du sagst mir, dass du mich liebst, schließt mich in deine Arme, und mit einem Mal ist jeder Schmerz und all die Verwirrung wie weggeblasen.«
»Aber genau so kann es doch sein.«
»Nein, das kann es nicht. Das ist nicht der Grund, weshalb ich heute hierhergekommen bin, Andrew. Ich möchte mit dir nicht noch einmal von vorn anfangen. Ich möchte es hinter mich bekommen. Ich möchte sogar vergessen, dass ich dich jemals gekannt habe.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Merkst du es denn nicht? Wir können nicht einfach an früher anknüpfen. Wir können nicht einmal von Neuem damit beginnen. Ohne Vertrauen funktioniert keine Beziehung, Andrew. Oder besitzt du tatsächlich einen Zauberstab, mit dem du nur einmal wedeln musst, um all das wieder herbeizuzaubern? Und nimmst du wirklich an, das gelingt dir dermaßen perfekt, dass du alles, was einmal gewesen ist, einfach wie durch Zauberhand zurückbringen kannst?«
Dazu fiel ihm keine Antwort ein, jedenfalls keine, die ausreichend gewesen wäre. »Was müsste ich denn tun, damit du mir wieder vertrauen kannst?«
Sie dachte über seine Frage nach. »Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist. Selbst wenn ich dazu bereit wäre, es noch einmal zu versuchen.«
»Brauchst du mehr Zeit?«, erwiderte er schnell.
»Ich habe keine Ahnung.«
»Die sollst du haben. So viel du willst.«
»Und was, wenn ich Jahre dafür brauchen würde?«
»Ich werde stets für dich da sein.«
»Es kommt mir vor, als hätte ich das schon einmal gehört.«
Er legte seine Hände auf ihre Schultern, drehte sie zu sich, damit sie ihn ansehen musste. »Ich habe dich einmal aufgegeben. Ein zweites Mal werde ich das nicht mehr machen. Zumindest nicht, ohne um dich zu kämpfen.«
Sie wollte darauf antworten, doch er legte einen Finger auf ihre Lippen, um sie daran zu hindern. »Liebst du mich noch? Wenigstens ein bisschen?«
»Es ergibt für mich keinen Sinn, dich zu lieben. Und ich mache keine Dinge, von denen ich glaube, dass sie keinen Sinn mehr machen.«
»Es ist mir egal, ob es für dich Sinn macht oder nicht – liebst du mich?«
