Stummes Versprechen - Georgia Bockoven - E-Book
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Georgia Bockoven

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Beschreibung

Schwestern im Herzen.

Amy, das Adoptivkind. Amy, das schwarze Schaf. Amy, die kleine Schwester. Diana Winchester wurde von den Eltern stehts vorgezogen - doch Diana steht zu ihrer jüngeren Adoptivschwester Amy. Eines Tages gerät Amy in eine schwere Krise. Diana wird klar, dass es nur eine Lösung gibt: Sie muss Amys wahre Mutter finden. Doch die Reise ins ländliche Wyoming führt in einen wahren Dschungel der Gefühle und auch Diana steht vor einer schweren Entscheidung ...

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Seitenzahl: 586

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Unsere Bücher suchen wir mit sehr viel Liebe, Leidenschaft und Begeisterung aus und hoffen, dass sie Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und Freude im Herzen bringen.

Wir wünschen viel Vergnügen.

Ihr »more – Immer mit Liebe« –Team

Über das Buch

Schwestern im Herzen.

Amy, das Adoptivkind. Amy, das schwarze Schaf. Amy, die kleine Schwester. Diana Winchester wurde von den Eltern stehts vorgezogen - doch Diana steht zu ihrer jüngeren Adoptivschwester Amy. Eines Tages gerät Amy in eine schwere Krise. Diana wird klar, dass es nur eine Lösung gibt: Sie muss Amys wahre Mutter finden. Doch die Reise ins ländliche Wyoming führt in einen wahren Dschungel der Gefühle und auch Diana steht vor einer schweren Entscheidung ...

Über Georgia Bockoven

Georgia Bockoven war erfolgreich als Fotografin und freie Journalistin tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kalifornien.

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Georgia Bockoven

Stummes Versprechen

Aus dem Englischen von Ingeborg Schober

Übersicht

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Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Grußwort

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Diana versuchte, nicht ständig an ihre schmerzenden Oberschenkel zu denken, während sie auf das erlösende Signal an ihrem Laufband wartete, nach dem sie endlich aufs Trimmrad steigen konnte. Als das Timersignal schließlich ertönte, verließ sie das Laufband und griff nach dem Handtuch, das sie zuvor auf einen Stuhl geworfen hatte, und drückte ihr Gesicht in den weichen Frotteestoff.

Genau in diesem Moment war aus der Küche ein lautes Klirren zu vernehmen, dem Stuarts Ausruf »Diese Schlampe!« folgte.

Sie war über seinen Ausbruch nicht sonderlich überrascht. Denn inzwischen lebte sie bereits seit zwei Jahren mit Stuart zusammen und hatte sich nicht nur an seine Gefühlsausbrüche gewöhnt, sondern kannte auch längst eine ganze Liste an Reizthemen, die ihn in Wut versetzen konnten.

An diesem Morgen war der Anlass seiner Wut mit großer Sicherheit die Tageszeitung, irgendeine Meldung, die mit den Finanzen zu tun hatte, also etwas, über das er sich austoben und worüber er schwadronieren konnte, ohne dass sie in die Sache mit hineingezogen würde. Und angesichts der Tatsache, dass man ihre Beziehung in den vergangenen Monaten nicht gerade als harmonisch bezeichnen konnte, beschloss sie, ihm ein wenig entgegenzukommen und ihm einfach nur zuzuhören.

Sie fand Stuart in der Frühstücksecke in gebückter Haltung vor, als er gerade seine preisgekrönte Steineibe vom Boden aufrichtete. Als er die Pflanze wieder zurechtrückte, rieselten dünne grüne Blättchen auf das Linoleum. An der Rückseite des Stuhles verhedderte sich der Saum seines kastanienfarbenen seidenen Morgenmantels, der sich dadurch öffnete und seine auf der Sonnenbank gebräunten Beine freilegte. Mit einer wütenden Bewegung befreite er sich vom Stuhl und widmete sich dann wieder seiner Steineibe. Als er einen abgeknickten Zweig entdeckte, riss er ihn ab und warf ihn in Richtung des Spülbeckens.

Diana ließ den Blick durch den Raum schweifen. Sie sah in der Ecke die zerknüllte Tageszeitung liegen, registrierte den verschütteten Kaffee und den umgeworfenen Stuhl neben dem Tisch. Offensichtlich handelte es sich doch nicht nur um einen seiner regelmäßigen Wutanfälle, nach deren Ausbruch man ihn im Allgemeinen wieder damit besänftigen konnte, dass man als williger Zuhörer fungierte. Doch ganz egal, was ihn an diesem Morgen so sehr in Rage gebracht hatte, es war wohl etwas, was ihn vermutlich den ganzen Tag über in schlechte Laune versetzen würde. Wahrscheinlich wäre es viel klüger gewesen, wenn sie ihre Zeit weiterhin auf dem Trimmrad verbracht hätte.

Stuart warf genau in dem Moment einen Blick nach oben, als Diana wieder durch die Tür verschwinden wollte. Seine Wut traf sie vollkommen unerwartet mit voller Kraft.

»Dieses Mal ist sie einfach zu weit gegangen!«

Dabei betonte er das »sie« mit solchem Nachdruck, dass klar war, dass es sich dabei weder um irgendeinen unbedeutenden Politiker noch um eine x-beliebige Showgröße handeln konnte, die ihm eine so massive Kränkung zugefügt hatte. Es ging also um etwas rein Persönliches. »Wer ist zu weit gegangen?«

Er riss einen zweiten Zweig vom Baum ab und warf ihn dorthin, wo schon der erste gelandet war. »Jetzt fehlt bloß noch, dass irgendeiner richtig kombiniert, und dann weiß es das ganze Büro.« Er hielt inne. »Gott, allein der Gedanke daran macht mich schon krank.«

»Ehrlich gesagt, habe ich was Besseres zu tun, als hier herumzustehen und mit dir Rätselraten zu spielen, Stuart. Entweder sagt du mir auf der Stelle, von wem du eigentlich redest, oder ich mache mich jetzt zur Dusche auf.«

Ihre scheinbare Ruhe schien seine Wut offenbar erneut anzustacheln.

»Stell dich doch nicht dümmer, als du bist, Diana. Wer sonst außer deiner gottverdammten Schwester könnte mich derart aus der Fassung bringen?«

Diana hatte plötzlich das Gefühl, als könnte sie sich vor Erschöpfung kaum mehr auf den Beinen halten.

»Was hat Amy denn jetzt schon wieder angestellt?«

»Diese Schlampe hat es fertiggebracht, sich letzte Nacht verhaften zu lassen.«

»Hör auf, sie so zu nennen!« Es dauerte einen Moment, bis sie den Rest begriff. »Was meinst du damit, dass sie sich letzte Nacht hat verhaften lassen?«

Er ließ sie ganz bewusst zappeln, um seinen Worten die größtmögliche Wirkung zu geben.

»Wegen Prostitution.«

Ihre ambivalente Haltung schlug mit einem Mal in Wut um. Denn Stuart hatte immer schon Spaß daran gehabt, sie zu piesacken. »Das glaube ich dir nicht.«

Aus irgendeinem perversen Grund schien ihm ihre Antwort zu gefallen. Es gelang ihm nicht, ein Lächeln zu unterdrücken, als er meinte: »Du musst mir nicht glauben. Lies doch selbst – es steht hier in dieser Morgenzeitung. Und mit der ganzen Familiengeschichte dazu. Amy hat es wohl nicht gereicht, sich selbst in den Dreck zu ziehen, nein, sie musste auch noch euch alle mit runterziehen.«

»Aber das muss ein Irrtum sein. Amy würde doch niemals ...«

»Ein Irrtum ist vollkommen ausgeschlossen.« Er richtete den umgeworfenen Stuhl wieder auf und schob ihn unter den Tisch. »Sie hat sich einem Polizisten käuflich angeboten.«

Diana ging über den Vorwurf einfach hinweg. »Sie hat sicher nur Unsinn gemacht.«

»Sie hat ihm einen Preis genannt.«

»Das heißt doch nicht, dass ...«

»Gib doch endlich auf, Diana«, unterbrach er sie und bückte sich, um die Zeitung aufzuheben. Er warf sie ihr zu. »Da du mir ganz offensichtlich keinen Glauben schenken willst, lies es doch selbst.«

Solange sie keinen Blick in die Zeitung warf, konnte sie sich vormachen, dass man irgendjemand anderen verhaftet hatte, der zufällig den gleichen Namen hatte. Amy hatte in der Vergangenheit einige recht fragwürdige Dinge angestellt, aber noch nie etwas Derartiges.

»Nun?«, drängte sie Stuart.

Er wusste genau, auf welchen Knopf er bei ihr drücken musste. Sie strich die zerknüllte Zeitung glatt und überflog die Schlagzeilen.

»Fast ganz unten, auf der rechten Seite.«

Diana warf ihm einen wütenden Blick zu. »Du brauchst gar nicht so selbstgefällig zu tun.«

»He, komm bloß nicht auf die Idee, deine Wut an mir auszulassen. Nicht ich bin der Feind hier.«

»Aber Amy ist es?« Meine Güte, da stand es tatsächlich, genau da, wo er gesagt hatte. »Tochter eines Prominentenarztes aus Minneapolis-Saint Paul wegen Prostitution verhaftet.« Warum wirkten alle Dinge, wenn man sie tatsächlich schwarz auf weiß gedruckt sah, so viel schlimmer?

»Ich sehe, du hast es gefunden«, meinte Stuart.

Sie las die ersten beiden Absätze und ersparte sich den Rest. Das reichte ihr. Sie zweifelte nicht eine einzige Minute daran, dass Amy wieder einmal eines ihrer albernen Spielchen gespielt hatte, aber dieses Mal dabei einfach zu weit gegangen war. Allein der Gedanke, dass sich ihre Schwester prostituiert haben sollte, schien ihr so sehr an den Haaren herbeigezogen wie die Idee, sie würde plötzlich einem Nonnenkloster beitreten wollen.

»Du weißt schon, dass dort genauso gut auch dein Name stehen könnte«, erklärte Stuart, »oder meiner. Wenigstens ist die Position deines Vaters im Krankenhaus nicht gefährdet. Aber ich kann mir meine Karriere bei Cunningham abschminken, wenn Ellsworth das hier liest und es mit mir in Verbindung bringt.«

Diana hätte fast laut losgelacht. Die Investmentfirma, für die Stuart arbeitete, war in den letzten fünf Jahren in ein halbes Dutzend Gerichtsverfahren verwickelt gewesen. »Wenn Gerry Cutter sich Geld aus einem der Fonds seiner Klientenkonten ›leihen‹ kann und immer noch seinen Job hat, dann kann ich mir schwer vorstellen, warum Stanton Ellsworth dir wegen meiner Schwester Probleme machen sollte.«

»Gerade dass Gerry das gemacht hat, ist doch der Grund, dass der Rest von uns über jeden Tadel erhaben sein muss.«

»Kein Mensch wird dich in irgendeiner Weise mit dieser Sache in Verbindung bringen. Wie denn auch?«

»Gott, du kannst manchmal aber auch verdammt begriffsstutzig sein. Die Hälfte meiner Klienten sind Leute, die ich durch deinen Vater kennengelernt habe.«

Diana warf einen Blick auf die Uhr. »Es ist schon fast sieben Uhr, Stuart. Wenn ich nicht jetzt zum Gefängnis fahre, dann muss ich im Büro anrufen und den Vormittag freinehmen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst? Ich dachte, du hättest inzwischen deine Lektion gelernt.«

»Sie ist meine Schwester. Ich kann sie genauso wenig im Stich lassen, wie du John im Stich lassen könntest, wenn er in Schwierigkeiten steckt.«

»Mit dem Unterschied, dass mein Bruder mich niemals um Hilfe bitten würde. Aber Amy erwartet, dass du ihr hilfst. Sie weiß, dass du sofort angerannt kommst, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, egal, was auch immer für einen Mist sie in ihrem Leben baut.«

»Das stimmt doch gar nicht.« Sie suchte verzweifelt nach einem Beispiel, mit dem sie ihm das Gegenteil beweisen konnte.

»Ich hatte nichts damit zu tun, dass sie sich für diese Drogenentziehungskur angemeldet hat. Amy hat das alleine und von sich aus getan.«

»Na ja, sie war es schließlich auch, die ganz von selbst beschlossen hatte, sich diesen Mist in die Nase zu stecken.«

Sie hatten diesen Streit schon so oft geführt, dass sie keine Lust mehr hatte, sich nochmals darauf einzulassen. Sie war schon im Gehen, als er meinte: »Und was ist mit deinen Eltern? Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, dass du auch einmal ihre Gefühle berücksichtigst? Hast du jemals darüber nachgedacht, was es für sie bedeutet, wenn sie ständig miterleben müssen, wie Amy ihren Namen durch den Dreck zieht?«

Sie musste nicht darüber nachdenken, weil sie es wusste. Ihr Vater würde wutentbrannt durchs Haus stürmen, und ihre Mutter würde sich mit einer Migräne ins Bett flüchten. »Es ist nicht Amys Schuld, dass die Namen von Mom und Dad in der Zeitung stehen.«

»Leg doch mal deine Scheuklappen ab! Wer denn sonst außer Amy hätte Reportern diese ganzen Einzelheiten stecken können?«

»So etwas würde sie niemals machen.«

»Das war für sie doch die Gelegenheit, um es ihnen endlich heimzuzahlen.« Diana zögerte zwar nur einen Moment lang, aber das reichte Stuart aus, um ihre Zweifel zu schüren. »Zumindest wirst du jetzt verstehen, warum ich es nicht zulassen werde, dass du dorthinfährst, um sie zu sehen. Sie wird bestimmt dafür sorgen, dass du ...«

»Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dich um Erlaubnis gebeten hätte«, erwiderte Diana kühl.

»Setze mich damit bloß nicht unter Druck, Diana. Es steht viel zu viel auf dem Spiel.«

»Amy sitzt im Gefängnis. Du erwartest doch wohl nicht, dass ich sie dortlasse.«

»Vielleicht tun ihr ein paar Nächte hinter Gittern ganz gut.« Mit einem Mal kam wieder Leben in seine Augen, denn offenbar schien ihm dieser Gedanke gut zu gefallen. »Alles andere hat bisher nichts gebracht. Du weißt genauso gut wie ich, dass sie eines Tages im Leichenschauhaus enden wird, wenn sie so weitermacht.«

Es gab Nächte, in denen sie nicht schlafen konnte, weil auch sie dieser Gedanke verfolgte. Obwohl diese Geschichte natürlich eine echte Provokation von Amy war, konnte sie ihr nicht einfach den Rücken kehren. »Ich werde jetzt eine Dusche nehmen.«

»Soll ich dich bei der Firma absetzen? Ich muss sowieso deinen Weg nehmen, weil ich mich vormittags mit einem Klienten treffe.«

Sein Angebot kam so unauffällig wie Zigarrenrauch daher. »Ich hasse es, wenn du mir so kommst. Falls du wissen willst, was ich vorhabe, warum fragst du nicht einfach?«

»Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt, Diana. Auf gar keinen Fall werde ich es zulassen, dass deine Schwester mich mit in die Gosse reißt.«

Sie sah abermals auf die Uhr. »Das werden wir später klären müssen.«

»Würdest du mir vielleicht sagen, was du vorhast?«

»Das weiß ich noch nicht.« Das war natürlich gelogen.

»Sag bloß nicht, ich hätte dich nicht gewarnt«, erwiderte er mit beängstigender Ruhe.

Inzwischen hatte sie mit Stuart lange genug zusammengelebt und sich an seine beiläufigen Drohungen gewöhnt, die er in der Hitze eines Gefechtes fallen ließ. Doch im Gegensatz zu den Anfangszeiten beunruhigte sie das längst nicht mehr. »Gut, du hast mich gewarnt.«

»Entweder ich oder Amy.« Selbst dann, wenn Stuart sie besonders stark verärgerte, hatte sie immer wieder das Bedürfnis, ihn versöhnlich zu stimmen.

»Wieso treffen wir uns nicht nach der Arbeit bei Charlie’s? Ich lade dich zum Abendessen ein, und dann können wir alles besprechen«, schlug sie vor.

»Ich habe zum Abendessen schon andere Pläne gemacht.«

Sie wartete darauf, dass er ihr erzählen würde, um was es dabei ging. Doch schon bald wurde ihr klar, dass er nichts mehr dazu sagen würde. »Dann gehe ich davon aus, dass wir uns dann sehen, wenn du nach Hause kommst.«

Eine Stunde später teilte Diana ihrer Assistentin übers Autotelefon mit, dass sie erst später kommen würde und sie folglich ihre Termine streichen müsste. Sie hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, wenn man jemanden auf Kaution aus einem Gefängnis holen wollte. Dieses Thema war zumindest in ihrem Freundeskreis noch nie zur Sprache gekommen.

In der einen Minute war sie auf Amy wütend, weil diese sich schon wieder in eine missliche Lage gebracht hatte, und in der nächsten konnte sie kaum Luft holen bei dem Gedanken, welche Dämonen es wohl waren, die Amy zu solchen Dingen trieben. Für jeden Menschen war es wichtig, dass er sich zumindest auf einem Gebiet hervortun konnte, auch wenn er ein Leben lang nur zu hören bekommen hatte, er sei lediglich der Zweitbeste in allem. Diana hatte aufgrund der Umstände und ihrer Persönlichkeit Amy eigentlich nur eine einzige Rolle überlassen, in der sie andere übertreffen konnte. Und diese spielte sie inzwischen mehr als gut.

Diana wusste, wo das Gefängnis lag, denn sie hatte ihr ganzes Leben in der Gegend von Minneapolis-Saint Paul verbracht, aber natürlich hatte sie nie einen Grund gehabt, die Strafanstalt zu betreten. Doch allein das Auto zu verlassen und die Besuchertür zu passieren, löste in ihr defensive Gefühle aus. In dem Moment, als sie es betreten hatte, merkte sie, dass sie gegen das völlig irrationale Bedürfnis ankämpfen musste, aller Welt erklären zu müssen, dass sie auf gar keinen Fall hierhergehörte und dass ihre Schwester Amy irrtümlich verhaftet worden war. Und dass keiner aus ihrer Familie, und auch kein anderer, den sie kannte, jemals in Schwierigkeiten der Art geraten war, für die man im Gefängnis landete.

Es dauerte etliche Minuten, bis sie herausgefunden hatte, wer dafür zuständig war, die Kaution entgegenzunehmen, und zugleich, dass bereits ein anderer für die Entlassung von Amy bezahlt hatte. Sie war schon vor über einer Stunde entlassen worden. Diese Nachricht traf Diana so unerwartet, dass sie dem Polizisten erst einmal eine Reihe von Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte oder wollte. Schließlich gab sie es auf und ging.

Immerhin hatte Amys geheimnisvoller Wohltäter Diana die Schande erspart, dass ihr Name und ihre Adresse in einem offiziellen Polizeireport auftauchen würden. Eigentlich hätte sie darüber erleichtert, sogar dankbar sein sollen. Stattdessen war sie misstrauisch. Nicht ein einziger Mensch war Amy zu Hilfe gekommen, als aus ihrem Gesellschaftstrinken schließlich exzessiver Alkoholkonsum wurde oder als sie von ihren gelegentlichen Joints zu harten Drogen gewechselt war. Also warum jetzt?

Obwohl der Himmel bewölkt war, hielt sie an, holte die Sonnenbrille aus der Handtasche und setzte sie auf. Als sie wieder hochsah, entdeckte sie, dass Frank Pechacek, ein alter Freund ihres Vaters, auf sie zukam. Wenn er sie entdecken würde, würde er bestimmt wissen wollen, weshalb sie hier war. Denn schließlich war das Gefängnis nicht unbedingt der Ort, an dem man erwartete, die Tochter von Carl und Eileen Winchester anzutreffen.

Doch dann wurde ihr plötzlich etwas klar. Frank war nicht nur ein Freund ihres Vaters, er war auch sein Anwalt – und dazu einer der Partner in einer der besten Kanzleien der Stadt. Er war bestimmt hier, um Amy zu helfen.

Doch kaum war ihr dieser Gedanke gekommen, musste Diana erkennen, wie abwegig er war. Ihre Eltern hatten bereits vor Jahren jeglichen Kontakt zu ihrer missratenen Adoptivtochter abgebrochen. Vielleicht würden sie sich melden, falls Amy sterbend im Krankenhaus läge. Aber ganz bestimmt würden sie den Teufel tun, sich ihr unter diesen Umständen zu nähern.

Diana führte ihre Hand zum Gesicht und tat so, als würde sie ihre Sonnenbrille zurechtrücken, während sie sich zur Seite drehte. Es war zu spät.

»Diana, bist du das?«, rief Frank.

Sie drehte sich um und rang sich ein Lächeln ab. »Frank, ich habe dich gar nicht gesehen.«

»Ja, verdammt noch mal, natürlich nicht«, antwortete er und ging auf sie zu. »Aber falls du aus dem Grund hier bist, den ich mal annehme, dann mache ich dir keinen Vorwurf, dass du versucht hast, mir aus dem Weg zu gehen.«

»Dann weißt du das bereits mit Amy?«

»Ihre Verhaftung stand schließlich auf der ersten Seite, Diana. Anwälte neigen dazu, solche Dinge zu registrieren.«

»Hast du mit Dad geredet?«

»Nein, und ich denke, das will ich auch nicht. Und schon gar nicht über diese Sache.«

»Ich dachte, du bist vielleicht hier, weil ... Ehrlich gesagt, hatte ich eher gehofft, meine Eltern hätten dich geschickt, um Amy zu helfen.« Sie lächelte ihn kurz an. »Wenn ich mich irre, dann irre ich mich gründlich.«

»Ich würde recht gern alles tun, was möglich ist, aber solche Sachen sind im Allgemeinen ziemlich klar. Angenommen, dass es das erste Mal ist, dass man sie erwischt hat, dann kann sie mit Bewährung rechnen.«

Das erste Mal, dass man sie erwischt hat? Diana spürte einen Anflug von Wut in sich aufsteigen. Die Leute hatten Amy ein Leben lang für alles die Schuld in die Schuhe geschoben, völlig egal, wie der Vorwurf lautete. Wenn die Milch bis auf den letzten Tropfen leer war, dann hatte sie natürlich Amy ausgetrunken. Wenn der Hund davonlief, hatte Amy vergessen, das Gatter zu schließen. Als Jimmy Randall in der fünften Klasse behauptet hatte, jemand hätte sein Frühstücksgeld gestohlen, war Amy die Erste, die man verhörte. Obwohl es stets ein anderer gewesen war, der etwas aufgebraucht, vergessen oder gestohlen hatte, fand es keiner für nötig, sich irgendwann einmal bei Amy zu entschuldigen.

»Nicht nur, dass es das erste Mal ist, Frank«, erklärte ihm Diana, »das Ganze ist auch ein gewaltiger Irrtum. Ich würde es Amy nicht verübeln, wenn sie beschließen sollte, das Polizeirevier wegen unrechtmäßiger Verhaftung zu verklagen.« Obwohl es eigentlich schon gereicht hätte, nur entrüstet zu sein, fiel ihr Protest unverhältnismäßig vehement aus.

»Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte«, fuhr sie in einem weitaus gemäßigteren Tonfall fort. »Das Einzige, was ich mir zusammenreimen kann, ist, dass sie mit dem Polizisten einfach nur herumgealbert und er es ernst genommen hat. Ich bin mir ganz sicher, dass sie nicht mehr trinkt, folglich kann sie also auch nicht betrunken gewesen sein. Vielleicht war sie einfach nur in dieser verrücken Stimmung, sie hat das manchmal ...« Sie hörte zu reden auf, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Es tut mir leid, Diana, ich dachte, du würdest es wissen.«

Ihr wurde ganz kalt. »Was wissen?«

»Amy treibt das schon eine ganze Weile.«

Es fiel ihr nicht leicht, sich einzugestehen, von was er da eigentlich redete. »Was treibt sie schon eine ganze Weile? Ich verstehe das nicht.«

Ganz offensichtlich war er durcheinander, denn zuerst wollte er darauf etwas erwidern, ließ es dann aber. »Ich hätte das gar nicht erst erwähnen sollen. Es ist wohl besser, wenn du mit Amy selbst darüber redest. Eigentlich sollte sie dir das selbst sagen und nicht ich.«

»Falls es da irgendetwas gibt, was sie mir hätte sagen wollen, dann hätte sie das doch bereits getan.« Sie merkte, dass ihn das nicht überzeugte. »Ich kann ihr nicht helfen, wenn ich nicht weiß, um was es geht.«

»Vor ein paar Monaten hat Darren Harris ... du erinnerst dich an ihn? Er war in dem Jahr Präsident des Fordham-Clubs, als dein Vater dort der federführende Schatzmeister war. Egal, Darren Harris betreute einige Klienten, die an einem Kongress in der Stadt teilnahmen. Und sie haben ihn gebeten, ob er ihnen nicht ein paar Mädchen für eine kleine Party in ihrem Hotel besorgen könnte. Darren rief einen seiner Freunde an, der sich um solche Sachen kümmert. Der Freund machte ein paar Anrufe und ...« Er überließ es ihr, sich den Rest selbst zusammenzureimen.

»Und?«, meinte sie.

»Amy war eines der Mädchen, die aufkreuzten.«

Genauso gut hätte er ihr erklären können, dass in diesem Sommer keine Blumen blühen würden. »Wie kam er darauf, dass es sich um Amy handelte?«

»Genau diese Frage habe ich Darren auch gestellt. Ich wusste ja, wie schwer ein solcher Vorwurf deine Familie treffen würde, deswegen wollte ich ganz sichergehen, wovon er redete. Er hat mich darauf hingewiesen, dass Amy und seine Tochter im gleichen Schwimmteam an der Highschool waren.« Frank wandte seinen Blick ab, als wollte er sich vor ihrer Reaktion schützen.

Wäre sie ein paar Minuten früher eingetroffen oder etwas später nach Hause gefahren, dann hätten sich die Wege von ihr und Frank Pechacek niemals gekreuzt. Und dann hätte sie zumindest den restlichen Vormittag an Amys Unschuld glauben können. Doch nun warfen sich für sie Hunderte von Fragen auf, auf deren Antwort sie keinerlei Lust verspürte.

2

Nachdem sich Diana von Frank Pechacek verabschiedet hatte, wusste sie erst einmal nicht, was sie tun sollte, und machte sich folglich zu ihrem Büro auf. Eigentlich hätte sie sich mit Amy treffen müssen. Je länger sie das Treffen aufschob, desto schwieriger würde es letztendlich werden. Aber sie war nicht in der Lage, ihrer Schwester gegenüberzutreten, zumindest nicht jetzt. Sie benötigte eine gewisse Zeit, um die Neuigkeiten zu verdauen, und sie brauchte auch Zeit, um einen Weg zu finden, ihre Verwirrung in Schach zu halten und, was noch viel wichtiger war, um weder Abscheu auf ihrem Gesicht noch in ihrer Stimme zu zeigen.

Wieso hatte Amy das bloß getan?

Diese Frage rumorte ständig in Dianas Kopf herum, betraf jeden ihrer Gedanken, erschütterte jegliche Kontrolle darüber. Ganz bestimmt war Amy nicht in Geldnöten. Der Treuhandfonds ihrer Großmutter war so hoch wie Dianas eigener. Aber wenn es nicht um Geld ging, um was denn dann? Auf gewisse Weise waren ihre Alkohol- und Drogenprobleme noch nachvollziehbar gewesen. Experimente dieser Art waren ein integraler Bestandteil der abendlichen Vergnügungen, die in Amys Freundeskreis aus der Highschool gepflegt wurden. Aber Prostitution gehörte absolut nicht zu den Dingen, die man so nebenbei als Hobby betrieb, um zu einer bestimmten Clique dazuzugehören. Denn wer seinen Körper Wildfremden zum Kauf anbot, der musste sich darauf eingestellt haben und ganz bewusst die Bereitschaft mitbringen, sich auch auf erniedrigende Sexpraktiken einzulassen.

Bislang war Diana an den Straßenmädchen vorbeigefahren, ohne viele Gedanken darauf zu verschwenden, wieso sie letztendlich dort gelandet waren, um ihren Körper zu verkaufen. Sie hatte zwar gelesen, dass Schauspieler Callgirls anheuerten oder Mädchen für schnellen Sex auf dem Parkplatz bezahlten, aber dass ihre eigene Schwester sich in dieser Szene bewegte, war für sie einfach unbegreiflich.

Diana bog in die Wendespur vor dem Sander’s Food Building ein. Sie betrachtete das glänzende Gebäude und merkte, dass sie alles andere wollte, als es zu betreten. Irgendwann würde es ihr gelingen, mit den schiefen und fragenden Seitenblicken der Arbeitskollegen klarzukommen, doch so weit war sie noch nicht. Vor allem aber wollte sie auf gar keinen Fall mit der Sympathie oder dem Mitgefühl in ihren Augen konfrontiert werden. Und falls sich jemand tatsächlich dazu hinreißen lassen sollte, Mitleid zu zeigen, wäre es vermutlich um ihre anerzogene Höflichkeit geschehen.

Stattdessen wartete sie eine Lücke im Verkehr ab, kehrte wieder auf die Hauptstraße zurück und fuhr ohne Richtung und Ziel einfach weiter. Eine Stunde später war sie in Stillwater. Von dort aus machte sie sich in Richtung Norden auf, hielt in Taylors Falls an, um sich in einem Supermarkt ein Sandwich zu kaufen.

Erstaunlicherweise befanden sich nur wenige Touristen in dem Park, den sie aufgesucht hatte, um das Sandwich zu essen. Aber es war auch erst Anfang Mai, zudem mitten in der Woche, und der Wetterbericht hatte für den späten Nachmittag einen Sturm angekündigt. Nachdem sie den Rest ihres Sandwichs in einen Abfallkorb geworfen hatte, wanderte Diana den Fluss entlang und blieb stehen, um ein Pärchen in einem gemieteten Kanu zu beobachten. Der Mann mühte sich zwar mit dem Paddel ab, aber die Frau himmelte ihn an, als würde er zum Olympiateam gehören. Es war nicht zu übersehen, dass sie ein Liebespaar waren, das in seiner eigenen Welt lebte, die erfüllt war von Berührungen, innigen Blicken und Gelächter. Hatten sie und Stuart jemals diese Art von Welt erobert? Sie blickte auf ihren geradezu obszön großen Verlobungsring hinunter, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sie hätte ihn mit Freuden gegen einen einzigen Tag eingetauscht, den die beiden dort in ihrem Kanu verbrachten. Diana wurde von so heftigem Neid übermannt, dass sie wegsehen musste.

Seit sie es geschafft hatte, aus ihrem Laufstall zu entkommen, indem sie alle ihre Puppen in einer Ecke aufeinandergestapelt hatte, um über die Gitterstäbe zu klettern, blühte sie jedes Mal geradezu auf, wenn sie nach Lösungen für schier unlösbare Probleme suchte. Als sie noch Kinder waren, gab es bei jedem Problem, in das Amy geriet, für Diana immer eine Möglichkeit, sich zugunsten ihrer Schwester einzusetzen. Als sie gemeinsam die Schule besuchten und Amy in einer Klasse versagte, schaffte es Diana, alle Lehrer zu überreden, ihr noch eine weitere Chance zu geben. Selbst jetzt an ihrem Arbeitsplatz hielt man Diana für ein Genie, wenn es darum ging, einen Weg zu finden, um die größten Barrieren zu überwinden. Stuart behauptete, sie würde manipulieren. Sie selbst bevorzugte den Gedanken, kreativ zu sein.

Doch was für Talente sie auch immer besaß, im Moment nützten sie ihr gar nichts. Dieses Mal hatte sich Amy in eine Situation hineinmanövriert, die sich weder durch Reden, Manipulieren noch Wünsche in Luft auflösen ließ.

Diana wurde von diesem Gedanken geradezu überrumpelt. Kein Wunder, dass sie einfach aus der Stadt geflüchtet war, anstatt sich Amy zu stellen. Sie war einfach vor ihrem eigenen Gefühl der Hilflosigkeit davongelaufen.

Auf der Rückfahrt in die Stadt wiederholte Diana die Worte, die sie Amy sagen wollte. Aber als sie sich der Wohnung ihrer Schwester näherte, klangen sie abgedroschen und banal, und sie wurde erneut von ihren Zweifeln eingeholt. Sie fand zwar sofort einen Parkplatz in der Straße, schaffte es aber nicht, den Wagen zu verlassen. Sie hatte immer noch Angst, dass sie, falls sie hineingehen würde, solange sie noch mit ihrem Ärger und ihren Frustrationen zu kämpfen hatte, etwas sagen könnte, was sie später bereuen würde. Ihr Schmerz und ihre Enttäuschung waren noch zu frisch, um sie zu überspielen, aber bestimmt genau das Letzte, was Amy nach allem, was geschehen war, noch brauchen konnte.

Gefühlsmäßg war das zwar sehr nett gedacht, aber ehrlich gesagt, war es nicht wirklich selbstlos gedacht, sondern eher egoistisch.

Seit wann war sie eigentlich so ein Feigling?

Diana stieg aus dem Auto. Die Brise war inzwischen zu einem Wind angewachsen. Sie sah zum Himmel hoch. Der Sturm würde bald losbrechen. Amy liebte den Regen. Sie meinte, dann würden die Leute es sich lieber drinnen gemütlich machen und nicht so schnell aufbrechen. Diana fand es in Ordnung, dass wenigstens eine Sache, und sei es nur das Wetter, an diesem Tag Amy entgegenkam.

Diana überquerte die Straße, betrat das Wohnhaus und ging die Treppen zu Amys Wohnung hoch. Sie klingelte und wartete ab. Als sich Amy nicht meldete, fühlte sich Diana insgeheim mehr als erleichtert. Um ganz sicherzugehen, klopfte sie dummerweise noch gegen die Tür. Woraufhin dann Amy auch tatsächlich öffnete.

»Ich dachte, es wäre der Pizzadienst.« Es war offensichtlich, dass sie über Dianas Kommen nicht besonders erfreut war.

Mal abgesehen von ihren dunklen Augenringen sah Amy auch nicht anders aus als die Wochen zuvor. Sie trug Jeans und ein Sweatshirt. Sie trug weder Netzstrümpfe noch war auf ihrer Stirn ein scharlachrotes Kainsmal eingebrannt, lauter Dinge, die sich Diana, wie sie nun merkte, insgeheim eingebildet hatte. »Ich habe dir doch gesagt, dass du einen Türspion einbauen lassen sollst.«

»Warum bist du hier?«

»Seit wann brauche ich dafür einen Grund?« Sie versuchte die Aggressivität in ihrer Stimme zu unterdrücken. Denn Amy befand sich in der Defensive und forderte die Provokation heraus.

»Weil es mitten am Tage ist und du eigentlich in deinem Büro sein solltest.«

»Darf ich reinkommen?«

Doch Amy machte nicht Platz, damit Diana eintreten konnte, sondern lehnte sich nach vorne und mit den Schultern gegen den Türrahmen. »Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Zumindest nicht heute.«

»Hast du Besuch?« Ihre Frage bekam auf einmal eine völlig neue Bedeutung, die Diana nicht beabsichtigt hatte. Doch diese Anspielung lastete schwer zwischen ihnen. »Wenn du mich reinlässt, dann kann ich dich davon abhalten, die Pizza ganz alleine zu essen. Stell dir mal vor, wie viele Kalorien du dabei sparst.«

»Wahnsinn! Du bist tatsächlich bereit, deinen schlanken Luxuskörper für mich zu opfern? Was für eine Schwester du doch bist!«

»Komm mir ja nicht so, Amy.«

»Wie soll ich dir nicht kommen?«, meinte sie schnippisch.

»Ich bin nicht hergekommen, um mich mit dir zu streiten.«

»Ach wirklich? Das kann nur heißen, dass du hergekommen bist, um mir eine Strafpredigt zu halten. Danke bestens, aber ich glaube, ich erspare mir das lieber.« Sie ging einen Schritt zurück, um die Tür zu schließen.

»Hör endlich auf, das kleine Miststück zu spielen, und lass mich rein«, antwortete Diana.

Obwohl Amy sich offenbar weiterhin dagegen wehrte, musste sie lächeln.

»Na bitte, das ist doch meine Schwester, wie ich sie kenne und liebe.«

Im Gegensatz zu Dianas stets kontrolliertem Gesichtsausdruck veränderte sich Amys Gesicht vollkommen, wenn sie lächelte. Dann schwollen ihre Backen an, und um die Augen bildeten sich kleine Lachfältchen. Es war unmöglich, ihrem Lächeln zu widerstehen. Trotz ihrer unermüdlichen Anstrengungen hatte selbst Eileen Winchester es nicht geschafft, dass sich die Schwestern besonders ähnlich sahen, sie waren vom Aussehen her so unterschiedlich wie ein Volvo und ein Maserati, die lediglich die gleiche Farbe hatten. Amy trug ihr dunkles Haar kurz geschnitten wie ein Kobold, mit einem Pony, der so aussah, als wäre er mit der Zickzackschere hingetrimmt worden. Sie hatte ein Faible für überdimensionale Ohrringe, Röcke, die entweder schenkelkurz waren oder bis zum Knöchel reichten, und Schuhabsätze, die aus ihren 1,73 Meter fast 1,83 Meter machten. Diana trug ihr langes schwarzes Haar in einem geraden Schnitt bis über die Schultern, ihre Garderobe bestand aus maßgeschneiderten Kostümen und lässigen Wollhosen sowie etlichen Designerjeans, die sie bei ihren gelegentlichen Landausflügen anhatte. Sie trug nur konservative Ohrringe, einige mit kleinem Emblem, die meisten davon aus reinem Gold.

Für Eileen war es ein beständiges Rätsel, über das sie sich auch lang und breit auslassen konnte, wie sehr sich doch ein Kind, das sie so sorgfältig und persönlich als Schwester für die eigene geliebte Tochter ausgewählt hatte, auf so völlig andere Weise entwickeln konnte. Und Eileen misstraute von Haus aus allem, was sie nicht verstand.

Bevor Diana Amy antworten konnte, tauchte hinter ihr ein Mann auf, der ganz bestimmt schon achtzig Jahre alt war. Er trug ein blaues Hemd mit einem verblassten roten Streifen in der Mitte und unter seinem Arm eine große Isolierbox.

»Haben Sie die Pizza bestellt?«, wollte er von Amy wissen.

»Ja, das habe ich«, antwortete sie. »Einen Moment bitte, ich hole schnell das Geld.«

»Das mache ich schon«, erklärte Diana. Sie zog einen Zwanzigdollarschein aus der Tasche. »Behalten Sie den Rest.«

»Es sind aber einundzwanzig Dollar achtzig«, meinte er und reichte ihr die Quittung.

Diana sah Amy an. »Was hast du denn bestellt?«

»Weiß ich nicht mehr.«

Sie zog einen weiteren Zehner aus der Tasche. Er steckte das Geld in die Tasche und zog dann einen Karton aus einer Isolierbox, den er Amy in die Hand drückte. Er hatte sich bereits umgedreht, um zu gehen.

»Was ist mit meinem Wechselgeld?«, hakte Diana nach.

Er warf ihr einen erstaunten Blick zu.

»Vergessen Sie’s«, meinte sie mit einem Händewinken.

»Meine Güte, sind wir aber großzügig«, bemerkte Amy, als er außer Hörweite war.

»Wie würde es dir gefallen, in seinem Alter Pizza für deinen Lebensunterhalt auszuliefern?«

Sie folgte Amy in die Wohnung. Die Jalousien waren geschlossen und die Vorhänge zugezogen, wodurch die normalerweise wegen der verschiedenen Mauves und Grüns, der Blumen- und Streifenmuster so fröhlich wirkende Wohnung nun dunkel und leblos wirkte. Diana schaltete eine Lampe an, als sie das Wohnzimmer durchquerte. Doch das veränderte auch nicht sehr viel. Es schien ganz so, als sei es Amys eigenes Strahlen, das den Charme ihres Zuhauses ausmachte und es so einladend wirken ließ. Ohne ihren Enthusiasmus verloren das dick gepolsterte Sofa und die lackierten Beistelltische an persönlichem Stil und wirkten einfach nur abgenutzt.

Normalerweise fühlte sich Diana hier wesentlich wohler als in ihrem eigenen Heim. Weil es Stuarts Wunsch gewesen war, hatten sie, als sie einen gemeinsamen Hausstand gründeten, geradezu chirurgisch ihre finanziellen Verpflichtungen aufgeteilt. Zu ihren gehörte die Eigentumswohnung, deren Unterhalt und sämtliche Nebenkosten.

Er war für den Rest, und dazu gehörte auch die Einrichtung, zuständig.

Als es darum ging, welche Eigentumswohnung sie kaufen sollte, hielt er mit seiner Meinung nicht lange zurück. Aber mit dem Kauf der Möbel, allesamt klassische und minimalistische Stücke, ließ er sich monatelang Zeit. Jedes davon war wahnsinnig teuer und entweder aus Leder, Glas oder exotischen Hölzern gemacht. Insgesamt gesehen wirkte alles wie aus einem Einrichtungsmagazin und erinnerte eher an eine Ausstellung denn an ein Zuhause.

Während Stuarts Einrichtung mit edelster Zartbitterschokolade verglichen werden konnte, war Amys Wohnung dagegen ein Schokoriegel, der mit den unterschiedlichsten Dingen gefüllt war, die sie auf Flohmärkten, bei Wohnungsauflösungen und über Zeitungsannoncen gesammelt hatte. Dazu gehörte ihre verchromte Küche aus den 50er-Jahren ebenso wie eine Rokokouhr, die ihrer Großmutter gehört hatte.

Die Uhr war ein Familienerbstück, und unablässig betonte ihre Mutter, dass die Uhr von Rechts wegen ihr gehören würde. Angeblich war die Uhr ein Vermögen wert, weil Katharina die Große sie einer ihrer Verwandten geschenkt hatte. Der finanzielle Wert hatte für Amy keinerlei Bedeutung, für sie als Besitzerin zählte der ideelle Wert, weil ihre Großmutter sie ausgewählt hatte, die Uhr so lange zu verwalten, bis sie an die nächste Generation weitergereicht werden konnte. Großmutter Mary war in der weitverzweigten Boehm-Familie neben Diana die Einzige gewesen, die Amy ohne jegliche Zweifel und Vorurteile akzeptiert und geliebt hatte.

»Im Kühlschrank steht frische Limonade«, meinte Amy, während ihr Diana in die Küche folgte. »Wenn du aber lieber ein Bier möchtest, ich glaube, es liegt eines im Gemüsefach.«

»Was machst du denn mit ...?« Diana hielt inne, leider Gottes zu spät. Nach Amys Entlassung aus der Klinik hatte Diana versprochen, Amys Verhaltensweisen weder infrage zu stellen noch Spekulationen darüber anzustellen. Es gab Zeiten, in denen Diana fast daran erstickt war, wenn sie versucht hatte, einen warnenden Hinweis zu unterdrücken, besonders dann, wenn Amy eine Party besuchen wollte, bei der Alkohol und Drogen so selbstverständlich wie Chips und Dips gereicht wurden. Bis jetzt war ihr das immer gelungen.

»... mit Bier?«, beendete Amy die Frage für sie.

»Tut mir leid«, meinte Diana, »ist mir nur so rausgerutscht.«

»Ich vermute mal, ich sollte dir Punkte dafür geben, wenn du es nicht leugnest, was du eigentlich versucht hast zu unterdrücken.« Sie öffnete den Geschirrschrank und holte zwei Teller heraus.

»Wenn du mir schon Punkte geben willst, wie wäre es dann für alle Situationen, in denen ich in der Vergangenheit einfach den Mund gehalten habe?«

»Und was bekomme ich dann für die Momente, in denen ich für einen Drink am liebsten einen Mord begangen hätte, es aber gelassen habe?«

Diana dachte über die Frage nach und meinte dann schelmisch: »Den Mord oder den Drink?«

»Du kannst mir glauben«, erklärte Amy mit einem bedeutungsvollen Blick zu Diana, »es gab jede Menge Herausforderungen, sowohl was das eine als auch das andere betrifft.« Sie drückte die Laschen der Pizzaschachtel auf und öffnete den Deckel. Eine ganze Weile starrte sie auf den Anblick, der sich ihr bot, und schließlich begann sie zu lachen. »Das hier wirst du nicht glauben.«

Diana sah von der Ablage fürs Silberbesteck hoch.

»Stimmt irgendwas nicht?«

»Das musst du dir schon selber anschauen.« Amy rückte etwas von der Schachtel ab.

Diana spähte nach innen und entdeckte dort ein rundes, leeres Pizzabrot. Im allerletzten Winkel der Schachtel hatte sich ein Klumpen aus Käse, Peperoni, Pilzen, Oliven und diversen anderen Gemüsezutaten gebildet. »Ist das eine neue Sorte Pizza?«

»Ja, genau.«

Der Anblick war so bizarr, dass Diana die Sache nicht sofort begriff. Dann stöhnte sie auf. »Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Hast du gesehen, wie er die Box unter seinen Arm geklemmt hatte?«

Amy griff nach einer Olive, lehnte den Kopf zurück, und ließ die Fäden von gezogenem Käse in ihrem Mund verschwinden.

»Da dreht sich mir ja der Magen um«, erklärte Diana.

»He, schmeckt gar nicht schlecht. Probier doch mal.«

Zögernd riss Diana einen Pilz los und steckte ihn in den Mund. Er hatte sogar noch ein wenig Biss und besaß ein wundervolles Waldaroma. Danach probierte sie ein Stückchen Paprika und etwas Peperoni. »Na, wenigstens schmeckt sie nicht so widerlich, wie sie aussieht.«

Amy griff nach oben, nahm zwei Schüsseln und reichte Diana eine davon. »Rein damit.«

Diana nahm die Schüssel und gab Amy eine Gabel. Beide spießten die Pizza mit der Gabel an einem anderen Ende auf und versuchten aus der erstarrenden Masse ein Stück herauszulösen. Als diese Methode nicht funktionierte, griffen sie zum Messer, aber auch das versagte. Diana konnte aus dem Augenwinkel heraus Amys Gesichtsausdruck sehen, der von gespannter Erwartung zu grimmiger Entschlossenheit wechselte. Dieser Gesichtsausdruck traf sie ganz unerwartet und setzte den Teil ihres Gehirns in Gang, der für die großartigsten und auch lächerlichsten Eindrücke reserviert war. Sie lachte laut los.

Amy grinste. »Wir verhalten uns wie zwei Löwen, die sich um die Beute streiten.«

»Noch viel verrückter, wie Onkel Pete und Tante Rosy, die sich um das letzte Stück Kürbiskuchen rangeln.« Diese Bemerkung reichte aus, um sie völlig aus dem Häuschen zu bringen. Ganz schnell befanden sie sich wieder in einer dieser Situationen, in denen ihr Gelächter bei weitem die Komik des Anlasses übertraf und so befreiend wie ein Geschenk wirkte. Es dauerte Minuten an, verselbstständigte sich vollkommen, weil sie einfach nicht mehr aufhören konnten zu lachen. Kurz darauf rangen sie nach Luft und mussten sich gegen die Küchentheke lehnen, um nicht umzufallen.

Diana blinzelte wie blind durch die Tränen und griff nach einer Serviette. Während sie die Tränen abwischte, spürte sie plötzlich, wie es ihr förmlich den Brustkorb zuschnürte. Mit einem Mal waren aus ihren Lachtränen echte Tränen geworden, ohne dass sie bemerkt hatte, wie und wann das geschehen war. Sie blickte hoch und bemerkte, dass auch Amy nicht mehr lachte und sie beobachtete. »Es tut mir leid«, meinte Diana leise, »ich wollte wirklich nicht, dass mir das passiert.«

»Weil du auch immer so verdammt perfekt sein willst.« Amy warf wütend den Deckel der Pizzaschachtel zu. »Wieso konntest du nicht einfach hier reinmarschieren und mich anschreien, wie es jeder andere normale Mensch an deiner Stelle getan hätte?«

»Ich habe dich niemals angeschrien.«

»Vielleicht solltest du es aber tun.«

»Und was für einen Unterschied hätte das gemacht?« Nun war Diana wirklich wütend. Ihr ganzes Leben lang hatte sie sich angehört, wie »perfekt« sie sei, von ihren Eltern, ihren Lehrern und auch ihren Freunden. Verdammt noch mal, sie wollte das nicht auch noch ausgerechnet von Amy zu hören bekommen, der Einzigen, die wusste, dass das nicht stimmte. »Mir ist nicht klar, was du möchtest, Amy.« »Dass du mich in Ruhe lässt.« – »Jetzt?« – »Nein, überhaupt. Warum gelingt es mir nicht, das in deinen Kopf zu bekommen?«

Der Vorwurf saß. »Aber ich mische mich doch nicht in dein Leben ein.«

»Und warum habe ich dann das Gefühl, dass du mir ständig über die Schulter schaust?«

»Das ist nicht fair.«

Amy presste ihre Hände gegen die Küchenanrichte und starrte zur Decke. In der Ferne war Donnergrollen zu hören. »Nein, das ist es nicht. Es tut mir leid. Ich habe keinerlei Recht, das an dir auszulassen.«

Diana hatte sich selbst das Versprechen gegeben, den Vorfall nicht zu erwähnen. Aber dann rutschte ihr doch diese Frage heraus, bevor sie es verhindern konnte. »Warum?«

»Warum was?«

»Warum wolltest du dich prostituieren? Und für so wenig Geld dazu? Es gibt nicht einen lebenden Mann, der dir das bezahlen könnte, was du wert bist.«

»Willst du nicht überhaupt erst mal fragen, ob ich es wirklich getan habe? Es heißt doch ›Im Zweifel für den Angeklagten‹, wenn etwas passiert.«

Diana nahm sich eine weitere Serviette, um sich abermals die Augen zu wischen. »Darren Harris ist aber passiert.«

Amy fuhr zurück.

Sie legte die Arme so fest um sich, als ob der aufkommende Sturm bereits ihr Innerstes erreicht hätte.

Sehr lange stand sie völlig regungslos da, ohne etwas zu sagen. Dann meinte sie mit niedergeschlagener Stimme: »Von wem weißt du das?«

»Ich bin heute Vormittag im Gefängnis Frank Pechacek begegnet. Er hat mir gesagt, dass Darren Harris dich in irgendeinem Hotel gesehen hat. Und dass du dort mit ...«

»Ich hätte wissen sollen, dass Mr Harris über mich klatschen würde.«

Amy reagierte um 180 Grad anders, als Diana es erwartet hatte. Sie war weder wütend noch defensiv oder larmoyant, sie verhielt sich eher wie ein Schulmädchen, das der beste Freund ihres Vaters beim Klauen von Süßigkeiten erwischt hatte.

»Ich weiß nicht, wem er es sonst noch erzählt hat, aber Dad war es ganz bestimmt nicht. Denn falls Dad es wüsste, dann hätte er mir das gesagt«, sagte Diana.

»Das spielt keine Rolle mehr. Er weiß es jetzt«, entgegnete Amy.

»Das klingt ja so, als ob dir das etwas ausmachen würde.«

Amy packte die Pizzaschachtel und beförderte sie in den Mülleimer. »Tut es aber nicht, ja? Wieso sollte es auch?«

Als Amy zum zweiten Mal das College sausen ließ, hatte Carl Winchester seiner jüngeren Tochter klipp und klar erklärt, dass er mit ihr fertig sei und dass er mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte. Und Eileen war so begierig darauf bedacht, ihren Senf auch noch dazuzugeben, dass sie noch am selben Tag Amy angerufen hatte, um ihr zu erklären, dass sie ab nun keine Rolle mehr in ihrem Leben und dem von Carl spielen würde. Hin und wieder besuchte Amy Wohlfahrtsveranstaltungen und Premieren, wenn sie annehmen konnte, ihnen dort unter Garantie zu begegnen. Als Diana ihr Verhalten als geradezu masochistisch bezeichnet hatte, behauptete Amy, dass es für sie eine unglaubliche Befriedigung sei, ihren Gesichtsausdruck zu sehen, wenn man sie dort entdeckte. Diana vermutete hingegen, dass Amy eigentlich nach etwas ganz anderem Ausschau hielt, was sie aber nie zu Gesicht bekommen würde. Und das war die Liebe ihrer Eltern.

»Aber das ist doch sehr schwer zu sagen, es wäre einem egal«, meinte Diana. »Egal, was passiert ist, sie sind immer noch deine Mutter und dein Vater.«

»Sie waren nie meine Mutter und mein Vater.«

Über diesen Punkt konnte Diana nicht diskutieren, denn sie hatte diese Situation nie wirklich verstanden. »Wolltest du es ihnen damit heimzahlen? Hast du aus diesem Grund angefangen ... bist du deswegen eine ...«

»Prostituierte geworden?«, ergänzte Amy.

»Hör auf damit, Amy. Du weißt, dass ich nicht glaube, dass du eine Prostituierte bist.«

»Aber das bin ich. Nicht hauptberuflich, aber ich versuche, so oft wie nur möglich als eine zu arbeiten.« Ihre Antwort klang wie eine Herausforderung, als wollte sie, dass Diana weiter nachhaken würde.

Dianas Magen begann zu grummeln, und es stieß ihr sauer auf.

»Aber warum? Wenn du Geld brauchst, wieso hast du mich nicht darum gebeten? Du weißt, dass ich dir alles gegeben hätte, was in meiner Möglichkeit steht. Und wenn das nicht ausgereicht hätte, dann hätten wir einen Weg gefunden, den Rest aufzutreiben.«

»Ich habe genug Geld«, erwiderte Amy kühl.

»Zwingt dich jemand, für ihn zu arbeiten? Hat man dich erpresst?«

»Ach, wäre das nicht herrlich dramatisch? Tut mir leid, aber damit kann ich nicht dienen.«

Diana wurde sauer. »Aber warum machst du dann so etwas Blödes? Wie kannst du es denn zulassen, dass man dich auf diese Weise benutzt?«

Nun war es um Amys prahlerische Tapferkeit geschehen, und sie rang um eine Antwort. Schließlich meinte sie: »Ich weiß es nicht.«

»Das musst du aber doch wissen. Kein Mensch verkauft seinen Körper nur rein zum Spaß.«

»Willst du, dass ich mir für dich irgendetwas ausdenke?«

»Wenn du schon nicht weißt, wieso ...«, Diana versuchte möglichst vernünftig zu klingen, »dann sag mir doch bitte, wie es passiert ist.«

»Für was soll denn das bitte schön gut sein?« – »Verdammt noch mal, ich versuche doch nur, es zu verstehen. Du könntest mir doch wenigstens das erzählen.«

»Ich habe in einer Bar einen Typen kennengelernt.« Sie nahm sich eine Serviette und schniefte hinein. »Er hat mir angeboten, mich dafür zu bezahlen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich dachte mir, warum nicht. Nach einer Weile stellte ich fest, dass mir das gefiel, es gab keine Verpflichtungen, keine Erwartungen, keine Enttäuschungen.«

Diana wollte es nicht glauben. »Und was ist mit Geschlechtskrankheiten?«

»Du liest zu viel.«

»Aids ist ...«

Amy hob die Hand hoch. »Beruhige dich mal wieder. Ich bin ja nicht blöd. Natürlich schütze ich mich.«

Noch nie in ihrem Leben hatte sich Diana so frustriert gefühlt. Sie wollte losbrüllen und um sich schlagen, sie wollte eine Szene hinlegen, die Amy niemals vergessen würde. Aber es war ihr unmöglich, sich dermaßen aufzuführen, denn schon an der Brust ihrer Mutter hatte sie die Lektion gelernt, dass man dann einfach abgeschoben wurde. »Und wer hat dich aus dem Gefängnis geholt?«

»Ein Freund.«

»Wer?«

»Das geht dich nichts an.«

»War es dein Zuhälter?«

»Ich denke, du solltest jetzt gehen«, erklärte Amy.

Aber das konnte sie nicht, nicht so. »Es tut mir leid.«

Amy sagte eine Weile gar nichts, sondern starrte nur regungslos auf den Fußboden. Schließlich blickte sie wieder hoch und sah Diana an. In ihren Augen standen Tränen. »Ja, mir auch.«

Diana wollte ihren Ärger nicht loslassen, weil er ihr Stärke und Zielstrebigkeit verlieh. Aber es war ihr nie gelungen, auf Amy lange wütend zu sein, nicht einmal, als sie mit dem nagelneuen Mercedes von Vater eine Spritztour unternommen hatte, die an einem Baum endete. Damals war Amy gerade dreizehn Jahre alt gewesen, und sie hatte eine so harte Strafe zu erwarten, dass Diana die Schuld auf sich genommen hatte.

Mit einem erleichterten Seufzer schloss Diana Amy in die Arme. »Ich liebe dich.«

»Ich weiß, dass du das tust«, antwortete Amy. »Ich weiß bloß nicht, warum.«

Diana blieb an diesem Abend bis fast zehn Uhr bei Amy. Sie wollte nicht gehen, bevor sie sich nicht sicher war, dass es bei ihrem nächsten Treffen nicht zu irgendwelchen Peinlichkeiten kommen würde, egal, ob es nun am kommenden Tag oder erst in einer Woche stattfinden würde. Sie redeten miteinander, aber weder über die Verhaftung noch über die möglichen Folgen. Stattdessen steckten sie ihre Zehen in den Swimmingpool ihrer Kindheitserinnerungen und ließen sich von den Wasserkreisen zu wohlbekannten Ufern treiben. In stillschweigendem Einverständnis hatten sie über Jahre hinweg immer wieder diesen gut bewahrten Erinnerungen gefrönt und damit auch ihre schlimmsten Wunden geheilt. Wie zum Beispiel damals, als Amy sechzehn Jahre alt war und zu spät von der Schule nach Hause kam, weil sie unterwegs anhalten musste, um für sich eine Unterkunft zu organisieren. Die Eltern waren, um ihr eine Lektion zu erteilen, ohne sie in den Urlaub aufgebrochen. Die Haushälterin hatte Diana im College angerufen, und daraufhin war sie heimgefahren, um Amy Gesellschaft zu leisten. Als ihre Mutter davon erfahren hatte, war sie außer sich gewesen.

Als Diana aufbrach, war bereits der schlimmste Regen niedergegangen, und das Unwetter hatte sich fast gelegt. In regelmäßigen Abständen schaltete sie die Scheibenwischer ein, um die Windschutzscheibe klar zu bekommen, und wünschte sich, es gäbe eine ähnliche Vorrichtung, um damit auch in ihrem Kopf wieder Klarheit zu schaffen.

Als sie mit dem Aufzug zur Wohnung hochfuhr, betete sie insgeheim, dass Stuart bereits schlafen würde. Ihren Zustand konnte man kaum mehr als wach bezeichnen, und sie war viel zu verletzlich, um einen Streit mit ihm durchzustehen. Ganz bestimmt war es unmöglich, morgen früh einer Konfrontation auszuweichen, aber dann konnte sie wenigstens mit den längst verinnerlichten Parametern auf irgendwelche vorgefassten Argumente reagieren. Vermutlich würden sie sich bei Toast und Kaffee anschreien, der Streit würde unter dem Wasserstrahl der Dusche weitergehen, aber zumindest war ein Ende aufgrund ihrer beruflichen Termine vorhersehbar. Bevor Stuart es riskierte, zu spät zur Arbeit zu kommen, ließ er lieber eine dieser unliebsamen Begleiterscheinungen sausen.

Als sich die Aufzugstür öffnete, stand sie in einem dämmrigen Flur. Sie hatte zwar dem Verwalter bereits vor Tagen mitgeteilt, dass sich zwei Glühlampen verabschiedet hatten, aber ganz offensichtlich gehörte es nicht zu seinen Aufgaben, etwas so Unwichtiges zu regeln.

Falls er sich bis zum Wochenende nicht darum kümmern würde, sah es ganz so aus, als ob sie das selbst übernehmen musste. Aber das war immer noch besser, als sich Stuarts Gemotze anzuhören.

Das Wohnhaus war zwar schon vier Jahre alt, stand aber immer noch zur Hälfte leer. Angeblich gab es für die beiden anderen Eigentumswohnungen auf ihrer Etage bereits Interessenten, was Hoffnung gab, dass sie in einigen Monaten vielleicht Nachbarn bekommen würden. Ohne ihre einzige Nachbarin Stephanie Gorham, die für Diana inzwischen zu einer guten Freundin geworden war, hätte sie das Gefühl gehabt, in einem Hotel zu leben.

Diana öffnete die Wohnungstür und bemühte sich, dabei möglichst leise zu sein. Drinnen war es stockdunkel. Stuart war anscheinend wütend ins Bett gegangen und hatte bewusst in Kauf genommen, dass sie im Dunklen herumstolpern musste und ihn dabei womöglich auch noch weckte. Sie wanderte mit der Hand an der Wand entlang, um den Lichtschalter zu finden, und betätigte ihn. Eigentlich hätte nun das Licht im Flur angehen müssen, tat es aber nicht. Sie verließ die Wohnungstür, um das karge Licht aus dem Treppenhaus hereinzulassen.

Da, wo einst eine Lampe gestanden hatte, gab es keine mehr, und auch nicht den Tisch, auf dem die Lampe gestanden hatte. Diana arbeitete sich zentimeterweise vorwärts und verließ sich dabei auf ihr Gefühl, bis sie endlich den Lichtschalter erreichte, mit dem man die Deckenleuchten im Wohnzimmer anschaltete. Aber auch dieser reagierte nicht. Sie arbeitete sich bis zum Fenster vor, öffnete die Vorhänge und sah sich um. Der ganze Raum war leer.

Im ganzen Raum gab es kein einziges Möbelstück mehr, und es waren auch sämtliche Bücher und Kunstwerke aus den Regalen neben dem Kamin verschwunden. Sogar der handgemachte Teppich war weg, den Stuart für ein kleines Vermögen hatte anfertigen lassen, damit er mit dem Pollock-Gemälde harmonierte.

Offenbar hatte man sie ausgeraubt!

Sie ging in die Küche. Die Schranktüren und Schubladen starrten sie wie grotesk aufgerissene Münder an. Nicht einmal mehr eine Packung Frühstücksflocken stand in der gähnenden Leere. Sie sah sich erneut um. War sie womöglich im falschen Stockwerk ausgestiegen und befand sich in einer fremden Wohnung? So ein Unsinn. Denn nur Stuart brachte es fertig, die Küche mit grünen und goldenen Tapeten zu gestalten.

Als sie nach oben ging, raste ihr Herzschlag, aber inzwischen nicht mehr aus Furcht. Als sie dort im Schlafzimmer den Lichtschalter bediente, war sie nicht mehr überrascht, dass es auch hier dunkel blieb. Sie öffnete genau in dem Moment die Vorhänge, als die Wolken aufrissen und der Schein des Vollmondes das Zimmer erhellte. Die einzigen Überreste, die sie hier vorfand, waren die Abdrücke im Teppichboden, wo einst das Bett, die Stühle und die Kommoden gestanden hatten.

Sie öffnete die Schränke. Der von Stuart war leer geräumt, ihr eigener so, wie sie ihn morgens verlassen hatte. Mit einem einzigen Unterschied. Der Schrankboden war übersät mit ihrer Unterwäsche, mit Strümpfen, Pullovern und Nachthemden, die sich frühmorgens noch in den Kommoden befunden hatten.

Sie ging ins Badezimmer, um sich davon zu überzeugen, was mittlerweile schlichtweg auf der Hand lag. Ihre Toilettenartikel waren noch da, die von Stuart verschwunden. In der Duschkabine befand sich weder das Shampoo noch das halb verbrauchte Stück der teuren französischen Seife. Gerade als sie das Badezimmer wieder verlassen wollte, entdeckte sie die Nachricht, die auf dem Spiegel über dem Doppelwaschbecken klebte. Sie ging näher heran, um sie in dem diffusen Licht lesen zu können:

Ich habe versucht, Dich zu warnen, was passieren würde. Aber Du wolltest ja nicht hören. Vermutlich musste erst so etwas passieren, um mir endlich klarzumachen, wie wenig wir zusammenpassen.

Zuerst stand sie einfach nur regungslos da und starrte auf den Zettel, der wie ein gestohlenes melodramatisches Zitat aus einem dieser zweitklassigen Filme klang. Geduldig wartete sie darauf, dass sich endlich ein Gefühl von Verletztheit, Enttäuschung oder Trauer einstellen würde. Aber entweder war sie viel zu übermüdet und betäubt, oder ihr war einfach alles egal. Die einzige Regung, die sie verspürte, kam so unerwartet, dass sie erst einmal eine Weile brauchte, um es zu begreifen.

Sie war über Stuarts Verschwinden erleichtert.

Nicht ein Gedanke plagte sie, wie einsam es doch ohne Stuart beim Frühstück sein würde, im Gegenteil. Sie konnte es kaum erwarten, ihr Müsli allein zu genießen, ohne sich ständig Stuarts Tiraden anhören zu müssen.

Sie müsste nicht mehr so früh zu Bett gehen, nur weil Stuart müde war und sich gestört fühlte, wenn sie sich erst später zu ihm gesellte. Nicht einmal die Vorstellung, Abend für Abend in eine leere Wohnung heimzukommen, konnte ihre wachsende Begeisterung dämpfen.

Noch wusste sie nicht, ob sie wegen ihres neu gefundenen Freiheitsgefühls einfach loslachen sollte, oder ob sie doch lieber den Jahren nachweinen sollte, die sie mit dieser Beziehung verschwendet hatte.

3

Diana hatte keine Ahnung, wie lange sie bereits auf den Treppenstufen gesessen hatte, als sie eine Stimme hörte, die ihren Namen rief. Plötzlich fiel ihr ein, dass ihre Wohnungstür noch offen stand.

»Diana, bist du da?«, rief Stephanie Gorham.

»Ich bin hier oben.« Diana legte die Hand aufs Geländer, um sich hochzuhieven, aber sie war zu diesem Kraftakt gar nicht mehr fähig und blieb einfach sitzen.

Stephanie lugte um die Ecke. Sie betätigte den Schalter für die Treppenbeleuchtung, den einzigen, den Diana nicht ausprobiert hatte. Ausgerechnet der funktionierte natürlich, und die drei tief liegenden Lichtstrahler beleuchteten die Gittertreppe.

»Ich wollte eigentlich schon viel früher hier sein, aber aus irgendeinem Grund bist du vor mir hier angekommen«, antwortete Stephanie.

»Ich kann also davon ausgehen, dass du offenbar bereits weißt, was hier vorgefallen ist?« Und das war etwas, über das sie ehrlich gesagt nicht besonders überrascht hätte sein müssen. Diana war inzwischen längst der Meinung, dass Stephanie dank ihrer Tätigkeit als Reporterin beim Star Tribune so etwas wie eine übernatürliche Hellsichtigkeit entwickelt hatte, die sich automatisch immer dann einstellte, wenn in ihrer Nähe etwas Ungewöhnliches vonstattenging. Jedenfalls blieb ihr nur selten etwas verborgen.

»Ich habe die Möbelpacker gesehen, als ich zum Mittagessen heimkam. Und den Rest konnte ich mir schnell zusammenreimen.« Sie stand am unteren Treppenabsatz gegen das Geländer gelehnt. »Ich habe versucht, dich in deiner Firma zu erreichen. Aber dort hat man mir gesagt, dass du heute nicht mehr kommen würdest.«

»Ich war einfach nicht in der Stimmung, mit jemandem zu reden.« Mehr brauchte sie gar nicht zu erklären.

Stephanie sah sich um. »Hat Stuart das wegen Amy getan?«

»Ich glaube, Amy war für ihn nur ein Vorwand. Mit uns beiden lief das schon seit langer Zeit auf so etwas hinaus.«

»Es tut mir leid ...«

Diana warf ihr einen tadelnden Blick zu. Stephanie und Stuart hatten sich nie besonders gut vertragen.

»Nein, das muss es nicht.«

»Na gut, es tut mir nicht leid, dass er weg ist. Nächste Woche wirst du das auch denken. Aber das bedeutet auch, dass nach wie vor sieben weniger angenehme Tage vor uns liegen, über die wir dir hinweghelfen müssen.«

»Ich glaube nicht, dass es wirklich so lange dauern wird.«

»Ach ja?« Die Zweifel, die in Stephanies Stimme lagen, waren unüberhörbar.

»Stuart hat praktisch alles mitgenommen, Stephanie, sogar eine halb leere Zahnpastatube. Das Einzige, was er zurückgelassen hat, sind meine Kleider und mein Make-up.«

»Auch diese Fitnessgeräte, die er dir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat?«

Bisher war sie noch gar nicht auf die Idee gekommen, auch in ihrem Gymnastikraum nachzusehen. »Ich habe keine Ahnung, nein, die hat er bestimmt dagelassen. Sie waren doch ein Geschenk von ihm.«

Stephanie ging um die Ecke in den Raum, um sich selbst davon zu überzeugen. »Irrtum!«, rief sie Diana zu.