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Ein unbeschwerter, heiterer Sommer in Frankreich, auch schon in den 1970er Jahren für viele Deutsche ein Traum: Ako, Eddi und Linda wollen raus und (auf den Spuren der Hippies) völlige Freiheit erleben. Auch wenn alle drei etwas unterschiedliche »Vorlieben« haben, geht es ihnen vor allem um Sorglosigkeit. Doch damit ist es bald vorbei, als Eddi des Mordes beschuldigt wird. Mit einem Schlag wird allen deutlich, dass die deutsch-französische Vergangenheit auch dreißig Jahre nach Kriegsende noch belastet ist ... Ernst Heimes‘ Roman ist beides: unterhaltsame Urlaubslektüre und spannende Geschichtsstunde. Denn neben den witzigen und flotten Dialogen der drei Frankreich-Reisenden spielen weitgehend unbekannte, tragische Ereignisse der Zeitgeschichte eine bedeutende Rolle.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 – e-Book-Ausgabeerweiterte Neuausgabe(ursprünglich erschienen bei Brandes & Apsel Verlag)RHEIN-MOSEL-VERLAGBundesbahnhof 1, 56859 Bullay/MoselDeutschlandTel.: 06542/5151E-Mail: [email protected] Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-957-6Ausstattung: Stefanie ThurUmschlagbild: Heinz M. MüllerAutorenfoto: Gudrun Linde-Heimes
Mais ou sont les neiges d’antan?
Wo ist der Schnee vom alten Jahr?
François Villon
Verwandlung ist nicht Lüge.
Rainer Maria Rilke
Wir waren wenig freundlich empfangen worden. Noch halbe Kinder waren wir und wurden Stifte genannt. Der neue Lebensabschnitt, von dem schon so oft die Rede gewesen war, begann bei lausigen Temperaturen auf einem verregneten Flugfeld. In Dreierreihen mussten wir uns aufstellen, sollten uns formieren und ausrichten. Ausrichten! Weil die Reihen der Kolonne, die wir bildeten, schnurgerade verlaufen und ebenmäßig aussehen sollten.
Eine Armlänge Abstand zum Vordermann, hieß es. Dreißig Zentimeter zum Nebenmann, mindestens, denn es sei ja wohl keiner schwul hier!
Ein nicht besonders zackig wirkender Hauptfeldwebel der Luftwaffe hatte uns mehrere Männer in grauen Kitteln als unsere künftigen Chefs vorgestellt. Auf ein Zeichen trat einer von diesen vor und brüllte unsere Namen in alphabetischer Reihenfolge. In dieser hatten wir uns aufzustellen: der erste im Alphabet vorne links, der letzte hinten rechts. Mit unseren Nachnamen, und nur mit diesen, würden wir auch die folgenden dreieinhalb Jahre unserer Lehrzeit angesprochen werden. Unsere Vornamen wurden ignoriert wie ein überflüssiges Anhängsel, und wenn es hieß, Kohns, herkommen, dann war das noch die zivilste Form der Anrede. Denn beim Aufrufen der Nachnamen auf dem Flugfeld wurde jedem eine Nummer zugewiesen: Kohns, Nummer neun!
Rief künftig einer der Graukittel: Nummer neun, wurde von mir erwartet, dass ich mich meldete.
Jetzt war gebrüllt worden: Ohne Tritt, Marsch! Einrücken in die Werft!
Ohne Tritt, was hatte das zu bedeuten? Ich hatte keine Ahnung von militärischer Sprache gehabt, um die es sich bei der Schreierei offenbar handelte. Umso mehr verunsicherten mich einige meiner Lehrlingskollegen, die, kaum dass der Befehl an unsere Ohren gedrungen war, den Kopf mit einem unnatürlichen Ruck in den Nacken warfen, das Rückgrat durchdrückten und sehr ernste, wichtige Gesichter aufsetzten. Ein bedeutender Moment schien gekommen zu sein, und ich hatte das dumme Gefühl, etwas nicht begriffen zu haben.
Unsere Kolonne setzte sich in Bewegung. Vor uns die weit aufgeschobenen Tore der Flugzeugwerft. In dem dämmrigen Innenraum standen, von draußen nur schemenhaft zu erkennen, sechs Jagdflugzeuge vom Typ F-104. Starfighter wurden diese Maschinen genannt und waren bekannt wegen ihrer massenhaften Abstürze. US-Piloten hatten dem Flieger den Namen der schöne Tod gegeben. Aber davon wussten wir damals nichts. Mit ihren kurzen Stummelflügeln, kaum Tragflächen zu nennen, glich eine F-104 mehr einer Rakete als einem Flugzeug, und wenn sie bei schönem Wetter mit ohrenbetäubendem Lärm von der Startbahn abhob und in der Sonne blitzte, waren wir fasziniert.
Bereits nach wenigen Schritten, die einige meiner Kollegen zu meiner Irritation in einer Art preußischem Stechschritt auszuführen versuchten, war unsere akkurat aufgestellte Lehrlingskolonne auch schon in Auflösung geraten und glich wieder einer ganz gewöhnlichen Gruppe von Heranwachsenden. Ich war erleichtert. Aber dann wurde Sauhaufen gebrüllt, und ich wusste noch nicht, dass dieser Begriff ein fester Bestandteil des künftigen sprachlichen Repertoires der Graukittel sein würde.
Der erste Tag meiner Flugzeugmechanikerlehre beim Jagdbombergeschwader 33 auf dem Fliegerhorst Büchel ist mir noch bestens im Gedächtnis. Wie ich damals mit dem flauen Gefühl der Erwartung im Magen in aller Frühe mein Zuhause im Moselörtchen Kanaul verlassen und den Nahverkehrszug nach Cochem bestiegen hatte, um dort in den Bus zum Fliegerhorst umzusteigen. Wie neugierig ich war in meinem jugendlichen Alter auf alles Unbekannte, alles was mich erwartete. Gespannt auf die technische Ausbildung, die ich auf Drängen meines Vaters einer Malerlehre vorgezogen hatte. Doch erst einmal wurden Stifte aus uns gemacht. Wir wurden gedeckelt, ausgerichtet und in grobe Schranken gewiesen.
Gut drei Jahre nach dieser ersten Ernüchterung stand in wenigen Monaten die Abschlussprüfung bevor. Die Graukittel, die sich als unsere Ausbilder entpuppten, hatten im Laufe der Jahre, je mutiger, erwachsener, je gebildeter und reifer wir Stifte wurden, Einbußen an Autorität und Einfluss hinnehmen müssen. Nach und nach hatten sie ihre dubiosen pseudomilitärischen Übungen und gleichförmigen Gehversuche mit uns Stiften eingestellt. Ihren Hang zum Militärischen hatten sie aber nie aufgegeben. Das Brüllen zum Beispiel und ihr herrisches Benehmen, das auf uns immer weniger Eindruck machte und das wir, seltener werdend, letztlich nur noch belächelten. Schließlich waren sie allesamt Handwerker, gute und weniger gute, betraut mit der Aufgabe, uns zu brauchbaren Flugzeugmechanikern heranzubilden, beheimatet in den Eifeldörfern rund um den Fliegerhorst. Fast keiner von ihnen besaß einen Meisterbrief. Maschinenschlosser, Werkzeugmacher, Dreher, Metaller, Autoschlosser waren sie. Alles Leute, welche die Gunst der Stunde zu nutzen gewusst und sich, als die Lehrwerkstatt in den Sechzigern eröffnet wurde, beim Bund auf eine gesicherte Stellung beworben hatten. Bei festem Einkommen einen ruhigen Lenz schieben bis zur Rente.
Meine Sache war das Militärische nicht, das merkte ich bald. Ich hatte keine Lust Uniform zu tragen, geschweige denn auf Befehl zu marschieren oder Schlimmeres.
Die Fliegerei hingegen begeisterte mich. Das Militärische blendete ich aus, so gut es ging. Und trotz aller soldatischen Fisimatenten, mit denen man uns immer wieder bedrängte, erhielten wir eine fundierte praktische und theoretische Ausbildung.
Nach gut drei Jahren waren wir in der Lage, mechanische Flugzeugteile herzustellen und gegen defekte auszutauschen, Schäden an der Beplankung eines Flugzeuges zu reparieren, Strahltriebwerke zu überprüfen und in Gang zu halten. Ich hatte gelernt, Fahrwerke auszutauschen, Ruder und Klappen einzustellen, Sicherungen vorzunehmen, die ein Lösen der Schrauben durch Vibrationen während des Fluges verhinderten. Ich beherrschte die Prinzipien der Hydraulik, der Mechanik, der Elektronik. Die Gesetze der Aerodynamik faszinierten mich, und ich wusste sie auf die Praxis zu beziehen. Ich kannte mich aus mit den Instrumenten im Cockpit unterschiedlicher Militärflugzeuge, und manchmal durften meine Kollegen und ich nacheinander den Flugsimulator besteigen, das vorgebliche Flugzeug in die Höhe schießen lassen, um es nach einigen Runden am Himmel wieder sicher auf der virtuellen Rollbahn zu landen. Was heute in jedem Kinderzimmer mit Computer und Joystick vorgegaukelt werden kann, war damals eine atemberaubende Erfahrung, die wir immer wieder suchten.
Technische Zusammenhänge verstand ich leicht. Physik lag mir mehr als Chemie. Wir wurden in technischem Englisch unterrichtet, und meine größte Begabung zeigte sich bei der Anfertigung technischer Zeichnungen.
Die Arbeitszeit ging von Montagmorgen bis Freitagmittag. Mittwoch war Berufsschultag. Freitagnachmittag wurde früher als an anderen Tagen Feierabend gemacht, und da nach der Mittagspause so kurz vor dem Wochenende niemand mehr Lust auf Arbeit hatte, weder Ausbilder noch Stifte, wurden die verbleibenden Stunden für einen Vorgang genutzt, der sich Belehrung nannte. Als es nichts mehr zu belehren gab, was sich schnell zeigte, wurde die Zeit mit Zigarettenrauchen verbracht und viel dummes Zeug dabei gequatscht. Lieblingsthemen waren die Mädchen und wie man es anstellen würde, sie am Samstagabend nach der Disco rumzukriegen. Ab und zu trieb ein Graukittel, um das Niveau der letzten Arbeitsstunden vor dem Wochenende nicht komplett in den Keller sinken zu lassen, einen Film auf, den wir uns ansahen. Darin ging es um technische Neuerungen im Flugzeugbau oder um die Erweiterung oder Neugestaltung von Flughäfen. Manchmal waren es reine Werbefilme, welche die großen Unternehmen der Flugzeugindustrie produziert und zur Verfügung gestellt hatten.
Jetzt aber, kurz vor der Abschlussprüfung, waren wir an einen Streifen mit dem Titel Im Einsatz geraten, der Teufel weiß wie. Der Film war anders als alles, was wir bisher zu sehen bekommen hatten. Er war aus der Flugperspektive aufgenommen worden und bot schwindelerregende Ausblicke auf üppige Wälder, auf Höhenzüge und Niederungen, auf fließende und stehende Gewässer, Reisfelder vielleicht.
Im Sinkflug rücken kleine, schlichte Hüttendörfer ins Blickfeld. Menschen sind in den Gassen und auf den Plätzen einer Siedlung zu erkennen. Frauen beginnen plötzlich zu laufen, greifen nach ihren Kindern und zerren sie hinter sich her. Auch Bauern, die eben noch seelenruhig mit ihrem Vieh hantierten, auf Traktoren oder hinter Ackergeräten auf ihren Feldern unweit der Dörfer unterwegs waren, rennen mit einem Mal los, stürzen sich in Gräben oder suchen Schutz hinter vereinzelt stehenden Bäumen, als plötzlich die Maschine, in der die Kamera läuft, in einen Sturzflug übergeht. Das Öffnen der Klappen im Rumpf des Fliegers, das Ausklinken der Kanister ist deutlich zu hören. Ein heftiger Ruck! Dann das Fauchen des plötzlich auftretenden Luftstromes! Kurz danach wird die Maschine hochgezogen, Nase steil in den Himmel. Die Bilder auf der Leinwand überschlagen sich für kurze Zeit. Im Abdrehen richtet sich die Kamera auf eine sich rasend schnell ausbreitende Rauchwolke am Boden, aus der Sekunden später eine Feuerwalze hochschießt. Die Kamera kann das plötzliche, gleißende Licht nicht sofort verarbeiten, und nur allmählich werden die übersteuerten Bilder klarer und schärfer, bringen hervor, was geschehen ist.
Der Abspann des Films klingt wie eine ergänzende Fachkunde für angehende Flugzeugmechaniker. Wir werden von einer Stimme, wie der eines Nachrichtensprechers, darüber informiert, dass die US-Streitkräfte in dem vor Kurzem beendeten Vietnamkrieg 400.000 Tonnen Napalm auf das Land hatten herabregnen lassen, dass die Einsätze meist durch Jagdbomber im Tiefflug gegen Flächenziele erfolgt und erst gegen Ende des Krieges die Napalmkanister zunehmend durch Streubomben mit Splitterwirkung ersetzt worden seien.
An dieser Stelle bricht die Vorführung ab. Irgendein Gedudel, das im Hintergrund des Films lief, stagniert abrupt. Geflimmer auf der Leinwand. Die Spule des Filmvorführgerätes, das in der Mitte des abgedunkelten Raumes auf einem hohen Hocker steht, beschleunigt ratternd ihre Umdrehungen. Das Ende des Filmstreifens wirbelt umher. Jemand knipst das Licht an.
Der Filmvorführer, ein Graukittel, schaltet den Apparat aus. Langsam kommt die Spule mit dem kreisenden Ende des Filmstreifens zur Ruhe. Der Graukittel nimmt die Brille ab, reibt sich die Augen. Er greift in seine Brusttasche nach der Zigarettenpackung. Wir Stifte recken und räkeln uns auf den Stühlen, suchen in den Taschen unserer Overalls nach Tabak oder Kippen.
»Bringen wir dem Herrn noch ein Rauchopfer dar«, versucht der Graukittel zu scherzen, »dann ist Abmarsch ins Wochenende.« Er hebt die Hand. Zwischen Zeige- und Mittelfinger steckt eine Zigarette. Fragend blickt er in die Runde: »Wer in diesem Sauhaufen hat denn mal Feuer für mich?«
Meine Mutter ließ mich nicht gern aus dem Haus gehen. Mich aber drängte es hinaus. Wenn es auch nicht die weite Welt war, in die ich zog. Die Strecke entlang der Mosel von Kanaul bis Cochem beträgt nur knapp 30 Kilometer. Zum offiziellen Grund meines Auszugs aus dem elterlichen Haus erklärte ich die umständliche Anfahrt zu meiner Ausbildungsstätte. Schließlich musste ich von Cochem bis zum Haupttor des Jagdbombergeschwaders noch einmal fünfzehn Kilometer mit dem Bus über kurvenreiche Straßen zurücklegen. So zog ich zum Beginn des dritten Lehrjahres in eine Cochemer Mansardenwohnung ein. Das Haus war jahrhundertealt, stand in einer engen Gasse und hatte ab dem ersten Stockwerk nur noch dünne Fachwerkwände. Das Parterre darunter war aus massivem Bruchsteinmauerwerk gefertigt, welches auf einem wuchtigen Kellergewölbe ruhte. In den Keller geriet man über eine steile Außentreppe.
Meine Vermieterin hieß Frau Häbel. Sie bewohnte das gesamte Haus, soweit sie es nicht vermietet hatte. Was nicht viel war, denn auf jeder der drei Etagen befanden sich nur ein oder zwei kleine Zimmer. Das gemeinsame Klo war in der zweiten Etage eingebaut und direkt vom Treppenhaus erreichbar, wodurch die Zimmer auf dieser Ebene noch etwas kleiner ausfielen. Verbunden wurde alles von einer nach Bohnerwachs duftenden, ausgetretenen Holztreppe. Obwohl auch meine Mansarde nur diesen bescheidenen Grundriss hatte, erschienen mir meine beiden Zimmer wie purer Luxus. In dem größeren, das man vom Treppenhaus kommend zuerst betrat, wohnte ich. Im dahinter liegenden aber hatte ich mein erstes eigenes Maleratelier eingerichtet. Hier gab es fast nichts für meinen persönlichen Gebrauch, aber fast alles, was ich zum Malen und Zeichnen benötigte.
Frau Häbel war schwerhörig, was unser Zusammenleben unter einem Dach leicht machte. Anders hätte sie es womöglich nicht ertragen, dass sich meine Mansarde schon wenige Wochen nach meinem Einzug zu einem Treffpunkt für Freunde und Bekannte entwickelt hatte. Sie spüre nur manchmal die Vibration in den Wänden und auf dem Fußboden, sagte sie, und das täte ihr sogar gut, denn dann wisse sie, dass sie nicht allein sei im Haus.
Ich verstand mich von Anfang an gut mit ihr. Als wir den Mietvertrag abgeschlossen hatten, der eigentlich gar keiner war, denn auf den Schreibkram, sagte sie, könne sie verzichten, ein Wort sei schließlich immer noch ein Wort, schenkte sie uns einen Uerdinger Schnaps ein. Sie hob ihr Glas, sagte: »Auf gute Zusammenarbeit!« Trotz der Schwerhörigkeit meiner Vermieterin bat ich meine Besucher möglichst leise das Treppenhaus zu betreten, woran sich nicht immer alle hielten. Aber gut, es kam nie zu Beschwerden, und das einträchtige Verhältnis zu Frau Häbel blieb ungetrübt. Ja, es verbesserte sich sogar noch. Als sie erfuhr, dass ich malte und einen der beiden Räume ausschließlich zum Malen nutzte, sagte sie fast empört: »Aber dann brauchen Sie doch viel mehr Licht!« Das stimmte, doch den Umstand des nur spärlichen Lichteinfalls hätte ich nie an sie herangetragen. Viel zu zufrieden war ich in meinen Fachwerkwänden unter dem nicht besonders gut isolierten Schieferdach mit seiner schmalen Dachluke. Meine Staffelei stellte ich einfach in das je nach Tageszeit einfallende Licht.
Der Vorschlag, aus den Fachwerkfeldern der hinteren Giebelwand die Steine zu entfernen und durch Glas zu ersetzen, kam von ihr. Ebenso das Angebot, dass sie die Materialkosten übernähme, sofern ich und meine Freunde, denen sie mittlerweile schon häufig begegnet war und die ihr deshalb keine Unbekannten mehr waren, den Umbau eigenhändig bewerkstelligten.
»Ihr jungen Leute könnt so was doch!« Außerdem sei sie selbst ja auch nicht auf den Kopf gefallen und werde die Pläne für den Umbau ausarbeiten. Es dauerte keine vier Wochen, und aus meiner hinteren Dachkammer war ein von Licht durchfluteter Raum geworden. Meine Freunde Eddi und Hotte hatten mit Hand angelegt und in Eimern die aus den Fächern entfernten Steine und den Mörtel durch das Treppenhaus hinuntergeschleppt. Linda zeigte sich äußerst geschickt beim Einsetzen der von Frau Häbel beim Glaser bestellten Scheiben. Frau Häbel hatte sie selbst ausgemessen, Viertelstäbe und Kitt besorgt und dann das weitere Vorgehen mit Linda besprochen, als handele es sich um reine Frauensache.
Das Richtfest wurde mit Uerdinger gefeiert, den Frau Häbel aus ihrem Kühlschrank holte und hinauf in die Mansarde brachte. Ich besaß keine Schnapsgläser, und wir tranken den Uerdinger Doppelwacholder aus Wassergläsern. Während Eddi und Hotte nach dem ersten mannhaft herunter gekippten Glas das Gesicht verzogen, dass es mir gegenüber Frau Häbel schon fast peinlich war, schlürfte Linda die Flüssigkeit genießerisch und nahm sie tropfenweise mit der Zunge auf.
Es war wohl das einzige Mal, dass Frau Häbel mit uns zusammen in meiner Mansarde gesessen hat, und als zwei Flaschen Uerdinger, wie sie es nannte, ihrer Bestimmung übergeben waren, wobei das meiste vom Schnaps auf Eddis und Hottes Konto ging, verabschiedete sie sich. Bevor sie die Mansarde verließ, trat sie in die geöffnete Tür zum Atelier und warf einen Blick auf die neue Verglasung. Wir sahen, wie die Abendsonne durch die Scheiben fiel und sich in warmen Farben über Frau Häbels Gesicht ausbreitete. Diese legte den Handrücken über die Augen und lächelte zufrieden.
Einige Jahre später fand ich Frau Häbel eines Morgens tot, aufrecht im Sessel sitzend. Mir war aufgefallen, dass ich sie ein oder zwei Tage nicht gesehen und nichts von ihr gehört hatte. Ins Haus war eine seltsame, verstörende Ruhe eingezogen. Als ich das Treppenhaus hinunter lief, mischte sich neben dem Knacken der Holzstufen ein leises Rauschen in diese Ruhe. Ich rief nach Frau Häbel. Als sich nichts, wirklich gar nichts rührte und ich noch mehrmals gerufen hatte, öffnete ich die Tür zu ihrem Wohnzimmer, wo ich auch die Ursache für das Rauschen vermutete. Sie saß, mir abgewandt, vor dem eingeschalteten Fernseher. Die Mattscheibe zeigte in Schwarzweiß ein flimmerndes Nichts, das wir damals Schnee nannten und das nach Sendeschluss auftrat. Frau Häbel saß da mit geöffneten Augen, den Kopf zu meiner Verwunderung ein wenig zu einem Buch geneigt, das aufgeschlagen auf ihren Oberschenkeln lag.
Gehab dich wohl, du lieber Freund,
Jetzt geh ich halb verwaist von hinnen
Und tröste die betrübten Sinnen
Mit allem, was nur möglich scheint.
Ich komme wohl so bald nicht wieder
Und denke weiter in die Welt,
Nachdem der Lohn für meine Lieder
Im Vaterlande mager fällt.
Der toten Frau Häbel über die Schulter schauend, las ich die erste Strophe des Gedichtes von Johann Christian Günther, einem mir damals unbekannten Dichter, wie einen Gruß zum Abschied.
Wenige Tage nach Frau Häbels Beerdigung erhielt ich die Kündigung. In einem aufgeblasenen anwaltlichen Schreiben mit Düsseldorfer Absender wurde mir mitgeteilt, dass ich die Wohnung binnen Frist zu räumen hätte. Die Erbin, Frau Häbels Tochter, von deren Existenz ich bis dahin nichts wusste, wolle das Haus verkaufen.
Doch bis zum Tod meiner Vermieterin waren einige Jahre ins Land gegangen, und ich hatte unter ihrem Dach eine meiner produktivsten Phasen als Maler erlebt.
Der Film war mir in die Knochen gefahren. Im Einsatz, ein prosaischer Titel, sachlich, trocken, leidenschaftslos. Seine Bilder aber drängten sich ins Bewusstsein und ließen sich nicht einfach abschütteln. Gerne hätte ich den Abend nach der Filmvorführung allein verbracht, hätte meine Gedanken zu ordnen versucht, sie vielleicht aufgeschrieben. Sicher hätte ich Skizzen gezeichnet, um meinen Gefühle näher zu kommen.
Die Feuerwalze, ob sie zu malen gewesen wäre? Am besten sicher mit Ölkreide, fett aufgetragen vor schimmerndem Grün aus leichten Wasserfarben. Skizze für Skizze hätte ich mich an die endgültige Form herangearbeitet, Farben ausprobiert, verschiedene Techniken. Aber es war Freitagabend, das Wochenende stand bevor, und auf das Erscheinen meiner Freunde war Verlass.
Am Gesang der Holztreppe, die zu meiner Mansarde hinauf führte, konnte ich die meisten meiner Besucher erkennen, bevor sie an meine Tür klopften. Ich nannte das Geräusch des Begehens der Treppe Gesang, weil zwar jede Stufe nur knarrte, dies aber in ihrer ganz eigenen Art und Tonlage. So entstand beim Begehen der Treppe immer die gleiche Tonabfolge, das gleiche Lied. Allerdings in Variationen. Jeder betrat die Treppe in unterschiedlichem Tempo, unterschiedlich fest. Jeder trat etwas anders auf. Linda legte immer vor Frau Häbels Wohnzimmertür einen kurzen Stopp ein, wohl um nach ihr zu lauschen. Oft hörte ich die beiden auf dem Treppenabsatz miteinander reden. Wenn Hotte kam, fabrizierte er eine ganz besondere Melodie, denn er nahm mit seinen langen Beinen drei Stufen auf einmal. Das veränderte den Gesang der Treppe erheblich und wirkte auf mich wie ein Frühwarnsystem: Hotte kommt!
Hotte kam. Er betrat meine Mansarde, grüßte nur kurz: »Hi, Ako, alles klar?« und erwartete keine Antwort. »Wollte nicht großartig stören.« Mit einer Geste fragte er, ob er die Gitarre nehmen und darauf spielen dürfe. Ich nickte, obwohl ich wusste, was mich erwartete, wenn er zu spielen begann. Hotte spielte nicht. Er klimperte. Er beherrschte nicht einmal die Griffe C, G und F, mit denen jeder Fünfjährige erste Erfolge auf der Gitarre meistert. Hotte nannte es spießig, mit Griffen zu hantieren. Das freie Spiel sei seine Kunst, für die er allenfalls ein wenig Anerkennung erhielt, wenn alle um ihn herum bekifft waren.
Ich kochte Kaffee. Hotte fragte nach einem Tee. Wenn ich wolle, könne ich eine ganze Kanne aufschütten, denn Linda und Eddi seien bereits unterwegs und würden meinem Kaffee ebenfalls Tee vorziehen.
»Oder hast du Wein?«
Ja, ich hatte Wein, ich hatte immer Wein, denn mein Vater, Nebenerwerbswinzer wie viele seiner Generation damals, versorgte mich gut damit. Aber ich wollte jetzt keine Flasche öffnen und vertröstete Hotte auf später.
»Tee oder nix«, sagte ich.
»Dann lieber Tee«, antwortete Hotte.
Linda und Eddi ließen auf sich warten, und Hotte leerte die Kanne Tee allein. Ich goss mir einen zweiten und dritten Kaffee auf und für Hotte noch eine weitere Kanne Tee. Wir sprachen über Vietnam und die Verbrechen der Amerikaner. Über den Film, den ich am Nachmittag gesehen hatte, über die Feuerwalze nach dem Abwurf von Napalm. Über meine Verwirrung, mein Entsetzen angesichts der Wirklichkeit, die sich mir heute in einem Film offenbart hatte, konnte ich noch nicht reden.
Ich legte eine Platte aus dem Doppelalbum Woodstock auf. Hotte versuchte verzweifelt, Richie Havens’ Freedom auf der Gitarre mitzuspielen. Als die legendäre Pop-Krähe Janis Joplin zu singen begann, war ich erleichtert, dass er das Instrument beiseite legte. Wir hörten Jimi Hendrix, Hottes großes Vorbild. Glücklicherweise begleitete er ihn nur auf der Luftgitarre.
Natürlich kannten wir auch das Musical Hair, das gerade große Erfolge feierte und unser damaliges Lebensgefühl gut beschrieb. Linda besaß von uns allen die meisten Platten, auch diese, und wir hatten uns die Musik schon oft gemeinsam angehört. Der Sound der 1960er und frühen 1970er Jahre gab uns Orientierung. In seiner rebellischen Stimmung fühlten wir uns aufgehoben. Er war wie eine Handreichung aus der Welt des Protests, des Aufbruchs und der Veränderung herüber zu uns ins katholisch-stickige Hinterland einer schmuddeligen, immer noch andauernden Nachkriegszeit. Wir wussten von Sit-ins und den Protesten der 68er in den Großstädten, die sich am Vietnamkrieg, dem Widerstand gegen die Notstandsgesetze und vielem anderen entzündet hatten. Wir verehrten Rudi Dutschke und lachten uns halb kaputt über die Kapriolen des Spaßguerilleros Fritz Teufel. Aber wir waren nicht wirklich politisch. Willy Brandt war uns lieber als Kiesinger, Martin Luther King näher als Nixon. Wir fieberten mit bei den Liedern von Joan Baez, Bob Dylan und Pete Seeger und sangen sie in schlechtem Englisch nach. Was aber in Wirklichkeit hinter all den Bewegungen und Protesten stand, hatten wir bis dahin nicht wirklich begriffen, spürten nur, hier bot sich ein begehbarer Weg auf der Suche nach Zukunft.
Der Gesang der Treppe verriet Linda und Eddi schon, als sie die ersten Stufen betreten hatten und die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Beide waren gut drauf und ziemlich aufgedreht. Sie spürten aber, kaum, dass sie im Zimmer standen, dass hier eine andere Stimmung in der Luft lag.
Ich goss eine weitere Kanne Tee auf, hörte wie Hotte ihnen von der Feuerwalze erzählte und dem Film für angehende Flugzeugmechaniker.
Das verstehe er nicht, sagte Eddi, ein solcher Film wirke doch eher abschreckend als motivierend, gerade für Leute mit meinem Beruf.
»Oder sind die bei euch alle durchgeknallt?«
»Nein, nein«, antwortete ich schnell, überlegte einen Augenblick: »Nun, der eine oder andere vielleicht – wer weiß?«
»Immerhin weiß jetzt jeder von euch, zu welchen Einsätzen die Maschinen fliegen, an denen ihr da herumschraubt.« Hotte stellte die Gitarre ab, auf der er inzwischen wieder zu Klimpern begonnen hatte und blickte mir ernst ins Gesicht. »Hörst du?«
»Danke, Hotte«, sagte Linda, die mit verschränkten Beinen neben Hotte auf der Couch saß und hingebungsvoll begonnen hatte, einen Joint zu basteln.
»Na also, Linda meint das auch.«
»Mein ich aber nicht«, sagte Linda ohne von ihrer Arbeit aufzublicken.
»Sondern?«
»Danke, dass du endlich die Gitarre weggestellt hast.«
Obwohl ich Hottes Geklimper auch nicht mehr schätzte als Linda, ärgerte ich mich jetzt über ihr Gezänk. Hotte nahm es leicht:
»Sphärisch, Linda, sphärische Klänge waren das. Schon mal was von Pink Floyd gehört?«
»Ja, ja, sphärisch, und sie künden von einem neuen Zeitalter, Age of Aquarius, ich weiß. Hören sich aber einfach nur beknackt an, wenn du sie spielst. Tut mir leid.«
Ich hatte auf solchen Knatsch keine Lust, mochte er auch nicht so ernst gemeint sein, wie er klang. Ich verdrückte mich in mein Atelier, ließ die Tür zum Wohnraum aber offen. Ich riss ein bekritzeltes Blatt vom Block auf der Staffelei und begann, das Blatt darunter zu bemalen: Ölkreide, mein liebster Werkstoff bis heute, ein Garant für Spontaneität in Gestaltung und Farbe.
»Weißt du, Linda«, hörte ich Eddi sagen, »wenn Hotte wirklich Gitarre spielen könnte, hätte er es nicht nötig, von sphärischen Klängen zu reden. Es ist mehr seine Verzweiflung, mit der er diese Töne an den Tag bringt, weil er nicht einmal einen einzigen Akkord sauber spielen kann.«
Hotte ging auf Eddis Häme nicht ein, fragte stattdessen: »Hat mal jemand von euch den Film Wiegenlied vom Totschlag gesehen? Ein echter Antikriegsfilm. Genau wie der Film Im Einsatz schreckt er dadurch ab, dass er dem Betrachter die Gräuel des Krieges vor Augen führt. Er spielt zur Zeit der Indianerkriege in Amerika. Zunächst plätschert die Story milde vor sich hin. Dadurch wirkt das Massaker am Ende umso deftiger. Da rollen Köpfe, da werden Frauen vergewaltigt. Alles in Nahaufnahme.«
»Na, prima«, sagte Linda leise, aber voller Ironie.
»Ja, die Amis hatten es schon immer drauf, wenn es ums Massakrieren ging«, wusste Eddi.
»Nun, wir Deutsche aber auch!«, wandte Hotte ein. »Ist nur schon bisschen länger her als Vietnam. Aber die Indianerkriege …«
»Das bestreitet ja keiner«, unterbrach Eddi. »Aber Deutschland steht auf einem ganz anderen Blatt.«
»Wieso das denn?«, fragte Linda und sah zum ersten Mal von ihrem Joint auf, den sie begutachtend drehte und beklopfte. »Mörder sind Mörder und tot ist tot, und was es für eine Frau heißt, vergewaltigt zu werden, da könnt ihr alle drei nicht mitreden!«
»Heißt das nicht eigentlich vergewohltätigt?«, frotzelte Hotte und freute sich diebisch, dass auch Eddi und ich über seinen Witz lachten.
Linda blickte böse in die Runde: »Manchmal finde ich Männer nur zum Kotzen!«
»Mensch, Linda«, versuchte Eddi einzulenken, »ist doch nur ein dummer Scherz, eine Eulenspiegelei!«
»Dumm, ja, dumm ist, was ihr hier quatscht«, ärgerte sie sich.
»Aber was Sex betrifft«, sagte Eddi mit plötzlich sanft werdender Stimme, und war da bei seinem Lieblingsthema, »freie Liebe, und so, das haben wir doch immer wieder diskutiert, und da sind wir uns doch alle einig.«
»Freiwilligen!«, sagte Linda aufgebracht und wiederholte nachdrücklich: »Freiwilligen Sex! Aber was Hotte da von sich gibt, ist ein billiger Scherz auf Kosten von uns Frauen.«
»Aber Linda«, rief ich aus meinem Atelier, »es geht doch nur um ein kleines Wortspiel.«
»Bist du jetzt auch so drauf?«, entgegnete sie empört. »Von dir hätte ich etwas anderes erwartet, Ako!«
»Aber Linda«, sagte Eddi, »es muss doch erlaubt sein zu denken, dass eine Frau, auch im Falle einer Vergewaltigung, positive erotische Gefühle haben kann. Oder sagen wir, haben könnte. Oder noch anders. Eine Frau sieht einen Mann und denkt, wenn der mir zu nahe käme, hätte ich nichts dagegen, weil sie, sagen wir, scharf auf ihn ist. Das und nichts anderes meint Hotte, wenn er scherzhaft vergewohltätigen sagt. Oder Hotte?«
Dieser schüttelte den Kopf und grinste.
Linda löste sich aus ihrem Schneidersitz, beugte sich vor und legte den fertigen Joint behutsam auf der Tischkante ab.
»Wenn wir zusammen nach Frankreich fahren wollen, müssen wir uns auf ein Limit einigen, das nicht überschritten werden darf. Ich bin ja für Vieles zu haben, aber Diskriminierung von Frauen, auch verbal, ist für mich eine Überschreitung.«
»Und was ist mit freier Liebe und so?«, fragte Eddi. »Darüber sind wir uns doch einig gewesen.«
»Kapierst du denn gar nichts?«, antwortet Linda. »Freie Liebe, nichts anderes. Da steckt das Wort frei, also Freiheit drin und Liebe. Mich in Freiheit für Liebe und Sex entscheiden. Das und nichts anderes!«
»Hatte ich aber schon …!«
»Jetzt lass mal gut sein!« Hotte war aufgestanden und fasste Eddi energisch am Arm. »Linda hat schon Recht. Bei aller Freiheit, die wir uns wünschen, dürfen wir uns nicht gegenseitig verletzen.« Aber, sagte Hotte und ließ sich wieder in die Polster sinken, er müsse noch einmal auf Das Wiegenlied vom Totschlag zu sprechen kommen, der für ihn – genau wie für mich der Film beim Jagdbombergeschwader – ein Schock gewesen sei. Aber es gäbe einen Unterschied! Im Wiegenlied sei das Entsetzen des Zuschauers gewollt, sei Absicht und Ziel der Produktion. Und wenn er das richtig verstanden habe, sei es bei dem Film Im Einsatz um die Darstellung von Waffentechnik gegangen, bei der Zerstörung und Leid in Kauf genommen würden.
»Mehr noch!«, sagte Linda leise, »um Waffentechnik, deren einziger Zweck das Töten ist.« So sanft Linda diese Worte ausgesprochen hatte, so nachdrücklich, so unüberhörbar drangen sie in den Raum. Ich hatte meine Kreiden beiseite gelegt und ein halbfertiges Etwas auf der Staffelei hinterlassen. Ich stand im Türrahmen meinen Freunden zugewandt.
Wir rauchten den Joint. Jeder nahm seine Stimmung mit in den milden Rausch. Er übernahm uns behutsam und verlief glimpflich. Wir dösten vor uns hin und hingen unseren Gedankenbildern nach. Ich sah, dass Eddi und Linda sich schweigend gegenüber saßen. Sie hatten ihre Oberkörper entblößt und blickten einander in die Augen. Für eine Weile weidete ich meine Blicke an Linda und ihren niedlichen Brüsten.
Wir nannten es sexuelle Freiheit, mit der wir uns aus dem Sumpf anerzogener Prüderie und kleinbürgerlicher Muster zu lösen versuchten. Manchmal spielten wir Pfänderspiele, die uns als Vehikel zur Überwindung unserer verkorksten Scham dienten. Die Einnahme von Marihuana oder einer Flasche Wein half, die übrigen Verklemmungen zu lösen. Auf diese Weise unserer sexuellen Schranken einigermaßen entledigt, hatten wir uns ein Spiel ausgedacht, dass wir Fühlspiel nannten. Genau genommen war es von Eddi erdacht und von den übrigen als brauchbar abgesegnet worden. Es schloss sich meistens an ein Pfänderspiel an und wurde bevorzugt im Halbdunkel ausgetragen. Wir versuchten ein möglichst wirres Menschenknäuel zu bilden, bei dem alle Beteiligten einander zärtlich berührten. Obwohl es nie ausgesprochen wurde, kam es dabei nie zu Penetrationen, gleich welcher Art. Es ging ums Fühlen, streicheln und gestreichelt werden. Dass die jungen Männer dabei eher die Körper der beteiligten Frauen suchten als die ihrer Kumpels, stand außer Frage, verstieß aber im Prinzip gegen die vereinbarten Spielregeln, die besagten, dass jeder mit jedem gleichermaßen und unabhängig vom Geschlecht umging.
Eddi, der im Krankenhaus als Pfleger arbeitete, hatte eines Abends seine Stationsschwester Sieglinde im Schlepp. Sieglinde war ein paar Jahre älter als wir, Mitte zwanzig, wirkte sehr gepflegt und im Vergleich zu uns, die wir unseren gesellschaftlichen Protest, unseren Unmut durch abgewetzte, bunte Kleidung und immer länger werdendes Haar nach außen trugen, ein wenig bieder. Sieglinde verfügte über füllige und vollkommen runde Körperproportionen, ein Versprechen auf Zartheit und Weichheit! Kaum dass wir beisammen saßen, brachte Eddi das Gespräch auf das Fühlspiel. Sieglinde musste lauthals lachen, als sie erfuhr, um was es dabei ging. Aber ihre Augen und Lippen, die gleichermaßen feucht glänzten, verrieten ihre Neugier und Erregung. Sieglinde willigte umstandslos ein mitzuspielen.
Diesmal geriet das Fühlspiel völlig aus den Fugen, und Sieglinde hatte sich kaum zu retten gewusst, genoss es aber spürbar, sich kaum retten zu können. Denn alle wollten die Neue begreifen. Auch Linda war begeistert, denn sie könne sich, seit Sieglinde dabei sei, endlich entspannen.
Von da an tauchte Sieglinde in zuverlässigen Abständen in meiner Mansarde auf. Sie nannte uns Kommune endlos. Im Gegensatz zur berühmt gewordenen Berliner Kommune eins, über die sie wusste, dass ihre Existenz nach kaum drei Jahren schon wieder beendet war.
Schnell zeigte sich, dass Sieglinde sich nicht für die Inhalte unserer Gespräche interessierte, die wir hochschweifend Theorien nannten. Gelegentlich zog sie dezent an einem Joint, der die Runde machte. Doch gehörten Haschisch und Marihuana nicht zu ihrer Welt. Manchmal hatte sie, um auch einen praktischen Beitrag zu unseren Treffen zu leisten, eine Flasche französischen Rotwein dabei, die mit Begeisterung entkorkt und geleert wurde. Es verging kein Abend mit Sieglinde ohne Fühlspiel. Niemand hatte es ausgesprochen, aber jeder wusste, Sieglinde kam nur deswegen. Bis sie im Safari, der einzigen, aber legendären Cochemer Diskothek, einen Amerikaner kennen lernte, einen Schwarzen, der bei der US-Armee Dienst tat und auf dem Fliegerhorst Büchel stationiert war. Sie nannte ihn Richie, und sie habe sich, wie sie sich ausdrückte, unheimlich schwer in ihn verknallt. Dem Eddi vertraute sie an, dass unser Fühlspiel allenfalls ein nettes Geplänkel zu dem gewesen sei, was sie mit Richie erlebe. Das solle Eddi aber für sich behalten. Er wirkte ziemlich geknickt, als er es mir verriet.
Lindas Joint war verraucht. Kraftlos und schwächer werdend verglomm er auch in unseren Köpfen. Es war Linda, die uns plötzlich aus unserer Lethargie riss. Sie stand auf, wandte sich vom verdutzt dreinblickenden Eddi ab und verfügte: »So, jetzt lasst uns mal konstruktiv …« Sie durchschritt das Zimmer, legte den Kopf unter den Wasserhahn, trank Wasser, wusch und trocknete ihr Gesicht.
Konstruktiv sei gut, sagte Eddi, folgte ihr rasch und versuchte sie zu befummeln. Sie schlug abwehrend mit dem Handtuch nach ihm, schnappte sich ihr indisches Shirt, zog es über und sagte: »Schluss jetzt! Es geht um Frankreich!«
»Worum geht’s?«, fragte Eddi und kicherte verdattert.
»Um unsere Fahrt! Schon vergessen?«
Von Hotte war zu hören: »Ich fahr total ab!«, während er eine schwingende Gitarrensaite bis ins Endlose quälte. Worauf Linda sagte: »Seht ihr, Hotte ist schon unterwegs!«
»Alles easy!«, antwortete Eddi.
»Wisst ihr eigentlich, wie groß Frankreich ist?«, fragte Linda. Ich erzählte, dass ich schon einmal dort gewesen sei, im Elsass: Wissembourg, Strasbourg und mit dem Fahrrad runter bis Colmar. Von dort einen ziemlich anstrengenden Abstecher auf den Col de Bussang zur Moselquelle.
Also, da wolle sie ja nun wirklich nicht hin, empörte sich Linda. Mit Frankreich und Urlaub würde sie das Meer verbinden. Baden im Meer und nichts als das Meer! Das verstehe sie unter Erholung. Eddi behauptete, dass Erholung etwas für Rentner sei, nicht aber für ihn, der er danach trachte, jede Sekunde seines Lebens auszukosten. Deshalb wolle er die Zeit in einer Landkommune bei Tours verbringen. Schließlich habe er bereits Kontakt dorthin aufgenommen und in einem Briefwechsel mit einem gewissen Gégé unser Kommen angekündigt. Die Adresse habe er in einem Branchenbuch für alternative Projekte gefunden. Maillé heiße der Ort, in dessen Umgebung die Kommune einen Hof bewohne. Er liege vielleicht dreißig Kilometer südlich der Stadt Tours.
Jetzt protestierte ich: »Moment mal! Wir haben vereinbart, auf dem Weg in die Bretagne einen Umweg über Tours zu machen, um ein oder zwei Tage dort zu bleiben. Einen ziemlich großen Umweg übrigens, wie du weißt. Es war nie die Rede davon, drei Wochen dort zu verbringen.«
»Locker bleiben«, sagte Hotte, hob die Hand und formte die Finger zu einem Peace-Zeichen.
Ich blieb hartnäckig. Der wichtigste Grund für mich, eine so weite Reise anzutreten, war das bretonische Städtchen Pont-Aven. Hier hatte der Maler Paul Gauguin mehrere Jahre gelebt und gearbeitet. Ich wagte zu hoffen, ihm und seiner Kunst in Pont-Aven nachspüren und näher kommen zu können.
»Wem willst du da begegnen?«, fragte Eddi.
»Zum hundertsten Mal! Gauguin, du Blödmann!«
»Der ist längst tot«, sagte Linda trotzig, »und ich will ans Meer!«
»Linda! Die Bretagne ist umgeben vom Meer!«
Himmel noch Mal! Was waren wir doch manchmal für Kindsköpfe, glaubten aber die ganze Welt in die Tasche stecken zu können.
Ich zog einen Bildband aus dem Regal, das Buch, in das ich mich fast täglich vertieft hatte, seit ich es besaß. Ich rückte zu Linda auf das Sofa und begann in dem Buch zu blättern.
