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Sommerfrische und Herzklopfen an der Schlei – ein sonniger Feelgood-Liebesroman! Als ihr Mann sich nach über zwanzig Jahren Ehe als Künstler in Venedig selbst verwirklichen will – zusammen mit einer blutjungen Frau natürlich – platzt der chronisch überarbeiteten Liane endgültig der Kragen. Kurzerhand packt sie ihre Koffer und bietet sich ihrer Freundin Nele als Haus-Sitterin an für den alten Hof ihres Großvaters Ole Svenson, der gerade auf Reha ist. An der malerischen Schlei bekommt Liane es nicht nur mit Schafen, Schweinen und einer irischen Wolfshündin zu tun, sondern auch mit einem chaotischen Pfarrer und dessen quirliger Tochter, einem hinterhältigen Bäcker, der auf den Hof spekuliert – und dem charmanten Restaurator Fabian, der ihr nicht nur die Ostsee zeigt, sondern auch ihr Herz höherschlagen lässt … »Ein unbeschwerter Sommerroman für den Strand oder heiße Tage auf Balkonien.« Luzerner RundschauEin lebensbejahender Wohlfühlroman für Fans von Jane Hell und Svenja Lassen.
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über dieses Buch:
Als ihr Mann sich nach über zwanzig Jahren Ehe als Künstler in Venedig selbst verwirklichen will – zusammen mit einer blutjungen Frau natürlich – platzt der chronisch überarbeiteten Liane endgültig der Kragen. Kurzerhand packt sie ihre Koffer und bietet sich ihrer Freundin Nele als Haus-Sitterin an für den alten Hof ihres Großvaters Ole Svenson, der gerade auf Reha ist. An der malerischen Schlei bekommt Liane es nicht nur mit Schafen, Schweinen und einer irischen Wolfshündin zu tun, sondern auch mit einem chaotischen Pfarrer und dessen quirliger Tochter, einem hinterhältigen Bäcker, der auf den Hof spekuliert – und dem charmanten Restaurator Fabian, der ihr nicht nur die Ostsee zeigt, sondern auch ihr Herz höherschlagen lässt …
Über die Autorin:
Clara Weißberg studierte Germanistik und Ethnologie in Bonn und Hamburg und promovierte in Europäischer Ethnologie über die italienische Stadt Siena. Nach vielen Jahren mit ihrer Familie in einem Dorf bei Buxtehude, am Rand des Alten Lands, lebt sie heute in Lübeck. Das passt, denn ihre Romane spielen fast immer am Meer. Sie veröffentlicht auch unter den Namen Valerie Pauling und Anna Warner und tritt mit musikalischen Lesungen auf.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane »Das Leuchten der Zitronenbäume – oder: Toskanafrühling«, »Der Sommerhof am Meer – oder: Meerhimmelblau« und »Drei Freundinnen am Meer – oder: Winterfreundinnen«.
Die Website der Autorin: www.annawarner.de
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eBook-Neuausgabe Mai 2025
Dieses Buch erschien bereits 2017 unter dem Titel »Meerhimmelblau« bei Ullstein.
Copyright © der Originalausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Karol Kinal unter Verwendung von Bildmotiven von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-98952-894-9
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Clara Weißberg
Der Sommerhof am Meer – oder: Meerhimmelblau
Roman
dotbooks.
Motto
Prolog
Kapitel 1 Venedig
Kapitel 2 Sonnenkringel
Kapitel 3 Krokantkrümel
Kapitel 4 Stockrosen
Kapitel 5 Apfelpfannkuchen
Kapitel 6 Verführung
Kapitel 7 Camera da letto
Kapitel 8 Fischbrötchen
Kapitel 9 Hafenkräne
Kapitel 10 Johannisbeermarmelade
Kapitel 11 Strandgut
Kapitel 12 Tanzen
Kapitel 13 Wilde Schafe
Kapitel 14 Sommerregen
Kapitel 15 Opfergaben
Kapitel 16 Fliegende Fackeln
Kapitel 17 Arschbombe
Kapitel 18 Gondeln
Kapitel 19 Autobahn
Kapitel 20 Seenotrettung
Kapitel 21 Leinen los
Epilog Drei Wochen später
Lesetipps
»Denn selbst der Himmel atmet auf
Und bricht über dir das Licht
In leuchtenden Farben
Und es scheint fast so als ob
Etwas in dir wirkt
Das deinen Pulsschlag erhöht
Dich im Herzen trifft
Wie ein Gegengift
Lass es zu und tanz«
(»Frau Himmelblau bittet zum Tanz«
Gisbert zu Knyphausen)
Liane lehnte sich zurück und sah in den Himmel. Unter den Händen spürte sie die glatten, von der Sonne gewärmten Planken, über ihr wolkenloses Blau. Weit oben flog eine Möwe mit stetem Flügelschlag ruhig durch ihr Blickfeld. Der Bootskörper neigte sich leicht zur Seite, am Bug rauschte das Wasser vorbei.
Liane lächelte. Das Segel knatterte und blähte sich, die Ruderpinne knarrte. Eine Libelle schoss dicht an ihr vorbei.
Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss den Fahrtwind. Sonnenflecken tanzten hinter ihren Lidern. Sie vernahm das Flattern eines Segels, als ein anderes Boot dicht vorbeifuhr. Hörte einen Gruß, der getauscht wurde.
Spürte eine Hand, die nach ihrer Schulter griff und sie fest drückte. Sie streckte die Hand aus und berührte den Arm. Öffnete die Augen. Erblickte ein Lächeln, das sich bis in die Augen fortsetzte.
Ein Glücksgefühl breitete sich in Liane aus, sprudelte wie das Wasser am Heck und hinterließ eine ebenso lange Spur. Meer und Himmel und einen geliebten Mann neben sich. Was gab es Schöneres!
Alles hatte mit einem Sturz angefangen. Wie weit weg das war. Und doch lag es erst sieben Wochen zurück. Ja, sieben Wochen zuvor hatte die Welt noch ganz anders ausgesehen ...
»Vielleicht.« Liane beugte sich nach rechts und schob das Buch schwungvoll ins Regal. »Vielleicht, vielleicht, vielleicht.« Sie beugte sich nach links und feuerte den nächsten Band in die Reihe. »Vielleicht.«
Stieg eine Stufe höher auf der Leiter. Vielleicht.
Liane legte den Kopf zurück und kniff die Augen zusammen, um die Signatur besser zu erkennen. Möglicherweise sollte sie doch einmal zum Optiker gehen. Sie brauchte eine Brille. Jeder brauchte mit fast fünfzig eine Brille, eigentlich wusste sie das. Dass das Datum näher rückte, wusste sie auch. Und verdrängte es. Noch konnten ihre Augen die Sehschwäche ausgleichen, zumindest redete sie es sich ein. Gleitsichtbrillen wurden überschätzt, sie hatte keine Lust darauf.
Vielleicht.
Hier unten im Magazin hörte sie keiner. Sie hätte auch Chinesisch lernen können oder Hiphop tanzen, es würde niemanden interessieren. Solange sie ihre Arbeit erledigte. Und das bedeutete in diesem Moment, die alten Bände wegzusortieren, nachdem sie im Sonderlesesaal eingesehen worden waren. Normalerweise erledigte das Franz, aber Franz war heute nicht da, und sie war eingesprungen, bevor die alten Bücher sich allzu lange stapelten.
Liane warf einen Blick auf die Uhr. Sieben Minuten hatte sie noch, bevor ihre Schicht im Lesesaal begann. Jetzt aber schnell. Dort oben gehörte das nächste Buch hin. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. Die Leiter wackelte bedenklich.
Vielleicht.
Vielleicht wäre er in sie verliebt, vielleicht auch nicht, hatte Jochen gesagt und keinen Zweifel daran gelassen, dass ihm Carolin in Venedig willkommen wäre.
Venedig. Wohin Jochen und Liane vor fast 21 Jahren ihre Hochzeitsreise gemacht hatten. Seitdem hatten sie immer vorgehabt, noch einmal hinzufahren, doch dazu war es nie gekommen.
Und jetzt machte Jochen den Plan wahr.
Aber ohne sie.
Himmel, wieso waren die Bestände nicht vernünftig sortiert? H135 hinter H137, H139-2 vor H139-1. Liane beugte sich wieder nach rechts. H138 gab es nicht. Dafür ein weiteres falsch eingestelltes Buch. Sie balancierte die Bücher auf der linken Hand und zog mit der rechten das Buch heraus, um es an der richtigen Stelle wieder einzuschieben.
Wahrscheinlich eine der studentischen Hilfskräfte, die nach der Party nicht ausgeschlafen gewesen war. Sie würde jemanden herschicken müssen, der alles sortierte. Und mit den Hilfskräften reden. Die würden sie ungerührt anschauen. ›Chill mal‹, würden sie ihr wortlos signalisieren. Drei waren es zurzeit. Sie verstanden sich bestens, während Liane öfter dachte, dass sie den Bezug zur Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen langsam verlor.
Noch vier Minuten. Allmählich wurde es knapp.
Venedig. Ein Sabbatical. Und die junge Referendarin käme zu Besuch. »Mit uns hat das nichts zu tun«, hatte Jochen behauptet. Wer wollte das glauben? Ein 56-jähriger Oberstudienrat bandelt mit einer 30-Jährigen an, lässt seine Ehefrau zurück und macht anschließend weiter, als ob nichts wäre? Arrivederci, ich brauch mal eine Auszeit? Irgendetwas hatte sie offenbar nicht begriffen.
Liane fing den Band, der ihr entgegenkippte, gerade noch auf. Die dicken Rücken ragten hervor wie Kraut und Rüben. Liane versetzte ihnen einen Stoß mit der Handkante, damit sie bündig standen. Er fiel unerwartet kräftig aus.
»Du bist zu verbissen, Liane«, hatte Jochen mit seiner wohlklingenden Baritonstimme gesagt. »Sieh mal«, dabei hatte er sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger gewickelt und sie angeschaut. »Ich brauche Luft. Verstehst du? Der Schulalltag, das immer Gleiche, die Schüler, die keine Ahnung haben vom Guten, Wahren und Schönen, das laugt mich aus. Äpfel in drei Farben auf DIN A3, jedes Schuljahr; und dann ist der Tuschkasten leer, ›Herr Fröhlich, ich hab die Farbe vergessen‹; Max sticht Moritz mit dem Pinsel ab, beide brüllen, bis ich sie an die Luft setze, und am Ende nur Kritzelei auf dem Papier. Talentlos, uninspiriert. Das hält kein großer Geist aus.«
Sonst amüsierte es Liane, wenn Jochen vom Schulalltag erzählte und die Schüler nachahmte, wenn er Anekdoten aus dem Lehrerzimmer zum Besten gab. Normalerweise lachten sie gemeinsam.
Diesmal konnte sie nicht lachen.
Sie verspürte immer eine leichte Anspannung, wenn Jochen eine neue Referendarin erwähnte, womöglich wohlwollend, konnte aber damit leben. Es war offensichtlich, dass die Anwärterinnen sich nur zu gern in die Obhut des älteren Kollegen begaben. Jochen war eine imposante Erscheinung, fast jede Frau fühlte sich geschmeichelt, wenn er sich ihr zuwandte. Und Ratschläge brauchte man immer, Tipps für den Umgang mit dem Direktor und den Eltern, von denen viele in ihren Kindern den neuen Picasso sahen und, wenn sie schlechte Noten bekamen, mit gerichtlicher Klage drohten. Es wunderte Liane also nicht.
Von den meisten dieser Kolleginnen hörte sie nach einer Weile auch nichts mehr, sie verliefen sich quasi im Schulalltag. Nur einmal, da war dies ein schlechtes Zeichen gewesen, da gestand Jochen ihr erst ein Jahr später, dass er mit der »Indianerin« eine Affäre gehabt hätte. Indianerin, so hatte er die Referendarin wegen ihrer Perlenarmbänder und ihrer schwarzen Haare genannt. Aber dieser Seitensprung hatte nicht lange gedauert, wie Jochen immer wieder versicherte. Mit viel Mühe gelang es ihm, Liane, die ziemlich verletzt gewesen war, zu besänftigen.
Damit war die Sache für Liane anschließend erledigt, denn Misstrauen war etwas, was sie ablehnte, weil es ihr zerstörerisch erschien, erst recht in einer Ehe. Und Jochen hatte ihr keinen Anlass mehr gegeben, eifersüchtig zu sein.
Gut, er flirtete immer. Das wusste Liane und nahm es hin. Sonst hätte sie sich von Jochen trennen müssen. Flirten gehörte einfach zu ihm wie sein gestikulierendes Reden, seine große Gestalt. Solange es bei einem Flirt blieb, sah Liane keine Probleme in seinem Umgang mit anderen Frauen. Zumal er ihr immer wieder zeigte, dass sie diejenige war, die er liebte: Sie war seine Frau.
So war das bisher gewesen.
Jetzt sah die Sache anders aus. Und Liane spürte, wie sich verdrängte Gefühle, Zorn und Ohnmacht, in ihrem Bauch zusammenballten.
Zuerst hatte Jochen sie mit Venedig überrascht. Dass er ein Sabbatical plante, hatte sie gewusst, ja, irgendwann in seinem Lehrerdasein wollte er eine Auszeit nehmen. Aber nun war es konkret geworden, und zwar schneller als erwartet.
»Ich kann das Sabbatical antreten, Liane, und zwar sofort im nächsten Halbjahr. Die Schulleitung hat den Antrag bewilligt, was dahintersteht, ist kompliziert, normalerweise dauert so was länger. Ich habe natürlich zugestimmt«, hatte er hinzugesetzt.
Jochen hatte sofort angefangen, Stadtpläne zu studieren, und Liane versuchte sich an den Gedanken von Jochens Abwesenheit zu gewöhnen.
Wen er erst später erwähnt hatte, nämlich am Abend zuvor, eher beiläufig, war Carolin gewesen. »Sie hat Verwandte in Treviso und kommt mal vorbei.« Und dann hatte Liane es erfahren. Dass Carolin eine neue Referendarin war. Und Performance-Künstlerin. Dass er Carolin schon zwei Mal auf einen Kaffee getroffen hatte. Dass sie seit Februar an der Schule war. Dass Jochen sie attraktiv fand.
Ob er in sie verliebt war? Jochen hatte eine vage Handbewegung gemacht. Vielleicht.
H135. Irgendwo hier musste es doch sein!
Liane starrte auf die Buchrücken, die vor ihren Augen flimmerten. Sie fühlte sich auf einmal grässlich müde. Für einen Moment lehnte sie die Stirn gegen das Regal. Metallene Kühle.
Sie gab sich einen Ruck und machte weiter. H134-3. Das Ordnungssystem hatte sie im Griff. Alles hatte sie im Griff.
Mit einem Ruck zog Liane den nächsten Band heraus und lehnte sich mit gerunzelter Stirn zurück, um die Signatur scharfzustellen.
Die Leiter begann zu wackeln, der Bücherstapel auf ihrer Hand kippte. Wie in Zeitlupe neigte er sich nach vorne, bevor er endgültig stürzte und krachend auf den Boden fiel.
»Liane? Liane!« Aus weiter Ferne hörte sie eine Stimme. Liane dachte, dass sie in ihrem Bett aufwachte. Sie versuchte sich zu rühren. Ihr Ellbogen schmerzte. Und ihr Kopf.
Dann schlug sie die Augen auf. Schemenhaft erkannte sie das besorgte Gesicht von Nele, einer jungen Kollegin. Dahinter Bücherregale. Das war nicht ihr Bett, sie war in der Bibliothek.
»Geht’s wieder? Na komm, ich helf dir hoch.« Fürsorglich nahm Nele sie am Arm. Liane stöhnte auf. »Tut das weh? Du musst dir den Arm verrenkt haben.« Neles grüne Augen, ganz aufmerksam.
»Was ist eigentlich passiert?« Liane erinnerte sich nicht.
»Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Als ich herkam, lagst du ohnmächtig auf dem Boden. Zwischen denen hier.« Nele wies auf die Bücher, die kreuz und quer auf dem Boden verstreut waren. »Glück hast du gehabt, würde ich sagen. So was geht nicht immer gut aus.«
Nele hatte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht, diese aber abgebrochen, um Bibliotheks- und Informationsmanagement zu studieren. Nebenbei hatte sie in einer Bar gejobbt und dabei ihre Liebe zur Musik entdeckt, insbesondere zum Jazzpop. Wie man das alles unter einen Hut bekommen konnte, war Liane schleierhaft. Irgendwie war die junge Generation flexibler und immer wieder bereit, sich auf Neues einzustellen, um das Beste für sich herauszuholen. Dafür arbeitete sie hart. Bücher würde sie mögen, hatte Nele erklärt. Und sie brauche einfach eine geregelte Tätigkeit, damit sie genug Geld verdiente und eine Sicherheit hätte, falls es mit der Musik nicht klappte. Nele nahm nämlich Gesangsunterricht und spielte Cello und Klavier. »Ich habe mich an der Musikhochschule beworben«, hatte sie Liane verraten. »Und wenn ich angenommen werde, gebe ich das hier auf.«
Liane hatte ihr Glück gewünscht. Für sich hatte sie behalten, was sie gleichzeitig dachte: Dass sich Träume mit dem Älterwerden verloren. Dass man froh sein konnte, eine Anstellung zu haben, die man sich ausgesucht hatte und mit der man seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Und dann noch so zukunftssicher wie im öffentlichen Dienst. Dass man sich irgendwann begnügte mit dem, was war.
Mühsam rappelte Liane sich auf. Mit 48 war man nicht mehr ganz so beweglich, auch wenn Jochen ihr immer wieder versicherte, wie gut sie sich gehalten hätte für ihr Alter. Manchmal fuhr er durch ihre Haare, sie waren bislang kaum von grauen Strähnen durchsetzt, und sagte, dass er ihre Haare malen würde, wenn er mehr Zeit hätte, und versuchen würde, deren Farbe zu treffen. »Mittleres Braun mit einem Stich Kastanie ...« Viele berühmte Maler hätten sich ja oft lebenslang an einem Motiv abgearbeitet, ob sie das wüsste. Zumindest in verschiedenen Schaffensphasen seien sie wie besessen gewesen von einem Motiv oder ihrer Muse. Und ihre Figur, die könnte es mit den Statuen Auguste Rodins aufnehmen. Dabei strich er zärtlich über ihre Hüfte.
Als sie wieder aufrecht stand, sah Liane das ganze Ausmaß der Bescherung. Mehrere Bücher lagen aufgeklappt da, einige mit geknickten Seiten, eines mit beschädigtem Rücken. Liane bückte sich, um sie aufzuheben. Ein Schmerz im Nacken ließ sie innehalten.
Nele legte ihr die Hand auf die Schulter. »Komm, setz dich einen Moment. Und dann bringe ich dich nach oben. Das hier mache ich. Ich frage Lennart, ob er mir hilft.« Sie grinste.
Auch Liane musste lächeln. Lennart, die studentische Hilfskraft, gab sich zwar intellektuell und abgeklärt und trug eine riesige Hornbrille, aber wenn Nele ihn ansprach, wurde er regelmäßig rot wie Klatschmohn. Mit Nele im Keller. Das könnte auch ihn an den Rand einer Ohnmacht bringen.
Während Liane sich auf einen Tritthocker setzte, verschwand Nele und kam kurz darauf mit einer kleinen Flasche Wasser wieder.
»Hier.«
Liane merkte erst jetzt, wie ausgetrocknet sie war. Die klimatisierte Luft musste ihr zugesetzt haben, im Magazin war es immer stickig. Sie setzte die Flasche erneut an.
Nele lehnte am Regal. »Ich hole dir gern mehr. Liane, Hand aufs Herz: Was ist eigentlich mit dir los?«
Liane verzog die Mundwinkel. »Nichts.« Sie mochte Nele, sehr sogar, und sie hatte die wunderbare Fähigkeit, das Befinden ihres Gegenübers intuitiv zu erfassen. Aber Liane wollte sie nicht mit ihren Ehegeschichten belästigen und konnte sich auch nicht wirklich vorstellen, dass Nele, jung, wie sie war, die Situation verstand.
Neles grüner Blick wurde intensiver. »Bist du ... gesund?«
»Mach dir keine Sorgen, soweit ich weiß, schon!«
Nele wandte den Blick nicht ab. »Also ist es Jochen.«
Liane wollte heftig den Kopf schütteln. »Unfug. Au!« Sie rieb sich den Nacken. Der hatte tatsächlich etwas abbekommen.
»Na dann.« Nele betrachtete die Decke. Den Beton, die Leuchtröhren. »Vielleicht musst du mal raus!«
»Raus?«
»Raus. Aus allem hier!« Neles Arm beschrieb einen weiten Bogen. »Dem Magazin, der Bibliothek, der Stadt.«
Jetzt musste Liane doch lächeln. Das war typisch Nele. Warum klein denken, wenn es auch groß ging.
»Gleich aus der ganzen Stadt? Mit dem Magazin magst du recht haben, das habe ich auch nur heute gemacht, aber hier in der Bibliothek bin ich bestens aufgehoben.« Sie schmunzelte. »Es ist mein Traumjob, vergessen? Außerdem: Wo soll ich denn überhaupt hin?«
»Das«, Nele machte eine Atempause, »ist vielleicht genau dein Problem.«
Liane bewegte vorsichtig Nacken und Schultern. »Beschweren die anderen sich eigentlich nicht, wenn du weg bist?«
»Keine Sorge. Ich leiste hier ja Erste Hilfe.« Wieder der professionelle Blick. »Lass mal schauen.« Sie nahm Lianes Kopf zwischen beide Hände und bewegte ihn sanft hin und her. »Geht das? Tut das weh?« Liane schloss die Augen.
»Alles in Ordnung. Eine leichte Zerrung. Du solltest dich etwas schonen. Pass auf deinen Kopf auf. Geh mal zum Arzt, und lass dir Massagen verordnen. Das tut dir in jedem Fall gut. Die ganze Bildschirmarbeit verkrampft den Nacken.« Langsam strich sie über Lianes Nackenwirbelsäule.
»Aber dein Problem sitzt woanders.« Nele nahm die Hand weg. »Das sitzt da.« Sie legte ihren Finger auf Lianes Brustbein und bohrte ihn leicht hinein. »Und es heißt Jochen.«
Liane zuckte zusammen. Dass alle sich über ihre Ehe unterhielten, hatte ihr gerade noch gefehlt. Liane war es unangenehm, wenn private Dinge die Runde machten, und dem Ehepartner gegenüber, fand sie, war man gefälligst loyal.
»Nele, pass auf: Du hast vielleicht nicht ganz unrecht, aber ich möchte dich jetzt ungern in Details unserer Ehe einweihen ...«
»Du brauchst mir gar nichts zu erzählen. Ich sehe dich doch. Und zwar nicht erst seit heute. Sei mir nicht böse, Liane, es ist nur so ... Ich meine, du bist fast so weiß wie die Bücher hier.«
»Also vergilbt.«
Nele lachte. »Nein, ich meine weiß. Einfach blass. Eigentlich hast du einen so schönen Teint«, wieder musterte sie sie eingehend, »aber davon sieht man zurzeit nicht mehr viel.«
»Die letzten Wochen hat es fast nur geregnet«, wandte Liane ein.
»Aber es ist Sommer! Wann warst du das letzte Mal draußen?«
»Jochen und ich gehen schwimmen.«
»Jochen und du. Aha. Oder du allein, ohne Jochen?«
Bingo. Liane schwieg.
»Siehst du, das meine ich. Abgesehen davon, dass drei Runden im Freibad zweimal im Sommer auch nicht so viel bringen. Meistens bist du hier. Schiebst Schichten. Übernimmst die Dienste der anderen Kollegen, wenn sie krank werden. Kümmerst dich um Sonderaufgaben. Denk nicht, dass ich das nicht bemerke!« Nele richtete sich auf. »Du bist die Beste, das ist zweifelsohne so. Alle lieben dich für deine Großzügigkeit, die Chefin schätzt dich für deine Gründlichkeit. Du kannst alles, und du weißt alles.« Nele schürzte die Lippen. »Und kollegial bist du auch noch.« Sie beugte sich vor. »Aber hast du schon mal an dich selbst gedacht, du Superfrau?«
»Ich denke immer an mich«, murmelte Liane, aber es war nur ein schwacher Versuch, abzuwehren, was Nele sagte, sie merkte selbst, wie wenig überzeugend es klang.
»An dich? Oder eher an die anderen?«
Liane blies die Backen auf. So ging das nicht. Irgendwas musste sie Nele entgegensetzen. Sie war ihre Kollegin, sie war jung und sie war klug. Aber das ging eindeutig zu weit.
Das Smaragdlächeln nahm ihr den Wind aus den Segeln. Liane spürte wieder die Hand auf ihrer Schulter. »Bleib sitzen«, sagte Nele. »Es eilt nicht. Du wirst oben nicht gebraucht. Ruh dich eine Weile aus, und dann gehst du nach Hause.«
Sie hob ein paar der heruntergefallenen Bücher auf und legte sie in eine Lücke im Regal. »Wann hast du eigentlich das letzte Mal Urlaub gemacht?«
»Im März«, Liane versuchte es noch einmal mit Überlegenheit. »Jochen und ich waren in Südtirol wandern. Ganz wunderbar. Und im Winter, da waren wir drei Tage in Wien, das hatte ich mir gewünscht.«
»Sollte das nicht für länger sein?«
»Na ja, er musste nach Hause, um eine Exkursion des Kunstkreises vorzubereiten. So was leitet er ja manchmal. Und Oberstufen-Klausuren lagen auch stapelweise auf dem Schreibtisch.«
Nele nickte verständnisvoll. »Und diesen Sommer, was habt ihr da vor?«
Liane schwieg. Sie fühlte, wie sie tatsächlich blass wurde.
Nele fasste sie am Arm. »Liane, was ist los?«
Liane schluckte. Schluckte noch einmal. Der Knoten in ihrem Bauch explodierte gleichsam. Dann kam es heraus.
»Jochen will für ein Sabbatical nach Venedig. Und zwar allein.«
Nachdem der Juni recht kühl ausgefallen war, herrschte Anfang Juli eine schwüle Hitze. Liane hatte ein feuchtes Tuch auf der Stirn und lag zu Hause auf dem Sofa. Die Sonne blendete sie. Liane stöhnte unwillkürlich auf, als sie sich erhob, um die leichten Vorhänge zuzuziehen. Andere waren um diese Zeit längst im Urlaub oder bevölkerten die Schwimmbäder und Badeseen der Umgebung. Saßen in Biergärten. Nur sie selbst, frisch dem Magazin entstiegen, Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, gleichmäßig klimatisiert, leises Rauschen, lag in ihrer Altbauwohnung, stilvoll renoviert, hohe Stuckdecken, und sperrte die Sonne aus, na großartig. Später würde sie sich auf den Balkon setzen oder einen Spaziergang machen. Ein bisschen Bewegung brauchte sie, das spürte sie.
Der Arzt hatte ihr sogar zu einem größeren Schritt geraten. Nachdem sie sich bei der Arbeit für den Rest des Tages abgemeldet hatte, hatte sie tatsächlich ihren Hausarzt aufgesucht.
Der hatte sie bekümmert angesehen. »Frau Fröhlich, wir kennen uns nun schon so lange. Die Zerrung, die vergeht, aber insgesamt ist Ihre Verfassung derzeit nicht die beste, kann das sein?«
Liane hatte gezögert. Die Sache mit Jochen ging ihn nichts an. Die ging niemanden was an. Bei Nele hatte sie nicht aufgepasst, die war zu klug, aber ab jetzt würde sie den Mund halten. »Ich arbeite viel«, erklärte sie. »Meine Kollegin hat auch schon festgestellt, dass ich urlaubsreif bin. Sobald es mir bessergeht, werde ich Urlaub beantragen.« Das nahm Liane sich in diesem Moment fest vor.
Der Arzt füllte das Rezept für eine Salbe aus. »Machen Sie ruhig mal länger Urlaub. Oder sogar eine Kur, drei Wochen lang.« Er blickte auf, ohne den Kugelschreiber vom Papier zu heben. »Sie wirken überarbeitet. Massagen, Spaziergänge, leichter Sport, gesundes Essen. Sie könnten mehr auf den Rippen vertragen«, sagte er. »Schlank ist vorteilhaft, gesundheitlich gesehen. Aber Ihre Konstitution könnte insgesamt besser sein.« Dann schrieb er weiter. »Aber vor allem: Einfach mal raus. Tapetenwechsel.« Er reichte ihr den Zettel. »Überlegen Sie es sich. Ich würde den Antrag aus ärztlicher Sicht unterstützen.«
»Tapetenwechsel?« Liane ahnte nur entfernt, was er meinte. »Eine Kur? Wohin denn?«
»Möglichst weit weg. In die Berge, vielleicht ans Meer. Luftveränderung ist hier das Zauberwort.«
Damit hatte er sie verabschiedet.
Liane machte das Tuch wieder nass und goss sich ein Glas Wasser mit einem Spritzer Zitrone und Eiswürfeln ein. Vom Sofa aus betrachtete sie die Sonnenstrahlen, die, gefiltert durch den Vorhang, durchs Zimmern wanderten.
Eine Kur. Was für ein Quatsch. So angeschlagen war sie nicht, bis auf den Sturz heute fühlte sie sich fit. Aber vielleicht sollte sie wirklich Urlaub machen. Doch wohin? So ohne Jochen? Eine Kreuzfahrt buchen? Liane glaubte nicht, dass es ihr gefiele. Schon die Vorstellung der Enge an Bord schreckte sie ab. Außerdem hatte sie vor kurzem eine Reportage über die Bedingungen gehört, unter denen das Servicepersonal arbeitete, und konnte sich nicht vorstellen, sich wirklich zu entspannen, ohne daran zu denken, was hinter den Kulissen geschah. Sie brauchte niemanden, der ihr das Gefühl von Exklusivität vorgaukelte. Außerdem bewegte sie sich gern, auch wenn das in letzter Zeit zu kurz gekommen war. Eine Städtereise? Aber wie wäre das ohne Jochen und seine Begeisterung für jedes Kunstmuseum, jedes Sternerestaurant? Ja, vielleicht wirklich für ein paar Tage ans Meer. An die Ostsee. Dort war sie seit ihrer Kindheit nicht gewesen.
»Der Norden ist belanglos. Kulturell betrachtet eine Einöde«, erklärte Jochen immer. »Ich meine, wer ist da schon gewesen? Die Germanen und die Wikinger. Im Süden dagegen – schau dir an, was die Römer hinterlassen haben! Im Norden gibt es nichts. Keine bedeutenden Bauwerke, keine Kunst, keine Kultur. Rien.«
An Jochens Seite ging es in den Süden. Florenz, Paris, Rom, Städte mit reicher Kunst und Kultur, und zum Entspannen an den Gardasee. Oder auch Paris, Antwerpen, und jetzt, Liane schluckte, Venedig. Nein, eine Städtereise wäre verkehrt. Allzu gern wäre sie nach Venedig mitgekommen, wenigstens für ein paar Tage, aber Jochen wollte allein sein, frei für die Muse, von Anfang an.
»Das musst du verstehen, Lianchen. Seit fast dreißig Jahren stehe ich im Schuldienst und brauche einfach mal Zeit für mich. Die Muse kommt und geht, wie sie will. Kunst kann man nicht einfach abspulen, routinemäßig abwickeln, so wie ihr die Ausleihen abwickelt, Bücher einsortiert, wegstapelt und bei Bedarf wieder hervorzieht. Kunst will umworben werden, umschmeichelt, sie möchte den richtigen Platz einnehmen, und den muss man ihr anbieten. Es klingt albern, ich weiß, aber: Ich möchte etwas Künstlerisches erschaffen.«
Jochen hatte sie angesehen, mit einer Mischung aus Ernst und Skepsis. »Das verstehst du, oder?«
Seine Leidenschaft für die Schönheit. Liane wusste, dass Jochen einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik hatte, dass er die Kunst brauchte, dass sie Nahrung für seine Seele war. Und Kunst war neben Französisch sein Hauptfach. Ja, natürlich verstand sie ihn. Und sie würde sich seinem Venedig-Aufenthalt nicht entgegenstellen. Sie hatte schließlich ihre Arbeit in der Bibliothek, und die füllte sie auch aus. Liane hatte bei einigen Freundinnen und Bekannten beobachten können, wie diese über kurz oder lang als Hausfrau unglücklich geworden waren. Viele dieser Ehen waren inzwischen zerbrochen. Das war bei Jochen und ihr zum Glück nicht der Fall. Nein, wenn Jochen diese Auszeit brauchte, sollte er die Freiheit haben. Wer war sie denn, ihrem Ehemann vorzuschreiben, was er zu tun hatte? Sollte Jochen sein Sabbatical nehmen und das Beste daraus machen, sie würde es ihm gönnen.
Es war etwas anderes, das ihr Unbehagen bereitete. Und das war Carolin. Er wüsste nicht, ob er verliebt wäre, hatte Jochen gesagt.
Liane betrachtete die Lichtkringel, die die Sonne an den Stuck malte, und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Wasserglas.
Andererseits, und den Gedanken musste man zulassen: Was bedeutete schon verliebt? Wahrscheinlich sah diese Referendarin einfach überdurchschnittlich gut aus, und Jochen war nun mal empfänglich für äußere Reize. Vielleicht würde sie Jochen ja auch gar nicht in Venedig besuchen. Richtig sicher war das, wenn Liane Jochen richtig verstanden hatte, nicht. Sowieso hatte er das später zurückgenommen, beteuert, dass Carolin ganz objektiv betrachtet eben attraktiv wäre, »keine große Kunst, sie ist Halbitalienerin«, mehr nicht. Seine Hände auf Lianes Hüften, ein tiefer Blick. »Lianchen, du musst dir wirklich keine Sorgen machen!«
Nein, von der Referendarin ging letztlich keine Gefahr aus, davon war Liane, wenn sie so nachdachte, überzeugt. Und die »Indianerin« damals? Die war ein Ausrutscher gewesen, da musste man mal locker bleiben. Der stand jedem Fünfzigjährigen zu.
Im Laufe des Tages kam Liane immer mehr zu der Überzeugung, dass sie die Dinge nicht zu dramatisieren brauchte. Fünf Monate müsste sie durchhalten, dann wäre Jochen wieder da. Weihnachten würden sie zusammen feiern und Silvester tanzen gehen. Auch wenn sie tanzen mit Jochen immer anstrengend fand – zu sehr wirbelte er sie herum, zu ausgreifend und schwungvoll, vor allem auf den Effekt bedacht –, jetzt schien es ihr erstrebenswert. Das wäre ja gelacht, ein Sabbatical konnte ihrer Ehe nichts anhaben, und auch eine Halbitalienerin würde sie locker in die Schranken weisen.
Zufrieden kuschelte Liane sich tiefer in die Sofakissen. Ihr Blick fiel auf den Stapel mit den ungelesenen Büchern neben dem Wandregal, das ebenfalls voller Bücher stand. Ohne nachzudenken, richtete sie sich auf, zog einen Krimi heraus und schob ihn an eine andere Stelle. O vor S. Jetzt passte es. Es war eine Berufskrankheit. Etwas Gutes hätte eine Pause: Sie könnte all diese Bücher, die sich im Lauf der letzten Monate angesammelt hatten, endlich lesen. Krimis, historische Romane, Sachbücher.
Liane liebte Bücher, und das war der Grund gewesen, damals den höheren Dienst im Bibliothekswesen einzuschlagen. Auch wenn die Ernüchterung schnell eingesetzt hatte. Zum Lesen kam sie nämlich nur wenig. Bibliothekarin zu sein, das bedeutete eher das Verwalten von Büchern als das Stöbern in gedruckten Seiten. Vor allem in einer so großen Bibliothek wie der Universitäts- und Landesbibliothek. Das genussvolle Lesen musste sie auf ihre Freizeit beschränken. Dazu kamen die Anforderungen modernen Informationsmanagements, das sich in den letzten 15 Jahren stark gewandelt hatte. Von Zettelkästen hin zu datenbankgestützten Katalogsystemen.
Oft las sie am Sonntagmorgen im Bett, wenn Jochen noch schlief. Er war ein Nachtmensch, während sie selbst Frühaufsteherin war. Früher war sie morgens gejoggt oder im Sommer ins Freibad gegangen, um ein paar Bahnen zu schwimmen, aber im Lauf der Jahre war dieser Schwung der Bequemlichkeit gewichen.
Vielleicht war es ihrer mangelnden Gelenkigkeit geschuldet, dass sie von der Leiter gestürzt war? Sie wollte wieder Sport machen, regelmäßig laufen oder schwimmen, das nahm Liane sich fest vor. Sobald ihr Nacken wieder in Ordnung war, würde sie damit anfangen. Und wenn Jochen wiederkam, würde sie ihn überzeugen mitzumachen. Jochen musste doch auch merken, dass sein Lebensstil auf Dauer ungesund war, dachte Liane. Auch wenn man es ihm nicht ansah. Jochen hatte eine Pferdenatur. Der Bauch wölbte sich über der Hose, aber auf welchen Mann ab 40 traf das nicht zu? Und ausgeglichen wurde dies durch sein unerschütterliches Selbstbewusstsein, die Ausstrahlung eines Mannes, der zu genießen wusste und sich seiner Attraktivität bewusst war.
Das Telefon riss Liane aus ihren Gedanken. Es war Nele. »Wie geht es deinem Nacken?«
»Besser. Ich liege auf dem Sofa und lese, das ist ziemlich perfekt.«
»Super. Liane, weshalb ich anrufe: Mein Großvater hatte kürzlich einen Unfall. Oberschenkelhalsbruch. Er wurde operiert und muss jetzt für drei Wochen in eine Rehaklinik.«
»Das tut mir leid, Nele.«
»Ja, das ist echt blöd. Zumal er dachte, dass ich ihn diesen Sommer besuchen würde. Ich fand das selbst eine gute Idee, also ich wollte unbedingt hin, es ist immer so schön dort ...« Nele plauderte drauflos, aber Liane spürte, dass sie etwas zurückhielt.
»Nele, was willst du mir sagen?«
Nele holte hörbar Luft. »Er braucht einen Haussitter, und da dachte ich, dass du ... vielleicht ... weil du ja jetzt frei hast ...«
»Er braucht einen – was?«
»Einen Haussitter. Jemanden, der den Hof hütet, während er in der Klinik ist. Den Garten gießt, mit dem Hund rausgeht, das Übliche eben. Briefkasten leeren und so. Vielleicht mal ein paar Kirschen vom Baum pflückt. Na ja«, Nele zögerte, »und die Kaninchen füttert.«
»Können das nicht die Nachbarn machen?« Liane begriff immer noch nicht, was Nele von ihr wollte.
»Das Ding ist, dass er nicht so viele Nachbarn hat. Das ist auf dem Land, sein Hof liegt etwas abgelegen. Und mit seinem direkten Nachbarn hat er sich zerstritten. Typisch mein Opa. Und der Bekannte, der es eigentlich machen wollte, hat sich ein Bein gebrochen, der kann nicht Fahrrad fahren. Sonst hätte der es getan.«
Bei Liane fiel der Groschen. »Und du stellst dir vor, dass ich das mache.«
»Es sind nur zwei Wochen«, beeilte sich Nele zu sagen.
»Zwei Wochen.« Liane schüttelte den Kopf, was Nele nicht sah, außerdem tat es weh. »Nele, das geht nicht. Ich bin zwar eine Woche krankgeschrieben, aber ich habe keinen Urlaub. Und überhaupt, ein fremdes Haus, das ist merkwürdig. Ich kenne deinen Großvater ja gar nicht. Wo wohnt er überhaupt?«
»Oben in Norddeutschland, in Schleswig-Holstein, in einer ganz zauberhaften Gegend, an der Schlei.«
»An der – wo bitte?«
»Schlei. Das ist ein Ostseearm. Die längste Förde in Schleswig-Holstein. Sie zieht sich von Schleimünde bis Schleswig. Als Kind hab ich dort wunderbare Sommer verbracht. Ich konnte segeln, angeln, alles am Wasser machen, was ich wollte. Mein Opa hat mir absolute Freiheit gelassen. Die Gegend ist wirklich schön, glaub mir, Liane. Zwei Wochen, das ist nicht viel! Die erste Woche übernimmt ein Nachbarskind!« Nele hatte Fahrt aufgenommen.
»Was ist mit dir? Du hast doch auch bald Urlaub.«
»Theoretisch ja. Aber ich habe doch diesen Workshop in New York gebucht! Ich war so froh, dass ich einen Platz bekommen habe. Für das Musikstudium wäre er ein echtes Plus.«
»Was ist mit deinen Eltern?«
»Meine Mutter lebt nicht mehr. Sie ist vor neun Jahren gestorben. Und mein Vater kann überhaupt nicht mit seinem Schwiegervater. Die beiden haben sich ständig in der Wolle. Sie sind sehr gegensätzlich, leider.« Neles Stimme war immer leiser geworden. »Mein Vater ist Anwalt für Medienrecht und komplett mit seiner Kanzlei beschäftigt. Für Opa ist er ein Aktenpuper. Und bevor du weiterfragst: Es gibt auch sonst keine Verwandten, zumindest keine, die in der Nähe sind und dafür in Frage kämen.«
Liane biss sich auf die Lippe. Das mit Neles Mutter hatte sie nicht gewusst.
Nele wurde wieder munter. »Überleg es dir einfach, Liane, ja? Ich fänd’s super, wenn du das machen würdest.«
»Und dein Großvater, wäre der überhaupt einverstanden?«
»Du überlegst also wirklich? Cool! Den krieg ich schon rum, keine Sorge!«
»Wäre das viel Arbeit?«, fragte Liane zögerlich.
»Überhaupt nicht. Bisschen Tiere füttern, Blumen gießen ... ansonsten kannst du chillen! Oder Aktivurlaub machen, dafür ist die Gegend auch gut geeignet. Rad fahren, schwimmen, alles. Schlaf einfach drüber, ja?«
Liane seufzte vernehmlich. »Das werde ich.«
»Also darf ich dich morgen noch mal fragen?«
»Du darfst.«
»Ach, Liane, du bist die Beste!«
»Wahrscheinlich.«
»Werd gesund, stress dich nicht, ich melde mich!«
»Mach’s gut, Nele.«
Liane legte das Telefon auf den Boden. Nele und ihre Ideen. Die ganze Energie einer Mitte Zwanzigjährigen. Was hatte sie erzählt? Wo war das? Schleswig-Holstein.
Der Norden. Und die Ostsee. Das Meer ... Hatte sie nicht gerade gedacht, dass sie dort wieder einmal hinwollte?
Sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte. Jochen pfiff, als er hereinkam. Es war der letzte Schultag, und er hatte die Schüler in die Ferien verabschiedet. »Hallöchen! Liaaane! Bist du da?«
Liane sprang auf. Autsch. Mit einem Schmerzenslaut sank sie zurück.
»Was ist los?«, fragte Jochen überrascht und küsste sie auf die Stirn.
»Kleiner Arbeitsunfall, nicht der Rede wert. Mir sind ein paar Bücher runtergefallen, aber zum Glück nicht auf den Kopf.«
»Du und deine Bücher.« Er zog den Vorhang beiseite und trat auf den Balkon. »Herrliches Wetter, findest du nicht?«
Liane hielt schützend die Hand vor die Augen.
Jochen wandte sich ihr wieder zu. »Was meinst du, wollen wir essen gehen? Zum Italiener an der Ecke, das Schuljahresende feiern? Und meine Abreise? Einen kühlen Weißwein, den könnte ich jetzt gebrauchen.«
Liane fand das keinen Grund zum Feiern, aber das behielt sie für sich. »Ich fürchte, ich kann nicht. Ich habe mir den Nacken ein wenig gezerrt ...«
»Nein?« Jochen wirkte enttäuscht. »Na gut, dann gehe ich allein. Schade. Ich bring dir eine Kleinigkeit mit, ja? Ich bin irgendwie drauf eingestellt, hab ein Riesenloch im Magen.« Er rieb sich den Bauch. Kurz darauf war er weg, fröhlich pfeifend.
Eine Stunde später war Jochen zurück, wickelte Antipasti aus Alufolie und breitete sie vor Liane auf dem Küchentisch aus. Eine Flasche zog er ebenfalls hervor, kühler Weißwein perlte in die Gläser. Jochen hob das Glas. »Auf uns!« Er nahm einen tiefen Schluck, dann steckte er sich genießerisch eine Artischocke in den Mund. »Die von Sergio sind einfach die besten. Das findet Klaus übrigens auch. Ich hab ihn eben getroffen, stell dir vor! Er hat inzwischen alle Italiener im Viertel durchprobiert, und Sergio ist unangefochten die Nummer eins, sagt er. Dahinter kommt das ›Da Vinci‹, eine gute Zwei, sagt er, na ja, vielleicht auch glatt Zwei. Dann das ›Roma‹ und das ›Leone‹, beide Drei ...«
Liane schweifte mit ihren Gedanken ab. Jochen und seine Freunde und ihre Vorliebe für gutes Essen. Ihre Restaurantbesuche zelebrierten sie regelrecht, und jeder endete immer mit einer dicken Verbrüderung mit dem Kellner, Küssen auf beide Wangen, Schulterklopfen und einer Flasche Wein für den Heimweg. Vorher gab es natürlich noch einen Grappa – »eine Grappa, heißt das«, berichtigte Jochen immer – auf Kosten des Hauses. Oder auch zwei. Sergio verdiente gut an Jochen und seinen Freunden. Sie hielten die italienische Kultur hoch: das Essen, das Trinken, und, natürlich, die Kunst. »Alles kommt aus Italien, Lianchen, Leonardo, Raffael, Tizian, einfach alles«, erklärte Jochen gerne. »Italien ist die Wiege der schönen Künste. Und Botticelli.« Die Renaissance begeisterte Jochen besonders. Wenn ein Schatten auf das Restaurant fiel, weil es aus unerfindlichen Gründen plötzlich den Inhaber wechselte oder geschlossen wurde, wechselten sie eben die Lokalität. Giuseppe hätte bestimmt nichts davon gewusst, behaupteten sie noch, als in Giuseppes Küche eine einbetonierte Leiche gefunden wurde und er kurz darauf selbst spurlos verschwand.
Liane kam schon lange nicht mehr mit zu diesen Treffen. Der Weinkeller stand ihr zu sehr im Mittelpunkt. Sie vertrug keinen Wein, jedenfalls nicht in dieser Menge. Sie machte es sich zu Hause gemütlich und las. Ging ins Kino oder traf sich mit einer Freundin. Gelegentlich besuchte sie Konzerte, aber allein machte es ihr nicht so viel Spaß, und Jochen hatte für populäre Musik nichts übrig. In der Regel war sie einigermaßen früh zu Hause, und wenn Jochen gut gelaunt und weinselig wiederkam, lag sie meist schon im Bett und schlief.
Nun gab Jochen also Klaus’ Einschätzung der Restaurants in Schulnoten wieder. Liane nahm eine angebratene Möhre.
» ... Klaus kommt heute Abend übrigens noch.«
Sie musste etwas verpasst haben. »Wie bitte?«
»Klaus kommt nachher«, wiederholte Jochen.
»Wohin?«
»Na, zu uns.«
»Wieso das?« Für Klaus, den ältesten Freund ihres Mannes, hatte Liane am wenigsten übrig. Er pflegte in fast übertriebener Weise den Habitus eines Künstlers, hatte seine Festanstellung an der Schule aber verloren, keiner wusste genau, warum. Er hatte hier eine kleine Ausstellung und dort eine Dozentur an der Volkshochschule. Seine Jacketts wurden von Jahr zu Jahr fadenscheiniger, aber Jochen ließ nichts auf ihn kommen. »Er hat wirklich was auf dem Kasten. Klaus ist genial, das hat nur noch niemand erkannt.« Liane hatte den Verdacht, dass das auch niemand jemals erkennen würde. Was Klaus betraf, war Jochen gleichsam blind.
»Ich hab ihn eingeladen! Wir leeren noch einen Wein. Oder einen guten Prosecco. Zur Begrüßung sozusagen, als Willkommen.«
Liane presste die Finger an die Schläfen. Ihr Kopf. Ganz in Ordnung war er wirklich noch nicht. »... Begrüßung?«
Jochen gab Liane einen Kuss auf den Mund. Er dämpfte die Stimme, als wolle er eine Überraschung verkünden. »Klaus übernimmt meine Zimmer, während ich in Venedig bin. Er wird dein neuer Mitbewohner!«
Liane war aus allen Wolken gefallen. Immerhin hatte sie Klaus’ Besuch für den gestrigen Abend abwenden können. Was um alles in der Welt ihm einfiele, hatte sie Jochen heftig angefahren. Ob er glaubte, dass ein Freund ein Ersatz für ihn als Ehemann wäre. Jochen hatte alle Schuld von sich gewiesen. Von irgendetwas müsste er sein Zimmer in Venedig ja bezahlen und ebenso das Atelier, das er dort gemietet hätte. Er bekäme während des Sabbaticals kein Gehalt, und Liane könne nicht von ihm verlangen, dass er sämtliche Reserven aufbrauchte. Die Miete für ihre Wohnung wäre ja trotzdem fällig. Und um die laufenden Kosten in Venedig zu bezahlen, hätte er Klaus also seine beiden Zimmer angeboten. Klaus könne doch gar keine Miete bezahlen, hatte Liane geschnaubt. Jochen hatte sie enttäuscht angesehen. Natürlich könne er das. Aber seine Mansardenwohnung sei ihm vor kurzem gekündigt worden, es passte also für alle Seiten gleichermaßen.
Für sie nicht, hatte Liane klipp und klar festgestellt. Nein, Klaus würde sie nicht ertragen, und dass Jochen sie beruhigte, sie würde schon mit ihm zurechtkommen und er käme ja erst in einem Monat in die Wohnung, machte es nicht besser.
Schlaflos hatte Liane sich im Bett gewälzt. Das lag zum einen an den Aussichten, die ihr bevorstanden, zum anderen an ihrem steifen Nacken und schließlich an Jochen, der vernehmlich schnarchte. Sie hörte ihn durch die Wand. Schon vor Jahren hatten sie deswegen getrennte Schlafzimmer bezogen. An Jochens Zimmer schloss sich zusätzlich ein Arbeitszimmer an. Außerdem gab es das Wohnzimmer und die Küche, eine Abstellkammer, Flur und Bad. Es war eine wunderschöne, großzügige Altbauwohnung, um die die meisten ihrer Bekannten sie beneideten.
Bald würde sie durch die Wand Klaus hören. Keine besonders schlaffördernde Aussicht.
Drei Tage blieb Liane zu Hause. Die Hitze lag wie eine Glocke über der Stadt, die Luft in der Wohnung wurde immer stickiger. Auf ihre Bücher konnte sie sich nicht konzentrieren, und auch sonst war sie nicht bei sich, während Jochen seine Sachen packte und sich mit Malutensilien eindeckte. Ihm schien ihre gedrückte Stimmung nichts auszumachen, er verbarg seine Vorfreude nicht.
Immerhin versorgte er sie mit kalten Getränken, und gegen Abend gingen sie zusammen in die Eisdiele. »Och, nun lach doch mal, Lianchen.« Jochen hatte wie immer Schokolade, Torrone und Nuss gewählt, die dunklen Sorten, und biss in die Waffel, dass es krachte.
Liane sah ihn an, und auf einmal wünschte sie sehnsüchtig, dass er bliebe. Dass es so weiterginge wie immer, sie ging zur Arbeit in die Bibliothek und er zum Unterrichten in die Schule, später trafen sie sich in der Wohnung, und er ging ins Restaurant und sie ins Kino. Sie wollte ihr Leben weiterleben wie bisher. Mit Jochens Fröhlichkeit, seiner unerschütterlich guten Laune und ihren Büchern.
»Und wenn du hierbleibst?«, brach es aus ihr heraus.
»Ich würde gerne.« Ein Häufchen Nusseis verschwand in Jochens Mund. »Aber ich bin Ende fünfzig, so unglaublich es scheint, und viel Zeit bleibt mir nicht. Irgendwann steht die Pensionierung an. Ich fühle mich gerade eben noch nicht zu alt, um den Aufbruch zu wagen. – Wir sehen uns ja wieder, Liane. Fünf Monate vergehen schnell!« Unbekümmert biss er ein Stück von der Waffel ab. Ein paar Krokantkrümel fielen zu Boden.
Liane sah auf ihre eigene Eistüte. Himbeer, Melone und weiße Schokolade. Kaum angerührt.
Sie fing einen Tropfen auf. »Ich weiß.«
Und dann war Jochen weg. Er hatte sein Cabrio beladen und war losgefahren, Richtung Süden, ein Lied auf den Lippen. Er freute sich auf Bella Italia, als wäre es eine Geliebte. In den Tagen davor hatte er unermüdlich italienische Redewendungen eingeübt und mit Kopfhörern seine Sprachkenntnisse aufgefrischt. In der Küche lief »Azzurro« in Dauerschleife, und Jochen erklärte Adriano Celentano als angemessen für sein Vorhaben. »Eigentlich ertrage ich diesen Italo-Kitsch nicht. Aber jetzt passt es. Und in Venedig geht’s ab in die Oper. La Fenice!«
Als Liane ihn um die Ecke biegen sah, die Koffer bis zur Decke des Wagens gestapelt, waren ihr erst die Tränen gekommen, dann hatte sie sich gefühlt wie ein glänzender großer Jahrmarktsballon, aus dem durch ein nadelfeines Loch zischend das Gas entwich.
Schlaff. Nutzlos. Leer.
Aber Trübsinn lag ihr nicht. Nach einer Weile hatte sie die Schultern gestrafft und sich die Tränen aus den Augen gewischt. Nein, sie würde sich nicht hängenlassen. Der Sommer lag vor ihr, und morgen ginge sie wieder zur Arbeit, die Zerrung im Nacken spürte sie kaum noch. Außerdem würde sie Urlaub einreichen.
Selbst wenn Jochen momentan eher abwehrend reagierte, vielleicht war er mit einem Besuch einverstanden, wenn er sich erst einmal eingelebt hätte. Sie dachte an ein paar Tage im August. Dann könnten sie zusammen durch Venedig spazieren, am Wasser entlang, sich die alten Paläste anschauen und den unvergleichlichen Charme dieser Stadt genießen. Ja, Liane nahm es sich fest vor: So sollte es sein. Sie würde mit Jochen in die Oper gehen, Ausstellungen besuchen, die Uferpromenaden entlangschlendern. Jochen würde sie davon zunächst nichts erzählen. Zumal er sich allzu häufigen Kontakt verbeten hatte. »Ein bisschen Freiheit, Lianchen, die brauche ich jetzt. Ruf mich nicht ständig an, ja?«
Vorher würde sie sich einen Italienischkurs besorgen, um mit den Kellnern in den Restaurants fachsimpeln zu können, Jochen würde staunen. Neue Kleidung. Die wäre auch dran. Kleider, Röcke, richtig schick, wie in Italien üblich. Im August war auch ihr 21. Hochzeitstag. Wenn das nicht passte! Sie würde Jochen überraschen. Sie würden den Tag zusammen verbringen. Wenn ihn das nicht freute und genau die Spontaneität und Lebensfreude wäre, deren Mangel er ihr immer vorwarf!
Lianes Plan war gefasst.
»Urlaub.«
Ihre Chefin zeigte ihr Pferdegebiss. Liane war verwundert. Wollte sie den Antrag nicht bewilligen? Kurz nachdem sie ihren Urlaubsantrag gestellt hatte, hatte Frau Doktor Pahlmann sie zu sich ins Büro gerufen. Jetzt sah sie auf die Zimmerpalme zu ihrer Rechten und rieb energisch über ein Blatt, um ein Krümchen Staub zu entfernen. »Mit ein paar Tagen Urlaub ist es nicht getan, Frau Fröhlich.« Pahlmann klopfte auf ihren Schreibtisch, auf dem ein Ausdruck mit einer Tabelle lag. »Sie haben jeden Monat Überstunden geleistet. Urlaub haben Sie bisher überhaupt nicht genommen. Jetzt haben wir Anfang Juli. Ein paar Tage Urlaub genügen nicht, um Ihr Zeitkonto auszugleichen. Und so, wie ich Sie kenne, ändert sich das mit den Überstunden auch nicht.«
Liane wurde hellhörig. Was waren das für Töne? Sie arbeitete doch immer sorgfältig und zufriedenstellend, ihr unterliefen eigentlich nie Fehler, und das wusste Frau Doktor Pahlmann.
